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Arbeitsrecht aktuell: 07/15 Arbeitsgericht Osnabrück: AGG gilt bei Kündigungen.
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Arbeitsgericht Osnabrück, Urteil vom 05.02.2007 - 3 Ca 724/06
von Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Fachanwalt für Arbeitsrecht, Berlin
Über welche Rechtsfrage hat das Arbeitsgericht Osnabrück entschieden?
Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) bestimmt in § 2 Abs.4, dass für Kündigungen „ausschließlich die Bestimmungen zum allgemeinen und besonderen Kündigungsschutz“ gelten. Eine solche Regelung wäre kein Problem, wäre der deutsche Gesetzgeber in der Ausgestaltung seiner Rechtsregeln zum Schutz gegen Diskriminierungen im Arbeitsleben frei. Das ist er aber nicht, da er eine Reihe von Antidiskriminierungs-Richtlinien der Europäischen Union zu beachten bzw. umzusetzen hat.
Diese schreiben vor, dass Arbeitnehmer auch bei der Beendigung von Arbeitsverhältnissen vor Diskriminierungen geschützt werden müssen.
Nach allgemeiner Ansicht ist § 2 Abs.4 AGG daher von seinem Wortlaut, d.h. auf den ersten Blick europarechtswidrig. Streitig ist allerdings, ob man § 2 Abs.4 AGG bei der Anwendung des Gesetzes außer Acht lassen sollte (mit der Folge einer allgemeinen Geltung des AGG auch auf Kündigungen) oder ob man § 2 Abs.4 AGG trotz seiner Europarechtswidrigkeit beachten muss (mit der Folge, dass dann die außerhalb des AGG liegenden Gesetzesvorschriften zum Kündigungsschutz den Anforderungen der Antidiskriminierungs-Richtlinien im Wege des Auslegung angepasst werden müssten).
Die zuerst genannte Meinung treibt die Umsetzung des europäischen Antidiskriminierungsrechts energisch voran, während die zweite Ansicht Vollzugsdefizite bei der Umsetzung der Antidiskriminierungs-Richtlinien eher in Kauf nimmt.
Zu dieser Streitfrage hat nun erstmals ein Arbeitsgericht Stellung bezogen, nämlich das Arbeitsgericht Osnabrück mit Urteil vom 05.02.2007 (Aktenzeichen: 3 Ca 724/06).
Welcher Sachverhalt lag der Entscheidung des Arbeitsgerichts Osnabrück zugrunde?
In dem vom Arbeitsgericht Osnabrück entschiedenen Fall (und in vielen gleich gelagerten Parallelfällen, bei denen derselbe Arbeitgeber verklagt war) ging es um eine sozialplanpflichtige Betriebsänderung in einem automobilproduzierenden Betrieb. Konkret sollten 619 Arbeitnehmer aus betriebsbedingten Gründen entlassen werden. Arbeitgeber und Betriebsrat vereinbarten im September 2006, d.h. nach Inkrafttreten des AGG (18.08.2006), einen Interessenausgleich und Sozialplan, in dem die Bildung von sog. Altersgruppen bei der Sozialauswahl vorgesehen war. Danach sollte die Sozialauswahl, um überproportional häufige Kündigungen jüngerer Arbeitnehmer mit einer daraus folgenden Erhöhung des Durchschnittsalters der Belegschaft zu verhindern, immer nur innerhalb der jeweiligen Altersgruppe der 36- bis 45jährigen, der 46- bis 55jährigen usw. durchgeführt werden.
In Anwendung dieses Prinzips wurden die zu kündigenden Arbeitnehmer ausgewählt und darüber hinaus sogar in einer dem Interessenausgleich beigefügten Namensliste gemäß § 1 Abs.5 KSchG namentlich aufgezählt.
Einige der von Kündigungen betroffenen Arbeitnehmer erhoben Kündigungsschutzklage und beriefen sich dabei auf die ihrer Meinung nach fehlerhafte Sozialauswahl. Im vorliegenden Fall war der klagende Arbeitnehmer bereits seit 1984 beschäftigt.
Wie hat das Arbeitsgericht Osnabrück entschieden?
Das Arbeitsgericht Osnabrück gab dem Arbeitnehmer Recht, d.h. es erklärte die Kündigung für unwirksam.
Dabei ging es davon aus, dass die Betriebsparteien einen § 1 Abs.5 KSchG formell entsprechenden Interessenausgleich mit Namensliste vereinbart hätten, was an sich zur Folge hat, dass die Sozialauswahl nur noch auf „grobe“ Fehlerhaftigkeit überprüft werden kann. Diese zugunsten des Arbeitgebers gehende Abschwächung der gerichtlichen Überprüfung der Sozialauswahl setzt aber voraus, dass der Interessenausgleich rechtswirksam ist. Den Interessenausgleich und die ihm entsprechende, auf einer Altersgruppenbildung beruhende Sozialauswahl hielt das Gericht aber für rechtswidrig, da sie den Anforderungen des AGG nicht gerecht würden. Dabei wird § 2 Abs.4 AGG unter Berufung auf die Mangold-Entscheidung des EuGH (Urteil vom 22.11.2005, C–144/04) für unanwendbar erklärt und zur Begründung darauf verwiesen, dass § 2 Abs.4 AGG nicht irgendeine nationale Rechtsvorschrift, sondern eine der Umsetzung der Antidiskriminierungs-Richtlinien dienende Gesetzesnorm sei.
