HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

BAG, Ur­teil vom 11.08.2016, 8 AZR 375/15

   
Schlagworte: Benachteiligung, Schwerbehinderung, Bewerberauswahl
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 8 AZR 375/15
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 11.08.2016
   
Leitsätze: Den öffentlichen Arbeitgeber trifft in einem Prozess die Darlegungs- und Beweislast dafür, dass der/die schwerbehinderte Bewerber/in offensichtlich fachlich ungeeignet iSv. § 82 Satz 3 SGB IX ist. Der öffentliche Arbeitgeber muss aber bereits im Verlauf des Auswahlverfahrens prüfen und entscheiden können, ob er einen schwerbehinderten Menschen zu einem Vorstellungsgespräch einladen muss oder ob er nach § 82 Satz 3 SGB IX von der Verpflichtung zur Einladung befreit ist. Diese Prüfung und Entscheidung muss der/die schwerbehinderte Bewerber/in dem öffentlichen Arbeitgeber durch entsprechende Angaben zu seinem/ihrem fachlichen Leistungsprofil in der Bewerbung bzw. den beigefügten Bewerbungsunterlagen ermöglichen. Kommt der/die Bewerber/in dieser Mitwirkungspflicht nicht ausreichend nach, geht dies regelmäßig zu seien/ihren Lasten. Auch in einem solchen Fall besteht für den öffentlichen Arbeitgeber regelmäßig keine Verpflichtung, den schwerbehinderten Menschen zu einem Vorstellungsgespräch einzuladen.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Frankfurt/Main, Urteil vom 24.04.2014, 21 Ca 8338/13
Landesarbeitsgericht Hessen, Urteil vom 02.06.2015, 8 Sa 1374/14
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

8 AZR 375/15
8 Sa 1374/14 Hes­si­sches
Lan­des­ar­beits­ge­richt

 

Im Na­men des Vol­kes!

UR­TEIL

In Sa­chen

 

Verkündet am
11. Au­gust 2016

Schie­ge, Ur­kunds­be­am­ter
der Geschäfts­stel­le

Be­klag­te, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­onskläge­rin,

pp.

Kläger, Be­ru­fungs­be­klag­ter und Re­vi­si­ons­be­klag­ter,

hat der Ach­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 11. Au­gust 2016 durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Prof. Dr. Schlewing, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Win­ter, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Ro­loff so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Wro­blew­ski und Wein für Recht er­kannt:

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Die Re­vi­si­on der be­klag­ten Stadt ge­gen das Ur­teil des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 2. Ju­ni 2015 - 8 Sa 1374/14 - wird zurück­ge­wie­sen.

Die be­klag­te Stadt hat die Kos­ten des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens zu tra­gen.

 

Von Rechts we­gen!

 

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten darüber, ob die be­klag­te Stadt ver­pflich­tet ist, dem Kläger ei­ne Entschädi­gung we­gen ei­nes Ver­s­toßes ge­gen das Ver­bot der Be­nach­tei­li­gung we­gen sei­ner Schwer­be­hin­de­rung zu zah­len.

Der Kläger ist aus­ge­bil­de­ter Zen­tral­hei­zungs- und Lüftungs­bau­er so­wie staat­lich ge­prüfter Um­welt­schutz­tech­ni­ker im Fach­be­reich al­ter­na­ti­ve En­er­gi­en. Aus­weis­lich sei­nes Schwer­be­hin­der­ten­aus­wei­ses vom 12. Ju­li 2011 beträgt der Grad sei­ner Be­hin­de­rung 50.

Die be­klag­te Stadt schrieb Mit­te 2013 die Stel­le ei­nes „Techn. An­ge- 3 stell­te/n EGr. 11 TVöD (VergGr. IVa/III BAT)“ aus. In der Stel­len­aus­schrei­bung heißt es aus­zugs­wei­se:

„Zu Ih­ren Auf­ga­ben gehören: Ver­ant­wort­li­che Lei­tung des Sach­ge­bie­tes >Be­triebs­tech­nik< mit den Ge­wer­ken Elek­tro, Hei­zung/Sa­nitär, Schrei­ner, Schlos­ser, Ma­ler so­wie Fah­rer; Werk­statt­lei­tung, Per­so­nalführung, Fach­auf­sicht und Spit­zen­sach­be­ar­bei­tung; Ver­ant­wor­tung für Be­trieb und Un­ter­hal­tung der tech­ni­schen An­la­gen und Gebäude des P; Ab­wick­lung von Re­pa­ra­tu­ren, War­tung, Prüfung und bau­li­cher In­stand­hal­tung mit­tels ei­ge­ner Mit­ar­bei­ter so­wie Fremd­fir­men; Or­ga­ni­sa­ti­on und Ab­wick­lung von Ser­vice­dienst­leis­tun­gen für Aus­stel­lun­gen und Ver­an­stal­tun­gen; tech­ni­sche Ab­wick­lung von Aus­stel­lun­gen und Ver­an­stal­tun­gen; ver­ant­wort­li­che Be­ar­bei­tung zu­ge­wie­se­ner Pro­jekt­aufträge; Mit­ar­beit in Pro­jekt­teams.

Wir er­war­ten: Dipl.-Ing. (FH) oder staatl. ge­pr. Tech­ni­ker/in oder Meis­ter/in im Ge­werk Hei­zungs- / Sa­nitär- /

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Elek­tro­tech­nik oder ver­gleich­ba­re Qua­li­fi­ka­ti­on; langjähri­ge Be­rufs- und Führungs­er­fah­rung; fun­dier­te Kennt­nis und si­che­re An­wen­dung der ein­schlägi­gen Re­gel­wer­ke, ins­bes. der Be­trSichV, UVV, MLAR, HausPrüfVO, HBO, VOB, VOL; Führungs- und Or­ga­ni­sa­ti­ons­kom­pe­tenz; Kom­mu­ni­ka­ti­onsstärke und Teamfähig­keit; so­zia­le Kom­pe­tenz; Durch­set­zungs­vermögen; Ver­ant­wor­tungs- und Ein­satz­be­reit­schaft; selbstständi­ges Ar­bei­ten; gu­te schrift­li­che und münd­li­che Aus­drucksfähig­keit; gu­te Kennt­nis­se der MS-Of­fice-Pro­gram­me; Be­reit­schaft zum ge­le­gent­li­chen Dienst an Wo­chen­en­den und in den Abend- und Nacht­stun­den; Be­reit­schaft zur Wei­ter­bil­dung; in­ter­kul­tu­rel­le Kom­pe­tenz.

Hin­wei­se: ... Schwer­be­hin­der­te Men­schen wer­den bei glei­cher Eig­nung be­vor­zugt ein­ge­stellt. ...
...

Ih­re aus­sa­gefähi­gen Be­wer­bungs­un­ter­la­gen rich­ten Sie bit­te bis zum 30.08.2013 un­ter An­ga­be der Kenn­zif­fer X an den:

Ma­gis­trat der Stadt ...“

Der Kläger be­warb sich mit Schrei­ben vom 14. Au­gust 2013 auf die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le. In dem Be­wer­bungs­schrei­ben heißt es:

„...
In mei­ner langjähri­gen Tätig­keit als Zen­tral­hei­zungs- und Lüftungs­bau­er (Meis­ter­rol­len­ein­trag) und staat­lich ge­prüfter Um­welt­schutz­tech­ni­ker im Fach­be­reich Al­ter­na­ti­ve En­er­gi­en ha­be ich um­fang­rei­che Kennt­nis­se in den Be­rei­chen En­er­gie­be­ra­tung und Ma­nage­ment, Contrac­ting, En­er­gie- und Um­welt­recht, Tech­ni­schen Gebäude­au­to­ma­ti­on, Hy­gie­ne und Brand­schutz er­wor­ben.
Ne­ben der Ob­jekt- und Pro­jekt­lei­tung gehörte die Pro­jek­tie­rung und Do­ku­men­ta­ti­on der An­la­gen und de­ren Tech­nik zu mei­nem Auf­ga­ben­ge­biet. Darüber hin­aus war ich An­sprech­part­ner für Kun­den und Öffent­lich­keits­ar­beit.

Eben­so ken­ne ich mich im Be­reich der Be­trieb­li­che Kos­ten­rech­nung (An­ge­bots­ein­ho­lung, Leis­tungs­ver­zeich­nis, Ab­rech­nung, HO­AI, VOB, usw.) aus.

