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ARBEITSRECHT AKTUELL // 26/013

Ver­däch­ti­gung ge­nügt nicht als Kün­di­gungs­grund

Bei ei­ner Ver­dachts­kün­di­gung muss auf kon­kre­te Tat­sa­chen ge­stützt wer­den, die den drin­gen­den Ver­dacht ei­ner er­heb­li­chen Pflicht­ver­let­zung be­grün­den. Auf Ver­mu­tun­gen ge­stütz­te Ver­däch­ti­gun­gen rei­chen nicht aus: Lan­des­ar­beits­ge­richt Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Ur­teil vom 21.10.2025, 2 SLa 45/25

12.05.2026. Ar­beit­ge­ber kön­nen bei gra­vie­ren­den Pflicht­ver­let­zun­gen ei­ne au­ßer­or­dent­li­che und frist­lo­se Kün­di­gung aus­spre­chen. Da­bei be­steht die Ge­fahr, den Kün­di­gungs­sach­ver­halt vor Aus­spruch der Kün­di­gung nicht ge­nau ge­nug auf­ge­klärt zu ha­ben.

Dann kann sich spä­ter bei ei­nem Kün­di­gungs­schutz­pro­zess vor Ge­richt her­aus­stel­len, dass der Ar­beit­neh­mer den vom Ar­beit­ge­ber an­ge­nom­me­ne Pflicht­ver­stoß gar nicht be­gan­gen hat. Ge­nau­er ge­sagt: Dass der da­für be­weis­pflich­ti­ge Ar­beit­ge­ber den Pflicht­ver­stoß nicht zwei­fels­frei be­le­gen kann.

Um sol­che Fehl­ent­schei­dun­gen zu ver­mei­den, soll­ten Ar­beit­ge­ber den be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer vor Aus­spruch ei­ner frist­lo­sen ver­hal­tens­be­ding­ten Kün­di­gung im­mer an­hö­ren.

Er­heb­li­cher Pflicht­ver­s­toß und drin­gen­der Ver­dacht als Kündi­gungs­grund

Ge­setz­li­che Grund­la­ge für ei­ne außer­or­dent­li­che frist­lo­se Kündi­gun­gen ist § 626 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB). Auf­grund die­ser Re­ge­lung kann je­de Ver­trags­par­tei das Ar­beits­verhält­nis „aus wich­ti­gem Grun­de“ außer­or­dent­lich und oh­ne Ein­hal­tung ei­ner Frist kündi­gen.
Ar­beit­ge­ber können da­her bei er­heb­li­chen Pflicht­verstößen ei­nes Ar­beit­neh­mers frist­los kündi­gen. Vor­aus­set­zung ei­ner sol­chen „Tatkündi­gung“ ist, dass der vom Ar­beit­ge­ber be­haup­te­te Pflicht­ver­s­toß später vor Ge­richt be­wie­sen wer­den kann.
Ein sol­cher Be­weis ge­lingt nicht im­mer. Da Ar­beit­ge­ber - an­ders als die staat­li­chen In­sti­tu­tio­nen der Straf­ver­fol­gung - kei­ne straf­pro­zes­sua­len Mit­tel der Aufklärung des Sach­ver­halts ha­ben, ist in der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (B AG) an­er­kannt, dass auch der bloße Ver­dacht ei­ner schwe­ren Pflicht­ver­let­zung den Ar­beit­ge­ber zu ei­ner außer­or­dent­li­chen frist­lo­sen Kündi­gung be­rech­ti­gen kann, d.h. zu ei­ner Ver­dachtskündi­gung.
Da ei­ne sol­che Kündi­gung al­ler­dings Un­schul­di­ge tref­fen kann, ist ei­ne Ver­dachtskündi­gung nur un­ter zwei Vor­aus­set­zun­gen zulässig:
Ers­tens muss der Ver­dacht „drin­gend“ oder „er­drückend“ sein. Es dürfen (wenn über­haupt) nur noch (sehr) ge­rin­ge Zwei­fel ver­blei­ben.
Zwei­tens muss der ei­ner Pflicht­ver­let­zung verdäch­tig­ten Ar­beit­neh­mer vor der Kündi­gung zu den Ver­dachts­mo­men­ten an­gehört wer­den. Da­durch muss ihm die Chan­ce ge­ge­ben wer­den, die ge­gen ihn spre­chen­den Ver­dachts­mo­men­te zu ent­kräften.
In ei­nem ak­tu­el­len Fall des LAG Meck­len­burg-Vor­pom­mern hat­te der Ar­beit­ge­ber sich nicht an die­se Re­geln ge­hal­ten.

