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ARBEITSRECHT AKTUELL // 10/063

Frist­lo­se Kün­di­gung we­gen Ba­ga­tell­dieb­stahls?

Ei­ni­gung auf Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung im Kon­stan­zer Maul­ta­schen­fall: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg, 9 Sa 75/09
Mann in Geldbörse Im Fo­cus des Ar­beits­rechts: Pfand­bons, Maul­ta­schen & Co.
31.03.2010. In Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/202 be­rich­te­ten wir über ei­ne Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts Lör­rach (Ur­teil vom 16.10.2009, 4 Ca 248/09), das die frist­lo­se Kün­di­gung ei­ner lang­jäh­rig be­schäf­tig­ten Al­ten­pfle­ge­rin we­gen des Dieb­stahls von sechs Maul­ta­schen für ge­recht­fer­tigt hielt.

Die­ser Fall ge­hört zu ei­ner Rei­he von be­kannt ge­wor­de­nen (frist­lo­sen) Kün­di­gun­gen we­gen Ba­ga­tell­dieb­stäh­len, die in die Kri­tik ge­ra­ten sind.

In der Be­ru­fungs­in­stanz vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg (9 Sa 75/09) ha­ben die Par­tei­en jetzt ei­nen Ver­gleich ge­schlos­sen und die Al­ten­pfle­ge­rin er­hält ei­ne Ab­fin­dung.

Kündi­gung we­gen Ba­ga­tell­dieb­stahls

Seit dem Fall der Kas­sie­re­rin „Em­me­ly“, die ent­las­sen wur­de, weil sie ei­nen Pfand­bon im Wert von 1,30 EUR ein­ge­steckt hat­te (wir be­rich­te­ten über den Fall Em­me­ly un­ter an­de­rem in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/028 Frist­lo­se Kündi­gung we­gen 1,30 EUR bestätigt), sind so ge­nann­te „Ba­ga­tellkündi­gun­gen“ in die Kri­tik ge­ra­ten, d.h. (außer­or­dent­li­che) Kündi­gun­gen, die we­gen des Dieb­stahls von Sa­chen mit ge­rin­gen Wert aus­ge­spro­chen wer­den.

Ge­rich­te ent­schei­den hier häufig ge­gen die Ar­beit­neh­mer mit dem Ar­gu­ment, dass auch der Dieb­stahl ge­ring­wer­ti­ger Sa­chen ei­ne Straf­tat und da­mit er­heb­li­che Pflicht­ver­let­zung dar­stellt und das Ver­trau­en des Ar­beit­ge­bers in den Ar­beit­neh­mer da­durch zerstört ist.

Zu Recht sind die Ar­beits­ge­rich­te da­bei dem Vor­schlag bis­her nicht ge­folgt, der­ar­ti­gen Kündi­gun­gen durch Einführung ei­ner so ge­nann­ten Ge­ringfügig­keits­gren­ze, un­ter­halb de­rer ei­ne Kündi­gung ge­ne­rell nicht zulässig sein soll, ei­nen Rie­gel vor­zu­schie­ben.

Denn da­bei wird über­se­hen, dass die Recht­fer­ti­gung ei­ner Kündi­gung stark von den Umständen des Ein­zel­falls abhängt, und da­zu eben nicht nur der Wert ei­ner dem Ar­beit­ge­ber gehören­den und vom Ar­beit­neh­mer ge­stoh­le­nen Sa­che gehört. Pau­scha­le Aus­sa­gen, ab wann ei­nem Ar­beit­ge­ber die Wei­ter­beschäfti­gung ei­nes Ar­beit­neh­mers nicht mehr zu­zu­mu­ten sind, sind des­halb we­nig zielführend.

Al­ler­dings ten­dier­ten die Ge­rich­te bis­her oft zur um­ge­kehr­ten Pau­scha­li­sie­rung: Bei Ba­ga­tell­diebstählen wur­de die frist­lo­se Kündi­gung für wirk­sam er­ach­tet, un­abhängig da­von, wie lan­ge der Ar­beit­neh­mer schon be­an­stan­dungs­los für den Ar­beit­ge­ber tätig ge­we­sen war.

Dies er­scheint in der Tat un­verhält­nismäßig. Zu­mal sich die be­son­de­re Ver­trau­ens­po­si­ti­on des Ar­beit­neh­mers, die für die Be­rech­ti­gung ei­ner Kündi­gung we­gen ei­nes „Ba­ga­tell­dieb­stahls“ in die­sen Fällen oft her­an­ge­zo­gen wur­de, im Ge­gen­zug kaum in der durch­schnitt­li­chen Vergütung der frag­li­chen Ar­beit­neh­mer, et­wa der ei­nes Kas­sie­rers, wi­der­spie­gelt. Die­se feh­len­de In­ter­es­sen­abwägung fin­det sich in den Ent­schei­dun­gen der Ge­rich­te bei der Be­ge­hung an­de­rer nicht so gra­vie­ren­der Straf­ta­ten, et­wa Be­lei­di­gun­gen, nicht.