Der Um­gang mit der EDV, den gängi­gen Of­fice-An­wen­dun­gen wie Ex­cel, Word und Power Point und den ein­schlägi­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­teln ist für mich selbst­verständ­lich.

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...“
Dem Be­wer­bungs­schrei­ben des Klägers wa­ren ei­ne Ko­pie sei­nes Schwer­be­hin­der­ten­aus­wei­ses so­wie ein ins­ge­samt fünf­sei­ti­ger ta­bel­la­ri­scher Le­bens­lauf bei­gefügt, der aus­zugs­wei­se fol­gen­de An­ga­ben enthält:

BE­RUFSER­FAH­RUNG
10/07- 09/12 Pro­jekt­sach­be­ar­bei­ter, ...
In­ter­na­tio­na­le Gebäude­au­to­ma­ti­on und Gebäude­ma­nage­men­t­un­ter­neh­men, ca. 800 Mit­ar­bei­ter in Deutsch­land
[...]

Auf­ga­ben

  • ...
  • Un­terstützung der Pro­jekt­lei­ter bei der Ver­wal­tung der ein­zel­nen Pro­jek­te
  • ...
  • Ob­jekt­lei­ter von vier Büro­lie­gen­schaf­ten mit ca. je 5000 qm Bürofläche
  • ...
  • Öko­lo­gi­sche und Öko­no­mi­sche Ob­jektführung
  • Be­ur­tei­lung der Tech­ni­schen Ein­rich­tun­gen und An­la­gen­tei­le
    ...
  • Führung der Ob­jekt­tech­ni­ker

Be­ra­tung des Nie­der­las­sungs­lei­ters

...

09/04-08/09 Stell­ver­tre­ten­der Be­triebs­lei­ter in Teil­zeit, ... Um­welt­tech­nik, Al­ter­na­ti­ve En­er­gi­en, En­er­gie­be­ra­tung, Hei­zung, Lüftung und Sa­nitär Un­terstützung des Geschäftsführers, ca. 4 Mit­ar­bei­ter in Deutsch­land,
...
08/04-06/06 Wei­ter­bil­dung zum Staat­lich ge­prüften Um­welt­schutz­tech­ni­ker, Tech­ni­ker­schu­le, B, www.

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Fach­ge­biet

  • Al­ter­na­ti­ve En­er­gi­en

In­halt

  • ... ...

10/99-10/00 Ober­mon­teur, ... 4 Mit­ar­bei­ter

Auf­ga­ben

  • Mon­ta­ge von Hei­zungs-und Sa­nitäran­la­gen
  • ...
  • Aus­bil­dung von Aus­zu­bil­den­den
  • ... ...

08/96-10/99 Haus­meis­ter und Tech­ni­scher Lei­ter, ...

...

Auf­ga­ben

  • In­stand­hal­tung der Haus­tech­nik
  • Bud­get­ver­ant­wort­lich­keit
  • Mit­ar­bei­terführung
  • ...
  • Bau­lei­tung ...

08/88-08/96 Ober­mon­teur, ... 3-5 Mit­ar­bei­ter,

...

AUSBIL­DUNG / STU­DIEN

2011 Fern­stu­di­um zum Bau­bio­lo­gen IBN
...
...

2006 Tech­ni­ker­schu­le B
Ab­schluss: Staat­lich ge­prüfter Um­welt­schutz­tech­ni­ker
Fach­be­reich: Al­ter­na­ti­ve En­er­gi­en, ...
...

2006 Tech­ni­ker­schu­le B
Zu­satz­prüfung: Aus­bil­der der Aus­bil­der
...

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...

1978 - 1981 ... Aus­bil­dung Hei­zungs- und Lüftungs­bau­er
Ab­schluss: Fach­ar­bei­ter
...

1969 - 1978 Grund- und Haupt­schu­le G
...“

Auf die Stel­len­aus­schrei­bung der be­klag­ten Stadt gin­gen bei die­ser ne­ben der Be­wer­bung des Klägers wei­te­re 55 Be­wer­bun­gen ein.

Die be­klag­te Stadt lud den Kläger nicht zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein und teil­te ihm mit Schrei­ben vom 4. No­vem­ber 2013 mit:

„...

In­zwi­schen wur­de über die Be­set­zung der aus­ge­schrie­be­nen Stel­le ent­schie­den.
Lei­der müssen wir Ih­nen mit­tei­len, dass Sie hier­bei nicht berück­sich­tigt wer­den konn­ten, da es hin­sicht­lich der Erfüllung der fach­li­chen An­for­de­run­gen ei­nen bes­ser qua­li­fi­zier­ten Be­wer­ber gab, der sehr aus­ge­prägte Fach­kennt­nis­se so­wie langjähri­ge Be­rufs­er­fah­rung in al­len ge­nann­ten Ge­wer­ken vor­wei­sen kann und zu­dem im be­son­de­ren Maße über die im An­for­de­rungs­pro­fil ge­for­der­te langjähri­ge Führungs­er­fah­rung verfügt.
...“

Mit sei­ner am 15. No­vem­ber 2013 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge hat der Kläger die be­klag­te Stadt auf Zah­lung ei­ner an­ge­mes­se­nen Entschädi­gung nach § 15 Abs. 2 AGG iHv. min­des­tens drei Mo­nats­gehältern à 2.861,96 Eu­ro in An­spruch ge­nom­men.

Er hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die be­klag­te Stadt ha­be ihn im Aus­wahl­ver­fah­ren we­gen sei­ner Schwer­be­hin­de­rung be­nach­tei­ligt. Die be­klag­te Stadt sei nach § 82 Satz 2 SGB IX ver­pflich­tet ge­we­sen, ihn zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den. Ei­ne Ein­la­dung sei nicht des­halb ent­behr­lich ge­we­sen, weil ihm of­fen­kun­dig die fach­li­che Eig­nung für die zu be­set­zen­de Stel­le ge­fehlt ha­be. Auf­grund sei­ner Aus­bil­dung und langjähri­gen Be­rufs­er­fah­rung verfüge er über ei­ne Qua­li­fi­ka­ti­on, die den in der Stel­len­aus­schrei­bung ge­nann-

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während sei­ner Tätig­keit als Ober­mon­teur ge­sam­melt.

Der Kläger hat zu­letzt be­an­tragt, 

die be­klag­te Stadt zu ver­ur­tei­len, an ihn ei­ne an­ge­mes­se­ne Entschädi­gung nach § 15 Abs. 2 AGG zu zah­len, de­ren Höhe in das Er­mes­sen des Ge­richts ge­stellt wird, die al­ler­dings 8.585,88 Eu­ro nicht un­ter­schrei­ten soll­te.

Die be­klag­te Stadt hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Der Kläger sei bei der Aus­wah­l­ent­schei­dung für die zu be­set­zen­de Stel­le nicht we­gen sei­ner Schwer­be­hin­de­rung be­nach­tei­ligt wor­den. Der Kläger sei schon kein Be­wer­ber iSv. § 82 Satz 2 SGB IX ge­we­sen. Der Be­griff der Be­wer­bung iSv. § 82 Satz 2 SGB IX sei re­strik­tiv da­hin aus­zu­le­gen, dass ei­ne Be­wer­bung nur vor­lie­ge, wenn dem Be­wer­bungs­schrei­ben prüffähi­ge neu­tra­le Un­ter­la­gen, ins­be­son­de­re Zeug­nis­se, bei­gefügt sei­en. Nur dann sei der öffent­li­che Ar­beit­ge­ber in der La­ge, sach­ge­recht zu prüfen, ob der In­ter­es­sent ge­eig­net sei oder ob dies of­fen­sicht­lich nicht der Fall sei. Des­un­ge­ach­tet sei sie nicht ver­pflich­tet ge­we­sen, den Kläger zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den, da der Kläger für die zu be­set­zen­de Stel­le of­fen­sicht­lich fach­lich un­ge­eig­net iSv. § 82 Satz 3 SGB IX sei. Der Kläger ha­be das zwin­gen­de An­for­de­rungs­pro­fil der Stel­len­aus­schrei­bung of­fen­sicht­lich nicht erfüllt. Ver­gleich­bar qua­li­fi­ziert iSd. Stel­len­aus­schrei­bung sei nur, wer auf­grund sei­ner schu­li­schen und be­ruf­li­chen Aus­bil­dung, sei­ner be­ruf­li­chen Tätig­keit oder auf­grund an­der­wei­tig er­wor­be­ner Kennt­nis­se den­je­ni­gen Stand an Kennt­nis­sen ha­be, der durch die in der Aus­schrei­bung ge­nann­ten Aus­bil­dungs­abschüsse ver­mit­telt würde. Zwar ha­be der Kläger ei­ne Aus­bil­dung zum Hei­zungs- und Lüftungs­bau­er ab­ge­schlos­sen; in die­sem Be­reich sei er al­ler­dings we­der Meis­ter noch staat­lich ge­prüfter Tech­ni­ker. Im Vor­der­grund sei­ner Aus­bil­dung zum staat­lich ge­prüften Um­welt­schutz­tech­ni­ker hätten die öko­lo­gi­sche und öko­no­mi­sche En­er­gie­ver­wen­dung und der Ein­satz al­ter­na­ti­ver En­er­gi­en und da­mit nur ein Spe­zi­al­be­reich der ge­for­der­ten Ge­wer­ke „Hei­zungs-/Sa­nitär-/Elek­tro­tech­nik“ ge­stan­den. Eben­so ha­be der Kläger in sei­ner Be­wer­bung kei­ne „langjähri­ge Führungs­er­fah­rung“ und „Führungs­kom­pe­tenz“ nach­ge­wie­sen. Dass der Kläger nicht we­gen sei­ner Be­hin­de­rung dis-

