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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/079

Auch männ­li­che Lehr­kräf­te kön­nen Mäd­chen im Sport un­ter­rich­ten

Ab­leh­nung männ­li­cher Sport­leh­rer für Un­ter­richt von Mäd­chen ist ge­schlechts­be­ding­te Dis­kri­mi­nie­rung: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 19.12.2019, 8 AZR 2/19
Lehrerin in einer Grundschulklasse mit Schülern, Schule

30.06.2020. Das Ge­schlecht ei­nes Be­wer­bers oder ei­ner Be­wer­be­rin soll­te bei der Ver­ga­be von Stel­len heut­zu­ta­ge kei­ne Rol­le spie­len - es sei denn, es kommt bei der Be­rufs­tä­tig­keit aus­nahms­wei­se ein­mal zwin­gend auf das Ge­schlecht an, wie z.B. bei ei­ner Rol­le im Film oder bei der Oper oder im Pro­fi-Mann­schafts­sport.

Frag­lich ist, ob das auch im Sport­un­ter­richt gilt, zu­min­dest wenn Ju­gend­li­che in der Pu­ber­tät un­ter­rich­tet wer­den. Soll­ten hier Jun­gen nur von männ­li­chen Lehr­kräf­ten und Mäd­chen nur von weib­li­chen Lehr­kräf­ten un­ter­rich­tet wer­den?

Nein, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung: BAG, Ur­teil vom 19.12.2019, 8 AZR 2/19.

Männ­li­che Sport­leh­rer in der Mädchen­grup­pe - geht das?

Gemäß § 1, § 2 Abs.1 Nr.1, § 3 Abs.1 und aus § 7 Abs.1 All­ge­mei­nes Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) dürfen Ar­beit­ge­ber bei der Stel­len­aus­schrei­bung und Stel­len­be­set­zung im All­ge­mei­nen nicht nach dem Ge­schlecht un­ter­schei­den, d.h. Männer oder Frau­en be­vor­zu­gen.

Ei­ne Aus­nah­me macht das Ge­setz nur, wenn das Ge­schlecht we­gen der Art der aus­zuüben­den Tätig­keit oder we­gen der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ei­ne „we­sent­li­che und ent­schei­den­de“ so­wie „an­ge­mes­se­ne“ be­ruf­li­che An­for­de­rung ist (§ 8 Abs.1 AGG). Das ist sehr sel­ten der Fall, z.B. wenn ein Männer- oder Frau­en­rol­le im Film oder am Thea­ter be­setzt wer­den soll.

Aber können sich auch Schu­len bzw. Schulträger auf die­ses Aus­nah­me­recht be­ru­fen, wenn sie Sport­leh­rer bzw. Sport­leh­re­rin­nen ein­stel­len wol­len, und zwar zur Un­ter­rich­tung von Mädchen aus­sch­ließlich durch Sport­leh­re­rin­nen bzw. zur Un­ter­rich­tung von Jun­gen al­lein durch Sport­leh­rer?

Im Streit: Männ­li­cher Pädago­ge be­wirbt sich auf ei­ne für Sport­leh­re­rin­nen aus­ge­schrie­be­ne Stel­le

Ei­ne Pri­vat­schu­le mit den Klas­sen­stu­fen 1 bis 13 veröffent­lich­te 2017 ei­ne Stel­len­aus­schrei­bung, mit der nach ei­ner „Fach­leh­re­rin Sport (w)“ ge­sucht wur­de. Ein männ­li­cher Sport­leh­rer be­warb sich dar­auf­hin - oh­ne Er­folg. Die Ab­leh­nung be­gründe­te die Schu­le da­mit, dass man ge­zielt und aus­sch­ließlich ei­ne weib­li­che Sport­lehr­kraft für die Mädchen der Ober­stu­fe su­che.

Der ab­ge­lehn­te Sport­leh­rer be­wer­te­te das als ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen sei­nes Ge­schlechts und klag­te auf Entschädi­gung gemäß § 15 Abs.2 AGG. Da­mit hat­te er we­der vor dem Ar­beits­ge­richt Nürn­berg (Ur­teil vom 01.02.2018, 16 Ca 3627/17) noch vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nürn­berg Er­folg, d.h. bei­de Ge­rich­te ent­schie­den ge­gen den Pädago­gen (LAG Nürn­berg, Ur­teil vom 20.11.2019, 7 Sa 95/18, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 19/147 Dis­kri­mi­nie­rung männ­li­cher Be­wer­ber im Schul­dienst?).

Nach An­sicht des LAG Nürn­berg ist das „rich­ti­ge“ Ge­schlecht der Lehr­kraft beim Sport­un­ter­richt ei­ne „we­sent­li­che und ent­schei­den­de“ be­ruf­li­che An­for­de­rung im Sin­ne von § 8 Abs.1 AGG. Denn, so das LAG: Beim Sport­un­ter­richt sind körper­li­che Kon­tak­te zwi­schen Lehr­kraft und Schülern un­ver­meid­lich, und sol­che Berührun­gen durch ei­ne Lehr­kraft des an­de­ren Ge­schlechts könn­ten von den Schüle­rin­nen bzw. Schülern als un­an­ge­mes­sen emp­fun­den wer­den.

