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BVerfG, Be­schluss vom 06.07.2010, 2 BvR 2661/06

   
Schlagworte: Befristung, Diskriminierung: Alter, Europarecht
   
Gericht: Bundesverfassungsgericht
Aktenzeichen: 2 BvR 2661/06
Typ: Beschluss
Entscheidungsdatum: 06.07.2010
   
Leitsätze:

1. a) Eine Ultra-vires-Kontrolle durch das Bundesverfassungsgericht kommt nur in Betracht, wenn ein Kompetenzverstoß der europäischen Organe hinreichend qualifiziert ist. Das setzt voraus, dass das kompetenzwidrige Handeln der Unionsgewalt offensichtlich ist und der angegriffene Akt im Kompetenzgefüge zu einer strukturell bedeutsamen Verschiebung zulasten der Mitgliedstaaten führt.

b) Vor der Annahme eines Ultra-vires-Akts ist dem Gerichtshof der Europäischen Union im Rahmen eines Vorabentscheidungsverfahrens nach Art. 267 AEUV die Gelegenheit zur Vertragsauslegung sowie zur Entscheidung über die Gültigkeit und die Auslegung der fraglichen Handlungen zu geben, soweit er die aufgeworfenen Fragen noch nicht geklärt hat.

2. Zur Sicherung des verfassungsrechtlichen Vertrauensschutzes ist zu erwägen, in Konstellationen der rückwirkenden Nichtanwendbarkeit eines Gesetzes infolge einer Entscheidung des Gerichtshofs der Europäischen Union innerstaatlich eine Entschädigung dafür zu gewähren, dass ein Betroffener auf die gesetzliche Regelung vertraut und in diesem Vertrauen Dispositionen getroffen hat.

3. Nicht jede Verletzung der unionsrechtlichen Vorlagepflicht stellt einen Verstoß gegen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG dar. Das Bundesverfassungsgericht beanstandet die Auslegung und Anwendung von Zuständigkeitsnormen nur, wenn sie bei verständiger Würdigung der das Grundgesetz bestimmenden Gedanken nicht mehr verständlich erscheinen und offensichtlich unhaltbar sind. Dieser Willkürmaßstab wird auch angelegt, wenn eine Verletzung von Art. 267 Abs. 3 AEUV in Rede steht (Bestätigung von BVerfGE 82, 159 <194>).

Vorinstanzen:
   

BUN­DES­VER­FASSUN­GS­GERICHT

- 2 BvR 2661/06 -


IM NA­MEN DES VOL­KES

In dem Ver­fah­ren

über

die Ver­fas­sungs­be­schwer­de

der Fir­ma H... GmbH,
ge­setz­lich ver­tre­ten durch die Geschäftsführer,


- Be­vollmäch­tig­te: CMS Ha­sche Sig­le, Part­ner­schaft von Rechts­anwälten und Steu­er­be­ra­tern, Theo­dor-Heuss-Ring 19-21, 50668 Köln -

ge­gen das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 26. April 2006 - 7 AZR 500/04 -

hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt - Zwei­ter Se­nat - un­ter Mit­wir­kung der Rich­te­rin­nen und Rich­ter
Präsi­dent Voßkuh­le,
Broß,
Os­ter­loh,
Di Fa­bio,
Mel­ling­hoff, Lübbe-Wolff, Ger­hardt,
Land­au
am 6. Ju­li 2010 be­schlos­sen:

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de wird zurück­ge­wie­sen.

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G r ü n d e:


A.

I.

Die Be­schwer­deführe­rin ist ein Un­ter­neh­men der Au­to­mo­bil­zu­lie­fe­rung. Sie beschäftigt in ih­rer Pro­duk­ti­onsstätte in Schles­wig-Hol­stein über 1.200 Ar­beit­neh-mer. Mit dem Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens schloss sie am 18. Fe­bru­ar 2003 für den Zeit­raum vom 19. Fe­bru­ar 2003 bis zum 31. März 2004 ei­nen sach­grund­los be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag. Der Kläger wur­de als Aus­hil­fe in der Pro­duk­ti­on von Brems­belägen ein­ge­setzt. Ins­ge­samt wur­den zu die­sem Zeit­punkt von der Be­schwer­deführe­rin 56 be­fris­te­te Ar­beits­verträge mit zu­vor ar­beits­lo­sen Per­so­nen ab­ge­schlos­sen, um Pro­duk­ti­ons­spit­zen ab­zu­de­cken. Von die­sen 56 neu­en Mit­ar­bei­tern hat­ten 13 Ar­beit­neh­mer - un­ter ih­nen der Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens - das 52. Le­bens­jahr be­reits voll­endet. Die zusätz­li­chen Ar­beit­neh­mer wur­den nach den An­ga­ben der Be­schwer­deführe­rin be­wusst auf der Grund­la­ge des Ge­set­zes über Teil­zeit­ar­beit und be­fris­te­te Ar­beits­verträge (Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz - Tz­B­fG) ein­ge­stellt, um Rechts­si­cher­heit vor Ent­fris­tungs­kla­gen zu er­lan­gen. Sol­che Ent­fris­tungs­kla­gen sei­en in der Ver­gan­gen­heit ge­gen die Be­schwer­deführe­rin er­ho­ben wor­den und hätten im Er­folgs­fall zu Ver­wer­fun­gen bei der Per­so­nal­pla­nung geführt.

Der Kläger mach­te ge­genüber der Be­schwer­deführe­rin kur­ze Zeit später die Un­wirk­sam­keit der Be­fris­tung sei­nes Ar­beits­ver­trags gel­tend. Er be­rief sich auf die Un­ver­ein­bar­keit der Be­fris­tung auf der Grund­la­ge von § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG mit der Richt­li­nie 1999/70/EG des Ra­tes vom 28. Ju­ni 1999 zu der EGB-UN­ICE-CEEP-Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge (ABl Nr. L 175/43) so­wie der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (ABl Nr. L 303/16). Das Ar­beits­ge­richt Lübeck wies sei­ne Kla­ge auf Fest­stel­lung des Fort­be­ste­hens des Ar­beits­verhält­nis­ses und auf Wei­ter­beschäfti­gung mit Ur­teil vom 11. März 2004 ab. Der Kläger könne sich nicht auf ei­ne un­mit­tel­ba­re Wir­kung der Richt­li­ni­en im Verhält­nis un­ter Pri­va­ten be­ru­fen. Die Be­ru­fung des Klägers wies das Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein mit Ur­teil vom 22. Ju­ni 2004 zurück. Ne­ben dem Hin­weis auf die Nicht­an­wend­bar­keit von Richt­li­ni­en in pri­vat­recht­li­chen Verhält­nis­sen ver­wies das Lan­des­ar­beits­ge­richt

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zusätz­lich auf die un­zu­rei­chen­de in­halt­li­che Be­stimmt­heit und Un­be­dingt­heit der Richt­li­ni­en. Hier­ge­gen wand­te sich der Kläger mit der Re­vi­si­on an das Bun­des­ar­beits­ge­richt. Die Re­vi­si­on hat­te in der Sa­che Er­folg.

II.

1. § 14 Tz­B­fG lau­te­te in sei­ner ursprüng­li­chen Fas­sung vom 21. De­zem­ber 2000 (BGBl I S. 1966) aus­zugs­wei­se:


(1) Die Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges ist zulässig, wenn sie durch ei­nen sach­li­chen Grund ge­recht­fer­tigt ist. [...]

(2) Die ka­len­dermäßige Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges oh­ne Vor-lie­gen ei­nes sach­li­chen Grun­des ist bis zur Dau­er von zwei Jah­ren zulässig; [...] Ei­ne Be­fris­tung nach Satz 1 ist nicht zulässig, wenn mit dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber be­reits zu­vor ein be­fris­te­tes oder un­be­fris­te­tes Ar­beits­verhält­nis be­stan­den hat. [...]


(3) Die Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges be­darf kei­nes sach­li­chen Grun­des, wenn der Ar­beit­neh­mer bei Be­ginn des be­fris­te­ten Ar­beits­verhält­nis­ses das 58. Le­bens­jahr voll­endet hat. Die Be­fris­tung ist nicht zulässig, wenn zu ei­nem vor­her­ge­hen­den un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag mit dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber ein en­ger sach­li­cher Zu­sam­men­hang be­steht. Ein sol­cher en­ger sach­li­cher Zu­sam­men­hang ist ins­be­son­de­re an­zu­neh­men, wenn zwi­schen den Ar­beits­verträgen ein Zeit­raum von we­ni­ger als sechs Mo­na­ten liegt.


(4) [...]


Der Ge­setz­ge­ber er­wei­ter­te den per­so­nel­len An­wen­dungs­be­reich des § 14 Tz­B­fG im De­zem­ber 2002 (Ers­tes Ge­setz für mo­der­ne Dienst­leis­tun­gen am Ar­beits­markt vom 23. De­zem­ber 2002, BGBl I S. 4607). Für den Zeit­raum vom 1. Ja­nu­ar 2003 bis zum 31. De­zem­ber 2006 wur­de die Al­ters­gren­ze ei­ner sach-grund­lo­sen Be­fris­tungsmöglich­keit vom voll­ende­ten 58. auf das voll­ende­te 52. Le­bens­jahr ab­ge­senkt. Zu die­sem Zweck wur­de ein vier­ter Satz in § 14 Abs. 3 Tz­B­fG ein­gefügt:

Bis zum 31. De­zem­ber 2006 ist Satz 1 mit der Maßga­be an­zu­wen­den, dass an die Stel­le des 58. Le­bens­jah­res das 52. Le­bens­jahr tritt.

Mit die­ser Ände­rung, die Be­stand­teil der Ar­beits­markt­re­for­men war, ver­folg­te der Ge­setz­ge­ber das Ziel, die sta­tis­tisch deut­lich erhöhte Ar­beits­lo­sig­keit un­ter

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älte­ren Men­schen durch nied­ri­ge­re Bar­rie­ren für de­ren Wie­der­ein­tritt in das Be­rufs­le­ben zu ver­rin­gern. Die über 50-Jähri­gen sei­en nicht nur länger ar­beits­los als an­de­re Al­ters­grup­pen, son­dern sie stell­ten auch ei­nen deut­lich größeren An­teil der Lang­zeit­ar­beits­lo­sen. Der Ge­setz­ge­ber ver­wies dar­auf, dass die ge­rin­ge Ein­stel­lungs­be­reit­schaft der Ar­beit­ge­ber im We­sent­li­chen auf ei­ne „psy­cho­lo­gi­sche Ein­stel­lungs­bar­rie­re“ zurück­zuführen sei, die ih­re Ur­sa­che in der un­zu­tref­fen­den Über­zeu­gung ha­be, älte­re Ar­beit­neh­mer könn­ten bei ei­nem späte­ren Per­so­nal­ab­bau nicht mehr ent­las­sen wer­den (BT­Drucks 15/25, S. 40). Da die Er­fah­rung ge­zeigt ha­be, dass die Be­fris­tung von Beschäfti­gungs­verhält­nis­sen die Ein­stel­lungs­be­reit­schaft an­he­be und die be­fris­te­ten Ar­beits­verhält­nis­se im Durch­schnitt et­wa zur Hälf­te in un­be­fris­te­te Beschäfti­gun­gen einmünde­ten, sei § 14 Abs. 3 Tz­B­fG ent­spre­chend zu er­wei­tern.


Der Ge­setz­ge­ber hielt die mit die­ser Re­ge­lung ver­bun­de­ne Un­gleich­be­hand-lung älte­rer Ar­beits­su­chen­der mit Blick auf das beschäfti­gungs­po­li­ti­sche Ziel, die Chan­cen älte­rer Men­schen auf ei­nen Ar­beits­platz zu ver­bes­sern, für ge­recht­fer­tigt. Dies ent­spre­che auch ei­nem wich­ti­gen Ziel der eu­ropäischen Beschäfti­gungs­po­li­tik (BT­Drucks 15/25, S. 40). Deutsch­land sei mit Be­schluss 2001/63/EG des Ra­tes vom 19. Ja­nu­ar 2001 über die Leit­li­ni­en für beschäfti­gungs­po­li­ti­sche Maßnah­men der Mit­glied­staa­ten (ABl Nr. L 22/18) aus­drück­lich auf­ge­for­dert wor­den, Hin­der­nis­se und ne­ga­ti­ve Fak­to­ren für die Er­werbs­be­tei­li­gung älte­rer Ar­beits­lo­ser zu ver­bes­sern.