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kri­mi­niert wor­den sei, er­ge­be sich auch dar­aus, dass sie im Übri­gen al­le ihr nach dem SGB IX ob­lie­gen­den Pflich­ten erfülle.

Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge in dem vom Kläger an­ge­ge­be­nen Min­dest­um­fang statt­ge­ge­ben. Auf die Be­ru­fung der be­klag­ten Stadt hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt das erst­in­stanz­li­che Ur­teil - un­ter Kla­ge­ab­wei­sung im Übri­gen - teil­wei­se ab­geändert und dem Kläger ei­ne Entschädi­gung iHv. ei­nes Mo­nats­ge­halts, dh. iHv. 2.861,96 Eu­ro zu­ge­spro­chen. Mit ih­rer Re­vi­si­on ver­folgt die be­klag­te Stadt ihr Be­geh­ren nach vollständi­ger Kla­ge­ab­wei­sung wei­ter.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on der be­klag­ten Stadt ist un­be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­ru­fung der be­klag­ten Stadt ge­gen das ar­beits­ge­richt­li­che Ur­teil zu Recht teil­wei­se zurück­ge­wie­sen. Die zulässi­ge Kla­ge ist in Höhe des vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­spro­che­nen Be­tra­ges be­gründet. Die be­klag­te Stadt hat den Kläger im Aus­wahl­ver­fah­ren ent­ge­gen § 7 Abs. 1 AGG we­gen sei­ner Schwer­be­hin­de­rung be­nach­tei­ligt, wes­halb sie ihm nach § 15 Abs. 2 AGG ei­ne Entschädi­gung schul­det. Die vom Lan­des­ar­beits­ge­richt mit 2.861,96 Eu­ro be­stimm­te Höhe der Entschädi­gung ist re­vi­si­ons­recht­lich nicht zu be­an­stan­den.

I. Der persönli­che An­wen­dungs­be­reich des AGG ist eröff­net. Der Kläger ist als Be­wer­ber für ein Beschäfti­gungs­verhält­nis Beschäftig­ter iSd. AGG (§ 6 Abs. 1 Satz 2 Alt. 1 AGG). Die be­klag­te Stadt ist Ar­beit­ge­be­rin iSv. § 6 Abs. 2 Satz 1 AGG (vgl. ua. BAG 21. Ju­ni 2012 - 8 AZR 188/11 - Rn. 18 mwN, BA­GE 142, 143).

II. Der Kläger hat den Entschädi­gungs­an­spruch frist- und form­ge­recht gel­tend ge­macht und ein­ge­klagt (§ 15 Abs. 4 AGG, § 61b Abs. 1 ArbGG). Hierüber strei­ten die Par­tei­en auch nicht.

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III. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat zu Recht er­kannt, dass die be­klag­te Stadt ver­pflich­tet ist, an den Kläger ei­ne an­ge­mes­se­ne Entschädi­gung zu zah­len. Dies folgt aus § 15 Abs. 2 iVm. Abs. 1 Satz 1 und § 7 Abs. 1 AGG iVm. § 81 Abs. 2 Satz 1 und Satz 2 so­wie § 82 Satz 2 SGB IX.

1. Der An­spruch auf Entschädi­gung nach § 15 Abs. 2 AGG setzt ei­nen Ver­s­toß ge­gen das in § 7 Abs. 1 AGG ge­re­gel­te Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot vor­aus (§ 15 Abs. 2 iVm. § 15 Abs. 1 Satz 1 AGG) und ist ver­schul­dens­un­abhängig.

Das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot in § 7 Abs. 1 AGG un­ter­sagt im An­wen­dungs­be­reich des AGG ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des, ua. we­gen ei­ner Be­hin­de­rung. Zu­dem dürfen Ar­beit­ge­ber nach § 81 Abs. 2 Satz 1 SGB IX schwer­be­hin­der­te Beschäftig­te nicht we­gen ih­rer Be­hin­de­rung be­nach­tei­li­gen. Im Ein­zel­nen gel­ten hier­zu nach § 81 Abs. 2 Satz 2 SGB IX die Re­ge­lun­gen des AGG.

2. Der Kläger wur­de von der be­klag­ten Stadt un­mit­tel­bar we­gen sei­ner Schwer­be­hin­de­rung be­nach­tei­ligt iSv. § 7 Abs. 1, § 3 Abs. 1, § 1 AGG iVm. § 81 Abs. 2 Satz 1 SGB IX.

a) § 7 Abs. 1 AGG ver­bie­tet so­wohl un­mit­tel­ba­re als auch mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gun­gen. Nach § 3 Abs. 1 Satz 1 AGG liegt ei­ne - vor­lie­gend aus­sch­ließlich in Be­tracht kom­men­de - un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung vor, wenn ei­ne Per­son we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des, ua. ei­ner Be­hin­de­rung, ei­ne we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung erfährt als ei­ne an­de­re Per­son in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on erfährt, er­fah­ren hat oder er­fah­ren würde.

aa) Im Hin­blick auf ei­ne - ins­be­son­de­re bei ei­ner Ein­stel­lung und Beförde­rung zu tref­fen­de - Aus­wah­l­ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers be­fin­den sich Per­so­nen grundsätz­lich be­reits dann in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on, wenn sie sich für die­sel­be Stel­le be­wor­ben ha­ben (vgl. auch BAG 17. Au­gust 2010 - 9 AZR 839/08 - Rn. 29). Be­reits des­halb kommt es, so­fern ein Be­wer­ber vor­ab aus­ge­nom­men und da­mit vor­zei­tig aus dem Be­wer­bungs­ver­fah­ren aus­ge­schlos­sen wur­de, nicht zwangsläufig aus­sch­ließlich auf den Ver­gleich mit

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dem/der letzt­lich ein­ge­stell­ten Be­wer­ber/in an (vgl. et­wa BAG 22. Ok­to­ber 2015 - 8 AZR 384/14 - Rn. 20).

bb) Das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot des § 7 Abs. 1 AGG er­fasst nicht je­de Un­gleich­be­hand­lung, son­dern nur ei­ne Un­gleich­be­hand­lung „we­gen“ ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des. Zwi­schen der be­nach­tei­li­gen­den Be­hand­lung und ei­nem in § 1 AGG ge­nann­ten Grund muss dem­nach ein Kau­sal­zu­sam­men­hang be­ste­hen. Dafür ist es nicht er­for­der­lich, dass der be­tref­fen­de Grund iSv. § 1 AGG das aus­sch­ließli­che oder auch nur ein we­sent­li­ches Mo­tiv für das Han­deln des Be­nach­tei­li­gen­den ist; er muss nicht - ge­wis­ser­maßen als vor­herr­schen­der Be­weg­grund, Haupt­mo­tiv oder „Trieb­fe­der“ des Ver­hal­tens - hand­lungs­lei­tend oder be­wusst­seins­do­mi­nant ge­we­sen sein; viel­mehr ist der Kau­sal­zu­sam­men¬hang be­reits dann ge­ge­ben, wenn die Be­nach­tei­li­gung an ei­nen Grund iSv. § 1 AGG an­knüpft oder durch die­sen mo­ti­viert ist, wo­bei bloße Mit­ursächlich­keit genügt (vgl. et­wa BAG 26. Ju­ni 2014 - 8 AZR 547/13 - Rn. 34 mwN). Bei der Prüfung des Kau­sal­zu­sam­men­hangs sind al­le Umstände des Rechts­streits im Sin­ne ei­ner Ge­samt­be­trach­tung und -würdi­gung des Sach­ver­halts zu berück­sich­ti­gen (vgl. EuGH 25. April 2013 - C-81/12 - [Aso­cia­tia AC­CEPT] Rn. 50; 19. April 2012 - C-415/10 - [Meis­ter] Rn. 42, 44 f.; BAG 22. Ok­to­ber 2015 - 8 AZR 384/14 - Rn. 25; 26. Ju­ni 2014 - 8 AZR 547/13 - Rn. 31 mwN).

