HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

EuGH, Ur­teil vom 12.10.2010, C-499/08

   
Schlagworte: Gleichbehandlung, Altersdiskriminierung, Diskriminierung: Alter, Abfindung
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Aktenzeichen: C-499/08
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 12.10.2010
   
Leitsätze: Die Art. 2 und 6 Abs. 1 der Richtlinie 2000/78 des Rates vom 27. November 2000 zur Festlegung eines allgemeinen Rahmens für die Verwirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf sind dahin auszulegen, dass sie einer nationalen Regelung entgegenstehen, nach der Arbeitnehmer, die eine Altersrente beziehen können, die von ihrem Arbeitgeber aus einem Rentensystem gezahlt wird, dem sie vor Vollendung ihres 50. Lebensjahrs beigetreten sind, allein aus diesem Grund eine Entlassungsabfindung nicht beziehen können, die dazu bestimmt ist, die berufliche Wiedereingliederung von Arbeitnehmern mit einer Betriebszugehörigkeit von mehr als zwölf Jahren zu fördern.
Vorinstanzen:
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHOFS (Große Kam­mer)

12. Ok­to­ber 2010(*)

„Richt­li­nie 2000/78/EG – Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf – Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters – Kei­ne Zah­lung ei­ner Ent­las­sungs­ab­fin­dung an Ar­beit­neh­mer, die An­spruch auf den Be­zug ei­ner Al­ters­ren­te ha­ben“

In der Rechts­sa­che C‑499/08

be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 234 EG, ein­ge­reicht vom Vest­re Lands­ret (Däne­mark) mit Ent­schei­dung vom 14. No­vem­ber 2008, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 19. No­vem­ber 2008, in dem Ver­fah­ren

In­ge­niørfo­re­nin­gen i Dan­mark, han­delnd für Ole An­der­sen,

ge­gen

Re­gi­on Syddan­mark

erlässt

DER GERICH­TSHOF (Große Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung des Präsi­den­ten V. Skou­ris, der Kam­mer­präsi­den­ten A. Tiz­za­no, J. N. Cun­ha Ro­d­ri­gues, K. Lena­erts, J.‑C. Bo­ni­chot und A. Ara­b­ad­jiev so­wie der Rich­ter G. Ares­tis, A. Borg Bart­het, M. Ilešič, J. Ma­le­n­ovský und L. Bay Lar­sen, der Rich­te­rin P. Lindh (Be­richt­er­stat­te­rin) und des Rich­ters T. von Dan­witz,

Ge­ne­ral­anwältin: J. Ko­kott,

Kanz­ler: C. Strömholm, Ver­wal­tungsrätin,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 23. Fe­bru­ar 2010,

un­ter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

– der In­ge­niørfo­re­nin­gen i Dan­mark, han­delnd für M. An­der­sen, ver­tre­ten durch K. Schiold­ann, ad­vo­kat,

– der Re­gi­on Syddan­mark, ver­tre­ten durch M. Ul­rich, ad­vo­kat,

– der däni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch J. Be­ring Liis­berg und B. Weis Fogh als Be­vollmäch­tig­te,

– der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Lum­ma und J. Möller als Be­vollmäch­tig­te,

– der un­ga­ri­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch G. Iván als Be­vollmäch­tig­ten,

– der nie­derländi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch C. M. Wis­sels und M. de Mol als Be­vollmäch­tig­te,

– der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch N. B. Ras­mus­sen, J. En­e­gren und S. Schønberg als Be­vollmäch­tig­te,

nach Anhörung der Schluss­anträge der Ge­ne­ral­anwältin in der Sit­zung vom 6. Mai 2010

fol­gen­des

Ur­teil

1

Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung der Art. 2 und 6 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (ABl. L 303, S. 16).

2

Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen der In­ge­niørfo­re­nin­gen i Dan­mark und der Re­gi­on Syddan­mark we­gen der Ent­las­sung von Herrn An­der­sen.

Recht­li­cher Rah­men

Rechts­vor­schrif­ten der Uni­on

3

Der 25. Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2000/78 lau­tet:

„Das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters stellt ein we­sent­li­ches Ele­ment zur Er­rei­chung der Zie­le der beschäfti­gungs­po­li­ti­schen Leit­li­ni­en und zur Förde­rung der Viel­falt im Be­reich der Beschäfti­gung dar. Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters können un­ter be­stimm­ten Umständen je­doch ge­recht­fer­tigt sein und er­for­dern da­her be­son­de­re Be­stim­mun­gen, die je nach der Si­tua­ti­on der Mit­glied­staa­ten un­ter­schied­lich sein können. Es ist da­her un­be­dingt zu un­ter­schei­den zwi­schen ei­ner Un­gleich­be­hand­lung, die ins­be­son­de­re durch rechtmäßige Zie­le im Be­reich der Beschäfti­gungs­po­li­tik, des Ar­beits­mark­tes und der be­ruf­li­chen Bil­dung ge­recht­fer­tigt ist, und ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung, die zu ver­bie­ten ist.“

4

Nach Art. 1 der Richt­li­nie 2000/78 ist „Zweck die­ser Richt­li­nie … die Schaf­fung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung in Beschäfti­gung und Be­ruf im Hin­blick auf die Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten“.

5

Art. 2 („Der Be­griff ‚Dis­kri­mi­nie­rung‘“) der Richt­li­nie 2000/78 be­stimmt:

„(1) Im Sin­ne die­ser Richt­li­nie be­deu­tet ‚Gleich­be­hand­lungs­grund­satz‘, dass es kei­ne un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ei­nes der in Ar­ti­kel 1 ge­nann­ten Gründe ge­ben darf.

