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LAG Köln, Ur­teil vom 16.01.2007, 9 Sa 1011/06

   
Schlagworte: Ausschlussfrist
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Köln
Aktenzeichen: 9 Sa 1011/06
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 16.01.2007
   
Leitsätze: Ist einzelvertraglich vereinbart, dass die Ansprüche aus dem Arbeitsverhältnis verfallen, wenn sie nicht innerhalb von 3 Monaten nach Fälligkeit gegenüber der anderen Vertragspartei schriftlich geltend gemacht werden (1. Stufe), und sie nach Ablehnung oder Nichterklärung nicht innerhalb eines Monats gerichtlich geltend gemacht werden (2. Stufe), berührt die Unwirksamkeit der zweiten Stufe der Ausschlussklausel nicht die Wirksamkeit der ersten Stufe.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Köln
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, 9 Sa 1011/06

 

Te­nor:

1. Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Köln vom 25. Ju­li 2006 – 11 Ca 2180/06 – wird kos­ten­pflich­tig zurück­ge­wie­sen.

2. Die Re­vi­si­on ge­gen die­ses Ur­teil wird zu­ge­las­sen.

 

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über Prämi­en­ansprüche aus dem Jahr 2004. 

Der Kläger, ge­bo­ren am 2. Ju­li 1953, war auf­grund ei­nes schrift­li­chen For­mu­lar- Ar­beits­ver­tra­ges vom 3. Ju­li 2002 bei der Be­klag­ten als Geschäfts­lei­ter zu ei­nem mo­nat­li­chen Ge­halt in Höhe von zu­letzt EUR 4.600,00 beschäftigt.

Un­ter Ziff. 17 des Ar­beits­ver­tra­ges hat­ten die Par­tei­en Fol­gen­des be­stimmt:

"Al­le bei­der­sei­ti­gen Ansprüche aus dem Ar­beits­ver­trag und sol­che, die mit dem Ar­beits­ver­trag in Ver­bin­dung ste­hen, ver­fal­len, wenn sie nicht in­ner­halb von drei Mo­na­ten nach Fällig­keit ge­genüber der an­de­ren Ver­trags­par­tei schrift­lich er­ho­ben wer­den. Lehnt die Ge­gen­par­tei den An­spruch ab oder erklärt sie sich nicht in­ner­halb von zwei Wo­chen nach der Gel­tend­ma­chung des An­spruchs, so verfällt die­ser, wenn er nicht in­ner­halb ei­nes Mo­nats nach Ab­leh­nung oder Frist­ab­lauf ge­richt­lich gel­tend ge­macht wird."

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Un­ter dem 17. De­zem­ber 2003 ver­ein­bar­ten die Par­tei­en ei­ne Prämi­en­re­ge­lung, wo­nach an den Kläger als Geschäfts­lei­ter ei­ne vier­teljähr­li­che Um­satz­prämie in Höhe von EUR 4.500,00 er­hal­ten soll­te, wenn der bud­ge­tier­te Um­satz der Nie­der­las­sung mit ei­nem Grad von min­des­tens 104,0 % er­reicht wur­de. Zu­gleich soll­te der Kläger ei­ne Jah­res­prämie in Höhe von EUR 20.000,00 er­hal­ten, wenn das bud­ge­tier­te Er­geb­nis der Nie­der­las­sung mit ei­nem Grad von min­des­tens 110,0 % er­reicht wur­de.

Un­ter Ziff. 5 der Prämi­en­re­ge­lung wur­de u. a. be­stimmt, dass es sich um frei­wil­li­ge Leis­tun­gen hand­le, auf die kein Rechts­an­spruch für Fol­ge­jah­re be­ste­he. Ins­be­son­de­re ste­he der Be­klag­ten auch das Recht zu, die Höhe der Prämi­en so­wie die zur Be­rech­nung re­le­van­ten Eck­wer­te ent­spre­chend der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung so­wie bei be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­sen ein­sei­tig zu ändern. Re­kla­ma­tio­nen des Prämien­empfängers müss­ten in­ner­halb von 4 Wo­chen nach Fest­stel­lung der Prämi­enhöhe bzw. Zah­lung er­fol­gen. Da­nach gel­te die Prämie als rich­tig an­er­kannt.

