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ARBEITSRECHT AKTUELL // 14/002

Be­fris­te­te Ar­beits­zeit­er­hö­hung als Dau­er­mo­dell?

Leh­rer klagt mit Er­folg ge­gen Ket­ten­be­fris­tung von Ar­beits­zeit­er­hö­hun­gen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 17.06.2013, 1 Sa 2/13
Unterrichtsraum mit Kursleiter hinter Lehrerpult und einer Kursteilnehmerin, beide stehend Zu­sätz­li­che Un­ter­richts­stun­den in wech­seln­dem Um­fang als Dau­er­zu­stand?

02.01.2014. Die be­fris­te­te Auf­sto­ckung der Ar­beits­zeit ist manch­mal ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers. Dann ist die Be­fris­tung un­wirk­sam.

Die Be­fris­tung ei­ner Ar­beits­zeit­er­hö­hung kann vor al­lem dann un­wirk­sam sein, wenn ei­ne sol­che Ver­ein­ba­rung auf die an­de­re folgt, so dass der Ar­beit­neh­mer im Lau­fe der Jah­re durch­ge­hend län­ger ar­bei­tet als ei­gent­lich ver­trag­lich vor­ge­se­hen, sich aber auf die er­höh­ten Ar­beits­zei­ten und das ent­spre­chend er­höh­te Ge­halt nicht ver­las­sen kann.

Ar­beit­neh­mer kön­nen sich ge­gen ei­ne sol­che jah­re­lan­ge Ket­ten­be­fris­tung von Ar­beits­zeit­er­hö­hun­gen zur Wehr set­zen, wenn der be­fris­tet er­höh­te An­teil der Ar­beits­zeit "er­heb­lich" ist und wenn der Ar­beit­ge­ber mit die­ser Vor­ge­hens­wei­se Miss­brauch treibt: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 17.06.2013, 1 Sa 2/13.

Erhöhung der wöchent­li­chen Ar­beits­zeit durch im­mer er­neut be­fris­te­te Ver­ein­ba­run­gen?

Wer oh­ne Sach­grund länger als zwei Jah­re auf der Grund­la­ge ei­nes be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags beschäftigt wird, kann auf Ent­fris­tung kla­gen, d.h. auf die Fest­stel­lung, dass die zu­letzt ver­ein­bar­te Be­fris­tung un­wirk­sam ist. Denn um ei­ner cle­ve­ren "Ver­mei­dung" des Kündi­gungs­schut­zes durch im­mer er­neu­te Be­fris­tun­gen ei­nen Rie­gel vor­zu­schie­ben, können Zeit­verträge oh­ne Sach­grund gemäß § 14 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG) nicht länger als ma­xi­mal für zwei Jah­re ver­ein­bart wer­den.

Ge­gen ei­ne Be­fris­tung von Ver­trags­be­stand­tei­len hilft § 14 Tz­B­fG aber nicht, denn die­se Vor­schrift gilt nur für die Be­fris­tung des ge­sam­ten Ar­beits­verhält­nis­ses. Trotz­dem ist die so­zia­le Un­si­cher­heit für die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer ver­gleich­bar groß, wenn sie sich über Jah­re hin­weg auf ei­nen be­stimm­ten Um­fang ih­rer Tätig­keit und da­mit ih­res Ge­hal­tes nicht ver­las­sen können, weil die Auf­sto­ckung ih­rer Ar­beits­zeit im­mer zeit­lich be­fris­tet ver­ein­bart wird.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat da­her ent­schie­den, dass die in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen (AGB) ent­hal­te­ne Be­fris­tung der Erhöhung der Ar­beits­zeit "in ei­nem er­heb­li­chen Um­fang" ei­ne un­an­ge­mes­se­ne Be­nach­tei­li­gung des Ar­beit­neh­mers im Sin­ne von § 307 Abs.1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ist, wenn der Ar­beit­ge­ber für die­se Teil­be­fris­tung kei­ne Sach­gründe vor­wei­sen kann, die ei­ne Be­fris­tung des ge­sam­ten Ver­trags gemäß § 14 Abs.1 Tz­B­fG recht­fer­ti­gen würden (BAG, Ur­teil vom 15.12.2011, 7 AZR 394/10). Ein sol­cher Sach­grund könn­te z.B. die Ver­tre­tung ei­nes an­de­ren Ar­beit­neh­mers sein.