(2) Im Sin­ne des Ab­sat­zes 1

a) liegt ei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung vor, wenn ei­ne Per­son we­gen ei­nes der in Ar­ti­kel 1 ge­nann­ten Gründe in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on ei­ne we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung erfährt, als ei­ne an­de­re Per­son erfährt, er­fah­ren hat oder er­fah­ren würde;

b) liegt ei­ne mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung vor, wenn dem An­schein nach neu­tra­le Vor­schrif­ten, Kri­te­ri­en oder Ver­fah­ren Per­so­nen mit ei­ner be­stimm­ten Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung, ei­ner be­stimm­ten Be­hin­de­rung, ei­nes be­stimm­ten Al­ters oder mit ei­ner be­stimm­ten se­xu­el­len Aus­rich­tung ge­genüber an­de­ren Per­so­nen in be­son­de­rer Wei­se be­nach­tei­li­gen können, es sei denn:

i) die­se Vor­schrif­ten, Kri­te­ri­en oder Ver­fah­ren sind durch ein rechtmäßiges Ziel sach­lich ge­recht­fer­tigt, und die Mit­tel sind zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich, oder

ii) der Ar­beit­ge­ber oder je­de Per­son oder Or­ga­ni­sa­ti­on, auf die die­se Richt­li­nie An­wen­dung fin­det, ist im Fal­le von Per­so­nen mit ei­ner be­stimm­ten Be­hin­de­rung auf­grund des ein­zel­staat­li­chen Rechts ver­pflich­tet, ge­eig­ne­te Maßnah­men ent­spre­chend den in Ar­ti­kel 5 ent­hal­te­nen Grundsätzen vor­zu­se­hen, um die sich durch die­se Vor­schrift, die­ses Kri­te­ri­um oder die­ses Ver­fah­ren er­ge­ben­den Nach­tei­le zu be­sei­ti­gen.

…“

6

Art. 3 („Gel­tungs­be­reich“) Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 sieht vor:

„Im Rah­men der auf die Ge­mein­schaft über­tra­ge­nen Zuständig­kei­ten gilt die­se Richt­li­nie für al­le Per­so­nen in öffent­li­chen und pri­va­ten Be­rei­chen, ein­sch­ließlich öffent­li­cher Stel­len, in Be­zug auf

a) die Be­din­gun­gen – ein­sch­ließlich Aus­wahl­kri­te­ri­en und Ein­stel­lungs­be­din­gun­gen – für den Zu­gang zu un­selbständi­ger und selbständi­ger Er­werbstätig­keit, un­abhängig von Tätig­keits­feld und be­ruf­li­cher Po­si­ti­on, ein­sch­ließlich des be­ruf­li­chen Auf­stiegs;

b) den Zu­gang zu al­len For­men und al­len Ebe­nen der Be­rufs­be­ra­tung, der Be­rufs­aus­bil­dung, der be­ruf­li­chen Wei­ter­bil­dung und der Um­schu­lung, ein­sch­ließlich der prak­ti­schen Be­rufs­er­fah­rung;

c) die Beschäfti­gungs- und Ar­beits­be­din­gun­gen, ein­sch­ließlich der Ent­las­sungs­be­din­gun­gen und des Ar­beits­ent­gelts;

d) die Mit­glied­schaft und Mit­wir­kung in ei­ner Ar­beit­neh­mer‑ oder Ar­beit­ge­ber­or­ga­ni­sa­ti­on oder ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on, de­ren Mit­glie­der ei­ner be­stimm­ten Be­rufs­grup­pe an­gehören, ein­sch­ließlich der In­an­spruch­nah­me der Leis­tun­gen sol­cher Or­ga­ni­sa­tio­nen.“

7

Art. 6 („Ge­recht­fer­tig­te Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters“) der Richt­li­nie 2000/78 lau­tet:

„(1) Un­ge­ach­tet des Ar­ti­kels 2 Ab­satz 2 können die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen, dass Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stel­len, so­fern sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen sind und im Rah­men des na­tio­na­len Rechts durch ein le­gi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re rechtmäßige Zie­le aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, ge­recht­fer­tigt sind und die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind.

Der­ar­ti­ge Un­gleich­be­hand­lun­gen können ins­be­son­de­re Fol­gen­des ein­sch­ließen:

a) die Fest­le­gung be­son­de­rer Be­din­gun­gen für den Zu­gang zur Beschäfti­gung und zur be­ruf­li­chen Bil­dung so­wie be­son­de­rer Beschäfti­gungs‑ und Ar­beits­be­din­gun­gen, ein­sch­ließlich der Be­din­gun­gen für Ent­las­sung und Ent­loh­nung, um die be­ruf­li­che Ein­glie­de­rung von Ju­gend­li­chen, älte­ren Ar­beit­neh­mern und Per­so­nen mit Fürsor­ge­pflich­ten zu fördern oder ih­ren Schutz si­cher­zu­stel­len;

b) die Fest­le­gung von Min­dest­an­for­de­run­gen an das Al­ter, die Be­rufs­er­fah­rung oder das Dienst­al­ter für den Zu­gang zur Beschäfti­gung oder für be­stimm­te mit der Beschäfti­gung ver­bun­de­ne Vor­tei­le;

c) die Fest­set­zung ei­nes Höchst­al­ters für die Ein­stel­lung auf­grund der spe­zi­fi­schen Aus­bil­dungs­an­for­de­run­gen ei­nes be­stimm­ten Ar­beits­plat­zes oder auf­grund der Not­wen­dig­keit ei­ner an­ge­mes­se­nen Beschäfti­gungs­zeit vor dem Ein­tritt in den Ru­he­stand.

