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LAG Mün­chen, Ur­teil vom 06.05.2015, 8 Sa 982/14

   
Schlagworte: Urlaubsanspruch, Urlaubsabgeltung
   
Gericht: Landesarbeitsgericht München
Aktenzeichen: 8 Sa 982/14
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 06.05.2015
   
Leitsätze:

1. Wie bereits das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg in seinem Urteil vom 12.06.2014 - 21 Sa 221/14 ausgesprochen hat, besteht ein Anspruch des Arbeitnehmers auf Schadensersatz in Form eines Ersatzurlaubes nach § 280 Abs.1 BGB und § 280 Abs.3 BGB, § 283 BGB i. V. m. § 249 Abs.1 BGB, der sich mit der Beendigung des Arbeitsverhältnisses nach § 251 Abs.1 BGB in einen Abgeltungsanspruch umwandelt, nicht nur dann, wenn sich der Arbeitgeber zum Zeitpunkt des Untergangs des originären Urlaubsanspruchs mit der Urlaubsgewährung in Verzug befunden hat, sondern bereits dann, wenn er seiner Verpflichtung nicht nachgekommen ist, dem Arbeitnehmer von sich aus rechtzeitig Urlaub zu gewähren.

2. Etwas anderes gilt nur, wenn der Arbeitgeber die nicht rechtzeitige Urlaubsgewährung nicht zu vertreten hat. Denn mit dem Untergang des Urlaubsanspruchs wird seine Erfüllung unmöglich (§ 275 Abs.1 BGB), so dass der Arbeitnehmer nach § 280 Abs.3 BGB, § 283 S.1 BGB Schadensersatz statt der Leistung verlangen kann.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht München, Urteil vom 13.11.2014, 13 Ca 7172/14
   

Te­nor

1. Die Be­ru­fung des Be­klag­ten ge­gen das En­dur­teil des Ar­beits­ge­richts München vom 13.11.2014 - 13 Ca 7172/14 wird auf sei­ne Kos­ten zurück­ge­wie­sen.

2. Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten um Ur­laubs­ab­gel­tung.

Der Kläger war bei dem Be­klag­ten seit 01.08.2001 be­fris­tet als Wis­sen­schaft­ler an­ge­stellt. Das Ar­beits­verhält­nis wur­de mehr­fach verlängert, zu­letzt bis zum 31.12.2013. Auf die­ses An­stel­lungs­verhält­nis fan­den die Vor­schrif­ten des TVöD An­wen­dung. Das mo­nat­li­che Brut­to­ge­halt des Klägers be­trug zu­letzt € 5.089,23.

 

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Der Pro­jekt­lei­ter der Theo­rie­grup­pe sand­te ei­ner Rei­he von Mit­ar­bei­tern, u. a. auch dem Kläger, ei­ne E-Mail vom 16.05.2013 (Bl. 49 d. A.) des In­halts, dass er von der Per­so­nal­ab­tei­lung ge­be­ten wor­den sei, al­le Mit­ar­bei­ter dar­auf hin­zu­wei­sen, dass Ur­laub nach Ver­trags­en­de nicht aus­ge­zahlt bzw. an ei­nen neu­en Ar­beit­ge­ber trans­fe­riert wer­den könne. Ur­laub, der nicht während der Ver­trags­lauf­zeit ge­nom­men wer­de, ver­fal­le au­to­ma­tisch. Ent­spre­chen­des wur­de noch­mals auf ei­ner In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung für die Beschäftig­ten der Theo­rie­grup­pe am 18.09.2013 mit­ge­teilt, al­ler­dings nahm der Kläger an die­ser Ver­an­stal­tung nicht persönlich teil. Mit Schrei­ben vom 23.10.2013, wel­ches der Kläger nach ei­ge­nen An­ga­ben An­fang No­vem­ber 2013 er­hielt, wur­de er dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sein Ver­trag mit Ab­lauf des 31.12.2013 en­de. Außer­dem wur­de er ge­be­ten, noch vor­han­de­ne Ur­laubs­ta­ge bis zum En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses ein­zu­brin­gen (Bl. 50 d. A.).

In der Fol­ge nahm der Kläger am 15.11.2013 so­wie am 02.12.2013 zwei Ur­laubs­ta­ge. Aus­weis­lich der Ge­halts­ab­rech­nung für De­zem­ber 2013 (Bl. 26 d. A.) hat­te der Kläger bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses noch 51 Rest­ur­laubs­ta­ge. Die­ser Um­fang des Rest­ur­laubs ist un­strei­tig.

Un­ter dem 23.12.2013 (An­la­ge K 7) ver­fass­te der Kläger ein Schrei­ben zur Ab­gel­tung sei­nes Rest­ur­laubs von 51 Ta­gen. Dies sand­te er nach sei­nen An­ga­ben per E-Mail noch am 23.12.2013 an den Be­klag­ten. Von Mon­tag, den 23.12.2013 bis über den Jah­res­wech­sel hin­aus war das In­sti­tut des Be­klag­ten ge­schlos­sen. Mit Schrei­ben vom 10.01.2014 (Bl. 28 d. A.) lehn­te der Be­klag­te den An­trag auf Ur­laubs­ab­gel­tung ab mit der Be­gründung, der Kläger hätte sei­nen Ur­laub im Hin­blick auf das be­kann­te Ar­beits­ver­trags­en­de am 31.12.2013 recht­zei­tig ein­brin­gen müssen. Dar­auf­hin er­hob der Kläger un­ter dem 25.06.2014, ein­ge­gan­gen beim Ar­beits­ge­richt München am sel­ben Tag, Kla­ge.

Der Kläger hat vor dem Ar­beits­ge­richt die Auf­fas­sung ver­tre­ten, er ha­be ei­nen Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch gemäß § 7 Abs. 4 BUrlG. Er ha­be auf­grund drin­gen­der be­trieb­li­cher Er­for­der­nis­se sei­nen Ur­laub vor Ab­lauf des be­fris­te­ten Ar­beits­verhält­nis­ses in na­tu­ra nicht neh­men können. Die E-Mail vom 16.05.2013 ha­be er nicht er­hal­ten. Die Ab­gel­tung ha­be er noch im Jahr 2013 be­an­tragt. Ur­laub sei ab­zu­gel­ten, wenn er we­gen der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht mehr gewährt wer­den könne. Der ge­setz­li­che Ver­fall des Ur­laubs zum 31.12. gel­te nicht mehr für den An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung. Nach Auf­ga­be der Sur­ro­ga­ti­ons­theo­rie durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt fol­ge der Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch nicht mehr dem stren­gen Fris­ten­re­gime, das für den ori­ginären Ur­laubser­tei­lungs­an­spruch gel­te. Die völli­ge Auf­ga­be der Sur­ro­gats­theo­rie ha­be zur Fol­ge, dass der Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch nun­mehr ei­nen auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung ge­rich­te­ten rei­nen Geld­an­spruch dar­stel­le. Der Ab­gel­tungs­be­trag er­rech­ne sich aus dem drei­fa­chen mo­nat­li­chen Brut­to­lohn des Klägers in Höhe von € 5.089,23 di­vi­diert durch 65 Ar­beits­ta­ge und mul­ti­pli­ziert mit den 51 nicht ge­nom­me­nen Ur­laubs­ta­gen. Nach­dem der Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­trag spätes­tens am 10.01.2014 bei dem Be­klag­ten ein­ge­gan­gen sei, be­fin­de sich die­ser seit die­sem Zeit­punkt im Ver­zug und ha­be des­halb Ver­zugs­zin­sen in Höhe von 5% über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins zu be­zah­len.

Der Kläger hat vor dem Ar­beits­ge­richt be­an­tragt:

Der Be­klag­te wird ver­ur­teilt, Ur­laubs­ab­gel­tung in Höhe von € 11.979,26 zuzüglich Jah­res­zin­sen hier­aus in Höhe von 5% über dem je­wei­li­gen Ba­sis­zins­satz seit dem 10.01.2014 an den Kläger zu zah­len.

Der Be­klag­te hat be­an­tragt:

Kla­ge­ab­wei­sung.