2. a) Art. 19 Abs. 1 AEUV (ehe­mals Art. 13 Abs. 1 EGV)1 ermäch­tigt den Rat, im Zuständig­keits­be­reich der Uni­on Re­ge­lun­gen un­ter an­de­rem ge­gen al­ters­be­zo­ge­ne Dis­kri­mi­nie­run­gen zu er­las­sen. Ein un­mit­tel­bar wir­ken­des Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot enthält die Be­stim­mung nicht (vgl. St­reinz, in: St­reinz, EUV/EGV, 2003, Art. 13 EGV Rn. 17; Epi­ney, in: Cal­liess/Ruf­fert, EUV/EGV, 3. Aufl. 2007, Art. 13 EGV Rn. 1). Art. 19 Abs. 1 AEUV lau­tet:


Un­be­scha­det der sons­ti­gen Be­stim­mun­gen der Verträge kann der Rat im Rah­men der durch die Verträge auf die Uni­on über­tra­ge­nen Zuständig­kei­ten gemäß ei­nem be­son­de­ren Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren und nach Zu­stim­mung des Eu­ropäischen Par­la­ments ein­stim­mig ge­eig­ne­te Vor­keh­run­gen tref­fen, um Dis­kri­mi­nie­run­gen aus Gründen

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1 Der Be­schluss nimmt auf die gel­ten­de Fas­sung des Uni­ons­rechts Be­zug, auch wenn dem an­ge­grif­fe­nen Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts das Ge­mein­schafts­recht in der Fas­sung vor In­kraft­tre­ten des Ver­trags von Lis­sa­bon zu­grun­de­ge­le­gen hat.


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des Ge­schlechts, der Ras­se, der eth­ni­schen Her­kunft, der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung zu bekämp­fen.

Dem­ge­genüber enthält Art. 21 Abs. 1 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropä-ischen Uni­on (Grund­rech­te­char­ta - GRCh) ein Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot auf­grund des Al­ters, dem un­mit­tel­ba­re Wir­kung zu­kommt. Die Vor­schrift lau­tet in der übe­r­ar­bei­te­ten Fas­sung vom 12. De­zem­ber 2007 (ABl Nr. C 303/1; BGBl 2008 II S. 1165):

(1) Dis­kri­mi­nie­run­gen ins­be­son­de­re we­gen des Ge­schlechts, der Ras­se, der Haut­far­be, der eth­ni­schen oder so­zia­len Her­kunft, der ge­ne­ti­schen Merk­ma­le, der Spra­che, der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, der po­li­ti­schen oder sons­ti­gen An­schau­ung, der Zu­gehörig­keit zu ei­ner na­tio­na­len Min­der­heit, des Vermögens, der Ge­burt, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung sind ver­bo­ten.

(2) Un­be­scha­det be­son­de­rer Be­stim­mun­gen der Verträge ist in ih­rem An­wen­dungs­be­reich je­de Dis­kri­mi­nie­rung aus Gründen der Staats­an­gehörig­keit ver­bo­ten.

Die Grund­rech­te­char­ta war in dem ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Zeit­raum noch nicht rechts­ver­bind­lich. Sie wur­de den Verträgen erst mit In­kraft­tre­ten des Ver-trags von Lis­sa­bon zur Ände­rung des Ver­trags über die Eu­ropäische Uni­on und des Ver­trags zur Gründung der Eu­ropäischen Ge­mein­schaft vom 13. De­zem­ber 2007 (Ver­trag von Lis­sa­bon - ABl Nr. C 306/10; BGBl 2008 II S. 1038) recht­lich gleich­ge­stellt (Art. 6 Abs. 1 Satz 1 EUV).

b) Mit der Richt­li­nie 1999/70/EG soll die zwi­schen eu­ropäischen Ar­beit­ge­ber-und Ar­beit­neh­mer­verbänden ge­trof­fe­ne Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge durch­geführt wer­den (Art. 1 der Richt­li­nie 1999/70/EG). Der Ver­ein­ba­rung zu­fol­ge, die als An­hang Be­stand­teil der Richt­li­nie ist, gilt für be­fris­tet beschäftig­te Ar­beit­neh­mer der Grund­satz der Nicht­dis­kri­mi­nie­rung; der Miss­brauch durch auf­ein­an­der­fol­gen­de be­fris­te­te Ar­beits­verträge ist zu ver­mei­den (vgl. im Ein­zel­nen §§ 4, 5 des An­hangs der Richt­li­nie 1999/70/EG). Das Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz wur­de vom deut­schen Ge­setz­ge­ber im Jahr 2000 er­las­sen, um die­se Richt­li­nie in deut­sches Recht um­zu­set­zen.


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Die Richt­li­nie 2000/78/EG soll un­ter an­de­rem Dis­kri­mi­nie­run­gen auf­grund des Al­ters ver­hin­dern. Art. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG legt den Zweck des Rechts­ak­tes da­hin­ge­hend fest, dass ein all­ge­mei­ner Rah­men zur Bekämp­fung von Dis­kri­mi­nie­run­gen in Beschäfti­gung und Be­ruf, un­ter an­de­rem we­gen des Al­ters, zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten ge­schaf­fen wer­den soll. Der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz wird als Ver­bot be­stimm­ter un­mit­tel­ba­rer oder mit­tel­ba­rer Dis­kri­mi­nie­run­gen de­fi­niert (Art. 2 der Richt­li­nie 2000/78/EG). Der An­wen­dungs­be­reich der Richt­li­nie er­streckt sich ins­be­son­de­re auf die Beschäfti­gungs- und Ar­beits­be­din­gun­gen in ei­nem Mit­glied­staat, un­abhängig von der Exis­tenz ei­nes grenzüber­schrei­ten­den Sach­ver­halts (Art. 3 der Richt­li­nie 2000/78/EG). Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie sieht fer­ner vor, dass ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters ge­recht­fer­tigt sein kann. Die Vor­schrift lau­tet:

Ar­ti­kel 6 - Ge­recht­fer­tig­te Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters

(1) Un­ge­ach­tet des Ar­ti­kels 2 Ab­satz 2 können die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen, dass Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters kei­ne Dis¬kri­mi­nie­rung dar­stel­len, so­fern sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen sind und im Rah­men des na­tio­na­len Rechts durch ein le­gi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re rechtmäßige Zie­le aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, ge­recht­fer­tigt sind und die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind.

Der­ar­ti­ge Un­gleich­be­hand­lun­gen können ins­be­son­de­re Fol­gen­des ein­sch­ließen:

a) die Fest­le­gung be­son­de­rer Be­din­gun­gen für den Zu­gang zur Beschäfti­gung und zur be­ruf­li­chen Bil­dung so­wie be­son­de­rer Beschäfti­gungs- und Ar­beits­be­din­gun­gen, ein­sch­ließlich der Be­din­gun­gen für Ent­las­sung und Ent­loh­nung, um die be­ruf­li­che Ein­glie­de­rung von Ju­gend­li­chen, älte­ren Ar­beit­neh­mern und Per­so­nen mit Fürsor­ge­pflich­ten zu fördern oder ih­ren Schutz si­cher­zu­stel­len;

b) die Fest­le­gung von Min­dest­an­for­de­run­gen an das Al­ter, die Be­rufs­er­fah­rung oder das Dienst­al­ter für den Zu­gang zur Beschäfti­gung oder für be­stimm­te mit der Beschäfti­gung ver­bun­de­ne Vor­tei­le;

c) die Fest­set­zung ei­nes Höchst­al­ters für die Ein­stel­lung auf­grund der spe­zi­fi­schen Aus­bil­dungs­an­for­de­run­gen ei­nes be­stimm­ten Ar­beits­plat­zes oder auf­grund der Not­wen­dig­keit ei­ner an­ge­mes­se­nen Beschäfti­gungs­zeit vor dem Ein­tritt in den Ru­he­stand.

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[...]


Die Frist zur Um­set­zung der Richt­li­nie lief am 2. De­zem­ber 2003 ab (Art. 18 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG). Die Mit­glied­staa­ten konn­ten im Hin­blick auf Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters ei­ne Zu­satz­frist von drei Jah­ren bis zum 2. De­zem­ber 2006 in An­spruch neh­men (Art. 18 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78/EG). Die Eu­ropäische Kom­mis­si­on war von der In­an­spruch­nah­me die­ser verlänger­ten Um­set­zungs­frist in Kennt­nis zu set­zen. Ihr war zu­dem während die­ses Zeit­raums jähr­lich Be­richt über die er­grif­fe­nen Maßnah­men zur Bekämp­fung der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung und über die Fort­schrit­te, die bei der Um­set­zung der Richt­li­nie er­zielt wer­den konn­ten, zu er­stat­ten. Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hat die­se Zu­satz­frist in An­spruch ge­nom­men. Die verlänger­te Um­set­zungs­frist en­de­te am 2. De­zem­ber 2006.

3. a) Der Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten (jetzt Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on) stell­te in sei­nem Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2005 in der Rechts­sa­che Man­gold (Rs. C-144/04, Slg. 2005, S. I-9981) fest, dass Ge­mein­schafts­recht und ins­be­son­de­re Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der des § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG ent­ge­genstünden. Es ob­lie­ge dem na­tio­na­len Ge­richt, die vol­le Wirk­sam­keit des all­ge­mei­nen Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters zu gewähr­leis­ten, in­dem es je­de ent­ge­gen­ste­hen­de Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts un­an­ge­wen­det las­se, auch wenn die Frist für die Um­set­zung der Richt­li­nie noch nicht ab­ge­lau­fen sei.

Zur Be­gründung führ­te der Ge­richts­hof un­ter an­de­rem aus, dass ei­ne der­ar­ti-ge Re­ge­lung zwar das le­gi­ti­me Ziel ver­fol­ge, älte­re Ar­beit­neh­mer wie­der in das Be­rufs­le­ben ein­zu­glie­dern. Sie ge­he aber über das er­for­der­li­che und an­ge­mes­se­ne Maß hin­aus, weil sie al­lein auf das Al­ters­kri­te­ri­um ab­stel­le und an­de­re Umstände wie die Struk­tur des je­wei­li­gen Ar­beits­mark­tes und die persönli­che Si­tua­ti­on des Be­trof­fe­nen un­berück­sich­tigt las­se.

Ei­nem Ver­s­toß ge­gen die Richt­li­nie 2000/78/EG ste­he nicht ent­ge­gen, dass de­ren Um­set­zungs­frist zum Zeit­punkt des Ver­trags­ab­schlus­ses noch nicht ab­ge­lau­fen ge­we­sen sei. Ers­tens dürfe ein Mit­glied­staat schon während der Um­set­zungs­frist kei­ne Vor­schrif­ten er­las­sen, die ge­eig­net sei­en, die Er­rei­chung des in ei­ner Richt­li­nie vor­ge­schrie­be­nen Ziels ernst­lich in Fra­ge zu stel­len. Im vor­lie­gen­den Fall ha­be die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land darüber hin­aus von der Möglich­keit ei­ner dreijähri­gen Frist­verlänge­rung nach Art. 18 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78/EG

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Ge­brauch ge­macht. Die­se Vor­schrift im­pli­zie­re durch Be­richts­pflich­ten an die Kom­mis­si­on, dass ein Mit­glied­staat in die­sem Zeit­raum schritt­wei­se kon­kre­te Maßnah­men er­grei­fe, um sei­ne Rechts­ord­nung dem Richt­li­ni­en­ziel an­zunähern. Die­ser Ver­pflich­tung würde jeg­li­che prak­ti­sche Wirk­sam­keit ge­nom­men, wenn dem Mit­glied­staat ge­stat­tet wäre, während der Um­set­zungs­frist Maßnah­men zu er­las­sen, die mit de­ren Zie­len un­ver­ein­bar sei­en. Zwei­tens sei das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters als ein all­ge­mei­ner Grund­satz des Ge­mein­schafts­rechts an­zu­se­hen. Der Ge­richts­hof be­gründe­te die Exis­tenz die­ses neu­en Grund­sat­zes mit dem Hin­weis auf die Erwägungs­gründe der Richt­li­nie 2000/78/EG, die ih­rer­seits auf ver­schie­de­ne völker­recht­li­che Verträge und die ge­mein­sa­men Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen der Mit­glied­staa­ten ver­wie­sen.

Die vor­lie­gen­de na­tio­na­le Re­ge­lung fal­le in den Gel­tungs­be­reich des Ge­mein­schafts­rechts, weil § 14 Abs. 3 Tz­B­fG als Maßnah­me zur Um­set­zung der Richt­li­nie 1999/70/EG er­gan­gen und im Jah­re 2002 um § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG ergänzt wor­den sei.

b) Nach Ein­gang der Ver­fas­sungs­be­schwer­de wur­de die Fra­ge, ob das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Al­ters ei­ner na­tio­na­len Vor­schrift ent­ge­gen­steht, in den Rechts­sa­chen Pa­la­ci­os (Ur­teil vom 16. Ok­to­ber 2007, Rs. C-411/05, Slg. 2007, S. I-8531), Bartsch (Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2008, Rs. C-427/06, Slg. 2008, S. I-7245) und Kücükde­ve­ci (Ur­teil vom 19. Ja­nu­ar 2010, Rs. C-555/07, NJW 2010, S. 427) er­neut vor dem Ge­richts­hof auf­ge­wor­fen. In der Kücükde­ve­ci-Ent­schei­dung bestätig­te der Ge­richts­hof die Man­gold-Ent­schei­dung im Hin­blick auf den all­ge­mei­nen Grund­satz des Uni­ons­rechts, der je­de Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Al­ters ver­bie­te, und wies zur Be­gründung auf Art. 21 Abs. 1 GRCh hin.