Der Kläger erfüll­te die ge­nann­ten Prämi­en­vor­aus­set­zun­gen so­wohl hin­sicht­lich der Um­satz­prämie für das 4. Quar­tal 2004 als auch hin­sicht­lich der Jah­res­prämie für das Jahr 2004. Die Be­klag­te zahl­te mit der Ab­rech­nung für Ja­nu­ar 2005 die Um­satz­prämie für das 4. Quar­tal 2004 le­dig­lich in Höhe von EUR 2.250,00 brut­to und mit der Ab­rech­nung für April 2005 die Jah­res­prämie für das Jahr 2004 le­dig­lich in Höhe von EUR 10.000,00 brut­to.

Nach­dem die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis mit Schrei­ben vom 22. Fe­bru­ar 2006 zum 30. April 2006 gekündigt hat­te, er­hob der Kläger mit ei­nem am 15. März 2006 beim Ar­beits­ge­richt Köln ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz so­wohl Kündi­gungs­schutz­kla­ge als auch Kla­ge auf Zah­lung der rest­li­chen Um­satz­prämie in Höhe von EUR 2.250,00 brut­to und der Jah­res­prämie in Höhe von EUR 10.000,00 brut­to. Die Par­tei­en ver­ein­bar­ten durch ge­richt­li­chen Teil­ver­gleich ei­ne Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zum 30. April 2006 und die Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung in Höhe von EUR 8.500,00 brut­to durch die Be­klag­te an den Kläger.

Der Kläger hat erst­in­stanz­lich vor­ge­tra­gen, sei­ne Prämi­en­ansprüche sei­en nicht ver­fal­len, ob­wohl er sie nicht bin­nen der un­ter Ziff. 17 des Ar­beits­ver­tra­ges be­stimm­ten Aus­schluss­frist schrift­lich gel­tend ge­macht ha­be. Es lie­ge ei­ne mehr­deu­ti­ge Ver­fall­re­ge­lung vor, weil un­ter Ziff. 5 der Prämi­en­re­ge­lung nur ei­ne form­lo­se Gel­tend­ma­chung in­ner­halb von 4 Wo­chen nach der Zah­lung vor­aus­ge­setzt wor­den sei. Ab­ge­se­hen da­von sei die Ver­fall­fris­ten­re­ge­lung ins­ge­samt un­wirk­sam, weil die Re­ge­lung über die ge­richt­li­che Gel­tend­ma­chung als zwei­te Stu­fe zu ei­ner un­an­ge­mes­se­nen Be­nach­tei­li­gung führe.

Der Kläger hat be­an­tragt, 

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn EUR 12.250,00 nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins von EUR 2.250,00 seit dem 15 .Ja­nu­ar 2005 und von EUR 10.000,00 seit dem 1. Mai 2005 zu zah­len.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt, 

die Kla­ge ab­zu­wei­sen. 

Die Be­klag­te hat erst­in­stanz­lich vor­ge­tra­gen, der Kläger selbst ha­be ge­genüber ih­rem Geschäftsführer erklärt, dass sei­ne Zah­len nicht gut sei­en. Sie hat sich auf die ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung be­ru­fen. Die Be­stim­mung, wo­nach die Ansprüche bin­nen 3 Mo­na­ten nach Fällig­keit schrift­lich gel­tend zu ma­chen sei­en, sei wirk­sam.

Das Ar­beits­ge­richt Köln hat durch Ur­teil vom 25. Ju­li 2006 die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Zu Be­gründung hat es aus­geführt, die ers­te Stu­fe der Aus­schluss­frist mit der Be­stim­mung über die schrift­li­che Gel­tend­ma­chung bin­nen 3 Mo­na­ten nach Fällig­keit sei wirk­sam. Die Un­wirk­sam­keit der zwei­ten Stu­fe der Aus­schluss­frist mit der Be­stim­mung über die

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ge­richt­li­che Gel­tend­ma­chung bin­nen ei­nes wei­te­ren Mo­nats sei zwar un­wirk­sam und
des­halb er­satz­los zu strei­chen. Dies berühre aber nicht die Wirk­sam­keit der Re­ge­lung über die schrift­li­che Gel­tend­ma­chung.

