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So­zi­al­aus­wahl und Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung

Kei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung bei So­zi­al­aus­wahl mit Al­ters­grup­pen­bil­dung?: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 15.12.2011, 2 AZR 42/10
Zwei Gruppen von je drei Arbeitnehmern mit Helm, Bekleidung der beiden Gruppen unterschiedlich Streit­the­ma So­zi­al­aus­wahl

20.12.2011. So­zi­al­aus­wahl mit Al­ters­grup­pen­bil­dung heißt: Die äl­te­ren wer­den zwar bei der Kün­di­gungs­ent­schei­dung be­vor­zugt, doch fin­det ein Al­ters­ver­gleich im­mer nur in ei­ner Al­ters­grup­pe statt, z.B. der zwi­schen 31 und 40 Jah­re al­ten Ar­beit­neh­mer.

Wer am un­te­ren Al­ters­rand "sei­ner" Al­ters­grup­pe liegt, kann da­her sei­nen Job ver­lie­ren, ob­wohl er an sich al­ters­be­dingt schutz­be­dürf­ti­ger ist als ein z.B. 20 Jah­re jün­ge­rer Kol­le­ge.

Nach An­sicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) stellt die­se Art der So­zi­al­aus­wahl mit Al­ters­grup­pen­bil­dung kei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung äl­te­rer Ar­beit­neh­mer we­gen ih­res Al­ters dar: BAG, Ur­teil vom 15.12.2011, 2 AZR 42/10.

Ist die Al­ters­grup­pen­bil­dung bei der So­zi­al­aus­wahl ei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung?

Ar­beit­neh­mer, die Kündi­gungs­schutz ge­nießen, kann der Ar­beit­ge­ber nur kündi­gen, wenn er dafür sach­li­che Gründe hat, die vor § 1 Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) Be­stand ha­ben. Das können be­triebs­be­ding­te Gründe sein, z.B. ei­ne Ein­schränkung der Pro­duk­ti­on oder ei­ne Um­struk­tu­rie­rung, die aus Sicht des Ar­beit­ge­bers ei­nen Per­so­nal­ab­bau er­for­der­lich ma­chen.

Ty­pisch für be­triebs­be­ding­te Kündi­gun­gen ist, dass z.B. 30 von 100 Ar­beit­neh­mern ei­ner be­stimm­ten Ab­tei­lung ent­las­sen wer­den sol­len, dass es al­so mehr "Kündi­gungs­kan­di­da­ten" als ge­plan­te Stel­len­strei­chun­gen gibt.

Dann muss der Ar­beit­ge­ber bei der Aus­wahl der zu kündi­gen­den Ar­beit­neh­mer gemäß § 1 Abs. 3 Satz 1 KSchG Be­triebs­zu­gehörig­keit, Le­bens­al­ter, Un­ter­halts­pflich­ten und Schwer­be­hin­de­run­gen berück­sich­ti­gen, d.h. ei­ne So­zi­al­aus­wahl durchführen, da­mit die Ar­beit­neh­mer gekündigt wer­den, die ei­ne Kündi­gung am ehes­ten ver­kraf­ten können. 

In­fol­ge ei­ner So­zi­al­aus­wahl wer­den vor al­lem die jünge­ren Ar­beit­neh­mer mit nicht so lan­ger Be­triebs­zu­gehörig­keit gekündigt, so dass sich das Durch­schnitts­al­ter der Be­leg­schaft erhöht.

Um das zu ver­hin­dern, er­laubt das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) die Bil­dung von Al­ters­grup­pen bei der So­zi­al­aus­wahl: Die Kündi­gungs­kan­di­da­ten wer­den in Al­ters­grup­pen ein­ge­teilt, al­so z.B. in die Grup­pe der 21- bis 30jähri­gen, die Grup­pe der 31- bis 40jähri­gen usw., und dann wird das höhe­re Al­ter im­mer nur in­ner­halb ei­ner Grup­pe berück­sich­tigt.

Folg­lich kann ein 51jähri­ger gekündigt wer­den, weil er in­ner­halb sei­ner Grup­pe (der 51- bis 60jähri­gen) ein "Ju­ni­or" ist, während ein 29jähri­ger blei­ben darf, da er älter ist als die Ver­gleichs­ar­beit­neh­mer sei­ner Grup­pe (der 21- bis 30jähri­gen).

Frag­lich ist, ob der mit der So­zi­al­aus­wahl be­zweck­te bes­se­re Schutz älte­rer Ar­beit­neh­mer auf die­se Wei­se aus­ge­he­belt wer­den darf.