III.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt stell­te mit dem an­ge­grif­fe­nen Ur­teil vom 26. April 2006 fest, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en nicht mit Ab­lauf des 31. März 2004 durch Be­fris­tung ge­en­det ha­be. Es be­gründe­te dies un­ter an­de­rem mit dem Ar­gu­ment, die Be­schwer­deführe­rin könne sich zur Recht­fer­ti­gung der Be­fris­tung nicht auf § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG be­ru­fen. Zwar lägen die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen die­ser Norm vor. Die Vor­schrift sei aber mit Ge­mein­schafts­recht nicht zu ver­ein­ba­ren und dürfe da­her von den na­tio­na­len Ge­rich­ten nicht an­ge­wen­det wer­den. Dies fol­ge aus der Man­gold-Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs.

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Der Se­nat sei an den Aus­spruch der Un­an­wend­bar­keit von § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG durch den Ge­richts­hof ge­bun­den, den die­ser mit ei­nem Ver­s­toß ge­gen das Ziel der Richt­li­nie 2000/78/EG und mit ei­nem Ver­s­toß ge­gen das auf all­ge­mei­nen Grundsätzen des Ge­mein­schafts­rechts be­ru­hen­de Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung dop­pelt be­gründet ha­be. Die Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs be­ru­he auf der Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts im Rah­men ei­nes Vor­la­ge­ver­fah­rens nach Art. 234 Abs. 1 Buch­sta­be a EGV (jetzt Art. 267 Abs. 1 Buch­sta­be a AEUV) und hal­te sich im Rah­men der dem Ge­richts­hof nach Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG über­tra­ge­nen Zuständig­kei­ten.

Der vom Ge­richts­hof fest­ge­stell­te Grund­satz der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf, der ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der in Art. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG ge­nann­ten Merk­ma­le ent­ge­gen­ste­he, sei als Un­ter­fall des all­ge­mei­nen Grund­sat­zes der Gleich­heit und Nicht­dis­kri­mi­nie­rung an­zu­se­hen, der zu den Ge­mein­schafts­grund­rech­ten gehöre. Die­ser Grund­satz, auf den sich auch ei­ne Pri­vat­per­son vor ei­nem na­tio­na­len Ge­richt be­ru­fen könne, be­gren­ze den na­tio­na­len Ge­setz­ge­ber bei der Norm­set­zung, so­weit des­sen Re­ge­lung in den An­wen­dungs­be­reich des Ge­mein­schafts­rechts fal­le. Das Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz fal­le in den Gel­tungs­be­reich des Ge­mein­schafts­rechts, da es der Um­set­zung der Richt­li­nie 1999/70/EG die­ne. Zwar möge es zu­tref­fen, dass das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung bis­her we­der in ver­bind­lich gel­ten­den völker­recht­li­chen Verträgen noch in ei­ner nen­nens­wer­ten An­zahl von Ver­fas­sun­gen der Mit­glied­staa­ten aus­drück­lich ge­nannt sei. Den­noch sei ei­ne Her­lei­tung aus of­fen for­mu­lier­ten Tat­beständen und im We­ge par­ti­el­ler Rechts­fort­bil­dung nicht aus­ge­schlos­sen.

Auch so­weit der Ge­richts­hof die Un­an­wend­bar­keit von § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG aus der Richt­li­nie 2000/78/EG her­lei­te, ha­be er sei­ne Kom­pe­ten­zen nicht über­schrit­ten. Die Be­gründung des Ge­richts­hofs sei da­hin­ge­hend zu ver­ste­hen, dass ein während der Um­set­zungs­frist ei­ner Richt­li­nie er­las­se­nes na­tio­na­les Ge­setz un­an­wend­bar sei, wenn sein In­halt im Wi­der­spruch zu dem Richt­li­ni­en­ziel ste­he und kei­ne ge­mein­schafts­kon­for­me Aus­le­gung möglich sei. Rechts­grund­la­ge für die­se An­nah­me von Vor­wir­kun­gen bil­de der Grund­satz der Ver­trags­treue der Mit­glied­staa­ten nach Art. 10 Abs. 2 und Art. 249 Abs. 3 EGV (jetzt Art. 4 Abs. 3 UAbs. 3 EUV und Art. 288 Abs. 3 AEUV).


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Die Ent­schei­dung sei je­den­falls im Er­geb­nis un­miss­verständ­lich; es bedürfe des­halb kei­ner er­neu­ten Vor­la­ge an den Ge­richts­hof zur Un­ver­ein­bar­keit von § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG mit Ge­mein­schafts­recht.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt lehn­te es fer­ner ab, § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG aus Gründen des ge­mein­schafts­recht­li­chen oder na­tio­na­len Ver­trau­ens­schut­zes auf ei­ne vor dem 22. No­vem­ber 2005 ge­trof­fe­ne Be­fris­tungs­ab­re­de an­zu­wen­den. Zur zeit­li­chen Be­gren­zung der Un­an­wend­bar­keit ei­ner ge­gen Primärrecht der Ge­mein­schaft ver­s­toßen­den na­tio­na­len Norm sei al­lein der Ge­richts­hof zuständig. Ei­ne sol­che Be­gren­zung sei in der Man­gold-Ent­schei­dung je­doch nicht ent­hal­ten. Der Se­nat sah sich auch nicht ver­pflich­tet, dem Ge­richts­hof durch ei­ne Vor­la­ge die Ge­le­gen­heit zur nachträgli­chen Gewährung von Ver­trau­ens­schutz zu eröff­nen, weil die nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs be­ste­hen­den Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne der­ar­ti­ge zeit­li­che Be­gren­zung von Ent­schei­dungs­wir­kun­gen nicht vorlägen. Selbst wenn der Se­nat nach ei­nem Un­an­wend­bar­keits­aus­spruch des Ge­richts­hofs be­fugt wäre, Ver­trau­ens­schutz nach na­tio­na­lem Ver­fas­sungs­recht zu gewähren und da­mit des­sen zeit­li­che Wir­kung ein­zu­schränken, be­ste­he kein Ver­trau­ens­schutz zu­guns­ten der Be­schwer­deführe­rin. Denn bis zum Ab­schluss des be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags mit dem Kläger ha­be es kei­ne Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts über die Zulässig­keit ei­ner al­lein auf das Le­bens­al­ter gestütz­ten sach­grund­lo­sen Be­fris­tung ge­ge­ben; darüber hin­aus sei die­se im ar­beits­recht­li­chen Schrift­tum um­strit­ten ge­we­sen.

IV.

Die Be­schwer­deführe­rin rügt ei­ne Ver­let­zung ih­rer Rech­te aus Art. 2 Abs. 1, Art. 12 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 (1.) und Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG (2.).

1. Die Be­schwer­deführe­rin macht ei­ne Ver­let­zung ih­rer Ver­trags­frei­heit nach Art. 2 Abs. 1, Art. 12 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG aus zwei un­ter­schied­li­chen Blick­win­keln gel­tend. Ei­ne Ver­let­zung er­ge­be sich zunächst dar­aus, dass das Bun­des­ar­beits­ge­richt die an­ge­grif­fe­ne Ent­schei­dung zur Un­an­wend­bar­keit von § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG maßgeb­lich auf die Man­gold-Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs gestützt ha­be. Wenn die­se Ent­schei­dung so zu ver­ste­hen sei, wie sie das Bun­des­ar­beits­ge­richt in dem an­ge­grif­fe­nen Ur­teil ver­stan­den und an­ge­wandt ha­be, lie­ge ei­ne of­fen­sicht­li­che Kom­pe­tenzüber­schrei­tung des Ge­richts­hofs vor. So­weit das Bun­des­ar­beits­ge­richt dar­auf ab­stel­le, dass der Ge­richts­hof sich auf

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ei­nen all­ge­mei­nen Grund­satz des Ge­mein­schafts­rechts stütze, sei schon zwei­fel­haft, ob die Be­nen­nung und An­wen­dung ei­nes Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung nicht in ei­nem un­trenn­ba­ren funk­tio­na­len Zu­sam­men­hang mit den Ausführun­gen zu Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG ste­he. Darüber hin­aus be­sit­ze der Ge­richts­hof kei­ne Kom­pe­tenz zur Prüfung ei­ner in­ner­staat­li­chen ar­beits­recht­li­chen Ge­setz­ge­bung bezüglich der Rechts­be­zie­hung zwi­schen Pri­va­ten. Die Ver­ab­schie­dung des § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG sei nicht als Durchführung von Ge­mein­schafts­recht zu qua­li­fi­zie­ren. Fer­ner be­trei­be der Ge­richts­hof durch die Pos­tu­lie­rung ei­nes un­mit­tel­bar an­wend­ba­ren all­ge­mei­nen ge­mein­schafts­recht­li­chen Grund­sat­zes des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung un­zulässi­ge Rechts­fort­bil­dung. Außer­dem führe die Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs zur Richt­li­nie 2000/78/EG zu ei­ner von den Verträgen nicht ge­deck­ten Vor- und Dritt­wir­kung von Richt­li­ni­en.

Ei­ne Ver­let­zung ih­rer Ver­trags­frei­heit nach Art. 2 Abs. 1, Art. 12 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG folgt nach An­sicht der Be­schwer­deführe­rin des Wei­te­ren dar­aus, dass das Bun­des­ar­beits­ge­richt kei­nen hin­rei­chen­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver­trau­ens­schutz gewährt und die Re­vi­si­on zurück­ge­wie­sen ha­be. Auch nach Ge­mein­schafts­recht sei dem Bun­des­ar­beits­ge­richt nicht ver­sagt ge­we­sen, Ge­sichts­punk­te des Ver­trau­ens­schut­zes zu berück­sich­ti­gen, da Fra­gen des Ver­trau­ens­schut­zes im Man­gold-Ver­fah­ren we­der auf­ge­wor­fen noch ent­schie­den wor­den sei­en. Der Un­an­wend­bar­keits­aus­spruch des Ge­richts­hofs in der Rechts­sa­che Man­gold könne in­so­weit nicht als ab­so­lut und un­be­dingt gel­tend ver­stan­den wer­den. An­ders als vom Bun­des­ar­beits­ge­richt an­ge­nom­men, ha­be die Be­schwer­deführe­rin sich dar­auf ver­las­sen dürfen, dass § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG nicht an der noch um­zu­set­zen­den Richt­li­nie 2000/78/EG ge­mes­sen wer­de.

2. Die Be­schwer­deführe­rin trägt wei­ter vor, dass sie auch in ih­rem Recht auf den ge­setz­li­chen Rich­ter nach Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG ver­letzt sei. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ha­be sei­ne nach Art. 234 Abs. 3 EGV (jetzt 267 Abs. 3 AEUV) be­ste­hen­de Vor­la­ge­pflicht willkürlich ver­letzt, weil es den ihm zu­kom­men­den Be­ur­tei­lungs­spiel­raum in un­ver­tret­ba­rer Wei­se über­schrit­ten ha­be. Un­ter­stel­le man ei­ne Bin­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts an die Man­gold-Ent­schei­dung, hätte das Bun­des­ar­beits­ge­richt dem Ge­richts­hof die Fra­ge vor­le­gen müssen, ob auch Ver­trags­verhält­nis­se er­fasst sei­en, die vor der Man­gold-Ent­schei­dung ab­ge­schlos­sen wur­den, oder ob nicht Grundsätze des ge­mein­schafts­recht­li­chen oder des na­tio­na­len Ver­trau­ens­schut­zes ei­ne zeit­li­che Ein­schränkung geböten. Dass der Ge­richts­hof ei­ne zeit­li­che Be­gren­zung sei­ner Ent­schei­dungs­wir­kun­gen nur im Aus­nah­me-


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fall aus­spre­che, be­zie­he sich le­dig­lich auf die fi­nan­zi­el­len Aus­wir­kun­gen für die Mit­glied­staa­ten, nicht aber auf die vor­lie­gen­de Fall­ge­stal­tung. Die feh­len­de zeit­li­che Be­gren­zung in der Man­gold-Ent­schei­dung selbst sei dar­auf zurück­zuführen, dass dort kei­ner­lei Ver­an­las­sung zu ei­ner zeit­li­chen Be­gren­zung be­stan­den ha­be.

