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BAG, Ur­teil vom 10.06.1993, 10 AZR 529/92

   
Schlagworte: Vertragliche Weihnachtsgratifikation, Rückzahlungsklausel
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 10 AZR 529/92
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 10.06.1993
   
Leitsätze: Erhält der Arbeitnehmer eine Weihnachtsgratifikation in Höhe von 50 v.H. seines Gehalts, ist eine Rückzahlungsklausel unwirksam, die die Rückzahlung der Gratifikation bei einem Ausscheiden des Arbeitnehmers mit dem 31. März des folgenden Jahres vorsieht.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Solingen, Urteil vom 19. März 1992, 2 Ca 2112/91
Landesarbeitsgericht Düsseldorf, Urteil vom 25.08.1992, 16 (13) Sa 838/92
   

10 AZR 529/92
16 (13) Sa 838/92 Düssel­dorf

Verkündet am
9. Ju­ni 1993

Bar­tel,

Reg.-Ober­se­kretärin
als Ur­kunds­be­am­ter
der Geschäfts­stel­le

 

Im Na­men des Vol­kes!

Ur­teil

In Sa­chen

 

pp.

 

hat der Zehn­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 9. Ju­ni 1993 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter Mat­thes, die Rich­ter Dr. Frei­tag und Hauck so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Thiel und Han­nig für Recht er­kannt:

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1. Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom
25. Au­gust 1992 - 16 (13) Sa 838/92 - wird zurück­ge­wie­sen.

2. Die Be­klag­te trägt die Kos­ten der Re­vi­si­on.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand:

Die Par­tei­en strei­ten über die Zah­lung ei­ner Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on für das Jahr 1991.

Der Kläger war seit dem 1. Ja­nu­ar 1986 bei der Be­klag­ten als An­ge­stell­ter beschäftigt; sein Ge­halt be­trug zu­letzt mo­nat­lich 6.022,-- DM brut­to. Zur Zah­lung ei­ner Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on be­stimmt der An­stel­lungs­ver­trag vom 14. Ju­ni 1989 in § 3:

"(1) ..

(2) Fer­ner erhält Herr H ei­ne Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on von 50 % sei­nes Ge­hal­tes.

(3) Soll­te Herr H bis zum 31.03. des je­weils fol­gen­den Jah­res aus den Diens­ten der Fir­ma aus­schei­den, so ist er ver­pflich­tet, die Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on un­verzüglich zurück­zu­zah­len."

Die Aus­zah­lung der Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on er­folg­te bei der Be­klag­ten re­gelmäßig mit der No­vem­be­r­ab­rech­nung.

Der Kläger kündig­te sein Ar­beits­verhält­nis mit Schrei­ben vom 11. Sep­tem­ber 1991 zum 31. März 1992. Nach § 6 Satz 2 des An­stel­lungs­ver­tra­ges be­trug die Kündi­gungs­frist 6 Mo­na­te zum Vier­tel-

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jah­res­schluß.

Die Be­klag­te zahl­te dar­auf­hin dem Kläger kei­ne Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on für 1991. Mit Schrei­ben vom 4. De­zem­ber 1991 mach­te der Kläger die Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on un­ter Frist­set­zung bis zum 14. De­zem­ber 1991 gel­tend. Ei­ne Zah­lung durch die Be­klag­te er­folg­te nicht.

Der Kläger ist der Auf­fas­sung, ihm ste­he die Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on in Höhe von 50 % sei­nes Ge­halts zu. Die Be­klag­te könne sich nicht auf § 3 (3) des An­stel­lungs­ver­trags be­ru­fen. Er schei­de nicht bis zum 31. März 1992 aus dem Ar­beits­verhält­nis aus, son­dern erst mit Ab­lauf des 31. März 1992. Außer­dem sei in An­be­tracht der Höhe der Gra­ti­fi­ka­ti­on, die un­ter ei­nem vol­len Mo­nats­ge­halt lie­ge, ei­ne Bin­dung über den 31. März des fol­gen­den Jah­res hin­aus un­zulässig.