Der Be­klag­te hat zur Kla­ge aus­geführt, ein An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung gemäß § 7 Abs. 4 BUrlG bzw. § 26 Abs. 1 Satz 6 TVöD be­ste­he nicht. Bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ha­be der

 

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Kläger kei­nen Ur­laubs­an­spruch mehr ge­habt. Die­ser sei mit Ab­lauf des Ka­len­der­jah­res 2013 ver­fal­len. Der Kläger ha­be we­der den ihm zu­ste­hen­den Ur­laub während des Ur­laubs­jah­res be­an­tragt noch sei ihm die­ser von dem Be­klag­ten ver­sagt wor­den. Spätes­tens En­de Ok­to­ber ha­be der Kläger ge­wusst, dass sein Ar­beits­ver­trag nicht über den 31.12.2013 hin­aus verlängert wer­den würde. Be­trieb­li­che Gründe für ei­ne Nicht­i­n­an­spruch­nah­me des Ur­laubs hätten nicht vor­ge­le­gen. Ent­schei­dend sei, dass der Ur­laub grundsätz­lich im lau­fen­den Ka­len­der­jahr gewährt und ge­nom­men wer­den müsse. Ge­sche­he dies nicht, so ver­fal­le der Ur­laub. Ein Über­tra­gungs­tat­be­stand ha­be nicht vor­ge­le­gen. Das Bun­des­ur­laubs­ge­setz ge­he da­von aus, dass Ur­laub in ers­ter Li­nie in na­tu­ra ein­zu­brin­gen und zu gewähren sei. Der Ar­beit­neh­mer sol­le ge­ra­de nicht die Wahl ha­ben zwi­schen der Ein­brin­gung des Ur­laubs in na­tu­ra und der Ur­laubs­ab­gel­tung. An­de­res er­ge­be sich auch nicht aus der neu­es­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ha­be le­dig­lich ent­schie­den, dass ein ein­mal ent­stan­de­ner Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch ein rei­ner Geld­an­spruch sei, der auch bei Ar­beits­unfähig­keit des aus­schei­den­den Ar­beit­neh­mers nicht dem Fris­ten­re­gime des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes un­ter­lie­ge. Vor­lie­gend sei je­doch der Ver­fall des Ab­gel­tungs­an­spruchs nicht von Be­lang, da ein sol­cher An­spruch man­gels Vor­han­den­seins von Ur­laubs­ansprüchen gar nicht erst ent­stan­den sei.

Mit En­dur­teil vom 13.11.2014 - 13 Ca 7172/14 - hat das Ar­beits­ge­richt München der Kla­ge statt­ge­ge­ben.

Zur Be­gründung sei­ner Ent­schei­dung hat es im We­sent­li­chen Fol­gen­des aus­geführt: Der Kläger ha­be ei­nen An­spruch auf Ab­gel­tung von 51 Ur­laubs­ta­gen gemäß § 7 Abs. 4 BUrlG bzw. § 26 Abs. 1 Satz 6 TVöD. Gemäß § 7 Abs. 4 BUrlG ha­be der Ar­beit­ge­ber den Ur­laub ab­zu­gel­ten, der dem Ar­beit­neh­mer we­gen der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ganz oder teil­wei­se nicht mehr gewährt wer­den könne. Dies sei­en vor­lie­gend die gel­tend ge­mach­ten 51 Rest­ur­laubs­ta­ge aus den Jah­ren 2012 und 2013.

Dem Kläger ha­be un­strei­tig im De­zem­ber 2013 un­mit­tel­bar vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses am 31.12.2013 noch ein Rest­ur­laubs­an­spruch von 51 Ta­gen zu­ge­stan­den. Dies er­ge­be sich auch aus der Lohn­ab­rech­nung für De­zem­ber 2013.

Der An­spruch auf Ab­gel­tung des Ur­laubs sei ein rei­ner Geld­an­spruch und un­ter­fal­le nicht dem Fris­ten­re­gime des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes in § 7 Abs. 3 BUrlG (BAG, Ur­teil v. 19.06.2012 - 9 AZR 652/10). Der Ab­gel­tungs­an­spruch ver­fal­le nicht mit Ab­lauf des Ur­laubs­jah­res. Des­halb könne es da­hin­ste­hen, ob der Kläger sei­nen Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch noch vor Ab­lauf des Ka­len­der­jah­res 2013 oder erst im Ja­nu­ar 2014 bei dem Be­klag­ten ord­nungs­gemäß gel­tend ge­macht ha­be. Nach­dem der Be­klag­te den Ab­gel­tungs­an­spruch be­reits mit Schrei­ben vom 10.01.2014 ab­ge­lehnt ha­be, ha­be der Kläger den Ab­gel­tungs­an­spruch je­den­falls in­ner­halb der ta­rif­ver­trag­li­chen Aus­schluss­fris­ten gel­tend ge­macht.

Un­zu­tref­fend mei­ne der Be­klag­te, ein Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch sei nicht in Fol­ge ei­nes Ver­falls des Ur­laubs­an­spruchs mit Ab­lauf des Jah­res 2013 gar nicht erst ent­stan­den.

Der Ab­gel­tungs­an­spruch sei ein Geld­an­spruch, des­sen Erfüll­bar­keit nicht dem Fris­ten­re­gime des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes un­ter­lie­ge. Mit der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses wer­de es in je­dem Fall unmöglich, den Ur­laub in na­tu­ra zu neh­men. Dies un­ter­schei­de die La­ge des aus­ge­schie­de­nen maßgeb­lich von der des im Ar­beits­verhält­nis blei­ben­den Ar­beit­neh­mers. Aus die­sem Grund stel­le die Zu­er­ken­nung ei­nes nicht nach § 7 Abs. 3 BUrlG be­fris­te­ten Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruchs auch kei­ne un­ge­recht­fer­tig­te Bes­ser­stel­lung des aus­schei­den­den Ar­beit­neh­mers ge­genüber der Si­tua­ti­on bei Ver­bleib im Ar­beits­verhält­nis dar. Zwar könne im fort­be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis nur in­ner­halb des Fris­ten­re­gimes des § 7 Abs. 3 BUrlG die Erfüllung des Ur­laubs­an­spruchs ver­langt wer­den. Je­doch sei hier ei­ne Frei­stel­lung grundsätz­lich möglich, da nicht ge­nom­me­ner Ur­laub über­tra­gen wer­den könne und un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen auch wer­den müsse. Da­ge­gen wer­de ei­ne

 

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Frei­stel­lung mit der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses in je­dem Fall unmöglich. In § 7 Abs. 4 BUrlG selbst sei kein Ver­fall des Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruchs ge­re­gelt. Auch ma­che der Wort­laut des § 7 Abs. 4 BUrlG die Ab­gel­tung nicht von ei­ner Gel­tend­ma­chung, son­dern al­lein von der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses abhängig. § 7 Abs. 3 BUrlG nor­mie­re sei­nem Wort­laut und Sinn nach al­lein die zeit­li­che Bin­dung und Über­tra­gung des Ur­laubs als Frei­zeit­an­spruch (BAG, Ur­teil v. 19.06.2012, be­reits zi­tiert). Ob der Kläger den Ur­laub vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses tatsächlich hätte neh­men können, sei im Zu­sam­men­hang mit dem Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch un­er­heb­lich. Der Ur­laubs­an­spruch ver­wand­le sich gemäß § 7 Abs. 4 BUrlG mit Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses au­to­ma­tisch in ei­nen Ab­gel­tungs­an­spruch, oh­ne dass es dafür wei­te­rer Hand­lun­gen des Ar­beit­ge­bers oder des Ar­beit­neh­mers bedürf­te (BAG, Ur­teil v. 19.08.2003 - 9 AZR 619/02).