(2) Un­ge­ach­tet des Ar­ti­kels 2 Ab­satz 2 können die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen, dass bei den be­trieb­li­chen Sys­te­men der so­zia­len Si­cher­heit die Fest­set­zung von Al­ters­gren­zen als Vor­aus­set­zung für die Mit­glied­schaft oder den Be­zug von Al­ters­ren­te oder von Leis­tun­gen bei In­va­li­dität ein­sch­ließlich der Fest­set­zung un­ter­schied­li­cher Al­ters­gren­zen im Rah­men die­ser Sys­te­me für be­stimm­te Beschäftig­te oder Grup­pen bzw. Ka­te­go­ri­en von Beschäftig­ten und die Ver­wen­dung im Rah­men die­ser Sys­te­me von Al­ters­kri­te­ri­en für ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­sche Be­rech­nun­gen kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters dar­stellt, so­lan­ge dies nicht zu Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Ge­schlechts führt.“

Na­tio­na­le Rechts­vor­schrif­ten

8

§ 2a des Lov om rets­for­hol­det mel­lem ar­be­jds­gi­ve­re og funk­ti­onærer (Ge­setz über Rechts­verhält­nis­se zwi­schen Ar­beit­ge­bern und Ar­beit­neh­mern, im Fol­gen­den: Funk­ti­onærlov) enthält die fol­gen­den Be­stim­mun­gen zur Ent­las­sungs­ab­fin­dung:

„(1) Wird das Dienst­verhält­nis ei­nes An­ge­stell­ten, der im sel­ben Be­trieb 12, 15 oder 18 Jah­re lang un­un­ter­bro­chen beschäftigt war, gekündigt, hat der Ar­beit­ge­ber bei der Ent­las­sung des An­ge­stell­ten ei­nen Be­trag in Höhe von 1, 2 bzw. 3 Mo­nats­gehältern zu zah­len.

(2) Abs. 1 fin­det kei­ne An­wen­dung, wenn der An­ge­stell­te bei sei­nem Aus­schei­den ei­ne Volks­ren­te erhält.

(3) Erhält der An­ge­stell­te bei sei­ner Ent­las­sung ei­ne Al­ters­ren­te vom Ar­beit­ge­ber und ist der An­ge­stell­te dem ent­spre­chen­den Ren­ten­sys­tem vor Voll­endung des 50. Le­bens­jahrs bei­ge­tre­ten, entfällt die Ent­las­sungs­ab­fin­dung.

…“

9

Das vor­le­gen­de Ge­richt legt dar, dass der An­spruch auf die Ent­las­sungs­ab­fin­dung nach ständi­ger na­tio­na­ler Recht­spre­chung ent­fal­le, wenn ein pri­va­tes Ren­ten­sys­tem, zu dem der Ar­beit­ge­ber Beiträge ent­rich­tet ha­be, im Fall der Ent­las­sung die Möglich­keit des Be­zugs ei­ner Al­ters­ren­te eröff­ne, und zwar auch dann, wenn der An­ge­stell­te die­ses Recht nicht ausüben möch­te. Dies gel­te auch dann, wenn der Ren­ten­be­trag we­gen des vor­zei­ti­gen Ein­tritts in den Ru­he­stand gekürzt wer­de.

10

Die Richt­li­nie 2000/78 wur­de durch das Ge­setz Nr. 1417 vom 22. De­zem­ber 2004 zur Ände­rung des Ge­set­zes über das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung auf dem Ar­beits­markt u. a. (Lov om ænd­ring af lov om for­bud mod forskels­be­hand­ling på ar­be­jds­mar­ke­det m. v.) in na­tio­na­les Recht um­ge­setzt.

Aus­gangs­ver­fah­ren und Vor­la­ge­fra­ge

11

Herr An­der­sen wur­de am 1. Ja­nu­ar 1979 vom Sønder­jyl­lands Amtsråd (Kreis­tag Südjütland), jetzt Re­gi­on Syddan­mark (Re­gi­on Süddäne­mark), ein­ge­stellt.

12

Mit Schrei­ben vom 22. Ja­nu­ar 2006 kündig­te die Re­gi­on Syddan­mark das Ar­beits­verhält­nis von Herrn An­der­sen zum En­de des Mo­nats Au­gust 2006. In ei­nem Schieds­ver­fah­ren wur­de fest­ge­stellt, dass die­se Kündi­gung un­ge­recht­fer­tigt war.

13

Nach dem En­de sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses mit der Re­gi­on Syddan­mark ent­schied sich der zu die­sem Zeit­punkt 63 Jah­re al­te Herr An­der­sen dafür, nicht in den Ru­he­stand zu tre­ten, son­dern sich bei den zuständi­gen Stel­len ar­beits­los zu mel­den.

14

Am 2. Ok­to­ber 2006 ver­lang­te Herr An­der­sen von sei­nem frühe­ren Ar­beit­ge­ber die Zah­lung der Ent­las­sungs­ab­fin­dung in Höhe von drei Mo­nats­gehältern, wofür er ei­ne Dienst­zeit von mehr als 18 Jah­ren gel­tend mach­te.

15

Am 14. Ok­to­ber 2006 wies die Re­gi­on Syddan­mark die­sen An­trag gestützt auf § 2a Abs. 3 des Funk­ti­onærlov mit der Be­gründung zurück, dass Herr An­der­sen ei­ne von sei­nem Ar­beit­ge­ber fi­nan­zier­te Ren­te be­zie­hen könne.

