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ARBEITSRECHT AKTUELL // 10/046

Um­klei­den als Ar­beits­zeit

Be­triebs­rat hat Mit­be­stim­mungs­recht: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 10.11.2009, 1 ABR 54/08
Wanduhr Um­zie­hen als Ar­beits­zeit
08.03.2010. Der Be­triebs­rat hat ein Mit­be­stim­mungs­recht bei der Fest­le­gung von Be­ginn und En­de der Ar­beits­zeit. Da­bei kann je­doch Streit dar­über be­ste­hen, wel­che Auf­ga­ben über­haupt als "Ar­beit" an­zu­se­hen sind und des­halb für die Ar­beits­zeit re­le­vant sind.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat­te zu klä­ren, ob und un­ter wel­chen Um­stän­den das Um­klei­den beim Tra­gen von Fir­men­klei­dung "Ar­beit" dar­stellt.

Das hät­te die Fol­ge, dass der Ar­beit­ge­ber nicht oh­ne Be­tei­li­gung des Be­triebs­rats fest­le­gen darf, dass das Um­klei­den au­ßer­halb der be­trieb­li­chen Ar­beits­zei­ten er­folgt: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 10.11.2009, 1 ABR 54/08.

Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats in so­zia­len An­ge­le­gen­hei­ten

Der Be­triebs­rat hat ein Mit­be­stim­mungs­recht in al­len An­ge­le­gen­hei­ten, die in § 87 Abs.1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) auf­geführt sind, d.h. oh­ne den Be­triebs­rat kann der Ar­beit­ge­ber in die­sen Fra­gen nicht ent­schei­den. Darüber hin­aus hat der Be­triebs­rat nor­ma­ler­wei­se ein Initia­tiv­recht, er kann al­so in­iti­ie­ren, dass ei­ne An­ge­le­gen­heit ge­re­gelt wird.

Zu den Mit­be­stim­mungs­an­ge­le­gen­hei­ten nach § 87 Abs.1 Nr.2 Be­trVG zählen un­ter an­de­rem der Be­ginn und das En­de der tägli­chen Ar­beits­zeit ein­sch­ließlich der Pau­sen so­wie die Ver­tei­lung der Ar­beits­zeit auf die ein­zel­nen Wo­chen­ta­ge. Al­ler­dings darf der Be­triebs­rat nur über die La­ge der fest­ge­leg­ten Ar­beits­zeit mit­be­stim­men, al­so et­wa über fle­xi­ble Ar­beits­zei­ten, Ar­beits­zeit­kon­ten oder Schicht­ar­beit, nicht je­doch darüber, wie lan­ge die Ar­beits­zeit ins­ge­samt ist.

Pro­ble­ma­tisch ist, ob dem Be­triebs­rat auch dann ein Mit­be­stim­mungs­recht nach § 87 Abs. 1 Nr. 2 Be­trVG zu­steht, wenn der Ar­beit­ge­ber Beschäftig­te an­weist, be­stimm­te Auf­ga­ben, et­wa das Um­klei­den, außer­halb der mit dem Be­triebs­rat ab­ge­stimm­ten Ar­beits­zei­ten zu er­le­di­gen. Ei­ner­seits macht der Ar­beit­ge­ber da­mit nämlich von sei­nem Wei­sungs­recht ge­genüber ein­zel­nen Beschäftig­ten ge­brauch, was nicht der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats un­ter­liegt. An­de­rer­seits legt er da­mit je­doch gleich­zei­tig mit­be­stim­mungs­pflich­tig Be­ginn und En­de der Ar­beits­zeit (neu) fest, wenn das Um­klei­den als „Ar­beit“ an­zu­se­hen ist und des­halb un­ter die Ar­beits­zeit fällt.

Mit die­ser Fra­ge be­fasst sich das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) mit der hier be­spro­che­nen Ent­schei­dung (Be­schluss vom 10.11.2009, 1 ABR 54/08).

Der Fall des Bun­des­ar­beits­ge­richts: Ar­beit­neh­mer müssen auffälli­ge Fir­men­klei­dung tra­gen. Ar­beit­ge­ber weist Ar­beit­neh­mer an, sich außer­halb der fest­ge­leg­ten Ar­beits­zei­ten um­zu­klei­den

Der Ar­beit­ge­ber, ein deutsch­land­weit täti­ges schwe­di­sches Ein­rich­tungs­haus, schreibt al­len Ar­beit­neh­mern in ei­ner "Ge­samt­be­triebs­ver­ein­ba­rung Fir­men­klei­dung" vor, be­stimm­te Fir­men­klei­dung in den Far­ben blau-gelb während der Ar­beit zu tra­gen. Er stell­te den Ar­beit­neh­mern im Be­trieb Um­klei­deräume zur Verfügung, da­mit Ar­beit­neh­mer, die die Klei­dung nicht schon zu Hau­se an­le­gen woll­ten, sich im Be­trieb um­zie­hen konn­ten.

Mit dem Be­triebs­rat hat­te der Ar­beit­ge­ber zu­dem ei­ne Ar­beits­zeit­be­triebs­ver­ein­ba­rung ab­ge­schlos­sen, die die La­ge der Ar­beits­zei­ten re­gel­te, die nach der Be­triebs­vereiba­rung durch Ein- und Aus­stem­peln elek­tro­nisch er­fasst wer­den soll­te. Im Jahr 2007 er­hielt ein Ar­beit­neh­mer von dem Ar­beit­ge­ber ei­ne Ab­mah­nung, weil er sich erst nach dem Um­klei­den aus­ge­stem­pelt hat­te. Der Ar­beit­ge­ber war nämlich der An­sicht, dass das Um­klei­den nicht zur „Ar­beit“ gehörte und des­halb außer­halb der be­zahl­ten Ar­beits­zeit er­fol­gen muss­te.

