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BAG, Ur­teil vom 01.07.2009, 4 AZR 261/08

   
Schlagworte: Tarifvertrag, Tarifvertrag: Nachbindung
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 4 AZR 261/08
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 01.07.2009
   
Leitsätze:

1. Nach dem Wegfall der Tarifgebundenheit nach § 3 Abs. 1 TVG infolge eines Austritts aus dem Arbeitgeberverband gelten die Tarifverträge gemäß der in § 3 Abs. 3 TVG geregelten Nachbindung unmittelbar und zwingend bis zur Beendigung des Tarifvertrages weiter.

2. Die Nachbindung an einen Tarifvertrag nach § 3 Abs. 3 TVG endet mit jeder Änderung der durch den betreffenden Tarifvertrag normierten materiellen Rechtslage. Eine solche kann durch die Änderung des betreffenden Tarifvertrags erfolgen. Sie kann aber auch in der Vereinbarung einer auf den Tarifinhalt einwirkenden Tarifnorm in einem neuen Tarifvertrag liegen.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht Neunkirchen, 15. März 2007, Az: 2 Ca 1384/06, Urteil Landesarbeitsgericht Saarland 2. Kammer, 9. Januar 2008, Az: 2 Sa 78/07, Urteil
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT


4 AZR 261/08
2 Sa 78/07
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Saar­land

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am

1. Ju­li 2009

UR­TEIL

Frei­tag, Ur­kunds­be­am­tin

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Be­klag­te, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­onskläge­rin,

pp.

Kläger, Be­ru­fungs­be­klag­ter und Re­vi­si­ons­be­klag­ter,

hat der Vier­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 1. Ju­li 2009 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Be­p­ler, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Creutz­feldt und Dr. Tre­ber so­wie die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Dierßen und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Grimm für Recht er­kannt:
 


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I. Auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Saar­land vom 9. Ja­nu­ar 2008 - 2 Sa 78/07 - teil­wei­se auf­ge­ho­ben.


Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Neun­kir­chen vom 15. März 2007 - 2 Ca 1384/06 - teil­wei­se ab­geändert und zur Klar­stel­lung wie folgt neu ge­fasst:

1. Es wird fest­ge­stellt, dass sich im Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en in der Zeit vom 1. Ju­li 2006 bis ein-schließlich 30. Sep­tem­ber 2007 die wöchent­li­che Ar­beits­zeit nach § 2 des Ge­mein­sa­men Man­tel­ta­rif­ver­tra­ges für Ar­bei­ter und An­ge­stell­te in der wei­ter-ver­ar­bei­ten­den Ei­sen-, Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie des Saar­lan­des vom 13. März 1987 in der Fas­sung vom 5. De­zem­ber 1997 be­stimmt.

2. Im Übri­gen wird die Kla­ge ab­ge­wie­sen.


II. Die wei­ter­ge­hen­de Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird zurück­ge­wie­sen.

III. Die Kos­ten des Rechts­streits ha­ben der Kläger zu 2/3 und die Be­klag­te zu 1/3 zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand


Der Kläger ist seit 1990 bei der Be­klag­ten beschäftigt. Für das Ar­beits­verhält­nis gal­ten kraft bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­bin­dung die Ta­rif­verträge in der Me­tall-und Elek­tro­in­dus­trie des Saar­lands. Die Be­klag­te war zunächst Mit­glied des Ver­ban­des der Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie des Saar­lan­des (VME). Der zwi­schen der IG Me­tall und dem VME ge­schlos­se­ne Ge­mein­sa­me Man­tel­ta­rif­ver­trag für Ar­bei­ter und An­ge­stell­te in der wei­ter­ver­ar­bei­ten­den Ei­sen-, Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie des Saar­lan­des (vom 13. März 1987 in der Fas­sung vom 5. De­zem­ber 1997 - GMTV), lau­tet - so­weit hier von Be­deu­tung - wie folgt:

„§ 2 Re­gelmäßige Ar­beits­zeit

1. Die ta­rif­li­che wöchent­li­che Ar­beits­zeit oh­ne Pau­sen
 


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beträgt 35 St­un­den.


Soll für ein­zel­ne Ar­beit­neh­mer die in­di­vi­du­el­le re­gelmäßige wöchent­li­che Ar­beits­zeit auf bis zu 40 St­un­den verlängert wer­den, be­darf dies der Zu­stim­mung des Ar­beit­neh­mers.

Leh­nen Ar­beit­neh­mer die Verlänge­rung ih­rer in­di­vi­du­el­len re­gelmäßigen wöchent­li­chen Ar­beits­zeit ab, so darf ih­nen dar­aus kein Nach­teil ent­ste­hen.


Bei der Ver­ein­ba­rung ei­ner sol­chen Ar­beits­zeit bis zu 40 St­un­den er­hal­ten Ar­beit­neh­mer ei­ne die­ser Ar­beits­zeit ent­spre­chen­de Be­zah­lung.

...

§ 35 In­kraft­tre­ten und Kündi­gung

1. Die­ser Ta­rif­ver­trag vom 13. März 1987 gilt in der vor­lie­gen­den Fas­sung ab 1. Ja­nu­ar 1997.

2. Mit Aus­nah­me des § 2 Ziff. 1 und 7, § 3, § 12, §§ 15 bis 22 ist die­ser Ta­rif­ver­trag erst­mals zum 31. De­zem­ber 2000 mit ei­ner Frist von 1 Mo­nat zum Mo­nats­en­de künd­bar.“

Mit Wir­kung zum 25. Sep­tem­ber 2004 ist die Be­klag­te aus dem VME aus­ge­tre­ten. Am 10. Fe­bru­ar 2005 schlos­sen die Par­tei­en ei­ne „Ände­rungs­ver­ein­ba­rung zum Ar­beits­ver­trag“, in der es ua. heißt:

„1.


Bei Ar­beits­verhält­nis­sen mit ei­ner 35-St­un­den­wo­che steigt die wöchent­li­che Ar­beits­zeit ab dem 1. April 2005 von 35 auf 36 Wo­chen­ar­beits­stun­den oh­ne Lohn­aus­gleich. Ab dem 1. Ja­nu­ar 2006 steigt die wöchent­li­che Ar­beits­zeit je­des Jahr um ei­ne [1] Wo­chen­ar­beits­stun­de oh­ne Lohn­aus­gleich, bis am 1. Ja­nu­ar 2007 ei­ne Wo­chen­ar­beits­zeit von 38 St­un­den er­reicht ist.
...


2.

Der Ar­beit­ge­ber gewährt im Ge­gen­zug für die Lauf­zeit der ein­zel­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung Schutz vor be­triebs-be­ding­ter Kündi­gung. ...

4.

...
Im Fal­le des Ab­schlus­ses ei­nes Haus­ta­rif­ver­tra­ges bei der H KG steht dem Mit­ar­bei­ter und dem Ar­beit­ge­ber ein
 


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Son­derkündi­gungs­recht zu. Durch die Son­derkündi­gung ver­liert die Ände­rungs­ver­ein­ba­rung ih­re Wir­kung und die ent­spre­chen­den Re­ge­lun­gen des Haus­ta­rif­ver­tra­ges er­hal­ten Gültig­keit.“


Un­ter dem Da­tum des 20. Ju­li 2005 schlos­sen die IG Me­tall und der VME ei­nen neu­en Man­tel­ta­rif­ver­trag (MTV). Des­sen § 2 Abs. 1 lau­tet:


„1. Die ta­rif­li­che wöchent­li­che Ar­beits­zeit oh­ne Pau­sen beträgt 35 St­un­den.

Soll für ein­zel­ne Beschäftig­te die in­di­vi­du­el­le re­gelmäßige wöchent­li­che Ar­beits­zeit auf bis zu 40 St­un­den verlängert wer­den, be­darf dies der Zu­stim­mung des Beschäftig­ten.


Leh­nen Beschäftig­te die Verlänge­rung ih­rer in­di­vi­du­el­len re­gelmäßigen wöchent­li­chen Ar­beits­zeit ab, so darf ih­nen dar­aus kein Nach­teil ent­ste­hen.

Bei der Ver­ein­ba­rung ei­ner sol­chen Ar­beits­zeit bis zu 40 St­un­den er­hal­ten Beschäftig­te ei­ne die­ser Ar­beits­zeit ent­spre­chen­de Be­zah­lung.


Die ver­ein­bar­te verlänger­te Ar­beits­zeit kann auf Wunsch des Beschäftig­ten oder des Ar­beit­ge­bers mit ei­ner Ankündi­gungs­frist von drei Mo­na­ten geändert wer­den, es sei denn, sie wird ein­ver­nehm­lich früher geändert. Das Ar­beits­ent­gelt wird ent­spre­chend an­ge­passt.“

Wei­ter­hin enthält der MTV ua. fol­gen­de Re­ge­lun­gen: 

„§ 37 In­kraft­tre­ten und Kündi­gung


1. Die­ser Ta­rif­ver­trag gilt ab 1. Ja­nu­ar 2006.


2. Mit Aus­nah­me der §§ 13 und 16 bis 23 ist die­ser Ta­rif­ver­trag mit ei­ner Frist von ei­nem Mo­nat zum Mo­nats­en­de künd­bar. Die §§ 13 und 16 bis 23 sind mit drei­mo­na­ti­ger Frist künd­bar.

3. Die Kündi­gung des § 2 Zif­fer 1 und 5 so­wie des § 4 hat die zeit­glei­che Be­en­di­gung des Ta­rif­ver­tra­ges zur Beschäfti­gungs­brücke vom 31. März 2000 zur Fol­ge.

§ 38 Einführung im Be­trieb

Ab dem be­trieb­li­chen Einführungs­stich­tag des Ent­gelt­rah­men­ab­kom­mens gilt die­ser Man­tel­ta­rif­ver­trag mit un­mit­tel­ba­rer und zwin­gen­der Wir­kung.



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Mit der Einführung die­ses Man­tel­ta­rif­ver­tra­ges im Be­trieb ver­liert der Ge­mein­sa­me Man­tel­ta­rif­ver­trag für Ar­bei­ter und An­ge­stell­te in der Ei­sen-, Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie des Saar­lan­des vom 13. März 1987 in sei­ner je­weils gel­ten­den Fas­sung sei­ne Wir­kung.
Vor­ge­nann­ter Ta­rif­ver­trag tritt spätes­tens mit Ab­lauf des 31. De­zem­bers 2008 - im Fall des § 13 Abs. 4 des Ent­gelt­rah­men­ab­kom­mens mit Ab­lauf des 31. De­zem­bers 2009 - außer Kraft.“

Das in Be­zug ge­nom­me­ne Ent­gelt­rah­men­ab­kom­men (ERA) lau­tet ua.:

„§ 13 Einführung im Be­trieb


Ab dem 1. Ja­nu­ar 2006 kann die­ser Ta­rif­ver­trag auf frei­wil­li­ger Ba­sis im Be­trieb ein­geführt wer­den.