16

Die für Herrn An­der­sen han­deln­de Ge­werk­schaft In­ge­niørfo­re­nin­gen i Dan­mark er­hob ge­gen die­se Ent­schei­dung Kla­ge vor dem Vest­re Lands­ret. Wie sich aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung er­gibt, macht die Kläge­rin des Aus­gangs­ver­fah­rens gel­tend, § 2a Abs. 3 des Funk­ti­onærlov stel­le ei­ne nicht mit den Art. 2 und 6 der Richt­li­nie 2000/78 zu ver­ein­ba­ren­de Dis­kri­mi­nie­rung von Ar­beit­neh­mern dar, die älter als 60 Jah­re sei­en; dem tritt die Re­gi­on Syddan­mark ent­ge­gen.

17

Un­ter die­sen Umständen hat der Vest­re Lands­ret das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:

Ist das Ver­bot ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters in den Art. 2 und 6 der Richt­li­nie 2000/78 so aus­zu­le­gen, dass es ei­nen Mit­glied­staat dar­an hin­dert, ei­nen Rechts­zu­stand bei­zu­be­hal­ten, der be­inhal­tet, dass ein Ar­beit­ge­ber bei der Kündi­gung des Dienst­verhält­nis­ses ei­nes An­ge­stell­ten, der 12, 15 oder 18 Jah­re lang un­un­ter­bro­chen im sel­ben Be­trieb beschäftigt war, im Fall der Ent­las­sung ei­ne Ab­fin­dung in Höhe von ei­nem, zwei oder drei Mo­nats­gehältern zah­len muss, die­se Ab­fin­dung aber nicht zu zah­len ist, wenn der An­ge­stell­te bei sei­ner Ent­las­sung die Möglich­keit hat, ei­ne Al­ters­ren­te aus ei­nem Ren­ten­sys­tem zu be­zie­hen, zu dem der Ar­beit­ge­ber Beiträge ge­leis­tet hat?

Zur Vor­la­ge­fra­ge

18

Um auf die Fra­ge des vor­le­gen­den Ge­richts zu ant­wor­ten, ist zu prüfen, ob die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che na­tio­na­le Re­ge­lung in den Gel­tungs­be­reich der Richt­li­nie 2000/78 fällt und, wenn ja, ob es sich um ei­ne we­gen des Al­ters dis­kri­mi­nie­ren­de Maßnah­me han­delt, die ge­ge­be­nen­falls als nach Art. 6 der Richt­li­nie ge­recht­fer­tigt an­ge­se­hen wer­den kann.

19

Was als Ers­tes die Fra­ge be­trifft, ob die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che Re­ge­lung in den Gel­tungs­be­reich der Richt­li­nie 2000/78 fällt, er­gibt sich so­wohl aus dem Ti­tel und den Erwägungs­gründen als auch aus dem In­halt und der Ziel­set­zung die­ser Richt­li­nie, dass die­se ei­nen all­ge­mei­nen Rah­men schaf­fen soll, der gewähr­leis­tet, dass je­der „in Beschäfti­gung und Be­ruf“ gleich­be­han­delt wird, in­dem sie dem Be­trof­fe­nen ei­nen wirk­sa­men Schutz vor Dis­kri­mi­nie­run­gen aus ei­nem der in ih­rem Art. 1 ge­nann­ten Gründe – dar­un­ter auch das Al­ter – bie­tet.

20

Im Ein­zel­nen er­gibt sich aus Art. 3 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2000/78, dass die­se im Rah­men der auf die Uni­on über­tra­ge­nen Zuständig­kei­ten „für al­le Per­so­nen in öffent­li­chen und pri­va­ten Be­rei­chen, ein­sch­ließlich öffent­li­cher Stel­len“, in Be­zug auf u. a. „die Beschäfti­gungs‑ und Ar­beits­be­din­gun­gen, ein­sch­ließlich der Ent­las­sungs­be­din­gun­gen und des Ar­beits­ent­gelts“, gilt.

21

In­dem er ei­ne gan­ze Grup­pe von Ar­beit­neh­mern all­ge­mein vom Be­zug der Ent­las­sungs­ab­fin­dung aus­sch­ließt, be­trifft § 2a Abs. 3 des Funk­ti­onærlov al­so die Ent­las­sungs­be­din­gun­gen die­ser Ar­beit­neh­mer im Sin­ne von Art. 3 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2000/78. Die­se ist da­her auf ei­ne Si­tua­ti­on, wie sie dem beim vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit zu­grun­de liegt, an­wend­bar.

22

Was als Zwei­tes die Fra­ge be­trifft, ob die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che Re­ge­lung ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters im Sin­ne von Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 enthält, so be­deu­tet nach dem Wort­laut die­ser Vor­schrift „‚Gleich­be­hand­lungs­grund­satz‘, dass es kei­ne un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ei­nes der in Ar­ti­kel 1 [die­ser Richt­li­nie] ge­nann­ten Gründe ge­ben darf“. Art. 2 Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie stellt klar, dass ei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung im Sin­ne des Abs. 1 vor­liegt, wenn ei­ne Per­son we­gen ei­nes der in Art. 1 der Richt­li­nie ge­nann­ten Gründe in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on ei­ne we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung erfährt, als ei­ne an­de­re Per­son erfährt, er­fah­ren hat oder er­fah­ren würde.