V.

Der Zwei­te und der Sechs­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts so­wie der Zwei­te und der Sechs­te Se­nat des Bun­des­so­zi­al­ge­richts ha­ben Stel­lung ge­nom­men.

B.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist zulässig.


I.

Das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts ist als ei­ne Maßnah­me der deut­schen öffent­li­chen Ge­walt taug­li­cher Ge­gen­stand ei­ner Ver­fas­sungs­be­schwer­de (§ 90 Abs. 1 BVerfGG). Die Pflicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Wah­rung des Grund­ge­set­zes be­steht ge­genüber al­len Maßnah­men der deut­schen öffent­li­chen Ge­walt, grundsätz­lich auch sol­chen, die die in­ner­staat­li­che Gel­tung von Ge­mein­schafts- und Uni­ons­recht be­gründen (vgl. BVerfGE 89, 155 <171>; 123, 267 <329>), Ge­mein­schafts- und Uni­ons­recht um­set­zen (vgl. BVerfGE 113, 273 <292>; 118, 79 <94>; BVerfG, Ur­teil des Ers­ten Se­nats vom 2. März 2010 - 1 BvR 256/08, 1 BvR 263/08, 1 BvR 586/08 -, NJW 2010, S. 833 <835>) oder voll­zie­hen. Ob und in­wie­weit die Prüfung der Ver­fas­sungsmäßig­keit sol­cher Maßnah­men durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt be­schränkt ist, ist ei­ne Fra­ge der Be­gründet­heit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de, so­weit wie hier dies­bezüglich of­fe­ne Fra­gen zu klären sind.

II.

Die Be­gründung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de genügt den An­for­de­run­gen der § 92, § 23 Abs. 1 Satz 2 BVerfGG. Nach den Dar­le­gun­gen der Be­schwer­deführe­rin er­scheint es ins­be­son­de­re möglich, dass das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts die Be­schwer­deführe­rin in ih­rer Ver­trags­frei­heit nach Art. 2 Abs. 1, Art. 12 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG ver­letzt, weil es zum ei­nen auf ei­ner un­zulässi­gen Rechts­fort­bil­dung des Ge­richts­hofs be­ruht, die nach Maßga­be


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der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in Deutsch­land nicht an­zu­wen­den ist (vgl. BVerfGE 89, 155 <188>; 123, 267 <353 f.>), und weil es zum an­de­ren ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver­trau­ens­schutz nicht gewährt.

Die Be­schwer­deführe­rin legt aus­rei­chend dar, war­um der Ge­richts­hof mit der Ent­schei­dung in der Rechts­sa­che Man­gold die Gren­zen der Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts über­schrit­ten und das Ge­mein­schafts­recht in ei­ner Wei­se fort­ge­bil­det ha­be, die von den Kom­pe­ten­zen der Ge­mein­schaft nicht mehr ge­deckt sei. Da­bei setzt sie sich mit der bis zum Zeit­punkt der Er­he­bung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de er­gan­ge­nen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Kom­pe­tenz­kon­trol­le, der für kom­pe­ten­z­wid­rig ge­hal­te­nen Man­gold-Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs und den hier­zu er­gan­ge­nen kri­ti­schen An­mer­kun­gen in der Li­te­ra­tur aus­ein­an­der. Die Be­schwer­deführe­rin war nicht ge­hal­ten, an­ti­zi­pie­rend auf vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt erst noch zu präzi­sie­ren­de Ein­zel­hei­ten der ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Über­prüfung von Hand­lun­gen der eu­ropäischen Or­ga­ne und Ein­rich­tun­gen auf die Be­ach­tung der Gren­zen ih­rer Kom­pe­ten­zen ein­zu­ge­hen.

C.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist un­be­gründet.

I.

Die Be­schwer­deführe­rin ist nicht des­we­gen in ih­rer Ver­trags­frei­heit nach Art. 12 Abs. 1 und Art. 2 Abs. 1 GG ver­letzt, weil das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf ei­ner un­zulässi­gen Rechts­fort­bil­dung des Ge­richts­hofs be­ruht.

1. a) So­wohl die durch Art. 2 Abs. 1 GG gewähr­leis­te­te Pri­vat­au­to­no­mie als auch die Ga­ran­tie der frei­en Be­rufs­ausübung nach Art. 12 Abs. 1 GG schließen das Recht ein, Ar­beits­verhält­nis­se durch die Ab­ga­be übe­rein­stim­men­der Wil­lens­erklärun­gen zu be­gründen, aus­zu­ge­stal­ten und zu be­fris­ten (vgl. all­ge­mein für die Ge­stal­tung von Ar­beits­verträgen BVerfG, Be­schluss der 2. Kam­mer des Ers­ten Se­nats vom 23. No­vem­ber 2006 - 1 BvR 1909/06 -, NJW 2007, S. 286). Die Ver­trags­frei­heit als we­sent­li­cher Aus­druck der Pri­vat­au­to­no­mie wird all­ge­mein durch das Grund­recht auf freie Ent­fal­tung der Persönlich­keit nach Art. 2 Abs. 1 GG geschützt (vgl. BVerfGE 72, 155 <170>; 81, 242 <254 ff.>; 89, 214 <231 ff.>; 103, 89 <100 f.>). Geht es um die Hand­lungs­frei­heit ge­ra­de im Be­reich der be­ruf­li­chen


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Betäti­gung, die ih­re spe­zi­el­le Gewähr­leis­tung in Art. 12 Abs. 1 GG fin­det, schei­det die ge­genüber an­de­ren Frei­heits­rech­ten sub­si­diäre all­ge­mei­ne Hand­lungs­frei­heit als Prüfungs­maßstab al­ler­dings aus (vgl. BVerfGE 89, 1 <13>; 117, 163 <181>). Dies gilt ins­be­son­de­re im Be­reich des In­di­vi­dual­ar­beits­ver­trags­rechts (vgl. BVerfGE 57, 139 <158>; BVerfGK 4, 356 <363 f.>).

Die Pri­vat­rechts­ord­nung ist ge­setz­lich ge­stal­tet. Ge­set­ze re­geln die Ausübung der Ver­trags­frei­heit nicht nur zu ih­rem in­sti­tu­tio­nel­len Schutz, son­dern auch um so­zia­le Be­lan­ge struk­tu­rell schwäche­rer Markt­teil­neh­mer zu wah­ren. Aus die­sem Grund wird der Ab­schluss be­fris­te­ter Ar­beits­verträge nicht vollständig in die Dis­po­si­ti­ons­frei­heit der Ver­trags­par­tei­en ge­legt, son­dern tra­di­tio­nell an Vor­aus­set­zun­gen ge­bun­den, die die Ar­beit­neh­mer schützen sol­len. Denn für Ar­beit­neh­mer ist die Er­werbs­ar­beit re­gelmäßig al­lei­ni­ge Exis­tenz­grund­la­ge. Durch Be­fris­tung wird zwar den Fle­xi­bi­litäts­bedürf­nis­sen ren­ta­bler Un­ter­neh­mensführung ent­spro­chen. Für die da­von be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer be­deu­tet ein be­fris­te­tes Ar­beits­verhält­nis aber nicht nur die Chan­ce auf Er­werbs­ar­beit, son­dern ist auch mit Un­si­cher­heit über den Fort­be­stand des Er­werbs­ein­kom­mens ver­bun­den. Der in­so­weit schützen­de staat­li­che Ein­griff in die Pri­vat­au­to­no­mie bei der Aus­ge­stal­tung be­fris­te­ter Ar­beits­verhält­nis­se be­darf ei­ner ge­setz­li­chen Grund­la­ge, die sich ih­rer­seits als ver­fas­sungs­gemäß er­wei­sen muss.

Die für das Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren maßgeb­li­che Vor­schrift des ein­fa­chen Rechts ist § 14 Tz­B­fG in der vom 1. Ja­nu­ar 2003 bis zum 31. De­zem­ber 2006 gel­ten­den Fas­sung. Von dem Grund­satz, dass es zur Be­gründung be­fris­te­ter Ar­beits­verhält­nis­se ei­nes sach­li­chen Grun­des be­darf, konn­te nach § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG ab­ge­wi­chen wer­den, wenn der Ar­beit­neh­mer bei Be­ginn des be­fris­te­ten Ar­beits­verhält­nis­ses das 52. Le­bens­jahr voll­endet hat. Die­se Aus­nah­me­re­ge­lung hat in­des zum Nach­teil der Be­schwer­deführe­rin un­an­ge­wen­det zu blei­ben, wenn sie ge­gen Ge­mein­schafts­recht (jetzt Uni­ons­recht) verstößt.

b) Das Recht der Eu­ropäischen Uni­on kann sich nur wirk­sam ent­fal­ten, wenn es ent­ge­gen­ste­hen­des mit­glied­staat­li­ches Recht ver­drängt. Der An­wen­dungs­vor­rang des Uni­ons­rechts führt zwar nicht da­zu, dass ent­ge­gen­ste­hen­des na­tio­na­les Recht nich­tig wäre. Mit­glied­staat­li­ches Recht kann viel­mehr wei­ter sei­ne Gel­tung ent­fal­ten, wenn und so­weit es jen­seits des An­wen­dungs­be­reichs ein­schlägi­gen Uni­ons­rechts ei­nen sach­li­chen Re­ge­lungs­be­reich behält. Im An­wen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts da­ge­gen ist ent­ge­gen­ste­hen­des mit­glied­staat­li­ches Recht

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grundsätz­lich un­an­wend­bar. Der An­wen­dungs­vor­rang folgt aus dem Uni­ons­recht, weil die Uni­on als Rechts­ge­mein­schaft nicht be­ste­hen könn­te, wenn die ein­heit­li­che Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts in den Mit­glied­staa­ten nicht gewähr­leis­tet wäre (vgl. grund­le­gend EuGH, Ur­teil vom 15. Ju­li 1964, Rs. 6/64, Costa/EN­EL, Slg. 1964, S. 1251 Rn. 12). Der An­wen­dungs­vor­rang ent­spricht auch der ver­fas­sungs­recht­li­chen Ermäch­ti­gung des Art. 23 Abs. 1 GG, wo­nach Ho­heits­rech­te auf die Eu­ropäische Uni­on über­tra­gen wer­den können (vgl. BVerfGE 31, 145 <174>; 123, 267 <402>). Art. 23 Abs. 1 GG er­laubt mit der Über­tra­gung von Ho­heits­rech­ten - so­weit ver­trag­lich vor­ge­se­hen und ge­for­dert - zu­gleich de­ren un­mit­tel­ba­re Ausübung in­ner­halb der mit­glied­staat­li­chen Rechts­ord­nun­gen. Er enthält so­mit ein Wirk­sam­keits- und Durch­set­zungs­ver­spre­chen, dem der uni­ons­recht­li­che An­wen­dungs­vor­rang ent­spricht.

c) aa) An­ders als ein bun­des­staat­li­cher Gel­tungs­vor­rang, wie ihn Art. 31 GG für die deut­sche Rechts­ord­nung vor­sieht, kann der An­wen­dungs­vor­rang des Uni­ons­rechts nicht um­fas­send sein (vgl. BVerfGE 73, 339 <375>; 123, 267 <398>).

Das Uni­ons­recht bleibt als au­to­no­mes Recht von der ver­trag­li­chen Über­tra­gung und Ermäch­ti­gung abhängig. Die Uni­ons­or­ga­ne blei­ben für die Er­wei­te­rung ih­rer Be­fug­nis­se auf Ver­tragsände­run­gen an­ge­wie­sen, die von den Mit­glied­staa­ten im Rah­men der für sie je­weils gel­ten­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­stim­mun­gen vor­ge­nom­men und ver­ant­wor­tet wer­den (vgl. BVerfGE 75, 223 <242>; 89, 155 <187 f., 192, 199>; 123, 267 <349>; vgl. auch BVerfGE 58, 1 <37>; 68, 1 <102>; 77, 170 <231>; 104, 151 <195>; 118, 244 <260>). Es gilt das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung (Art. 5 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 Satz 1 EUV). Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ist des­halb be­rech­tigt und ver­pflich­tet, Hand­lun­gen der eu­ropäischen Or­ga­ne und Ein­rich­tun­gen dar­auf zu über­prüfen, ob sie auf­grund er­sicht­li­cher Kom­pe­tenzüber­schrei­tun­gen oder auf­grund von Kom­pe­tenz­ausübun­gen im nicht über­trag­ba­ren Be­reich der Ver­fas­sungs­iden­tität (Art. 79 Abs. 3 i.V.m. Art. 1 und Art. 20 GG) er­fol­gen (vgl. BVerfGE 75, 223 <235, 242>; 89, 155 <188>; 113, 273 <296>; 123, 267 <353 f.>), und ge­ge­be­nen­falls die Un­an­wend­bar­keit kom­pe­tenzüber­schrei­ten­der Hand­lun­gen für die deut­sche Rechts­ord­nung fest­zu­stel­len.

bb) Die Pflicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, sub­stan­ti­ier­ten Rügen ei­nes Ul­tra-vi­res-Han­delns der eu­ropäischen Or­ga­ne und Ein­rich­tun­gen nach­zu­ge­hen, ist mit der ver­trag­lich dem Ge­richts­hof über­tra­ge­nen Auf­ga­be zu ko­or­di­nie­ren, die

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Verträge aus­zu­le­gen und an­zu­wen­den und da­bei Ein­heit und Kohärenz des Uni­ons­rechts zu wah­ren (vgl. Art. 19 Abs. 1 UAbs. 1 Satz 2 EUV, Art. 267 AEUV).