Die Ar­gu­men­ta­ti­on des Be­klag­ten, es sei zwar zu­tref­fend, dass der Ab­gel­tungs­an­spruch nicht dem Fris­ten­re­gime des § 7 Abs. 3 BUrlG un­ter­lie­ge, al­ler­dings ha­be vor­lie­gend bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses, nämlich am 31.12.2013, kein ab­zu­gel­ten­der Ur­laubs­an­spruch mehr be­stan­den, weil der Kläger im Ur­laubs­jahr 2013 kei­nen Ur­laub be­an­sprucht ha­be und be­trieb­li­che Gründe ei­ner In­an­spruch­nah­me des Ur­laubs vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ent­ge­gen­ge­stan­den hätten, vermöge nicht zu über­zeu­gen. Nach Auf­fas­sung der Kam­mer wand­le sich der bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses noch be­ste­hen­de Ur­laubs­an­spruch au­to­ma­tisch in ei­nen Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch. Da­bei könne das Be­ste­hen des Ab­gel­tungs­an­spruchs nicht da­von abhängig ge­macht wer­den, ob das Ar­beits­verhält­nis zum 31.12., d. h. mit Ab­lauf des Ur­laubs­jah­res, en­de oder zu ei­nem be­lie­bi­gen an­de­ren Zeit­punkt während des Ur­laubs­jah­res. Mit der Ar­gu­men­ta­ti­on des Be­klag­ten würde ei­ne Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses et­wa zum 30.12. im Fal­le des Klägers zur Fol­ge ha­ben, dass er ei­nen vol­len Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch er­hiel­te, bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nur ei­nen Tag später würde in der ju­ris­ti­schen Se­kun­de vor Ent­ste­hen des Ab­gel­tungs­an­spruchs der ge­sam­te Ur­laubs­an­spruch ver­fal­len. Dies würde zu un­bil­li­gen Er­geb­nis­sen führen.

Es sei vor­lie­gend auch un­er­heb­lich, dass der Kläger vor Ab­lauf des Ar­beits­verhält­nis­ses ent­ge­gen den Auf­for­de­run­gen des Be­klag­ten kei­nen Ur­laub gel­tend ge­macht ha­be. Wol­le der Ar­beit­ge­ber die Um­wand­lung ver­hin­dern, müsse er den Ur­laubs­an­spruch vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses erfüllen, in­dem er erkläre, zu ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt Ur­laub zu er­tei­len, so­fern Ur­laubswünsche des Ar­beit­neh­mers i. S. ei­ner „In­an­spruch­nah­me“ nicht er­folgt sei­en (vgl. Hes­si­sches LAG, Ur­teil v. 25.01.2013 - 14 Sa 865/12). Eben­so wie der Ar­beit­ge­ber den Ur­laubs­an­spruch auch da­durch erfüllen könne, dass er den Ar­beit­neh­mer nach Aus­spruch ei­ner Kündi­gung bis zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses un­ter An­rech­nung auf den Ur­laubs­an­spruch frei­stel­le (st. Rspr. des BAG, vgl. nur Ur­teil v. 14.08.2007 - 9 AZR 934/06), könne er ei­ne sol­che Frei­stel­lung auch vor Ab­lauf der Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses oh­ne wei­te­res vor­neh­men. Die Frei­stel­lung bei Ur­laub er­fol­ge durch ein­sei­ti­ge emp­fangs­bedürf­ti­ge Wil­lens­erklärung. Grundsätz­lich ha­be der Ar­beit­ge­ber bei der zeit­li­chen Fest­le­gung des Ur­laubs zwar die Ur­laubswünsche des Ar­beit­neh­mers zu berück­sich­ti­gen, es sei denn, dass der Berück­sich­ti­gung drin­gen­de be­trieb­li­che Be­lan­ge oder Ur­laubswünsche an­de­rer Ar­beit­neh­mer ent­ge­genstünden, die un­ter so­zia­len Ge­sichts­punk­ten den Vor­rang ver­die­nen. Ma­che der Ar­beit­neh­mer aber kei­ne an­de­ren Ur­laubswünsche gel­tend, sei die Fest­le­gung des Ur­laubs durch den Ar­beit­ge­ber vor Be­en­di­gung des be­fris­te­ten Ar­beits­verhält­nis­ses eben­so wie während des Laufs der Kündi­gungs­frist ord­nungs­gemäß.

Vor­lie­gend ha­be der Kläger den Ur­laub auch we­gen der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht mehr neh­men können. Der Ge­set­zes­wort­laut in § 7 Abs. 4 BUrlG stel­le nicht dar­auf ab, aus wel­chen Gründen der Ur­laub nicht mehr ein­ge­bracht wer­den könne und ob dies mögli­cher­wei­se vom Ar­beit­neh­mer zu ver­tre­ten sei. Bestünden bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses noch Ur­laubs­ansprüche, die nicht mehr erfüllt und auch nicht auf das nächs­te Ur­laubs­jahr über­tra­gen

 

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wer­den könn­ten, könne der Ur­laub we­gen der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht mehr ge­nom­men wer­den.

Ergänzend wird auf Tat­be­stand und Ent­schei­dungs­gründe des an­ge­grif­fe­nen Ur­teils (Bl. 86 ff. d. A.) ver­wie­sen.

Ge­gen die­se Ent­schei­dung, die ihm am 26.11.2014 zu­ge­stellt wur­de, wen­det sich der Be­klag­te mit sei­ner am 18.12.2014 ein­ge­leg­ten und am 23.01.2015 be­gründe­ten Be­ru­fung.

Zur Be­gründung sei­nes Rechts­mit­tels bringt er im We­sent­li­chen fol­gen­des vor: Die Ar­gu­men­ta­ti­on des Ar­beits­ge­richts, dem Kläger stünde der ein­ge­klag­te Ur­laubs­an­spruch in Höhe von 51 Ta­gen zu, da er sich nach § 7 Abs. 4 BUrlG mit Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses au­to­ma­tisch in ei­nen Ab­gel­tungs­an­spruch ver­wan­delt ha­be, der nach Auf­ga­be der Sur­ro­ga­ti­ons­theo­rie ein rei­ner Geld­an­spruch sei, sei nicht tragfähig.

Für den Rest­ur­laub aus dem Jahr 2012 könne die­se Ar­gu­men­ta­ti­on auf kei­nen Fall Be­stand ha­ben.
Die­ser sei zwar aus­weis­lich der Ge­halts­ab­rech­nung von De­zem­ber 2013 in das Jahr 2013 über­tra­gen wor­den; die­ser Ur­laub müsse je­doch in je­dem Fall mit dem 31.12.2014 er­lo­schen sei.

Die Ar­gu­men­ta­ti­on des Ar­beits­ge­richts sei je­doch auch grundsätz­lich feh­ler­haft. Deut­lich wer­de dies aus der Über­le­gung, dass da­hin­ste­hen könne, ob der Kläger sei­nen Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch im Jahr 2013 oder im Ja­nu­ar 2014 gel­tend ge­macht ha­be. Es ge­he bei der hier strei­ti­gen Rechts­fra­ge nicht dar­um, wann der Kläger sei­nen Ab­gel­tungs­an­spruch gel­tend ge­macht ha­be. In der Tat sei es für die Gel­tend­ma­chung des Ab­gel­tungs­an­spruchs un­er­heb­lich, ob die­se noch im lau­fen­den Ur­laubs­jahr er­folgt sei; nur zu die­ser Fra­ge ha­be das BAG in der her­an­ge­zo­ge­nen Ent­schei­dung vom 19.06.2012 - 9 AZR 652/10 - Stel­lung ge­nom­men. In­des müsse in ei­nem lo­gi­schen Zwi­schen­schritt zunächst ein­mal über­haupt noch ein Ur­laubs­an­spruch be­stan­den ha­ben. Dass dies der Fall sein müsse, ha­be das Ar­beits­ge­richt zwar in­di­rekt zu­ge­stan­den, wenn es von der Um­wand­lung des noch be­ste­hen­den Ur­laubs­an­spruchs in den Ab­gel­tungs­an­spruch ge­spro­chen ha­be; wirk­lich Stel­lung ge­nom­men ha­be es zu die­ser Fra­ge je­doch nicht. Es ha­be le­dig­lich dar­auf ver­wie­sen, dass der Ar­beit­ge­ber die Um­wand­lung hätte ver­hin­dern können, wenn er den Ur­laub vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ak­tiv er­teilt hätte. Mit kei­nem Wort ha­be das Ar­beits­ge­richt be­gründet, war­um in ei­ner Fall­kon­stel­la­ti­on wie der vor­lie­gen­den der Ur­laub nicht mit Ab­lauf des 31.12. un­ter­ge­hen sol­le. Es er­sch­ließe sich nicht, war­um der Ar­beit­ge­ber ge­zwun­gen sein sol­le, den Ur­laub ak­tiv zu er­tei­len und war­um der Ar­beit­neh­mer von der Ver­pflich­tung be­freit sein sol­le, sei­nen Ur­laub recht­zei­tig zu be­an­tra­gen.

