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LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 08.09.2010, 2 Sa 24/10

   
Schlagworte: Gewerkschaft, Gewerkschaft: Mitgliederwerbung
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg
Aktenzeichen: 2 Sa 24/10
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 08.09.2010
   
Leitsätze:

Ein betriebliches Zugangsrecht der Gewerkschaften zum Zwecke der Mitgliederwerbung in einen kirchlichen Betrieb ist in der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 17.02.1981 jedenfalls dann verneint worden, wenn die Gewerkschaft im kirchlichen Betrieb bereits durch Mitglieder vertreten ist.

Dieser Beschluss entfaltet im kirchlichen Bereich auch nach Aufgabe der Kernbereichslehre zu Art. 9 Abs. 3 GG im Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 14.11.1995 weiterhin Bindungswirkung gemäß § 31 Abs. 1 BVerfGG.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht Heilbronn, Urteil vom 4.03.2010, 7 Ca 693/09
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt

Ba­den-Würt­tem­berg

 

Verkündet

am 08.09.2010

Ak­ten­zei­chen (Bit­te bei al­len Schrei­ben an­ge­ben)

2 Sa 24/10

7 Ca 693/09 (ArbG Heil­bronn - Kn. Crails-heim)

Hag­dorn
Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Im Na­men des Vol­kes

 

Ur­teil

In dem Rechts­streit

- Kläge­rin/Be­ru­fungskläge­rin -

Proz.-Bev.:

ge­gen

- Be­klag­te/Be­ru­fungs­be­klag­te-

Proz.-Bev.:

hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg - 2. Kam­mer -
durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt Hen­sin­ger,
den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Bohn
und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Fi­scher
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 04.08.2010

für Recht er­kannt:

1. Die Be­ru­fung der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Ar-beits­ge­richts Heil­bronn - Kam­mern Crails­heim - vom 04.03.2010 (Az.: 7 Ca 693/09) wird auf de­ren Kos­ten zu-rück­ge­wie­sen.

2. Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

 

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Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten darüber, ob die be­klag­te Ar­beit­ge­be­rin in ih­rem kirch­li­chen Be­trieb den Zu­tritt be­triebs­frem­der Be­auf­trag­ter der kla­gen­den Ge­werk­schaft zum Zwe­cke der Mit­glie­der­wer­bung dul­den muss.

Die Kläge­rin ist ei­ne im Be­trieb der Be­klag­ten ver­tre­te­ne Ein­zel­ge­werk­schaft. Die Be­klag­te be­treibt das Dia­ko­nie-Kli­ni­kum mit den Kli­nik­stand­or­ten S. H. und G. In die­sen Stand­or­ten wer­den der­zeit ca. 1.300 Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­neh­me­rin­nen beschäftigt. Das Kran­ken­haus-Haupt­gebäude, D. Straße in S. H. hat die Be­klag­te vom Evan­ge­li­schen Dia­ko­nie­werk S. H. e.V. ge­mie­tet. Mit Ab­schluss des Miet­ver­tra­ges und der Ge­brauchsüber­las­sung an die Be­klag­te ist das Haus­recht in die­sem Gebäude auf die Be­klag­te über­ge­gan­gen. Der Evan­ge­li­sche Dia­ko­nie­werk S. H. e.V. ist gemäß sei­ner Sat­zung vom 29.03.2007 (Bl. 53 - 62 d. zweit­in­stanz­li­chen Ak­te) Mit­glied im Dia­ko­ni­schen Werk der Evan­ge­li­schen Kir­che in W. e.V. Laut sei­ner Sat­zung ver­steht er Dia­ko­nie als ge­leb­ten Glau­ben der christ­li­chen Ge­mein­de und Ant­wort auf die Verkündi­gung des Evan­ge­li­ums. Das Evan­ge­li­sche Dia­ko­nie­werk ist u.a. an ge­meinnützi­gen Ka­pi­tal­ge­sell­schaf­ten be­tei­ligt, u.a. an der Ge­sund­heits­hol­ding S. H. gGmbH, zu der auch die Be­klag­te gehört. Das Evan­ge­li­sche Dia­ko­nie­werk be­tont in sei­ner Sat­zung sei­ne Ver­bun­den­heit mit Kir­che und Dia­ko­nie (§ 4). Gem. § 9 der Sat­zung be­steht der Vor­stand aus min­des­tens 3 Mit­glie­dern: der Vor­sit­zen­den/dem Vor­sit­zen­den des Vor­stands, der Obe­rin und dem kaufmänni­schen Vor­stand. Die Vor­stands­vor­sit­zen­de/der Vor­stands­vor­sit­zen­de muss Mit­glied der Evan­ge­li­schen Lan­des­kir­che und soll or­di­nier­te Theo­lo­gin/or­di­nier­ter Theo­lo­ge sein. Ih­re/sei­ne Wahl durch die Mit­glie­der­ver­samm­lung er­folgt nach Fühlung­nah­me mit dem Evan­ge­li­schen Ober­kir­chen­rat der W. Lan­des­kir­che und dem Dia­ko­ni­schen Werk der Evan­ge­li­schen Kir­che in W.. Die Obe­rin muss Mit­glied der Evan­ge­li­schen Lan­des­kir­che sein.