Dafür spricht auf den ers­ten Blick, dass die Al­ters­grup­pen­bil­dung bei der So­zi­al­aus­wahl kei­ne al­ters­be­ding­te Dis­kri­mi­nie­rung zu sein scheint - im Ge­gen­teil. Denn an­schei­nend ist es um­ge­kehrt so, dass die po­si­ti­ve Berück­sich­ti­gung des (höhe­ren) Al­ters ei­ne al­ters­be­ding­te Schlech­ter­stel­lung der jünge­ren Ar­beit­neh­mer ist. Wäre das rich­tig, wäre ei­ne So­zi­al­aus­wahl oh­ne Al­ters­grup­pen­bil­dung ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung der jünge­ren und die Al­ters­grup­pen­bil­dung würde die­se Dis­kri­mi­nie­rung ver­hin­dern.

Das ist aber nicht kor­rekt, denn die ver­meint­li­che „Bes­ser­stel­lung“ älte­rer Ar­beit­neh­mer ist ei­ne po­si­ti­ve Maßnah­me im Sin­ne von § 5 All­ge­mei­nes Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG). Älte­re Ar­beit­neh­mer ha­ben es auf dem Ar­beits­markt meist schwe­rer als jünge­re und müssen da­her vor dem Ar­beits­platz­ver­lust bes­ser geschützt wer­den.

Da­her ist die Al­ters­grup­pen­bil­dung kein Aus­gleich ei­ner dis­kri­mi­nie­ren­den „Pri­vi­le­gie­rung“ älte­rer Ar­beit­neh­mer, son­dern ei­ne Be­las­tung der Älte­ren, weil der zu ih­ren Guns­ten recht­li­che ge­bo­te­ne (Dis­kri­mi­nie­rungs-)Schutz ge­genüber dro­hen­den Ent­las­sun­gen un­ter­bleibt. Und das merkt man dann auch bei ei­ner kon­kre­ten Kündi­gungs­ent­schei­dung, wenn z.B. ein 51jähri­ger "Ju­ni­or" in der Al­ters­grup­pe der 51- bis 60jähri­gen gekündigt wird, weil er älter ist als ein 29jähri­ger "Se­ni­or" der Al­ters­grup­pe der 21- bis 30jähri­gen.

Hier kann man eu­ro­pa­recht­lich ein­ha­ken. Denn die Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27.11.2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf lässt al­ters­be­ding­te Schlech­ter­stel­lun­gen nur zu, wenn sie durch Zie­le aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung ge­recht­fer­tigt sein (Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG).

Der­ar­ti­ge Zie­le un­ter­schei­den sich nach An­sicht des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs (EuGH) von rein in­di­vi­du­el­len Zie­len durch ih­re Aus­rich­tung am Ge­mein­wohl. Da­her muss die Al­ters­grup­pen­bil­dung bei der So­zi­al­aus­wahl eben­falls durch Ge­mein­wohl­zie­le im Sin­ne von Art.6 der Richt­li­nie 2000/78/EG ge­recht­fer­tigt sein. An­sons­ten ist sie un­zulässig.

Aber das ist die Al­ters­grup­pen­bil­dung wohl kaum, denn das mit ihr ver­bun­de­ne Ziel ist die Er­hal­tung ei­ner ge­ge­be­nen Al­ters­struk­tur im Be­trieb. Und das wie­der­um ist kein dem Ge­mein­wohl die­nen­des Ziel, son­dern ein in­di­vi­du­el­les Ziel des Ar­beit­ge­bers.

Der Streit­fall: Kündi­gungs­wel­le be­trifft 31 von 168 ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mern, Al­ters­grup­pen für die So­zi­al­aus­wahl wer­den in Zehn­jah­res­schrit­ten fest­ge­legt

In dem vom BAG ent­schie­de­nen Fall ging es um ei­ne Kündi­gungs­wel­le, die 31 von 168 ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mern be­traf. Der Aus­wahl der 31 zu kündi­gen­den Ar­beit­neh­mer lag ei­ne Al­ters­grup­pen­bil­dung zu­grun­de, d.h. die 168 Kündi­gungs­kan­di­da­ten wur­den auf­ge­teilt in die Al­ters­grup­pen der 25 bis 34jähri­gen, die der 35 bis 44jähri­gen, die der 45 bis 54jähri­gen und die der 55jähri­gen und älte­ren.

Ei­ne am 22.12.1971 ge­bo­re­ne Ar­beit­neh­me­rin wur­de im Al­ter von 36 Jah­ren or­dent­lich be­triebs­be­dingt gekündigt. Ihr Pech war, dass sie sich mit 36 Jah­ren ge­ra­de am un­te­ren En­de "ih­rer" Al­ters­grup­pe be­fand.

Mit ih­rer Kündi­gungs­schutz­kla­ge hat­te sie we­der vor dem Ar­beits­ge­richt Bonn (Ur­teil 07.01.2009, 2 Ca 1849/08) noch vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Köln Er­folg (LAG Köln, Ur­teil vom 14.08.2009, 11 Sa 320/09).