Die­se Recht­spre­chung ist lei­der ziem­lich un­klar: Ei­ner­seits soll das Tz­B­fG im All­ge­mei­nen über­haupt nicht für die Be­fris­tung von Ver­trags­be­stand­tei­len gel­ten. An­de­rer­seits sol­len die Sach­gründe des § 14 Abs.1 Tz­B­fG trotz­dem bei der Kon­trol­le der (Un-)An­ge­mes­sen­heit ei­ner im "Klein­ge­druck­ten" ent­hal­te­nen be­fris­te­ten Ar­beits­zeit­auf­sto­ckung an­zu­wen­den sein.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg hat in ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil ei­nem in Teil­zeit beschäftig­ten Leh­rer Recht ge­ge­ben, der mehr als zehn Jah­re lang im­mer er­neu­te be­fris­te­te Ar­beits­zeit­erhöhun­gen mit­ge­macht hat und zu­letzt wie­der auf sei­ne ursprüng­li­che ar­beits­ver­trag­li­che hal­be Stel­le zurück­fal­len soll­te.

Der Fall des LAG Ba­den-Würt­tem­berg: In Teil­zeit beschäftig­ter Leh­rer macht über zehn Jah­re lang be­fris­te­te Ar­beits­zeit­verlänge­run­gen mit

Im Streit­fall hat­te ein an­ge­stell­ter Leh­rer ge­klagt, der im Be­reich der Erz­diöze­se Frei­burg bei ei­nem ka­tho­li­schen Schulträger seit Sep­tem­ber 2000 mit ei­ner hal­ben Stel­le fest an­ge­stellt war. In der Zeit von Sep­tem­ber 2001 bis Sep­tem­ber 2012, d.h. elf Jah­re lang, ver­ein­bar­te er mit dem Ar­beit­ge­ber im­mer er­neut für ein Schul­jahr ei­ne be­fris­te­te Auf­sto­ckung sei­ner Un­ter­richts­stun­den, wo­bei die Be­fris­tun­gen in AGB des Ar­beit­ge­bers ent­hal­ten wa­ren. In ei­ni­gen Jah­ren ent­sprach die Ar­beits­zeit ei­ner Voll­zeit­stel­le.

Ob­wohl der Leh­rer um ei­ne dau­er­haf­te Erhöhung sei­ner Ar­beits­zeit ge­be­ten hat­te, wur­de ihm die­se ver­wei­gert. Und auch zu wei­te­ren be­fris­te­ten Ar­beits­zeit­erhöhun­gen war der Ar­beit­ge­ber ab Sep­tem­ber 2012 nicht mehr be­reit.

Die zu­letzt ver­ein­bar­te und im Sep­tem­ber 2012 aus­lau­fen­de Zeit­auf­sto­ckung be­trug gut vier Un­ter­richts­stun­den, so dass die ge­sam­te Ar­beits­zeit ei­ner Zwei-Drit­tel-Stel­le ent­sprach. Die­se woll­te der Leh­rer dau­er­haft ha­ben und klag­te da­her auf die ent­spre­chen­de ge­richt­li­che Fest­stel­lung.

Da­mit hat­te er vor dem Ar­beits­ge­richt Ulm Er­folg (Ur­teil vom 10.12.2012, 4 Ca 280/12). Sei­ne wei­ter­ge­hen­de Kla­ge auf Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers, ei­ner Voll­zeittätig­keit zu­zu­stim­men, wur­de da­ge­gen ab­ge­wie­sen, da die­ses Kla­ge­ziel nur auf der Grund­la­ge von § 9 Tz­B­fG be­gründet ge­we­sen wäre. Hier­zu wäre ei­ne freie Voll­zeit­stel­le er­for­der­lich ge­we­sen, die es aber nicht gab.

LAG Ba­den-Würt­tem­berg: Der Un­ter­schied zwi­schen ei­ner hal­ben und ei­ner Zwei­drit­tel­stel­le ist "er­heb­lich" und ei­ne elfjähri­ge Auf­sto­ckung per Ket­ten­be­fris­tung miss­bräuch­lich

Das LAG wies die Be­ru­fung des Schulträgers zurück und ent­schied, dass der Leh­rer ei­nen Ar­beits­ver­trag mit 16 Un­ter­richt­stun­den hat.

In sei­ner Be­gründung be­wer­tet das Ge­richt den zeit­li­chen und fi­nan­zi­el­len Un­ter­schied zwi­schen ei­ner hal­ben und ei­ner Zwei­drit­tel­stel­le als "er­heb­lich" im Sin­ne der Vor­ga­ben des BAG, so dass der Ar­beit­ge­ber ei­nen Sach­grund für die im­mer er­neu­te Be­fris­tung der Verlänge­rung der Ar­beits­zeit im Sin­ne von § 14 Abs.1 Tz­B­fG be­le­gen muss­te.

