HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 09/173

Schle­cker ver­liert ge­gen Be­triebs­rat

Ver­let­zung der Mit­wir­kungs­pflicht durch den Ar­beit­ge­ber: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Be­schluss vom 19.08.2009, 26 TaBV 1185/09
Sitzung des Betriebsrats, Betriebsratsversammlung Bei Be­trieb­s­än­de­rung im­mer auch an die Mit­wir­kungs­pflich­ten den­ken ...

23.09.2009. Das Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg be­schäf­tig­te sich kürz­lich mit der Fra­ge, ob die Schlie­ßung von Schle­cker-Fi­lia­len und die gleich­zei­ti­ge Ein­rich­tung von XL-Märk­ten ei­ne Be­trieb­s­än­de­rung dar­stel­len oder nicht.

Hin­ter­grund der Streit­fra­ge ist der Kon­flikt zwi­schen Schle­cker und dem Be­triebs­rat, der hier­in ei­ne Be­trieb­s­än­de­rung sieht und dem­ent­spre­chend ver­langt, dass dar­über in ei­ner Ei­ni­gungs­stel­le ver­han­delt wird.

In ei­nem ak­tu­el­len Be­schluss gab das LAG Ber­lin-Bran­den­burg dem Be­triebs­rat Recht: LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Be­schluss vom 19.08.2009, 26 TaBV 1185/09.

Ei­ni­gungs­stel­le für In­ter­es­sen­aus­gleich und So­zi­al­plan bei "nach und nach" durch­geführ­ten Fi­li­al­sch­ließun­gen

In § 111,112 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) wird dem Be­triebs­rat ein „In­for­ma­ti­ons- und Ver­hand­lungs­recht“ ein­geräumt, wenn der Ar­beit­ge­ber Be­triebsände­run­gen plant, die we­sent­li­che Nach­tei­le für die Be­leg­schaft oder er­heb­li­che Tei­le der Be­leg­schaft mit sich brin­gen können. Der Be­triebs­rat kann dann im We­ge des In­ter­es­sen­aus­gleichs ver­su­chen mit dem Ar­beit­ge­ber aus­zu­han­deln, dass Nach­tei­le für die Mit­ar­bei­ter nicht oder nicht in dem ge­plan­ten Aus­maß ent­ste­hen.

Kommt der In­ter­es­sen­aus­gleich nicht zu­stan­de oder ver­wei­gert der Ar­beit­ge­ber von vorn­her­ein Ver­hand­lun­gen, kann die Ei­ni­gungs­stel­le an­ge­ru­fen wer­den (§ 112 Abs. 2 Satz 2 Be­trVG). Der Be­triebs­rat (und wenn er will der Ar­beit­ge­ber) kann sein „Recht auf Ver­hand­lun­gen“ durch­set­zen, in­dem er ge­richt­lich die Ein­set­zung ei­ner Ei­ni­gungs­stel­le be­an­tragt (§ 98 Ar­beits­ge­richts­ge­setz).

Der An­trag wird nur dann ab­ge­lehnt, wenn die Ein­set­zung ei­ner Ei­ni­gungs­stel­le „of­fen­sicht­lich un­zulässig“ wäre, d.h. die An­for­de­run­gen an die Ein­set­zung ei­ner Ei­ni­gungs­stel­le sind ge­ring. Die Klärung, wie be­rech­tigt die Befürch­tun­gen des Be­triebs­rats sind, dass Ar­beit­neh­mern durch ei­ne ge­plan­te Be­triebsände­rung Nach­tei­le dro­hen, soll nämlich der Ei­ni­gungs­stel­le sel­ber über­las­sen wer­den.

Da das Ge­richt al­so nur prüft, ob et­wa ei­ne Be­triebsände­rung nicht völlig aus­zu­sch­ließen ist, reicht es schon, wenn durch ge­plan­te Ände­run­gen ein er­heb­li­cher An­teil der Be­leg­schaft be­trof­fen sein könn­te. Die Nach­tei­le für die Be­leg­schaft wer­den dann au­to­ma­tisch für nicht aus­ge­schlos­sen ge­hal­ten.

