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ARBEITSRECHT AKTUELL // 09/112

Mit­be­stim­mung des Be­triebs­ra­tes bei Ar­beits­zeit­ver­tei­lungs­wün­schen

Der Ar­beit­ge­ber kann sich ge­gen­über ei­nem An­trag auf Teil­zeit und auf ei­ne be­stimm­te La­ge der Ar­beits­zeit auf ein "Nein" des Be­triebs­rats be­ru­fen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 16.12.2008, 9 AZR 893/07
Nicht der Be­triebs­rat, son­dern der Ar­beit­ge­ber muss § 8 Tz­B­fG be­fol­gen

30.06.2009. Ar­beit­neh­mer kön­nen auf der Grund­la­ge von § 8 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG) vom Ar­beit­ge­ber nicht nur ei­ne Ver­rin­ge­rung ih­rer Ar­beits­zeit ver­lan­gen, son­dern auch ei­ne be­stimm­te Ver­tei­lung der ver­rin­ger­ten Ar­beits­zeit.

Die­sen Wün­schen kann der Ar­beit­ge­ber aber nur nach­kom­men, wenn der Be­triebs­rat mit­macht, denn der hat in al­ler Re­gel ein Mit­be­stim­mungs­recht ge­mäß § 87 Abs.1 Nr.2 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG).

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat in ei­nem Grund­satz­ur­teil ent­schie­den, dass ein Ar­beit­ge­ber den Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rungs- und Ver­tei­lungs­wunsch ei­nes Be­schäf­tig­ten ab­leh­nen darf, in­dem er sich die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung des Be­triebs­ra­tes zu ei­gen macht: BAG, Ur­teil vom 16.12.2008, 9 AZR 893/07.

Kann sich der Ar­beit­ge­ber ge­genüber ei­nem An­trag auf Teil­zeit und auf ei­ne be­stimm­te La­ge der Ar­beits­zeit auf ein "Nein" des Be­triebs­rats be­ru­fen?

Ein Ar­beit­neh­mer kann in größeren Be­trie­ben gemäß § 8 Tz­B­fG die Ver­rin­ge­rung sei­ner Ar­beits­zeit un­ter An­ga­be der von ihm gewünsch­ten Ar­beits­zeit­ver­tei­lung ver­lan­gen. Der Ar­beit­ge­ber darf die­sen Wunsch dann nur ab­leh­nen, wenn „be­trieb­li­che Gründe“ ent­ge­gen­ste­hen.

Der Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rungs- und Ver­tei­lungs­wunsch ei­nes Ar­beit­neh­mers hat da­bei al­ler­dings auch ei­nen kol­lek­ti­ven Be­zug, denn die geänder­te Ar­beits­zeit hat oft Aus­wir­kun­gen auf die Ar­beits­zei­ten der an­de­ren Beschäftig­ten. Des­halb hat der Be­triebs­rat in die­sem Fall gemäß § 87 Abs.1 Nr.2 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) ein Mit­be­stim­mungs­recht. Die Um­set­zung der gewünsch­ten Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung ist dann im Ein­zell­fall nur zulässig, wenn der Be­triebs­rat dem zu­stimmt.

Wel­che Fol­gen es hat, wenn der Be­triebs­rat ei­nem Teil­zeit­wun­sche gemäß § 8 Tz­B­fG nicht zu­stimmt, ist von den Ar­beits­ge­rich­ten noch nicht ab­sch­ließend geklärt.

Frag­lich ist vor al­lem, ob der Ar­beit­ge­ber in ei­nem sol­chen Fall die Ei­ni­gungs­stel­le an­ru­fen las­sen muss, um die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats er­set­zen zu las­sen, oder ob er sich die Ab­leh­nung des Be­triebs­rats zu ei­gen ma­chen kann und dem Ar­beit­neh­mer des­halb mit­tei­len darf, er könne we­gen der ab­leh­nen­den Hal­tung des Be­triebs­rats der gewünsch­ten Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung nicht zu­stim­men.