Im Dia­ko­nie-Kli­ni­kum ar­bei­ten auch zahl­rei­che Mit­glie­der der Ge­mein­schaft der H. Schwes­tern und Brüder, die die Be­klag­te auf bis zu 10 % al­ler Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter schätzt. Nach den ver­laut­bar­ten Zie­len der Be­klag­ten bil­den die Mit­glie­der der Ge­mein­schaft der H. Schwes­tern und Brüder und al­le Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter im Dia­ko­nie-Kli­ni­kum ei­ne Dienst­ge­mein­schaft. Bei der Be­klag­ten ist ei­ne Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tung gemäß dem Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tungs­ge­setz (EKD) ge­bil­det. Ein Be­triebs­rat ist nicht vor­han­den. Die Be­klag­te ver­steht sich als kirch­li­che Ein­rich­tung, in der ein spe­zi­fisch kir­chen­ei­ge­ner, so­ge­nann­ter Drit­ter Weg ge­gan­gen wird, wo­nach die Fest­le­gung der Ar­beits­be­din­gun­gen (z. B.

 

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AVR) durch ei­ne pa­ritätisch von Mit­ar­bei­ter­sei­te und Kir­chen­lei­tung be­setz­te Kom­mis­si­on er­folgt.

Die Kläge­rin möch­te im Haupt­haus des Dia­ko­nie-Kli­ni­kums an ge­eig­ne­ter Stel­le über ei­ne ei­ge­ne An­schlag­ta­fel oder über ei­nen fes­ten Platz an ei­ner vor­han­de­nen An­schlag­ta­fel verfügen und dort durch be­triebs­frem­de Ge­werk­schafts­be­auf­trag­te In­for­ma­ti­ons­ma­te­ri­al an­brin­gen las­sen können. Sie ist der Auf­fas­sung, dass sich die mit der Kla­ge gel­tend ge­mach­ten Ansprüche aus Art. 9 Abs. 3 GG er­ge­ben. Zum Recht auf ko­ali­ti­onsmäßige Betäti­gung gehörten u. a. die Selbst­dar­stel­lung und Mit­glie­der­wer­bung durch die Ko­ali­ti­on und ih­re Mit­glie­der. Der Schutz des Art. 9 Abs. 3 GG be­schränke sich nicht auf die­je­ni­gen Tätig­kei­ten, die für die Er­hal­tung und Si­che­rung des Be­stan­des der Ko­ali­ti­on un­erläss­lich sei­en. Zwar neh­me die Be­klag­te als Ein­rich­tung der Dia­ko­nie an dem Selbst­be­stim­mungs­recht teil, das Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 3 Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung (WRV) den Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten gewähre. Das Selbst­be­stim­mungs­recht der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten be­ste­he gem. Art. 137 Abs. 3 WRV al­ler­dings „in­ner­halb der Schran­ken des für al­le gel­ten­den Ge­set­zes“. Bei dem Grund­recht aus Art. 9 Abs. 3 GG han­de­le es sich um ein „für al­le gel­ten­des Ge­setz“ in die­sem Sin­ne. Zwar ge­rie­ten das Grund­recht der Ko­ali­ti­ons­frei­heit und das Selbst­be­stim­mungs­recht der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten in Kon­flikt, wenn - wie vor­lie­gend - ei­ne kirch­li­che Ein­rich­tung ih­ren Ar­beit­neh­mern oder de­ren Ge­werk­schaft das Recht auf ko­ali­ti­onsmäßige Betäti­gung ver­weh­re. Bei ei­ner sol­chen Kol­li­si­on zwi­schen Grund­rech­ten auf der ei­nen und dem kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­recht auf der an­de­ren Sei­te müsse im We­ge der Abwägung ei­ne Lösung im Sin­ne prak­ti­scher Kon­kor­danz ge­fun­den wer­den. Zu­tref­fend ge­he das Bun­des­ar­beits­ge­richt des­halb in sei­nem Ur­teil vom 28.02.2006 zur ge­werk­schaft­li­chen Mit­glie­der­wer­bung in säku­la­ren Be­trie­ben da­von aus, dass die Ge­rich­te ko­or­di­nie­ren­de Re­ge­lun­gen ent­wi­ckeln müssen, die gewähr­leis­ten, dass die auf­ein­an­der be­zo­ge­nen Grund­rechts­po­si­tio­nen trotz ih­res Ge­gen­sat­zes ne­ben­ein­an­der be­ste­hen können. Wäge man die ent­ge­gen­ste­hen­den Po­si­tio­nen - die Ko­ali­ti­ons­frei­heit der Kläge­rin und das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht der Be­klag­ten - ge­gen­ein­an­der ab, so dränge sich ein Über­ge­wicht der Be­lan­ge der Kläge­rin auf. Kirch­li­che Be­lan­ge würden durch die Ansprüche der Kläge­rin nicht - je­den-falls aber nicht nach­hal­tig - be­ein­träch­tigt. An­de­rer­seits würde die Kläge­rin in ih­rer ko­ali­ti­onsmäßigen Betäti­gung er­heb­lich be­hin­dert, wäre es ihr ver­wehrt, im Be­trieb der Be­klag­ten durch be­triebs­frem­de Be­auf­trag­te das im An­trag be­zeich­ne­te In­for­ma­ti­ons­ma­te­ri­al auf ei­ner An­schlag­ta­fel an­brin­gen zu können.