Die in Be­zug ge­nom­me­ne Ent­schei­dung des hes­si­schen LAG vom 25.01.2013 hel­fe nicht, da die Fall­kon­stel­la­ti­on dort ei­ne an­de­re ge­we­sen sei.

Auch die Ar­gu­men­ta­ti­on des Ar­beits­ge­richts, wo­nach es zu un­bil­li­gen Er­geb­nis­sen führen würde, wenn ei­nem Ar­beit­neh­mer, der et­wa zum 30.12. aus­schei­de, der vol­le Ur­laub ab­ge­gol­ten wer­den müsse, ver­fan­ge nicht. Denn wenn ein Ar­beit­neh­mer mit 51 Ta­gen Rest­ur­laub am 30.12. aus­schei­de, sei nur mehr ein Tag erfüll­bar, so dass auch nur ein Tag ab­ge­gol­ten wer­den müsse. Das Ar­beits­ge­richt ha­be hier über­se­hen, dass ein Ab­gel­tungs­an­spruch nicht nur ent­ste­hen, son­dern auch erfüll­bar sein müsse, wie das BAG un­ter dem 24.11.1987 und dem 20.04.1989 ent­schie­den ha­be.

Der maßgeb­li­che Un­ter­schied zwi­schen dem hier zu ent­schei­den­den Sach­ver­halt und den bis­her ent­schie­de­nen Fall­kon­stel­la­tio­nen sei so­mit das Da­tum der recht­li­chen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses. Während in den übri­gen Ur­tei­len ein Aus­schei­den während des lau­fen­den Jah­res zur Dis­kus­si­on ge­stan­den ha­be, ha­be das Ar­beits­verhält­nis des Klägers am 31.12. en­det. Der Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch ent­ste­he nach dem Wort­laut des Ge­set­zes je­doch nur, wenn der Ur­laub we­gen der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht mehr gewährt wer­den könne. Bei

 

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ei­ner Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zum 31.12. könne der Ur­laub je­doch in ei­nem lo­gi­schen Zwi­schen­schritt we­gen Ver­falls nicht mehr gewährt wer­den; denn es sei mit Ab­lauf des 31.12. nach § 7 Abs. 3 BUrlG er­lo­schen. Der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung könne erst ei­ne ju­ris­ti­sche Se­kun­de nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ent­ste­hen. Die recht­zei­ti­ge Gel­tend­ma­chung sei ei­ne Ob­lie­gen­heit des Ar­beit­neh­mers.

Ge­nau be­trach­tet stütze sich der Kläger auf zwei un­ter­schied­li­che An­spruchs­grund­la­gen, zum ei­nen auf ei­nen An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung nach § 7 Abs. 4 BUrlG, zum an­de­ren auf Scha­dens­er­satz gemäß §§ 280 Abs. 1 und 3, 283 i. V. m. 249 Abs. 1 BGB. Zu letz­te­rem bemühe der Kläger die Ent­schei­dung des LAG Ber­lin-Bran­den­burg vom 12.06.2014.

Der ein­ge­klag­te An­spruch er­ge­be sich aber aus kei­ner die­ser ver­meint­li­chen An­spruchs­grund­la­gen.

So­weit sich der Kläger auf § 7 Abs. 4 BUrlG stützen möch­te, stel­le er we­sent­lich auf den Weg­fall der Sur­ro­ga­ti­ons­theo­rie ab. Die Auf­ga­be die­ser Theo­rie ha­be je­doch nichts mit dem vor­lie­gend gel­tend ge­mach­ten An­spruch zu tun. Bei der Sur­ro­ga­ti­ons­theo­rie sei es im Er­geb­nis al­lein dar­um ge­gan­gen, wel­chen Ein­fluss die Ent­wick­lung nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses auf den Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch ha­be. Der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung sei im Zeit­punkt der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zunächst als ge­ge­ben, als ent­stan­den, hin­ge­nom­men wor­den; an­sch­ließend sei aber zu fra­gen ge­we­sen, ob er erfüll­bar ge­we­sen sei, was ins­be­son­de­re bei Ar­beits­unfähig­keit des Ar­beit­neh­mers ver­neint wor­den sei. In ei­ner Fall­kon­stel­la­ti­on wie der vor­lie­gen­den ha­be die Sur­ro­ga­ti­ons­theo­rie je­doch be­reits früher kei­ne Rol­le ge­spielt, ih­re Auf­ga­be sei hier un­er­heb­lich. Es lie­ge dar­an, dass hier kein Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch ent­stan­den sei, über des­sen Schick­sal we­gen der späte­ren Ent­wick­lung hätte ent­schie­den wer­den können. Der Kläger und das Ar­beits­ge­richt würden das Schick­sal ei­nes Ab­gel­tungs­an­spruchs dis­ku­tie­ren, oh­ne zu über­prüfen, ob im Zeit­punkt der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses über­haupt ein Ur­laubs­an­spruch be­stan­den ha­be.

Dies sei aber nach wie vor die ent­schei­den­de Vor­fra­ge. Dies er­ge­be sich be­reits aus dem Wort­laut des § 7 Abs. 4 BUrlG. Dort sei die Re­de da­von, dass der Ur­laub nicht mehr ge­nom­men wer­den könne, dies zu­dem we­gen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses. Vor­lie­gend ha­be der Ur­laub je­doch we­gen Ver­falls nicht mehr gewährt wer­den können. Da­ge­gen hätten we­der das BAG noch der Eu­ropäische Ge­richts­hof Be­den­ken geäußert. Nach der Auf­fas­sung des Klägers würde der Ur­laub des Ar­beit­neh­mers mit Ab­lauf des 31.12. nicht mehr ver­fal­len, so­fern er mit Ab­lauf des 31.12. aus dem Ar­beits­verhält­nis aus­schei­de. Ver­fal­len würden je­doch da­nach die Ur­laubs­ansprüche von Ar­beit­neh­mern, die nach dem 31.12. aus dem Ar­beits­verhält­nis aus­schei­den. Es könne je­doch nicht ernst­lich an­ge­nom­men wer­den, dass we­gen der Auf­ga­be der Sur­ro­ga­ti­ons­theo­rie Ur­laubs­ansprüche ge­ne­rell nicht mehr mit Ab­lauf des Ka­len­der­jah­res ver­fal­len soll­ten.

Auch der Auf­fas­sung des LAG Ber­lin-Bran­den­burg in der ge­nann­ten Ent­schei­dung könne nicht ge­folgt wer­den. Sei­ne In­ter­pre­ta­ti­on des § 7 Abs. 3 Satz 1 und Satz 3 BUrlG sei ge­lin­de ge­sagt aben­teu­er­lich. Aus der Rei­hen­fol­ge „zu gewähren und zu neh­men“ könne nicht ge­schlos­sen wer­den, dass der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet sei, Ur­laub ein­sei­tig zu­zu­wei­sen. Die natürli­che Rei­hen­fol­ge sei viel­mehr, dass der Ar­beit­neh­mer den An­trag stel­le, was sich aus § 7 Abs. 1 BUrlG er­ge­be, wo­nach bei der zeit­li­chen Fest­le­gung des Ur­laubs die Ur­laubswünsche des Ar­beit­neh­mers zu berück­sich­ti­gen sei­en. Lägen die ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen vor, sei der Ur­laub nach § 7 Abs. 3 Satz 1 BUrlG „zu gewähren“. Erst an­sch­ließend - dies lie­ge in der Na­tur der Sa­che und sei ei­ne pu­re Selbst­verständ­lich­keit -könne und müsse der Ur­laub „ge­nom­men“ wer­den. In­wie­fern sich aus der For­mu­lie­rung „zu neh­men“ kei­ne Ver­pflich­tung zur An­trags­stel­lung sei­tens des Ar­beit­neh­mers er­ge­ben sol­le, wer­de das Ge­heim­nis des LAG Ber­lin-Bran­den­burg blei­ben.