Ei­ne Einführung des Ent­gelt­rah­men­ab­kom­mens vor dem 1. Ja­nu­ar 2006 kann mit Zu­stim­mung der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en er­fol­gen.
Ab dem 1. Ja­nu­ar 2009 gel­ten die Be­stim­mun­gen die­ses Ta­rif­ver­trags in al­len Be­trie­ben.

Mit Zu­stim­mung der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en kann die Frist zur be­trieb­li­chen Einführung des Ta­rif­ver­tra­ges bis zum 31. De­zem­ber 2009 verlängert wer­den.

Ab dem be­trieb­li­chen Einführungs­stich­tag gilt das neue Ent­gelt­rah­men­ab­kom­men mit un­mit­tel­ba­rer und zwin­gen-der Wir­kung.“

Der Kläger mach­te mit Schrei­ben vom 24. Ok­to­ber 2006 ge­genüber der Be­klag­ten für die Mo­na­te Ju­li, Au­gust und Sep­tem­ber 2006 Ansprüche auf Mehr­ar­beits­vergütung gel­tend. Die Ver­ein­ba­rung vom 10. Fe­bru­ar 2005 sei un­zulässig. Zu­gleich wies er auf die am glei­chen Ta­ge von ihm ein­ge­reich­te Kla­ge zur Über­prüfung der ge­trof­fe­nen Ver­ein­ba­rung hin.

Mit sei­ner am 25. Ok­to­ber 2006 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge macht der Kläger die Rechts­un­wirk­sam­keit der Ver­ein­ba­rung vom 10. Fe­bru­ar 2005 und die An­wen­dung der Ar­beits­zeit­re­ge­lun­gen des GMTV gel­tend. In der Güte­ver­hand­lung erklärte die Be­klag­te, sie ver­zich­te dar­auf, sich im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren auf Aus­schluss­fris­ten zu be­ru­fen. Am 23. No­vem­ber 2007 schlos­sen die IG Me­tall und die Be­klag­te ei­nen „Ergänzungs­ta­rif­ver­trag“

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(ETV). Die­ser re­gelt ua.:


„§ 1 Gel­tungs­be­reich

Die­ser Ergänzungs­ta­rif­ver­trag gilt für al­le Beschäftig­ten und Aus­zu­bil­den­den * des Stand­or­tes E der H KG, so­weit sie un­ter den persönli­chen Gel­tungs­be­reich der Ta­ri­fe für die Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie des Saar­lan­des fal­len.

§ 2 Ar­beits­zeit


Ab­wei­chend zu § 2 Ge­mein­sa­mer Man­tel­ta­rif­ver­trag für die Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie des Saar­lan­des beträgt die wöchent­li­che re­gelmäßige Ar­beits­zeit 38 St­un­den/Wo­che bei ei­ner Be­zah­lung von 36 Wo­chen­ar­beits­stun­den. An­de­re re­gelmäßige, wöchent­li­che Ar­beits­zei­ten wer­den ana­log an­ge­passt. Die­se Re­ge­lung gilt nicht für Beschäftig­te in Al­ters­teil­zeit und Aus­zu­bil­den­de.
...


§ 6 Aus­schluss be­triebs­be­ding­ter Kündi­gun­gen


Bis zum 31. De­zem­ber 2012 sind be­triebs­be­ding­te Kündi­gun­gen im Werk E der H KG aus­ge­schlos­sen.
...

§ 8 Schluss­be­stim­mun­gen


Die­ser Ergänzungs­ta­rif­ver­trag tritt zum 1. Ok­to­ber 2007 in Kraft und en­det, oh­ne dass es ei­ner Kündi­gung be­darf, am 31. De­zem­ber 2012 oh­ne Nach­wir­kung.


Im Fal­le ei­ner dro­hen­den In­sol­venz steht bei­den Ver­trags­part­nern ein außer­or­dent­li­ches Kündi­gungs­recht zu.“

Der Kläger ist der Auf­fas­sung, die Ände­rungs­ver­ein­ba­rung sei un­wirk­sam, so­weit sie die von ihm zu leis­ten­de Ar­beits­zeit re­ge­le, da sie als ungüns­ti­ge­re Re­ge­lung ge­gen § 2 GMTV ver­s­toße. An den GMTV sei die Be­klag­te auch nach ih­rem Aus­tritt aus dem VME ge­bun­den. Der Man­tel­ta­rif­ver­trag gel­te für die­je­ni­gen Ar­beit­ge­ber wei­ter, die wie die Be­klag­te das neue ERA nicht ein­geführt hätten.


Der Kläger hat be­an­tragt


fest­zu­stel­len, dass die Ände­rung der wöchent­li­chen Ar­beits­zeit gemäß der Ände­rungs­ver­ein­ba­rung vom 10. Fe­bru­ar 2005 rechts­un­wirk­sam ist und zwi­schen den Par­tei­en die Ar­beits­zeit nach dem Ge­mein­sa­men Man­tel­ta­rif­ver­trag für Ar­bei­ter und An­ge­stell­te in der wei­ter­ver-
 


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ar­bei­ten­den Ei­sen-, Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie des Saar­lan­des An­wen­dung fin­det.

hilfs­wei­se - für den Fall, dass die Kam­mer das Fort-be­ste­hen ei­nes recht­li­chen In­ter­es­ses an den ge­stell­ten Fest­stel­lungs­anträgen ver­nei­nen soll­te - fest­zu­stel­len, dass sich der Rechts­streit in der Haupt­sa­che hin­sicht­lich der Fest­stel­lungs­anträge er­le­digt hat.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Sie meint, ei­ne Bin­dung an den GMTV ha­be zum Zeit­punkt des Ab­schlus­ses der Ände­rungs­ver­ein­ba­rung nicht mehr be­stan­den. Die Nach­bin­dung an den Ta­rif­ver­trag en­de zu dem Zeit­punkt, zu dem er nach dem Aus­tritt aus dem Ar­beit­ge­ber­ver­band erst­mals gekündigt wer­den könne, hier al­so dem 31. De­zem­ber 2004. Die­ses Verständ­nis von § 3 Abs. 3 TVG sei mit Blick auf die ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit je­den­falls bei Man­tel­ta­rif­verträgen mit lan­gen Lauf­zei­ten ge­bo­ten. Zu­dem ver­s­toße die Ände­rungs­ver­ein­ba­rung nicht ge­gen § 4 Abs. 3 TVG, weil zu­gleich be­triebs­be­ding­te Kündi­gun­gen aus­ge­schlos­sen wor­den sei­en.


Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben und da­bei so­wohl fest­ge­stellt, dass die Ände­rung der wöchent­li­chen Ar­beits­zeit gemäß der Ände­rungs­ver­ein­ba­rung vom 10. Fe­bru­ar 2005 un­wirk­sam sei, als auch, dass zwi­schen den Par­tei­en die Ar­beits­zeit nach § 2 Abs. 1 GMTV An­wen­dung fin­de. Die hier­ge­gen ge­rich­te­te Be­ru­fung hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt ab­ge­wie­sen. Mit der zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folgt die Be­klag­te wei­ter­hin die Kla­ge­ab­wei­sung. Der Kläger be­an­tragt die Zurück­wei­sung der Re­vi­si­on.

Ent­schei­dungs­gründe

Die zulässi­ge Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist teil­wei­se be­gründet. Der Fest­stel­lungs­an­trag fest­zu­stel­len, dass die Ände­rung der wöchent­li­chen Ar­beits­zeit gemäß der Ände­rungs­ver­ein­ba­rung vom 10. Fe­bru­ar 2005 rechts­un­wirk­sam ist, ist un­zulässig. Der wei­te­re Fest­stel­lungs­an­trag hin­sicht­lich der An­wen­dung des § 2 Abs. 1 GMTV in Be­zug auf die Ar­beits­zeit des Klägers ist nur teil­wei­se zulässig, in­so­weit je­doch be­gründet.
 


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A. Die Aus­le­gung des Kla­ge­be­geh­rens er­gibt, dass vor­lie­gend und ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Re­vi­si­on von zwei un­be­dingt ge­stell­ten Fest­stel­lungs­anträgen des Klägers aus­zu­ge­hen ist, die im Te­nor des ar­beits­ge­richt­li­chen Ur­teils ent­hal­ten sind. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts ist der An­trag hin­sicht­lich der An­wen­dung der Ar­beits­zeit­re­ge­lung des GMTV nicht auf den Zeit­raum bis zum In­kraft­tre­ten des ETV am 1. Ok­to­ber 2007 be­schränkt. Zu­dem er­gibt die Aus­le­gung des kläge­ri­schen Vor­brin­gens, dass der Fest­stel­lungs­an­trag erst die Zeit ab dem 1. Ju­li 2006 er­fasst.

I. Ob es sich bei dem An­trag aus der Kla­ge­schrift um le­dig­lich ei­nen Fest­stel­lungs­an­trag han­delt, bei dem der Satz­teil „die Ände­rung der wöchent­li­chen Ar­beits­zeit gemäß der Ände­rungs­ver­ein­ba­rung vom 10. Fe­bru­ar 2005 rechts­un­wirk­sam ist“ nur ein Be­gründungs­ele­ment dar­stellt, kann da­hin­ste­hen.


In die­sem Fall hätte zwar das Ar­beits­ge­richt ent­ge­gen dem aus der Dis­po­si­ti­ons­ma­xi­me des Zi­vil­pro­zes­ses ab­leit­ba­ren und in § 308 Abs. 1 Satz 1 ZPO ge­setz­lich nor­mier­ten Grund­satz der Bin­dung des Ge­richts an die Anträge der Par­tei­en dem Kläger mehr zu­ge­spro­chen, als er be­an­tragt hätte. Ein et­wai­ger Ver­s­toß des Ar­beits­ge­richts wäre aber in der Be­ru­fungs­in­stanz ge­heilt wor­den. Der Kläger hat durch die in der zwei­ten In­stanz vor­be­halt­los be­an­trag­te Zurück­wei­sung der Be­ru­fung und auch durch sei­nen Hilfs­an­trag, der aus­drück­lich von „Fest­stel­lungs­anträgen“ aus­geht, zum Aus­druck ge­bracht, an dem erst­in­stanz­lich even­tu­ell nicht Be­an­trag­ten, aber vom Ge­richt Zu­ge­spro­che­nen fest­hal­ten zu wol­len und durch die dar­in lie­gen­de Ge­neh­mi­gung ei­nen et­wai­gen Ver­s­toß ge­heilt (BAG 28. Fe­bru­ar 2006 - 1 AZR 460/04 - Rn. 15, BA­GE 117, 137, 139; 27. Ok­to­ber 1992 - 1 ABR 17/92 - zu I 2 c der Gründe, AP Be­trVG 1972 § 87 Be­trieb­li­che Lohn­ge­stal­tung Nr. 61 = EzA Be­trVG § 87 Be­trieb­li­che Lohn­ge­stal­tung Nr. 40; 13. Ju­ni 1989 - 1 ABR 4/88 - zu B I 3 der Gründe, BA­GE 62, 100,105; 18. De­zem­ber 1974 - 5 AZR 66/74 - zu 1 c der Gründe, AP BGB § 615 Nr. 30 = EzA BGB § 615 Nr. 27; BGH 20. April 1990 - V ZR 282/88 - zu I 2 der Gründe, BGHZ 111, 158, 161). Die Be­klag­te hat hier­ge­gen zweit­in­stanz­lich kei­ne Ein­wen­dun­gen er­ho­ben.
 