cc) Für den Rechts­schutz bei Dis­kri­mi­nie­run­gen sieht § 22 AGG im Hin­blick auf den Kau­sal­zu­sam­men­hang ei­ne Er­leich­te­rung der Dar­le­gungs­last, ei­ne Ab­sen­kung des Be­weis­maßes und ei­ne Um­kehr der Be­weis­last vor. Wenn im Streit­fall die ei­ne Par­tei In­di­zi­en be­weist, die ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des ver­mu­ten las­sen, trägt nach § 22 AGG die an­de­re Par­tei die Be­weis­last dafür, dass kein Ver­s­toß ge­gen die Be­stim­mun­gen zum Schutz vor Be­nach­tei­li­gung vor­ge­le­gen hat.

(1) Da­nach genügt ei­ne Per­son, die sich durch ei­ne Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes für be­schwert hält, ih­rer Dar­le­gungs­last be­reits dann, wenn sie In­di­zi­en vorträgt, die mit über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit dar­auf schließen las­sen, dass ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des er­folgt ist (vgl. BAG 21. Ju­ni 2012 - 8 AZR 364/11 - Rn. 33,

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BA­GE 142, 158; 15. März 2012 - 8 AZR 37/11 - Rn. 65, BA­GE 141, 48). Be­steht die Ver­mu­tung ei­ner Be­nach­tei­li­gung, trägt die an­de­re Par­tei die Dar­le­gungs- und Be­weis­last dafür, dass der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nicht ver­letzt wor­den ist (ua. EuGH 25. April 2013 - C-81/12 - [Aso­cia­tia AC­CEPT] Rn. 55 mwN; 10. Ju­li 2008 - C-54/07 - [Fe­ryn] Rn. 32, Slg. 2008, I-5187; BAG 26. Sep­tem­ber 2013 - 8 AZR 650/12 - Rn. 27). Hierfür gilt je­doch das Be­weis­maß des sog. Voll­be­wei­ses (vgl. et­wa BAG 18. Sep­tem­ber 2014 - 8 AZR 753/13 - Rn. 33). Der Ar­beit­ge­ber muss dem­nach Tat­sa­chen vor­tra­gen und ggf. be­wei­sen, aus de­nen sich er­gibt, dass aus­sch­ließlich an­de­re als die in § 1 AGG ge­nann­ten Gründe zu ei­ner ungüns­ti­ge­ren Be­hand­lung geführt ha­ben (vgl. et­wa BAG 17. Au­gust 2010 - 9 AZR 839/08 - Rn. 45). Die Be­weiswürdi­gung er­folgt nach § 286 Abs. 1 Satz 1 ZPO un­ter Zu­grun­de­le­gung der Vor­ga­ben von § 22 AGG (vgl. BAG 26. Ju­ni 2014 - 8 AZR 547/13 - Rn. 32 ff. mwN).

(2) Die Ver­let­zung der in § 82 Satz 2 SGB IX ge­re­gel­ten Ver­pflich­tung ei­nes öffent­li­chen Ar­beit­ge­bers, ei­ne/n schwer­be­hin­der­te/n Be­wer­ber/in zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den, be­gründet re­gelmäßig die Ver­mu­tung ei­ner Be­nach­tei­li­gung we­gen der Be­hin­de­rung. Die­se Pflicht­ver­let­zung ist nämlich grundsätz­lich ge­eig­net, den An­schein zu er­we­cken, an der Beschäfti­gung schwer­be­hin­der­ter Men­schen un­in­ter­es­siert zu sein (vgl. BAG 22. Ok­to­ber 2015 - 8 AZR 384/14 - Rn. 35; 26. Ju­ni 2014 - 8 AZR 547/13 - Rn. 45 mwN).

b) Nach die­sen Grundsätzen hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt oh­ne Rechts­feh­ler er­kannt, dass der Kläger ei­ne ungüns­ti­ge­re Be­hand­lung we­gen sei­ner Schwer­be­hin­de­rung er­fah­ren hat und dass ihm des­halb ei­ne Entschädi­gung nach § 15 Abs. 2 AGG zu­steht.

aa) Der Kläger hat ge­genüber dem letzt­lich ein­ge­stell­ten Be­wer­ber so­wie ge­genüber an­de­ren Be­wer­bern und Be­wer­be­rin­nen, die zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­ge­la­den wur­den, ei­ne ungüns­ti­ge­re Be­hand­lung er­fah­ren. Hierüber strei­ten die Par­tei­en nicht.

bb) Der Kläger wur­de im Aus­wahl­ver­fah­ren auch we­gen sei­ner Schwer­be­hin­de­rung be­nach­tei­ligt. Die be­klag­te Stadt war als öffent­li­che Ar­beit­ge­be­rin

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iSd. § 71 Abs. 3 Nr. 3 SGB IX nach § 82 Satz 2 SGB IX ver­pflich­tet, den Kläger zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den. Von die­ser Ver­pflich­tung war sie nicht nach § 82 Satz 3 SGB IX aus­nahms­wei­se we­gen of­fen­sicht­li­chen Feh­lens der fach­li­chen Eig­nung des Klägers be­freit.

(1) Be­wirbt sich ein schwer­be­hin­der­ter Mensch bei ei­nem öffent­li­chen Ar­beit­ge­ber um ei­ne zu be­set­zen­de Stel­le, so hat die­ser ihn nach § 82 Satz 2 SGB IX zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den. Nach § 82 Satz 3 SGB IX ist ei­ne Ein­la­dung nur dann ent­behr­lich, wenn dem schwer­be­hin­der­ten Men­schen die fach­li­che Eig­nung of­fen­sicht­lich fehlt. Da­mit muss der öffent­li­che Ar­beit­ge­ber ei­nem sich be­wer­ben­den schwer­be­hin­der­ten Men­schen die Chan­ce ei­nes Vor­stel­lungs­gesprächs auch dann gewähren, wenn des­sen fach­li­che Eig­nung zwar zwei­fel­haft, aber nicht of­fen­sicht­lich aus­ge­schlos­sen ist (BAG 12. Sep­tem­ber 2006 - 9 AZR 807/05 - Rn. 24, BA­GE 119, 262). In­so­weit ist der schwer­be­hin­der­te Be­wer­ber im Be­wer­bungs­ver­fah­ren bes­ser ge­stellt als nicht schwer­be­hin­der­te Kon­kur­ren­ten (BAG 22. Ok­to­ber 2015 - 8 AZR 384/14 - Rn. 27).

(2) Die be­klag­te Stadt hat ge­gen ih­re Ver­pflich­tung nach § 82 Satz 2 SGB IX ver­s­toßen, den schwer­be­hin­der­ten Kläger zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den.

(a) Die be­klag­te Stadt kann hier­ge­gen nicht mit Er­folg ein­wen­den, sie ha­be den Kläger be­reits des­halb nicht zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­la­den müssen, weil die­ser nicht Be­wer­ber iSv. § 82 Satz 2 SGB IX ge­we­sen sei. Der Kläger war „Be­wer­ber“ iSv. § 82 Satz 2 SGB IX.