Mit sei­ner Kla­ge vom 16. De­zem­ber 1991 hat der Kläger be­an­tragt,

sie Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn 3.011,-- DM brut­to nebst 4 % Zin­sen aus dem Net­to­be­trag seit dem 16.12.1991 zu zah­len.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Sie ist der An­sicht, auf­grund sei­ner Ei­genkündi­gung zum 31. März 1992 ste­he dem Kläger gemäß § 3 (3) des An­stel­lungs­ver­trags die Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on 1991 nicht zu, da er bis zum 31. März des Fol­ge­jah­res aus­ge­schie­den sei.

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Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat auf die Be­ru­fung des Klägers die Be­klag­te zur Zah­lung der Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on in der gel­tend ge­mach­ten Höhe ver­ur­teilt. Mit der Re­vi­si­on be­gehrt die Be­klag­te die Wie­der­her­stel­lung des Erst­ur­teils. Der Kläger be­an­tragt, die Re­vi­si­on zurück­zu­wei­sen.

Ent­schei­dungs­gründe:

Die Re­vi­si­on ist un­be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge zu Recht statt­ge­ge­ben; dem Kläger steht die gel­tend ge­mach­te Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on zu, da die Rück­zah­lungs­klau­sel in § 3 (3) des An­stel­lungs­ver­trags un­wirk­sam ist, weil sie ei­ne Bin­dung des Klägers über den 31. März 1992 hin­aus zur Fol­ge hat.

I. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat an­ge­nom­men, der vom Kläger gel­tend ge­mach­te An­spruch auf die Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on 1991 in Höhe des hal­ben Mo­nats­ge­halts sei ge­ge­ben. Da sein nächs­ter Kündi­gungs­ter­min nach dem 31. März erst der 30. Ju­ni 1992 ge­we­sen wäre, ent­hal­te § 3 (3) des An­stel­lungs­ver­trags ei­ne un­zulässi­ge Bin­dung über den 31. März des Fol­ge­jah­res hin­aus. Bei Gra­ti­fi­ka­tio­nen von mehr als 200,-- DM, aber we­ni­ger als ei­nem vol­len Mo­nats­be­zug - wie hier -, sei ei­ne Bin­dung nur bis zum 31. März des fol­gen­den Jah­res zulässig. In ei­nem sol­chen Fal­le könne der Ar­beit­neh­mer so kündi­gen, daß er mit dem 31. März des nach­fol­gen­den Jah­res aus dem Ar­beits­verhält­nis aus­schei­de. Ei­ne Bin­dung über die­sen Zeit­punkt hin­aus wäre nur zulässig, wenn die Gra­ti­fi­ka­ti­on tatsächlich ei­nen Mo­nats­be­zug er­rei­che.

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II. Die­sen Ausführun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts ist zu­zu­stim­men.

1. Nach § 3 (2) des An­stel­lungs­ver­trags vom 14. Ju­ni 1989 hat der Kläger ei­nen An­spruch auf Zah­lung ei­ner Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on in Höhe von 50 % sei­nes Ge­halts.

2. § 3 (3) des An­stel­lungs­ver­trags, wo­nach der Kläger ver­pflich­tet ist, die Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on zurück­zu­zah­len, wenn er bis zum 31. März des fol­gen­den Jah­res aus dem Ar­beits­verhält­nis bei der Be­klag­ten aus­schei­det, steht dem An­spruch nicht ent­ge­gen.