Der Streit­fall: Kas­sie­rin nur noch 30 St­un­den und dies zu be­stimm­ten Zei­ten ar­bei­ten - der Be­triebs­rat ist da­ge­gen

Die kla­gen­de Ar­beit­neh­me­rin ist Kas­sie­re­rin in ei­nem Bau­markt. Im Jahr 2004 be­kam sie ein Kind und be­fand sich bis An­fang 2007 in El­tern­zeit. Die Beschäftig­ten in dem Bau­markt ha­ben übli­cher­wei­se va­ria­ble Ar­beits­zei­ten, die in ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung näher ge­re­gelt sind. Die Kas­sie­re­rin wünsch­te je­doch im An­schluss an die El­tern­zeit ei­ne Ar­beits­zeit von nur noch 30 St­un­den, die so lie­gen soll­ten, dass sie sich mit den Öff­nungs­zei­ten der Kin­der­ta­gesstätte deck­ten, in die ihr Kind ging.

Dies hätte je­doch Aus­wir­kun­gen auf die va­ria­blen Ar­beits­zei­ten der an­de­ren Beschäftig­ten ge­habt, die hätten um die fes­te Ar­beits­zeit der Kas­sie­re­rin "her­um­grup­piert" wer­den müssen. Auf­grund die­ses kol­lek­ti­ven Be­zugs bat die Ar­beit­ge­be­rin den Be­triebs­rat gemäß § 87 Abs.1 Nr. 2 Be­trVG um Zu­stim­mung zu den von der Kas­sie­re­rin gewünsch­ten Ar­beits­zei­ten, die die­ser ver­wei­ger­te.

Als Grund für sei­ne Ver­wei­ge­rung führ­te der Be­triebs­rat an, dass die von der Kas­sie­re­rin gewünsch­ten fes­ten Ar­beits­zei­ten den Be­triebs­frie­den er­heb­lich stören würden. Die­sem Ar­gu­ment schloss sich die Ar­beit­ge­ber an und lehn­te die gewünsch­te Ar­beits­zeit­ver­tei­lung ab.

Hier­ge­gen klag­te die Kas­sie­re­rin vor dem Ar­beits­ge­richt Kiel und un­ter­lag, ob­sieg­te aber vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Schles­wig-Hol­stein (Ur­teil vom 04.10.2007, 4 Sa 242/07). Nach dem Ur­teil des LAG muss­te die Ar­beit­ge­be­rin der Kas­sie­re­rin ei­ne wöchent­li­che Ar­beits­zeit von 30 St­un­den nur mon­tags bis frei­tags zwi­schen 8.30 Uhr bis 14.30 Uhr mit ma­xi­mal zwei­mal pro Mo­nat samstägli­cher Ar­beit ge­neh­mi­gen.

Das LAG über­prüft hier­bei die ab­leh­nen­de Ent­schei­dung des Be­triebs­ra­tes am Maßstab von § 8 Tz­B­fG. Der Be­triebs­rat hätte, so das LAG, ei­ne Abwägung zwi­schen den Be­lan­gen der an­de­ren Ar­beit­neh­mer und der Si­tua­ti­on der Kläge­rin vor­neh­men müssen. Dies hat er un­ter­las­sen. Sei­ne Ver­wei­ge­rung der Zu­stim­mung könne des­halb der Ar­beit­ge­be­rin nicht als „be­trieb­li­cher Grund“ gel­ten.

BAG: Der Ar­beit­ge­ber kann sich ge­genüber Wünschen nach ei­ner be­stimm­ten La­ge der re­du­zier­ten Ar­beits­zeit auf ein "Nein" des Be­triebs­rats be­ru­fen

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt da­ge­gen gab der Ar­beit­ge­be­rin Recht.

