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ARBEITSRECHT AKTUELL // 10/090

Aus­schluss­frist: Gel­tend­ma­chung per E-Mail

Gel­tend­ma­chung per E-Mail aus­rei­chend: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 16.12.2009, 5 AZR 888/08
Abrisskalender
11.05.2010. In vie­len Ar­beits­ver­trä­gen bzw. Ta­rif­ver­trä­gen fin­den sich so ge­nann­te Aus­schluss­fris­ten. An­sprü­che ge­gen­über dem Ar­beit­ge­ber (und um­ge­kehrt ge­gen­über dem Ar­beit­neh­mer) müs­sen da­nach in­ner­halb ei­ner be­stimm­ten Frist "schrift­lich" gel­tend ge­macht wer­den, sonst ver­fal­len sie.

Dass un­ter ei­ner "schrift­li­chen" Gel­tend­ma­chung auch die Gel­tend­ma­chung von An­sprü­chen per E-Mail zu ver­ste­hen ist, hat jetzt das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schie­den: BAG, Ur­teil vom 16.12.2009, 5 AZR 888/08.

Aus­schluss­frist und Gel­tend­ma­chung von Ansprüchen

Ge­setz­lich ist in ei­ni­gen Fällen die „Schrift­form“ vor­ge­schrie­ben, et­wa für die Kündi­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen gemäß § 623 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB). Die Erklärung muss dann schrift­lich ver­fasst und ei­genhändig un­ter­schrie­ben wer­den (§ 126 Abs. 1 BGB), sonst ist sie un­wirk­sam. Ein Schlag ins Was­ser ist des­halb die Kündi­gung ei­nes Ar­beit­neh­mers durch den Ar­beit­ge­ber per E-Mail.

Wenn die Schrift­form je­doch nicht ge­setz­lich fest­ge­legt son­dern nur ver­trag­lich ver­ein­bart ist, reicht es nor­ma­ler­wei­se, dass die Erklärung in ir­gend­ei­ner Form schrift­lich fi­xiert ist. Wirk­sam sind dann auch per E-Mail oder Fax über­mit­tel­te Erklärun­gen (§ 127 Abs. 2 Satz 1 BGB). Dies gilt je­doch nur, so­lan­ge kein „an­de­rer Wil­le“ an­zu­neh­men ist“, d.h. es gibt hier­von Aus­nah­men. Die Recht­spre­chung ent­schei­det dies in der Re­gel da­nach, aus wel­chem Grund die Par­tei­en die Schrift­form ver­ein­bart ha­ben.

Ge­gen­stand der Recht­spre­chung sind oft die in Ta­rif­verträgen oder (in kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen) Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) ent­hal­te­nen Aus­schluss­fris­ten, nach de­nen Ansprüche ver­fal­len, wenn sie nicht in­ner­halb ei­nes be­stimm­ten Zeit­rau­mes schrift­lich gel­tend ge­macht wer­den.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schied im Hin­blick auf das Schrift­for­mer­for­der­nis da­bei be­reits im Jahr 2000 (Ur­teil vom 11.10.2000, 5 AZR 313/99), dass die ta­rif­li­che Aus­schluss­frist ge­wahrt wird, wenn die Ansprüche recht­zei­tig per Fax gel­tend ge­macht wer­den. Nicht endgültig geklärt ist al­ler­dings die Fra­ge, ob die Ansprüche zur Wah­rung ei­ner Aus­schluss­frist auch per E-Mail gel­tend ge­macht wer­den können. Mit die­ser Fra­ge be­fasst sich die vor­lie­gen­de Ent­schei­dung des BAG (Ur­teil vom 16.12.2009, 5 AZR 888/08).

Der Fall des Bun­des­ar­beits­ge­richts: Ar­beit­neh­mer macht An­spruch auf Ein­mahl­zah­lung per E-Mail gel­tend. Aus­schluss­frist ver­langt schrift­li­che Gel­tend­ma­chung

Der kla­gen­de Ar­beit­neh­mer war seit 1995 als Ar­beits­the­ra­peut in ei­ner Ein­rich­tung für sucht­kran­ke Men­schen beschäftigt. Der Ar­beit­ge­ber ist nicht ta­rif­ge­bun­den, im Ar­beits­ver­trag war aber („vor­be­halt­lich an­de­rer Be­stim­mun­gen“) die Gel­tung der Richt­li­ni­en für Ar­beits­verträge (AVR) des Deut­schen Pa­ritäti­schen Wohl­fahrts­ver­bands (DPWV) ver­ein­bart. Nach § 15 Abs. 2 der AVR sind Ansprüche auf Leis­tun­gen, die sich aus dem Ar­beits­verhält­nis er­ge­ben, bin­nen ei­ner Aus­schluss­frist von sechs Mo­na­ten nach ih­rer Fällig­keit schrift­lich gel­tend zu ma­chen.