Der Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes vom 17.02.1981 (2 BvR 384/78) ent­fal­te kei­ne Bin­dungs­wir­kung mehr. Die Bin­dungs­wir­kung sei er­lo­schen, weil das Bun­des­ver­fas-sungs­ge­richt in sei­nem Be­schluss vom 14.11.1995 (1 BvR 601/92) ein tra­gen­des Ele­ment

 

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sei­ner da­ma­li­gen Be­gründung als un­zu­tref­fend er­kannt ha­be. Der Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes vom 17.02.1981 be­ru­he auf dem tra­gen­den Grund­satz der so­ge­nann­ten Kern­be­reichs­theo­rie. Nach die­ser Theo­rie sei die ko­ali­ti­onsmäßige Betäti­gung der Ge­werk­schaf­ten durch Art. 9 Abs. 3 GG nur in den Gren­zen des Un­erläss­li­chen gewähr­leis­tet wor­den. Die­se Kern­be­reichs­theo­rie ha­be das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­nem Be­schluss vom 14.11.1995 auf­ge­ge­ben. Da­mit sei ein tra­gen­der Grund für die Ent­schei­dung vom 17.02.1981 ent­fal­len. Die durch Art. 9 Abs. 3 GG gewähr­leis­te­te ko­ali­ti­onsmäßige Betäti­gung der Ge­werk­schaf­ten sei nicht auf das Un­erläss­li­che be­schränkt. Fol­ge­rich­tig ha­be sich auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt in sei­nem Ur­teil vom 28.02.2006 nicht mehr an die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes aus dem Jah­re 1981 als ge­bun­den er­ach­tet.

Die Be­klag­te ist der Auf­fas­sung, dass ein Zu­tritts­recht, wie im vor­lie­gen­den Fall, schon auf­grund des Be­schlus­ses des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17.02.1981 schei­te­re. In die­ser Ent­schei­dung sei bin­dend fest­ge­stellt wor­den, dass kein für al­le gel­ten­des Ge­setz im Sin­ne von Art. 137 Abs. 3 WRV exis­tie­re, das be­triebs­frem­den Ge­werk­schafts­an­gehöri­gen ein Zu­tritts­recht zu kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen einräume. In sei­nem Be­schluss vom 14.11.1995 ha­be das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nur klar­ge­stellt, dass der Schutz­be­reich des Art. 9 Abs. 3 GG nicht von vorn­her­ein nur auf ei­nen Kern­be­reich der Ko­ali­ti­ons­betäti­gung be­schränkt sei. Zur Fra­ge, ob Art. 9 Abs. 3 GG zwin­gend ge­bie­te, auch oh­ne ein­fach­ge­setz­li­che Grund­la­ge ein ge­werk­schaft­li­ches Zu­tritts­recht be­triebs­frem­der Ge­werk­schafts­an­gehöri­ger zu kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen an­zu­neh­men, sei kei­ne Aus­sa­ge ge­trof­fen wor­den.

Die Be­klag­te ist wei­ter der Mei­nung, dass der Kläge­rin in kirch­li­chen Be­trie­ben kein Zu­tritts­recht zu­ste­he. Zum ei­nen bedürfe ein Zu­gangs­an­spruch be­triebs­frem­der Ge­werk­schafts­be­auf­trag­ter zu kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen ei­nes for­mel­len Ge­set­zes. Im Übri­gen führe ei­ne Güter­abwägung im vor­lie­gen­den Fall da­zu, dass dem kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­recht der Vor­rang ge­genüber dem Zu­tritts­recht be­triebs­frem­der Ge­werk­schafts­an­gehöri­ger ein­zuräum­en sei. Dies wer­de be­reits aus dem Wort­laut des Art. 137 Abs. 3 WRV deut­lich, wo­nach das Selbst­be­stim­mungs­recht der Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten „in­ner­halb der Schran­ken des für al­le gel­ten­den Ge­set­zes“ gel­te. Hier­an wer­de deut­lich, dass tra­gen­de Recht­s­prin­zi­pi­en der Rechts­ord­nung auf dem Spiel ste­hen müssen, um die Gren­ze des Selbst­be­stim­mungs­rech­tes der Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten zu er­rei­chen. Nur drin­gen­de Gründe des Ge­mein­wohls oder ein Ver­s­toß ge­gen das Willkürver­bot könn­ten des­halb ei­nen Ein­griff in das kirch­li­che Selbst-be­stim­mungs­recht recht­fer­ti­gen. Ein Aus­hang am Schwar­zen Brett der Be­klag­ten durch be­triebs­frem­de Ge­werk­schafts­be­auf­trag­te ge­gen den Wil­len der Be­klag­ten würde ei­ne Ver­let­zung des aus Art. 137 Abs. 3 WRV ab­ge­lei­te­ten Rechts auf kirch­li­che Selbst­be­stim­mung dar­stel­len.

 

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Das Ar­beits­ge­richt hat mit Ur­teil vom 04.03.2010 die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Das an­ge­foch­te­ne Ur­teil führt aus, dass der Kläge­rin ein Zu­tritts­recht zum Be­trieb der Be­klag­ten nicht zu­ste­he. Zum ei­nen sieht sich das an­ge­foch­te­ne Ur­teil an die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17.02.1981 gemäß § 31 BVerfGG ge­bun­den. Zum an­de­ren ste­he der Kläge­rin ein An­spruch auf Dul­dung des Zu­tritts zum Be­trieb der Be­klag­ten aus Art. 9 Abs. 3 GG nicht zu. We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten wird auf die Gründe des an­ge­foch­te­nen Ur­teils ver­wie­sen.

