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ARBEITSRECHT AKTUELL // 08/075

Bin­dung des Ar­beit­neh­mers an die ge­wünsch­te Ar­beits­zeit­ver­tei­lung

Ver­langt der Ar­beit­neh­mer ei­ne Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit und ei­ne be­stimm­te Ar­beits­zeit­ver­tei­lung, kann er nach Kla­ge­er­he­bung kei­ne an­de­re Ver­tei­lung ver­lan­gen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 24.06.2008, 9 AZR 514/07
Wanduhr We­ni­ger St­un­den pro Wo­che sind oft sinn­los, wenn die Ar­beits­zei­ten nicht stim­men

15.07.2008. Ver­langt der Ar­beit­neh­mer zu­sam­men mit dem Wunsch nach ei­ner Ver­rin­ge­rung sei­ner Ar­beits­zeit auch ei­ne be­stimm­te Ver­tei­lung der ver­rin­ger­ten Ar­beits­zeit auf die Ta­ge der Ar­beits­wo­che, muss er sich an die­sem Ver­tei­lungs­wunsch spä­ter fest­hal­ten las­sen.

Nach Er­he­bung ei­ner ar­beits­ge­richt­li­chen Kla­ge, mit der der An­spruch auf Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung durch­ge­setzt wer­den soll, kann der Ar­beit­neh­mer kei­ne an­de­re Ver­tei­lung der re­du­zier­ten Ar­beits­zeit mehr ver­lan­gen.

Dies hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung klar­ge­stellt. BAG, Ur­teil vom 24.06.2008, 9 AZR 514/07.

Bis zu wel­chem Zeit­punkt kann man sei­ne Wünsche nach ei­ner be­stimm­ten Ver­tei­lung der ver­rin­ger­ten Ar­beits­zeit noch ändern?

Macht der Ar­beit­neh­mer sei­nen ge­setz­li­chen An­spruch auf Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit gemäß § 8 Abs.1 und Abs.4 Satz 1 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG) gel­tend, kann er die Ver­tei­lung der ver­blei­ben­den bzw. ver­rin­ger­ten Ar­beits­zeit dem Ar­beit­ge­ber über­las­sen oder aber selbst ei­ne be­stimm­te Ar­beits­zeit­ver­tei­lung ver­lan­gen.

Wünscht er ei­ne be­stimm­te Ver­tei­lung der re­du­zier­ten Ar­beits­zeit, muss er die­sen Wunsch spätes­tens im Ver­lauf der ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­nen Erörte­rung mit dem Ar­beit­ge­ber äußern. Nur so weiß der Ar­beit­ge­ber nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG), auf wel­cher Grund­la­ge er über den oder die Anträge ent­schei­den soll (BAG, Ur­teil vom 23.11.2004, 9 AZR 644/03).

So­wohl der iso­lier­te An­trag auf Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung als auch der mit ei­ner be­stimm­ten Zeit­ver­tei­lung kom­bi­nier­te An­trag sind recht­lich ge­se­hen Ver­trags­an­ge­bo­te, an die der Ar­beit­neh­mer gemäß § 145 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ge­bun­den ist. Da­bei hat der Ar­beit­neh­mer die Wahl, ob er den Ar­beit­ge­ber zwin­gend über bei­de Anträge (Ver­rin­ge­rung und Ver­tei­lung) als Ein­heit ent­schei­den lässt - was bei ei­ner Ab­leh­nung des Ver­tei­lungs­wun­sches auch zu ei­ner Zurück­wei­sung der Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung als sol­cher führt -, oder ob er dem Ar­beit­ge­ber die Möglich­keit belässt, im Fal­le ei­ner Ab­leh­nung des Ver­tei­lungs­wun­sches nur die Ver­rin­ge­rung als sol­che zu ak­zep­tie­ren (BAG, Ur­teil vom 18.02.2003, 9 AZR 164/02 und 9 AZR 365/02).

Hat der Ar­beit­neh­mer kei­nen Ver­tei­lungs­wunsch geäußert, dann kann er die­sen nach der Recht­spre­chung nicht in ei­nem späte­ren Rechts­streit über die Ver­rin­ge­rung „nach­schie­ben“, so das BAG in ei­ner Ent­schei­dung aus dem Jah­re 2004 (BAG, Ur­teil vom 23.11.2004, 9 AZR 644/03). In dem die­ser Ent­schei­dung zu­grun­de lie­gen­den Fall hat­te der Ar­beit­neh­mer erst­mals im Pro­zess ei­ne Wunsch­ver­tei­lung ver­langt.

Dies wies das BAG als recht­lich un­zulässig zurück. Dem Ar­beit­neh­mer ver­blei­be nur, er­neut die Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit zu be­an­tra­gen und „da­bei“ (§ 8 Abs.2 Satz 2 Tz­B­fG) die Fest­le­gung der nun­mehr gewünsch­ten Ver­tei­lung zu ver­lan­gen. Als Hin­der­nis für ein sol­ches Vor­ge­hen ist da­bei je­doch die Sperr­frist des § 8 Abs.6 Tz­B­fG zu be­ach­ten. Da­nach kann der Ar­beit­neh­mer ei­ne er­neu­te Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit frühes­tens nach Ab­lauf von zwei Jah­ren ver­lan­gen, nach­dem der Ar­beit­ge­ber ei­ner Ver­rin­ge­rung zu­ge­stimmt oder sie be­rech­tigt ab­ge­lehnt hat. Nun­mehr hat­te das BAG die Ge­le­gen­heit, über den Fall ei­ner nachträgli­chen Verände­rung der gewünsch­ten Ver­tei­lung der Ar­beits­zeit zu ent­schei­den.