Der Be­griff des Be­wer­bers iSv. § 82 Satz 2 SGB IX ent­spricht dem Be­wer­ber­be­griff nach § 6 Abs. 1 Satz 2 Alt. 1 AGG. Die­se Be­stim­mung enthält ei­nen for­ma­len Be­wer­ber­be­griff, wo­nach der­je­ni­ge Be­wer­ber ist, der ei­ne Be­wer­bung ein­ge­reicht hat. Bis zum In­kraft­tre­ten des AGG re­gel­te § 81 Abs. 2 Satz 2 Nr. 2 und Nr. 3 SGB IX aF ei­nen ei­genständi­gen Entschädi­gungs­an­spruch für schwer­be­hin­der­te „Be­wer­ber“ ne­ben § 611a BGB (vgl. BT-Drs. 14/5074 S. 113: ent­spre­chend § 611a BGB und zur Um­set­zung der

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RL 2000/78/EG). Mit dem AGG wur­de so­dann der Be­wer­ber­schutz auf al­le Merk­ma­le des AGG er­wei­tert.

(b) Ent­ge­gen der Rechts­auf­fas­sung der be­klag­ten Stadt ist der Be­griff des Be­wer­bers iSv. § 82 Satz 2 SGB IX auch nicht des­halb re­strik­tiv aus­zu­le­gen, weil der öffent­li­che Ar­beit­ge­ber nur dann sach­ge­recht prüfen könn­te, ob ein In­ter­es­sent ge­eig­net ist oder ob dies of­fen­sicht­lich nicht der Fall ist, wenn dem Be­wer­bungs­schrei­ben prüffähi­ge neu­tra­le Un­ter­la­gen, ins­be­son­de­re Zeug­nis­se, bei­gefügt wur­den. § 82 Satz 3 SGB IX re­gelt nicht den Be­griff des Be­wer­bers; die of­fen­sicht­lich feh­len­de fach­li­che Eig­nung iSv. § 82 Satz 3 SGB IX er­laubt es dem öffent­li­chen Ar­beit­ge­ber nur, aus­nahms­wei­se von der Ein­la­dung ei­nes schwer­be­hin­der­ten Men­schen zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ab­zu­se­hen.

(3) Die be­klag­te Stadt war - wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­tref­fend an­ge­nom­men hat - von der Ver­pflich­tung, den Kläger zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den, auch nicht aus­nahms­wei­se nach § 82 Satz 3 SGB IX be­freit.

(a) Zur Be­ur­tei­lung der fach­li­chen Eig­nung des/der Be­wer­bers/Be­wer­be­rin ist auf das in der veröffent­lich­ten Stel­len­aus­schrei­bung ent­hal­te­ne An­for­de­rungs­pro­fil ab­zu­stel­len. Mit der Be­stim­mung ei­nes An­for­de­rungs­pro­fils für die zu ver­ge­ben­de Stel­le legt der Ar­beit­ge­ber die Kri­te­ri­en für die Aus­wahl der Be­wer­ber fest; an ihm wer­den die Ei­gen­schaf­ten und Fähig­kei­ten der Be­wer­ber ge­mes­sen (vgl. BVerfG 8. Ok­to­ber 2007 - 2 BvR 1846/07 - Rn. 18, BVerfGK 12, 284). Der öffent­li­che Ar­beit­ge­ber hat im An­for­de­rungs­pro­fil die for­ma­len Vor­aus­set­zun­gen, fach­li­chen Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten so­wie außer­fach­li­chen Kom­pe­ten­zen zu be­schrei­ben, die ein Be­wer­ber für ei­ne er­folg­rei­che Bewälti­gung der künf­ti­gen Tätig­keit benötigt und die dem­ent­spre­chend der leis­tungs­be­zo­ge­nen Aus­wahl zu­grun­de zu le­gen sind. Auf­grund des An­for­de­rungs­pro­fils sol­len ei­ner­seits ge­eig­ne­te Be­wer­ber ge­fun­den, an­de­rer­seits un­ge­eig­ne­te Be­wer­ber schon im Vor­feld der ei­gent­li­chen Aus­wah­l­ent­schei­dung aus dem Kreis der in das en­ge­re Aus­wahl­ver­fah­ren ein­zu­be­zie­hen­den Be­wer­ber aus­ge­schlos­sen wer­den. Mit der Fest­le­gung des An­for­de­rungs­pro­fils wird ein we­sent­li­cher Teil der Aus­wah­l­ent­schei­dung vor­weg­ge­nom­men. Zu­gleich be­stimmt der öffent­li­che Ar­beit­ge­ber mit dem An­for­de­rungs­pro­fil den Um­fang sei­ner - der ei­gent­li-

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chen Aus­wah­l­ent­schei­dung vor­ge­la­ger­ten - ver­fah­rens­recht­li­chen Ver­pflich­tung nach § 82 Satz 2 und Satz 3 SGB IX (vgl. et­wa BAG 24. Ja­nu­ar 2013 - 8 AZR 188/12 - Rn. 30 mwN). Bei der Er­stel­lung des An­for­de­rungs­pro­fils ist der öffent­li­che Ar­beit­ge­ber an die ge­setz­li­chen und ta­rif­ver­trag­li­chen Vor­ga­ben ge­bun­den (BVerwG 3. März 2011 - 5 C 16.10 - Rn. 22, BVerw­GE 139, 135). Er hat das An­for­de­rungs­pro­fil aus­sch­ließlich nach ob­jek­ti­ven Kri­te­ri­en an­zu­fer­ti­gen.

„Of­fen­sicht­lich” fach­lich nicht ge­eig­net ist, wer „un­zwei­fel­haft” in­so­weit nicht dem An­for­de­rungs­pro­fil der zu ver­ge­ben­den Stel­le ent­spricht (vgl. BAG 20. Ja­nu­ar 2016 - 8 AZR 194/14 - Rn. 32; 22. Ok­to­ber 2015 - 8 AZR 384/14 - Rn. 27). Bloße Zwei­fel an der fach­li­chen Eig­nung recht­fer­ti­gen es nicht, von ei­ner Ein­la­dung ab­zu­se­hen, weil sich Zwei­fel im Vor­stel­lungs­gespräch ausräum­en las­sen können (Be­ckOK SozR/Gut­zeit Stand 1. De­zem­ber 2014 SGB IX § 82 Rn. 1). Der schwer­be­hin­der­te Mensch soll nach § 82 Satz 2 SGB IX die Chan­ce ha­ben, sich in ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch zu präsen­tie­ren und den öffent­li­chen Ar­beit­ge­ber von sei­ner Eig­nung zu über­zeu­gen (vgl. et­wa BAG 22. Ok­to­ber 2015 - 8 AZR 384/14 - Rn. 29; 21. Ju­li 2009 - 9 AZR 431/08 - Rn. 22, BA­GE 131, 232).

Ob der schwer­be­hin­der­te Mensch für die zu be­set­zen­de Stel­le of­fen­sicht­lich fach­lich un­ge­eig­net ist, ist an­hand ei­nes Ver­gleichs zwi­schen dem An­for­de­rungs­pro­fil und dem (fach­li­chen) Leis­tungs­pro­fil des Be­wer­bers oder der Be­wer­be­rin zu er­mit­teln (BVerwG 3. März 2011 - 5 C 16.10 - Rn. 20, BVerw­GE 139, 135; ähn­lich Schröder in Hauck/Noftz SGB IX Stand No­vem­ber 2015 K § 82 Rn. 6). Las­sen be­reits die Be­wer­bungs­un­ter­la­gen zwei­fels­frei er­ken­nen, dass die durch das An­for­de­rungs­pro­fil zulässig vor­ge­ge­be­nen fach­li­chen Kri­te­ri­en nicht erfüllt wer­den, be­steht für den öffent­li­chen Ar­beit­ge­ber kei­ne Ver­pflich­tung, den schwer­be­hin­der­ten Men­schen zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den (vgl. Wie­gand in Wie­gand SGB IX Teil 2 Schwer­be­hin­der­ten­recht Stand Sep­tem­ber 2015 § 82 Rn. 5).