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II. Der An­trag, fest­zu­stel­len, dass „zwi­schen den Par­tei­en die Ar­beits­zeit nach § 2 Abs. 1 des Ge­mein­sa­men Man­tel­ta­rif­ver­trags für Ar­bei­ter und An­ge­stell­te in der wei­ter­ver­ar­bei­ten­den Ei­sen-, Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie des Saar­lan­des An­wen­dung fin­det“ (nach­fol­gend Fest­stel­lungs­an­trag zu 2) er­fasst nur den Zeit­raum ab dem 1. Ju­li 2006 und kann ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts nicht da­hin ge­hend aus­ge­legt wer­den, der Kläger be­geh­re nur noch die Fest­stel­lung für den Zeit­raum bis zum 30. Sep­tem­ber 2007.


1. Der Kläger will nach sei­nem Vor­brin­gen die maßge­ben­de Ar­beits­zeit­re­ge­lung nicht be­reits ab dem 1. April 2005 fest­ge­stellt wis­sen. Des­sen Aus­le­gung er­gibt, dass sich sein Fest­stel­lungs­be­geh­ren le­dig­lich auf die Zeit ab dem 1. Ju­li 2006 be­zieht. Dafür spricht, dass der Kläger mit sei­nem Schrei­ben vom 24. Ok­to­ber 2006 Ent­gelt­ansprüche für die Mo­na­te Ju­li bis ein­sch­ließlich Sep­tem­ber 2006 und da­mit für je­ne Mo­na­te gel­tend ge­macht hat, für die Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis nicht be­reits nach § 33 GMTV ver­fal­len wa­ren. Das hat der Kläger in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Se­nat auch klar­ge­stellt.

2. Der An­trag ist nicht durch ei­ne teil­wei­se Kla­gerück­nah­me in der Be­ru­fungs­in­stanz auf den Zeit­raum bis zum In­kraft­tre­ten des ETV be­schränkt wor­den. Nach sei­nem erst­in­stanz­li­chen Vor­brin­gen woll­te der Kläger die An­wen­dung der Ar­beits­zeit­re­ge­lun­gen in § 2 Abs. 1 GMTV auf sein Ar­beits­verhält­nis fest­ge­stellt wis­sen, oh­ne dass sei­nem An­trag oder Vor­brin­gen ei­ne zeit­li­che Be­schränkung ent­nom­men wer­den kann. Der für ei­ne zeit­li­che Ein­schränkung maßge­ben­de An­lass, das In­kraft­tre­ten des ETV zum 1. Ok­to­ber 2007, war während des erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­rens nicht ab­seh­bar. Späte­re, sich erst in der Be­ru­fungs­in­stanz er­ge­ben­de Umstände, die ei­nen erst­in­stanz­lich zunächst un­be­grenz­ten Fest­stel­lungs­an­trag mögli­cher­wei­se teil­wei­se ge­gen­stands­los wer­den las­sen, können nicht mehr im We­ge der Aus­le­gung zur Be­schränkung ei­nes - ursprüng­lich wei­ter­ge­hen­den - Kla­ge­an­trags berück­sich­tigt wer­den. Hier ist die kla­gen­de Par­tei ge­hal­ten, ent­we­der die - teil­wei­se - Er­le­di­gung der Haupt­sa­che zu erklären oder die Kla­ge - teil­wei­se - zurück zu neh­men. Bei­des ist nicht ge­sche­hen. Ei­ne teil­wei­se Er­le­di­gung kann ins-
 


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be­son­de­re nicht auf­grund der le­dig­lich hilfs­wei­sen Er­le­di­gungs­erklärung des Klägers an­ge­nom­men wer­den. Die­se für ei­nen ganz an­de­ren Fall er­folg­te Erklärung spricht viel­mehr dafür, dass der Kläger den Fest­stel­lungs­an­trag un­verändert auf­recht er­hal­ten woll­te.


B. Die Kla­ge ist nur zum Teil zulässig. Der An­trag, fest­zu­stel­len, dass „die Ände­rung der wöchent­li­chen Ar­beits­zeit gemäß der Ände­rungs­ver­ein­ba­rung vom 10. Fe­bru­ar 2005 un­wirk­sam ist“ (nach­fol­gend Fest­stel­lungs­an­trag zu 1), ist ins­ge­samt un­zulässig. Der wei­te­re Fest­stel­lungs­an­trag zu 2 ist ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Re­vi­si­on teil­wei­se zulässig.

I. Der Fest­stel­lungs­an­trag zu 1 ist un­zulässig.

1. Nach § 256 Abs. 1 ZPO kann Kla­ge auf Fest­stel­lung des Be­ste­hens oder Nicht­be­ste­hens ei­nes Rechts­verhält­nis­ses er­ho­ben wer­den, wenn der Kläger ein recht­li­ches In­ter­es­se dar­an hat, dass das Rechts­verhält­nis durch rich­ter­li­che Ent­schei­dung als­bald fest­ge­stellt wer­de. Ei­ne Fest­stel­lungs­kla­ge kann sich auch auf ein­zel­ne Be­zie­hun­gen oder Fol­gen aus ei­nem Rechts­verhält­nis, auf be­stimm­te Ansprüche oder Ver­pflich­tun­gen oder auf den Um­fang ei­ner Leis­tungs­pflicht be­schränken (st. Rspr., et­wa Se­nat 15. März 2006 - 4 AZR 75/05 - Rn. 15 mwN, BA­GE 117, 248, 251). Bloße Ele­men­te oder Vor­fra­gen ei­nes Rechts­verhält­nis­ses können je­doch eben­so wie abs­trak­te Rechts­fra­gen nicht Ge­gen­stand ei­nes Fest­stel­lungs­an­trags sein. Das lie­fe auf die Er­stel­lung ei­nes Rechts­gut­ach­tens hin­aus, was den Ge­rich­ten ver­wehrt ist (et­wa BAG 3. Mai 2006 - 1 ABR 63/04 - Rn. 19 mwN, AP ArbGG 1979 § 81 Nr. 61; 20. Mai 2008 - 1 ABR 19/07 - Rn. 19, AP Be­trVG 1972 § 81 Nr. 4 = EzA ArbGG 1979 § 81 Nr. 19). Al­lein die Wirk­sam­keit ei­nes Rechts­geschäfts ist da­her kein zulässi­ger Ge­gen­stand ei­ner Fest­stel­lungs­kla­ge (vgl. BGH 29. Sep­tem­ber 1999 - XII ZR 313/98 - zu 1 der Gründe, NJW 2000, 354, 356).

2. Da­nach ist der An­trag un­zulässig. Er ist nicht auf die Fest­stel­lung ei­nes Rechts­verhält­nis­ses ge­rich­tet. Sei­nem In­halt nach will der Kläger fest­ge­stellt wis­sen, dass die Ver­ein­ba­rung vom 10. Fe­bru­ar 2005 un­wirk­sam ist. Da­mit würde aber le­dig­lich ei­ne Vor­fra­ge zu der zwi­schen den Par­tei­en um­strit­te­nen
 


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Fra­ge geklärt, ob die Re­ge­lung über die Ar­beits­zeit nach § 2 Abs. 1 GMTV maßge­bend ist. Ei­ne rechts­kräfti­ge Fest­stel­lung, wel­che Ar­beits­zeit tatsächlich für das Ar­beits­verhält­nis ver­bind­lich ist, würde nicht ge­trof­fen. Für ei­ne nach­fol­gen­de Fest­stel­lungs- oder Leis­tungs­kla­ge würde le­dig­lich über ein Ele­ment als Vor­fra­ge ent­schie­den. Es ist nicht Auf­ga­be der Fest­stel­lungs­kla­ge, Ein­zel-fra­gen ei­nes künf­ti­gen Pro­zes­ses zu klären (et­wa BAG 5. Ok­to­ber 2000 - 1 ABR 52/99 - zu II 2 der Gründe, AP Be­trVG 1972 § 23 Nr. 35 = EzA ZPO § 256 Nr. 54).


Ei­ne Um­deu­tung des un­zulässi­gen An­trags (da­zu BGH 29. Sep­tem­ber 1999 - XII ZR 313/98 - zu 1 der Gründe, NJW 2000, 354, 356) kommt vor­lie­gend nicht in Be­tracht. Sie hätte da­hin zu er­fol­gen, dass die Fest­stel­lung der maßge­ben­den Ar­beits­zeit­re­ge­lung be­gehrt wird. Dies ist aber be­reits In­halt des Fest­stel­lungs­an­trags zu 2. Es kann nicht da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass der Kläger bei Kennt­nis der Un­zulässig­keit des An­trags ei­ne wei­te­re Fest­stel­lungs­kla­ge mit ei­nem iden­ti­schen Streit­ge­gen­stand er­ho­ben hätte.

II. Der Fest­stel­lungs­an­trag zu 2 ist nur teil­wei­se zulässig. Für die Zeit ab dem 1. Ok­to­ber 2007 fehlt das er­for­der­li­che Fest­stel­lungs­in­ter­es­se nach § 256 Abs. 1 ZPO. Für den übri­gen Zeit­raum war der Kläger nicht ge­hal­ten, ei­ne Leis­tungs­kla­ge hin­sicht­lich et­wai­ger Ent­gelt­ansprüche zu er­he­ben. Sch­ließlich steht die Aus­schluss­frist des § 33 GMTV ei­nem Fest­stel­lungs­in­ter­es­se nicht ent­ge­gen.

1. Das für ei­nen Fest­stel­lungs­an­trag er­for­der­li­che be­son­de­re Fest­stel­lungs­in­ter­es­se nach § 256 Abs. 1 ZPO muss als Sa­chur­teils­vor­aus­set­zung in je­der La­ge des Ver­fah­rens, auch noch in der Re­vi­si­ons­in­stanz, ge­ge­ben sein (st. Rspr., zB Se­nat 30. Mai 2001 - 4 AZR 387/00 - zu I 1 a der Gründe, BA­GE 98, 42, 44 f.; BAG 24. Mai 2007 - 6 AZR 706/06 - Rn. 13, BA­GE 122, 371, 378; jew. mwN).