Als Richt­schnur für die An­nah­me, dass ein er­heb­li­cher Teil der Be­leg­schaft be­trof­fen ist, ori­en­tiert sich das Ge­richt da­bei an den Zah­len, die gemäß § 17 Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) für die An­zei­ge­pflicht bei Mas­sen­ent­las­sun­gen gel­ten.

Die Er­mitt­lung der An­zahl der mögli­cher­wei­se be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer und da­mit die Be­ur­tei­lung ob ei­ne „er­heb­li­che An­zahl“ von Ar­beit­neh­mern be­trof­fen ist, be­rei­tet im­mer dann Schwie­rig­kei­ten, wenn der Ar­beit­ge­ber nicht al­le Ände­run­gen auf ein­mal durchführt son­dern nach und nach. Pro­ble­ma­tisch ist dann, ob es über­haupt um ei­ne Be­triebsände­rung geht und da­mit al­le nach und nach be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer „mitzählen“ oder ob der Ar­beit­ge­ber ver­schie­de­ne Be­triebsände­run­gen durchführt, die je­de für sich zu be­trach­ten sind.

Mit der Fra­ge, aus wel­chen Umständen auf ein ein­heit­li­ches Kon­zept des Ar­beit­ge­bers ge­schlos­sen wer­den kann, be­fasst sich ein Be­schluss des LAG Ber­lin-Bran­den­burg vom 19.08.2009 (26 TaBV 1185/09).

Schle­cker: Fi­li­al­sch­ließun­gen bei zeit­glei­cher Eröff­nung von XL-Märk­ten durch Schwes­ter­ge­sell­schaft

Die Dro­ge­rie­markt­ket­te Schle­cker be­treibt bun­des­weit Fi­lia­len. Die­se sind nach Be­zir­ken auf­ge­teilt. Der Be­zirk 263 um­fasst 50 Ver­kaufs­stel­len mit 182 Ar­beit­neh­mern, für die ein Be­triebs­rat zuständig ist.

In­ner­halb von 7 Jah­ren wur­den in dem Be­zirk bis zu drei Fi­lia­len ge­schlos­sen. An­fang 2009 mel­de­te die Pres­se, dass Schle­cker 4.000 Fi­lia­len schließen woll­te, um in un­mit­tel­ba­rer Nähe statt­des­sen so­ge­nann­te XL-Märk­te zu er­rich­ten, al­so Fi­lia­len mit größerer Ver­kaufs­fläche. Die­se XL-Märk­te sol­len von ei­ner Toch­ter­ge­sell­schaft oh­ne Ta­rif­bin­dung be­trie­ben wer­den. Es hieß, den in den XL-Märk­ten Beschäftig­ten wer­de statt des bis­he­ri­gen Ta­rif­lohns von 12,93 EUR nur noch ein St­un­den­lohn von 6,50 EUR an­ge­bo­ten.

Als der Be­triebs­rat er­fuhr, dass in sei­nem Be­zirk al­lein in den nächs­ten vier Mo­na­ten vier wei­te­re Fi­lia­len ge­schlos­sen wer­den soll­ten, for­der­te er den Ar­beit­ge­ber zu Ver­hand­lun­gen über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich und So­zi­al­plan auf. Dies sah der Ar­beit­ge­ber nicht ein, da nach sei­ner An­sicht gar kei­ne Be­triebsände­rung ge­plant sei.

Der Ar­beit­ge­ber be­haup­te­te, die Fi­li­al­sch­ließun­gen sei­en Ein­zel­ent­schei­dun­gen, die kei­nem be­stimm­ten Plan folg­ten. Des­halb be­an­trag­te der Be­triebs­rat bei dem Ar­beits­ge­richt Ber­lin die Ein­set­zung ei­ner Ei­ni­gungs­stel­le und ge­wann (Be­schluss vom 27.05.2009, 20 BV 8472/09). Ge­gen die­se Ent­schei­dung leg­te Schle­cker Be­schwer­de beim LAG Ber­lin-Bran­den­burg ein.