Der Fall des BAG: Ar­beit­neh­me­rin möch­te von 40 auf 33 St­un­den re­du­zie­ren und Frei­tags nur bis Mit­tag ar­bei­ten, ver­langt aber später ei­ne an­de­re Ar­beits­zeit­ver­tei­lung

Die Kläge­rin ist bei dem Be­klag­ten als Rechts­an­walts­fach­an­ge­stell­te mit ei­ner re­gelmäßigen wöchent­li­chen Ar­beits­zeit von 40 St­un­den beschäftigt. Um die Jah­res­wen­de 2005/2006 spra­chen die Par­tei­en über die Ver­rin­ge­rung und ei­ne von der Kläge­rin gewünsch­te Ver­tei­lung ih­rer Ar­beits­zeit. Mit­te Ja­nu­ar 2006 un­ter­brei­te­te die Kläge­rin dem Be­klag­ten ei­nen Vor­schlag für die Ver­tei­lung ei­ner re­du­zier­ten wöchent­li­chen Ar­beits­zeit von 33 St­un­den, den der Be­klag­te En­de Ja­nu­ar 2006 aus be­trieb­li­chen Gründen ab­lehn­te.

Dar­auf­hin zog die Kläge­rin vor das Ar­beits­ge­richt Hal­le und be­gehr­te, wie zu­vor be­reits außer­ge­richt­lich, die Ver­rin­ge­rung und wunsch­gemäße Ver­tei­lung ih­rer Ar­beits­zeit.

En­de Ju­li 2006 änder­te die Kläge­rin al­ler­dings ih­re Kla­ge und be­an­trag­te, den Be­klag­ten zur Zu­stim­mung zu ei­ner an­de­ren Zeit­ver­tei­lung zu ver­ur­tei­len.

Um die­sen geänder­ten Kla­ge­an­trag auf die Grund­la­ge ei­nes wirk­sa­men neu­en Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rungs­an­tra­ges zu stel­len, über­mit­tel­te die Kläge­rin die­sen geänder­ten An­trag auf Zeit­ver­tei­lung nicht nur dem Ge­richt, son­dern auch di­rekt dem Be­klag­ten.

Das Ar­beits­ge­richt Hal­le wies die Kla­ge ab (Ur­teil vom 20.10.2006, 6 Ca 455/06). In der Be­ru­fungs­in­stanz vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Sach­sen-An­halt (Ur­teil vom 28.06.2007, 7 Sa 627/06) ob­sieg­te die Kläge­rin. Das LAG lies die Re­vi­si­on zu, da es in sei­nem Ur­teil ent­schei­dungs­er­heb­lich von dem oben erwähn­ten Ur­teil des BAG vom 23.11.2004 ab­ge­wi­chen war. Es hat­te die Auf­fas­sung ver­tre­ten, in der pro­zes­sua­len Kla­geände­rung läge zu­gleich ein ma­te­ri­ell-recht­li­ches Ver­trags­an­ge­bot (auf Ver­tei­lung der Ar­beits­zeit).

BAG: Ver­langt der Ar­beit­neh­mer ei­ne Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit und ei­ne be­stimm­te Ar­beits­zeit­ver­tei­lung, kann er nach Kla­ge­er­he­bung kei­ne an­de­re Ver­tei­lung ver­lan­gen

Das BAG stell­te die Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­rich­tes wie­der her, d.h. es ent­schied zu Un­guns­ten der Kläge­rin.

In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mit­tei­lung des BAG heißt es zur Be­gründung, die Kläge­rin dürfe ih­ren Ver­tei­lungs­wunsch im Pro­zess nicht mehr ändern. Darüber, ob be­trieb­li­che Gründe letzt­lich für die Kla­ge­ab­wei­sung ent­schei­dend wa­ren, kann oh­ne die Ent­schei­dungs­gründe nur spe­ku­liert wer­den.

Da­mit hält das BAG an sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung fest: Wer nach der Erörte­rung der Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung sein Ver­lan­gen nach ei­ner Ar­beits­zeit­verr­rin­ge­rung da­mit kom­bi­niert, dass die ver­rin­ger­te Ar­beits­zeit in ei­ner be­stimm­ten Wei­se auf die Ar­beits­wo­che ver­teilt wird, muss sich später an die­sem Ver­tei­lungs­wunsch fest­hal­ten las­sen, so­lan­ge er kei­nen vollständig neu­en An­trag auf Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung stellt.

Im Streit­fall hat­te die Kläge­rin hat­te dem Ar­beit­ge­ber aber an­schei­nend kei­nen neu­en selbständi­gen An­trag auf Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit, son­dern wohl nur ei­ne Ab­schrift ih­rer Kla­geände­rung zu­kom­men las­sen. Da­mit hätte sie aber zu we­nig ge­tan, denn das BAG hat be­reits 2004 ent­schie­den, dass das nur im Pro­zess geäußer­te Ver­lan­gen nach ei­ner be­stimm­ten Ar­beits­zeit­ver­tei­lung kei­ne "Dop­pel­na­tur" hat, d.h. sol­che im Ge­richts­ver­fah­ren über­mit­tel­ten Schriftsätze sind als sol­che kei­ne Anträge auf Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung. 

Fa­zit: Ar­beit­neh­mer, die ei­ne Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung ver­lan­gen und da­bei aus fa­mi­liären oder sons­ti­gen Gründen auf ei­ne be­stimm­te Ver­tei­lung der ver­rin­ger­ten Ar­beits­zeit an­ge­wie­sen sind, soll­ten den An­trag auf Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung spätes­tens nach der Erörte­rung gemäß § 8 Abs.3 Tz­B­fG mit ei­nem gut über­leg­ten Ver­tei­lungs­wunsch kom­bi­nie­ren und von die­sem Ver­tei­lungs­wunsch später nicht wie­der abrücken.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 15. September 2016

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