Das Ur­teil ist dem Kläger am 4. Au­gust 2006 zu­ge­stellt wor­den. Er hat hier­ge­gen am 4. Sep­tem­ber 2006 Be­ru­fung ein­le­gen und die­se – nach Verlänge­rung der Be­ru­fungs­be­gründungs­frist bis zum 6. No­vem­ber 2006 – am 6. No­vem­ber 2006 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt be­gründen las­sen.

Er ist wei­ter­hin der An­sicht, auf­grund der ge­son­der­ten Be­stim­mung un­ter Ziff. 5 der Prämi­en­ver­ein­ba­rung lie­ge ei­ne mehr­deu­ti­ge Ver­fall­re­ge­lung vor. Zu­dem führe die Un­wirk­sam­keit der zwei­ten Stu­fe der Ver­fall­frist auch zur Un­wirk­sam­keit der ers­ten Stu­fe, da die Fris­ten­re­ge­lun­gen auf­ein­an­der auf­bau­ten.

In der münd­li­chen Ver­hand­lung am 16. Ja­nu­ar 2007 hat er erklärt, er ha­be nach Er­halt der Zah­lun­gen je­weils bin­nen 2 Wo­chen bei Tref­fen mit dem Geschäftsführer der Be­klag­ten re­kla­miert, dass ihm nicht die Um­satz­prämie in Höhe von EUR 4.500,00 und die Jah­res­prämie in Höhe von EUR 20.000,00 ge­zahlt wor­den sei­en. Sei­ne Ar­beits­leis­tung sei gut ge­we­sen, was sich schon aus dem Grad er­ge­be, mit dem er die Um­satz­vor­ga­be er­reicht ha­be. Er ha­be von der wei­te­ren Gel­tend­ma­chung Ab­stand ge­nom­men, nach­dem ihm der Geschäftsführer für die­sen Fall den Aus­spruch ei­ner Kündi­gung an­ge­deu­tet ha­be.

Der Kläger be­an­tragt, 

un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Köln vom 25. Ju­li 2006 – 11 Ca 2180/06 – ent­spre­chend dem erst­in­stanz­li­chen An­trag zu er­ken­nen.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen. 

Sie ist wei­ter der An­sicht, der An­spruch sei ver­fal­len, weil der Kläger die ers­te Stu­fe der Aus­schluss­frist nicht ge­wahrt ha­be.

In der münd­li­chen Ver­hand­lung am 16. Ja­nu­ar 2007 hat die Be­klag­te gel­tend ge­macht, nach Ziff. 5 der Prämi­en­ver­ein­ba­rung sei sie be­rech­tigt ge­we­sen, die Prämi­en ab­wei­chend von den grundsätz­lich gel­ten­den Be­rech­nungssätzen "ent­spre­chend der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung so­wie bei be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­sen" in der ge­zahl­ten Höhe fest­zu­le­gen. Der Kläger ha­be nicht durch sei­nen Ar­beits­ein­satz die Umsätze in der Nie­der­las­sung er­zielt. Viel­mehr sei­en sie we­sent­lich auf die vorüber­ge­hen­de Sch­ließung ei­nes in der Nähe be­find­li­chen Kon­kur­renz­be­trie­bes zurück­zuführen. Der Kläger ha­be nicht münd­lich dar­auf be­stan­den, ihm höhe­re Prämi­en zu zah­len.

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird auf den Ak­ten­in­halt ver­wie­sen.

Ent­schei­dungs­gründe

I. Die Be­ru­fung ist zulässig. 

Sie ist nach § 64 Abs. 2 b ArbGG statt­haft und in­ner­halb der Fris­ten nach § 66 Abs. 1 S. 1 ArbGG ein­ge­legt und be­gründet wor­den.

II. Die Be­ru­fung ist aber nicht be­gründet. 

Der Kläger hat kei­nen An­spruch ge­gen die Be­klag­te auf Zah­lung ei­ner höhe­ren Prämie für das 4. Quar­tal 2004 und für das Jahr 2004.

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1. Zwar ist der An­spruch des Klägers auf Zah­lung der Prämi­en in der von ihm ver­lang­ten 32 Höhe nach Ziff. 1 (Um­satz­prämie) und Ziff. 2 (Jah­res­prämie) der Ver­ein­ba­rung vom 17. De­zem­ber 2003 ent­stan­den.