Es sei in die­sem Zu­sam­men­hang noch ein­mal zu be­to­nen, dass dem Kläger durch ei­ne E-Mail vom 16.05.2013 (An­la­ge B 1) mit­ge­teilt wor­den sei, dass nicht ge­nom­me­ner Ur­laub au­to­ma­tisch ver­fal­le.

 

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Die­se E-Mail sei nach­weis­bar in den elek­tro­ni­schen Post­ein­gangs­be­reich des Klägers ge­langt. Im Übri­gen ha­be die Be­klag­te den Kläger noch ein­mal mit Schrei­ben vom 13.10.2013 (An­la­ge B 2) dar­auf hin­ge­wie­sen, dass noch vor­han­de­ne Ur­laubs­ta­ge bis zum En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses ein­zu­brin­gen sei­en, was un­strei­tig sei. Dass der Kläger die­sen Hin­wei­sen und der Auf­for­de­rung, Ur­laub zu neh­men, nicht nach­ge­kom­men sei, könne dem Be­klag­ten nicht an­ge­las­tet wer­den.

Auch die Ar­gu­men­ta­ti­on des LAG Ber­lin-Bran­den­burg, dass der Ur­laub sei­ner Ziel­rich­tung nach zum Ar­beits­schutz­recht zähle, sei im Er­geb­nis nicht halt­bar. Das Ar­beits­schutz­recht sei klas­si­scher Wei­se dem öffent­li­chen Recht zu­zu­ord­nen. Verstöße würden nicht durch die Ar­beits­ge­richts­bar­keit sank­tio­niert. Es sei al­so ge­wagt, das Ur­laubs­recht dem Ar­beits­schutz­recht zu­zu­tei­len. Al­len­falls könne dies für den ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laub gel­ten.

Ein wei­te­rer As­pekt kom­me hin­zu: Soll­te das Ur­laubs­recht tatsächlich dem Ar­beits­schutz­recht zu­zu­ord­nen sei­en, müss­te zwin­gend auf die Er­tei­lung im Ka­len­der­jahr ge­ach­tet wer­den. § 7 Abs. 3 BUrlG se­he je­doch ex­pli­zit den Ver­fall vor, was bei Ar­beits­schutz­recht nicht hin­nehm­bar wäre. Es lie­ge auf der Hand, dass es nicht ge­wollt sei, dass der Ar­beit­ge­ber auch oh­ne Anträge den Ur­laub sei­nen Ar­beit­neh­mern zwangs­wei­se gewähren müsse.

Über­dies setz­te ein Scha­dens­er­satz­an­spruch re­gelmäßig ein Ver­schul­den vor­aus. Ein sol­ches sei je­doch nicht fest­stell­bar, wenn der Ver­fall des Ur­laubs­an­spruchs in­fol­ge Zeit­ab­laufs dar­auf zurück­zuführen sei, dass der be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer kei­nen Ur­laubs­an­trag ge­stellt ha­be. Dies gel­te um­so mehr, als dem Ar­beit­ge­ber die An­ord­nung ei­nes Zwangs­ur­laubs nur in en­gen Gren­zen möglich sei (§ 7 Abs. 1 Satz 1 BUrlG).

Je­den­falls würde sich die Fra­ge ei­nes Mit­ver­schul­dens stel­len.

Ei­ne eu­ro­pa­recht­li­che Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers, zwangs­wei­se Ur­laub zu er­tei­len, be­ste­he nicht.

Ergänzend sei dar­auf hin­zu­wei­sen, dass ge­ra­de im wis­sen­schaft­li­chen Be­reich ei­ne vom Ar­beit­ge­ber zwangs­wei­se aus­ge­spro­che­ne Ur­laubser­tei­lung ei­nem Be­rufs­ver­bot von ge­wis­ser Dau­er na­he­kom­me. Hier müsse es des­halb sein Be­wen­den da­mit ha­ben, dass die Mit­ar­bei­ter da­zu auf­ge­for­dert würden, ih­ren Ur­laub ein­zu­brin­gen. Ei­ne zwangs­wei­se Er­tei­lung durch den Ar­beit­ge­ber schei­de, auch mit Blick auf die Wis­sen­schafts­frei­heit, aus.

Sch­ließlich sei nicht zu ver­ken­nen, dass vie­le Wis­sen­schaft­ler ge­ra­de ge­gen En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses das vi­ta­le In­ter­es­se hätten, Pro­jek­te, Ex­pe­ri­men­te etc. noch zu En­de zu führen.

Die Be­klag­te be­an­tragt:

1. Das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts München, Az. 13 Ca 7172/14, vom 13.11.2014 wird ab­geändert.

2. Die Kla­ge wird ab­ge­wie­sen.

Der Kläger be­an­tragt,

die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen.

Der Kläger ver­tei­digt das Erst­ur­teil. Voll­kom­men zu Recht ha­be das Ar­beits­ge­richt im An­schluss an das Ur­teil des BAG vom 19.06.2012 dar­auf ab­ge­stellt, dass der Ab­gel­tungs­an­spruch ein rei­ner Geld­an­spruch sei und nicht dem Fris­ten­re­gime des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes in des­sen § 7 Abs. 3 un­ter­fal­le. Es könne da­her da­hin­ste­hen, ob das Ar­beits­verhält­nis hier am 31.12.2013 ge­en­det ha­be und so­mit der Ur­laubs­an­spruch ei­gent­lich nach § 7 Abs. 3 BUrlG ver­fal­len sei. Auf die ju­ris­ti­sche Se­kun­de, die die Be­klag­te für er­for­der­lich hal­te, kom­me es nicht mehr an. In § 7 Abs. 4 BUrlG, der die Ab­gel­tung von Rest­ur­laub reg­le, wer­de aus­drück­lich nicht auf die Fris­ten­re­ge­lung des Abs. 3 Be­zug ge­nom­men. Hätte der Ge­setz­ge­ber ge­wollt, dass der Ab­gel­tungs­an­spruch den glei­chen Fris­ten un­ter­lie­gen sol­le, hätte er dies hier ge­re­gelt.

 

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So­weit der Be­klag­te vor­tra­ge, der Ur­laub aus dem Ka­len­der­jahr 2012 sei zwar wirk­sam auf das Jahr 2013 über­tra­gen wor­den, je­doch je­den­falls mit dem 31.12.2013 er­lo­schen, blei­be er hierfür je­des Ar­gu­ment schul­dig. Wenn der Ur­laub wirk­sam auf das Ka­len­der­jahr 2013 über­tra­gen wor­den sei, so ge­be es kei­nen Grund dafür, dass die­ser über­tra­ge­ne Ur­laub auch dann nicht ab­ge­gol­ten wer­den müsse, wenn der Be­klag­te die­sen nicht ak­tiv zu­ge­teilt ha­be. Wie das Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend aus­geführt ha­be, sei es nicht nur Sa­che des Ar­beit­neh­mers, den Ur­laub zu be­an­tra­gen, son­dern auch Sa­che des Ar­beit­ge­bers, die­sen zwangs­wei­se zu­zu­tei­len, so­fern der Ar­beit­neh­mer den Ur­laub nicht recht­zei­tig be­an­tra­ge.

Der Be­klag­te ver­ken­ne auch, dass der Eu­ropäische Ge­richts­hof in sei­nen jüngs­ten Ur­tei­len im­mer wie­der das Recht des Ar­beit­neh­mers auf Ur­laubs­ab­gel­tung gestärkt ha­be.

