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Arbeitsrecht aktuell: 10/130 Durchsetzung eines betriebsverfassungsrechtlichen Weiterbeschäftigungsanspruchs im Eilverfahren




Ein gutes Widerspruchsschreiben des Betriebsrates ist Gold wert

LAG Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 25.03.2010, 2 Ta 387/10

07.07.2010. Gekündigte Arbeitnehmer sind nach Ablauf der Kündigungsfrist in aller Regel selbst dann "draußen", wenn eine Kündigungsschutzklage erhoben wurde. Das Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) sieht für solche Fälle in Ergänzung zum allgemeinen Weiterbeschäftigungsanspruch einen speziellen betriebsverfassungsrechtlichen Weiterbeschäftigungsanspruch vor. Er setzt unter anderem einen ordnungsgemäßen Widerspruch des Betriebsrates voraus. Damit sind Arbeitnehmer als Anspruchssteller in der misslichen Lage, diese Ordnungsmäßigkeit beweisen zu müssen, ohne Einblick in die Interna des Betriebes und des Betriebsrates zu haben. Meist bleibt damit nur, das Widerspruchsschreiben des Betriebsrates vorzulegen. Seine Qualität kann also über Sieg und Niederlage entscheiden: Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 25.03.2010, 2 Ta 387/10

von Rechtsanwalt Sebastian W. Kreuziger, Berlin

Betriebsverfassungsrechtlicher Weiterbeschäftigungsanspruch und Widerspruchsschreiben

§ 102 Abs. 5 Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) sieht einen speziellen betriebsverfassungsrechtlichen Weiterbeschäftigungsanspruch vor. Dieser Anspruch greift ein, wenn einem Arbeitnehmer ordentlich gekündigt wurde, wenn er gegen die Kündigung rechtzeitig nach dem Kündigungsschutzgesetz (KSchG) Kündigungsschutzklage erhoben hat, wenn er - ebenfalls rechtzeitig - vom Arbeitgeber verlangt, bis zum Abschluss des Gerichtsverfahrens weiterbeschäftigt zu werden, wenn der Arbeitgeber die Möglichkeit hat, diesen Wunsch zu erfüllen, und wenn der Betriebsrat der Kündigung form- und fristgerechten widersprochen hat.

Der Betriebsrat muss hier schriftlich und innerhalb einer Woche nach Anhörung zu der Kündigung eine ausführliche, einzelfallbezogene Begründung dazu abgeben, warum seiner Auffassung nach einer der fünf in § 102 Abs.3 BetrVG genannten Widerspruchsgründe, beispielsweise eine fehlerhafte Sozialauswahl vorliegen. Floskeln oder eine bloße Wiederholung des Gesetzeswortlautes genügen nicht. Äußert er sich innerhalb dieser Frist nicht oder nur unzureichend, gilt seine Zustimmung zur Kündigung als erteilt.

Insbesondere wenn der Arbeitnehmer die Voraussetzungen seines Anspruch aus § 102 Abs.5 BetrVG im vorläufigen Rechtsschutz belegen will, kann die Qualität dieses Schreibens entscheidend sein, da hier nur unmittelbar vor Gericht verfügbare Beweismittel zugelassen sind.

Ein aktueller Fall des Landesarbeitsgerichtes (LAG) Berlin-Brandenburg (Beschluss vom 25.03.2010, 2 Ta 387/10) zeigt beispielhaft, welche Hürden Arbeitnehmer dabei nehmen müssen.

Der Fall: Betriebsbedingte Kündigung einer Teamassistentin

Die Antragstellerin war als Teamassistentin in einem Berliner Betrieb beschäftigt. Die Antragsgegnerin, ihre Arbeitgeberin, entschloss sich Mitte 2009, die Berliner Teamsekretariate aufzulösen. Übrig blieb nur die Stelle einer Assistentin des Niederlassungsleiters, die allerdings nicht mit der Antragstellerin besetzt wurde.