Die Be­klag­te hat nicht be­strit­ten, dass dem Kläger nach den un­ter Ziff. 1 und 2 der Prämi­en­re­ge­lung fest­ge­leg­ten Vor­aus­set­zun­gen ein An­spruch auf ei­ne Prämie für das 4. Quar­tal 2004 in Höhe von EUR 4.500,00 und für das Jahr 2004 in Höhe von EUR 20.000,00 zu­stand.

Aus dem erst­mals in der Be­ru­fungs­ver­hand­lung er­folg­ten bloßen Hin­weis der Be­klag­ten auf den Frei­wil­lig­keits­vor­be­halt (Ziff. 5 Abs. 1 S. 2) und den ein­sei­ti­gen Ände­rungs­vor­be­halt (Ziff. 5 Abs. 1 S. 3) er­gibt sich nicht ein­mal, wel­che "wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung und wel­che be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­se" zu ei­ner Abände­rung der Prämi­enhöhe und der zur Be­rech­nung re­le­van­ten Eck­wer­te geführt ha­ben sol­len. Ab­ge­se­hen da­von be­geg­net die Re­ge­lung auch recht­li­chen Be­den­ken, so­wohl was den Frei­wil­lig­keits- als auch den Ände­rungs­vor­be­halt an­geht. Aus der all­ge­mein ge­hal­te­nen Fas­sung der Prämi­en­be­stim­mun­gen für Geschäfts­lei­ter er­gibt sich, dass die Re­ge­lung im Be­trieb der Be­klag­ten stan­dardmäßig An­wen­dung fin­det und es sich da­her um All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen im Sin­ne der §§ 305 ff. BGB han­delt. Nach §§ 307 Abs. 1 und Abs. 2, 308 Nr. 4 BGB müssen die Vor­aus­set­zun­gen und der Um­fang der vor­be­hal­te­nen Ände­run­gen möglichst kon­kre­ti­siert wer­den. Der Ar­beit­neh­mer muss er­ken­nen können, was ggf. auf ihn zu­kommt. Es reicht nicht, all­ge­mein auf die "wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung" oder "be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se" ab­zu­stel­len (vgl. BAG, Ur­teil vom 11. Ok­to­ber 2005 – 5 AZR 721/05 -; für Frei­wil­lig­keits­vor­be­hal­te: Lak­ies, AGB im Ar­beits­recht, Rdn. 620 ff.).

2. Die Gel­tend­ma­chung des An­spruchs auf Zah­lung der höhe­ren Prämi­en ist auch nicht nach Ziff. 5 Ab­satz 4 der Prämi­en­re­ge­lung aus­ge­schlos­sen.

Da­nach müssen Re­kla­ma­tio­nen des Prämien­empfängers in­ner­halb von 4 Wo­chen nach Fest­stel­lung der Prämi­enhöhe bzw. Zah­lung er­fol­gen, an­sons­ten gilt die Prämie als rich­tig an­er­kannt. Für die Re­kla­ma­tio­nen be­steht kei­ne Form­vor­schrift.

Der Kläger hat vor­ge­tra­gen, er ha­be nach Er­halt der Zah­lun­gen je­weils bin­nen 2 Wo­chen münd­lich bei dem Geschäftsführer be­an­stan­det, dass ihm die Um­satz- und die Jah­res­prämie nicht in vol­ler Höhe ge­zahlt wor­den sei­en. Die Be­klag­te hat zwar be­strit­ten, dass der Kläger die Zah­lung der höhe­ren Prämi­en ver­langt hat. Je­doch er­gibt sich auch aus ih­rem Vor­brin­gen, dass über die Be­rech­nung der Prämie ge­spro­chen wor­den ist. Ihr Vor­brin­gen, der Kläger ha­be im Zu­sam­men­hang mit der Prämie erklärt, sei­ne Zah­len sei­en nicht gut und er wer­de kei­ne wei­te­ren Prämi­en­ansprüche gel­tend ma­chen, macht nur Sinn, wenn zu­vor die un­zu­tref­fen­de Be­rech­nung erörtert wor­den war.

Ab­ge­se­hen da­von be­ste­hen recht­li­che Be­den­ken ge­gen die Wirk­sam­keit die­ser Be­stim­mung.