Zwar trifft den öffent­li­chen Ar­beit­ge­ber in ei­nem Pro­zess die Dar­le­gungs- und Be­weis­last dafür, dass der/die schwer­be­hin­der­te Be­wer­ber/in of­fen­sicht­lich fach­lich un­ge­eig­net ist. Bei § 82 Satz 3 SGB IX han­delt es sich um ei-

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nen Aus­nah­me­tat­be­stand, nach dem die nach § 82 Satz 2 SGB IX er­for­der­li­che Ein­la­dung zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch „ent­behr­lich“ ist (vgl. Trenk-Hin­ter­ber­ger in HK-SGB IX 3. Aufl. § 82 Rn. 9; aA wohl Knit­tel SGB IX 9. Aufl. § 82 Rn. 34). Al­ler­dings muss der öffent­li­che Ar­beit­ge­ber be­reits im Ver­lauf des Aus­wahl­ver­fah­rens prüfen und ent­schei­den können, ob er ei­nen schwer­be­hin­der­ten Men­schen zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­la­den muss oder ob er nach § 82 Satz 3 SGB IX von der Ver­pflich­tung zur Ein­la­dung be­freit ist. Die­se Prüfung und Ent­schei­dung muss der/die schwer­be­hin­der­te Be­wer­ber/in dem öffent­li­chen Ar­beit­ge­ber durch ent­spre­chen­de An­ga­ben zu sei­nem/ih­rem fach­li­chen Leis­tungs­pro­fil in der Be­wer­bung bzw. den bei­gefügten Be­wer­bungs­un­ter­la­gen ermögli­chen. Kommt der/die Be­wer­ber/in die­ser Mit­wir­kungs­pflicht nicht aus­rei­chend nach, geht dies re­gelmäßig zu sei­nen/ih­ren Las­ten. Auch in ei­nem sol­chen Fall be­steht für den öffent­li­chen Ar­beit­ge­ber re­gelmäßig kei­ne Ver­pflich­tung, den schwer­be­hin­der­ten Men­schen zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den.

(b) Da­nach ist die An­nah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts, die be­klag­te Stadt sei von der Ver­pflich­tung, den Kläger zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den, nicht aus­nahms­wei­se nach § 82 Satz 3 SGB IX be­freit, re­vi­si­ons­recht­lich nicht zu be­an­stan­den.

(aa) Ent­ge­gen der Rechts­auf­fas­sung der be­klag­ten Stadt war der Kläger sei­ner Mit­wir­kungs­pflicht nach­ge­kom­men. Die be­klag­te Stadt war auf­grund der An­ga­ben des Klägers in sei­nen Be­wer­bungs­un­ter­la­gen oh­ne Wei­te­res in der La­ge zu prüfen und zu ent­schei­den, ob sie den Kläger nach § 82 Satz 2 SGB IX zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­la­den muss­te oder ob sie hier­von nach § 82 Satz 3 SGB IX ab­se­hen durf­te. Der Kläger hat­te in sei­nem Be­wer­bungs­schrei­ben An­ga­ben zu sei­ner fach­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on ge­macht und die­sem Schrei­ben ei­nen ausführ­li­chen Le­bens­lauf bei­gefügt, in dem er sei­ne Ab­schlüsse, Aus­bil­dungs­sta­tio­nen, die Aus­bil­dungs­in­hal­te und sei­ne bis­he­ri­gen be­ruf­li­chen Tätig­kei­ten im Ein­zel­nen erläutert hat. Dass der Kläger sei­nen Be­wer­bungs­un­ter­la­gen kei­ne Zeug­nis­se bei­gefügt hat­te, führt - wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­tref­fend an­ge­nom­men hat - nicht zu ei­ner an­de­ren Be­wer­tung. Da die be­klag­te

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Stadt in der Stel­len­aus­schrei­bung kei­ne be­stimm­te No­te als Min­dest­qua­li­fi­ka­ti­on ge­for­dert hat, wäre der Kläger auch dann zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den ge­we­sen, wenn er schlech­te Zeug­nis­no­ten ge­habt hätte (vgl. BVerwG 3. März 2011 - 5 C 16.10 - Rn. 22, 24, BVerw­GE 139, 135). Nach § 82 Satz 2 SGB IX müssen schwer­be­hin­der­te Be­wer­ber/in­nen zwin­gend zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­ge­la­den wer­den. Dies gilt auch dann, wenn ei­ne Sich-tung der Be­wer­bungs­un­ter­la­gen si­cher er­gibt, dass an­de­re Be­wer­ber deut­lich bes­ser ge­eig­net sind. Im Fal­le schwer­be­hin­der­ter Be­wer­ber soll der persönli­che Ein­druck ent­schei­dend sein und nicht die „Pa­pier­form“ (vgl. BAG 21. Ju­li 2009 - 9 AZR 431/08 - Rn. 22 und 28, BA­GE 131, 232). Im Übri­gen hat die be­klag­te Stadt die fach­li­che Eig­nung des Klägers auf der Grund­la­ge des von die­sem vor­ge­leg­ten Le­bens­laufs be­ur­teilt und ist zu der Einschätzung ge­langt, dass dem Kläger die fach­li­che Eig­nung of­fen­sicht­lich fehlt.

(bb) Dem Kläger fehl­te - wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt eben­falls zu­tref­fend er­kannt hat - auch nicht of­fen­sicht­lich die fach­li­che Eig­nung. Zwar mag zwei­fel­haft sein, ob der Kläger letzt­lich für die zu be­set­zen­de Stel­le fach­lich ge­eig­net war; Zwei­fel an der fach­li­chen Eig­nung des Klägers hätten aber - wie un­ter Rn. 36 aus­geführt - nicht aus­ge­reicht, um von ei­ner Ein­la­dung zum Vor­stel­lungs­gespräch ab­zu­se­hen. Der Kläger hätte viel­mehr of­fen­sicht­lich, dh. un­zwei­fel­haft fach­lich nicht ge­eig­net sein müssen. Die­se Vor­aus­set­zung liegt - wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt nach Würdi­gung al­ler Umstände zu­tref­fend an­ge­nom­men hat - nicht vor.

(aaa) Un­strei­tig verfügte der Kläger über ei­nen Ab­schluss als staat­lich ge­prüfter Um­welt­schutz­tech­ni­ker, zu­dem war er ge­lern­ter Zen­tral­hei­zungs- und Lüftungs­bau­er. Die­ser Be­ruf ist - wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt fest­ge­stellt hat - später in dem Nach­fol­ge­be­ruf „An­la­gen­me­cha­ni­ker für Sa­nitär-, Hei­zungs- und Kli­ma­tech­nik“ auf­ge­gan­gen. Darüber hin­aus war der Kläger langjährig in den Be­rei­chen Hei­zung, Lüftung und Sa­nitär tätig und während die­ser Zeit in die Hand­werks­rol­le (vom Kläger als Meis­ter­rol­le be­zeich­net) ein­ge­tra­gen. Er hat­te darüber hin­aus an der Tech­ni­ker­schu­le ei­ne Zu­satz­prüfung „Aus­bil­der der Aus­bil­der“ ab­ge­legt. Die da­mit er­wor­be­nen be­rufs- und ar­beitspädago­gi­schen

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Kennt­nis­se sind, wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt eben­falls fest­ge­stellt hat, auch Be­stand­teil ei­ner Meis­ter­prüfung, § 51a Abs. 3 HwO. Da­mit war je­den­falls nicht un­zwei­fel­haft aus­zu­sch­ließen, dass der Kläger den Stand an Kennt­nis­sen hat­te, die durch die in der Aus­schrei­bung ge­nann­ten Aus­bil­dungs­ab­schlüsse „staat­lich ge­prüfter Tech­ni­ker“ oder „Meis­ter“ im Ge­werk „Hei­zungs-/Sa­nitär-/Elek­tro­tech-nik“ ver­mit­telt wur­den, zu­mal die be­klag­te Stadt auch nicht erläutert hat, wel­che der drei Ge­wer­ke der Kläger mit sei­ner Qua­li­fi­ka­ti­on nicht aus­rei­chend „ver­gleich­bar“ ab­deck­te.