Ge­gen das der Kläge­rin am 18.03.2010 zu­ge­stell­te Ur­teil rich­tet sich die am 06.04.2010 ein-ge­leg­te und am 23.04.2010 aus­geführ­te Be­ru­fung der Kläge­rin. Die Kläge­rin ver­tieft das erst­in­stanz­li­che Vor­brin­gen und be­an­tragt zu­letzt:

Das an­ge­foch­te­ne Ur­teil auf­zu­he­ben und die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len,

1. der Kläge­rin ei­ne An­schlag­ta­fel (Schwar­zes Brett) im Flur­be­reich, der den Spei­se­saal u. a. mit den Per­so­nalaufzügen ver­bin­det, des Haupt­hau­ses, D. Straße , zur Verfügung zu stel­len,

hilfs­wei­se

zu dul­den, dass die Kläge­rin dort ein ei­ge­nes Schwar­zes Brett auf­stellt,

2. zu dul­den, dass die Kläge­rin an dem von ihr auf­ge­stell­ten oder dem ihr zur Verfügung ge­stell­ten Schwar­zen Brett durch je­weils ei­ne/ei­nen be­triebs­frem­de(n) Be­auf­trag­te(n), die/der der Be­klag­ten zu­vor na­ment­lich be­nannt wur­de, zu ver­ein­bar­ten Zei­ten - höchs­tens aber zwei Mal pro Wo­che - In­for­ma­ti­ons­ma­te­ri­al über ih­re Or­ga­ni­sa­ti­on und/oder Betä-ti­gung an­bringt oder ent­fernt,

hilfs­wei­se,

zu dul­den, dass die Kläge­rin die­ses In­for­ma­ti­ons­ma­te­ri­al durch je­weils ei­ne/ei­nen be­triebs­frem­de(n) Be­auf­trag­te(n),

 

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die/der der Be­klag­ten zu­vor na­ment­lich be­nannt wur­de, zu ver­ein­bar­ten Zei­ten - höchs­tens aber zwei Mal pro Wo­che - am be­ste­hen­den Schwar­zen Brett auf ei­ner Fläche von min-des­tens vier DIN-A-Sei­ten an­bringt oder ent­fernt.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te ver­tei­digt das an­ge­foch­te­ne Ur­teil und ver­tieft ihr erst­in­stanz­li­ches Vor­brin­gen.


Ent­schei­dungs­gründe

I.

Die gemäß § 64 Abs. 1 und 2 ArbGG statt­haf­te Be­ru­fung der Kläge­rin ist frist­ge­recht ein­ge­legt und aus­geführt wor­den. Im Übri­gen sind Be­den­ken an der Zulässig­keit der Be­ru­fung nicht ver­an­lasst.

II.

In der Sa­che hat die Be­ru­fung der Kläge­rin kei­nen Er­folg. Das Ar­beits­ge­richt hat die zulässi­ge Kla­ge zu Recht ab­ge­wie­sen. Der Kläge­rin steht im kirch­li­chen Be­trieb der Be­klag­ten ein Zu­tritts­recht zum Zwe­cke der Mit­glie­der­wer­bung nicht zu. Die er­ken­nen­de Kam­mer sieht sich an den Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes vom 17.02.1981 ge­bun­den. In die­ser Ent­schei­dung hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die An­sicht ver­tre­ten, dass dem Zu­tritts­recht be­triebs­frem­der Ge­werk­schafts­be­auf­trag­ter in ei­ne kirch­li­che Ein­rich­tung zum Zwe­cke der Mit­glie­der­wer­bung ei­ne Rechts­grund­la­ge feh­le und je­den­falls dann ge­gen das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht ver­s­toße, wenn die Ge­werk­schaft in die­ser Ein­rich­tung be­reits durch Mit­glie­der ver­tre­ten ist.

1. Die zulässi­ge, ins­be­son­de­re in Sin­ne des § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO hin­rei­chend be­stimm­te Kla­ge ist nicht be­gründet. Die er­ken­nen­de Kam­mer sieht sich gemäß § 31 Abs. 1 BVerfGG an den Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes vom 17.02.1981 ge­bun-den.

 