23

Im vor­lie­gen­den Fall führt § 2a Abs. 3 des Funk­ti­onærlov da­zu, be­stimm­ten Ar­beit­neh­mern den An­spruch auf die Ent­las­sungs­ab­fin­dung al­lein aus dem Grund vor­zu­ent­hal­ten, weil sie zum Zeit­punkt ih­rer Ent­las­sung ei­ne Al­ters­ren­te be­zie­hen können, die von ih­rem Ar­beit­ge­ber aus ei­nem Ren­ten­sys­tem ge­zahlt wird, dem sie vor Voll­endung ih­res 50. Le­bens­jahrs bei­ge­tre­ten sind. Aus der Ak­te er­gibt sich aber, dass der Be­zug ei­ner Al­ters­ren­te ein Min­dest­al­ter vor­aus­setzt, das im Fall von Herrn An­der­sen kol­lek­tiv­ver­trag­lich auf 60 Jah­re fest­ge­setzt wur­de. Die­se Be­stim­mung stützt sich so­mit auf ein Kri­te­ri­um, das un­trenn­bar mit dem Al­ter der Ar­beit­neh­mer ver­bun­den ist.

24

Die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de na­tio­na­le Re­ge­lung enthält folg­lich ei­ne un­mit­tel­bar auf dem Kri­te­ri­um des Al­ters be­ru­hen­de Un­gleich­be­hand­lung im Sin­ne von Art. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 2 Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 2000/78.

25

Als Drit­tes ist zu prüfen, ob die­se Un­gleich­be­hand­lung gemäß Art. 6 der Richt­li­nie 2000/78 ge­recht­fer­tigt sein kann.

26

Nach Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 stellt ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar, so­fern sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen ist und im Rah­men des na­tio­na­len Rechts durch ein le­gi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re rechtmäßige Zie­le aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, ge­recht­fer­tigt ist und die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind.

27

Um die Le­gi­ti­mität des mit der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen Re­ge­lung ver­folg­ten Ziels zu be­ur­tei­len, ist zum ei­nen fest­zu­stel­len, dass die Ent­las­sungs­ab­fin­dung, wie das vor­le­gen­de Ge­richt un­ter Hin­weis auf die Erläute­run­gen zum Ent­wurf des Funk­ti­onærlov aus­geführt hat, das Ziel hat, den Über­gang älte­rer Ar­beit­neh­mer, die über ei­ne lan­ge Be­triebs­zu­gehörig­keit bei dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber verfügen, in ei­ne neue Beschäfti­gung zu er­leich­tern. Zum an­de­ren zei­gen die von dem vor­le­gen­den Ge­richt zi­tier­ten Erläute­run­gen zu die­ser ge­setz­ge­be­ri­schen Maßnah­me, dass, so­weit der Ge­setz­ge­ber den An­spruch auf die­se Ab­fin­dung auf die­je­ni­gen Ar­beit­neh­mer be­schränken woll­te, die zum Zeit­punkt ih­rer Ent­las­sung kei­ne Al­ters­ren­te be­an­spru­chen konn­ten, die­se Be­schränkung auf der Fest­stel­lung be­ruh­te, dass sich Per­so­nen, die ei­ne Al­ters­ren­te be­zie­hen könn­ten, im All­ge­mei­nen dafür ent­schei­den würden, aus dem Ar­beits­markt aus­zu­schei­den.

28

In ih­ren schrift­li­chen Erklärun­gen hat die däni­sche Re­gie­rung aus­geführt, die in § 2a Abs. 3 des Funk­ti­onærlov vor­ge­se­he­ne Be­schränkung stel­le auf ein­fa­che und sinn­vol­le Wei­se si­cher, dass die Ar­beit­ge­ber ent­las­se­nen Ar­beit­neh­mern mit lan­ger Be­triebs­zu­gehörig­keit kei­ne dop­pel­te Entschädi­gung zahl­ten, die kei­nem beschäfti­gungs­po­li­ti­schen Ziel die­nen würde.

29

Das mit der Ent­las­sungs­ab­fin­dung ver­folg­te Ziel des Schut­zes von Ar­beit­neh­mern mit lan­ger Be­triebs­zu­gehörig­keit und ih­rer be­ruf­li­chen Wie­der­ein­glie­de­rung fällt in die Ka­te­go­rie der rechtmäßigen Zie­le aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik und Ar­beits­markt im Sin­ne von Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78.

30

Gemäß die­ser Be­stim­mung können die­se Zie­le Un­gleich­be­hand­lun­gen in Ab­wei­chung vom Grund­satz des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung aus Gründen des Al­ters recht­fer­ti­gen, die u. a. in Zu­sam­men­hang ste­hen mit der „Fest­le­gung be­son­de­rer … Beschäfti­gungs- und Ar­beits­be­din­gun­gen ein­sch­ließlich der Be­din­gun­gen für Ent­las­sung und Ent­loh­nung, um die be­ruf­li­che Ein­glie­de­rung von … älte­ren Ar­beit­neh­mern … zu fördern oder ih­ren Schutz si­cher­zu­stel­len“.

31

Dem­nach ist bei Zie­len wie den mit der frag­li­chen na­tio­na­len Re­ge­lung ver­folg­ten grundsätz­lich da­von aus­zu­ge­hen, dass sie ge­eig­net sind, ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters „ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen“ und „im Rah­men des na­tio­na­len Rechts“, wie in Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 vor­ge­se­hen, zu recht­fer­ti­gen.