Wenn je­der Mit­glied­staat oh­ne wei­te­res für sich in An­spruch nähme, durch ei­ge­ne Ge­rich­te über die Gültig­keit von Rechts­ak­ten der Uni­on zu ent­schei­den, könn­te der An­wen­dungs­vor­rang prak­tisch un­ter­lau­fen wer­den, und die ein­heit­li­che An­wen­dung des Uni­ons­rechts wäre gefähr­det. Würden aber an­de­rer­seits die Mit­glied­staa­ten vollständig auf die Ul­tra-vi­res-Kon­trol­le ver­zich­ten, so wäre die Dis­po­si­ti­on über die ver­trag­li­che Grund­la­ge al­lein auf die Uni­ons­or­ga­ne ver­la­gert, und zwar auch dann, wenn de­ren Rechts­verständ­nis im prak­ti­schen Er­geb­nis auf ei­ne Ver­tragsände­rung oder Kom­pe­tenz­aus­wei­tung hin­aus­lie­fe. Dass in den - wie nach den in­sti­tu­tio­nel­len und pro­ze­du­ra­len Vor­keh­run­gen des Uni­ons­rechts zu er­war­ten - sel­te­nen Grenzfällen mögli­cher Kom­pe­tenzüber­schrei­tung sei­tens der Uni­ons­or­ga­ne die ver­fas­sungs­recht­li­che und die uni­ons­recht­li­che Per­spek­ti­ve nicht vollständig har­mo­nie­ren, ist dem Um­stand ge­schul­det, dass die Mit­glied­staa­ten der Eu­ropäischen Uni­on auch nach In­kraft­tre­ten des Ver­trags von Lis­sa­bon Her­ren der Verträge blei­ben und die Schwel­le zum Bun­des­staat nicht über­schrit­ten wur­de (vgl. BVerfGE 123, 267 <370 f.>). Die nach die­ser Kon­struk­ti­on im Grund­satz un­ver­meid­li­chen Span­nungs­la­gen sind im Ein­klang mit der eu­ropäischen In­te­gra­ti­ons­idee ko­ope­ra­tiv aus­zu­glei­chen und durch wech­sel­sei­ti­ge Rück­sicht­nah­me zu entschärfen.

cc) Die Ul­tra-vi­res-Kon­trol­le darf nur eu­ro­pa­rechts­freund­lich aus­geübt wer­den (vgl. BVerfGE 123, 267 <354>).

(1) Die Uni­on ver­steht sich als Rechts­ge­mein­schaft; sie ist ins­be­son­de­re durch das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung und die Grund­rech­te ge­bun­den und ach­tet die Ver­fas­sungs­iden­tität der Mit­glied­staa­ten (vgl. im Ein­zel­nen Art. 4 Abs. 2 Satz 1, Art. 5 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 Satz 1, Art. 6 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 3 EUV). Nach der Rechts­ord­nung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist der An­wen­dungs­vor­rang des Uni­ons­rechts an­zu­er­ken­nen und zu gewähr­leis­ten, dass die dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ver­fas­sungs­recht­lich vor­be­hal­te­nen Kon­troll­be­fug­nis­se nur zurück­hal­tend und eu­ro­pa­rechts­freund­lich aus­geübt wer­den.

Das be­deu­tet für die vor­lie­gend in Re­de ste­hen­de Ul­tra-vi­res-Kon­trol­le, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Ent­schei­dun­gen des Ge­richts­hofs grundsätz­lich als ver­bind­li­che Aus­le­gung des Uni­ons­rechts zu be­ach­ten hat. Vor der An-

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nah­me ei­nes Ul­tra-vi­res-Akts der eu­ropäischen Or­ga­ne und Ein­rich­tun­gen ist des­halb dem Ge­richts­hof im Rah­men ei­nes Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­rens nach Art. 267 AEUV die Ge­le­gen­heit zur Ver­trags­aus­le­gung so­wie zur Ent­schei­dung über die Gültig­keit und die Aus­le­gung der frag­li­chen Rechts­ak­te zu ge­ben. So­lan­ge der Ge­richts­hof kei­ne Ge­le­gen­heit hat­te, über die auf­ge­wor­fe­nen uni­ons­recht­li­chen Fra­gen zu ent­schei­den, darf das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für Deutsch­land kei­ne Un­an­wend­bar­keit des Uni­ons­rechts fest­stel­len (vgl. BVerfGE 123, 267 <353>).

Ei­ne Ul­tra-vi­res-Kon­trol­le durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kommt dar-über hin­aus nur in Be­tracht, wenn er­sicht­lich ist, dass Hand­lun­gen der eu­ropäischen Or­ga­ne und Ein­rich­tun­gen außer­halb der über­tra­ge­nen Kom­pe­ten­zen er­gan­gen sind (vgl. BVerfGE 123, 267 <353, 400>). Er­sicht­lich ist ein Ver­s­toß ge­gen das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung nur dann, wenn die eu­ropäischen Or­ga­ne und Ein­rich­tun­gen die Gren­zen ih­rer Kom­pe­ten­zen in ei­ner das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung spe­zi­fisch ver­let­zen­den Art über­schrit­ten ha­ben (Art. 23 Abs. 1 GG), der Kom­pe­tenz­ver­s­toß mit an­de­ren Wor­ten hin­rei­chend qua­li­fi­ziert ist (vgl. zur For­mu­lie­rung „hin­rei­chend qua­li­fi­ziert“ als Tat­be­stands­merk­mal im uni­ons­recht­li­chen Haf­tungs­recht et­wa EuGH, Ur­teil vom 10. Ju­li 2003, Rs. C-472/00 P, Fresh Ma­ri­ne, Slg. 2003, S. I-7541 Rn. 26 f.). Dies be­deu­tet, dass das kom­pe­ten­z­wid­ri­ge Han­deln der Uni­ons­ge­walt of­fen­sicht­lich ist und der an­ge­grif­fe­ne Akt im Kom­pe­tenz­gefüge zwi­schen Mit­glied­staa­ten und Uni­on im Hin­blick auf das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung und die rechts­staat­li­che Ge­set­zes­bin­dung er­heb­lich ins Ge­wicht fällt (vgl. Ko­kott, Deutsch­land im Rah­men der Eu­ropäischen Uni­on - zum Ver­trag von Maas­tricht, AöR 1994, S. 207 <220>: „er­heb­li­che Kom­pe­tenzüber­schrei­tun­gen“ und <233>: „dras­ti­sche“ Ul­tra-vi­res-Ak­te; Ukrow, Rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung durch den EuGH, 1995, S. 238 für ei­ne Evi­denz­kon­trol­le; Isen­see, Vor­rang des Eu­ro­pa­rechts und deut­sche Ver­fas­sungs­vor­be­hal­te - of­fe­ner Dis­sens, in: Fest­schrift Stern, 1997, S. 1239 <1255>: „im Fal­le kras­ser und evi­den­ter Kom­pe­tenzüber­schrei­tung“; Per­nice, in: Drei­er, GG, 2. Aufl. 2006, Bd. II, Art. 23 Rn. 32: „schwer­wie­gend, evi­dent und ge­ne­rell“; Oe­ter, Recht­spre­chungs­kon­kur­renz zwi­schen na­tio­na­len Ver­fas­sungs­ge­rich­ten, Eu­ropäischem Ge­richts­hof und Eu­ropäischem Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te, VV­DS­tRL 2007, S. 361 <377>: Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs sei ver­bind­lich, „so­fern sie sich nicht völlig von den ver­trag­li­chen Grund­la­gen ablöst“; Scholz, in: Maunz/Dürig, GG, Art. 23 Rn. 40 <Ok­to­ber 2009>: „of­fen­sicht­lich, an­hal­tend und schwer­wie­gend“).


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(2) Der Auf­trag, bei der Aus­le­gung und An­wen­dung der Verträge das Recht zu wah­ren (Art. 19 Abs. 1 UAbs. 1 Satz 2 EUV), be­schränkt den Ge­richts­hof nicht dar­auf, über die Ein­hal­tung der Ver­trags­be­stim­mun­gen zu wa­chen. Dem Ge­richts­hof ist auch die Rechts­fort­bil­dung im We­ge me­tho­disch ge­bun­de­ner Recht­spre­chung nicht ver­wehrt. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die­se Be­fug­nis stets aus­drück­lich an­er­kannt (vgl. BVerfGE 75, 223 <242 f.>; BVerfGE 123, 267 <351 f.>). Ihr ste­hen ins­be­son­de­re das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung und die Struk­tur des unio­na­len Staa­ten­ver­bun­des nicht ent­ge­gen. Viel­mehr kann die - in den ihr ge­setz­ten Gren­zen wahr­ge­nom­me­ne - Rechts­fort­bil­dung ge­ra­de auch im su­pra­na­tio­na­len Ver­bund zu ei­ner der grund­le­gen­den Ver­ant­wor­tung der Mit­glied­staa­ten über die Verträge ge­recht wer­den­den Kom­pe­tenz­ab­gren­zung zu den Re­ge­lungs­be­fug­nis­sen des Uni­ons­ge­setz­ge­bers bei­tra­gen.

Das Primärrecht sieht an ein­zel­nen Stel­len aus­drück­lich vor, dass die Uni­ons­or­ga­ne auf der Grund­la­ge all­ge­mei­ner Grundsätze han­deln sol­len, die den Rechts­ord­nun­gen der Mit­glied­staa­ten ge­mein­sam sind (Art. 6 Abs. 3 EUV; Art. 340 Abs. 2 und Abs. 3 AEUV). Zur Auf­ga­be des Ge­richts­hofs gehört es in­so­weit, die Recht­lich­keit der Uni­on im Sin­ne der ge­mein­sa­men eu­ropäischen Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen zu si­chern. Maßstab ist so­wohl das ge­schrie­be­ne Primär- und Se­kundärrecht als auch die un­ge­schrie­be­nen all­ge­mei­nen Grundsätze, wie sie aus den Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen der Mit­glied­staa­ten un­ter ergänzen­der Her­an­zie­hung der völker­recht­li­chen Verträge der Mit­glied­staa­ten ab­ge­lei­tet wer­den (vgl. We­ge­ner, in: Cal­liess/Ruf­fert, EUV/EGV, 3. Aufl. 2007, Art. 220 EGV Rn. 38 m.w.N. zu den all­ge­mei­nen Grundsätzen im Völker­recht Ga­ja, Ge­ne­ral Prin­ci­ples of Law, in: Wol­f­rum, Max Planck En­cy­clo­pe­dia of Pu­blic In­ter­na­tio­nal Law, http://www.mpe­pil.com, Rn. 7 ff., 17 ff.). Be­reits die un­ter an­de­rem vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt her­vor­ge­ho­be­ne Not­wen­dig­keit, ei­nen dem Grund­ge­setz ver­gleich­ba­ren Grund­rechts­schutz aus­zu­bil­den (vgl. BVerfGE 37, 271 <285>), war seit den 1970er Jah­ren nur rechts­fort­bil­dend über die Me­tho­de der wer­ten­den Rechts­ver­glei­chung möglich (vgl. grund­le­gend EuGH, Ur­teil vom 17. De­zem­ber 1970, Rs. 11/70, In­ter­na­tio­na­le Han­dels­ge­sell­schaft, Slg. 1970, S. 1125 Rn. 4; EuGH, Ur­teil vom 14. Mai 1974, Rs. 4/73, Nold/Kom­mis­si­on, Slg. 1974, S. 491 Rn. 13).