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1.1 Gemäß § 31 Abs. 1 BVerfGG bin­den die Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs-ge­richts die Ver­fas­sungs­or­ga­ne des Bun­des und der Länder so­wie al­le Ge­rich­te und Behörden. Nach ganz über­wie­gen­der Auf­fas­sung sind die sich aus dem Te­nor und den tra­gen­den Gründen der Ent­schei­dung er­ge­ben­den Grundsätze für die Aus­le­gung der Ver­fas­sung von den Ge­rich­ten und Behörden in al­len künf­ti­gen Fällen zu be­ach­ten (BVerfG 20.01.1966 - 1 BvR 140/62 - AP Nr. 3 zu § 90 BVerfGG, Rn. 40; BAG 28.02.2006 - 1 AZR 460/04 - AP Nr. 127 zu Art. 9 GG; Maunz/Schmidt-Bleib­treu/Klein/Be­th­ge, BVerfGG, § 31 Rn. 96). Tra­gend für ei­ne Ent­schei­dung sind die­je­ni­gen Tei­le der Ent­schei­dungs­be­gründung, die aus der De­duk­ti­on des Ge­richts nicht hin­weg­zu­den­ken sind, oh­ne dass sich das im Te­nor for­mu­lier­te Er­geb­nis ändert (BAG 19.01.1982 - 1 AZR 279/81 - AP Nr. 10 zu Art. 140 GG, Ju­ris Rn. 38). Nicht tra­gend sind da­ge­gen bei Ge­le­gen­heit der Ent­schei­dung ge­mach­te Rechts­ausführun­gen, die außer­halb des Be­gründungs­zu­sam­men­hangs ste­hen. Bei der Be­ur­tei­lung, ob ein tra­gen­der Grund vor­liegt, ist von der nie­der­ge­leg­ten Be­gründung in ih­rem ob­jek­ti­ven Ge­halt aus­zu­ge­hen (BVerfG 18.01.2006 - 2 BvR 2194/99 - BVerfGE 115, 97, Ju­ris Rn. 31).

1.2 Im Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17.02.1981 (2 BvR 384/78 - AP Nr. 9 zu Art. 140 GG) hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt das Ur­teil des Bun­de­sar-beits­ge­richts vom 14.02.1978 auf­ge­ho­ben, weil es das ver­fas­sungsmäßige Recht der Be­schwer­deführe­rin, ei­ner kirch­li­chen Ein­rich­tung, aus Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 3 WRV ver­let­ze. In dem die­sem Be­schluss zu­grun­de lie­gen­den Sach­ver­halt ging es eben­falls um die Fra­ge, ob Ge­werk­schaf­ten das Recht zu­steht, in ka­ri­ta­ti­ven Ein­rich­tun­gen der Kir­chen durch Ge­werk­schafts­be­auf­trag­te, die in den be­tref­fen­den Ein­rich­tun­gen selbst nicht beschäftigt sind, zu in­for­mie­ren, zu wer­ben und Mit­glie­der zu be­treu­en. In sei­ner Be­gründung (Gründe C II. 4., Ju­ris Rn. 62 ff.) führt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus, dass ein Zu­tritts­recht be­triebs­frem­der Ge­werk­schafts­an­gehöri­ger in ei­ne kirch­li­che Ein­rich­tung nur dann be­jaht wer­den könn­te, wenn das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht durch ein „für al­le gel­ten­des Ge­setz“ im Sin­ne von Art. 137 Abs. 3 WRV ei­ne ver­fas­sungs­recht­lich zulässi­ge Ein­schränkung er­fah­ren hätte. An ei­ner sol­chen ge­setz­li­chen Re­ge­lung feh­le es. Aus Art. 9 Abs. 3 GG las­se sich ein sol­ches Recht auch nicht durch Aus­le­gung ab­lei­ten. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ge­he in ständi­ger Recht­spre­chung da­von aus, das Art. 9 Abs. 3 GG die Ko­ali­ti­ons­frei­heit und da­mit auch das Betäti­gungs­recht der Ko­ali­tio­nen nur in ei­nem Kern­be­reich schütze. Art. 9 Abs. 3 GG verbürge ver­fas­sungs­kräftig ge­werk­schaft­li­che Betäti­gung je­den­falls nur in­so­weit, als die­se für

 

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die Er­hal­tung und Si­che­rung der Exis­tenz der Ko­ali­ti­on als un­erläss­lich be­trach­tet wer­den müsse. Dass oh­ne be­rufs­ver­band­li­ches Zu­tritts­recht für be­triebs­ex­ter­ne Ge­werk­schafts­an­gehöri­ge die Er­hal­tung und Si­che­rung der Ko­ali­ti­on gefähr­det wäre, das Zu­tritts­recht des­halb als un­erläss­lich be­trach­tet wer­den müss­te und so­mit durch Art. 9 Abs. 3 GG pos­tu­liert wäre, sei je­den­falls dort, wo die Ge­werk­schaft be­reits in Be­trie­ben und An­stal­ten durch Mit­glie­der ver­tre­ten ist, mit Si­cher­heit aus­zu­sch­ließen. We­der Art. 9 Abs. 3 GG noch die in sei­nem Um­feld ge­wach­se­nen Rechts­grundsätze und wis­sen­schaft­li­chen Mei­nun­gen, erst recht nicht das streng dua­lis­ti­sche Sys­tem des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes böten hin­rei­chen­de An­satz­punk­te, die es er­lau­ben würden, die Gren­zen der rich­ter­li­chen Ge­set­zes­bin­dung auf die­sem kon­flikt­sträch­ti­gem Ge­biet so weit zu zie­hen und hier die „Sa­che des Ge­setz­ge­bers“, nämlich „die Trag­wei­te der Ko­ali­ti­ons­frei­heit zu be­stim­men und Be­fug­nis­se der Ko­ali­tio­nen aus­zu­ge­stal­ten und näher zu re­geln“, dem Rich­ter zu über-bürden.