Wie be­reits aus­geführt, han­delt es sich bei der Prämi­en­re­ge­lung um All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen im Sin­ne der §§ 305 ff. BGB. Nach § 308 Ziff. 5 BGB sind Re­ge­lun­gen über fin­gier­te Erklärun­gen un­wirk­sam, es sei denn, dass dem Ver­trags­part­ner ei­ne an­ge­mes­se­ne Frist zur Ab­ga­be ei­ner aus­drück­li­chen Erklärung ein­geräumt ist und der Ver­wen­der sich ver­pflich­tet, den Ver­trags­part­ner bei Be­ginn der Frist auf die vor­ge­se­he­ne Be­deu­tung sei­nes Ver­hal­tens be­son­ders hin­zu­wei­sen.

Da­nach ist die Klau­sel schon des­halb un­wirk­sam, weil sie nicht klar­stellt, dass die Erklärungs­fik­ti­on nur dann ein­tritt, wenn die Be­klag­te den er­for­der­li­chen Hin­weis auf die Erklärungs­fik­ti­on (An­er­ken­nung der Prämi­enhöhe) tatsächlich er­teilt hat (vgl. PWW/KP Ber­ger, BGB, § 308 Rdn. 41). Im Übri­gen be­ste­hen kei­ne An­halts­punk­te dafür, dass die Be­klag­te bei Zah­lung der Prämi­en auch ei­nen sol­chen Hin­weis tatsächlich er­teilt hat.

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3. Je­doch ist der An­spruch auf Zah­lung der höhe­ren Prämi­en nach Ziff. 17 S. 1 des schrift­li­chen Ar­beits­ver­tra­ges vom 3. Ju­li 2002 ver­fal­len, weil der Kläger nicht bin­nen 3 Mo­na­ten nach Fällig­keit den je­wei­li­gen Dif­fe­renz­be­trag schrift­lich ge­genüber der Be­klag­ten gel­tend ge­macht hat.

a. Die ver­trag­lich ver­ein­bar­te Ver­fall­klau­sel ist rechts­wirk­sam, so­weit sie die schrift­li­che Gel­tend­ma­chung der bei­der­sei­ti­gen Ansprüche aus dem Ar­beits­ver­trag in­ner­halb von 3 Mo­na­ten nach Fällig­keit vor­schreibt.

aa. In For­mu­lar­ar­beits­verträgen können Aus­schluss­fris­ten ver­ein­bart wer­den. Die §§ 305 ff. BGB ent­hal­ten kei­ne Be­stim­mun­gen, die Aus­schluss­fris­ten ge­ne­rell für un­wirk­sam erklären.

Die zwi­schen den Par­tei­en ver­ein­bar­te Aus­schluss­klau­sel un­ter­liegt der In­halts­kon­trol­le gemäß §§ 307 bis 309 BGB. Die Aus­schluss­frist stellt ei­ne von Rechts­vor­schrif­ten ab­wei­chen­de Re­ge­lung (§ 307 Abs. 3 S. 1 BGB) dar; denn ge­setz­lich blei­ben Ansprüche ab­ge­se­hen von ei­ner Ver­wir­kung (§ 242 BGB) er­hal­ten und sind nur im Rah­men des Verjährungs­rechts gel­tend zu ma­chen. Die Klau­sel ent­spricht auch nicht ei­ner ta­rif­li­chen Be­stim­mung oder an­de­ren Norm im Sin­ne des § 310 Abs. 4 S. 3 BGB, die auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en un­mit­tel­bar An­wen­dung fin­den kann (vgl. BAG, Ur­teil vom 1. März 2006 – 5 AZR 511/05 -).

bb. Zunächst kann an­ge­sichts der äußeren Ge­stal­tung der Ver­trags­be­stim­mung und der Üblich­keit von ein- und zwei­stu­fi­gen Aus­schluss­klau­seln im Ar­beits­le­ben von ei­ner über­ra­schen­den oder un­gewöhn­li­chen Klau­sel im Sin­ne des § 305 c BGB kei­ne Re­de sein (vgl. BAG, Ur­teil vom 25. Mai 2005 – 5 AZR 572/04 -).