Rechts­fort­bil­dung ist al­ler­dings kei­ne Recht­set­zung mit po­li­ti­schen Ge­stal­tungs­freiräum­en, son­dern folgt den ge­setz­lich oder völker­ver­trag­lich fest­ge­leg­ten Vor­ga­ben. Sie fin­det hier Gründe und Gren­zen. An­lass zu rich­ter­li­cher Rechts­fort-

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bil­dung be­steht ins­be­son­de­re dort, wo Pro­gram­me aus­gefüllt, Lücken ge­schlos­sen, Wer­tungs­wi­dersprüche auf­gelöst wer­den oder be­son­de­ren Umständen des Ein­zel­falls Rech­nung ge­tra­gen wird. Rechts­fort­bil­dung über­schrei­tet die­se Gren­zen, wenn sie deut­lich er­kenn­ba­re, mögli­cher­wei­se so­gar aus­drück­lich im Wort­laut do­ku­men­tier­te (ver­trags-)ge­setz­li­che Ent­schei­dun­gen abändert oder oh­ne aus­rei­chen­de Rück­bin­dung an ge­setz­li­che Aus­sa­gen neue Re­ge­lun­gen schafft. Dies ist vor al­lem dort un­zulässig, wo Recht­spre­chung über den Ein­zel­fall hin­aus po­li­ti­sche Grund­ent­schei­dun­gen trifft oder durch die Rechts­fort­bil­dung struk­tu­rel­le Ver­schie­bun­gen im Sys­tem kon­sti­tu­tio­nel­ler Macht- und Ein­fluss­ver­tei­lung statt­fin­den.

Ei­ne we­sent­li­che Gren­ze rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung auf Uni­ons­ebe­ne ist das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung (Art. 5 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 Satz 1 EUV). Es ge­winnt sei­ne Be­deu­tung vor dem Hin­ter­grund der stark föde­ra­li­sier­ten und ko­ope­ra­ti­ven Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tur der Eu­ropäischen Uni­on, die in vie­len Be­rei­chen so­wohl im Um­fang der Kom­pe­ten­zen als auch in der Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tur und den Ver­fah­ren zwar staats­ana­log, aber nicht bun­des­staat­lich ge­prägt ist. Die Mit­glied­staa­ten ha­ben nur je­weils be­grenz­te Ho­heits­rech­te über­tra­gen. Ge­ne­ra­lermäch­ti­gun­gen und die Kom­pe­tenz, sich wei­te­re Kom­pe­ten­zen zu ver­schaf­fen, wi­der­spre­chen die­sem Prin­zip und würden die ver­fas­sungs­recht­li­che In­te­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung der Mit­glied­staa­ten un­ter­gra­ben (vgl. BVerfGE 123, 267 <352 f.>). Dies gilt nicht nur, wenn sich ei­genmäch­ti­ge Kom­pe­tenz­er­wei­te­run­gen auf Sach­be­rei­che er­stre­cken, die zur ver­fas­sungs­recht­li­chen Iden­tität der Mit­glied­staa­ten rech­nen oder be­son­ders vom de­mo­kra­tisch dis­kur­si­ven Pro­zess in den Mit­glied­staa­ten abhängen (vgl. BVerfGE 123, 267 <357 f.>), al­ler­dings wie­gen hier Kom­pe­tenzüber­schrei­tun­gen be­son­ders schwer.

(3) Soll das su­pra­na­tio­na­le In­te­gra­ti­ons­prin­zip nicht Scha­den neh­men, muss die Ul­tra-vi­res-Kon­trol­le durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zurück­hal­tend aus­geübt wer­den. Da es in je­dem Fall ei­ner Ul­tra-vi­res-Rüge auch über ei­ne Rechts­auf­fas­sung des Ge­richts­hofs zu be­fin­den hat, sind Auf­ga­be und Stel­lung der un­abhängi­gen über­staat­li­chen Recht­spre­chung zu wah­ren. Dies be­deu­tet zum ei­nen, dass die uni­ons­ei­ge­nen Me­tho­den der Rechts­fin­dung, an die sich der Ge­richts­hof ge­bun­den sieht und die der „Ei­gen­art“ der Verträge und den ih­nen ei­ge­nen Zie­len Rech­nung tra­gen (vgl. EuGH, Gut­ach­ten 1/91, EWR-Ab­kom­men, Slg. 1991, S. I-6079 Rn. 51), zu re­spek­tie­ren sind. Zum an­de­ren hat der Ge­richts­hof An­spruch auf Feh­ler­to­le­ranz. Da­her ist es nicht Auf­ga­be des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, bei Aus­le­gungs­fra­gen des Uni­ons­rechts, die bei me­tho­di­scher Ge-

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set­zes­aus­le­gung im übli­chen rechts­wis­sen­schaft­li­chen Dis­kus­si­ons­rah­men zu ver­schie­de­nen Er­geb­nis­sen führen können, sei­ne Aus­le­gung an die Stel­le der­je­ni­gen des Ge­richts­hofs zu set­zen. Hin­zu­neh­men sind auch In­ter­pre­ta­tio­nen der ver­trag­li­chen Grund­la­gen, die sich oh­ne ge­wich­ti­ge Ver­schie­bung im Kom­pe­tenz­gefüge auf Ein­z­elfälle be­schränken und be­las­ten­de Wir­kun­gen auf Grund­rech­te ent­we­der nicht ent­ste­hen las­sen oder ei­nem in­ner­staat­li­chen Aus­gleich sol­cher Be­las­tun­gen nicht ent­ge­gen­ste­hen.

2. Ge­mes­sen an die­sen Maßstäben hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt die Trag-wei­te der Ver­trags­frei­heit der Be­schwer­deführe­rin nach Art. 12 Abs. 1 GG nicht ver­kannt. Das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil er­weist sich als ver­fas­sungs­gemäß, so­weit es die Un­an­wend­bar­keit von § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG an­ge­nom­men hat.

Im Hin­blick auf die zu­grun­de­ge­leg­te Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs ist ei­ne Rechts­fort­bil­dung ul­tra vi­res, die zur - al­lein vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt fest­stell­ba­ren (vgl. BVerfGE 123, 267 <354>) - Un­an­wend­bar­keit der be­tref­fen­den Rechts­grundsätze in Deutsch­land führen müss­te, nicht er­sicht­lich. Es kann da­hin­ste­hen, ob sich das in der Man­gold-Ent­schei­dung ge­fun­de­ne Er­geb­nis durch an­er­kann­te ju­ris­ti­sche Aus­le­gungs­me­tho­den noch ge­win­nen lässt und ob ge­ge­be­nen­falls be­ste­hen­de Mängel of­fen­kun­dig wären. Je­den­falls han­delt es sich um kei­ne das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung in of­fen­sicht­li­cher und struk­tur­wirk­sa­mer Wei­se ver­let­zen­de Über­schrei­tung der durch Zu­stim­mungs­ge­setz auf die Eu­ropäische Uni­on über­tra­ge­nen Ho­heits­rech­te.

a) Der Ge­richts­hof kam in der Man­gold-Ent­schei­dung zu dem Er­geb­nis, ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG ver­s­toße ge­gen Ge­mein­schafts­recht und müsse un­an­ge­wen­det blei­ben (EuGH, Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2005, Rs. C-144/04, Slg. 2005, S. I-9981 Rn. 77 f.). Die­se Aus­sa­ge wur­de mit zwei Ar­gu­men­ten be­gründet, de­ren Be­zie­hung zu­ein­an­der un­klar bleibt (vgl. Thüsing, Eu­ro­pa­recht­li­cher Gleich­be­hand­lungs­grund­satz als Bin­dung des Ar­beit­ge­bers?, ZIP 2005, S. 2149 <2150 f.>). Die Re­ge­lung ste­he so­wohl im Wi­der­spruch zu Art. 6 der Richt­li­nie 2000/78/EG als auch zu ei­nem all­ge­mei­nen Grund­satz des Ge­mein­schafts­rechts, der Dis­kri­mi­nie­run­gen aus Gründen des Al­ters un­ter­sa­ge.


Während ei­ne Stel­le in der eng­li­schen und französi­schen Sprach­fas­sung der Man­gold-Ent­schei­dung dar­auf hin­deu­tet, dass sich der Ge­richts­hof ins­be­son­de­re auf das all­ge­mei­ne Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot zu stützen scheint (vgl. EuGH, Ur­teil


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vom 22. No­vem­ber 2005, a.a.O., Rn. 74: „[z]wei­tens“ <deut­sche Sprach­fas­sung>, „[i]n the se­cond place and above all“ <eng­li­sche Sprach­fas­sung>, „[e]n se­cond lieu et sur­tout“ <französi­sche Sprach­fas­sung>), könn­te ei­ne an­de­re Stel­le für das Ge­gen­teil spre­chen (EuGH, Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2005, a.a.O., Rn. 78: „ins­be­son­de­re Ar­ti­kel 6 Ab­satz 1 der Richt­li­nie 2000/78“). Dem ent­spricht die Ver­mu­tung, dass die Man­gold-Ent­schei­dung, ob­wohl die Richt­li­nie 2000/78/EG für Deutsch­land in­ner­halb der noch lau­fen­den Um­set­zungs­frist noch nicht an­wend­bar war, die deut­sche Be­fris­tungs­re­gel am Maßstab die­ser Richt­li­nie prüfte, weil die Richt­li­nie nur das kon­kre­ti­sie­re, was durch den all­ge­mei­nen Grund­satz des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung oh­ne­hin und un­abhängig von der Richt­li­nie gel­te (vgl. Skou­ris, Me­tho­den der Grund­rechts­ge­win­nung in der EU, in: Mer­ten/Pa­pier, HG­Re, Bd. VI/1, 2010, § 157 Rn. 24).

b) Ein hin­rei­chend qua­li­fi­zier­ter Ver­s­toß des Ge­richts­hofs ge­gen das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung lässt sich nicht fest­stel­len. We­der die Öff­nung des An­wen­dungs­be­reichs der Richt­li­nie 2000/78/EG auf Fälle, die ge­ra­de ei­ner be­ruf­li­chen Ein­glie­de­rung von älte­ren Lang­zeit­ar­beits­lo­sen die­nen soll­ten (aa), noch die vom Ge­richts­hof an­ge­nom­me­ne Vor­wir­kung der in Deutsch­land noch um­zu­set­zen­den Richt­li­nie 2000/78/EG (bb) noch die Her­lei­tung ei­nes all­ge­mei­nen Grund­sat­zes des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung (cc) hat zu ei­ner struk­tu­rell be­deut­sa­men Ver­schie­bung zu­las­ten mit­glied­staat­li­cher Kom­pe­ten­zen geführt.

aa) Der Ge­richts­hof hielt den all­ge­mei­nen Grund­satz des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung in der Rechts­sa­che Man­gold für an­wend­bar, weil der Sach­ver­halt grundsätz­lich in den An­wen­dungs­be­reich der Richt­li­nie 2000/78/EG fal­le (EuGH, Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2005, a.a.O., Rn. 51, 64, 75). Die­se Wei­chen­stel­lung war die Vor­aus­set­zung dafür, dass ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG über­haupt am Ge­mein­schafts­recht - und al­so auch an des­sen all-ge­mei­nen Grundsätzen - ge­mes­sen wer­den konn­te. Die Be­schwer­deführe­rin hat da­ge­gen vor­ge­tra­gen, dass die ein­schlägi­ge Vor­schrift des Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­set­zes der Beschäfti­gungs­po­li­tik ge­dient ha­be, wel­che wei­ter­hin in der mit­glied­staat­li­chen Zuständig­keit lie­ge.

Ob ei­ne be­stimm­te Maßnah­me ei­nes Mit­glied­staa­tes in den An­wen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fällt, be­stimmt der Ge­richts­hof je­weils im Ein­zel­fall nach der in­halt­li­chen Trag­wei­te der Maßnah­me in Be­zug auf die Sach­ma­te­rie und die be­tei­lig­ten Per­so­nen. Auch ei­ne Richt­li­nie kann den An­wen­dungs­be­reich der Ver-

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träge eröff­nen und so da­zu führen, dass die all­ge­mei­nen Grundsätze des Uni­ons­rechts in das mit­glied­staat­li­che Recht ein­wir­ken (vgl. von Dan­witz, Rechts­wir­kun­gen von Richt­li­ni­en in der neue­ren Recht­spre­chung des EuGH, JZ 2007, S. 697 <704>). Ob ei­ne Richt­li­nie den An­wen­dungs­be­reich der Verträge eröff­net, wird nach ih­ren Zie­len be­stimmt (vgl. EuGH, Ur­teil vom 16. Ju­ni 1998, Rs. C-226/97, Lem­mens, Slg. 1998, S. I-3711 Rn. 25 und 35 f.). Da­ge­gen kann der na­tio­na­le Ge­setz­ge­ber nicht den sach­li­chen An­wen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts aus­sch­ließen, in­dem er mit ei­ner Maßnah­me auch Zie­le - wie et­wa die Beschäfti­gungs­po­li­tik (vgl. die be­schränk­ten Hand­lungs­kom­pe­ten­zen nach Art. 145 bis Art. 150 AEUV) - ver­folgt, zu de­ren Re­ge­lung die Uni­on nicht be­fugt ist (vgl. EuGH, Ur­teil vom 24. No­vem­ber 1998, Bi­ckel und Franz, Rs. C-274/96, Slg. 1998, S. I-7637 Rn. 17; stRspr). Der Ge­richts­hof recht­fer­tigt dies mit dem Hin­weis, dass die Mit­glied­staa­ten an­dern­falls durch un­ter­schied­li­che Ziel­set­zun­gen die ein­heit­li­che Wir­kung des Uni­ons­rechts be­ein­träch­ti­gen könn­ten.

