HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 12/149

Bei Über­stun­den­kla­ge sind Über­stun­den kon­kret nach­zu­wei­sen

Stren­ge An­for­de­run­gen an den Nach­weis ge­leis­te­ter Über­stun­den vor Ge­richt: Lan­des­ar­beits­ge­richt Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 04.11.2011, 9 Sa 313/11
Wanduhr

11.04.2012. Wer län­ger ar­bei­tet, als das im Ar­beits­ver­trag oder Ta­rif­ver­trag fest­ge­legt ist, leis­tet Über­stun­den. Die sind weit ver­brei­tet. Ge­nau­so häu­fig blei­ben sie un­be­zahlt.

Grund da­für ist die für Ar­beit­neh­mer un­güns­ti­ge Be­weis­last­ver­tei­lung vor Ge­richt:

Be­strei­tet der Ar­beit­ge­ber, dass Über­stun­den ge­leis­tet wur­den, muss der Ar­beit­neh­mer bei ei­ner Kla­ge auf Be­zah­lung sei­ner Über­stun­den für je­de ein­zel­ne St­un­de sei­ne ge­naue Tä­tig­keit nach­wei­sen. Und er muss be­le­gen, dass der Ar­beit­ge­ber die­se Mehr­ar­beit ver­langt hat.

Die­ser Nach­weis fällt schwer und kann auch mit selbst er­stell­ten Ta­bel­len oder un­kla­ren An­deu­tun­gen in Pro­zess­ver­glei­chen nicht ge­führt wer­den. Das zeigt ei­ne ak­tu­el­le Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Rhein­land-Pfalz (Ur­teil vom 04.11.2011, 9 Sa 313/11).

Wie kann ein Ar­beit­neh­mer er­folg­reich Über­stun­den ein­kla­gen?

Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber le­gen meist im Ar­beits­ver­trag fest, wie lan­ge ge­ar­bei­tet wer­den muss und wie hoch der Lohn dafür ausfällt. Wer länger darüber hin­aus ar­bei­tet, leis­tet Über­stun­den. Zum Leid­we­sen vie­ler Ar­beit­neh­mer ist nicht je­de Über­stun­de auch ei­ne be­zahl­te Über­stun­de. Kla­gen Ar­beit­neh­mer auf Be­zah­lung ih­rer Mehr­ar­beit, müssen sie vie­le Hürden neh­men. Sie tra­gen die Dar­le­gungs- und Be­weis­last für je­de ein­zel­ne Über­stun­de.

Kon­kret müssen Ar­beit­neh­mer vor­tra­gen, wann, wie lan­ge und aus wel­chem Grund sie über ih­re re­guläre Ar­beits­zeit hin­aus ge­ar­bei­tet ha­ben. Dar­an schei­tern die meis­ten Über­stun­den-Zah­lungs­kla­gen. Denn wer kann sich schon an al­le sei­ne Ar­beits­zei­ten der ver­gan­ge­nen Wo­chen, Mo­na­te oder gar Jah­re kon­kret er­in­nern?

Und selbst wenn länge­re Ar­beits­zei­ten kon­kret be­nannt und (!) be­wie­sen wer­den können, genügt das nicht. Denn Ar­beit­neh­mer sol­len sich nicht durch Über­stun­den, die ihr Ar­beit­ge­ber nicht ab­ge­for­dert hat, ei­ne zusätz­li­che Vergütungs­quel­le ver­schaf­fen können. Da­her ver­lan­gen die Ge­rich­te wei­ter­hin den Nach­weis, dass die ein­ge­klag­ten Über­stun­den vom Ar­beit­ge­ber an­ge­ord­net oder je­den­falls "ge­bil­ligt" oder "ge­dul­det" wur­den oder aber zu­min­dest zur Er­le­di­gung der ge­schul­de­ten Ar­beit not­wen­dig wa­ren. Die­se Be­weis­an­for­de­run­gen sind oh­ne vom Chef ab­ge­zeich­ne­te Ar­beits­zeit­auf­zeich­nun­gen kaum zu erfüllen.

Bei Über­stun­den­kla­gen sind de­tail­lier­te Auf­zeich­nun­gen der Ar­beits­zei­ten nötig

In dem vom LAG ent­schie­de­nen Fall en­de­te ein Ar­beits­verhält­nis per Ver­gleich, der in ei­nem Kündi­gungs­schutz­pro­zess ver­ein­bart wor­den war. In dem Ver­gleich wur­de auch erwähnt, dass der Ar­beit­neh­mer sei­ne Über­stun­den „ab­fei­ern“ soll­te. Da­zu hat­te er aber kei­ne Ge­le­gen­heit mehr, da er während der Rest­lauf­zeit des Ar­beits­verhält­nis­ses er­krank­te. Er klag­te dar­auf­hin sei­ne Über­stun­den in ei­nem zwei­ten Pro­zess ein und leg­te als Nach­weis ei­ne Ta­bel­le vor, in der er die Über­stun­den, die er aus sei­ner Sicht ge­leis­tet hat­te, auf­ge­glie­dert nach Ka­len­der­wo­chen und nach ein­zel­nen Ta­ge fest­ge­hal­ten hat­te.

Das genügte dem LAG ge­nau­so we­nig wie zu­vor dem Ar­beits­ge­richt Mainz (Ur­teil vom 17.05.2011, 6 Ca 171/11). Und da der Ar­beit­ge­ber be­stritt, dass die Über­stun­den ge­leis­tet wur­den, hätte der Ar­beit­neh­mer auch nach­wei­sen müssen, wel­che Ar­bei­ten er im Ein­zel­nen er­le­digt hat­te und dass er die­se Ar­bei­ten auf Ver­an­las­sung sei­nes Ar­beit­ge­bers durch­geführt hat­te. Die­sen Nach­weis konn­te der Ar­beit­neh­mer nicht führen. Und auch der Ver­gleich gab da­zu nichts her. Denn in ihm war der Um­fang der Über­stun­den nicht fest­ge­hal­ten.

Fa­zit: Über­stun­den sind vor Ge­richt zu zu be­wei­sen. Hat der Ar­beit­neh­mer ei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge ein­ge­reicht und wird die­se durch Ver­gleich er­le­digt, soll­te der Ar­beit­neh­mer dar­auf be­ste­hen, dass der Um­fang der zu be­zah­len­den oder ab­zu­bum­meln­den Über­stun­den im Ver­gleich kon­kret ge­re­gelt wer­den. Denn so­lan­ge noch ei­ne Kündi­gung vor Ge­richt im Streit ist, sind Ar­beit­ge­ber meist eher zu Kom­pro­mis­sen be­reit als nach dem un­wi­der­ruf­li­chen En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 1. Juli 2016

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Dr. Simone Wernicke
Rechtsanwältin, Fachanwältin für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27, 60325 Frankfurt a. M.
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05
E-Mail: frankfurt@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de