Das LAG mein­te un­ter Be­ru­fung auf die bis­he­ri­ge BAG-Recht­spre­chung, dass die Bil­dung von Al­ters­grup­pen bei der So­zi­al­aus­wahl nicht zu be­an­stan­den sei und dass auch ei­ne Grup­pen­bil­dung in "Zeh­ner­schrit­ten" in Ord­nung gin­ge. Die Re­vi­si­on hat­te das LAG nur des­halb zu­ge­las­sen, weil der Ar­beit­ge­ber trotz der Kündi­gungs­wel­le wei­ter­hin Leih­ar­beit­neh­mer ein­setz­te, was das LAG für klärungs­bedürf­tig hielt.

BAG: Die Al­ters­grup­pen­bil­dung bei der So­zi­al­aus­wahl dient dem Ziel, die be­ruf­li­che Ein­glie­de­rung jünge­rer Ar­beit­neh­mer si­cher­zu­stel­len

Die Ar­beit­neh­me­rin zog auch vor dem BAG den Kürze­ren. In der Pres­se­mit­tei­lung des BAG mit Da­tum vom 15.12.2011 heißt, dass die So­zi­al­aus­wahl mit Al­ters­grup­pen­bil­dung nicht ge­gen das eu­ro­pa­recht­li­che Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung verstößt und ins­be­son­de­re nicht ge­gen die Richt­li­nie 2000/78/EG. Denn wenn älte­re Ar­beit­neh­mer in­fol­ge der So­zi­al­aus­wahl bes­ser ge­stellt wer­den, ist das da­durch ge­recht­fer­tigt, dass die Ar­beits­markt­chan­cen mit stei­gen­dem Le­bens­al­ter re­gelmäßig sin­ken.

Und die Al­ters­grup­pen­bil­dung, die ja das Ge­gen­teil be­wirkt, soll ei­ne "aus­sch­ließlich li­nea­re Berück­sich­ti­gung des an­stei­gen­den Le­bens­al­ters" ver­hin­dern und ei­ner da­mit ver­bun­de­nen "Be­nach­tei­li­gung jünge­rer Ar­beit­neh­mer" ent­ge­gen­wir­ken. Da­mit wer­den, so das BAG, der Schutz älte­rer Ar­beit­neh­mer und die be­ruf­li­che Ein­glie­de­rung jünge­rer Ar­beit­neh­mer "zu ei­nem an­ge­mes­se­nen Aus­gleich ge­bracht". Letzt­lich dient all das "zu­gleich der so­zi­al­po­li­tisch erwünsch­ten Ge­ne­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit und der Viel­falt im Be­reich der Beschäfti­gung".

Fa­zit: Die sal­bungs­vol­len Wor­te des BAG pas­sen zur vor­weih­nacht­li­chen Stim­mung, können aber an­sons­ten nicht über­zeu­gen. Denn die Al­ters­grup­pen­bil­dung schwächt den recht­lich ge­bo­te­nen so­zia­len Schut­zes älte­rer Ar­beit­neh­mer bei Ent­las­sungs­wel­len nicht et­wa nur ab, son­dern hebt ihn vollständig auf.

Ei­ne "So­zi­al­aus­wahl" mit Al­ters­grup­pen­bil­dung ver­dient den Na­men So­zi­al­aus­wahl nicht. Das BAG hätte dem EuGH die Fra­ge vor­le­gen müssen, ob ei­ne Al­ters­grup­pen­bil­dung bei der So­zi­al­aus­wahl eu­ro­pa­rechts­kon­form ist. Die­se Fra­ge ist auch nicht durch ak­tu­el­le Ent­schei­dun­gen des EuGH geklärt ist, wie das BAG be­haup­tet.

Es ist zu hof­fen, dass sich an­de­re Ge­rich­te in ver­gleich­ba­ren Fällen da­zu durch­rin­gen, dem EuGH die­se Fra­ge vor­zu­le­gen. Be­dau­er­li­cher­wei­se kann der EuGH über die Vor­la­ge des Ar­beits­ge­richts Sieg­burg (Ar­beits­ge­richt Sieg­burg, Be­schluss vom 27.01.2010, 2 Ca 2144/09 - wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell 10/086 Al­ters­grup­pen­bil­dung bei So­zi­al­aus­wahl eu­ro­pa­rechts­wid­rig?) nicht mehr ent­schei­den, da sich der Streit­fall mitt­ler­wei­le oh­ne Ur­teil er­le­digt hat. Da­her hat der EuGH die­ses Ver­fah­ren ein­ge­stellt (EuGH, Be­schluss vom 23.05.2011, Rs. C-86/10).

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt sei­ne Ur­teils­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 10. Oktober 2016

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