Bei der im Rahmen ihrer Kündigung erfolgten Betriebsratsanhörung widersprach der Betriebsrat der Entlassung ausführlich unter Hinweis auf die besondere soziale Schutzbedürftigkeit, die er anhand einer Sozialplan-Auswahlrichtlinie festgestellt hatte. Der Teamassistentin hätte, so der Rat, die verbleibende Assistenzstelle angeboten werden müssen.

Die Arbeitgeberin kündigte der Arbeitnehmerin gleichwohl zum 31.01.2010, woraufhin diese Kündigungsschutzklage erhob. Im Dezember 2009 wurde sie freigestellt. Hiergegen wehrte sie sich im vorläufigen Rechtsschutz, in dem sie sich auf den Weiterbeschäftigungsanspruch nach § 102 Abs.5 S.1 BetrVG berief.

Das Arbeitsgericht Berlin wies ihren Antrag jedoch zurück. Das Gericht hielt ihr vor, dass sie ihr Weiterbeschäftigungsbegehren auch (schon) im Rahmen der Kündigungsschutzklage hätte geltend machen können. Es fehle daher an der im vorläufigen Rechtsschutz notwendigen Eilbedürftigkeit ihres Antrages, d.h. dem Verfügungsgrund. Daraufhin legte die Antragstellerin sofortige Beschwerde beim LAG Berlin-Brandenburg ein.

Die Entscheidung: Präzises Widerspruchsschreiben kann ordnungsgemäßen Betriebsratsbeschluss beweisen / Weiterbeschäftigungsanspruch kann auch noch am Tag nach Fristablauf geltend gemacht werden

Das LAG Berlin-Brandenburg gab ihr Recht.

Zum einen hielt das Gericht den Vortrag zur Ordnungsmäßigkeit des Betriebsratsbeschlusses für völlig ausreichend. Die Antragstellerin hatte im Wesentlichen nur das Widerspruchsschreiben vorlegen können. Dieses wies jedoch, wie das LAG hervorhob, in Aufbau und Inhalt ein hohes Maß an Präzision auf, insbesondere war der Eingang des Anhörungsschreibens der Arbeitgeberin exakt vermerkt. Da diese im Übrigen auch nichts gegen die Ordnungsmäßigkeit des Beschlusses vorgebracht hatte, war für das Gericht die Qualität des Schreibens ausschlaggebend.

Zum anderen betonte das LAG Berlin-Brandenburg, die Arbeitgeberin könne sich nicht auf das Fehlen eines freien Arbeitsplatzes berufen. Es sei gerade streitig, ob der Platz als Assistentin des Niederlassungsleiters für die Antragstellerin als sozial Schwächste hätte „reserviert“ werden müssen. Es sei mit dem Widerspruchsgrund der fehlerhaften Sozialauswahl nicht vereinbar, wenn der Weiterbeschäftigungsanspruch schon allein deshalb entfiele, weil die verbliebene Stelle (schon wieder) besetzt ist.

Den Hinweis der Vorinstanz auf die mögliche Geltendmachung des Weiterbeschäftigungsanspruchs im Kündigungsschutzverfahren widmete das LAG hingegen keine größere Beachtung. Zu Recht verweist es auf die Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichtes (BAG), nach der ein der Anspruch aus § 102 BetrVG auch dann noch rechtzeitig ist, wenn er am ersten Arbeitstag nach Ablauf der Kündigungsfrist gestellt wird. Die Antragstellerin hatte so betrachtet sogar noch über einen Monat Zeit. Abgesehen davon ergebe sich der Verfügungsgrund schon aus dem Vorliegen der speziellen Voraussetzungen des Weiterbeschäftigungsanspruchs und der damit verbunden Wertung, dass das Beschäftigungsinteresse des Arbeitnehmers hier im Regelfall überwiegen soll. Es drohe nämlich sonst ein endgültiger Rechtsverlust.

Fazit: Das professionelle Auftreten des Betriebsrates gegenüber dem Arbeitgeber war hier entscheidend für den Erfolg der Arbeitnehmerin. Der Fall ist damit ein schönes Beispiel für die altbekannte Regel, dass die Form häufig den Inhalt bestimmt. Arbeitnehmer können aus diesem Fall mitnehmen, dass ein starker, transparent arbeitender Betriebsrat so manches Mal das sprichwörtliche „Zünglein an der Waage“ sein kann.

