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ARBEITSRECHT AKTUELL // 16/248

Fest­set­zung der Bo­nus­hö­he durch das Ge­richt

Legt das Ge­richt ei­nen Bo­nus an­stel­le des Ar­beit­ge­bers fest, hilft es die­sem im Pro­zess nicht, wenn er mau­ert: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 03.08.2016, 10 AZR 710/14
Auktionshammer bzw. Gerichtshammer auf Geldscheinen

05.08.2016. Muss der Ar­beit­ge­ber ent­spre­chend ei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Bo­nus­ver­ein­ba­rung die Hö­he ei­nes Bo­nus nach sei­nem Er­mes­sen fest­set­zen, ist ei­ne ein­sei­tig zu sei­nen Guns­ten aus­fal­len­de Fest­set­zung un­ver­bind­lich. Dann ent­schei­det das Ar­beits­ge­richt über die Bo­nus­hö­he.

In ei­nem sol­chen Pro­zess hilft es dem Ar­beit­ge­ber nicht, sich über nur ihm be­kann­te Tat­sa­chen aus­zu­schwei­gen, die für die Bo­nus­hö­he ent­schei­dend sind, d.h. über das im Bo­nustopf vor­han­de­ne Geld, über wirt­schaft­li­che Kenn­zah­len, über Be­wer­tungs­kri­te­ri­en usw.

Da ein sol­ches Mau­ern nicht zu­las­ten des Ar­beit­neh­mers ge­hen kann, muss das Ge­richt in sol­chen Fäl­len die Bo­nus­hö­he nach Ak­ten­la­ge schät­zen, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­nem vor­ges­tern er­gan­ge­nen Ur­teil: BAG, Ur­teil vom 03.08.2016, 10 AZR 710/14.

Auf wel­cher Tat­sa­chen­grund­la­ge können die Ar­beits­ge­rich­te die Höhe ei­nes Bo­nus fest­set­zen, wenn der Ar­beit­ge­ber mau­ert?

Va­ria­ble Vergütungs­be­stand­tei­le wie Bo­ni, Pro­vi­sio­nen, Tan­tie­men oder Ziel­ver­ein­ba­rungs­prämi­en sind weit ver­brei­tet. Ob sie ge­zahlt wer­den und wenn ja in wel­cher Höhe, hängt je nach Ver­ein­ba­rung

  • von den Leis­tun­gen und dem Ver­hal­ten des ein­zel­nen Ar­beit­neh­mers ab, und/oder
  • von den Er­fol­gen sei­nes Teams oder Be­triebs und/oder
  • vom Un­ter­neh­mens­er­folg.

Da die­se Fak­to­ren kaum "ob­jek­tiv" zu mes­sen sind, se­hen vie­le Ar­beits­verträge vor, dass der Ar­beit­ge­ber die Höhe des Bo­nus nach "bil­li­gem Er­mes­sen" fest­zu­le­gen hat.

Dann muss der Ar­beit­ge­ber als Schuld­ner des Zah­lungs­an­spruchs ei­ne rechts­ver­bind­li­che Be­stim­mung darüber tref­fen, wie hoch sei­ne ei­ge­ne Zah­lungs­pflicht sein soll. Hier gilt § 315 Abs.3 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB), der fol­gen­de Re­ge­lung enthält:

"Soll die Be­stim­mung nach bil­li­gem Er­mes­sen er­fol­gen, so ist die ge­trof­fe­ne Be­stim­mung für den an­de­ren Teil nur ver­bind­lich, wenn sie der Bil­lig­keit ent­spricht. Ent­spricht sie nicht der Bil­lig­keit, so wird die Be­stim­mung durch Ur­teil ge­trof­fen; das Glei­che gilt, wenn die Be­stim­mung verzögert wird."

Im Klar­text heißt das: Der Ar­beit­ge­ber muss die we­sent­li­chen Umstände im kon­kre­ten Fall abwägen und die In­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers an­ge­mes­sen berück­sich­ti­gen (BAG, Ur­teil vom 12.10.2011, 10 AZR 756/10, S.8). Legt er den Bo­nus ein­sei­tig nach sei­nen In­ter­es­sen fest, al­so z.B. auf null, ist die Fest­le­gung un­fair ("un­bil­lig") und da­her un­ver­bind­lich. Dann muss das Ar­beits­ge­richt die Bo­nushöhe be­stim­men.

