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LAG Nürn­berg, Be­schluss vom 03.08.2005, 4 Ta 153/05

   
Schlagworte: Zeugnis: Geheimcode, Zeugnis: Unterschrift
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Nürnberg
Aktenzeichen: 4 Ta 153/05
Typ: Beschluss
Entscheidungsdatum: 03.08.2005
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Nürnberg, Beschluss vom 29.06.2005, 6 Ca 9420/03
   

Be­schluss:

Die so­for­ti­ge Be­schwer­de des Be­klag­ten ge­gen den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Nürn­berg vom 29.06.2005 - Az.: 6 Ca 9420/03 - wird auf Kos­ten des Be­schwer­deführers zurück­ge­wie­sen.

Gründe :

I.

Mit rechts­kräfti­gem En­dur­teil des Ar­beits­ge­richts Nürn­berg vom 10.03.2004 ist der Be­klag­te ver­ur­teilt wor­den, das am 15.07.2003 aus­ge­stell­te Zeug­nis der Kläge­rin in­halt­lich ab­zuändern.

Dar­auf­hin er­stell­te der Be­klag­te ein neu­es Zeug­nis, das mit ei­ner Un­ter­schrift ver­se­hen war, die nach ih­rem Er­schei­nungs­bild von ei­nem Kind stammt. Die Kläge­rin hat die­se Un­ter­schrift nicht ak­zep­tiert und beim Ar­beits­ge­richt be­an­tragt, den Be­klag­ten durch Verhängung ei­nes Zwangs­gel­des zur Neu­aus­stel­lung des Zeug­nis­ses un­ter An­brin­gung der vom Be­klag­ten übli­cher­wei­se ver­wen­de­ten Un­ter­schrift zu ver­ur­tei­len. Mit Be­schluss vom 11.01.2005 gab das Ar­beits­ge­richt dem An­trag statt und setz­te für den Fall der Nich­terfüllung ein Zwangs­geld in Höhe von EUR 2.000,-- fest. Die vom Be­klag­ten ein­ge­leg­te so­for­ti­ge Be­schwer­de blieb er­folg­los. Dar­auf­hin er­stell­te der Be­klag­te ein neu­es Zeug­nis, ver­se­hen mit ei­ner Un­ter­schrift im Aus­maß von ca. 14,5 cm (breit) x ca. 10 cm (hoch) und be­ste­hend prak­tisch aus­sch­ließlich aus Auf- und Abwärts­li­ni­en. Die Kläge­rin hält die­se Form der Un­ter­schrifts­leis­tung eben­falls nicht für ord­nungs­gemäß und da­mit ih­ren Zeug­nis­er­stel­lungs­an­spruch für nicht erfüllt. Sie hat er­neut be­an­tragt, den Be­klag­ten durch Verhängung ei­nes Zwangs­gel­des zur Neu­aus­stel­lung des Zeug­nis­ses un­ter An­brin­gung der vom Be­klag­ten übli­cher­wei­se ver­wen­de­ten Un­ter­schrift zu ver­ur­tei­len.

Mit Be­schluss vom 29.06.2005, dem Be­klag­ten­ver­tre­ter am 01.07.2005 zu­ge­stellt, hat das Ar­beits­ge­richt dem An­trag der Kläge­rin statt­ge­ge­ben und ein Zwangs­geld von EUR 4.000,-- verhängt. Mit Schrift­satz vom 05.07.2005, beim Lan­des­ar­beits­ge­richt Nürn­berg am 08.07.2005 ein­ge­gan­gen, hat der Be­klag­te so­for­ti­ge Be­schwer­de ein­ge­legt mit der Be­gründung, er ha­be die Frei­heit, je­der­zeit sei­ne Un­ter­schrift zu ändern, die Größe der Un­ter­schrift sei oh­ne Be­deu­tung, zu­mal er be­ab­sich­ti­ge, die zu­letzt be­an­stan­de­te Un­ter­schrift zukünf­tig im­mer dann zu ver­wen­den, wenn die Maße der zu un­ter­zeich­nen­den Ur­kun­de ei­ne ent­spre­chend große Un­ter­schrift zu­ließen.

II.

Die zulässi­ge so­for­ti­ge Be­schwer­de ist nicht be­gründet.

1. Das vom Be­klag­ten mit Schrei­ben vom 30.05.2005 der Kläge­rin über­sand­te (neu­er­li­che) Zeug­nis ist nicht ord­nungs­gemäß.

Gemäß §§ 109 I 1, 6 II Ge­wO hat die Kläge­rin An­spruch auf ein schrift­li­ches Zeug­nis, d.h. ein "durch Na­mens­un­ter­schrift" un­ter­zeich­ne­tes Zeug­nis (§ 126 I BGB). Die An­for­de­run­gen, die an ei­ne Un­ter­schrift zu stel­len sind, er­ge­ben sich aus dem kon­kre­ten Zweck der je­wei­li­gen Vor­schrift, die ei­ne Un­ter­schrift ver­langt.

