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ARBEITSRECHT AKTUELL // 10/115

Aus­kunfts­an­spruch für ab­ge­lehn­te Stel­len­be­wer­ber?

Bun­des­ar­beits­ge­richt legt Fra­ge zum Nach­weis ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof vor: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 20.05.2010, 8 AZR 287/08 (A)
Bewerbungsmappe mit darauf liegender Fahrkarte Aus­kunfts­an­spruch ab­ge­lehn­ter Stel­len­be­wer­ber ge­gen­über (Wunsch-)Ar­beit­ge­ber?
16.06.2010. In­ter­es­sant, aber an­ge­sichts der ei­gent­lich recht kla­ren Rechts­la­ge et­was ir­ri­tie­rend ist ein Be­schluss des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 20.05.2010, mit dem das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof (EUGH) die Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­legt, ob ein Stel­len­be­wer­ber, der sich dis­kri­mi­niert fühlt, aber kei­ne ob­jek­ti­ven An­halts­punk­te für sei­nen Ver­dacht hat, vom Ar­beit­ge­ber Aus­kunft über die bei der Be­wer­be­r­aus­wahl an­ge­wand­ten Aus­wahl­kri­te­ri­en ver­lan­gen kann: BAG, Be­schluss vom 20.05.2010, 8 AZR 287/08 (A).

Dis­kri­mi­nie­rung und In­di­ztat­sa­chen

Das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) dient dem Schutz vor un­ge­recht­fer­tig­ten Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen be­stimm­ter Merk­ma­le. Ver­bo­ten sind die Be­nach­tei­li­gung aus Gründen der Ras­se oder der eth­ni­schen Her­kunft, des Ge­schlechts, der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Iden­tität (§§ 7 Abs.1, 1 AGG).

Der Nach­weis ei­ner sol­chen Dis­kri­mi­nie­rung würde dem Be­trof­fe­nen nor­ma­ler­wei­se sehr schwer fal­len, da er bei­spiels­wei­se bei ei­ner Be­wer­bung na­tur­gemäß kei­nen Ein­blick in die Ent­schei­dungs­pro­zes­se be­kommt. Ab­wei­chend von dem all­ge­mei­nen Grund­satz, dass je­de Par­tei die für sie vor­teil­haf­ten Tat­sa­chen be­wei­sen muss, sieht das AGG da­her in § 22 vor, dass es aus­reicht, wenn der Be­nach­tei­lig­te In­di­zi­en be­wei­sen kann, die ei­nen Ver­s­toß ge­gen das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot ver­mu­ten las­sen. Der Pro­zess­geg­ner trägt dann das Ri­si­ko, die­se Ver­mu­tung nicht wi­der­le­gen zu können.

Ein klas­si­sches Bei­spiel für ein taug­li­ches In­diz ist die nicht ge­schlechts- oder al­ter­s­neu­tral for­mu­lier­te Stel­len­aus­schrei­bung. Auch Rand­be­mer­kun­gen in Be­wer­bungs­un­ter­la­gen können ein An­zei­chen be­inhal­ten, wie bei­spiels­wei­se der kürz­lich ent­schie­de­ne "Mi­nus-Os­si"-Fall zeigt (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/093 Mi­nus-Os­si-Fall: Dis­kri­mi­nie­rung als "Os­si"?).

Sind die Kri­te­ri­en für die Stel­len­ver­ga­be dem Stel­len­be­wer­ber nicht be­kannt, stellt sich die Fra­ge, ob er ei­nen Aus­kunfts­an­spruch ge­gen den aus­schrei­ben­den Ar­beit­ge­ber hat, d.h. In­for­ma­tio­nen über des­sen Maßstäbe und Ent­schei­dung ver­lan­gen kann. Das deut­sche Recht enthält hierfür kei­ne An­halts­punk­te, aber im eu­ropäischen Recht gibt es ge­wis­se Re­ge­lun­gen, die ei­nen sol­chen An­spruch möglich er­schei­nen las­sen. Über­wie­gend wird er je­doch ab­ge­lehnt.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat­te kürz­lich die Ge­le­gen­heit, sich näher mit dem Pro­blem­kreis aus­ein­an­der­zu­set­zen (Be­schluss vom 20.05.2010, 8 AZR 287/08 (A)).