Die Ein­grup­pie­rung und Vergütung des Ar­beits­the­ra­peu­ten rich­te­te sich nach dem Bun­des-An­ge­stell­ten­ta­rif­ver­trag Bund/Länder (BAT Bund/TdL) „in der je­weils gülti­gen Fas­sung“.

Der Kläger ver­lang­te un­ter Be­ru­fung auf ei­nen der „Nach­fol­ge­ta­rif­verträge“ zum BAT (nämlich dem Ta­rif­ver­trag über Ein­mal­zah­lun­gen für die Jah­re 2006 und 2007 vom 09.06.2006 -TV EZ-L-) vier Ein­mal­zah­lun­gen für die Jah­re 2006 und 2007, die mit dem Ju­li­ge­halt 2006 fällig wur­den, d.h. zu zah­len wa­ren.

An 25.07.2006, al­so noch vor Fällig­keit der Zah­lun­gen, for­der­te er den Ar­beit­ge­ber per E-Mail zur Zah­lung auf. Mit Schrei­ben vom 27.03.2007, al­so mehr als sechs Mo­na­te nach Fällig­keit, for­der­te er den Ar­beit­ge­ber er­neut zur Zah­lung auf. Der Ar­beit­ge­ber war der An­sicht, dass der TV EZ-L für den Ar­beits­the­ra­peu­ten gar nicht galt. Die Ein­mahl­zah­lung für Ju­li 2006 war sei­ner An­sicht nach auch ver­fal­len, da die schrift­li­che Gel­tend­ma­chung nicht recht­zei­tig er­folgt sei, wie er mein­te.

Der Ar­beits­the­ra­peut zog des­we­gen vor Ge­richt und ver­lang­te von dem Ar­beit­ge­ber die Zah­lung der Ein­mal­zah­lun­gen in Höhe von ins­ge­samt 655,36 EUR brut­to. Während er vor dem Ar­beits­ge­richt un­ter­lag (Ar­beits­ge­richt Ko­blenz, Ur­teil vom 08.02.2008, 2 Ca 1666/07), ge­wann er das Be­ru­fungs­ver­fah­ren vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Rhein­land-Pfalz (Ur­teil vom 22.08.2008, 9 Sa 198/08). Da­ge­gen leg­te der Ar­beit­ge­ber Re­vi­si­on zum BAG ein.

Bun­des­ar­beits­ge­richt: Gel­tend­ma­chung der Ansprüche per E-Mail wahrt Aus­schluss­frist

Vor dem BAG hat­te der Ar­beits­the­ra­peut eben­falls Er­folg. Den TV EZ-L hielt das BAG für an­wend­bar, weil der Ar­beits­ver­trag zwar kei­ne aus­drück­li­che Ver­wei­sung auf Nach­fol­ge-Ta­rif­verträge des BAT ent­hielt, des­we­gen nach Auf­fas­sung des BAG je­doch lücken­haft und so zu in­ter­pre­tie­ren war, dass Nach­fol­ge­ta­rif­verträge wie der TV EZ-L an­zu­wen­den wa­ren.

Eben­so wie das LAG hielt das BAG kei­nen Teil der Ein­mal­zah­lun­gen für ver­fal­len. Nach der Aus­schluss­klau­sel der ver­ein­bar­ten AVR war zwar ei­ne Gel­tend­ma­chung in­ner­halb von sechs Mo­na­ten nach Fällig­keit er­for­der­lich, so dass das Schrei­ben vom 27.03.2007 zu spät war. Das BAG ist je­doch der An­sicht, dass die Gel­tend­ma­chung mit der E-Mail er­fol­gen durf­te, die die Aus­schluss­frist wahr­te.

Maßgeb­lich war für das BAG, dass die ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bar­te Gel­tung der AVR und da­mit die Gel­tung der Aus­schluss­klau­sel ei­ne durch Rechts­geschäft be­stimm­te schrift­li­che Form im Sin­ne von § 127 Abs. 2 BGB dar­stellt, so dass je­de schrift­li­che Fi­xie­rung (al­so auch ei­ne E-Mail) aus­reicht, wenn nicht aus­nahms­wei­se ein an­de­rer Wil­le der Ver­trags­par­tei­en ent­ge­gen­steht. Hierfür gab es je­doch kei­ne An­halts­punk­te, meint das BAG, ins­be­son­de­re weil der Ar­beit­ge­ber die Ab­leh­nung eben­falls in Form ei­ner E-Mail über­mit­tel­te.

Fa­zit: Das Ur­teil schafft Klar­heit für Ar­beit­neh­mer und ermöglicht es, auch kurz vor Ab­lauf ei­ner Frist un­kom­pli­ziert per E-Mail sei­ne Ansprüche gel­tend zu ma­chen, statt mühsam Brie­fe zu schrei­ben und für ei­nen be­weis­si­che­ren Zu­gang sor­gen zu müssen.

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Letzte Überarbeitung: 7. Dezember 2016

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