2. Da­nach ist der An­trag nur für den Zeit­raum bis ein­sch­ließlich des 30. Sep­tem­ber 2007 zulässig.
 


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a) Die Kla­ge geht da­hin, die für das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis maßge­ben­de Ar­beits­zeit­re­ge­lung - hier § 2 Abs. 1 GMTV - fest­zu­stel­len. Das Fest­stel­lungs­in­ter­es­se folg­te ursprüng­lich dar­aus, dass die Kla­ge ge­eig­net war, den Streit der Par­tei­en über die für den Kläger maß-ge­ben­de Ar­beits­zeit­re­ge­lung zu be­rei­ni­gen und das Rechts­verhält­nis der Par­tei­en in­so­weit ab­sch­ließend zu klären (vgl. da­zu BAG 5. Ju­ni 2003 - 6 AZR 277/02 - zu I 1 b der Gründe, AP ZPO 1977 § 256 Nr. 81 = EzA ZPO 2002 § 256 Nr. 2).


b) Das Fest­stel­lungs­in­ter­es­se des Klägers ist für den Zeit­raum ab dem 1. Ok­to­ber 2007 ent­fal­len. Zwi­schen den Par­tei­en ist be­reits zum Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Tat­sa­chen­ver­hand­lung nicht mehr um­strit­ten ge­we­sen, dass ab dem 1. Ok­to­ber 2007 die wöchent­li­che Ar­beits­zeit von 38 St­un­den nach § 2 Satz 1 ETV maßge­bend ist, wie der Kläger in der Re­vi­si­ons­in­stanz bestätigt hat. Da­nach ist die maßge­ben­de Ar­beits­zeit­re­ge­lung al­lein für die Zeit bis zum 30. Sep­tem­ber 2007 klärungs­bedürf­tig.

c) Der Kläger war an­de­rer­seits ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Re­vi­si­on nicht ge­hal­ten, für den in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den Zeit­raum vom 1. Ju­li 2006 bis zum 30. Sep­tem­ber 2007 ei­ne Leis­tungs­kla­ge zu er­he­ben. In­so­weit bleibt sein Fest­stel­lungs­in­ter­es­se be­ste­hen. Der mit dem Grund­satz der Pro­zess­wirt­schaft­lich­keit be­gründe­te Vor­rang der Leis­tungs­kla­ge steht dem nicht ent­ge­gen. Die Möglich­keit der Leis­tungs­kla­ge schließt das Fest­stel­lungs­in­ter­es­se nicht schlecht­hin aus (s. be­reits BAG 12. Ok­to­ber 1961 - 5 AZR 294/60 - zu II der Gründe, BA­GE 11, 312, 314). Da der Kläger zunächst ei­ne nach § 256 Abs. 1 ZPO zulässi­ge Fest­stel­lungs­kla­ge er­ho­ben hat­te, war er nicht ver­pflich­tet, auf­grund ei­nes „über­ho­len­den Er­eig­nis­ses“, hier des im Ver­lauf der Be­ru­fungs­in­stanz in Kraft ge­tre­te­nen ETV, zur Leis­tungs­kla­ge über­zu­ge­hen (st. Rspr., et­wa BAG 13. März 2007 - 9 AZR 494/06 - Rn. 12, AP BBiG § 14 Nr. 13 = EzA BBiG § 14 Nr. 14; 18. März 1997 - 9 AZR 84/96 - zu I 1 der Gründe mwN, BA­GE 85, 306, 308).


d) Dem Fest­stel­lungs­in­ter­es­se steht schließlich die Aus­schluss­frist nach § 33 GMTV nicht ent­ge­gen. Der Kläger hat sei­ne Ansprüche für die Mo­na­te Ju­li


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bis ein­sch­ließlich Sep­tem­ber 2006 recht­zei­tig gel­tend ge­macht. Hin­sicht­lich et­wai­ger Ent­gelt­ansprüche für die fol­gen­den Mo­na­te hat die Be­klag­te durch ih­re Erklärung in der Güte­ver­hand­lung vor dem Ar­beits­ge­richt am 8. Ja­nu­ar 2007 in zulässi­ger Wei­se auf die Wah­rung der Aus­schluss­fris­ten ver­zich­tet.


C. Der da­nach teil­wei­se zulässi­ge Fest­stel­lungs­an­trag zu 2 ist in­so­weit auch be­gründet. Die für den Kläger im Zeit­raum vom 1. Ju­li 2006 bis ein­sch­ließlich des 30. Sep­tem­ber 2007 maßge­ben­de Ar­beits­zeit be­stimmt sich nach § 2 GMTV. Der GMTV fand bis zum 31. De­zem­ber 2005 un­mit­tel­bar und zwin­gend auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en An­wen­dung. Auch nach­dem der GMTV iSd. § 3 Abs. 3 TVG mit Ab­lauf des 31. De­zem­ber 2005 en­de­te, wirk­te er nicht gemäß § 4 Abs. 5 TVG im Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en nach. Die Re­ge­lun­gen über die Ar­beits­zeit sind durch die Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en vom 10. Fe­bru­ar 2005 we­der mit Wir­kung zum 10. April 2005 noch zum 1. Ja­nu­ar 2006 er­setzt wor­den. Die nach­wir­ken­den Re­ge­lun­gen des GMTV wur­den erst mit In­kraft­tre­ten des ETV zum 1. Ok­to­ber 2007 er­setzt.

I. Die Ar­beits­zeit des Klägers rich­te­te sich bis zum Ver­bands­aus­tritt nach § 4 Abs. 1 TVG kraft bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­bin­dung un­mit­tel­bar und zwin­gend nach § 2 Abs. 1 GMTV. Da­von ge­hen auch die Par­tei­en übe­rein­stim­mend aus.

II. Nach dem Ver­bands­aus­tritt der Be­klag­ten mit Wir­kung zum 25. Sep­tem­ber 2004 blieb de­ren Bin­dung an den GMTV so­lan­ge be­ste­hen, bis der GMTV gemäß § 3 Abs. 3 TVG mit Ab­lauf des Jah­res 2005 en­de­te.

1. Für die Be­klag­te galt der GMTV nach ih­rem Ver­bands­aus­tritt kraft Nach­bin­dung bis zu sei­nem En­de nach § 3 Abs. 3 TVG wei­ter. Der Um­stand, dass der GMTV nach dem Aus­tritt nach § 35 Abs. 3 GMTV erst­mals zum 30. No­vem­ber 2004 künd­bar war, führ­te ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Re­vi­si­on nicht zu ei­ner Be­en­di­gung der Nach­bin­dung be­reits zu die­sem Zeit­punkt.

Der in der Li­te­ra­tur ver­tre­te­nen Auf­fas­sung, nach der die Nach­bin­dung bei un­be­fris­te­ten, aber künd­ba­ren Ta­rif­verträgen nur bis zu dem auf den Aus­tritt fol­gen­den nächs­ten Kündi­gungs­ter­min be­steht (Bau­er FS Schaub 1998 S. 19, 24; Be­at­hal­ter Ein­sei­ti­ge Ge­stal­tungsmöglich­kei­ten der Ar­beit­ge­ber­sei­te zur

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Ein­wir­kung auf Ge­samt­ver­ein­ba­run­gen im Rah­men wirt­schaft­li­cher Kri­sen 1999 S. 370; Dah­l­ben­der Der Aus­tritt des Ar­beit­ge­bers aus sei­nem Ver­band zwecks Loslösung von Ta­rif­verträgen Dis­ser­ta­ti­on 1995 S. 58; ErfK/Fran­zen § 3 TVG Rn. 27; Fries­ges DB 1996, 1281; Go­ris­sen Der Ar­beit­ge­ber­ver­bands­wech­sel 1999 S. 31 ff.; Ha­nau RdA 1996, 1281; ders. RdA 1998, 65, 68; ders. DB 1993, 1085, 1086; Lieb NZA 1994, 337; Wal­ker ZfA 1996, 353, 380 f.; ähn­lich Kühnel Zeit­li­che Gren­zen der gemäß § 3 Abs. 3 TVG fort­be­ste­hen­den Ta­rif­ge­bun­den-heit beim Ver­bands­aus­tritt des Ar­beits­ge­bers 2008 S. 189: Kündi­gungsmöglich­keit des Ar­beit­ge­bers nach den im Ta­rif­ver­trag vor­ge­se­he­nen Möglich­kei­ten) und auf die sich die Re­vi­si­on be­zieht, oder der Rechts­mei­nung, der­zu­fol­ge ori­en­tiert an § 613a Abs. 1 Satz 2 BGB die Nach­bin­dung nach ei­nem Jahr ent­fal­len soll (Löwisch/Rieb­le TVG 2. Aufl. § 3 Rn. 93; Rieb­le Ar­beits­markt und Wett­be­werb Rn. 1555; Be­ckOK/Gie­sen TVG § 3 Rn. 24; le­dig­lich de le­ge fe­ren­da Kon­zen NZA 1995, 913, 920), folgt der Se­nat im Hin­blick auf den ein­deu­ti­gen Wort­laut von § 3 Abs. 3 TVG nicht. Ge­gen die Nach­bin­dung der Be­klag­ten bis zum En­de des Jah­res 2005 be­ste­hen ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Re­vi­si­on auch kei­ne ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­den­ken.


a) § 3 Abs. 3 TVG be­stimmt die Rechts­fol­gen beim Weg­fall der Ta­rif­ge­bun­den­heit nach § 3 Abs. 1 TVG durch die Be­en­di­gung der Mit­glied­schaft in ei­ner Ta­rif­ver­trags­par­tei. Die un­mit­tel­ba­re und zwin­gen­de Rechts­wir­kung ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges, die gem. § 3 Abs. 1, § 4 Abs. 1 Satz 1 TVG aus der Mit­glied­schaft in ei­ner Ta­rif­ver­trags­par­tei folgt, soll nicht durch ei­ne ein­sei­ti­ge Maßnah­me wie den Ver­bands­aus­tritt be­sei­tigt wer­den können (Se­nat 15. Ok­to­ber 1986 - 4 AZR 289/85 - mwN, BA­GE 53, 179, 183). Ein Ar­beit­ge­ber soll sich da­mit nicht ein­sei­tig von sei­nen auf­grund sei­ner Ver­bands­mit­glied­schaft ent­stan­de­nen ta­rif­li­chen Pflich­ten durch Ver­bands­aus­tritt lösen können (Se­nat 2. De­zem­ber 1992 - 4 AZR 277/92 - zu III 3 a der Gründe, BA­GE 72, 48, 58). Ei­ne Be­gren­zung der Nach­bin­dung auf die ers­te Kündi­gungsmöglich­keit nach dem Ver­bands­aus­tritt oder auf die Dau­er ei­nes Jah­res un­ter Her­an­zie­hung des Rechts­ge­dan­kens von § 613a Abs. 1 Satz 2 BGB lie­fe dem Schutz­zweck der Vor­schrift zu­wi­der, die ge­ra­de da­zu dient, die Ta­rif­ge­bun­den­heit bis zum En­de des Ta­rif­ver­trags auf­recht­zu­er­hal­ten (Bruns­sen Der Ar­beit­ge­ber­ver­bands-
 