BAG: Die Ab­leh­nung männ­li­cher Sport­leh­rer für Un­ter­richt von Mädchen ist ei­ne ge­schlechts­be­ding­te Dis­kri­mi­nie­rung

Das BAG ent­schied an­ders­her­um und gab dem Leh­rer recht. Nach Zurück­ver­wei­sung des Fal­les zum LAG Nürn­berg muss das LAG nun über die Höhe der Gel­dentschädi­gung ent­schei­den, denn ei­ne Entschädi­gung steht dem Leh­rer zu, so die Er­fur­ter Rich­ter.

Die be­klag­te Schu­le hat­te laut BAG ge­ra­de nicht nach­wei­sen können, dass für die Stel­le ei­ner Sport­lehr­kraft hier im Streit­fall das weib­li­che Ge­schlecht ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de so­wie an­ge­mes­se­ne be­ruf­li­che An­for­de­rung ist (§ 8 Abs.1 AGG). Da­bei ver­wei­sen die Er­fur­ter Rich­ter u.a. auf das Eu­ro­pa­recht und die Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs (EuGH), der nur we­ni­ge Aus­nah­men von den Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­ten zulässt.

Fa­zit: Aus­nah­men von den Be­nach­tei­li­gungs­ver­bo­ten nach dem AGG sind sel­ten

Das Ur­teil des BAG ist rich­tig. Die Aus­nah­me gemäß § 8 Abs.1 AGG trifft nur auf äußerst sel­te­ne Fälle zu. An­dern­falls würde die An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­re­gel, dass das Ge­schlecht kei­ne Vor­aus­set­zung für den Be­rufs­zu­gang sein darf, recht bald aus­gehöhlt wer­den. Da­her kommt es auch bei Be­rufstätig­kei­ten mit ge­wis­sen körper­li­chen Kon­tak­ten (ärzt­li­che Ver­sor­gung, Phy­sio­the­ra­pie, Sport­trai­ning) im All­ge­mei­nen nicht auf das Ge­schlecht an. Das gilt auch für den Sport­un­ter­richt und Schu­len und Ver­ei­nen.

Dar­an ändert auch ein BAG-Ur­teil aus dem Jahr 2009 nichts, in dem das BAG ent­schie­den hat­te, dass ein Mädchen­in­ter­nat ge­zielt nach Er­zie­he­rin­nen su­chen darf (BAG, Ur­teil vom 28.05.2009, 8 AZR 536/08, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/091 BAG bestätigt Ab­leh­nung ei­nes männ­li­chen Be­wer­bers für Er­zie­he­rin­nen­stel­le in Mädchen­in­ter­nat). Denn da­mals ging es um In­ter­nats-Er­zie­he­rin­nen, die die Mädchen auch nachts be­auf­sich­ti­gen und da­bei, falls nötig, Um­klei­deräume und Schlafsäle be­tre­ten müssen. Für sol­che spe­zi­el­len pädago­gi­schen bzw. be­treue­ri­schen Auf­ga­ben sind männ­li­che Er­zie­her we­gen des Scham­gefühls der im In­ter­nat woh­nen­den Mädchen un­ge­eig­net.

Ar­beit­ge­ber soll­ten da­her auch bei schein­bar "ty­pi­schen" Be­rufs­rol­len oder be­ruf­li­chen "Er­war­tun­gen" der Ver­su­chung wi­der­ste­hen, ge­zielt nach Frau­en oder Männern zu su­chen. Aus­nah­men sind Mann­schafts­sport­ler/In­nen, Schau­spie­ler/In­nen, In­ter­nats-Er­zie­her/In­nen, (weib­li­che) Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te (BAG, Ur­teil vom 18.03.2010, 8 AZR 77/09) oder die Geschäftsführe­rin ei­nes Frau­en­ver­ban­des (Ar­beits­ge­richt München, Ur­teil vom 14.02.2001, 38 Ca 8663/00).

In der Re­gel sind da­her ge­schlechts­neu­tra­le Stel­len­aus­schrei­bun­gen zu emp­feh­len, die heut­zu­ta­ge auch berück­sich­ti­gen müssen, dass es seit dem 22.12.2018 ein recht­lich an­er­kann­tes drit­tes (di­ver­ses) Ge­schlecht gibt, § 22 Abs.3 Per­so­nen­stands­ge­setz (PStG) in der Fas­sung des Ände­rungs­ge­set­zes vom 18.12.2018 (BGBl. I S.2635). Ei­ne recht­lich kor­rek­te Aus­schrei­bung kann da­her z.B. lau­ten, dass ei­ne „Ver­kaufs­kraft (m/w/d)“ ge­sucht wird oder ein „Pro­duk­ti­ons­hel­fer (m/w/d)“.

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Letzte Überarbeitung: 19. September 2020

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