(bbb) Die be­klag­te Stadt kann sich auch nicht mit Er­folg dar­auf be­ru­fen, die of­fen­sicht­lich feh­len­de fach­li­che Eig­nung des Klägers er­ge­be sich dar­aus, dass die­ser nicht über - den Kennt­nis­sen ei­nes staat­lich ge­prüften Tech­ni­kers oder Meis­ters „im Ge­werk Hei­zungs-/Sa­nitär-/Elek­tro­tech­nik“ - gleich­wer­ti­ge Kennt­nis­se der Brei­te und der Tie­fe nach verfüge. Auch in­so­weit fehlt es be­reits an jeg­li­chen Dar­le­gun­gen der be­klag­ten Stadt da­zu, wel­che Kennt­nis­se in wel­cher Tie­fe und Brei­te ein staat­lich ge­prüfter Tech­ni­ker oder Meis­ter in den ge­nann­ten Ge­wer­ken hat und war­um die­se Kennt­nis­se beim Kläger of­fen­sicht­lich nicht vor­han­den wa­ren

(ccc) So­weit das Vor­brin­gen der be­klag­ten Stadt zum Feh­len gleich­wer­ti­ger Kennt­nis­se der Brei­te und der Tie­fe nach da­hin zu ver­ste­hen sein soll­te, dass sie gel­tend ma­chen will, der Kläger sei des­halb of­fen­sicht­lich fach­lich un­ge­eig­net, weil er of­fen­sicht­lich nicht die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Ein­grup­pie­rung in die Ent­gelt­grup­pe 11 TVöD (VergGr. IVa/III BAT) erfülle, führt auch dies zu kei­ner an­de­ren Be­ur­tei­lung. Ob der schwer­be­hin­der­te Mensch für die zu be­set­zen­de Stel­le of­fen­sicht­lich fach­lich nicht ge­eig­net ist, ist, wie un­ter Rn. 37 aus­geführt, an­hand ei­nes Ver­gleichs zwi­schen dem An­for­de­rungs­pro­fil der Stel­le und dem fach­li­chen Leis­tungs­pro­fil des/der Be­wer­bers/Be­wer­be­rin zu er­mit­teln. Zwar ist der öffent­li­che Ar­beit­ge­ber - wie un­ter Rn. 35 aus­geführt - bei der Er­stel­lung des An­for­de­rungs­pro­fils an die ge­setz­li­chen und ta­rif­ver­trag­li­chen Vor­ga­ben ge­bun­den; dies be­deu­tet al­ler­dings nur, dass er - so­weit die ta­rif­li­che Ein­grup­pie­rung in Re­de steht - kei­ne höhe­ren An­for­de­run­gen stel­len darf, als dies nach den ein­schlägi­gen ta­rif­li­chen Ein­grup­pie­rungs­merk­ma­len er­for­der­lich

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ist. Das An­for­de­rungs­pro­fil der zu ver­ge­ben­den Stel­le wird dem­nach durch die ta­rif­li­chen Merk­ma­le der in Aus­sicht ge­nom­me­nen Ent­gelt­grup­pe oder Vergütungs­grup­pe zwar be­grenzt, aber nicht in­halt­lich aus­gefüllt. Dies gilt auch dann, wenn - wie hier - die vor­ge­se­he­ne Ein­grup­pie­rung in der Stel­len­aus­schrei­bung an­ge­ge­ben wird. Dies folgt aus dem im Ein­grup­pie­rungs­recht gel­ten­den Grund­satz der Ta­rif­au­to­ma­tik. Der/die Beschäftig­te wird nicht durch den Ar­beit­ge­ber ein­grup­piert, son­dern ist ein­grup­piert. Mit der An­ga­be der Vergütungs- oder Ent­gelt­grup­pe (im Ar­beits­ver­trag oder in ei­ner Ein­grup­pie­rungs­mit­tei­lung) wird da­nach nur wie­der­ge­ge­ben, wel­che Vergütungs- oder Ent­gelt­grup­pe der öffent­li­che Ar­beit­ge­ber bei An­wen­dung der maßgeb­li­chen Ein­grup­pie­rungs­vor­schrif­ten als zu­tref­fend an­sieht (vgl. et­wa BAG 20. Ju­ni 2012 - 4 AZR 304/10 Rn. 38; 17. Ju­li 2003 - 8 AZR 376/02 - zu II 2 a aa (3) der Gründe; 16. Fe­bru­ar 2000 - 4 AZR 62/99 - zu II 1 a der Gründe, BA­GE 93, 340).

Im Übri­gen fehlt es an jeg­li­chem Vor­brin­gen der be­klag­ten Stadt da­zu, wor­aus sich kon­kret er­ge­ben soll, dass gleich­wer­ti­ge Kennt­nis­se der Tie­fe und der Brei­te nach er­for­der­lich sein sol­len. Zwar wer­den nach § 17 Abs. 7 TVÜ-VKA für Ein­grup­pie­run­gen zwi­schen dem 1. Ok­to­ber 2005 und dem In­kraft­tre­ten der neu­en Ent­gel­t­ord­nung die Vergütungs­grup­pen der Vergütungs­ord­nung zum BAT gemäß An­la­ge 3 TVÜ-VKA den Ent­gelt­grup­pen des TVöD zu­ge­ord­net. In­so­weit sieht die An­la­ge 3 zum TVÜ-VKA vor, dass der Ent­gelt­grup­pe 11 TVöD die Vergütungs­grup­pen BAT III oh­ne Auf­stieg nach II so­wie BAT IVa mit Auf­stieg nach III zu­ge­ord­net wer­den. Al­ler­dings be­stimmt die Vergütungs­ord­nung zum BAT für An­ge­stell­te in tech­ni­schen Be­ru­fen für die Ein­grup­pie­rung so­wohl in die Vergütungs­grup­pe IVa als auch in die Vergütungs­grup­pe III zunächst grund­le­gend, dass es sich ent­we­der um ei­nen tech­ni­schen An­ge­stell­ten mit tech­ni­scher Aus­bil­dung nach Nr. 2 der Vor­be­mer­kun­gen zu al­len Vergütungs­grup­pen oder um ei­nen sons­ti­gen An­ge­stell­ten han­deln muss, der auf­grund gleich­wer­ti­ger Fähig­kei­ten und sei­ner Er­fah­run­gen ent­spre­chen­de Tätig­kei­ten ausübt. Auf gleich­wer­ti­ge Kennt­nis­se der Brei­te und der Tie­fe nach kommt es in die­sem Zu­sam­men­hang nicht an. Die Brei­te und Tie­fe des fach­li­chen Könnens kann zwar ei­ne Rol­le spie­len bei der Fra­ge, ob sich die Tätig­keit durch „be­son­de­re Schwie­rig­keit“ aus ei­ner an­de­ren Vergütungs­grup­pe oder aus

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ei­ner an­de­ren Fall­grup­pe der­sel­ben Vergütungs­grup­pe her­aus­hebt. Auch be­zieht sich die ta­rif­li­che An­for­de­rung der „be­son­de­ren Schwie­rig­keit“ nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf die fach­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on des/der Beschäftig­ten, al­so auf sein/ihr fach­li­ches Können und sei­ne/ih­re fach­li­che Er­fah­rung. Ver­langt wird ein Wis­sen und Können, das die An­for­de­run­gen ei­ner an­de­ren Vergütungs­grup­pe oder an­de­ren Fall­grup­pe der­sel­ben Vergütungs­grup­pe in ge­wich­ti­ger Wei­se über­steigt. Die­se erhöhte Qua­li­fi­ka­ti­on kann sich im Ein­zel­fall aus der Brei­te und Tie­fe des ge­for­der­ten fach­li­chen Wis­sens und Könnens er­ge­ben, aber auch aus außer­gewöhn­li­chen Er­fah­run­gen oder ei­ner sons­ti­gen gleich­wer­ti­gen Qua­li­fi­ka­ti­on, wie et­wa Spe­zi­al­kennt­nis­sen (vgl. et­wa BAG 19. Mai 2010 - 4 AZR 912/08 - Rn. 37; 25. Fe­bru­ar 2009 - 4 AZR 20/08 - Rn. 36; 1. Au­gust 2001 - 4 AZR 298/00 - zu 1 f cc (1) der Gründe). Die be­klag­te Stadt hat je­doch nicht im An­satz erläutert, aus wel­chem Grund wel­ches fach­li­che Wis­sen und Können in wel­cher Tie­fe und Brei­te für wel­che Ein­grup­pie­rung in wel­che Vergütungs­grup­pe bzw. Fall­grup­pe ver­langt wird.

(ddd) Der Kläger ist ent­ge­gen der Auf­fas­sung der be­klag­ten Stadt auch nicht des­halb für die zu be­set­zen­de Stel­le of­fen­sicht­lich fach­lich un­ge­eig­net, weil es ihm an der ge­for­der­ten Führungs­er­fah­rung oder an ei­ner Führungs­kom­pe­tenz feh­len würde. Der Kläger hat­te in sei­ner Be­wer­bung an­ge­ge­ben, dass er über ei­ne langjähri­ge Tätig­keit als Führungs­kraft verfügt. Dies hat die be­klag­te Stadt nicht be­strit­ten. Ob er in­so­weit Führungs­kom­pe­tenz er­wor­ben hat, lässt sich je­den­falls nicht zwei­fels­frei aus­sch­ließen, son­dern wäre im Vor­stel­lungs­gespräch zu klären ge­we­sen.