Zwar ist der Kläger auf­grund sei­ner Kündi­gung vom 11. Sep­tem­ber 1991 mit Ab­lauf des 31. März 1992 aus den Diens­ten der Be­klag­ten aus­ge­schie­den. Da­mit ist der Kläger im Sin­ne von § 3 (3) des An­stel­lungs­ver­tra­ges "bis zum 31. März des fol­gen­den Jah­res" aus den Diens­ten der Be­klag­ten aus­ge­schie­den. Die Frist "bis zum 31. März" en­det mit Ab­lauf die­ses Ta­ges (S 188 BGB). Wird ei­ne Kündi­gung - wie hier vom Kläger - zum 31. März aus­ge­spro­chen, so führt dies zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses mit Ab­lauf die­ses Ta­ges und da­mit bis zum 31. März (so be­reits der Se­nat im Ur­teil vom 26. Mai 1992 - 10 AZR 199/90 - n.v.). Der Zeit­punkt des Ab­laufs ei­nes Ta­ges gehört noch zu die­sem Tag und da­mit zu der Frist, in die der Tag fällt. Die­se recht­li­che Be­ur­tei­lung steht auch im Ein­klang mit der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts zu § 5 Abs. 1 Buch­sta­be c BUr1G, wo­nach ein Ar­beit­neh­mer auch dann in der ers­ten Hälf­te ei­nes Ka­len­der­jah­res

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aus­schei­det, wenn er sein Ar­beits­verhält­nis zum 30. Ju­ni kündigt (BA­GE 18, 345 = AP Nr. 4 zu § 5 BUr1G).

Dies be­rech­tigt die Be­klag­te aber nicht, die Zah­lung der Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on für das Jahr 1991 zu ver­wei­gern. Die Rück­zah­lungs­klau­sel in § 3 (3) des An­stel­lungs­ver­trags ist in­so­weit un­wirk­sam (BAG Ur­teil vom 20. März 1974 - 5 AZR 327/73 - AP Nr. 82 zu § 611 BGB Gra­ti­fi­ka­ti­on), als sie den Kläger über den 31. März des fol­gen­den Jah­res hin­aus da­durch bin­det, daß er ei­ne aus­be­zahl­te Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on zurück­zah­len müßte, wenn er bis zu die­sem Tag aus dem Ar­beits­verhält­nis aus­schei­det; sie kann da­her vor­lie­gend den An­spruch des Klägers auf die Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on 1991 nicht be­sei­ti­gen.

Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts sind Rück­zah­lungs­klau­seln im Zu­sam­men­hang mit der Zu­sa­ge der Zah­lung von Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­tio­nen grundsätz­lich zulässig (BAG Ur­teil vom 28. Ja­nu­ar 1981 - 5 AZR 846/78 - AP Nr. 106 zu § 611 BGB Gra­ti­fi­ka­ti­on), wo­bei ih­re Zulässig­keit im ein­zel­nen nach der Dau­er der Be­triebs­bin­dung und der Höhe der Zah­lung ge­mes­sen an dem Mo­nats­ge­halt im Zeit­punkt der Aus­zah­lung zu be­ur­tei­len ist. Bei Gra­ti­fi­ka­tio­nen, die - wie vor­lie­gend - über 200,-- DM, aber un­ter ei­nem Mo­nats­be­zug lie­gen, kann dem Ar­beit­neh­mer da­nach zu­ge­mu­tet wer­den, ei­ne Rück­zah­lungs­klau­sel ein­zu­hal­ten, die bis zum 31. März des dar­auf­fol­gen­den Jah­res reicht (BAG Ur­teil vom 28. Ja­nu­ar 1981 - 5 AZR 846/78 - aaO; BA­GE 13, 129 = AP Nr. 22 zu § 611 BGB Gra­ti­fi­ka­ti­on; Ur­teil vom 10. Mai 1962 - 5 AZR 353/61 - AP Nr. 23 zu § 611 BGB Gra­ti­fi­ka­ti­on). Nur wenn als Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on ein vol­ler Mo­nats­be­zug ge­zahlt wird, ist ei­ne Bin-