Im kon­kre­ten Fall be­gründe­te der Ge­richts­hof die An­wend­bar­keit des Ge­mein­schafts­rechts und da­mit des all­ge­mei­nen Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung da­mit, dass mit dem Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz ursprüng­lich die Richt­li­nie 1999/70/EG ha­be um­ge­setzt wer­den sol­len (EuGH, Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2005, a.a.O., Rn. 75). Da­ge­gen kann ein­ge­wen­det wer­den, dass nur der ursprüng­li­che Er­lass des Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­set­zes im Jahr 2000 der Um­set­zung der Richt­li­nie 1999/70/EG dien­te, nicht aber das Ände­rungs­ge­setz, mit dem Satz 4 in den be­ste­hen­den § 14 Abs. 3 Tz­B­fG ein­gefügt wur­de (vgl. zum feh­len­den Ver­weis auf das Ge­mein­schafts­recht BT­Drucks 15/25, S. 40). Ent­schei­den­de Erwägung, die aus der Bin­nen­lo­gik des Uni­ons­rechts her­aus nicht vollständig zurück­ge­wie­sen wer­den kann, ist je­doch die sach­li­che Reich­wei­te der Richt­li­nie 1999/70/EG, ins­be­son­de­re de­ren Ver­schlech­te­rungs­ver­bot (§ 8 Abs. 3 der Richt­li­nie 1999/70/EG). Sie ist das maßge­ben­de Ar­gu­ment, nicht die je­wei­li­ge Ziel­set­zung des na­tio­na­len Ge­setz­ge­bers.

bb) Ei­ne im Hin­blick auf das Er­sicht­lich­keits­kri­te­ri­um gra­vie­ren­de, das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung ver­let­zen­de Rechts­fort­bil­dung durch die Man­gold-Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs ist auch nicht we­gen der vom Ge­richts­hof an­ge­nom­me­nen Vor­wir­kung der in Deutsch­land noch um­zu­set­zen­den Richt­li­nie 2000/78/EG ge­ge­ben.


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Der Ge­richts­hof ging da­von aus, dass ei­nem Ver­s­toß ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG ge­gen Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG nicht ent­ge­gen­ste­he, dass de­ren Um­set­zungs­frist zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses noch nicht ab­ge­lau­fen ge­we­sen sei (EuGH, Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2005, a.a.O., Rn. 70 ff.). Der während der Um­set­zungs­frist be­ste­hen­de Hand­lungs- und Kon­kre­ti­sie­rungs­spiel­raum der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land wur­de da­durch je­doch nicht so verkürzt, dass ei­ne struk­tur­wirk­sa­me Kom­pe­tenz­ver­schie­bung an­ge­nom­men wer­den müss­te. Nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs sind die Mit­glied­staa­ten ver­pflich­tet, be­reits vor Ab­lauf der Um­set­zungs­frist ei­ner in Kraft ge­tre­te­nen Richt­li­nie kei­ne Vor­schrif­ten zu er­las­sen, die ge­eig­net sind, das in der Richt­li­nie vor­ge­schrie­be­ne Ziel ernst­haft in Fra­ge zu stel­len (vgl. EuGH, Ur­teil vom 18. De­zem­ber 1997, Rs. C-129/96, In­ter-En­vi­ron­ne­ment Wal­lo­nie, Slg. 1997, S. I-7411 Rn. 45; EuGH, Ur­teil vom 8. Mai 2003, Rs. C-14/02, ATRAL, Slg. 2003, S. I-4431 Rn. 58).

Die Man­gold-Ent­schei­dung lässt sich in die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs zur in­ner­staat­li­chen Wir­kung von Richt­li­ni­en ein­ord­nen. Ob­wohl der Ge­richts­hof mehr­fach ent­schie­den hat, dass ei­ne Richt­li­nie „nicht selbst Ver­pflich­tun­gen für ei­nen Ein­zel­nen be­gründen kann, so dass ihm ge­genüber ei­ne Be­ru­fung auf die Richt­li­nie als sol­che nicht möglich ist“ (vgl. EuGH, Ur­teil vom 14. Ju­li 1994, Rs. C-91/92, Fac­ci­ni Do­ri, Slg. 1994, S. I-3325 Rn. 19 ff.; EuGH, Ur­teil vom 5. Ok­to­ber 2004, verb. Rs. C-397-403/01, Pfeif­fer, Slg. 2004, S. I-8835 Rn. 108), hat der Ge­richts­hof an­er­kannt, dass richt­li­ni­en­wid­rig er­las­se­ne in­ner­staat­li­che Nor­men in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten un­an­ge­wen­det blei­ben müssen (vgl. et­wa EuGH, Ur­teil vom 30. April 1996, Rs. C-194/94, CIA Se­cu­ri­ty, Slg. 1996, S. I-2201; EuGH, Ur­teil vom 26. Sep­tem­ber 2000, Rs. C-443/98, Uni­le­ver, Slg. 2000, S. I-7535 Rn. 49 ff.). Mit der in der Man­gold-Ent­schei­dung an­ge­nom­me­nen Vor­wir­kung von Richt­li­ni­en schafft der Ge­richts­hof ei­ne wei­te­re Fall­grup­pe für die so­ge­nann­te „ne­ga­ti­ve“ Wir­kung von Richt­li­ni­en. Die­se dient wie die Recht­spre­chung zur „ne­ga­ti­ven“ Wir­kung von Richt­li­ni­en ins­ge­samt le­dig­lich der Ef­fek­tu­ie­rung be­ste­hen­der Rechts­pflich­ten der Mit­glied­staa­ten, schafft aber kei­ne neu­en, das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung ver­let­zen­den Pflich­ten der Mit­glied­staa­ten.

cc) Es kann da­hin­ste­hen, ob sich ein all­ge­mei­ner Grund­satz des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung aus den ge­mein­sa­men Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen und den völker­recht­li­chen Verträgen der Mit­glied­staa­ten ab­lei­ten ließe, ob­wohl nur zwei der

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zum Zeit­punkt der Man­gold-Ent­schei­dung 15 Ver­fas­sun­gen der Mit­glied­staa­ten ein be­son­de­res Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Al­ters zu ent­neh­men war (vgl. Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts Mazák vom 15. Fe­bru­ar 2007, Rs. C-411/05, Pa­la­ci­os, Slg. 2007, S. I-8531 Rn. 88; Hölscheidt, in: Mey­er, Kom­men­tar zur Char­ta der Grund­rech­te der EU, 2. Aufl. 2006, Art. 21 Rn. 15) und auch die völker­recht­li­chen Verträge, auf die sich der Ge­richts­hof mit sei­nem Hin­weis auf die Erwägungs­gründe der Richt­li­nie 2000/78/EG be­zo­gen hat­te, kein spe­zi­el­les Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot ent­hiel­ten. Denn zu ei­nem er­sicht­li­chen Ver­s­toß im Hin­blick auf das Prin­zip der be­grenz­ten Ein­zel­ermäch­ti­gung würde auch ei­ne un­ter­stell­te, rechts­me­tho­disch nicht mehr ver­tret­ba­re Rechts­fort­bil­dung des Ge­richts­hofs erst dann, wenn sie auch prak­tisch kom­pe­tenz­be­gründend wirk­te. Mit dem in der Ab­lei­tung aus den ge­mein­sa­men mit­glied­staat­li­chen Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen um­strit­te­nen all­ge­mei­nen Grund­satz des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung wur­de aber we­der ein neu­er Kom­pe­tenz­be­reich für die Uni­on zu­las­ten der Mit­glied­staa­ten be­gründet noch ei­ne be­ste­hen­de Kom­pe­tenz mit dem Ge­wicht ei­ner Neu­be­gründung aus­ge­dehnt. Dies wäre nur dann der Fall, wenn oh­ne den Er­lass ei­nes - hier als vor­wir­kend an­ge­se­he­nen - Se­kundärrechts­ak­tes nicht nur Rech­te, son­dern auch Pflich­ten von Bürgern durch Rechts­fort­bil­dung be­gründet würden, die sich so­wohl als Grund­rechts­ein­grif­fe als auch als Kom­pe­tenz­ver­schie­bung zu-las­ten der Mit­glied­staa­ten er­wei­sen würden. All­ge­mei­ne Grundsätze dürfen, auch wenn sie den Grund­rechts­schutz auf Uni­ons­ebe­ne gewähr­leis­ten, nicht den Ge­stal­tungs­be­reich des Uni­ons­rechts über die ein­geräum­ten Zuständig­kei­ten der Uni­on hin­aus aus­deh­nen oder gar neue Auf­ga­ben und Zuständig­kei­ten be­gründen (vgl. Art. 51 Abs. 2 GRCh).


Hier liegt der Fall je­doch an­ders, weil die an der auf Art. 13 Abs. 1 EGV (jetzt Art. 19 Abs. 1 AEUV) gestütz­ten Recht­set­zung be­tei­lig­ten Or­ga­ne un­ter Ein­schluss des Ra­tes und des deut­schen Ver­tre­ters im Rat - und nicht Rich­ter im Zu­ge der Rechts­fort­bil­dung - den Grund­satz des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung für ar­beits­ver­trags­recht­li­che Rechts­be­zie­hun­gen ver­bind­lich ge­macht und da­mit auch den Raum für ge­richt­li­che Rechts­in­ter­pre­ta­ti­on eröff­net ha­ben (vgl. in­so­weit oben aa).


II.

Die Be­schwer­deführe­rin ist auch nicht da­durch in ih­rer Ver­trags­frei­heit nach Art. 12 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG ver­letzt, dass das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil kei­nen Ver­trau­ens­schutz gewährt hat.

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1. a) Zu den we­sent­li­chen Ele­men­ten des Rechts­staats­prin­zips zählt die Rechts­si­cher­heit. Der rechts­un­ter­wor­fe­ne Bürger soll nicht durch die rück­wir­ken­de Be­sei­ti­gung er­wor­be­ner Rech­te in sei­nem Ver­trau­en auf die Verläss­lich­keit der Rechts­ord­nung enttäuscht wer­den (vgl. BVerfGE 45, 142 <167>; 72, 175 <196>; 88, 384 <403>; 105, 48 <57>).

Das Ver­trau­en in den Fort­be­stand ei­nes Ge­set­zes kann nicht nur durch die rück­wir­ken­de Fest­stel­lung sei­ner Nich­tig­keit durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (vgl. BVerfGE 99, 341 <359 f.>), son­dern auch durch die rück­wir­ken­de Fest­stel­lung sei­ner Nicht­an­wend­bar­keit durch den Ge­richts­hof berührt wer­den. Die Schutzwürdig­keit des Ver­trau­ens in ein uni­ons­rechts­wid­ri­ges Ge­setz be­stimmt sich ins­be­son­de­re da­nach, in­wie­weit vor­her­seh­bar war, dass der Ge­richts­hof ei­ne der­ar­ti­ge Re­ge­lung als uni­ons­rechts­wid­rig ein­ord­net. Es ist fer­ner von Be­lang, dass ei­ne Dis­po­si­ti­on im Ver­trau­en auf ei­ne be­stimm­te Rechts­la­ge vor­ge­nom­men, das Ver­trau­en mit an­de­ren Wor­ten betätigt wur­de (vgl. BVerfGE 13, 261 <271>).


b) Die Möglich­kei­ten mit­glied­staat­li­cher Ge­rich­te zur Gewährung von Ver­trau­ens­schutz sind uni­ons­recht­lich vor­ge­prägt und be­grenzt. Ent­schei­dun­gen des Ge­richts­hofs im Vor­la­ge­ver­fah­ren nach Art. 267 AEUV wir­ken grundsätz­lich ex tunc. Die Aus­le­gung des Uni­ons­rechts durch den Ge­richts­hof ist des­halb von den mit-glied­staat­li­chen Ge­rich­ten auch auf Rechts­verhält­nis­se an­zu­wen­den, die vor Er­lass der Vor­ab­ent­schei­dung be­gründet wur­den. Der Ge­richts­hof schränkt nur aus­nahms­wei­se in An­be­tracht der er­heb­li­chen Schwie­rig­kei­ten, die sei­ne Ent­schei­dung bei in gu­tem Glau­ben be­gründe­ten Rechts­verhält­nis­sen für die Ver­gan­gen­heit her­vor­ru­fen kann, die Rück­wir­kun­gen sei­ner Ent­schei­dung ein (vgl. EuGH, Ur­teil vom 27. März 1980, Rs. C-61/79, Den­ka­vit, Slg. 1980, S. 1205 Rn. 16 f.; stRspr).