(4) Sch­ließlich ist auch die An­nah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts, die be­klag­te Stadt ha­be die Ver­mu­tung, dass der Kläger we­gen sei­ner Schwer­be­hin­de­rung be­nach­tei­ligt wur­de, nicht wi­der­legt, re­vi­si­ons­recht­lich nicht zu be­an­stan­den.

(a) Nicht nur die Würdi­gung der Tat­sa­chen­ge­rich­te, ob die von ei­nem Be­wer­ber/ei­ner Be­wer­be­rin vor­ge­tra­ge­nen und un­strei­ti­gen oder be­wie­se­nen Tat­sa­chen ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen der Be­hin­de­rung ver­mu­ten las­sen, son-

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dern auch die Würdi­gung, ob die von dem Ar­beit­ge­ber vor­ge­brach­ten Tat­sa­chen den Schluss dar­auf zu­las­sen, dass kein Ver­s­toß ge­gen die Be­stim­mun­gen zum Schutz vor Be­nach­tei­li­gun­gen vor­ge­le­gen hat, sind nur ein­ge­schränkt re­vi­si­bel. In bei­den Fällen be­schränkt sich die re­vi­si­ons­ge­richt­li­che Kon­trol­le dar­auf, ob die Würdi­gung des Tat­sa­chen­ge­richts möglich und in sich wi­der­spruchs­frei ist und nicht ge­gen Rechtssätze, Denk­ge­set­ze oder Er­fah­rungssätze verstößt (BAG 20. Ja­nu­ar 2016 - 8 AZR 194/14 - Rn. 28; 22. Ok­to­ber 2015 - 8 AZR 384/14 - Rn. 50).

(b) Da­nach hält das an­ge­foch­te­ne Ur­teil ei­ner re­vi­si­ons­ge­richt­li­chen Über­prüfung stand. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat sich mit dem Pro­zess­stoff um­fas­send aus­ein­an­der­ge­setzt. Sei­ne Würdi­gung ist vollständig, recht­lich möglich und in sich wi­der­spruchs­frei und verstößt nicht ge­gen Rechtssätze, Denk­ge­set­ze oder Er­fah­rungssätze.

(aa) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt ist zunächst in Übe­rein­stim­mung mit der Recht­spre­chung des Se­nats zu­tref­fend da­von aus­ge­gan­gen, dass es zur Wi­der­le­gung der auf den Ver­s­toß ge­gen § 82 Satz 2 SGB IX gestütz­ten Kau­sa­litäts­ver­mu­tung nicht aus­ge­reicht hätte, wenn die be­klag­te Stadt Tat­sa­chen vor­ge­tra­gen und ggf. be­wie­sen hätte, aus de­nen sich er­gab, dass aus­sch­ließlich an­de­re Gründe als die Be­hin­de­rung für die Be­nach­tei­li­gung des Klägers aus­schlag­ge­bend wa­ren, son­dern dass hin­zu­kom­men muss­te, dass die­se Gründe nicht die fach­li­che Eig­nung des Klägers be­tra­fen. Die­se zusätz­li­che An­for­de­rung folgt aus der in § 82 Satz 3 SGB IX ge­trof­fe­nen Be­stim­mung, wo­nach ei­ne Ein­la­dung des schwer­be­hin­der­ten Be­wer­bers zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch nur dann ent­behr­lich ist, wenn die­sem die fach­li­che Eig­nung of­fen­sicht­lich fehlt. § 82 Satz 3 SGB IX enthält in­so­weit ei­ne ab­sch­ließen­de Re­ge­lung, die be­wirkt, dass sich der (po­ten­ti­el­le) Ar­beit­ge­ber zur Wi­der­le­gung der in­fol­ge der Ver­let­zung des § 82 Satz 2 SGB IX ver­mu­te­ten Kau­sa­lität nicht auf Umstände be­ru­fen kann, die die fach­li­che Eig­nung des Be­wer­bers berühren. Die Wi­der­le­gung die­ser Ver­mu­tung setzt da­her den Nach­weis vor­aus, dass die Ein­la­dung zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch auf­grund von Umständen un­ter­blie­ben ist, die we­der ei­nen Be­zug zur Be­hin­de­rung auf­wei­sen noch die fach­li­che Eig­nung des Be-

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wer­bers berühren. Die­se Ein­schränkung gilt al­ler­dings nur für den Be­reich des öffent­li­chen Diens­tes und nicht für pri­va­te Ar­beit­ge­ber (vgl. et­wa BAG 20. Ja­nu­ar 2016 - 8 AZR 194/14 - Rn. 45 mwN).

(bb) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat so­dann an­ge­nom­men, die be­klag­te Stadt ha­be sol­che Umstände nicht vor­ge­tra­gen. Die­se Würdi­gung lässt ins­be­son­de­re vor dem Hin­ter­grund, dass die Ver­mu­tungs­wir­kung ei­nes Ver­s­toßes ge­gen die in § 82 Satz 2 SGB IX be­stimm­te Ver­pflich­tung, den/die schwer­be­hin­der­te/n Be­wer­ber/in zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den, nicht da­durch auf­ge­ho­ben wird, dass der Ar­beit­ge­ber in der Stel­len­aus­schrei­bung dar­auf hin­weist, dass schwer­be­hin­der­te Be­wer­ber bei glei­cher Eig­nung be­vor­zugt ein­ge­stellt wer­den, re­vi­si­ble Rechts­feh­ler nicht er­ken­nen. Das­sel­be gilt, so­fern der Ar­beit­ge­ber die Be­wer­bungs­un­ter­la­gen des/der schwer­be­hin­der­ten Be­wer­bers/Be­wer­be­rin be­son­ders sorgfältig prüft, die Pflicht­quo­te erfüllt oder ei­nem ver­meint­li­chen Rechts­irr­tum un­ter­liegt.

3. Der Kläger hat ge­gen die be­klag­te Stadt ei­nen Entschädi­gungs­an­spruch nach § 15 Abs. 2 AGG in der vom Be­ru­fungs­ge­richt aus­ge­ur­teil­ten Höhe.

a) Nach § 15 Abs. 2 AGG kann der oder die Beschäftig­te we­gen ei­nes Scha­dens, der nicht Vermögens­scha­den ist, ei­ne an­ge­mes­se­ne Entschädi­gung in Geld ver­lan­gen. Die Entschädi­gung darf bei ei­ner Nicht­ein­stel­lung drei Mo­nats­gehälter nicht über­stei­gen, wenn der oder die Beschäftig­te auch bei be­nach­tei­li­gungs­frei­er Aus­wahl nicht ein­ge­stellt wor­den wäre. Nach der Be­gründung des Ge­setz­ent­wurfs dient § 15 Abs. 2 AGG da­zu, die „For­de­run­gen der Richt­li­ni­en“ (hier ins­be­son­de­re: Richt­li­nie 2000/78/EG) so­wie der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs der Eu­ropäischen Uni­on (ua. EuGH 22. April 1997 - C-180/95 - [Draehm­pa­ehl] Rn. 24, 39 f., Slg. 1997, I-2195) nach ei­ner wirk­sa­men und ver­schul­dens­un­abhängig aus­ge­stal­te­ten Sank­ti­on bei Ver­let­zung des Be­nach­tei­li­gungs­ver­bo­tes durch den Ar­beit­ge­ber um­zu­set­zen (BAG 22. Ok­to­ber 2015 - 8 AZR 384/14 - Rn. 16 mwN).

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b) Der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt auf 2.861,96 Eu­ro be­stimm­te Entschädi­gungs­be­trag ist re­vi­si­ons­recht­lich nicht zu be­an­stan­den. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat al­le re­le­van­ten Umstände gewürdigt. Hier­ge­gen wen­det sich die be­klag­te Stadt auch nicht, ins­be­son­de­re macht sie nicht gel­tend, das Lan­des­ar­beits­ge­richt ha­be Umstände nicht gewürdigt, bei de­ren Ein­be­zie­hung die Entschädi­gung hätte ge­rin­ger aus­fal­len müssen.

IV. Die be­klag­te Stadt hat nach § 97 Abs. 1 ZPO die Kos­ten ih­rer er­folg­lo­sen Re­vi­si­on zu tra­gen.

 

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