Zu­dem nah­men ei­ni­ge Ar­beit­ge­ber die Rechts­la­ge zum An­lass, je­de „Ver­wer­tung“ ih­res Ei­gen­tums als Dieb­stahls und da­mit frist­lo­sen Kündi­gungs­grund her­an­zu­zie­hen, ob­wohl ei­ne Straf­tat in den be­sag­ten Fällen oft schon des­halb zwei­fel­haft war, weil oh­ne aus­drück­li­che ge­gen­tei­li­ge An­wei­sung des Ar­beit­ge­bers von des­sen Ein­verständ­nis aus­ge­gan­gen wer­den konn­te, so et­wa im Fall des Ar­beit­neh­mers, der sein Han­dy im Be­trieb des Ar­beit­ge­bers auf­ge­la­den hat­te und dem der Ar­beit­ge­ber we­gen der da­durch ver­ur­sach­ten Strom­kos­ten im Cent­be­reich kündig­te (die Kündi­gung al­ler­dings später zurück­nahm), wir be­rich­te­ten über die­sen Fall in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/160 "Kündi­gung we­gen Han­dy­auf­la­dens zurück­ge­nom­men: Ar­beits­ge­richt Ober­hau­sen, 4 Ca 1228/09".

In der letz­ten Zeit scheint sich die Recht­spre­chung je­doch zu wan­deln. Zu­neh­mend neh­men Ge­rich­te die In­ter­es­sen­abwägung wie­der ernst und hal­ten Kündi­gun­gen we­gen ei­nes Ba­ga­tell­dieb­stahls nicht mehr oh­ne wei­te­res für wirk­sam.

Auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg deu­te­te jetzt an, in ei­nem Ba­ga­tell­dieb­stahls­fall zu­guns­ten der Ar­beit­neh­me­rin ent­schei­den zu wol­len, den das Ar­beits­ge­richt Lörrach noch zu­un­guns­ten des Ar­beit­neh­mers ent­schei­den hat­te (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/202: Frist­lo­se Kündi­gung we­gen Dieb­stahls von sechs Maul­ta­schen).

Der Kon­stan­zer Maul­ta­schen­fall

In dem zu­grun­de lie­gen­den Fall war ei­ner 58jähri­ge Al­ten­pfle­ge­rin, die seit En­de 1992 in dem Al­ten­heim des be­klag­ten Ar­beit­ge­bers tätig ge­we­sen war, frist­los gekündigt wor­den, weil sie sechs vom Es­sen der Be­woh­ner übrig ge­blie­be­ne Maul­ta­schen im Wert von 2 bis 3 EUR mit­ge­nom­men ha­ben soll­te, ob­wohl es bei dem Ar­beit­ge­ber das ihr be­kann­te Ver­bot gab, das übrig ge­blie­be­ne Es­sen zu ver­wer­ten.

Das Ar­beits­ge­richt Lörrach (Ur­teil vom 16.10.2009, 4 Ca 248/09) sah in dem Ver­hal­ten der Ar­beit­neh­me­rin ei­nen außer­or­dent­li­chen Kündi­gungs­grund, weil trotz des ge­rin­gen Werts der Maul­ta­schen durch den Dieb­stahl das Ver­trau­en des Ar­beit­ge­bers in die Al­ten­pfle­ge­rin zerstört sei. Ent­schei­dend für das Ge­richt war hier­bei auch, dass die Al­ten­pfle­ge­rin ver­sucht hat­te, ihr Vor­ge­hen im Nach­hin­ein zu ba­ga­tel­li­sie­ren.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg deu­tet Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung an

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg deu­te­te jetzt an, die frist­lo­se Kündi­gung für un­wirk­sam zu hal­ten, wie die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne be­rich­tet (FAZ, 31.03.2010 „42.500 EUR Ab­fin­dung im Maul­ta­schen­fall“). Zwar sei auch der Dieb­stahl ge­ring­wer­ti­ger Sa­chen „an sich“ ein Kündi­gungs­grund, es müss­ten aber die Umstände des Ein­zel­falls um­fas­sen ge­prüft wer­den, so das Ge­richt. Das Al­ter der Kläge­rin, die lan­ge Be­triebs­zu­gehörig­keit und die Tat­sa­che, dass dem Ar­beit­ge­ber kein mess­ba­rer Scha­den ent­stan­den war, spricht nach Auf­fas­sung des LAG ge­gen die Wirk­sam­keit der Kündi­gung.

Ar­beit­ge­ber und Al­ten­pfle­ge­rin ha­ben dar­auf­hin ei­nen (wi­der­ruf­li­chen) Ver­gleich ge­schlos­sen, dem zu­fol­ge das Ar­beits­verhält­nis frist­ge­recht zum 31.12.2009 ge­en­det hat und die Al­ten­pfle­ge­rin ei­ne Ab­fin­dung in Höhe von 25.000 EUR erhält. Da der Ar­beit­ge­ber mit Aus­spruch der frist­lo­sen Kündi­gung der Al­ten­pfle­ge­rin die Beschäfti­gung ver­wei­ger­te und sich des­halb seit­dem bis zum 31.12.2009 in An­nah­me­ver­zug be­fand, zahlt er zu­dem rück­wir­kend für die­sen Zeit­raum die Vergütung in Höhe von ins­ge­samt 17.500 EUR.

Fa­zit: Zu Recht nimmt das LAG die In­ter­es­sen­abwägung ernst und deu­tet an, im Fall ei­nes Schei­terns der gütli­chen Ei­ni­gung zu­guns­ten der Al­ten­pfle­ge­rin zu ent­schei­den.

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Letzte Überarbeitung: 16. September 2016

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