32

Wei­ter ist zu prüfen, ob die Mit­tel, die zur Ver­wirk­li­chung die­ser Zie­le ein­ge­setzt wer­den, die­ser Vor­schrift ent­spre­chend „an­ge­mes­sen und er­for­der­lich“ sind. Im vor­lie­gen­den Fall ist zu prüfen, ob § 2a Abs. 3 des Funk­ti­onærlov es er­laubt, die vom Ge­setz­ge­ber ver­folg­ten beschäfti­gungs­po­li­ti­schen Zie­le zu er­rei­chen, oh­ne zu ei­ner übermäßigen Be­ein­träch­ti­gung der le­gi­ti­men In­ter­es­sen der­je­ni­gen Ar­beit­neh­mer zu führen, de­nen auf­grund die­ser Vor­schrift die­se Ab­fin­dung vor­ent­hal­ten wird, weil sie zum Be­zug ei­ner Al­ters­ren­te be­rech­tigt sind, für die der Ar­beit­ge­ber Beiträge ent­rich­tet hat (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 16. Ok­to­ber 2007, Pa­la­ci­os de la Vil­la, C‑411/05, Slg. 2007, I‑8531, Rand­nr. 73).

33

In­so­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Mit­glied­staa­ten über ei­nen wei­ten Er­mes­sens­spiel­raum bei der Wahl der Maßnah­men zur Er­rei­chung ih­rer Zie­le im Be­reich der Ar­beits- und So­zi­al­po­li­tik verfügen (Ur­tei­le vom 22. No­vem­ber 2005, Man­gold, C‑144/04, Slg. 2005, I‑9981, Rand­nr. 63, und Pa­la­ci­os de la Vil­la, Rand­nr. 68). Die­ser Wer­tungs­spiel­raum darf je­doch nicht da­zu führen, dass der Grund­satz des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung aus Gründen des Al­ters aus­gehöhlt wird (Ur­teil vom 5. März 2009, Age Con­cern Eng­land, C‑388/07, Slg. 2009, I‑1569, Rand­nr. 51).

34

Die Ent­las­sungs­ab­fin­dung al­lein für die­je­ni­gen Ar­beit­neh­mer vor­zu­se­hen, die zum Zeit­punkt ih­rer Ent­las­sung kei­ne Al­ters­ren­te be­zie­hen können, zu der ihr Ar­beit­ge­ber Beiträge ge­leis­tet hat, ist aber im Hin­blick auf das vom Ge­setz­ge­ber ver­folg­te Ziel, Ar­beit­neh­mer stärker zu schützen, de­ren Über­gang in ei­ne an­de­re Beschäfti­gung sich auf­grund der Dau­er ih­rer Be­triebs­zu­gehörig­keit als schwie­rig dar­stellt, nicht un­vernünf­tig. § 2a Abs. 3 des Funk­ti­onærlov er­laubt es auch, die Möglich­kei­ten ei­nes Miss­brauchs zu be­gren­zen, der dar­in läge, dass ein Ar­beit­neh­mer ei­ne Ab­fin­dung bezöge, die da­zu be­stimmt ist, ihn bei sei­ner Su­che nach ei­ner neu­en Beschäfti­gung zu un­terstützen, ob­wohl er in den Ru­he­stand tritt.

35

So­mit ist fest­zu­stel­len, dass ei­ne Vor­schrift wie § 2a Abs. 3 des Funk­ti­onærlov nicht of­fen­sicht­lich un­ge­eig­net ist, um das vom Ge­setz­ge­ber ver­folg­te le­gi­ti­me beschäfti­gungs­po­li­ti­sche Ziel zu er­rei­chen.

36

Es bleibt noch zu prüfen, ob die­se Maßnah­me über das hin­aus­geht, was er­for­der­lich ist, um das vom Ge­setz­ge­ber ver­folg­te Ziel zu er­rei­chen.

37

Hier­zu geht aus den Ausführun­gen des vor­le­gen­den Ge­richts so­wie der Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens und der däni­schen Re­gie­rung her­vor, dass der Ge­setz­ge­ber in Ausübung des wei­ten Er­mes­sens, über das er im Be­reich der So­zi­al- und Beschäfti­gungs­po­li­tik verfügt, ei­nen Aus­gleich der le­gi­ti­men, aber ge­genläufi­gen In­ter­es­sen an­ge­strebt hat.

38

Die­sen Erklärun­gen zu­fol­ge nahm der Ge­setz­ge­ber ei­ne Abwägung vor zwi­schen dem Schutz der Ar­beit­neh­mer, die der Dau­er ih­rer Be­triebs­zu­gehörig­keit nach im All­ge­mei­nen zu den älte­ren gehören, und dem der jünge­ren Ar­beit­neh­mer, die kei­ne Ent­las­sungs­ab­fin­dung be­an­spru­chen können. Die vom vor­le­gen­den Ge­richt zi­tier­ten Ge­setz­ge­bungs­ma­te­ria­li­en zum Ge­setz Nr. 1417 vom 22. De­zem­ber 2004, mit dem die Richt­li­nie 2000/78 um­ge­setzt wur­de, be­leg­ten in­so­fern, dass der Ge­setz­ge­ber die Tat­sa­che berück­sich­tigt ha­be, dass die Ent­las­sungs­ab­fin­dung als In­stru­ment des verstärk­ten Schut­zes ei­ner nach Maßga­be der Dau­er ih­rer Be­triebs­zu­gehörig­keit de­fi­nier­ten Ka­te­go­rie von Ar­beit­neh­mern ei­ne Form der Un­gleich­be­hand­lung zu­las­ten jünge­rer Ar­beit­neh­mer dar­stel­le. So weist die däni­sche Re­gie­rung dar­auf hin, dass es die in § 2a Abs. 3 des Funk­ti­onærlov vor­ge­se­he­ne Be­gren­zung des An­wen­dungs­be­reichs der Ent­las­sungs­ab­fin­dung er­lau­be, ei­ne so­zia­le Schutz­maßnah­me, die nicht auf die jünge­ren Ar­beit­neh­mer an­ge­wen­det wer­den sol­le, nicht über das Maß des Er­for­der­li­chen aus­zu­deh­nen.

