HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 16/259

Of­fen­sicht­li­ches Feh­len der fach­li­chen Eig­nung

Sind Stel­len­aus­schrei­bun­gen un­ge­nau, kön­nen sich öf­fent­li­che Ar­beit­ge­ber nicht auf die feh­len­de fach­li­che Eig­nung schwer­be­hin­der­ter Be­wer­ber be­ru­fen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 11.08.2016, 8 AZR 375/15
Anwältin mit Mandant Vor­stel­lungs­ge­sprä­che - Zeit­fres­ser oder Chan­ce?

15.08.2016. Öf­fent­li­che Ar­beit­ge­ber sind ge­setz­lich ver­pflich­tet, schwer­be­hin­der­te Stel­len­be­wer­ber zu ei­nem Vor­stel­lungs­ge­spräch ein­zu­la­den.

Ent­schei­den sie sich oh­ne ein per­sön­li­ches Ge­spräch für ei­nen an­de­ren Be­wer­ber, ist die­ser Ge­set­zes­vor­stoß ein In­diz da­für, dass der ab­ge­lehn­te Be­wer­ber we­gen sei­ner Be­hin­de­rung dis­kri­mi­niert wur­de.

Ei­ne Aus­nah­me von der Pflicht zu Ein­la­dung macht das Ge­setz nur, wenn der Be­wer­ber "of­fen­sicht­lich" fach­lich un­ge­eig­net ist, wo­bei es nicht auf in­ter­ne Wunsch­vor­stel­lun­gen des Ar­beit­ge­bers an­kommt, son­dern auf die ob­jek­ti­ven und in der Aus­schrei­bung ge­nann­ten Stel­len­an­for­de­run­gen.

Je un­ge­nau­er die Vor­ga­ben in der Stel­len­aus­schrei­bung sind, des­to schwe­rer wird es für den Ar­beit­ge­ber, sich spä­ter auf ei­ne an­geb­lich feh­len­de Eig­nung des Be­wer­bers zu be­ru­fen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 11.08.2016, 8 AZR 375/15.

Wann brau­chen öffent­li­che Ar­beit­ge­ber kein Vor­stel­lungs­gespräch mit schwer­be­hin­der­ten Be­wer­bern zu führen, weil ih­nen die fach­li­che Eig­nung "of­fen­sicht­lich" fehlt?

Das all­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) ver­bie­tet die Dis­kri­mi­nie­rung be­hin­der­ter Men­schen, auch und vor al­lem bei der Ein­stel­lung, vgl. § 1, § 2 Abs.1 Nr.1, § 7 Abs.1 und § 6 Abs.1 Satz 2 AGG. Ar­beit­ge­ber, die ge­gen die­ses Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot ver­s­toßen, können auf Zah­lung ei­ner Gel­dentschädi­gung ver­klagt wer­den, § 15 AGG.

Um mögli­chen Dis­kri­mi­nie­rungs­op­fern die Rechts­ver­fol­gung zu er­leich­tern, sieht § 22 AGG ei­ne Be­wei­ser­leich­te­rung vor. Be­trof­fe­ne müssen vor Ge­richt nur In­di­zi­en (Ver­mu­tungs­tat­sa­chen) für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung nach­wei­sen, wor­auf­hin der Ar­beit­ge­ber das Ge­richt da­von über­zeu­gen muss, dass kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung vor­ge­le­gen hat.

In­di­zi­en für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung sind z.B. aus­gren­zen­de, gemäß § 11 AGG ver­bo­te­ne For­mu­lie­run­gen in Stel­len­aus­schrei­bun­gen wie "Verkäufe­r­in" oder "deut­scher Ab­itu­ri­ent", oder auch ein Ver­s­toß öffent­li­cher Ar­beit­ge­ber ge­gen die ge­setz­li­che Pflicht, je­den schwer­be­hin­der­ten Stel­len­be­wer­ber zu ei­nem persönli­chen Vor­stel­lungs­gespräch ein­zu­la­den.

Die­se Pflicht ist in § 82 Satz 2 Neun­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB IX) fest­ge­schrie­ben. Der Ver­zicht auf die Ein­la­dung ei­nes schwer­be­hin­der­ten Be­wer­bers zum Vor­stel­lungs­gespräch in­di­ziert ei­ne be­hin­de­rungs­be­ding­te Dis­kri­mi­nie­rung im Sin­ne von § 22 AGG, wenn der Be­wer­ber später ab­ge­lehnt wird.