An die­ser Stel­le hat das Ge­richt aber oft das Pro­blem, dass es die Fak­to­ren nicht kennt, von de­nen die Höhe des Bo­nus ent­spre­chend den Bo­nus­re­ge­lun­gen abhängt. Und der Ar­beit­ge­ber schweigt sich da­zu aus oder macht An­ga­ben, die nicht wei­ter­hel­fen:

Der zur Verfügung ste­hen­de Bo­nus­pool war zum Zeit­punkt der Er­mes­sens­ent­schei­dung leer (ob­wohl an­de­re Ar­beit­neh­mer Bo­ni er­hal­ten ha­ben). Die begüns­tig­ten Ar­beit­neh­mer wa­ren mit dem Kläger nicht ver­gleich­bar (ob­wohl sie ähn­li­che Auf­ga­ben hat­ten). Und schließlich wa­ren die Leis­tun­gen des Ar­beit­neh­mers im Ab­rech­nungs­jahr grot­ten­schlecht (ob­wohl sie noch im Jahr zu­vor als gut oder sehr gut be­wer­tet wur­den).

Hier stellt sich die Fra­ge, ob das Ge­richt auf­grund der not­ge­drun­gen recht un­ge­nau­en An­ga­ben des kla­gen­den Ar­beit­neh­mers ei­ne Schätzung der Bo­nushöhe un­ter Be­ru­fung auf § 287 Abs.2 Zi­vil­pro­zess­ord­nung (ZPO) vor­neh­men kann. Die­se Vor­schrift wird aber bis­her von den Zi­vil­ge­rich­ten sehr vor­sich­tig ("re­strik­tiv") aus­ge­legt bzw. an­ge­wen­det.

Bank­an­ge­stell­ter klagt auf Zah­lung ei­nes Bo­nus, des­sen Höhe in das Er­mes­sen des Ge­richts ge­stellt wird, der aber min­des­tens 52.480,00 EUR be­tra­gen soll

Im Streit­fall hat­te ein Ma­na­ging Di­rec­tor ei­ner in­ter­na­tio­na­len Großbank ge­klagt, dem ver­trag­lich zu­ge­sagt wor­den war, dass er am Bo­nus­sys­tem und/oder am De­fer­ral Plan teil­neh­men würde. Für das Geschäfts­jahr 2009 be­kam er ei­nen ga­ran­tier­ten Bo­nus von 200.000,00 EUR, für das nächs­te Jahr ent­we­der 209.920,00 EUR (so der Kläger) oder nur 9.920,00 EUR. Da es für 2011 nichts gab, zog er vor Ge­richt.

An­de­re Ar­beit­neh­mer hat­ten Bo­ni er­hal­ten, die sich über­wie­gend zwi­schen 25 Pro­zent und 50 Pro­zent der Vor­jah­res-Bo­ni be­weg­ten, so je­den­falls der Kläger. Auf die­ser Grund­la­ge ver­ur­teil­te das Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main (Ur­teil vom 21.08.2013, 14 Ca 4283/12) die Bank zur Zah­lung von 78.720,00 EUR. Da­bei leg­te es die rech­ne­ri­sche Mit­te von 25 und 50 Pro­zent zu­grun­de, d.h. 37,5 Pro­zent, be­zo­gen auf den Vor­jah­res­bo­nus des Klägers von 209.920,00 EUR (den der Kläger be­haup­tet, die Bank al­ler­dings be­strit­ten hat­te).

Das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) als Be­ru­fungs­ge­richt gab dann aber der Bank recht (Ur­teil vom 10.04.2014, 19 Sa 1266/13). Denn aus Sicht des LAG gab es kei­ne aus­rei­chen­de Tat­sa­chen­grund­la­ge für ei­ne Schätzung des Bo­nus gemäß § 287 Abs.2 ZPO. Es fehl­ten nämlich, so das LAG,

  • In­for­ma­tio­nen über die maßgeb­li­chen Bo­nus­kri­te­ri­en und de­ren Ge­wich­tung zu­ein­an­der,
  • In­for­ma­tio­nen zu Geschäfts­da­ten,
  • In­for­ma­tio­nen zu dem Bo­nus­rah­men, der für den Kläger bzw. für des­sen Ab­tei­lung zur Verfügung ge­stellt wor­den war,
  • In­for­ma­tio­nen über die Höhe des Bo­nus­pools, der zur Ausschüttung ge­lan­gen konn­te.