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Letzte Überarbeitung: 29. Juli 2011

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Arbeitsrecht aktuell:


Berlin, 03.02.2012
Kündigungsschutz:

Auslandsvertrag zählt bei Wartezeit mit

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 07.07.2011, 2 AZR 12/10

München, 02.02.2012
Altersdiskriminierung:

Altersgrenze für Sachverständige gekippt

Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 01.02.2012, 8 C 24.11

Berlin, 31.01.2012
Betriebsrat:

Benachteiligung durch Verweigerung der Festanstellung

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 04.11.2011, 13 Sa 1549/11

Berlin, 27.01.2012
Befristung:

Europarecht erlaubt Befristung zur Vertretung - auch jahrelang

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 26.01.2012, Rs. C-586/10 (Kücük)

Berlin, 25.01.2012
Europarecht:

Anspruch auf vier Wochen Urlaub auch ohne jährliche Mindestarbeitszeit

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 24.01.2012, C-282/10 (Dominguez)

Köln, 24.01.2012
Fristlose Kündigung:

Fristlose Kündigung wegen eigenmächtiger Auftragsvergabe

Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, Urteil vom 22.08.2011, 5 Sa 107/11

Frankfurt, 23.01.2012
Mobbingklage:

Oberarzt verklagt mobbenden Chefarzt auf 500.000 EUR Schadensersatz

Landesarbeitsgericht Hamm, Urteil vom 19.01.2012, 11 Sa 722/10

Berlin, 20.01.2012
Geschäftsführer:

Geschäftsführer erhebt Kündigungsschutzklage vor dem Arbeitsgericht

Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, Beschluss vom 08.12.2011, 11 Ta 230/11

Hannover, 19.01.2012
Weihnachtsgeld

Kein Weihnachtsgeld nach Kündigung

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.01.2012, 10 AZR 667/10

Berlin, 17.01.2012
Bewerberdiskriminierung

Auskunftsanspruch des Stellenbewerbers über Auswahlentscheidung oder nicht?

Schlussanträge des Generalanwalts Paolo Mengozzi vom 12.01.2012, Rs. C-415/10 - Meister

Berlin, 13.01.2012
HIV-Infektion:

Kündigung in der Probezeit wegen HIV-Infektion wirksam

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 13.01.2012, 6 Sa 2159/11

Berlin, 13.01.2012
Betriebsratswahl:

Abbruch nur bei Nichtigkeit

Bundesarbeitsgericht, Beschluss vom 27.07.2011, 7 ABR 61/10

Berlin, 11.01.2012
BAT Altersstufen:

Berlin und Hessen müssen für BAT-Altersstufen bluten

Bundesarbeitsgericht, Urteile vom 10.11.2011, 6 AZR 148/09 und 6 AZR 481/09

Berlin, 10.01.2012
CGZP-Tarifverträge:

Tarifverträge der CGZP waren auch 2004, 2006 und 2008 unwirksam

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 09.01.2012, 24 TaBV 1285/11

München, 05.01.2012
Aufhebungsvertrag:

Aufhebungsvertrag ohne Abfindung, aber mit Ausgleichsklausel?

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 21.06.2011, 9 AZR 203/10

Berlin, 03.01.2012
Urlaub und Krankheit:

Urlaub und Urlaubsabgeltung bei Krankheit - nur 15 Monate lang?

Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg, Urteil vom 21.12.2011, 10 Sa 19/11

Berlin, 20.12.2011
Sozialauswahl:

Sozialauswahl und Altersdiskriminierung

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 15.12.2011, 2 AZR 42/10

Stuttgart, 05.12.2011
Kündigung:

Entschädigung für diskriminierende Kündigung

Arbeitsgericht Stuttgart, Urteil vom 16.03.2011, 30 Ca 1772/10

Berlin, 23.11.2011
Urlaub und Krankheit:

Krankheitsbedingt nicht genommener Urlaub kann nach 15 Monaten verfallen

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 22.11.2011, C-214/10 - KHS gg. Schulte

Berlin, 05.11.2011
Kündigungsschutzklage:

Arbeitsgericht Berlin großzügig bei Fristversäumung durch Anwalt

Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 12.08.2011, 28 Ca 9265/11

München, 02.11.2011
Fristlose Kündigung:

LAG München: Kündigung nach Betrug mit 20 EUR Schaden

Landesarbeitsgericht München, Urteil vom 03.03.2011, 3 Sa 641/10

Frankfurt, 26.10.2011
Kündigung:

Kündigung wegen Alkohols am Steuer

Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 01.07.2011, 10 Sa 245/11

Frankfurt, 21.10.2011
Fristlose Kündigung:

Fristlose Kündigung wegen Diensthandy-Missbrauchs?

Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 25.07.2011, 17 Sa 1739/10

Hamburg, 23.09.2011
Kündigung:

LAG Hamburg -
Kündigung bei Beschäftigungsmöglichkeit im Ausland

Landesarbeitsgericht Hamburg, Urteil vom 11.05.2011, 5 Sa 1/11

Berlin, 14.09.2011
BAT-TVöD:

Diskriminierung wegen des Alters durch BAT-Lebensaltersstufen

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 08.09.2011, C-297/10 und C-298/10 (Hennings und Mai)

Frankfurt, 13.09.2011
Altersgrenzen:

EuGH kippt Altersgrenze 60 für Lufthansa-Piloten

Europäischer Gerichtshof, Urteil vom 13.09.2011, C-447/09 (Prigge u.a.)

Berlin, 12.09.2011
Chefarzt:

Kündigung eines Chefarztes wegen Wiederverheiratung?

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 08.09.2011, 2 AZR 543/10

Hannover, 09.09.2011
Arbeitszeitbetrug:

Fristlose Kündigung wegen Arbeitszeitbetrugs

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 09.06.2011, 2 AZR 381/10

Berlin, 08.09.2011
Whistleblowing:

Verpfeifen / Whistleblowing ohne Risiko einer Kündigung?

Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Urteil vom 21.07.2011, 28274/08 (Heinisch)

Berlin, 06.09.2011
Bonus - Kündigung:

Anspruch auf Bonus trotz Kündigung und Ausscheiden im Folgejahr

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 12.04.2011, 1 AZR 412/09

Frankfurt, 05.09.2011
Betriebsübergang:

Betriebsübergang bei Zwangsverwaltung eines Hotelgrundstücks

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 18.08.2011, 8 AZR 230/10

Berlin, 02.09.2011
GlobeGround Berlin:

Betriebsratswahl bei GlobeGround in Berlin unwirksam

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 25.08.2011, 25 TaBV 529/11

Frankfurt, 31.08.2011
Kündigung:

Kündigung und Krankmeldung

Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 18.01.2011, 12 Sa 522/10

Hamburg, 25.08.2011
Probezeitkündigung:

Kündigung in der Probezeit wegen Heirat einer Chinesin

Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein, Urteil vom 22.06.2011, 3 Sa 95/11

Frankfurt, 23.08.2011
Kündigung und Vollmacht:

Kündigung mit Vollmacht, aber ohne Vollmachtsurkunde

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 14.04.2011, 6 AZR 727/09

Berlin, 17.08.2011
Beleidigung

Fristlose Kündigung wegen Beleidigung

Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 06.05.2011, 6 Sa 2558/10

Köln, 29.07.2011
Kündigungsverzicht:

Kein Verzicht auf Kündigung durch freundliche Worte

Landesarbeitsgericht Köln, Urteil vom 28.09.2010, 5 Sa 814/10

Frankfurt, 20.07.2011
Abmahnung:

Erst Abmahnung, dann Kündigung?

Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 15.02.2011, 13 Sa 1460/10

Hannover, 12.07.2011
Betriebsratsanhörung:

Anhörung des Betriebsrats bei Kündigung mit Auslauffrist

Landesarbeitsgericht Hamm, Urteil vom 05.08.2010, 15 Sa 302/10

Berlin, 01.07.2011
Fristlose Kündigung:

Fristlose Kündigung wegen Drohung mit Strafanzeige

Sächsisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 21.01.2011, 3 Sa 181/10