1.3 Im Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes vom 14.11.1995 (1 BvR 601/92, AP Nr. 80 zu Art. 9 GG) hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die in jah­re­lan­ger Recht-spre­chung zu Art. 9 Abs. 3 GG von bei­den Se­na­ten (vgl. BVerfG 14.11.1995, aaO, Ju­ris Rn. 21) ver­tre­te­ne Kern­be­reichs­leh­re (je nach Stand­punkt) klar­ge­stellt, mo­di-fi­ziert oder auf­ge­ge­ben. Auch in nach­fol­gen­den Ent­schei­dun­gen des 1. Se­na­tes des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes ist im­mer be­tont wor­den, dass der Schutz des Grund­rech­tes in Art. 9 Abs. 3 GG nicht auf ei­nen Kern­be­reich re­du­ziert wer­den könne (z. B. BVerfG 24.04.1996 - 1 BvR 712/86 - Rn. 101; BVerfG 24.02.1999 - 1 BvR 123/93 - Rn. 27; BVerfG 27.04.1999 - 1 BvR 2203/93, 1 BvR 897/95 - Ju­ris Rn. 49).

Dem Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes vom 14.11.1995 lag ei­ne Ver­fas-sungs­be­schwer­de ei­nes Ar­beit­neh­mers zu­grun­de, der von sei­nem Ar­beit­ge­ber ei­ne Ab­mah­nung er­hal­ten hat­te, weil er während der Ar­beits­zeit für sei­ne Ge­werk­schaft ge­wor­ben hat­te. In die­ser Ent­schei­dung führt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus (Gründe B. I. 3., Ju­ris Rn. 20 ff.), dass die Mit­glie­der­wer­bung durch die Ko­ali­tio­nen nicht nur in dem Maße grund­recht­lich geschützt sei, in dem sie für die Er­hal­tung und Si­che­rung des Be­stan­des der Ge­werk­schaft un­erläss­lich sei. Der Grund­rechts­schutz er­stre­cke sich viel­mehr auf al­le Ver­hal­tens­wei­sen, die ko­ali­ti­ons­spe­zi­fisch sei­en. Ob ei­ne ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­sche Betäti­gung für die Wahr­neh­mung der Ko­ali­ti­ons­frei­heit un­erläss­lich sei, könne dem­ge­genüber erst bei Ein­schränkun­gen die­ser Frei­heit Be­deu­tung er­lan­gen. In­so­weit gel­te für Art. 9 Abs. 3 GG nichts an­de­res als

 

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für die übri­gen Grund­rech­te. Al­ler­dings könn­ten For­mu­lie­run­gen in frühe­ren Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes den Ein­druck er­we­cken, als schütze Art. 9 Abs. 3 GG je­den­falls die ko­ali­ti­onsmäßige Betäti­gung von vorn­her­ein nur in ei­nem in­halt­lich eng be­grenz­ten Um­fang. Aus­gangs­punkt der Kern­be­reichs­for­mel sei je­doch die Über­zeu­gung, dass das Grund­ge­setz die Betäti­gungs­frei­heit der Ko­ali­ti­on nicht schran­ken­los gewähr­leis­te, son­dern ei­ne Aus­ge­stal­tung durch den Ge­setz­ge­ber zu­las­se. Mit der Kern­be­reichs­for­mel um­schrei­be das Ge­richt die Gren­ze, die da­bei zu be­ach­ten sei. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ha­be aber da­mit den Schutz­be­reich des Art. 9 Abs. 3 GG nicht von vorn­her­ein auf den Be­reich des Un­erläss­li­chen be­schränken wol­len. Der Se­nat sei auch nicht von der frühe­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes ab­gerückt. Glei­ches gel­te für die Ent­schei­dung vom 14.11.1995. Es wer­de dar­in nur ei­ne Klar­stel­lung vor­ge­nom­men, die we­gen der - nicht fern­lie­gen­den - Miss­verständ­nis­se, zu de­nen die frühe­ren Ent­schei­dung geführt hätten, ver­an­lasst wäre.

1.4 Die Bin­dungs­wir­kung des Be­schlus­ses des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17.02.1981 entfällt nicht da­durch, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung vom 14.11.1995 und auch da­nach die Kern­be­reichs­for­mel zur Be­stim­mung der kol­lek­ti­ven Ko­ali­ti­ons­frei­heit auf­ge­ge­ben hat.

Zunächst ist fest­zu­hal­ten, dass das von der Be­klag­ten be­trie­be­ne Dia­ko­nie-Kli­ni­kum ei­ne kirch­li­che Ein­rich­tung ist und der Be­klag­ten des­halb das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht gem. Art. 140 GG i. V. m. Art. 137 Abs. 3 WRV zu­steht. Gem. Art. 140 GG i. V. m. Art. 137 Abs. 3 WRV sind nicht nur die or­ga­ni­sier­te Kir­che und de­ren recht­lich selbstständi­gen Tei­le, son­dern al­le der Kir­che in be­stimm­ter Wei­se zu­ge­ord­ne­ten Ein­rich­tun­gen oh­ne Rück­sicht auf ih­re Rechts­form Ob­jek­te, bei de­ren Ord­nung und Ver­wal­tung die Kir­che grundsätz­lich frei ist, wenn die Ein­rich­tun­gen nach kirch­li­chem Selbst­verständ­nis ih­rem Zweck oder ih­rer Auf­ga­be ent­spre­chend be­ru­fen sind, ein Stück des Auf­trags der Kir­che wahr­zu­neh­men und zu erfüllen (BVerfG 17.02.1981 aaO, Ju­ris Rn. 57 m. w. N.). Wei­ter­hin ist für das Verständ­nis der Bin­dungs­wir­kung des Be­schlus­ses des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17.02.1981 von Be­deu­tung, dass vor­lie­gend bei der Be­klag­ten un­strei­tig Mit­glie­der der Kläge­rin beschäftigt sind.