Die Fra­ge, ob der Ar­beit­ge­ber auf die Erfüllung des Ur­laubs­an­spruchs ach­ten müsse, sei jüngst zu­tref­fend vom LAG Ber­lin-Bran­den­burg in sei­nem Ur­teil vom 12.06.2014 - 21 Sa 221/14 - be­jaht wor­den. Denn der ge­setz­li­che Ur­laubs­an­spruch die­ne dem Ge­sund­heits­schutz und ha­be ar­beits­schutz­recht­li­chen Cha­rak­ter. Die be­klag­ten­seits zi­tier­ten Ur­tei­le vom 24.11.1987 und 20.04.1989 sei­en durch die neue­re Recht­spre­chung über­holt.

Zu Recht ha­be das Ar­beits­ge­richt auch aus­geführt, dass das Be­ste­hen des Ab­gel­tungs­an­spruchs nicht da­von abhängig ge­macht wer­den könne, ob das Ar­beits­verhält­nis zum 31.12., al­so mit dem Ab­lauf des Ur­laubs­jah­res, en­de, oder zu ei­nem be­lie­bi­gen an­de­ren

Zeit­punkt während des Ur­laubs­jah­res. Mit der Ar­gu­men­ta­ti­on des Be­klag­ten würde ei­ne Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zum 30.12. ei­nes Jah­res zur Fol­ge ha­ben, dass der Ar­beit­neh­mer ei­nen vol­len Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch er­hiel­te, bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nur ei­nen Tag später würde in der ju­ris­ti­schen Se­kun­de vor Ent­ste­hen des Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruchs aber der ge­sam­te Ur­laubs­an­spruch ver­fal­len. Dies würde zu un­bil­li­gen Er­geb­nis­sen führen, die vom Ge­setz­ge­ber nicht ge­wollt sei­en.

Auch die in der Be­ru­fungs­be­gründung ent­hal­te­ne Ar­gu­men­ta­ti­on, in die­sem Fal­le sei nur ein Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch in Höhe von ei­nem Tag ent­stan­den, könne nicht über­zeu­gen. Der Ur­laubs­ab­gel­tungs­an­spruch ent­ste­he mit Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses und zwar in der Höhe, in der der nicht ge­nom­me­ne Ur­laub noch vor­han­den sei. Auf die Ein­brin­gungsmöglich­keit noch im lau­fen­den Ka­len­der­jahr könne es da­bei nicht an­kom­men. Bei die­ser Ar­gu­men­ta­ti­on wie­der­um würden Ar­beit­neh­mer, de­ren Ar­beits­verhält­nis­se im ers­ten Ka­len­der­halb­jahr bzw. bis ca. No­vem­ber des strei­ti­gen Jah­res en­de­ten, ge­genüber sol­chen Ar­beit­neh­mern, de­ren Ar­beits­verhält­nis­se erst zum En­de De­zem­ber en­de­ten, oh­ne sach­li­chen Grund bes­ser ge­stellt. Es könne und dürfe nicht da­von abhängen, wann ein Ar­beits­verhält­nis en­de; je­der
Be­en­di­gungs­zeit­punkt müsse zu den glei­chen recht­li­chen Fol­gen führen.

Nicht über­zeu­gen könne auch die Ar­gu­men­ta­ti­on des Be­klag­ten, dass ge­ra­de im wis­sen­schaft­li­chen Be­reich ei­ne Ur­laubser­tei­lung durch den Ar­beit­ge­ber aus­schei­de. Wenn es zu­tref­fe, dass das In­ter­es­se be­ste­he, Pro­jek­te etc. noch zu En­de zu führen, würde dem Be­klag­ten mehr Ar­beits­leis­tung zu­fließen, als er bei gehöri­ger Ur­laubs­erfüllung er­hiel­te. Es sei kon­se­quent, die­sen zusätz­li­chen Wert durch Ur­laubs­ab­gel­tung aus­zu­glei­chen.

Im Ter­min vor der Be­ru­fungs­kam­mer hat der Kläger erklärt, er wis­se nicht, ob er die von der Be­klag­ten be­haup­te­te E-Mail vom 16.05.2013 in sei­nem Ac­count er­hal­ten ha­be.

Ergänzend wird we­gen des Vor­brin­gens der Par­tei­en in der Be­ru­fungs­in­stanz auf die Schriftsätze des Be­klag­ten vom 23.01.2015 und vom 13.03.2015, auf den Schrift­satz des Klägers vom 02.03.2015 so­wie auf die Sit­zungs­nie­der­schrift vom 25.03.2015 Be­zug ge­nom­men.

Der Be­klag­te hat am 02.04.2015 nach dem Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung ei­nen wei­te­ren Schrift­satz, da­tie­rend vom 31.03.2015, vor­ge­legt (vgl. Bl. 151 ff. d. A.). Die Kam­mer hat am

 

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05.05.2015 ent­schie­den, dass ei­ne Wie­de­reröff­nung der münd­li­chen Ver­hand­lung nicht ver­an­lasst sei (Bl. 156 d. A.).

 

Ent­schei­dungs­gründe

I. Die gemäß § 64 Abs. 1, Abs. 2 b) ArbGG statt­haf­te und auch im Übri­gen zulässi­ge Be­ru­fung des Be­klag­ten ist nicht be­gründet. Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge je­den­falls im Er­geb­nis zu Recht statt­ge­ge­ben.

1. Dem Be­klag­ten mag in­so­weit zu fol­gen sein, als er an­nimmt, der er­ho­be­ne Ab­gel­tungs­an­spruch sei nicht aus § 7 Abs. 4 BUrlG bzw. aus § 26 Abs. 1 Satz 6 TVöD her­zu­lei­ten, weil die Ur­laubs­ansprüche des Klägers we­gen ih­rer Be­fris­tung auf das Ka­len­der­jahr (§ 7 Abs. 3 Satz 1 BUrlG, § 26 Abs. 1 Satz 6 TVöD) und we­gen des Feh­lens der Über­tra­gungs­vor­aus­set­zun­gen (§ 7 Abs. 3 Satz 2 BUrlG, § 26 Abs. 2 TVöD) bei En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses mit Ab­lauf des 31.12.2013 be­reits er­lo­schen wa­ren, so­dass ei­ner Um­wand­lung in ei­nen Ab­gel­tungs­an­spruch das Sub­strat ge­fehlt ha­be, die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses al­so nicht mehr kau­sal für die Unmöglich­keit ge­we­sen sei, den Ur­laub - in na­tu­ra - zu gewähren.

2. Je­doch er­gibt sich der er­ho­be­ne An­spruch ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Be­klag­ten un­ter Scha­dens­er­satz­ge­sichts­punk­ten aus § 280 Abs. 1 und Abs. 3, § 283 BGB i. V. m. § 249 Abs. 1, 251 Abs. 1 BGB.

1. 2.1 Wie be­reits das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg in sei­nem Ur­teil vom 12.06.2014 - 21 Sa 221/14 (DB 2014, 2114 - 2116, Ju­ris) aus­ge­spro­chen hat, be­steht ent­ge­gen der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des BAG ein An­spruch des Ar­beit­neh­mers auf Scha­dens­er­satz in Form ei­nes Er­satz­ur­lau­bes nach § 280 Abs. 1 und Abs. 3, § 283 BGB i. V. m. § 249 Abs. 1 BGB, der sich mit der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nach § 251 Abs. 1 BGB in ei­nen Ab­gel­tungs­an­spruch um­wan­delt, nicht nur dann, wenn sich der Ar­beit­ge­ber zum Zeit­punkt des Un­ter­gangs des ori­ginären Ur­laubs­an­spruchs mit der Ur­laubs­gewährung in Ver­zug be­fun­den hat, son­dern be­reits dann, wenn er sei­ner Ver­pflich­tung nicht nach­ge­kom­men ist, dem Ar­beit­neh­mer von sich aus recht­zei­tig Ur­laub zu gewähren. Et­was an­de­res gilt nur, wenn der Ar­beit­ge­ber die nicht recht­zei­ti­ge Ur­laubs­gewährung nicht zu ver­tre­ten hat. Denn mit dem Un­ter­gang des Ur­laubs­an­spruchs wird sei­ne Erfüllung unmöglich (§ 275 Abs. 1 BGB), so dass der Ar­beit­neh­mer nach § 280 Abs. 3, § 283 Satz 1 BGB Scha­dens­er­satz statt der Leis­tung ver­lan­gen kann.