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wech­sel 2000 S. 86; Bie­back DB 1989, 477, 478; Buch­ner Ta­rif­ver­trags­ge­setz und Ko­ali­ti­ons­frei­heit 1964 S. 86 ff.; ders. RdA 1997, 259, 260; Däubler NZA 1996, 225, 226; Däubler/Lo­renz TVG 2. Aufl. § 3 Rn. 113; Ger­hards BB 1995, 1290, 1291; Hens­s­ler ZfA 1994, 487, 514; Schaub BB 1994, 2005, 2006; Hoß/Liebs­cher DB 1995, 2525, 2526; HWK/Hens­s­ler 3. Aufl. § 3 TVG Rn. 44; Kem­pen/Za­chert/Kem­pen TVG 4. Aufl. § 3 Rn. 59; St­ein Ta­rif­ver­trags­recht Rn. 173; Wie­de­mann/Oet­ker TVG 7. Aufl. § 3 Rn. 89 mwN; Za­chert Anm. AP TVG § 3 Ver­bands­aus­tritt Nr. 8).


b) Durch die Nach­bin­dung nach § 3 Abs. 3 TVG wird nicht un­mit­tel­bar in die ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit der Be­klag­ten ein­ge­grif­fen.


(1) Art. 9 Abs. 3 GG gewähr­leis­tet als in­di­vi­du­el­les Frei­heits­recht das Recht des Ein­zel­nen, ei­ne Ko­ali­ti­on zu gründen, ei­ner Ko­ali­ti­on bei­zu­tre­ten oder ihr fern­zu­blei­ben oder aus ihr aus­zu­tre­ten, so­wie das Recht, durch ko­ali­ti­onsmäßige Betäti­gung die in der Ver­fas­sungs­vor­schrift ge­nann­ten Zwe­cke zu ver­fol­gen. Ele­men­te der Gewähr­leis­tung der Ko­ali­ti­ons­frei­heit sind dem­nach ins­be­son­de­re die Gründungs- und Bei­tritts­frei­heit, die Frei­heit des Aus­tritts und des Fern­blei­bens. Vor­aus­set­zung für ei­ne Ver­let­zung der ne­ga­ti­ven Ko­ali­ti­ons­frei­heit wäre, dass ein Zwang oder Druck auf die nicht Or­ga­ni­sier­ten aus­geübt wird, ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on bei­zu­tre­ten. Da­bei steht bei­spiels­wei­se die ge­setz­li­che Re­ge­lung über die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung von ta­rif­li­chen In­halts­nor­men der ne­ga­ti­ven Ko­ali­ti­ons­frei­heit nicht ent­ge­gen. Die Frei­heit, sich ei­ner an­de­ren als der ver­trags­sch­ließen­den oder kei­ner Ko­ali­ti­on an­zu­sch­ließen, wird durch die­se ge­setz­li­che Re­ge­lung nicht be­ein­träch­tigt, Zwang oder Druck in Rich­tung auf ei­ne Mit­glied­schaft wer­den nicht aus­geübt. Da­bei ist ins­be­son­de­re bei für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärten Ta­rif­verträgen da­von aus­zu­ge­hen, dass das in­di­vi­du­el­le Grund­recht des Ein­zel­nen, zur Wah­rung und zur Förde­rung der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen Ver­ei­ni­gun­gen zu bil­den und an der ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Tätig­keit sei­ner Ko­ali­ti­on teil­zu­neh­men, nicht ge­ne­rell da­durch ver­letzt wird, dass für ein Ar­beits­verhält­nis, an dem er be­tei­ligt ist, sol­che In­halts­re­ge­lun­gen gel­ten, die von ihm frem­den Verbänden aus­ge­han­delt wor­den sind (s. nur BVerfG 3. Ju­li 2000 - 1 BvR 945/00 - zu II 2 a der

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Gründe, AP TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 36 = EzA TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 29, mwN zur ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung).


(2) Da­nach wird die ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit der Be­klag­ten durch die An­wen­dung von § 3 Abs. 3 TVG nicht un­mit­tel­bar berührt. Die Be­klag­te ist mit Wir­kung zum 24. Sep­tem­ber 2005 aus dem VME aus­ge­schie­den und konn­te so ihr Grund­recht der ne­ga­ti­ven Ko­ali­ti­ons­frei­heit ausüben.


c) Die ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit der Be­klag­ten könn­te al­len­falls mit­tel­bar da­durch be­trof­fen sein, dass sie sich von dem Ver­band gelöst hat, die von die­sem aus­ge­han­del­ten Ta­rif­verträge für sie aber nach wie vor noch un­mit­tel­bar und zwin­gend gel­ten. Zwar können im Sta­di­um der Nach­bin­dung an­ders als bei der Nach­wir­kung ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges nach § 4 Abs. 5 TVG die zwin­gend und un­mit­tel­bar gel­ten­den Ta­rif­ver­trags­be­stim­mun­gen, wel­che oh­ne­hin nur für be­reits be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis­se gel­ten, nicht je­der­zeit durch ein­zel­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen er­setzt wer­den. Dies führt aber vor­lie­gend nicht zu ei­ner Ver­let­zung des Grund­rechts der Be­klag­ten nach Art. 9 Abs. 3 GG.


aa) Das Grund­recht der ne­ga­ti­ven Ko­ali­ti­ons­frei­heit schützt be­reits nicht da­ge­gen, dass der Ge­setz­ge­ber die Er­geb­nis­se von Ko­ali­ti­ons­ver­ein­ba­run­gen zum An­knüpfungs­punkt ge­setz­li­cher Re­ge­lun­gen nimmt, wie es bei der vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für ver­fas­sungs­recht­lich zulässig an­ge­se­he­nen All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung von Ta­rif­verträgen ge­schieht (BVerfG 24. Mai 1977 - 2 BvL 11/74 - zu un­ter B II 1 b bb der Gründe, BVerfGE 44, 322, 341). Des­halb wird selbst dann, wenn je­mand den Ver­ein­ba­run­gen frem­der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en un­ter­wor­fen wird, ein spe­zi­fisch ko­ali­ti­ons­recht­li­cher As­pekt nicht be­trof­fen (BVerfG 11. Ju­li 2006 - 1 BvL 4/00 - zu C II 1 a bb der Gründe, BVerfGE 116, 202, 218).

bb) Vor­lie­gend geht es al­lein dar­um, das Ver­bands­mit­glied, wel­ches sich zum Aus­tritt ent­schlos­sen hat, ge­genüber den­je­ni­gen Ver­trags­part­nern an der al­ten ta­rif­ver­trag­li­chen Re­ge­lung fest­zu­hal­ten, ge­genüber de­nen sie vor­mals kraft Ta­rif­ge­bun­den­heit ge­gol­ten hat, bis ei­ne neue Ab­ma­chung ge­trof­fen wird
 


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(da­zu BVerfG 3. Ju­li 2000 - 1 BvR 945/00 - zu II 2 b der Gründe, AP TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 36 = EzA TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 29).


(1) Da­bei ist - an­ders als bei ei­ner All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung - zu berück­sich­ti­gen, dass der Ar­beit­ge­ber sei­ne Bin­dung an die von dem Ar­beit-ge­ber­ver­band ver­ein­bar­ten Ta­rif­verträge durch sei­nen Bei­tritt zu die­sem in Ausübung der ihm zu­ste­hen­den Ko­ali­ti­ons­frei­heit ge­ra­de selbst her­bei­geführt hat. Die Fort­gel­tung der Bin­dung an den Ta­rif­ver­trag ist durch die frühe­re Mit­glied­schaft des Ar­beit­ge­bers im Ar­beit­ge­ber­ver­band le­gi­ti­miert (BAG 7. No­vem­ber 2001 - 4 AZR 703/00 - zu 1 c dd [1] der Gründe, BA­GE 99, 283, 287). Mit dem Ein­tritt in den Ar­beit­ge­ber­ver­band ak­zep­tiert der Ar­beit­ge­ber auch den In­halt der zum Zeit­punkt sei­nes Ein­tritts be­ste­hen­den Ta­rif­verträge und erklärt sich darüber hin­aus da­mit ein­ver­stan­den, dass der Ar­beit­ge­ber­ver­band auch für ihn, den Ar­beit­ge­ber, ver­bind­li­che Ta­rif­verträge ein­sch­ließlich der je­wei­li­gen Lauf­zei­ten und ei­nem et­wai­gen für den Ver­band be­ste­hen­den Kündi­gungs­er­for­der­nis ab­sch­ließt. Des­halb er­fasst die mit­glied­schaft­li­che Le­gi­ti­ma­ti­on not­wen­di­ger­wei­se auch den Ta­rif­ver­trag ein­sch­ließlich sei­ner zeit­li­chen As­pek­te, al­so sei­ner Lauf­zeit (Büden­be­n­der NZA 2000, 509, 516; eben­so Bay­reu­ther Ta­rif­au­to­no­mie als kol­lek­tiv aus­geübte Pri­vat­au­to­no­mie 2006 S. 727; Däubler NZA 1996, 225, 226; Schaub BB 1994, 2005, 2006; Gaul NZA 1995, 717, 719; Schlach­ter ZIAS 1997, 101, 112; Fe­ger AiB 1995, 490, 493; Kem­pen/Za­chert/Kem­pen TVG 4. Aufl. § 3 Rn. 65; Moll Ta­rif­aus­stieg der Ar­beit­ge­ber­sei­te: Mit­glied­schaft im Ar­beit­ge­ber­ver­band „Oh­ne Ta­rif­bin­dung“ 2000 S. 90; Me­lot de Beau­re­gard Mit­glied­schaft in Ar­beit­ge­ber­verbänden und Ta­rif­bin­dung 2002 S. 58; Win­zer Be­ein­flus­sung der Ta­rif­gel­tung durch den Ar­beit­ge­ber 2002 S. 71 f.). Die Nach­bin­dung ist der „Preis für ei­ne frei­wil­li­ge Bin­dung an die Ko­ali­ti­on“ (s. be­reits Kon­zen ZfA 1974, 401, 408 f. mwN in Fn. 40 zur frühe­ren Dis­kus­si­on; ähn­lich auch Buch­ner Ta­rif­ver­trags­ge­setz und Ko­ali­ti­ons­frei­heit Dis­ser­ta­ti­on 1964, S. 86 f.). Sie be­wirkt auch al­len­falls ei­nen un­er­heb­li­chen mit­tel­ba­ren An­reiz auf Un­ter­las­sen des Aus­tritts oder auf ei­nen Wie­der­ein­tritt, weil je­den­falls neue Ta­rif­verträge für das aus­ge­tre­te­ne Mit­glied in je­dem Fall nicht mehr gel­ten (Bay­reu­ther aaO S. 727).
 