Der Fall des LAG Meck­len­burg-Vor­pom­mern: Streit im Stral­sun­der Tier­park

Ei­ne seit über zehn Jah­ren im Stral­sun­der Tier­park beschäftig­te Tier­pfle­ge­rin hat­te be­reits meh­re­re Ab­mah­nun­gen we­gen Pflicht­verstößen im Zu­sam­men­hang mit der Si­che­rung von Tier­ge­he­gen er­hal­ten.
Am 31.07.2024 (Mitt­woch) wur­den Kängu­rus ge­lie­fert. Die Kläge­rin lud die Tie­re mit ei­ner Kol­le­gin aus und stall­te sie ein.
Mögli­cher­wei­se hat­te die Tier­pfle­ge­rin das Känguru­ge­he­ge bei Schich­ten­de ge­gen 17:30 Uhr nicht ver­schlos­sen und den Strom­zaun nicht ak­ti­viert.
Je­den­falls konn­te der Geschäftsführer des Tier­parks am nächs­ten Tag ge­gen 09:00 Uhr oh­ne Schlüssel das Ge­he­ge be­tre­ten.
Dar­auf­hin er­hielt die Pfle­ge­rin die frist­lo­se Kündi­gung.
Die Pfle­ge­rin zog vor das Ar­beits­ge­richt Stral­sund und er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge.
Dort hat­te sie Er­folg. Das Ar­beits­ge­richt be­wer­te­te die Kündi­gung als un­wirk­sam (Ar­beits­ge­richt Stral­sund, Ur­teil vom 28.01.2025, 1 Ca 301/24).

LAG Meck­len­burg-Vor­pom­mern: Auf Ver­mu­tun­gen gestütz­te Verdäch­ti­gun­gen rei­chen nicht aus.

Auch in der Be­ru­fung vor dem Meck­len­burg-Vor­pom­mern zog der Be­trei­ber des Tier­parks den Kürze­ren. Das LAG wies sei­ne Be­ru­fung zurück. 
Denn, so das LAG: Es gab hier im Streit­fall kei­nen „wich­ti­gen Grund“ im Sin­ne von § 626 BGB.
Für den Pflicht­ver­s­toß selbst gab es kei­nen Be­weis, so dass ei­ne frist­lo­se Tatkündi­gung nicht möglich war. 
Denn auch an­de­re Mit­ar­bei­ter hätten das Ge­he­ge öff­nen können. Es wa­ren nämlich am Fol­ge­tag be­reits ab 07:00 Uhr ei­ni­ge Mit­ar­bei­ter im Tier­park an­we­send.
Es be­stan­den zwar An­halts­punk­te dafür, dass die Tier­pfle­ge­rin am 31.07. das Ge­he­ge of­fen­ge­las­sen hat­te. Aber be­wei­sen konn­te der Tier­park das nicht.
Aber auch ei­ne Ver­dachtskündi­gung war hier nicht zulässig. Denn es be­stand auch kein drin­gen­der Tat­ver­dacht. 
Da­zu hätte der Ar­beit­ge­ber den Vor­fall näher aufklären müssen. Das hat­te er nicht ge­tan und stütz­te sich da­her vor Ge­richt auf Ver­mu­tun­gen und dar­aus ab­ge­lei­te­te Verdäch­ti­gun­gen. Das al­les er­gab aber kei­nen „drin­gen­den“ bzw. „er­drücken­den“ Tat­ver­dacht.
Außer­dem hat­te die Tier­park­lei­tung ei­ne Anhörung der Tier­pfle­ge­rin un­ter­las­sen. Auch aus die­sem Grund konn­te die frist­lo­se Kündi­gung nicht als Ver­dachtskündi­gung ge­recht­fer­tigt wer­den.

Fa­zit: Oh­ne vor­he­ri­ge Aufklärung des Sach­ver­halts und vor­he­ri­ge Anhörung des Ar­beit­neh­mers soll­ten Ar­beit­ge­ber kei­ne frist­lo­sen Kündi­gun­gen erklären

Ar­beit­ge­bern ist bei An­halts­punk­ten für er­heb­li­che Pflicht­verstöße zu ra­ten, den Sach­ver­halt möglichst ge­nau auf­zuklären. 
Zeu­gen soll­ten ver­nom­men und je nach La­ge des Falls auch an­de­re Be­weis­mit­tel ge­si­chert wer­den. Man muss nicht so­fort re­agie­ren.
Wich­tig ist auch in schein­bar „kla­ren“ Fällen, den verdäch­ti­gen Ar­beit­neh­mer vor Aus­spruch ei­ner Kündi­gung an­zuhören.
Auch Ar­beit­neh­mern ist zu ra­ten, Zeu­gen und Be­weis­mit­tel zu si­chern.
Im Fal­le ei­ner Anhörung soll­ten Ar­beit­neh­mer dar­auf ein­ge­hen, d.h. sie soll­ten zu den Vorwürfen Stel­lung neh­men. Da­bei soll­te man, falls möglich, auf ei­ne schrift­li­che Anhörung be­ste­hen.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Ur­teil vom 21.10.2025, 2 SLa 45/25

 

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Letzte Überarbeitung: 12. Mai 2026

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