a) Es kommt al­so nicht dar­auf an, ob der Ar­beit­neh­mer Ur­laub be­an­tragt und da­durch den Ar­beit­ge­ber nach § 286 Abs. 1 Satz 1 BGB in Ver­zug ge­setzt hat. Es ist auch un­er­heb­lich, ob für die Gewährung von Ur­laub nach § 7 Abs. 3 BUrlG ei­ne Zeit im Sin­ne des § 286 Abs. 2 Nr. 1 BGB nach dem Ka­len­der be­stimmt ist, oder ob ein Fall der ernst­haf­ten und endgülti­gen Ur­laubs­ver­wei­ge­rung im Sin­ne des § 286 Abs. 2 Nr. 3 BGB vor­liegt und sich der Ar­beit­ge­ber des­halb zum Zeit­punkt des Ver­falls des ori­ginären Ur­laubs­an­spruchs in Ver­zug be­fin­det. Dem An­spruch des Klägers steht so nicht ent­ge­gen, dass er kei­nen Ur­laub be­an­tragt hat.

b) Der Be­klag­te war ver­pflich­tet, dem Kläger sei­nen ge­setz­li­chen Ur­laub auch oh­ne vor­he­ri­ge Auf­for­de­rung recht­zei­tig zu gewähren. Dies folgt aus der Aus­le­gung des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes un­ter Berück­sich­ti­gung des Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Ra­tes über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung vom 04.11.2003 („Ar­beits­zeit­richt­li­nie“).

aa) Schon der Wort­laut des § 7 Abs. 3 Satz 1 und Satz 3 BUrlG, wo­nach der Ur­laub in­ner­halb des dort vor­ge­ge­be­nen Zeit­raums „zu gewähren und zu neh­men“ ist, deu­tet dar­auf hin, dass ein Ar­beit­ge­ber von sich aus und nicht erst nach ent­spre­chen­der Auf­for­de­rung durch den Ar­beit­neh­mer ge­hal­ten ist, den Ur­laubs­an­spruch recht­zei­tig im Sin­ne
60 des § 7 Abs. 3 BUrlG zu erfüllen. Wenn der Ar­beit­ge­ber tatsächlich nur ver­pflich­tet sein soll­te, Ur­laub auf ent­spre­chen­de Auf­for­de­rung des Ar­beit­neh­mers zu gewähren, hätte die For­mu­lie­rung

 

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na­he ge­le­gen, dass der Ur­laub „zu neh­men und zu gewähren“ ist, oder aus­drück­lich zu re­geln, dass der Ar­beit­neh­mer den Ur­laub so recht­zei­tig zu be­an­tra­gen hat, dass er noch während des ge­nann­ten Zeit­raums gewährt wer­den kann.

bb) Für die­se Aus­le­gung spricht auch der Zweck des Ur­laubs­an­spruchs. So­wohl nach deut­schem Recht als auch nach Uni­ons­recht dient der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub dem Ge­sund­heits­schutz der Beschäftig­ten (BAG v. 24.03.2009 - 9 AZR 983/07, Rn. 67, Ju­ris; EuGH v. 26.06.2001 - C - 173/99, Rn. 44, Ju­ris). Er gehört da­mit nach sei­ner Ziel­rich­tung zum Ar­beits­schutz­recht. Auf die­sen Cha­rak­ter des An­spruchs weist auch der Um­stand hin, dass der An­spruch auf be­zahl­ten Min­des­t­ur­laub in Art. 7 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie ge­re­gelt ist, die nach ih­rem Art. 1 Abs. 1 Min­dest­vor­schrif­ten für Si­cher­heit und Ge­sund­heits­schutz bei der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung enthält. Für das Ar­beits­schutz­recht gilt je­doch, dass der Ar­beit­ge­ber sei­nen Pflich­ten zum Ge­sund­heits­schutz auch oh­ne vor­he­ri­ge Auf­for­de­rung nach­zu­kom­men hat (vgl. für ge­setz­li­che und ta­rif­li­che Höchst­ar­beits­zeit­gren­zen: BAG v. 06.05.2003 - 1 ABR 13/02, Ju­ris, Rn. 65). Der Ar­beit­ge­ber ist auf­grund sei­ner Or­ga­ni­sa­ti­ons­macht ver­pflich­tet, sei­nen Be­trieb so zu or­ga­ni­sie­ren, dass die ar­beits­schutz­recht­li­chen Be­stim­mun­gen ein­ge­hal­ten wer­den (vgl. BAG v. 06.05.2003 -1 ABR 13/02, Ju­ris, Rn. 65; LAG Hamm, Vor­la­ge­be­schluss vom 14.02.2013 - 16 Sa 1511/12, Ju­ris, Rn. 85). Eben­so, wie er ver­pflich­tet ist, von sich aus die Ein­hal­tung der tägli­chen und wöchent­li­chen Ru­he­zei­ten nach dem Ar­beits­zeit­ge­setz si­cher­zu­stel­len (vgl. et­wa BAG v. 22.07.2010 - 6 AZR 78/09, Ju­ris, Rn. 16), ist der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet, die Erfüllung des An­spruchs auf den ge­setz­li­chen Ur­laub auch oh­ne Auf­for­de­rung durch den Ar­beit­neh­mer zu gewähr­leis­ten.

cc) Dem steht nicht ent­ge­gen, dass der Ar­beit­ge­ber nach § 7 Abs. 1 Satz 1 BUrlG bei der zeit­li­chen Fest­le­gung des Ur­laubs die Ur­laubswünsche des Ar­beit­neh­mers zu berück­sich­ti­gen hat. Denn das Recht des Ar­beit­ge­bers, die zeit­li­che La­ge des Ur­laubs fest­zu­le­gen, setzt we­der vor­aus, dass ihm der Ar­beit­neh­mer ei­nen Ur­laubs­wunsch mit­ge­teilt hat, noch dass er den Ar­beit­neh­mer da­zu be­fragt hat (vgl. BAG v. 24.03.2009 - 9 AZR 983/07, Rn. 23, Ju­ris).

2.2 Den vom Be­klag­ten ge­gen die­se Auf­fas­sung er­ho­be­nen Be­den­ken ver­mag die er­ken­nen­de Be­ru­fungs­kam­mer nicht zu fol­gen.

a) Die Auf­fas­sung des Be­klag­ten, zunächst müsse der Ar­beit­neh­mer ak­tiv wer­den, die natürli­che Rei­hen­fol­ge sei, dass erst der An­trag ge­stellt und dann der Ur­laub gewährt wer­de, fin­det im Ge­setz kei­ne Stütze. Ne­ben der For­mu­lie­rung „gewährt und ge­nom­men“, auf die das LAG Ber­lin-Bran­den­burg a. a. O. hin­ge­wie­sen hat, er­gibt sich dies auch aus dem Um­stand, dass in § 7 Abs. 1 Satz 1 BUrlG die - dem Ar­beit­ge­ber ob­lie­gen­de - zeit­li­che Fest­le­gung des Ur­laubs an kei­ne Vor­aus­set­zun­gen wie et­wa die Stel­lung ei­nes kon­kre­ten An­trags durch den Ar­beit­neh­mer ge­knüpft ist. Dass Ur­laubswünsche nur berück­sich­tigt wer­den können, wenn sie bei der zeit­li­chen Fest­le­gung des Ur­laubs dem Ar­beit­ge­ber be­kannt sind, ist zwar rich­tig; der Be­klag­te über­sieht aber, dass die Ur­laubser­tei­lung nicht die Äußerung von Wünschen vor­aus­setzt (vgl. BAG v. 24.03.2009, a. a. O.), wo­mit aus der Pflicht zur Berück­sich­ti­gung et­wa vor­han­de­ner und dem Ar­beit­ge­ber mit­ge­teil­ter Wünsche nicht auf ein An­trags­er­for­der­nis des Ar­beit­neh­mers ge­schlos­sen wer­den kann.