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(2) Sch­ließlich be­steht für das aus­ge­tre­ten Ver­bands­mit­glied ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Re­vi­si­on die Möglich­keit, die Nach­bin­dung zu be­en­den, und zwar durch den Ab­schluss ei­nes Fir­men­ta­rif­ver­trags mit der Ge­werk­schaft, die auch den Ver­bands­ta­rif­ver­trag ge­schlos­sen hat (zur Op­ti­on des Fir­men­ta­rif­ver­trags s. auch BVerfG 29. De­zem­ber 2004 - 1 BvR 2283/03 ua. - AP AEntG § 3 Nr. 2 = EzAÜG GG Nr. 7). Ein sol­cher Fir­men­ta­rif­ver­trag ver­drängt die - an sich nach wie vor nach § 3 Abs. 3 TVG wei­ter­gel­ten­den - Nor­men des Ver­bands­ta­rif­ver­trags auch dann, wenn er die Re­ge­lun­gen der Ver­bands­ta­rif­verträge zu Las­ten der Ar­beit­neh­mer abändert (BAG 4. April 2001 - 4 AZR 237/00 - zu II 1 d der Gründe mwN, BA­GE 97, 263, 269). Dass dies auch in der Ta­rif­ver­trags­pra­xis möglich ist, zeigt der vor­lie­gen­de Fall. Von dem durch das Ta­rif­ver­trags­ge­setz vor­ge­se­he­nen Mit­tel ei­nes Fir­men­ta­rif­ver­tra­ges hat die Be­klag­te vor­lie­gend Ge­brauch ge­macht und ei­ne Ab­sen­kung des Ni­veaus des Ver­bands­ta­rif­ver­tra­ges hin­sicht­lich der Ar­beits­zei­ten er­reicht.


(3) Ob ein an­de­res dann gel­ten könn­te, wenn - wie die Re­vi­si­on es anführt - Lauf­zei­ten in der Ab­sicht ei­ner un­bil­li­gen Be­nach­tei­li­gung nach­fol­gend even­tu­ell aus­schei­den­der Ver­bands­mit­glie­der fest­ge­legt wer­den oder al­lein aus die­sem Grund die Kündi­gung durch die Par­tei­en des Ver­bands­ta­rif­ver­trags be­wusst un­ter­bleibt, ist so­wohl an­ge­sichts der Lauf­zeit und der an­sch­ließen­den Kündi­gungsmöglich­kei­ten als auch der hier vor­lie­gen­den Be­en­di­gung des GMTV zum 1. Ja­nu­ar 2006 nicht zu ent­schei­den. Ei­ne sol­che hy­po­the­ti­sche Fall­ge­stal­tung würde sich zu­dem nicht bei der Be­ur­tei­lung der Ver­fas­sungsmäßig­keit des § 3 Abs. 3 TVG aus­wir­ken, son­dern wäre un­ter dem Ge­sichts­punkt des rechts­miss­bräuch­li­chen Ver­hal­tens im Ein­zel­fall zu un­ter­neh­men.


cc) Darüber hin­aus ist der Ge­setz­ge­ber be­fugt, die Ord­nungs­funk­ti­on der Ta­rif­verträge zu un­terstützen, in­dem er Re­ge­lun­gen schafft, die be­wir­ken, dass die von den Ta­rif­par­tei­en aus­ge­han­del­ten Löhne und Gehälter auch für Nicht­ver­bands­mit­glie­der zur An­wen­dung kom­men und da­mit die von Art. 9 Abs. 3 GG in­ten­dier­te, im öffent­li­chen In­ter­es­se lie­gen­de au­to­no­me Ord­nung des Ar­beits­le­bens durch Ko­ali­tio­nen abstützen (BVerfG 20. März 2007 - 1 BvR 1047/05 - zu IV 2 b bb (1) (b) der Gründe mwN zur ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen
 


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Recht­spre­chung, BVerfGK 10, 450, 459; s. auch Schu­bert RdA 2001, 200, 204). Eben­so wie der Ge­setz­ge­ber ei­nen Ta­rif­ver­trag für all­ge­mein­ver­bind­lich erklären kann, oh­ne da­mit ge­gen die Ver­fas­sung zu ver­s­toßen (BVerfG 24. Mai 1977 - 2 BvL 11/74 - zu B II 1 b bb der Gründe, BVerfGE 44, 322, 341), kann er aus den vor­ge­nann­ten Gründen die Fort­dau­er der ein­mal wirk­sam durch Ver­bands­mit­glied­schaft be­gründe­ten Ta­rif­bin­dung über das En­de der Mit­glied­schaft hin­aus bis zum Ab­lauf des Ta­rif­ver­tra­ges an­ord­nen (BAG 4. Au­gust 1993 - 4 AZR 499/92 - zu I 2 c der Gründe, BA­GE 74, 41, 44).

Hierfür spricht auch die Funk­ti­on der Ta­rif­au­to­no­mie. Sie ist dar­auf an­ge­legt, die struk­tu­rel­le Un­ter­le­gen­heit der ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer beim Ab­schluss von Ar­beits­verträgen durch kol­lek­ti­ves Han­deln aus­zu­glei­chen und da­mit ein annähernd gleich­ge­wich­ti­ges Aus­han­deln der Löhne und Ar­beits­be­din­gun­gen zu ermögli­chen (BVerfG 26. Ju­ni 1991 - 1 BvR 779/85 - zu C I 3b aa der Gründe, BVerfGE 84, 212, 229; 4. Ju­li 1995 - 1 BvF 2/86 ua. - zu C I 1c der Gründe, BVerfGE 92, 365, 395). Die in Art. 9 Abs. 3 GG ver­fas­sungs-recht­lich ver­an­ker­te Ta­rif­au­to­no­mie ver­folgt den im öffent­li­chen In­ter­es­se lie­gen­den Zweck, dem von der staat­li­chen Recht­set­zung aus­ge­spar­ten Raum des Ar­beits­le­bens im ein­zel­nen durch Ta­rif­verträge au­to­nom zu re­geln (BVerfG 24. Mai 1977 - 2 BvL 11/74 - zu B II 1 b bb der Gründe, BVerfGE 44, 322, 341; grdl., al­ler­dings noch un­ter Ver­wen­dung des Be­grif­fes der „sinn­vol­len“ Ord­nung BVerfG 18. No­vem­ber 1954 - BvR 629/52 - zu C 2 b bb der Gründe, BVerfGE 4, 96, 107; wei­ter­hin et­wa BVerfG 1. März 1979 - 1 BvR 532/77 ua. - zu C IV 1, 2 b cc der Gründe, BVerfGE 50, 290, 367, 372; 20. Ok­to­ber 1981 - 1 BvR 404/78 - zu B I der Gründe BVerfGE 58, 233, 247; 2. März 1993 - 1 BvR 1213/85 - zu C II 1 der Gründe, BVerfGE 88, 103, 114).

Die­se au­to­no­me Re­ge­lung durch Ta­rif­verträge würde er­schwert, wenn der Ab­schluss und die Gel­tung von Ta­rif­verträgen durch je­der­zeit mögli­che Ver­bands­aus­trit­te und ei­nen da­mit ver­bun­de­nen kurz­fris­ti­gen Weg­fall der un­mit­tel­ba­ren und zwin­gen­den Wir­kung der Ta­rif­verträge möglich wäre. Die Re­ge­lung in § 3 Abs. 3 TVG dient ei­nem funk­ti­onsfähi­gen Ta­rif­ver­trags­sys­tem (Kem­pen/Za­chert/Kem­pen TVG 4. Aufl. § 3 Rn. 64; Bay­reu­ther aaO S. 729; da­zu be­reits Scholz Ko­ali­ti­ons­frei­heit als Ver­fas­sungs­pro­blem 1971 S. 270;
 


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ders. FS Müller 1981 S. 509, 514). Der Ge­stal­tungs­auf­trag der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en wird durch § 3 Abs. 3 TVG, der ei­ne Flucht aus dem Ta­rif­ver­trag ver­hin­dern soll, ge­si­chert (BAG 7. No­vem­ber 2001 - 4 AZR 703/00 - zu 1 c dd [1] der Gründe, BA­GE 99, 283, 287).


dd) Ein an­de­res er­gibt sich ent­ge­gen der Rechts­auf­fas­sung der Be­klag­ten nicht aus den un­ter­schied­li­chen Möglich­kei­ten, die Nach­bin­dung nach § 3 Abs. 3 TVG ei­ner­seits und die Nach­wir­kung nach § 4 Abs. 5 TVG an­de­rer­seits zu be­en­den. § 3 Abs. 3 TVG und § 4 Abs. 5 TVG ha­ben un­ter­schied­li­che Zwe­cke, wie es das Lan­des­ar­beits­ge­richt un­ter Hin­weis auf die Recht­spre­chung des Se­nats (15. Ok­to­ber 2003 - 4 AZR 573/02 - zu I 3 a der Gründe, BA­GE 108, 114, 118) zu­tref­fend aus­geführt hat.

2. Der GMTV en­de­te im Sin­ne des § 3 Abs. 3 TVG mit der in § 37 Abs. 1 MTV vor­ge­se­he­nen Gel­tung ab dem 1. Ja­nu­ar 2006. Denn ab die­sem Da­tum galt der GMTV für die ver­bands­an­gehöri­gen Ar­beit­ge­ber des VME nicht mehr zwin­gend. Sie konn­ten nun­mehr das ERA in ih­ren Be­trie­ben einführen, was zur Fol­ge hat­te, dass nach § 38 Abs. 1 MTV die­ser Ta­rif­ver­trag un­mit­tel­bar und zwin­gend gilt. Das führt zur „Be­en­di­gung“ des GMTV iSd. § 3 Abs. 3 TVG.

a) Die Ge­bun­den­heit an den Ta­rif­ver­trag en­det für das nicht mehr ta­rif­ge­bun­de­ne vor­ma­li­ge Ver­bands­mit­glied mit des­sen En­de. Nach ständi­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts steht dem En­de je­de Ände­rung des Ta­rif­ver­tra­ges gleich. Das er­gibt sich aus der für die geänder­ten Ta­rif­nor­men nun­mehr feh­len­den mit­glied­schaft­li­chen Le­gi­ti­ma­ti­on des Ver­bands­han­delns für das ehe­ma­li­ge Mit­glied (Se­nat 7. No­vem­ber 2001 - 4 AZR 703/00 - zu 1 c dd [1] der Gründe, BA­GE 99, 283, 286 ff.; 25. Fe­bru­ar 2009 - 4 AZR 986/07 - zu B II 2 der Gründe).