39

Außer­dem hat die däni­sche Re­gie­rung aus­geführt, dass mit der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen Maßnah­me der Schutz der Ar­beit­neh­mer und die In­ter­es­sen der Ar­beit­ge­ber ge­gen­ein­an­der ab­ge­wo­gen wer­den soll­ten. So­mit sol­le mit ihr im Ein­klang mit dem Verhält­nismäßig­keits­grund­satz und mit dem Er­for­der­nis der Miss­brauchs­bekämp­fung gewähr­leis­tet wer­den, dass die Ent­las­sungs­ab­fin­dung nur den Per­so­nen ge­zahlt wer­de, für die sie be­stimmt sei, d. h. den­je­ni­gen, die wei­ter ar­bei­ten woll­ten, aber we­gen ih­res Al­ters im All­ge­mei­nen größere Schwie­rig­kei­ten hätten, ei­ne neue Stel­le zu fin­den. Mit die­ser Maßnah­me las­se sich ver­mei­den, dass die Ar­beit­ge­ber ge­zwun­gen wären, Per­so­nen die Ent­las­sungs­ab­fin­dung zu gewähren, de­nen sie außer­dem ab ih­rer Ent­las­sung ei­ne Al­ters­ren­te zah­len würden.

40

Aus die­sen Ge­sichts­punk­ten er­gibt sich, dass § 2a Abs. 3 des Funk­ti­onærlov, so­weit er die Ar­beit­neh­mer vom Be­zug der Ent­las­sungs­ab­fin­dung aus­sch­ließt, die zum Zeit­punkt ih­rer Ent­las­sung ei­ne Al­ters­ren­te ih­res Ar­beit­ge­bers be­zie­hen wer­den, nicht über das hin­aus­geht, was zur Er­rei­chung der Zie­le, die er mit­ein­an­der in Ein­klang brin­gen will, er­for­der­lich ist.

41

Die­se Fest­stel­lung lässt al­ler­dings noch kei­ne ab­sch­ließen­de Be­ant­wor­tung der vom vor­le­gen­den Ge­richt ge­stell­ten Fra­ge zu. Die­ses hat nämlich aus­geführt, dass die ge­nann­te Vor­schrift Per­so­nen, die tatsächlich ei­ne Al­ters­ren­te ih­res Ar­beit­ge­bers er­hiel­ten, die­je­ni­gen gleich­stel­le, die zum Be­zug ei­ner sol­chen Ren­te be­rech­tigt sei­en.

42

Der däni­sche Ge­setz­ge­ber ist zwar tätig ge­wor­den, um zu ver­mei­den, dass ein sol­cher Aus­schluss die be­rech­tig­ten In­ter­es­sen der Ar­beit­neh­mer zu stark be­ein­träch­tigt. Seit 1996 sieht § 2a Abs. 3 des Funk­ti­onærlov nämlich vor, dass der Aus­schluss vom Be­zug der Ent­las­sungs­ab­fin­dung nicht für Ar­beit­neh­mer gilt, die dem Al­ters­ren­ten­sys­tem des Ar­beit­ge­bers nach der Voll­endung ih­res 50. Le­bens­jahrs bei­ge­tre­ten sind. Die­se Be­stim­mung er­laubt es so­mit, den­je­ni­gen Ar­beit­neh­mern die Ab­fin­dung zu gewähren, die zwar zum Be­zug ei­ner Ren­te be­rech­tigt sind, aber nicht über ei­ne hin­rei­chend lan­ge Zu­gehörig­keit zu ih­rem Be­triebs­ren­ten­sys­tem verfügen, um Ren­ten­ansprüche in ei­ner Höhe gel­tend ma­chen zu können, die ih­nen ein vernünf­ti­ges Ver­sor­gungs­ein­kom­men si­chert.

43

Gleich­wohl be­wirkt § 2a Abs. 3 des Funk­ti­onærlov im­mer noch, dass al­le Ar­beit­neh­mer vom Be­zug der Ent­las­sungs­ab­fin­dung aus­ge­schlos­sen sind, die zum Zeit­punkt ih­rer Ent­las­sung An­spruch auf ei­ne Al­ters­ren­te ih­res Ar­beit­ge­bers ha­ben und die die­sem Ren­ten­sys­tem vor Voll­endung ih­res 50. Le­bens­jahrs bei­ge­tre­ten sind. So­mit ist zu prüfen, ob ein sol­cher Aus­schluss nicht über das hin­aus­geht, was zur Ver­wirk­li­chung der ver­folg­ten Zie­le er­for­der­lich ist.

44

Aus den Erklärun­gen des vor­le­gen­den Ge­richts und der däni­schen Re­gie­rung er­gibt sich, dass die­ser Aus­schluss auf dem Ge­dan­ken be­ruht, dass die Ar­beit­neh­mer im All­ge­mei­nen aus dem Ar­beits­markt aus­schei­den, wenn sie ei­ne von ih­rem Ar­beit­ge­ber ge­zahl­te Al­ters­ren­te be­zie­hen können und die­sem Ren­ten­sys­tem vor Voll­endung des 50. Le­bens­jahrs bei­ge­tre­ten sind. Auf­grund die­ser an das Al­ter an­knüpfen­den Be­ur­tei­lung könn­te ein Ar­beit­neh­mer, der, ob­wohl er die An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen für den Be­zug ei­ner von sei­nem Ar­beit­ge­ber ge­zahl­ten Ren­te erfüllt, auf die­se vorüber­ge­hend ver­zich­ten möch­te, um sei­ne be­ruf­li­che Lauf­bahn wei­ter zu ver­fol­gen, die Ent­las­sungs­ab­fin­dung, die doch sei­nem Schutz die­nen soll, nicht er­hal­ten. In­dem sie das le­gi­ti­me Ziel ver­folgt, zu ver­mei­den, dass die­se Ab­fin­dung Per­so­nen zu­gu­te­kommt, die kei­ne neue Stel­le su­chen, son­dern ein Er­satz­ein­kom­men in Form ei­ner Al­ters­ren­te ei­nes be­trieb­li­chen Ren­ten­sys­tems be­zie­hen wol­len, läuft die in Re­de ste­hen­de Maßnah­me so­mit dar­auf hin­aus, ent­las­se­nen Ar­beit­neh­mern, die auf dem Ar­beits­markt blei­ben wol­len, die­se Ab­fin­dung al­lein aus dem Grund vor­zu­ent­hal­ten, dass sie u. a. auf­grund ih­res Al­ters ei­ne sol­che Ren­te in An­spruch neh­men können.