Ein Zeug­nis hat die Auf­ga­be, dem be­ur­teil­ten Ar­beit­neh­mer die Su­che ei­nes neu­en Ar­beits­plat­zes zu er­leich­tern. Es soll den Ar­beits­platz­an­bie­ter, dem das Zeug­nis vor­ge­legt wird, über persönli­che Da­ten des Be­ur­teil­ten in­for­mie­ren. Die­se In­for­ma­ti­on hat so zu er­fol­gen, dass beim Le­ser kei­ne Zwei­fel über die Ernst­haf­tig­keit des Zeug­nis­tex­tes auf­kom­men. Sol­che Zwei­fel wer­den er­zeugt, wenn der be­ur­tei­len­de Ar­beit­ge­ber ei­ne Un­ter­schrift ver­wen­det, die völlig über­di­men­sio­niert ist (hier 10 cm mal 14,5 cm) und außer­dem prak­tisch aus­sch­ließlich in Auf- und Abwärts­li­ni­en be­steht. In die­ser Ver­bin­dung ih­rer Merk­ma­le weicht die vom Be­klag­ten ge­leis­te­te Un­ter­schrift von der bei Un­ter­schrif­ten all­ge­mein übli­chen Ge­stal­tung si­gni­fi­kant ab. Sol­che Un­ter­schrif­ten sind ab­so­lut un­gebräuch­lich. Dies bestätigt auch der Be­klag­te selbst, der sich bis­lang stets ei­ner im Rah­men des Übli­chen ge­hal­te­nen Un­ter­schrift be­fleißigt hat (vgl. z.B. Zwi­schen­zeug­nis vom 11.06.2003).

Durch die vom Be­klag­ten im be­an­stan­de­ten Zeug­nis gewähl­te Un­ter­schrift wird beim Le­ser der Ver­dacht er­zeugt, der Un­ter­zeich­ner ste­he nicht hin­ter dem Text des Zeug­nis­ses, er wol­le sich viel­mehr dis­tan­zie­ren, er wol­le in die­ser Hin­sicht ein Si­gnal an den Le­ser aus­sen­den, z.B. weil er - wie im vor­lie­gen­den Fall - zur Auf­nah­me be­stimm­ter For­mu­lie­run­gen ins Zeug­nis rechts­kräftig ver­ur­teilt wor­den ist. Die Kläge­rin muss schon nicht hin­neh­men, dass auch nur die Möglich­keit be­steht, bei ei­nem Ar­beits­platz­an­bie­ter wer­de die­ser Ver­dacht her­vor­ge­ru­fen.

Vom Be­klag­ten wird auch nichts Un­zu­mut­ba­res ver­langt, wenn er das Zeug­nis mit der in der Ver­gan­gen­heit ver­wen­de­ten Un­ter­schrift ver­sieht. Sein all­ge­mei­nes Persönlich­keits­recht (Art. 2 I GG) wird hier­durch nicht in un­zulässi­ger Wei­se be­ein­träch­tigt, zu­mal das In­ter­es­se der Kläge­rin, auf dem all­ge­mei­nen Ar­beits­markt un­ter Vor­la­ge ei­nes ord­nungs­gemäßen Zeug­nis­ses ei­ne adäqua­te neue Ar­beits­stel­le zu fin­den, durch Art. 12 GG geschützt ist und im vor­lie­gen­den Fall die­sem In­ter­es­se der Kläge­rin ein höhe­rer Wert bei­zu­mes­sen ist als dem In­ter­es­se des Be­klag­ten, sei­ne Un­ter­schrift be­lie­big zu ge­stal­ten. Die­se In­ter­es­sen­la­ge ist bei der Aus­le­gung des un­be­stimm­ten Rechts­be­griffs der "Na­mens­un­ter­schrift" i.S.d. § 126 Abs. 1 BGB zu berück­sich­ti­gen.

2. Im Übri­gen hat der Be­klag­te auch in der Be­schwer­de­instanz nicht dar­ge­legt, dass die im letz­ten Zeug­nis vor­ge­nom­me­ne Un­ter­zeich­nung über­haupt die für ihn cha­rak­te­ris­ti­sche Un­ter­schrift ist. Das kann sie nur bei ei­nem nach­hal­ti­gen Ge­brauch sein. Der Be­klag­te hat sich auf kei­ne Ur­kun­den be­ru­fen, bei de­nen er mit dem­sel­ben Schrift­bild und der­sel­ben Größe un­ter­schrie­ben hätte. Für die ord­nungs­gemäße Erfüllung des Zeug­nis­an­spruchs ist der Ar­beit­ge­ber dar­le­gungs­be­las­tet. Der Be­klag­te hätte al­so im Ein­zel­nen dar­le­gen müssen, dass er fort­ge­setzt die neue Un­ter­schrift ver­wen­det hat. Es genügt nicht der Hin­weis, er wol­le zukünf­tig die neue Un­ter­schrift ver­wen­den.

3. Da­mit muss nicht mehr der Fra­ge nach­ge­gan­gen wer­den, ob das Ver­hal­ten des Be­klag­ten von un­sach­li­chen Mo­ti­ven be­stimmt war, und da­mit schon des­halb der im letz­ten Zeug­nis ver­wen­de­ten Un­ter­schrift kei­ne Erfüllungs­wir­kung bezüglich des aus­ge­ur­teil­ten Zeug­nis­er­stel­lungs­an­spruchs zu­kom­men kann.

4. Da der Be­klag­te den aus­ge­ur­teil­ten Zeug­nis­er­stel­lungs­an­spruch durch Ver­wen­dung ei­ner nicht ord­nungs­gemäßen Un­ter­schrift nicht erfüllt hat, ist der auf § 888 I ZPO gestütz­te Be­schluss des Ar­beits­ge­richts nicht zu be­an­stan­den. An­ge­sichts der Hartnäckig­keit des Ver­hal­tens des Be­klag­ten be­geg­net auch die Höhe des verhäng­ten Zwangs­gel­des kei­nen Be­den­ken.

Da­mit ist die so­for­ti­ge Be­schwer­de des Be­klag­ten mit der sich aus § 97 Abs. 1 ZPO er­ge­ben­den Kos­ten­fol­ge zurück­zu­wei­sen.

III.

Die Vor­aus­set­zun­gen der Zu­las­sung der Rechts­be­schwer­de sind nicht ge­ge­ben (§§ 78 S. 2, 72 Abs. 2 ArbGG).

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