Das konn­te er zwar, denn die um­strit­te­ne letz­te Auf­sto­ckung von 12 auf 16 Un­ter­richts­stun­den für die Zeit von Sep­tem­ber 2011 bis Sep­tem­ber 2012 war durch die Pro­gno­se ge­recht­fer­tigt, dass der Be­darf an den zusätz­li­chen vier St­un­den nur vorüber­ge­hend im Sin­ne von § 14 Abs.1 Satz 2 Nr.1 Tz­B­fG sein würde. Denn in­fol­ge der Re­du­zie­rung der Gym­na­si­al­zeit von neun (G 9) auf acht Jah­re (G 8) war künf­tig mit ver­min­der­ten Schüler­zah­len zu rech­nen.

Das half dem Ar­beit­ge­ber aber letzt­lich nicht, denn das LAG be­wer­te­te sei­ne langjähri­ge Verlänge­rungs­pra­xis trotz­dem als Rechts­miss­brauch, wo­bei es sich auf das Ur­teil des BAG vom 18.07.2012, 7 AZR 443/09 (Kücük) be­rief (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/263 Ket­ten­be­fris­tung kann Miss­brauch sein). Da­zu das LAG:

"Der Kläger ist seit 01.02.1995 auf der Grund­la­ge von 19 be­fris­te­ten Ar­beits­verträgen und ei­nem un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag bei der Be­klag­ten beschäftigt. Bis zum Schul­jahr 2000/2001 wa­ren die Ar­beits­verträge ins­ge­samt be­fris­tet. Seit dem Ab­schluss des un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags vom 12./16.08.2000 mit ei­ner Teil­zeit­beschäfti­gung von 12 Wo­chen­stun­den schlos­sen die Par­tei­en zahl­rei­che Zu­satz­verträge über ei­ne be­fris­te­te Ar­beits­zeit­erhöhung ab. Die Auf­sto­ckun­gen pen­del­ten hier­bei zwi­schen 3 Wo­chen­stun­den und 13 Wo­chen­stun­den. Auf­grund sei­ner persönli­chen Le­bens­si­tua­ti­on war der Kläger an ei­ner be­fris­te­ten Teil­zeit­beschäfti­gung nie in­ter­es­siert."

Vor die­sem Hin­ter­grund war die im­mer wie­der be­fris­te­te Auf­sto­ckung der Ar­beits­zeit im We­ge der Ket­ten­be­fris­tung miss­bräuch­lich und da­her un­wirk­sam, so das LAG. An­ge­sichts der mehr als 10jähri­gen be­fris­te­ten Ar­beits­zeit­auf­sto­ckun­gen be­wer­te­te das Ge­richt das In­ter­es­se des Leh­rers an ei­nem un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag als vor­ran­gig.

Da­bei ver­weist es nicht nur auf sein In­ter­es­se an ei­nem dau­er­haf­ten Aus­kom­men und ei­ner länger­fris­ti­gen Le­bens­pla­nung, son­dern auch dar­auf, dass der von Jahr zu Jahr wech­seln­de Um­fang der Auf­sto­ckun­gen noch nicht ein­mal mit der Pla­nung ei­ner an­der­wei­ti­gen Ne­bentätig­keit ver­ein­bar war.

Fa­zit: Das Ur­teil ist nicht nur für eher spe­zi­el­len Fall ei­ner Be­fris­tung von Ver­trags­be­stand­tei­len von Be­deu­tung, son­dern auch für die Fra­ge, un­ter wel­chen Umständen des Ein­zel­falls die Be­fris­tung des ge­sam­ten Ver­trags "miss­bräuch­lich" ist. Bei die­ser Fra­ge kommt es nämlich auf ei­ne um­fas­sen­de Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen im Ein­zel­fall an. Die­se In­ter­es­sen­abwägung wird in ähn­li­cher Wei­se auch in Kündi­gungsfällen prak­ti­ziert.

Prak­tisch ge­se­hen ist Ar­beit­neh­mern zu emp­feh­len, be­reits nach ei­ner Ket­ten­be­fris­tung von ei­ner Ge­samt­dau­er von sechs bis sie­ben Jah­ren an­walt­lich prüfen zu las­sen, ob ei­ne Ent­fris­tungs­kla­ge sinn­voll ist oder (noch) nicht. Im vor­lie­gen­den Fall hätte sich der Leh­rer bes­ser ge­stan­den, wenn er die zu­vor ver­ein­bar­te Be­fris­tung an­ge­grif­fen hätte, denn dann hätte er auf die Fest­stel­lung des Be­ste­hens ei­nes voll­zei­ti­gen Ar­beits­verhält­nis­ses kla­gen können.

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Letzte Überarbeitung: 6. Oktober 2016

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