Der Fall des Bun­des­ar­beits­ge­richts: Fünf­zigjähri­ge in Russ­land ge­bo­re­ne Soft­warent­wick­le­rin be­wirbt sich er­folg­los und ver­mu­tet Dis­kri­mi­nie­rung

Ei­ne knapp fünf­zig Jah­re al­te, in Russ­land ge­bo­re­ne Soft­ware­ent­wick­le­rin be­warb sich auf die (AGG-kon­form for­mu­lier­te) Stel­len­aus­schrei­bung der späte­ren Be­klag­ten und wur­de ab­ge­lehnt. Das Un­ter­neh­men teil­te ihr nicht mit, ob sie sich für ei­nen Be­wer­ber ent­schie­den hat­te. Auch ih­re Kri­te­ri­en erläuter­te sie nicht.

Dar­auf­hin er­hob die Be­wer­be­rin Kla­ge und mach­te ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ih­rer eth­ni­schen Her­kunft, ih­res Ge­schlechts und ih­res Al­ters gel­tend. Die ihr zu­ste­hen­de Entschädi­gung be­zif­fer­te sie sehr sport­lich mit sechs Mo­nats­gehältern zu je 3.000 Eu­ro. Da ihr als Außen­ste­hen­der die nähe­ren Umstände des Be­wer­bungs­ver­fah­rens völlig un­be­kannt wa­ren, ver­lang­te sie zu­dem von dem Un­ter­neh­men Ein­sicht in die Be­wer­bungs­un­ter­la­gen des er­folg­rei­chen Be­wer­bers zwecks Ver­gleich der Qua­li­fi­ka­tio­nen. Da­mit hat­te sie we­der vor dem Ar­beits­ge­richt Ham­burg (Ur­teil vom 11.04.2007, 12 Ca 512/06) noch vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ham­burg Er­folgt (LAG Ham­burg, Ur­teil vom 09.11.2007, H 3 Sa 102/07).

Bun­des­ar­beits­ge­richt: Vor­la­ge an Eu­ropäischen Ge­richts­hof, ob Be­wer­be­rin Aus­kunfts­an­spruch ge­gen Ar­beit­ge­ber hat

Das BAG ent­schloss sich, dem Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH) fol­gen­de Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen: Ge­bie­tet es das Ge­mein­schafts­recht, ei­nem Be­wer­ber, der dar­legt, dass er die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne von ei­nem Ar­beit­ge­ber aus­ge­schrie­be­ne Stel­le erfüllt, des­sen Be­wer­bung je­doch nicht berück­sich­tigt wur­de, ge­gen den Ar­beit­ge­ber ei­nen An­spruch auf Aus­kunft ein­zuräum­en, ob die­ser ei­nen an­de­ren Be­wer­ber ein­ge­stellt hat und wenn ja, auf­grund wel­cher Kri­te­ri­en die­se Ein­stel­lung er­folgt ist?

Über die­se Fra­ge kann und darf nur der EuGH ent­schei­den, da ih­re Be­ant­wor­tung von der Aus­le­gung der ein­schlägi­gen An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs-Richt­li­ni­en abhängt. Der Eu­ropäische Ge­richts­hof hat hier ein Prüfungs­mo­no­pol.

Die Ant­wort ist für die Kla­ge der Soft­ware­ent­wick­le­rin ent­schei­dend: Sie hat­te nicht ge­nug In­di­zi­en vor­ge­tra­gen, um die Ver­mu­tung ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung zu recht­fer­ti­gen. Ih­re Her­kunft, ihr Ge­schlecht und ihr Al­ter sind dafür erst ein­mal un­er­heb­lich. Da­mit ist aus­schlag­ge­bend, ob der Ar­beit­ge­ber da­zu ver­pflich­tet ist, ihr mit ei­ner Aus­kunft über die Ein­zel­hei­ten des Aus­wahl­ver­fah­rens die nöti­ge Mu­ni­ti­on zu lie­fern. Die Fra­ge dürf­te an­ge­sichts des kla­ren Wort­lau­tes der Richt­li­ni­en zu ver­nei­nen sein, da die­se eben nur ei­ne Be­wei­ser­leich­te­rung, kei­ne völli­ge Be­weis­last­um­kehr vor­se­hen. Auf ei­ne sol­che lie­fe es aber hin­aus, würde ein Aus­kunfts­an­spruch be­jaht.

Im Er­geb­nis wird der EuGH die Fra­ge des BAG da­her wahr­schein­lich ver­nei­nen. Ar­beit­ge­ber müssen da­her nicht befürch­ten, künf­tig verstärkt in An­spruch ge­nom­men zu wer­den.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 18. Dezember 2014

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Sebastian Schroeder
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht

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