Zwar geht die er­ken­nen­de Kam­mer da­von aus, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung vom 14.11.1995 die frühe­re Kern­be­reichs­leh­re zu Art. 9 Abs. 3 GG nicht nur von Miss­verständ­nis­sen klar­ge­stellt, son­dern - oh­ne es aus-

 

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drück­lich zu erwähnen und da­mit nicht zu ei­ner Vor­la­ge an das Ple­num des Bun-des­ver­fas­sungs­ge­richts gem. § 16 BVerfG ver­pflich­tet zu sein - auf­ge­ge­ben hat. Mit der Auf­ga­be der Kern­be­reichs­leh­re zu Art. 9 Abs. 3 GG und da­mit der Auf­ga­be der Be­schränkung des Schutz­be­rei­ches des Art. 9 Abs. 3 GG auf den Be­reich des Un-erläss­li­chen ist je­doch noch kei­ne Aus­sa­ge ge­trof­fen, ob Art. 9 Abs. 3 GG es zwin­gend ge­bie­tet, auch oh­ne ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung ein ge­werk­schaft­li­ches Zu­tritts­recht be­triebs­frem­der Ge­werk­schafts­an­gehöri­ger zu kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen an­zu­neh­men. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt selbst hat in sei­ner Ent­schei­dung vom 14.11.1995 be­tont, dass es auch in die­sem Be­schluss nicht von sei­ner frühe­ren Recht­spre­chung und da­mit auch nicht von der Ent­schei­dung vom 17.02.1981 abrücken möch­te (BVerfG aaO, Ju­ris Rn. 25). Der 1. Se­nat hat in sei­ner Ent­schei­dung vom 14.12.1995 nur den Schutz­be­reich des Art. 9 Abs. 3 GG über den Kern­be­reich hin­aus er­wei­tert, oh­ne zu den in der Ent­schei­dung vom 17.02.1981 ge­zo­ge­nen Gren­zen der rich­ter­li­chen Ge­set­zes­bin­dung Stel­lung zu neh­men. Da­mit kann nach Auf­fas­sung der er­ken­nen­den Kam­mer nicht da­von ge­spro­chen wer­den, dass tra­gen­de Ent­schei­dungs­gründe des Be­schlus­ses vom 17.02.1981 auf­ge­ge­ben wor­den sind.

Auch in der ar­beits­recht­li­chen Li­te­ra­tur wird - so­weit er­sicht­lich - ganz über­wie­gend die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass der Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17.02.1981, so­weit er sich mit ei­nem Zu­tritts­recht für be­triebs­frem­de Ge­werk-schafts­be­auf­trag­te in kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen beschäftigt, in de­nen Mit­glie­der der Ge­werk­schaft ver­tre­ten sind, wei­ter­hin Bin­dungs­wir­kung nach § 31 Abs. 1 BVerfG ent­fal­tet (Ri­char­di, Ar­beits­recht in der Kir­che, 4. Auf­la­ge, § 11 Rn. 22; ders. Münch-ner Hand­buch Ar­beits­recht, 3. Auf­la­ge § 329 Rn. 19; Geh­ring/Thie­le in Schlie­mann, Das Ar­beits­recht im BGB, 2. Auf­la­ge, § 630 An­hang Kir­chen­ar­beits­recht, Rn. 252; Dütz, Ge­werk­schaft­li­che Betäti­gung in kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen 1982, Sei­te 14; Ot-to, Die ver­fas­sungs­recht­li­che Gewähr­leis­tung der ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­schen Betäti­gung 1982, Sei­te 28 ff.; Däubler, Ge­werk­schafts­rech­te im Be­trieb, 10. Auf­la­ge, § 14 Rn. 409 f.). Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat in sei­nem Ur­teil vom 28.02.2006 die­se Fra­ge aus­drück­lich of­fen ge­las­sen (BAG aaO Rn. 34).

1.5 Die Bin­dungs­wir­kung des Be­schlus­ses des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17.02.1981 entfällt nach An­sicht des Be­ru­fungs­ge­richts auch nicht des­halb, weil sich die dem Le­bens­sach­ver­halt zu­grun­de lie­gen­den Verhält­nis­se grund­le­gend geändert ha­ben. Es ist all­ge­mein an­er­kannt, dass die Bin­dungs­wir­kung gem. § 31 Abs. 1 BVerfG ob­jek­ti­ve Gren­zen hat, die im Fall ei­ner we­sent­li­chen Ände­rung

 

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der Le­bens­verhält­nis­se er­reicht sind - clau­su­la re­bus sic stan­ti­bus (Maunz/Schmidt-Bleib­treu/Klein/Be­th­ge,. aaO, § 31 Rn. 100 m. w. N.). Im Ge­gen­satz zu „schnell­le­bi­gen Be­rei­chen“, wo sich die Le­bens­verhält­nis­se in­ner­halb we­ni­ger Jah­re dra­ma­tisch ändern (Stichwörter: Da­ten­schutz, me­di­zi­ni­scher Fort­schritt, Glo­ba­li­sie­rung) ist bei der vor­lie­gen­den Fra­ge des Zu­gangs­rechts von Ge­werk­schaf­ten zu kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen in den letz­ten Jah­ren kei­ne umwälzen­de Verände­rung des zu­grun­de lie­gen­den Le­bens­sach­ver­halts fest­zu­stel­len.