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dung des Ar­beit­neh­mers über den 31. März hin­aus zulässig (BAG Ur­teil vom 20. März 1974 - 5 AZR 327/73 - aa0). Beträgt die Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on we­ni­ger als ein Mo­nats­ge­halt, kann der Ar­beit­neh­mer nur bis zum 31. März ge­bun­den wer­den. Sieht die Rück­zah­lungs­klau­sel in die­sem Fall die Rück­zah­lung der Gra­ti­fi­ka­ti­on auch bei ei­nem Aus­schei­den des Ar­beit­neh­mers am 31. März oder später vor, ist sie in­so­weit un­wirk­sam. Nur ein vor­he­ri­ges Aus­schei­den be­gründet die Rück­zah­lungs­ver­pflich­tung (Münche­ner-Hand­buch zum Ar­beits­recht, Ha­nau, Band 1, S. 1112).

Das be­deu­tet, daß ein Ar­beit­neh­mer, der ei­ne Gra­ti­fi­ka­ti­on über 200,-- DM, aber un­ter ei­nem Mo­nats­ge­halt erhält, so kündi­gen kann, daß er mit Ab­lauf des 31. März aus­schei­det (BAG Ur­teil vom 17. Ok­to­ber 1968 - 5 AZR 281/67 - AP Nr. 66 zu § 611 BGB Gra­ti­fi­ka­ti­on; BA­GE 13, 129 = AP, aa0; Pa­landt/Putzo, BGB, 51. Aufl., § 611 Anm. 90), oh­ne den An­spruch auf die Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on zu ver­lie­ren. Dem steht nicht ent­ge­gen, wenn die Bin­dungs­wir­kung in­so­weit oh­ne Be­deu­tung bleibt, weil der 31. März oh­ne­hin der ers­te Kündi­gungs­ter­min für den Ar­beit­neh­mer ist. Der Ar­beit­ge­ber er­reicht mit ei­ner Zah­lung un­ter ei­nem Mo­nats­ge­halt an ei­nen An­ge­stell­ten mit ge­setz­li­cher Kündi­gungs­frist da­mit kei­ne wei­ter­ge­hen­de Be­triebs­treue (BAG Ur­teil vom 17. Ok­to­ber 1968 - 5 AZR 281/67 - aa0).

Auch sei­ne lan­ge Kündi­gungs­frist - sechs Mo­na­te zum Quar­tals­en­de - spricht dafür, daß es dem Kläger - in An­be­tracht der Höhe der Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on - nicht zu­mut­bar ist, die Kündi­gungsmöglich­keit zum 31. März 1992 aus­zu­las­sen. Mit der Zah­lung 

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ei­ner Gra­ti­fi­ka­ti­on von 50 % ei­nes Mo­nats­ge­halts würde sonst nämlich ei­ne Bin­dung bis zum 30. Ju­ni ein­tre­ten.

Die Wirk­sam­keit der Rück­zah­lungs­ver­pflich­tung in § 3 (3) des An­stel­lungs­ver­tra­ges kann auch nicht auf die An­wen­dung ei­nes Ta­rif­ver­trags gestützt wer­den. Aus dem An­stel­lungs­ver­trag vom 14. Ju­ni 1989 er­ge­ben sich kei­ner­lei An­halts­punk­te für die An­wen­dung ei­nes Ta­rif­ver­trags.

3. Nach § 3 des An­stel­lungs­ver­trags ist die Zah­lung der Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on auch nicht da­von abhängig, daß das Ar­beits­verhält­nis des an­spruchs­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mers im Zeit­punkt der Aus­zah­lung der Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on - hier übli­cher­wei­se mit dem No­vem­ber­ge­halt - un­gekündigt ist.

4. Be­steht so­mit nach § 3 (3) des An­stel­lungs­ver­tra­ges kei­ne Rück­zah­lungs­ver­pflich­tung des Klägers, so kann die Be­klag­te die Zah­lung des Weih­nachts­gelds 1991 nicht ver­wei­gern. Ih­re Re­vi­si­on ist da­her zurück­zu­wei­sen.

III. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 97 Abs. 1 ZPO.

 

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