b) Nicht zu­tref­fend ist auch die Auf­fas­sung des Be­klag­ten, ei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on mit dem ar­beits­schutz­recht­li­chen Cha­rak­ter des Ur­laubs­an­spruchs schei­de aus, weil Ar­beits­schutz­recht nicht im Be­reich des Zi­vil­rechts, son­dern nur in dem des öffent­li­chen Rechts an­ge­sie­delt sei. Der Be­klag­te ver­kennt hier schon, dass nach wohl all­ge­mei­ner Auf­fas­sung in Recht­spre­chung und Li­te­ra­tur auch zi­vil­recht­li­che Vor­schrif­ten zum sog. Ar­beits­schutz­recht zählen können (vgl. nur ErfK-Wank, § 618 BGB, Rn. 3). Maßgeb­lich kommt es im Übri­gen in die­sem Zu­sam­men­hang nicht auf ei­ne abs­trak­te Qua­li­fi­zie­rung, son­dern dar­auf an, dass der Zweck des Ur­laubs - wie oben aus­geführt - dar­in zu se­hen ist, dem Ar­beit­neh­mer Er­ho­lung zu ermögli­chen und so sei­ne Ge­sund­heit und Leis­tungsfähig­keit auf­recht zu er­hal­ten. Die­se Ziel­rich­tung dürf­te auch der Be­klag­te nicht be­strei­ten wol­len. 

 

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c) Nicht zu fol­gen ist auch der Einschätzung, dass ein Ver­schul­den des Ar­beit­ge­bers nicht in Be­tracht kom­me, weil der Ver­fall des Ur­laubs auf die feh­len­de An­trag­stel­lung zurück­zuführen sei. Die die­sem Ge­dan­ken zu­grun­de lie­gen­de An­nah­me, der Ar­beit­ge­ber sei oh­ne kon­kre­te An­trag­stel­lung außer Stan­de, be­ste­hen­de Ur­laubs­ansprüche vollständig zu gewähren, ist un­zu­tref­fend. Für ei­ne der­ar­ti­ge Über­for­de­rung der Ar­beit­ge­ber im All­ge­mei­nen oder des Be­klag­ten im Spe­zi­el­len fehlt je­der An­halts­punkt. Die Sicht­wei­se des Be­klag­ten ent­spricht auch nicht der Auf­fas­sung des Ge­setz­ge­bers, der in § 87 Abs. 1 Nr. 5 Be­trVG die Möglich­keit der Auf­stel­lung von Ur­laubs­grundsätzen und von Ur­laubsplänen als selbst­verständ­lich vor­aus­setzt, wenn er die­se der zwin­gen­den Mit­be­stim­mung ei­nes be­ste­hen­den Be­triebs­rats un­ter­wirft.

d) Auch der Hin­weis auf ein Mit­ver­schul­den des Ar­beit­neh­mers (§ 254 BGB) über­zeugt nicht. Die Ent­ste­hung des Scha­dens kann nur der Ar­beit­ge­ber ver­hin­dern, der al­lein den Ur­laub er­tei­len kann, oh­ne dass er dafür auf ei­ne Mit­hil­fe des Ar­beit­neh­mers an­ge­wie­sen wäre.

e) Die Be­ru­fungs­kam­mer ver­mag sich auch nicht der Auf­fas­sung an­zu­sch­ließen, dass die un­ter 2.1 dar­ge­stell­ten Rechtssätze im Be­reich der For­schungs­un­ter­neh­men nicht gel­ten könn­ten. Wer­den Wis­sen­schaft­ler in For­schungs­ein­rich­tun­gen auf der Grund­la­ge von Ar­beits­verträgen beschäftigt, be­an­spru­chen ar­beits­recht­li­che Vor­schrif­ten grundsätz­lich Gel­tung. An­satz­punk­te im Ge­setz oder Ta­rif­ver­trag, die hier ei­ne Aus­nah­me recht­fer­ti­gen würden, sind we­der dar­ge­legt noch er­sicht­lich.

Ins­be­son­de­re ge­bie­tet die Berück­sich­ti­gung des ob­jek­ti­ven Ge­halts des Grund­rechts der Wis­sen­schafts­frei­heit (Art. 5 Abs. 3 GG) kei­ne Aus­nah­me. So ist nicht er­sicht­lich, dass im For­schungs­be­reich ein ge­rin­ge­res Bedürf­nis der Beschäftig­ten bestünde, sich zu er­ho­len. Dass die Er­tei­lung des dem Ar­beit­neh­mer zu­ste­hen­den Ur­laubs ei­ne un­verhält­nismäßige Ein­schränkung der For­schungs­frei­heit dar­stellt, trifft eben­so we­nig zu wie die An­nah­me, dar­in lie­ge ei­ne rechts­wid­ri­ge Ein­schränkung des von Art. 2 Abs. 1, 1 Abs. 1 GG geschütz­ten all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts, aus dem grd. ein An­spruch aus Beschäfti­gung im be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis her­zu­lei­ten ist.

f) So­weit der Be­klag­te dar­auf hin­weist, dass die­se Erwägun­gen je­den­falls nur für den ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laub gel­ten könn­ten, mag dem im Grund­satz bei­zu­pflich­ten sein; im Gel­tungs­be­reich des TVöD, wie er hier eröff­net ist, ist die­ser Ein­wand je­doch un­er­heb­lich, weil für den ta­rif­li­chen Ur­laub nach § 26 Abs. 2 TVöD das Bun­des­ur­laubs­ge­setz gel­ten soll, und we­der die Son­der­re­ge­lun­gen in § 26 Abs. 1 TVöD noch die Maßga­ben in § 26 Abs. 2 TVöD für die vor­lie­gen­de Fra­ge­stel­lung ein­schlägig sind.

3. Die An­wen­dung der oben un­ter 2.1 dar­ge­stell­ten Grundsätze er­gibt, dass die Kla­ge be­gründet ist.

3.1 Un­strei­tig stand dem Kläger zu­letzt ein Ur­laubs­an­spruch von 51 Ar­beits­ta­gen zu.

3.2 Die­se Ur­laubs­ta­ge wur­den dem Kläger vom Be­klag­ten un­strei­tig nicht gewährt. Ei­ne Frei­stel­lungs­erklärung zur Erfüllung die­ses Ur­laubs­an­spruchs ist nicht er­folgt.

3.3 Umstände, aus de­nen sich er­ge­ben würde, dass der Be­klag­te das Erlöschen des Ur­laubs­an­spruchs nicht zu ver­tre­ten hätte, sind we­der vor­ge­bracht noch er­sicht­lich. Ins­be­son­de­re fehlt es an kon­kre­ten An­halts­punk­ten, dass der Kläger auch bei erklärter Frei­stel­lung ge­ar­bei­tet, den Ur­laub al­so nicht ge­nom­men hätte.

3.4 Der so­mit ent­stan­de­ne Ur­laubs­er­satz­an­spruch kann nicht mehr durch be­zahl­te Frei­stel­lung von der Ar­beits­ver­pflich­tung gewährt wer­den, da das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en un­strei­tig mit dem 31.12.2013 ge­en­det hat; nach § 251 Abs. 1 BGB hat er sich da­mit in ei­nen Ab­gel­tungs­er­satz­an­spruch um­ge­wan­delt.

3.5 Dass der Kläger die Höhe des Be­trags des Ab­gel­tungs­er­satz­an­spruchs nicht zu­tref­fend er­mit­telt hätte, be­haup­tet auch der Be­klag­te nicht.

4. Die Zin­sen er­ge­ben sich aus § 288 Abs. 1 BGB.

 

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II. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 97 Abs. 1 ZPO. 

III. Die Re­vi­si­on war gemäß § 72 Abs. 2 Nr. 2 ArbGG zu­zu­las­sen.

Dem Kläger steht ge­gen die vor­lie­gen­de Ent­schei­dung gleich­wohl - man­gels Be­schwer -die­ses Rechts­mit­tel nicht zur Verfügung.

Der Be­klag­te kann Re­vi­si­on zum Bun­des­ar­beits­ge­richt nach Maßga­be der nach­fol­gen­den Rechts­mit­tel­be­leh­rung ein­le­gen.

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