Ver­trau­ens­schutz kann von den mit­glied­staat­li­chen Ge­rich­ten dem­nach nicht da­durch gewährt wer­den, dass sie die Wir­kung ei­ner Vor­ab­ent­schei­dung zeit­lich be­schränken, in­dem sie die na­tio­na­le Re­ge­lung, de­ren Un­ver­ein­bar­keit mit Uni­ons­recht fest­ge­stellt wur­de, für die Zeit vor Er­lass der Vor­ab­ent­schei­dung an­wen­den. Ei­ne sol­che primärwirk­sa­me Wir­kung des Ver­trau­ens­schut­zes lässt der Ge­richts­hof re­gelmäßig nicht zu, da er im Hin­blick auf die ein­heit­li­che Gel­tung des Uni­ons­rechts da­von aus­geht, dass nur er selbst die Wir­kung der in sei­nen Ent­schei­dun­gen vor­ge­nom­me­nen Aus­le­gung zeit­lich be­schränken könne (vgl. EuGH, Ur­teil vom 27. März 1980, a.a.O., Rn. 18; stRspr). In der Recht­spre­chung des Ge-

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richts­hofs fin­den sich hin­ge­gen kei­ne An­halts­punk­te dafür, dass es den mit­glied­staat­li­chen Ge­rich­ten ver­wehrt wäre, se­kundären Ver­trau­ens­schutz durch Er­satz des Ver­trau­ens­scha­dens zu gewähren.

c) Es ist da­nach möglich, zur Si­che­rung des ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver­trau­ens­schut­zes in Kon­stel­la­tio­nen der rück­wir­ken­den Nicht­an­wend­bar­keit ei­nes Ge­set­zes in­fol­ge ei­ner Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs in­ner­staat­lich ei­ne Entschädi­gung dafür zu gewähren, dass ein Be­trof­fe­ner auf die ge­setz­li­che Re­ge­lung ver­traut und in die­sem Ver­trau­en Dis­po­si­tio­nen ge­trof­fen hat. Auch das uni­ons­recht­li­che Haf­tungs­recht weist dem Mit­glied­staat die Ver­ant­wor­tung für ein uni­ons­rechts­wid­ri­ges Ge­setz zu und ent­las­tet in­so­weit den Bürger. Es kann of­fen blei­ben, ob ein ent­spre­chen­der An­spruch be­reits im be­ste­hen­den Staats­haf­tungs­sys­tem an­ge­legt ist.

2. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat die Trag­wei­te ei­nes nach Art. 12 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG zu gewähren­den Ver­trau­ens­schut­zes nicht ver­kannt. We­gen des ge­mein­schafts- be­zie­hungs­wei­se uni­ons­recht­li­chen An­wen­dungs­vor­rangs durf­te sich das Bun­des­ar­beits­ge­richt außer Stan­de se­hen, Ver­trau­ens­schutz da­durch zu gewähren, dass es die zu­guns­ten der Be­schwer­deführe­rin er­gan­ge­nen Ent­schei­dun­gen der Vor­in­stan­zen bestätigt. Ein oh­ne Ver­s­toß ge­gen den uni­ons­recht­li­chen An­wen­dungs­vor­rang mögli­cher An­spruch auf Entschädi­gung ge­gen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land für Vermögens­ein­bußen, die die Be­schwer­deführe­rin durch die Ent­fris­tung des Ar­beits­verhält­nis­ses er­lit­ten hat, war nicht Ge­gen­stand des Ver­fah­rens vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt.

III.

Das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil ver­letzt die Be­schwer­deführe­rin nicht in ih­rem An­spruch auf den ge­setz­li­chen Rich­ter nach Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG.

1. Der Ge­richts­hof ist ge­setz­li­cher Rich­ter im Sin­ne des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG. Es stellt ei­nen Ent­zug des ge­setz­li­chen Rich­ters dar, wenn ein deut­sches Ge­richt sei­ner Pflicht zur An­ru­fung des Ge­richts­hofs im We­ge des Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­rens nach Art. 267 Abs. 3 AEUV nicht nach­kommt (vgl. BVerfGE 73, 339 <366 ff.>; 75, 223 <233 ff.>; 82, 159 <192 ff.>). Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts stellt al­ler­dings nicht je­de Ver­let­zung der uni­ons­recht­li­chen Vor­la­ge­pflicht zu­gleich ei­nen Ver­s­toß ge­gen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG dar. Denn das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt be­an­stan­det die Aus­le­gung und An­wen­dung


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von Zuständig­keits­nor­men nur, wenn sie bei verständi­ger Würdi­gung der das Grund­ge­setz be­stim­men­den Ge­dan­ken nicht mehr verständ­lich er­schei­nen und of­fen­sicht­lich un­halt­bar sind (vgl. BVerfGE 29, 198 <207>; 82, 159 <194>).

Die­ser Willkürmaßstab wird auch an­ge­legt, wenn ei­ne Ver­let­zung von Art. 267 Abs. 3 AEUV in Re­de steht. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ist uni­ons­recht­lich nicht ver­pflich­tet, die Ver­let­zung der uni­ons­recht­li­chen Vor­la­ge­pflicht voll zu kon­trol­lie­ren und an der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs zu Art. 267 Abs. 3 AEUV aus­zu­rich­ten (vgl. BVerfG, Be­schluss der 1. Kam­mer des Zwei­ten Se­nats vom 6. Mai 2008 - 2 BvR 2419/06 -, NVwZ-RR 2008, S. 658 <660>; an­ders BVerfG, Be­schluss der 3. Kam­mer des Ers­ten Se­nats vom 25. Fe­bru­ar 2010 - 1 BvR 230/09 -, NJW 2010, S. 1268 <1269>). Art. 267 Abs. 3 AEUV for­dert kein zusätz­li­ches Rechts­mit­tel zur Über­prüfung der Ein­hal­tung der Vor­la­ge­pflicht (vgl. Ko­kott/Hen­ze/So­bot­ta, Die Pflicht zur Vor­la­ge an den Eu­ropäischen Ge­richts­hof und die Fol­gen ih­rer Ver­let­zung, JZ 2006, S. 633 <635>). Ein letzt­in­stanz­li­ches Ge­richt nach Art. 267 Abs. 3 AEUV ist de­fi­ni­ti­ons­gemäß die letz­te In­stanz, vor der der Ein­zel­ne Rech­te gel­tend ma­chen kann, die ihm auf­grund des Uni­ons­rechts zu­ste­hen (vgl. EuGH, Ur­teil vom 30. Sep­tem­ber 2003, Rs. C-224/01, Köbler, Slg. 2003, S. I-10239 Rn. 34). So be­hal­ten die Fach­ge­rich­te bei der Aus­le­gung und An­wen­dung von Uni­ons­recht ei­nen Spiel­raum ei­ge­ner Einschätzung und Be­ur­tei­lung, der dem­je­ni­gen bei der Hand­ha­bung ein­fach­recht­li­cher Be­stim­mun­gen der deut­schen Rechts­ord­nung ent­spricht. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, das nur über die Ein­hal­tung der Gren­zen die­ses Spiel­raums wacht, wird sei­ner­seits nicht zum „obers­ten Vor­la­gen­kon­troll­ge­richt“ (vgl. BVerfG, Be­schluss der 1. Kam­mer des Zwei­ten Se­nats vom 9. No­vem­ber 1987 - 2 BvR 808/82 -, NJW 1988, S. 1456 <1457>).

Die Vor­la­ge­pflicht nach Art. 267 Abs. 3 AEUV wird ins­be­son­de­re in den Fällen of­fen­sicht­lich un­halt­bar ge­hand­habt, in de­nen ein letzt­in­stanz­li­ches Haupt­sa­che­ge­richt ei­ne Vor­la­ge trotz der - sei­ner Auf­fas­sung nach be­ste­hen­den - Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der uni­ons­recht­li­chen Fra­ge über­haupt nicht in Erwägung zieht, ob­wohl es selbst Zwei­fel hin­sicht­lich der rich­ti­gen Be­ant­wor­tung der Fra­ge hegt (grundsätz­li­che Ver­ken­nung der Vor­la­ge­pflicht). Glei­ches gilt in den Fällen, in de­nen das letzt­in­stanz­li­che Haupt­sa­che­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung be­wusst von der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs zu ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­gen ab­weicht und gleich­wohl nicht oder nicht neu­er­lich vor­legt (be­wuss­tes Ab­wei­chen oh­ne Vor­la­ge­be­reit­schaft). Liegt zu ei­ner ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­ge des Uni­ons­rechts ein­schlägi­ge Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs noch nicht vor oder

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hat ei­ne vor­lie­gen­de Recht­spre­chung die ent­schei­dungs­er­heb­li­che Fra­ge mögli­cher­wei­se noch nicht erschöpfend be­ant­wor­tet oder er­scheint ei­ne Fort­ent­wick­lung der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs nicht nur als ent­fern­te Möglich­keit, wird Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG nur ver­letzt, wenn das letzt­in­stanz­li­che Haupt­sa­che­ge-richt den ihm in sol­chen Fällen not­wen­dig zu­kom­men­den Be­ur­tei­lungs­rah­men in un­ver­tret­ba­rer Wei­se über­schrit­ten hat (Un­vollständig­keit der Recht­spre­chung). Dies kann ins­be­son­de­re dann der Fall sein, wenn mögli­che Ge­gen­auf­fas­sun­gen zu der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­ge des Uni­ons­rechts ge­genüber der vom Ge­richt ver­tre­te­nen Mei­nung ein­deu­tig vor­zu­zie­hen sind (vgl. BVerfGE 82, 159 <194 ff.>). Zu ver­nei­nen ist in die­sen Fällen ein Ver­s­toß ge­gen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG des­halb be­reits dann, wenn das Ge­richt die ent­schei­dungs­er­heb­li­che Fra­ge in zu­min­dest ver­tret­ba­rer Wei­se be­ant­wor­tet hat.

2. Das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil ver­letzt nicht Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG, denn das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat durch die Ent­schei­dung, das Ver­fah­ren nicht an den Ge­richts­hof vor­zu­le­gen, die Be­schwer­deführe­rin nicht ih­rem ge­setz­li­chen Rich­ter ent­zo­gen.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hätte ins­be­son­de­re nicht we­gen Un­vollständig­keit der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs ei­ne Vor­ab­ent­schei­dung her­beiführen müssen. Un­ter der An­nah­me, dass der Ge­richts­hof die Un­an­wend­bar­keit des § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG in der Man­gold-Ent­schei­dung mit der ge­bo­te­nen Ein­deu­tig­keit fest­ge­stellt ha­be und die nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs be­ste­hen­den Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne zeit­li­che Be­gren­zung von Ent­schei­dungs­wir­kun­gen nicht erfüllt sei­en, sah das Bun­des­ar­beits­ge­richt sich nicht als ver­pflich­tet an, dem Ge­richts­hof durch ei­ne Vor­la­ge die Ge­le­gen­heit zur nachträgli­chen Gewährung von Ver­trau­ens­schutz zu eröff­nen. Dies stellt ein ver­tret­ba­res Er­geb­nis dar. Die Ge­gen­auf­fas­sung der Be­schwer­deführe­rin, dass der Ge­richts­hof die Fra­ge des rück­wir­ken­den Ver­trau­ens­schut­zes in der Rechts­sa­che Man­gold of­fen ge­las­sen ha­be und die Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs zur zeit­li­chen Be­gren­zung von Ent­schei­dungs­wir­kun­gen sich nicht auf die vor­lie­gen­de Fall­ge­stal­tung be­zie­he, ist der Auf­fas­sung des Bun­des­ar­beits­ge­richts nicht ein­deu­tig vor­zu­zie­hen. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt durf­te viel­mehr da­von aus­ge­hen, dass § 14 Abs. 3 Satz 4 Tz­B­fG nach der Man­gold-Ent­schei­dung un­an­ge­wen­det blei­ben muss­te.

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IV.

Die­se Ent­schei­dung ist hin­sicht­lich der Be­gründung mit 6:2 Stim­men und im Er­geb­nis mit 7:1 Stim­men er­gan­gen.


Voßkuh­le

Broß

Os­ter­loh

Di Fa­bio

Mel­ling­hoff

Lübbe-Wolff

Ger­hardt

Land­au

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