LAG Ber­lin-Bran­den­burg: Ver­mu­tung ei­nes ein­heit­li­chen Kon­zepts, wenn Ar­beit­ge­ber sei­ner Mit­wir­kungs­pflicht nicht nach­kommt

Das LAG gab dem Be­triebs­rat Recht und be­stell­te ei­nen Rich­ter zum Vor­sit­zen­den ei­ner Ei­ni­gungs­stel­le zum „In­ter­es­sen­aus­gleich anläss­lich der Sch­ließung von Ver­kaufs­stel­len des Be­klag­ten im Be­zirk 263 in Ber­lin in der Zeit vom 19.08.2009 bis zum 31.08.2010 so­wie So­zi­al­plan im Hin­blick auf die Sch­ließung von Ver­kaufs­stel­len des Be­klag­ten in die­sem Be­zirk in der Zeit von Ja­nu­ar 2009 bis 31. Au­gust 2010“. Nur für die schon voll­zo­ge­nen Fi­li­al­sch­ließun­gen hielt das Ge­richt die Ei­ni­gungs­stel­le für of­fen­sicht­lich un­zuständig, wes­we­gen es den Ver­hand­lungs­ge­gen­stand der Ei­ni­gungs­stel­le zeit­lich be­schränk­te.

Das LAG hält es nicht für aus­ge­schlos­sen, dass die ge­plan­ten vier Fi­li­al­sch­ließun­gen ei­ne Be­triebsände­rung dar­stel­len. Grundsätz­lich kann in der Sch­ließung ei­ner Fi­lia­le ei­ne Be­triebsände­rung in Form ei­ner Be­triebs­ein­schränkung gemäß § 111 Satz 3 Nr.1 Be­trVG lie­gen.

Pro­ble­ma­ti­scher war die Fra­ge, ob ein er­heb­li­cher Teil der Be­leg­schaft be­trof­fen wäre. Bei ei­ner ge­son­der­ten Be­trach­tung je­der Fi­li­al­sch­ließung wäre nämlich nur ein ge­rin­ger Teil der Be­leg­schaft be­trof­fen. Das LAG ent­schied je­doch, die Fi­li­al­sch­ließun­gen ge­mein­sam zu be­trach­ten.

Ent­schei­dend, so das LAG, ist hierfür, dass die Sch­ließun­gen auf ei­nem „ein­heit­li­chen Kon­zepts“ des Ar­beit­ge­bers be­ru­hen. Ein ein­heit­li­ches Kon­zept ist dann zu ver­mu­ten, wenn „in kur­zer zeit­li­cher Ab­fol­ge“ zehn Pro­zent der Fi­lia­len ei­ner be­stimm­ten Größen­ord­nung ei­nes Be­triebs ge­schlos­sen wer­den und der Ar­beit­ge­ber nicht an­hand kon­kre­ter Pla­nungs­un­ter­la­gen bzw. un­ter Be­nen­nung der Ent­schei­dungs­träger be­legt, wann durch wen wel­che Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen wor­den sind, meint das LAG. Da­von wer­den auch künf­ti­ge Maßnah­men er­fasst, die „in das Sch­ließungs­sche­ma pas­sen“.

Fa­zit: Es ist nicht grundsätz­lich aus­ge­schlos­sen, dass der Ar­beit­ge­ber Fi­lia­len nach und nach auf­grund je­des­mal neu ge­fass­ter Ent­schei­dun­gen trifft. Er­scheint dies plau­si­bel, wird das Ge­richt auch kei­ne Ge­samt­be­trach­tung vor­neh­men. Im vor­lie­gen­den Fall gab es je­doch zu vie­le Umstände, die das Ge­richt miss­trau­isch ma­chen muss­ten. Die Fi­li­al­sch­ließun­gen häuf­ten sich und an Stel­le der al­ten Märk­te trat je­des­mal ein neu­er XL-Markt. Un­ter sol­chen Umständen muss­te das LAG von ei­nem ein­heit­li­chen Kon­zept aus­ge­hen, dass dann auch ein­heit­lich zu be­ur­tei­len ist.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 1. Juni 2014

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Dr. Martin Hensche,
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-Mail: berlin@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de