Der Be­triebs­rat sah in der Auf­for­de­rung des Ar­beit­ge­bers da­ge­gen ei­ne ein­sei­ti­ge neue Fest­le­gung der La­ge der Ar­beits­zeit und da­mit ei­nen Ver­s­toß ge­gen sein Mit­be­stim­mungs­recht aus § 87 Abs. 1 Nr. 2 Be­trVG.

Der Ar­beit­ge­ber be­kam so­wohl vor dem Ar­beits­ge­richt Bie­le­feld (Be­schluss vom 24.10.2007, 6 BV 32/07) als auch vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm (Be­schluss vom 23.04.2008, 10 TaBV 131/07) recht.

Bun­des­ar­beits­ge­richt: Be­triebs­hat hat Mit­be­stim­mungs­recht

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt da­ge­gen gab dem Be­triebs­rat recht. Es be­steht nämlich nach Auf­fas­sung des BAG ein Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats, wenn der Ar­beit­ge­ber die Beschäftig­ten auf­for­dert, sich außer­halb der fest­ge­leg­ten Ar­beits­zei­ten um­zu­zie­hen.

Ent­schei­dend ist für das BAG hier­bei wie für die Vor­in­stan­zen, ob das Um­klei­den als Ar­beit an­zu­se­hen ist, mit der Fol­ge, dass das Um­klei­den außer­halb der fest­ge­leg­ten Ar­beits­zeit dann die Ar­beits­zeit ein­sei­tig durch den Ar­beit­ge­ber ver­legt. Da­bei kommt es dar­auf an, ob das Um­klei­den al­lein im In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers er­folgt und da­mit als „Ar­beit“ an­zu­se­hen ist, so das BAG.

Al­ler­dings ver­tritt das BAG im Ge­gen­satz zu den Vor­in­stan­zen die Auf­fas­sung, dass das Um­klei­den al­lein fremdnützig ist und des­halb als „Ar­beit“ an­ge­se­hen wer­den muss. Dies fol­gert das BAG aus der Auffällig­keit der Fir­men­klei­dung. Die Ar­beit­neh­mer hätten bei ei­ner auffälli­gen Fir­men­klei­dung kein ob­jek­ti­ves ei­ge­nes In­ter­es­se, die­se Klei­dung zu tra­gen, so das BAG.

Die Fir­men­klei­dung soll zur Fir­men­kul­tur und zum Mar­ke­ting bei­tra­gen und da­zu die­nen, dass Kun­den in den großen Ver­kaufs­flächen die Verkäufer schnel­ler und leich­ter auf­fin­den können. Wenn Beschäftig­te die Fir­men­klei­dung schon auf dem Ar­beits­weg tra­gen, sei für die Öffent­lich­keit er­kenn­bar, dass sie für das schwe­di­sche Ein­rich­tungs­haus ar­bei­ten. Dies dient je­doch al­lein dem In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers, so das BAG. Un­er­heb­lich fin­det es das BAG des­halb, dass die Hälf­te der Beschäftig­ten die Klei­dung den­noch schon auf dem Ar­beits­weg trägt. Es kommt nämlich auf die ob­jek­ti­ve In­ter­es­sens­la­ge an. Eben so we­nig hält das BAG es des­halb auch für re­le­vant, ob die Klei­dung ein zu­mut­ba­res Aus­se­hen hat, wie der Ar­beit­ge­ber mein­te.

Fa­zit: Wenn der Ar­beit­ge­ber den Beschäftig­ten vor­schreibt, ei­ne auffälli­ge Fir­men­klei­dung zu tra­gen, die den Ar­beit­neh­mer als Beschäftig­ten ei­nes be­stimm­ten Un­ter­neh­mens iden­ti­fi­ziert, ist die Ent­schei­dung, ob das Um­klei­den in­ner­halb oder außer­halb fest­ge­leg­ter Ar­beits­zei­ten zu er­fol­gen hat, mit­be­stim­mungs­pflich­tig. Denn das Tra­gen der­ar­ti­ger Fir­men­klei­dung und da­mit auch das Um­klei­den er­folgt al­lein im In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers und ist des­halb als ar­beits­zeit­re­le­van­te „Ar­beit“ an­zu­se­hen.

Die­se Kri­te­ri­en, was als ar­beits­zeit­re­le­van­te Ar­beit an­zu­se­hen ist, gel­ten je­doch nur bei der Fra­ge, ob dem Be­triebs­rat gemäß § 87 Abs. 1 Nr. 2 Be­trVG ein Mit­be­stim­mungs­recht zu­steht. Da­von un­abhängig ist die Fra­ge, ob die für das Um­klei­den benötig­te Zeit als Ar­beits­zeit bzw. Über­stun­den zu vergüten ist und ob das Um­klei­den Ar­beits­zeit im Sin­ne des Ar­beits­zeit­ge­set­zes (Arb­ZG) ist und des­halb mögli­cher­wei­se die zulässi­ge Höchst­ar­beits­zeit über­schrit­ten wird.

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Letzte Überarbeitung: 23. Januar 2014

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