Weiterhin stellt das Arbeitsgericht Osnabrück fest, dass das in § 7 AGG enthaltene Verbot einer Benachteiligung wegen des Alters zwar Ausnahmen zulässt, dass diese aber die Verfolgung eines „legitimen Zieles“ voraussetzen (§ 10 Satz 1 AGG).
Da der Arbeitgeber im vorliegenden Fall nur vorgetragen hatte, dass eine ohne Altersgruppenbildung vorgenommene Sozialauswahl zu einer Erhöhung des durchschnittlichen Alters der Belegschaft um einige Jahre führen würde, hielt ihm das Arbeitsgericht eine rechtlich missbilligten, vorurteilsgeladene Haltung gegenüber Älteren vor, die das AGG gerade bekämpfen wolle.
Fazit: Wenn bei der Sozialauswahl eine Altersgruppenbildung unter Berufung auf § 1 Abs.3 Satz 2 KSchG („Sicherung einer ausgewogenen Personalstruktur“) vorgenommen werden soll, müssen künftig noch deutlicher als bisher die für die Abwehr einer drohenden „Überalterung“ sprechenden Sachgründe dargelegt werden.
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Letzte Überarbeitung: 30. Dezember 2011
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Hannover, 08.02.2012 Chefarzt
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 15.09.2011, 8 AZR 846/09
Frankfurt, 07.02.2012 Fristlose Kündigung
Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 29.08.2011, 7 Sa 248/11
Berlin, 03.02.2012 Kündigungsschutz:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 07.07.2011, 2 AZR 12/10
München, 02.02.2012 Altersdiskriminierung:
Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 01.02.2012, 8 C 24.11
Berlin, 31.01.2012 Betriebsrat:
Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 04.11.2011, 13 Sa 1549/11
Berlin, 27.01.2012 Befristung:
Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 26.01.2012, Rs. C-586/10 (Kücük)
Berlin, 25.01.2012 Europarecht:
Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 24.01.2012, C-282/10 (Dominguez)
Frankfurt, 23.01.2012 Mobbingklage:
Landesarbeitsgericht Hamm, Urteil vom 19.01.2012, 11 Sa 722/10
Berlin, 20.01.2012 Geschäftsführer:
Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, Beschluss vom 08.12.2011, 11 Ta 230/11
Hannover, 19.01.2012 Weihnachtsgeld
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.01.2012, 10 AZR 667/10
Berlin, 17.01.2012 Bewerberdiskriminierung
Schlussanträge des Generalanwalts Paolo Mengozzi vom 12.01.2012, Rs. C-415/10 - Meister
Berlin, 13.01.2012 Betriebsratswahl:
Bundesarbeitsgericht, Beschluss vom 27.07.2011, 7 ABR 61/10
Berlin, 11.01.2012 BAT Altersstufen:
Bundesarbeitsgericht, Urteile vom 10.11.2011, 6 AZR 148/09 und 6 AZR 481/09
Berlin, 10.01.2012 CGZP-Tarifverträge:
Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 09.01.2012, 24 TaBV 1285/11
München, 05.01.2012 Aufhebungsvertrag:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 21.06.2011, 9 AZR 203/10
Berlin, 03.01.2012 Urlaub und Krankheit:
Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg, Urteil vom 21.12.2011, 10 Sa 19/11
Berlin, 20.12.2011 Sozialauswahl:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 15.12.2011, 2 AZR 42/10
Stuttgart, 05.12.2011 Kündigung:
Arbeitsgericht Stuttgart, Urteil vom 16.03.2011, 30 Ca 1772/10
Berlin, 23.11.2011 Urlaub und Krankheit:
Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 22.11.2011, C-214/10 - KHS gg. Schulte
Berlin, 05.11.2011 Kündigungsschutzklage:
Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 12.08.2011, 28 Ca 9265/11
München, 02.11.2011 Fristlose Kündigung:
Landesarbeitsgericht München, Urteil vom 03.03.2011, 3 Sa 641/10
Frankfurt, 26.10.2011 Kündigung:
Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 01.07.2011, 10 Sa 245/11
Frankfurt, 21.10.2011 Fristlose Kündigung:
Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 25.07.2011, 17 Sa 1739/10
Hamburg, 23.09.2011 Kündigung:
Landesarbeitsgericht Hamburg, Urteil vom 11.05.2011, 5 Sa 1/11
Berlin, 14.09.2011 BAT-TVöD:
Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 08.09.2011, C-297/10 und C-298/10 (Hennings und Mai)
Frankfurt, 13.09.2011 Altersgrenzen:
Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 13.09.2011, C-447/09 (Prigge u.a.)
Berlin, 12.09.2011 Chefarzt:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 08.09.2011, 2 AZR 543/10
Hannover, 09.09.2011 Arbeitszeitbetrug:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 09.06.2011, 2 AZR 381/10
Berlin, 08.09.2011 Whistleblowing:
Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Urteil vom 21.07.2011, 28274/08 (Heinisch)
Berlin, 06.09.2011 Bonus - Kündigung:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 12.04.2011, 1 AZR 412/09
Frankfurt, 05.09.2011 Betriebsübergang:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.08.2011, 8 AZR 230/10
Berlin, 02.09.2011 GlobeGround Berlin:
Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 25.08.2011, 25 TaBV 529/11
Frankfurt, 31.08.2011 Kündigung:
Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 18.01.2011, 12 Sa 522/10
Hamburg, 25.08.2011 Probezeitkündigung:
Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, Urteil vom 22.06.2011, 3 Sa 95/11
Frankfurt, 23.08.2011 Kündigung und Vollmacht:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 14.04.2011, 6 AZR 727/09
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