Für ei­ne Be­en­di­gung durch Ände­rung ist es nicht er­for­der­lich, dass sich die Ände­rung un­mit­tel­bar in der Ände­rung ei­ner Norm des frag­li­chen Ta­rif­ver­trags selbst aus­drückt. Aus Sinn und Zweck der Re­ge­lung er­gibt sich, dass dies für je­de - hier: den Ar­beit­ge­ber be­tref­fen­de - Ände­rung der durch den frag­li­chen Ta­rif­ver­trag nor­mier­ten ma­te­ri­el­len Rechts­la­ge gilt, die von den­sel­ben Ta­rif­ver-
 


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trags­par­tei­en ver­ein­bart wird. Ne­ben dem Ge­sichts­punkt der feh­len­den mit­glied­schaft­li­chen Le­gi­ti­ma­ti­on er­gibt sich das dar­aus, dass ein Ar­beit­ge­ber, der aus ei­nem Ver­band aus­ge­tre­ten ist, nicht mehr zwin­gend an Ta­rif­nor­men ge­bun­den sein kann, die für die mit ihm kon­kur­rie­ren­den, im Ver­band ver­blie­be­nen Ar­beit­ge­ber nicht mehr in der glei­chen Form gel­ten. Ei­ne der­ar­ti­ge Ände­rung der ma­te­ri­el­len Rechts­la­ge wird sich häufig in ei­ner Ände­rung der Ta­rif­ver­trags­norm selbst aus­drücken. Sie kann aber auch in der Ver­ein­ba­rung ei­ner neu­en Ta­rif­norm lie­gen, die in ei­nem ge­son­der­ten Ta­rif­ver­trag ver­ein­bart wor­den ist (Se­nat 25. Fe­bru­ar 2009 - 4 AZR 986/07 - zu B II 2 der Gründe).


b) Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen hier vor. Die ma­te­ri­el­le Rechts­la­ge in Be­zug auf den zum Zeit­punkt des Ver­bands­aus­tritts der Be­klag­ten gel­ten­den GMTV wur­de durch den MTV mit Wir­kung zum 1. Ja­nu­ar 2006 geändert.

Die­ser Ta­rif­ver­trag ermöglicht nach § 38 Abs. 1 MTV iVm. § 13 Abs. 1 ERA die Ablösung des GMTV zum 1. Ja­nu­ar 2006. Ab die­sem Zeit­punkt kann nach § 13 Abs. 1 ERA das Ent­gelt­rah­men­ab­kom­men in den vom ERA er­fass­ten Be­trie­ben ein­geführt wer­den. Die­se Einführung hat zur Fol­ge, dass nach § 38 Abs. 1 MTV der Man­tel­ta­rif­ver­trag ab die­sem Zeit­punkt un­mit­tel­bar und zwin­gend gilt und zu­gleich der GMTV sei­ne Wir­kung ver­liert. Dass die Einführung des ERA nach § 13 Abs. 1 ERA bis zum 31. De­zem­ber 2008 zunächst nur frei­wil­lig er­folgt, ändert am Er­geb­nis nichts. Der MTV verändert die zwin­gen­de Wir­kung des GMTV zum 1. Ja­nu­ar 2006 und schafft in­so­weit ei­ne neue ma­te­ri­ell-recht­li­che La­ge. Das führt zur Be­en­di­gung des MTV iSd. § 3 Abs. 3 TVG.


3. Mit dem En­de des GMTV mit Ab­lauf des 31. De­zem­ber 2005 en­de­te zwar nach § 3 Abs. 3 TVG auch die Ge­bun­den­heit der Be­klag­ten an die­sen Ta­rif­ver­trag. Die in ihm ent­hal­te­nen Nor­men wirk­ten nicht mehr zwin­gend auf die von ihm bis da­hin er­fass­ten Ar­beits­verhält­nis­se der Be­klag­ten ein. Das gilt nicht nur für die geänder­ten Nor­men des Ta­rif­ver­tra­ges, son­dern be­trifft auch des­sen un­veränder­te Re­ge­lun­gen (zB Se­nat 7. No­vem­ber 2001 - 4 AZR 703/00 - zu 1 c bb der Gründe, BA­GE 99, 283, 287).

Die Be­stim­mun­gen des GMTV gal­ten ab die­sem Zeit­punkt bis zum In­kraft­tre­ten des ETV am 1. Ok­to­ber 2007 im We­ge der Nach­wir­kung gemäß § 4
 


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Abs. 5 TVG aber nach wie vor un­mit­tel­bar für die Par­tei­en. Bei ei­nem Ver­bands­aus­tritt schließt sich die Nach­wir­kung nach § 4 Abs. 5 TVG an das En­de der Ta­rif­ge­bun­den­heit nach § 3 Abs. 3 TVG an (Se­nat 23. Fe­bru­ar 2005 - 4 AZR 186/04 - AP TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 42 = EzA TVG § 3 Ver­bands­aus­tritt Nr. 2; 18. März 1992 - 4 AZR 339/91 - AP TVG § 3 Nr. 13 = EzA TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 14; 17. Mai 2000 - 4 AZR 363/99 - zu I 4 a der Gründe, BA­GE 94, 367, 377; 4. April 2001 - 4 AZR 215/00 - zu I 3 der Gründe, AP TVG § 3 Ver­bands­aus­tritt Nr. 9 = EzA TVG § 3 Nr. 21). Die ge­gen die­se Recht­spre­chung er­ho­be­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­den­ken hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zurück­ge­wie­sen (BVerfG 3. Ju­li 2000 - 1 BvR 945/00 - zu II 2 b der Gründe, AP TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 36 = EzA TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 29).


4. Die Nach­wir­kung und da­mit die für den Kläger maßge­ben­de Ar­beits­zeit­re­ge­lung gemäß § 2 Abs. 1 GMTV en­de­te mit Ab­lauf des 30. Sep­tem­ber 2007. Ab dem 1. Ok­to­ber 2007 gal­ten die Ar­beits­zeit­re­ge­lun­gen des ETV für das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis nach § 3 Abs. 1, § 4 Abs. 1 TVG un­mit­tel­bar und zwin­gend. Da­von ge­hen auch die Par­tei­en aus.

5. Ein an­de­res folgt für den streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum nicht aus der zwi­schen den Par­tei­en am 10. Fe­bru­ar 2005 ge­schlos­se­nen Ver­ein­ba­rung.


a) Während der Nach­bin­dung der Be­klag­ten an den GMTV bis zum 31. De­zem­ber 2005 konn­ten die Par­tei­en nach § 4 Abs. 3 TVG kei­ne zu Un­guns­ten des Klägers von § 2 Abs. 2 GMTV ab­wei­chen­de Ver­ein­ba­rung tref­fen. Die Erhöhung der wöchent­li­chen Ar­beits­zeit oh­ne ein dem § 2 Abs. 1 Satz 4 GMTV ent­spre­chen­des höhe­res Ent­gelt stellt kei­ne ge­genüber dem GMTV güns­ti­ge­re Re­ge­lung für den Kläger dar.


Nach § 4 Abs. 3 TVG sind während der zwin­gen­den Gel­tung ei­nes Ta­rif­ver­trags ab­wei­chen­de Ab­ma­chun­gen nur zulässig, so­weit sie durch den Ta­rif­ver­trag ge­stat­tet sind oder ei­ne Ände­rung der Re­ge­lun­gen zu Guns­ten des Ar­beit­neh­mers ent­hal­ten. So­weit die Par­tei­en mit der Ver­tragsände­rung vom 10. Fe­bru­ar 2005 die wöchent­li­che Ar­beits­zeit ab dem 1. April 2005 schritt­wei­se
 


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von 36 bis auf schließlich 38 St­un­den in der Wo­che erhöhten, oh­ne ei­ne dem § 2 Abs. 1 Satz 4 GMTV ent­spre­chen­de Ent­gel­terhöhung zu ver­ein­ba­ren, ha­ben sie ei­ne ge­genüber § 2 Abs. 1 GMTV ungüns­ti­ge­re Re­ge­lung ge­trof­fen (vgl. auch BAG 20. April 1999 - 1 ABR 72/98 - zu B III 1 b aa der Gründe mwN, BA­GE 91, 210, 231). Die Verlänge­rung der Ar­beits­zeit oh­ne Lohn­aus­gleich war auch nicht des­halb güns­ti­ger für den Kläger, weil die Be­klag­te für die Lauf­zeit der Ver­ein­ba­rung auf den Aus­spruch be­triebs­be­ding­ter Kündi­gun­gen ver­zich­te­te. Bei ei­nem Güns­tig­keits­ver­gleich können nur die Re­ge­lun­gen ver­gli­chen wer­den, die mit­ein­an­der in ei­nem sach­li­chen Zu­sam­men­hang ste­hen - „Sach­grup­pen­ver­gleich“. Ar­beits­zeit oder Ar­beits­ent­gelt ei­ner­seits und ei­ne Beschäfti­gungs­ga­ran­tie an­de­rer­seits sind je­doch völlig un­ter­schied­lich ge­ar­te­te Re­ge­lungs­ge­genstände, für de­ren Be­wer­tung es kei­nen ge­mein­sa­men Maßstab gibt. Ei­ne Beschäfti­gungs­si­che­rung durch den Aus­schluss be­triebs­be­ding­ter Kündi­gun­gen ist da­her nicht ge­eig­net, Ver­schlech­te­run­gen bei der Ar­beits­zeit oder dem Ar­beits­ent­gelt zu recht­fer­ti­gen (st. Rspr., BAG 20. April 1999 - 1 ABR 72/98 - zu B II 1 b aa der Gründe mwN, aaO; 7. No­vem­ber 2002 - 2 AZR 742/00 - zu B I 1 d bb [2] der Gründe, BA­GE 103, 265, 273; 6. No­vem­ber 2007 - 1 AZR 862/06 - Rn. 24, AP BGB § 613a Nr. 337 = EzA BGB 2002 § 613a Nr. 83; 24. Sep­tem­ber 2008 - 6 AZR 657/07 - Rn. 29, NZA-RR 2009, 221).


b) Auch die ab dem 1. Ja­nu­ar 2006 nur noch nach­wir­ken­den Re­ge­lun­gen des GMTV sind nicht durch die Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en vom 10. Fe­bru­ar 2005 als „an­de­re Ab­ma­chung“ iSd. § 4 Abs. 5 TVG er­setzt wor­den.