Das BAG stellt zwar klar, dass die im Be­trieb gel­ten­de Be­triebs­ver­ein­ba­rung nicht als Ab­leh­nungs­grund der von der Kas­sie­re­rin gewünsch­ten Ar­beits­zeit die­nen kann, da sich aus der BV kein Ver­bot von fes­ten Ar­beits­zei­ten ab­le­sen lässt. Über­ra­schen­der Wei­se ver­trat das Bun­des­ar­beits­ge­richt je­doch die Auf­fas­sung, dass zwi­schen Be­triebs­rat und Ar­beit­ge­be­rin ei­ne „Re­ge­lungs­ab­re­de“ ge­trof­fen wor­den war. Re­ge­lungs­ab­re­den sind bin­den­de Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen Be­triebs­rat und Ar­beit­ge­ber, die form­los, al­so auch „münd­lich“ oder „kon­klu­dent“, ver­ein­bart wer­den können.

Ei­ne der­ar­ti­ge Re­ge­lungs­ab­re­de ist im vor­lie­gen­den Fall, so das BAG, wie folgt zu­stan­de ge­kom­men: Die Ar­beit­ge­be­rin ha­be der Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung des Be­triebs­rats „zu­ge­stimmt“, in­dem sie das Ab­leh­nungs­schrei­ben an die Kas­sie­re­rin über­sand­te. Dar­in liegt, so das BAG wei­ter, ei­ne form­lo­se Ei­ni­gung zwi­schen Ar­beit­ge­be­rin und Be­triebs­rat durch „schlüssi­ges Han­deln“. Die so ent­stan­de­ne ver­bind­li­che Re­ge­lungs­ab­re­de hat­te da­bei den In­halt, dass die von der Kas­sie­re­rin gewünsch­ten star­ren nicht möglich sei­en.

Ei­ne der­ar­ti­ge Re­ge­lung ist laut Bun­des­ar­beits­ge­richt auch zulässig. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass der Be­triebs­rat die Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie und Er­werbstätig­keit fördern muss (§ 80 Abs.1 Nr.2b Be­trVG). Denn dar­aus lässt sich nicht not­wen­di­ger­wei­se ein Vor­rang der In­ter­es­sen von Ar­beit­neh­mern mit fa­mi­liären Ver­pflich­tun­gen vor den In­ter­es­sen an­de­rer Beschäftig­ter ab­lei­ten. Be­triebs­rat und Ar­beit­ge­ber ha­ben hier­bei ei­nen brei­ten Be­ur­tei­lungs­spiel­raum, der vor­lie­gend nach An­sicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts nicht über­schrit­ten wur­de.

Denn Be­triebs­rat und Ar­beit­ge­be­rin hätten die Si­tua­ti­on der Kläge­rin nicht ver­kannt und ih­re In­ter­es­sen ge­gen die In­ter­es­sen der an­de­ren Beschäftig­ten ab­ge­wo­gen. Zu mehr, so das BAG, sind die Be­triebs­par­tei­en nicht ver­pflich­tet. Es ist dann zulässig, dass die Ent­schei­dung der Be­triebs­par­tei­en letzt­lich zu­un­guns­ten der Kas­sie­re­rin aus­fiel.

Fa­zit: Das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts hat zur Fol­ge, dass ei­ner­seits die Rech­te ein­zel­ner Ar­beit­neh­mer ge­schwächt, an­de­rer­seits je­doch die Rech­te des Be­triebs­rats gestärkt wer­den. Da laut BAG dem Be­triebs­rat ein brei­ter Be­ur­tei­lungs­raum zu­ge­stan­den wird, der ge­richt­lich nicht über­prüft wer­den kann, folgt hier­aus ei­ne ge­stei­ger­te Ver­ant­wor­tung des Be­triebs­rats, sorgfältig zu prüfen und ab­zuwägen, ob er die Zu­stim­mung zu ei­nem Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rungs- und Ver­tei­lungs­wunsch ei­nes Beschäftig­ten ver­wei­gert.

Denn hat er ein­mal ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung erklärt, kann der Ar­beit­ge­ber dies sei­ner­seits als Be­gründung her­an­zie­hen, dem Wunsch des Ar­beit­neh­mers auf geänder­te Ar­beits­zei­ten ab­zu­leh­nen.

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Letzte Überarbeitung: 24. November 2015

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