45

Die­se Maßnah­me er­schwert Ar­beit­neh­mern, die be­reits ei­ne Al­ters­ren­te be­zie­hen können, die wei­te­re Ausübung ih­res Rechts, zu ar­bei­ten, weil sie beim Über­gang in ein neu­es Beschäfti­gungs­verhält­nis – im Ge­gen­satz zu an­de­ren Ar­beit­neh­mern mit gleich lan­ger Be­triebs­zu­gehörig­keit – kei­ne Ent­las­sungs­ab­fin­dung er­hal­ten.

46

Außer­dem ver­wehrt es die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de Maßnah­me ei­ner gan­zen durch das Kri­te­ri­um des Al­ters de­fi­nier­ten Ka­te­go­rie von Ar­beit­neh­mern, vorüber­ge­hend auf die Zah­lung ei­ner Al­ters­ren­te durch ih­ren Ar­beit­ge­ber zu­guns­ten der Gewährung der Ent­las­sungs­ab­fin­dung zu ver­zich­ten, die da­zu be­stimmt ist, ih­nen zu hel­fen, ei­ne neue Stel­le zu fin­den. Sie kann so­mit die­se Ar­beit­neh­mer zwin­gen, ei­ne nied­ri­ge­re Al­ters­ren­te an­zu­neh­men als die, die sie be­an­spru­chen könn­ten, wenn sie bis in ein höhe­res Al­ter be­rufstätig blie­ben, was für sie ei­nen auf lan­ge Sicht er­heb­li­chen Ein­kom­mens­ver­lust nach sich zöge.

47

Hier­aus folgt, dass § 2a Abs. 3 des Funk­ti­onærlov, in­dem er die Zah­lung der Ent­las­sungs­ab­fin­dung an ei­nen Ar­beit­neh­mer, der, ob­wohl er ei­ne von sei­nem Ar­beit­ge­ber ge­zahl­te Al­ters­ren­te be­zie­hen kann, vorüber­ge­hend auf die­se Ren­te ver­zich­ten möch­te, um sei­ne be­ruf­li­che Lauf­bahn wei­ter zu ver­fol­gen, nicht zulässt, zu ei­ner übermäßigen Be­ein­träch­ti­gung der be­rech­tig­ten In­ter­es­sen der Ar­beit­neh­mer führt, die sich in die­ser Si­tua­ti­on be­fin­den, und da­mit über das hin­aus­geht, was zur Ver­wirk­li­chung der mit die­ser Vor­schrift ver­folg­ten so­zi­al­po­li­ti­schen Zie­le er­for­der­lich ist.

48

So­mit kann die sich aus § 2a Abs. 3 des Funk­ti­onærlov er­ge­ben­de Un­gleich­be­hand­lung nicht gemäß Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 ge­recht­fer­tigt sein.

49

Folg­lich ist auf die Vor­la­ge­fra­ge zu ant­wor­ten, dass die Art. 2 und 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung ent­ge­gen­ste­hen, nach der Ar­beit­neh­mer, die ei­ne Al­ters­ren­te be­zie­hen können, die von ih­rem Ar­beit­ge­ber aus ei­nem Ren­ten­sys­tem ge­zahlt wird, dem sie vor Voll­endung ih­res 50. Le­bens­jahrs bei­ge­tre­ten sind, al­lein aus die­sem Grund ei­ne Ent­las­sungs­ab­fin­dung nicht be­zie­hen können, die da­zu be­stimmt ist, die be­ruf­li­che Wie­der­ein­glie­de­rung von Ar­beit­neh­mern mit ei­ner Be­triebs­zu­gehörig­keit von mehr als zwölf Jah­ren zu fördern.

Kos­ten

50

Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.

Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Große Kam­mer) für Recht er­kannt:

Die Art. 2 und 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf sind da­hin aus­zu­le­gen, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung ent­ge­gen­ste­hen, nach der Ar­beit­neh­mer, die ei­ne Al­ters­ren­te be­zie­hen können, die von ih­rem Ar­beit­ge­ber aus ei­nem Ren­ten­sys­tem ge­zahlt wird, dem sie vor Voll­endung ih­res 50. Le­bens­jahrs bei­ge­tre­ten sind, al­lein aus die­sem Grund ei­ne Ent­las­sungs­ab­fin­dung nicht be­zie­hen können, die da­zu be­stimmt ist, die be­ruf­li­che Wie­der­ein­glie­de­rung von Ar­beit­neh­mern mit ei­ner Be­triebs­zu­gehörig­keit von mehr als zwölf Jah­ren zu fördern.

Un­ter­schrif­ten

* Ver­fah­rens­spra­che: Dänisch.

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu

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