aa) Nach § 4 Abs. 5 TVG gel­ten nach Ab­lauf ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges sei­ne Rechts­nor­men wei­ter, bis sie durch ei­ne an­de­re Ab­ma­chung er­setzt wer­den. Mit der Nach­wir­kung soll im In­ter­es­se der Ver­trags- und Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ei­ne Über­brückungs­re­ge­lung ge­schaf­fen wer­den, die die zwi­schen­zeit­li­che Be­stim­mung der bis­her ta­rif­ver­trag­lich ge­re­gel­ten Ar­beits­be­din­gun­gen nach an­de­ren Re­ge­lun­gen ent­behr­lich macht. Die­se Nach­wir­kung des ab­ge­lau­fe­nen Ta­rif­ver­tra­ges entfällt, wenn ei­ne an­de­re Ab­ma­chung ge­trof­fen wird, die den­sel­ben Re­ge­lungs­be­reich er­fasst (Se­nat 4. Ju­li 2007 - 4 AZR 439/06 - mwN,
 


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EzA TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 40; 22. Ok­to­ber 2008 - 4 AZR 789/07 - Rn. 27, AP TVG § 4 Ta­rif­kon­kur­renz Nr. 37 = EzA TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 43).


bb) Aus dem Er­for­der­nis der „an­de­ren Ab­ma­chung“ zur Ablösung des nach­wir­ken­den Ta­rif­ver­tra­ges er­gibt sich, dass frühe­re ar­beits­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen, die während der un­mit­tel­ba­ren und zwin­gen­den Gel­tung ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges ver­drängt wur­den, nicht au­to­ma­tisch wie­der auf­le­ben und das Ar­beits­verhält­nis im Nach­wir­kungs­zeit­raum ab­wei­chend vom ab­ge­lau­fe­nen Ta­rif­ver­trag ge­stal­ten können (BAG 14. Fe­bru­ar 1991 - 8 AZR 166/90 - BA­GE 67, 222, 225; Däubler/Be­p­ler TVG 2. Aufl. § 4 Rn. 908; Däubler/Dei­nert aaO § 4 Rn. 488; Kem­pen/Za­chert/St­ein TVG 4. Aufl. § 4 Rn. 16; Kem­pen/Za­chert/Kem­pen aaO § 4 Rn. 565; ErfK/Fran­zen 9. Aufl. § 4 TVG Rn. 64; Hromad­ka/Masch­mann/Wall­ner Der Ta­rif­wech­sel Rn. 298; St­ein Ta­rif­ver­trags-recht Rn. 138; Ga­mill­scheg Kol­lek­ti­ves Ar­beits­recht Bd. I S. 878; Könitz Die Reich­wei­te der Nach­wir­kung von Ta­rif­verträgen nach § 4 Abs. 5 TVG S. 163; K. Schmidt RdA 2004, 152, 159; Frie­ges DB 1996, 1281; Frölich NZA 1992, 1105, 1111). Auch in sei­ner Ent­schei­dung vom 12. De­zem­ber 2007 ist der Se­nat da­von aus­ge­gan­gen, dass die ver­dräng­ten ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen nur dann „au­to­ma­tisch“ wie­der Wir­kung er­lan­gen können, wenn die güns­ti­ge­ren Ta­rif­nor­men vollständig, al­so oh­ne Nach­wir­kung weg­fal­len (- 4 AZR 998/06 - Rn. 41, AP TVG § 4 Nr. 29 = EzA TVG § 4 Nr. 44).

cc) Für die An­nah­me ei­ner „an­de­ren Ab­ma­chung“ ist es zwar nicht in je­dem Fall er­for­der­lich, dass die­se erst ab­ge­schlos­sen wird, nach­dem die Nach­wir­kung ein­ge­tre­ten ist. Die Ab­re­de muss aber vom Re­ge­lungs­wil­len der Par­tei­en her dar­auf ge­rich­tet sein, ei­ne be­stimm­te be­ste­hen­de Ta­rif­re­ge­lung in An­be­tracht ih­rer ab­seh­bar be­vor­ste­hen­den Be­en­di­gung und des dar­auf fol­gen­den Ein­tritts der Nach­wir­kung ab­zuändern (ausf. Se­nat 22. Ok­to­ber 2008 - 4 AZR 789/07 - Rn. 30, AP TVG § 4 Ta­rif­kon­kur­renz Nr. 37 = EzA TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 43).

dd) Da­nach ist die ver­trag­li­che Ab­re­de der Par­tei­en vom 10. Fe­bru­ar 2005 kei­ne „an­de­re Ver­ein­ba­rung“ im Sin­ne des § 4 Abs. 5 TVG.



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(1) Der Wort­laut der Ver­tragsände­rung lässt nicht er­ken­nen, dass die­se auf die Be­sei­ti­gung oder die Ver­hin­de­rung ei­ner zukünf­ti­gen Nach­wir­kung des GMTV ge­rich­tet ist. Viel­mehr er­gibt sich aus den Ein­lei­tungssätzen der Ver­ein­ba­rung, dass die Ände­rung schon ab dem 1. April 2005 wirk­sam wer­den soll­te.


(2) Auch die wei­te­ren Ver­trags­umstände spre­chen ge­gen ei­nen sol­chen für ei­ne „an­de­re Ab­ma­chung“ stets er­for­der­li­chen Re­ge­lungs­wil­len. Bei Ab­schluss der Ver­ein­ba­rung am 10. Fe­bru­ar 2005 galt der GMTV. Er war we­der gekündigt noch war der ihn ablösen­de MTV un­ter­zeich­net. Ein übe­rein­stim­men­der Re­ge­lungs­wil­le der Par­tei­en, dass die Ver­ein­ba­rung - je­den­falls auch - dar­auf ab­zie­len soll­te, den Ein­tritt der Nach­wir­kung des GMTV zu ver­hin­dern, ist nicht zu er­ken­nen. Ein sol­cher Wil­le er­gibt sich auch nicht aus dem Pas­sus 2 der Präam­bel zur Ver­ein­ba­rung vom 10. Fe­bru­ar 2005, in dem le­dig­lich da­von die Re­de ist, dass „ab­wei­chend von den bis­her ... ta­rif­ver­trag­lich be­gründe­ten Re­ge­lun­gen ... Ände­run­gen ver­ein­bart wer­den“. Es ist schon nicht er­sicht­lich, dass die Par­tei­en von de­ren von Rechts we­gen mögli­cher Abänder­bar­keit aus­ge­gan­gen sind.

(3) Darüber hin­aus würde ein sol­cher Re­ge­lungs­wil­le al­lein auch nicht aus­rei­chen. Über den Ge­set­zes­wort­laut hin­aus kann ei­ne „an­de­re Ab­ma­chung“ in Form ei­ner ein­zel­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung die Ablösung nach­wir­ken­der Ta­rif­re­ge­lun­gen nur un­ter be­son­de­ren Be­din­gun­gen schon vor dem Be­ginn der Nach­wir­kung vor­se­hen (Se­nat 22. Ok­to­ber 2008 - 4 AZR 789/07 - Rn. 28 f., AP TVG § 4 Ta­rif­kon­kur­renz Nr. 37 = EzA TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 43; 23. Fe­bru­ar 2005 - 4 AZR 186/04 - Rn. 31 f., AP TVG § 4 Nach­wir­kung Nr. 42 = EzA TVG § 3 Ver­bands­aus­tritt Nr. 2). Al­lein der Um­stand, dass während der nor­ma­ti­ven Gel­tung ei­nes Ta­rif­ver­trags ma­te­ri­el­le Ar­beits­be­din­gun­gen ver­ein­bart wer­den, die we­gen der schützen­den Funk­ti­on des § 4 Abs. 3 TVG kei­ne Wir­kung er­zeu­gen konn­ten, und an de­ren Gel­tung zu­min­dest ein Ver­trags­part­ner In­ter­es­se hat, reicht hierfür nicht aus. Dies würde zu ei­nem au­to­ma­ti­schen Wie­der­auf­le­ben un­ter­ta­rif­li­cher Ver­ein­ba­run­gen führen, was der vom Ge­setz­ge­ber mit § 4 Abs. 5 TVG be­ab­sich­tig­ten be­stands­si­chern­den Über­brückungs­funk­ti­on des Ta­rif­ver­trags wi­der­spricht (Däubler/Be­p­ler 2. Aufl. § 4
 


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TVG Rn. 908; Ja­cobs Anm. zu EzA TVG § 4 Ta­rif­kon­kur­renz Nr. 34; Wie­de­mann/Wank TVG 7. Aufl. § 4 Rn. 327). Das Ar­beits­verhält­nis soll auch nach Be­en­di­gung des Ta­rif­ver­trags grundsätz­lich auf dem ta­rif­ver­trag­li­chen Ni­veau wei­ter geführt wer­den. Die Be­stands­si­che­rungs­funk­ti­on kann der Ta­rif­ver­trag nicht erfüllen, wenn schon in ei­ner nicht mit § 4 Abs. 3 TVG zu ver­ein­ba­ren­den ein­zel­ver­trag­li­chen Ab­re­de ei­ne auf den Ablösungs­zeit­raum ge­rich­te­te an­de­re Ab­ma­chung iSd. § 4 Abs. 5 TVG ge­se­hen wer­den könn­te. Des­halb ist es er­for­der­lich, dass die Ver­ein­ba­rung mit Blick auf den tatsächlich und nicht nur nach der Rechts­auf­fas­sung ei­ner oder bei­der Par­tei­en ein­ge­tre­te­nen oder un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­den Ab­lauf ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges kon­kret und zeit­nah hier­zu ge­trof­fen wird. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind im vor­lie­gen­den Fall er­sicht­lich nicht ge­ge­ben.

6. Sch­ließlich steht dem Be­geh­ren des Klägers nicht der von der Be­klag­ten in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Se­nat er­neut er­ho­be­ne Ein­wand der Ver­wir­kung ent­ge­gen. Auf § 4 Abs. 4 Satz 2 TVG ha­ben be­reits die Vor­in­stan­zen zu­tref­fend hin­ge­wie­sen.

D. Der hilfs­wei­se ge­stell­te Fest­stel­lungs­an­trag ist nicht an­ge­fal­len. Die zulässi­ge in­ner­pro­zes­sua­le Be­din­gung ist nicht ein­ge­tre­ten. Da­her muss der Se­nat nicht darüber be­fin­den, ob ei­ne hilfs­wei­se ein­sei­ti­ge Er­le­di­gungs­erklärung zulässig sein könn­te (da­zu BGH 8. Fe­bru­ar 1989 - IVa ZR 98/87 - zu IV der Gründe, BGHZ 106, 359, 367 f.).

E. Die Kos­ten­ent­schei­dung er­folgt nach § 92 Abs. 1 ZPO.

Be­p­ler 

Creutz­feldt 

Tre­ber

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