Im Entschädi­gungs­pro­zess be­ru­fen sich Ar­beit­ge­ber dann oft auf § 82 Satz 3 SGB IX, der fol­gen­de Aus­nah­me enthält:

"Ei­ne Ein­la­dung ist ent­behr­lich, wenn die fach­li­che Eig­nung of­fen­sicht­lich fehlt."

Bei der fach­li­chen Eig­nung kommt es zum ei­nen auf die Aus­bil­dungs- und Prüfungs­vor­aus­set­zun­gen für die Stel­le an, zum an­de­ren aber auch auf die For­mu­lie­run­gen in der öffent­li­chen Stel­len­aus­schrei­bung.

Rein in­ter­ne Aus­wahl­kri­te­ri­en spie­len da­her kei­ne Rol­le, wie das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) be­reits vor ei­ni­gen Jah­ren klar­ge­stellt hat. Nennt der öffent­li­che Ar­beit­ge­ber z.B. kei­ne Min­dest­no­ten in sei­ner Stel­len­aus­schrei­bung, kann er nicht nachträglich bei der Sich­tung der Be­wer­bun­gen ei­ne No­ten­un­ter­gren­ze fest­le­gen (BAG, Ur­teil vom 21.07.2009, 9 AZR 431/08, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/187 Vor­stel­lungs­gespräch für schwer­be­hin­der­ten Be­wer­ber).

In ei­nem ak­tu­el­len Fall hat das BAG zu der Fra­ge Stel­lung ge­nom­men, ob sich Ar­beit­ge­ber auf eher un­ge­naue und be­wer­ten­de Vor­ga­ben ih­rer Stel­len­aus­schrei­bung be­ru­fen können, um ei­nem nicht zum Vor­stel­lungs­gespräch ein­ge­la­de­nen schwer­be­hin­der­ten Be­wer­ber die fach­li­che Eig­nung ab­zu­spre­chen.

Im Streit: Die Stadt Frank­furt sucht Dipl.-Ing. (FH) oder staat­lich ge­prüften Tech­ni­ker oder Hand­werks­meis­ter oder Be­wer­ber mit ei­ner ver­gleich­ba­ren Qua­li­fi­ka­ti­on

Die Stadt Frank­furt such­te Mit­te 2013 für den von ihr be­trie­be­nen "Palm­gar­ten" ei­ne/n ge­eig­ne­te/n Be­wer­ber/in, da ei­ne lei­ten­de Stel­le im Gebäude­ma­nage­ment zu be­set­zen war. In der Stel­len­an­non­ce hieß es:

„Wir er­war­ten: Dipl.-Ing. (FH) oder staatl. ge­pr. Tech­ni­ker/in oder Meis­ter/in im Ge­werk Hei­zungs-/Sa­nitär-/Elek­tro­tech­nik oder ver­gleich­ba­re Qua­li­fi­ka­ti­on; langjähri­ge Be­rufs- und Führungs­er­fah­rung; …“

Ein ge­lern­ter Zen­tral­hei­zungs- und Lüftungs­bau­er mit ei­nem Grad der Be­hin­de­rung von 50 reich­te sei­ne Be­wer­bungs­un­ter­la­gen ein, wo­bei er sei­nen Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis und ei­nen ausführ­li­chen Le­bens­lauf beifügte. Er konn­te ei­ne Rei­he von Zu­satz­qua­li­fi­ka­tio­nen vor­wei­sen. U.a. war er Kun­den­dienst­tech­ni­ker, Si­cher­heits- und Brand­schutz­be­auf­trag­ter und staat­lich ge­prüfter Um­welt­schutz­tech­ni­ker. Seit 2011 ab­sol­vier­te er ein Fern­stu­di­um zum Bau­bio­lo­gen. Außer­dem hat­te er acht Jahr lang als tech­ni­scher Lei­ter und stell­ver­tre­ten­der Be­triebs­lei­ter ge­ar­bei­tet.

Die Stadt lehn­te den Be­wer­ber oh­ne Vor­stel­lungs­gespräch ab, wor­auf­hin die­ser drei Gehälter als Dis­kri­mi­nie­rungs­entschädi­gung ein­klag­te. Die Stadt be­rief sich auf feh­len­de fach­li­che Eig­nung. Denn die Aus­bil­dung des Be­wer­bers zum Hei­zungs- und Lüftungs­bau­er sei nur ein klei­ner Teil­aus­schnitt des Ge­wer­kes „Hei­zungs-/Sa­nitär-/Elek­tro­tech­nik“, und außer­dem feh­le ihm die ge­for­der­te Führungs­er­fah­rung.

Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt ließ sich von die­sen Aus­re­den nicht be­ein­dru­cken und ver­ur­teil­te die Ge­mein­de zur Zah­lung von drei Mo­nats­gehältern als Entschädi­gung für die be­hin­de­rungs­be­ding­te Dis­kri­mi­nie­rung (Ur­teil vom 24.04.2014, 21 Ca 8338/13). Das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) ent­schied eben­falls pro Be­wer­ber, kürz­te die Entschädi­gung aber auf ein Mo­nats­ge­halt (Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 02.06.2015, 8 Sa 1374/14).

Für bei­de Ge­rich­te war der Text der Stel­len­aus­schrei­bung ent­schei­dend. Denn der Be­wer­ber konn­te ei­ne fach­lich ein­schlägi­ge Be­rufs­aus­bil­dung vor­wei­sen, und dass er we­der In­ge­nieur noch Meis­ter war, mach­ten sei­ne Zu­satz­qua­li­fi­ka­tio­nen wett. Da sich die Ge­mein­de laut An­zei­ge auch mit ei­ner "ver­gleich­ba­ren Qua­li­fi­ka­ti­on" zu­frie­den­gab, konn­te sie dem Kläger nicht vor­hal­ten, er sei fach­lich un­ge­eig­net.

Das galt eben­so für die ge­for­der­te "langjähri­ge... Führungs­er­fah­rung", die dem Be­wer­ber nach An­sicht der Ge­mein­de fehl­te, ob­wohl er im­mer­hin acht Jah­re als tech­ni­scher Lei­ter und stell­ver­tre­ten­der Be­triebs­lei­ter tätig war.

BAG: Kei­ne Be­ru­fung der be­klag­ten Ge­mein­de auf feh­len­de fach­li­che Eig­nung des Be­wer­bers

Auch in Er­furt vor dem BAG hat­te die Ge­mein­de kein Glück, denn das BAG wies ih­re Re­vi­si­on zurück. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG heißt es zur Be­gründung:

In­dem die Stadt den Be­wer­ber nicht zum Vor­stel­lungs­gespräch ein­ge­la­den hat­te, hat­te sie ein Dis­kri­mi­nie­rungs­in­diz ge­schaf­fen. Sie hat­te da­her die Ver­mu­tung ge­gen sich, dass der Kläger we­gen sei­ner Schwer­be­hin­de­rung vor­zei­tig aus dem Aus­wahl­ver­fah­ren her­aus­ge­nom­men und da­durch be­nach­tei­ligt wur­de.

Wei­ter­hin konn­te sich die Stadt auf der Grund­la­ge der An­ga­ben, die der Kläger in sei­ner Be­wer­bung ge­macht hat­te, nicht auf des­sen an­geb­lich feh­len­de fach­li­che Eig­nung be­ru­fen.

Die Ent­schei­dung des BAG ist kor­rekt, eben­so wie die der Vor­in­stan­zen. Es ist für Ar­beit­ge­ber ver­lo­ckend, Stel­len­an­zei­gen of­fen bzw. breit zu for­mu­lie­ren, um da­durch möglichst vie­le in­ter­es­san­te Be­wer­bun­gen auf den Tisch zu be­kom­men. Je nach Be­wer­ber­la­ge kann man dann im­mer noch die in­ter­ne Mess­lat­te höher oder tie­fer hängen. Dann aber kann man sich als öffent­li­cher Ar­beit­ge­ber ge­genüber schwer­be­hin­der­ten Be­wer­bern später kaum noch dar­auf be­ru­fen, sie sei­en "of­fen­kun­dig" fach­lich un­ge­eig­net. So war es auch hier im Streit­fall.

Fa­zit: Un­ge­naue Vor­ga­ben in Stel­len­aus­schrei­bun­gen können da­zu mo­ti­vie­ren, dass sich Ar­beit­neh­mer auf Po­si­tio­nen be­wer­ben, für die sie sich sonst nicht in­ter­es­siert hätten. Vie­le Be­wer­bun­gen führen aber auch zu ei­nem erhöhten Auf­wand bei der Durch­sicht und Be­ar­bei­tung. Im öffent­li­chen Dienst sind dann öfter ein­mal Vor­stel­lungs­gespräche mit schwer­be­hin­der­ten Be­wer­bern zu führen.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 16. August 2016

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Dr. Simone Wernicke
Rechtsanwältin, Fachanwältin für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Frankfurt am Main

Schumannstraße 27, 60325 Frankfurt a. M.
Telefon: 069 - 71 03 30 04
Telefax: 069 - 71 03 30 05
E-Mail: frankfurt@hensche.de

Bewertung: Of­fen­sicht­li­ches Feh­len der fach­li­chen Eig­nung 5.0 von 5 Sternen (1 Bewertung)

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de