2. Zwar ist die vor­lie­gen­de Kla­ge schon des­halb ab­zu­wei­sen, weil das Ge­richt sich gem. § 31 Abs. 1 BVerfG an die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17.02.1981 ge­bun­den sieht. Im Hin­blick auf die wei­te­re Be­gründung des an­ge­foch­te­nen Ur­teils, das auch ei­ne An­spruchs­grund­la­ge für die vor­lie­gen­den Ansprüche ver­neint, möch­te das Be­ru­fungs­ge­richt kurz fol­gen­de Ausführun­gen ma­chen:
Die er­ken­nen­de Kam­mer teilt die Rechts­auf­fas­sung der Kläge­rin, dass sich die mit der Kla­ge gel­tend ge­mach­ten Ansprüche aus Art. 9 Abs. 3 GG er­ge­ben. Mit­glie­der­wer­bung der Ge­werk­schaf­ten und In­for­ma­ti­on der Ar­beit­neh­mer über ih­re Or­ga­ni­sa­ti­on und Ak­ti-vitäten gehören (auch bei kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen) zur ko­ali­ti­onsmäßigen Betäti­gung. Dem­ge­genüber steht das in Art. 137 Abs.3 WRV ver­an­ker­te kirch­li­che Selbst­be­stim-mungs­recht der Be­klag­ten. Wenn ei­ne Ge­werk­schaft Zu­tritt zu ei­ner kirch­li­chen Ein­rich-tung - wie im vor­lie­gen­den Fall we­gen Mit­glie­der­wer­bung - be­gehrt, kommt es zu ei­ner Kol­li­si­on zwi­schen dem Grund­recht auf Ko­ali­ti­ons­frei­heit und dem kirch­li­chen Selbst­be-stim­mungs­recht. Bei ei­ner sol­chen Kol­li­si­on muss ei­ne Lösung im We­ge der Abwägung der wi­der­strei­ten­den Grund­rech­te ge­fun­den wer­den. Bei die Abwägung der ent­ge­gen-ste­hen­den Po­si­tio­nen der Par­tei­en kommt die er­ken­nen­de Kam­mer zum Er­geb­nis, dass die Be­lan­ge der Kläge­rin vor­lie­gend über­wie­gen. Das An­brin­gen von In­for­ma­ti­ons- und Wer­be­ma­te­ri­al durch be­triebs­frem­de Ge­werk­schafts­be­auf­trag­te am be­ste­hen­den Schwar­zen Brett der Be­klag­ten be­ein­träch­tigt das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht nur in ei­nem ge­rin­gen Maß. Da­bei ist zu berück­sich­ti­gen, dass in der Kläge­rin or­ga­ni­sier­te Ar­beit­neh­mer bei der Be­klag­ten durch­aus für ih­re Ge­werk­schaft am Ar­beits­platz wer­ben dürfen. Wei­ter ist zu berück­sich­ti­gen, dass der In­halt des von der Kläge­rin am Schwar­zen Brett auf­gehäng­ten Wer­be­ma­te­ri­als we­der den Be­triebs­frie­den gefähr­den noch den Be­triebs­ab­lauf stören darf (vgl. da­zu BAG 14.02.1978 - 1 AZR 280/77 - AP Nr. 26 zu Art. 9 GG, Ju­ris Rn. 36).

III.

 

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Da so­mit die Be­ru­fung der Kläge­rin kei­nen Er­folg ha­ben konn­te, hat sie die Kos­ten ih­res er­folg­lo­sen Rechts­mit­tels gem. § 64 Abs. 6 ArbGG i. V. m. § 97 Abs. 1 ZPO zu tra­gen.

Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on be­ruht auf § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG.

 

Rechts­mit­tel­be­leh­rung

1. Ge­gen die­ses Ur­teil kann die Kläge­rin schrift­lich Re­vi­si­on ein­le­gen. Die Re­vi­si­on muss in­ner­halb ei­ner Frist von ei­nem Mo­nat, die Re­vi­si­ons­be­gründung in­ner­halb ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten bei dem

Bun­des­ar­beits­ge­richt

Hu­go-Preuß-Platz 1

99084 Er­furt

ein­ge­hen.

Bei­de Fris­ten be­gin­nen mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, spätes­tens aber mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Re­vi­si­on und die Re­vi­si­ons­be­gründung müssen von ei­nem Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten un­ter­zeich­net sein. Als Pro­zess­be­vollmäch­tig­te sind nur zu­ge­las­sen:

a. Rechts­anwälte,
b. Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie Zu­sam­men­schlüsse sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der,
c. ju­ris­ti­sche Per­so­nen, die die Vor­aus­set­zun­gen des § 11 Abs. 2 Satz 2 Nr. 5 ArbGG erfüllen.

In den Fällen der lit. b und c müssen die han­deln­den Per­so­nen die Befähi­gung zum Rich­ter­amt ha­ben.

2. Für die Be­klag­te ist ge­gen die­ses Ur­teil ein Rechts­mit­tel nicht ge­ge­ben. Auf § 72a ArbGG wird hin­ge­wie­sen.

 


Hen­sin­ger

Bohn

Fi­scher

 

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