cc. Die Klau­sel ist nicht nach § 307 Abs. 1 S. 1 in Ver­bin­dung mit Abs. 2 Nr. 1 BGB un­wirk­sam. Nach die­ser Rechts­norm sind Be­stim­mun­gen in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen un­wirk­sam, wenn sie den Ver­trags­part­ner des Ver­wen­ders ent­ge­gen den Ge­bo­ten von Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­li­gen. Ei­ne ein­zel­ver­trag­li­che Aus­schluss­frist, die die schrift­li­che Gel­tend­ma­chung al­ler Ansprüche aus dem
Ar­beits­verhält­nis in­ner­halb ei­ner Frist von 3 Mo­na­ten ab Fällig­keit ver­langt, be­nach­tei­ligt den Ar­beit­neh­mer nicht un­an­ge­mes­sen (vgl. BAG, Ur­teil vom 28. Sep­tem­ber 2005 – 5 AZR 52/05 -).

dd. Die Re­ge­lung verstößt auch nicht ge­gen das Trans­pa­renz­ge­bot des § 307 Abs. 1 S. 2 BGB. Aus­drück­lich wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Ansprüche bei un­ter­las­se­ner schrift­li­cher Gel­tend­ma­chung "ver­fal­len". So­weit der Kläger gel­tend macht, aus dem Ne­ben­ein­an­der der ar­beits­ver­trag­li­chen Aus­schluss­frist und der be­son­de­ren Re­ge­lung un­ter Ziff. 5 Ab­satz 4 der Prämi­en­ver­ein­ba­rung über die Frist für Re­kla­ma­tio­nen er­ge­be sich die feh­len­de Trans­pa­renz, kann dem nicht ge­folgt wer­den. Die Re­ge­lun­gen ha­ben ei­nen un­ter­schied­li­chen In­halt. Un­ter Ziff. 5 Ab­satz 4 der Prämi­en­ver­ein­ba­rung geht es aus­sch­ließlich um die Be­an­stan­dung, die Prämie sei nicht rich­tig be­rech­net wor­den, wo­hin­ge­gen die Aus­schluss­frist ei­ne schrift­li­che Gel­tend­ma­chung ver­langt, wenn die Prämie nicht ge­zahlt wird.

ee. Die Un­wirk­sam­keit der zwei­ten Stu­fe der Aus­schluss­klau­sel führt nicht zum er­satz­lo­sen Weg­fall der ge­sam­ten Ver­fall­re­ge­lung.

Die Un­wirk­sam­keit der Re­ge­lung, wo­nach bei Ab­leh­nung oder Nichterklärung nach schrift­li­cher Gel­tend­ma­chung in­ner­halb ei­nes Mo­nats ei­ne ge­richt­li­che Gel­tend­ma­chung er­fol­gen muss, er­gibt sich aus § 307 Abs. 1 S. 1 in Ver­bin­dung mit Abs. 2 Nr. 1 BGB, da die Frist zu kurz ist und des­halb zu ei­ner un­an­ge­mes­se­nen Be­nach­tei­li­gung führt. Ei­ne sog. gel­tungs­er­hal­ten­de Re­duk­ti­on in dem Sin­ne, dass die Aus­schluss­klau­sel auf ei­ne ge­ra­de noch oder in je­dem Fal­le zulässi­ge Dau­er aus­zu­deh­nen wäre, kommt nicht in Be­tracht. § 306 BGB sieht ei­ne sol­che Rechts­fol­ge nicht vor (vgl. BAG, Ur­teil vom 25. Mai 2005 – 5 AZR

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572/04 -).