Be­son­ders bit­ter für den Ban­ker: Er hat­te in der ers­ten In­stanz nicht nur auf Zah­lung, son­dern auch auf Aus­kunft über ei­ni­ge die­ser Umstände ge­klagt, war mit die­ser Kla­ge aber ab­ge­wie­sen wor­den. Die­se Klag­ab­wei­sung hat­te er nicht mit der Be­ru­fung an­ge­grif­fen und da­mit rechts­kräftig wer­den las­sen, wohl des­halb, weil das Ar­beits­ge­richt ihm die ei­gent­li­che Bo­nus­zah­lung ja eh zu­ge­spro­chen hat­te.

BAG: Legt das Ge­richt ei­nen Bo­nus an­stel­le des Ar­beit­ge­bers gemäß § 315 Abs.3 BGB fest und schweigt der Ar­beit­ge­ber zu maßgeb­li­chen Fak­to­ren, geht das nicht zu Las­ten des Ar­beit­neh­mers

Das BAG hob das LAG-Ur­teil auf und ver­wies die Sa­che zurück. Denn im Prin­zip be­steht der Bo­nus­an­spruch, so die Er­fur­ter Rich­ter. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den BAG-Pres­se­mel­dung heißt es da­zu:

Da die Bank nicht be­gründet hat­te, war­um sie den Bo­nus für 2011 auf null fest­ge­setzt hat­te, war die­se Fest­set­zung un­ver­bind­lich. Da­her ist gemäß § 315 Abs.3 Satz 2 BGB das Ge­richt am Zu­ge, das sich da­bei auf den Sach­vor­trag der Par­tei­en zu stützen hat.

Schweigt der Ar­beit­ge­ber im Pro­zess zu maßgeb­li­chen Fak­to­ren, geht dies nicht zu Las­ten des Ar­beit­neh­mers, ob­wohl es bei die­sen Fra­gen kei­ne "Dar­le­gungs- und Be­weis­last im pro­zes­sua­len Sinn" gibt, so das BAG. Der Ar­beit­neh­mer ist nicht ge­hal­ten, et­was zu der (ihm un­be­kann­ten) Höhe des Bo­nustop­fes zu sa­gen oder den Ar­beit­ge­ber auf Aus­kunft zu ver­kla­gen.

Statt­des­sen ha­ben die Ge­rich­te die Bo­nushöhe "auf­grund der ak­ten­kun­dig ge­wor­de­nen Umstände (zB Höhe der Leis­tung in den Vor­jah­ren, wirt­schaft­li­che Kenn­zah­len, Er­geb­nis ei­ner Leis­tungs­be­ur­tei­lung) fest­zu­set­zen." Hier im Streit­fall la­gen da­zu, an­ders als das LAG mein­te, auch aus­rei­chen­de An­halts­punk­te vor.

Ob es in Frank­furt ein hap­py end für den Ban­ker gibt, ist noch of­fen, denn an­schei­nend geht das BAG da­von aus, dass er für 2010 "nur" 9.920,00 EUR er­hal­ten hat­te. Das wäre kei­ne be­son­ders gu­te Aus­gangs­la­ge für die ge­richt­li­che Fest­set­zung des Bo­nus, die jetzt das LAG vor­neh­men muss.

Fa­zit: Das BAG hat mit die­ser Ent­schei­dung die Chan­cen von Ar­beit­neh­mern, ih­re Bo­nus­ansprüche ge­richt­lich durch­zu­set­zen, deut­lich ver­bes­sert, und zwar zu­recht.

Denn dass der Ar­beit­ge­ber zur Fest­set­zung ei­nes Jah­res­bo­nus nach Er­mes­sen be­rech­tigt ist, gibt ihm nicht das Recht zur willkürli­chen Leis­tungs­ver­wei­ge­rung. Sol­len die Ge­rich­te auf ei­ne sol­che Ver­wei­ge­rungs­hal­tung mit ei­ner ei­ge­nen Bo­nus­fest­set­zung gemäß § 315 Abs.3 Satz 2 BGB re­agie­ren, darf die An­wen­dung die­ser Vor­schrift nicht dar­an schei­tern, dass sich der ver­klag­te Ar­beit­ge­ber zu bo­nus­re­le­van­ten Tat­sa­chen, die in sei­ner Sphäre lie­gen, aus­schweigt.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­grün­de ver­öf­fent­licht. Das voll­stän­dig be­grün­de­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 7. Oktober 2016

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Dr. Simone Wernicke
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