Die zulässi­ge ers­te Stu­fe der Aus­schluss­klau­sel wird aber nicht da­durch un­wirk­sam, dass zur Wah­rung der Aus­schluss­frist zusätz­lich noch in der zwei­ten Stu­fe die ge­richt­li­che Gel­tend­ma­chung ver­langt wird und die­se Frist zu kurz be­mes­sen ist. Denn die Klau­sel ist teil­bar, d. h. sie lässt sich mit ih­rer wirk­sa­men ers­ten Stu­fe auf­recht­er­hal­ten. Sie ist aus sich her­aus verständ­lich und lässt sich sinn­voll in ei­nen zulässi­gen Re­ge­lungs­teil (1. Stu­fe) und ei­nen un­zulässi­gen (2. Stu­fe) tren­nen. Ei­ne sprach­lich ab­trenn­ba­re Be­stim­mung liegt vor, wenn der un­wirk­sa­me Teil der Ver­trags­be­stim­mung ge­stri­chen wer­den kann, oh­ne das der Sinn der rest­li­chen Klau­sel dar­un­ter lei­det (sog. blue-pen­cil-test). Dies kol­li­diert nicht mit dem Ver­bot der gel­tungs­er­hal­ten­den Re­duk­ti­on, weil nicht das Ge­richt ei­ne Klau­sel von sich aus auf das zulässi­ge Maß re­du­ziert, son­dern ei­ne sprach­lich und in­halt­lich teil­ba­re Klau­sel oh­ne ih­re un­zulässi­gen Be­stand­tei­le mit ih­rem zulässi­gen In­halt auf­recht­er­hal­ten wird (vgl. da­zu: Pa­landt-Hein­richs, BGB, 65. Aufl., Vorb. Vor § 307 Rdn. 11; PWW/KP Ber­ger, BGB, § 306 Rdn. 6; Lak­ies, AGB im Ar­beits­recht, Rdn. 373 f., 554; Rei­ne­cke BB 2005, S. 378, 382).

Die Par­tei­en ha­ben so­wohl von der Satz­stel­lung als auch vom In­halt her die ers­te Stu­fe von der zwei­ten Stu­fe der Aus­schluss­klau­sel ge­trennt. Der ers­te Satz der Aus­schluss­re­ge­lung be­trifft aus­sch­ließlich die schrift­li­che Gel­tend­ma­chung. An­ders als bei der im zwei­ten Satz ge­re­gel­ten Gel­tend­ma­chung durch ei­ne Kla­ge be­steht kei­ne Abhängig­keit von der an­de­ren Stu­fe. Nach Strei­chen des zwei­ten Sat­zes er­gibt sich ei­ne im Ar­beits­le­ben übli­che und zulässi­ge ein­zel­ver­trag­li­che ein­stu­fi­ge Aus­schluss­frist (vgl. da­zu: BAG, Ur­teil vom 28. Sep­tem­ber 2005 – 5 AZR 52/05 -).

b. Der Kläger hat un­strei­tig nicht bin­nen 3 Mo­na­ten nach Fällig­keit der Um­satz­prämie im Ja­nu­ar 2005 und der Jah­res­prämie im April 2005 die Zah­lung der höhe­ren Prämie schrift­lich ver­langt. Für die Rich­tig­keit sei­nes von der Be­klag­ten be­strit­te­nen Vor­brin­gens, der Geschäftsführer der Be­klag­ten ha­be ihm ei­ne Maßre­ge­lung durch den Aus­spruch ei­ner Kündi­gung an­ge­droht für den Fall, dass er die ent­stan­de­nen Ansprüche auf höhe­re Prämi­en gel­tend ma­che, hat er kei­nen Be­weis an­ge­tre­ten.

Nach al­le­dem war die Be­ru­fung mit der Kos­ten­fol­ge nach § 97 ZPO zurück­zu­wei­sen. 

Die Re­vi­si­on war zu­zu­las­sen we­gen der grundsätz­li­chen Be­deu­tung der Fra­ge, wie sich die Un­wirk­sam­keit der zwei­ten Stu­fe der Aus­schluss­frist auf die ers­te Stu­fe aus­wirkt.

Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ge­gen die­ses Ur­teil kann von 

RE­VISION

ein­ge­legt wer­den. 

Die Re­vi­si­on muss 

in­ner­halb ei­ner Not­frist* von ei­nem Mo­nat

schrift­lich beim 

Bun­des­ar­beits­ge­richt 

Hu­go-Preuß-Platz 1 

99084 Er­furt 

Fax: (0361) 2636 - 2000 

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ein­ge­legt wer­den. 

Die Not­frist be­ginnt mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, 

spätes­tens mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Re­vi­si­ons­schrift muss von ei­nem bei ei­nem deut­schen Ge­richt zu­ge­las­se­nen Rechts­an­walt un­ter­zeich­net sein.

* ei­ne Not­frist ist un­abänder­lich und kann nicht verlängert wer­den.

(Schwartz)

(Hu­dec)

(Klein)

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