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ARBEITSRECHT AKTUELL // 09/110

An­spruch auf Bo­nus trotz Frei­wil­lig­keits­vor­be­halts bei Über­schrei­tung der 25-Pro­zent-Gren­ze

Kei­ne Be­ru­fung auf for­mu­lar­mä­ßi­ge Wi­der­rufs­klau­sel, wenn die­se auf ei­nen fes­ten Pro­zent­satz be­schränkt ist, den der Ar­beit­ge­ber beim Bo­nus re­gel­mä­ßig über­schrei­tet: Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 04.05.2009, 7 Sa 1607/08
Beim Bo­nus kommt es oft zum Streit über Wi­de­rufs­vor­be­hal­te

26.06.2009. Das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) hat ent­schie­den, dass Ar­beit­neh­mer ei­ne Bo­nus­zah­lung für gu­te Ar­beits­leis­tung un­ter Um­stän­den auch dann be­an­spru­chen kön­nen, wenn ei­ne Ar­beits­ver­trags­klau­sel den Bo­nus un­ter Wi­der­rufs­vor­be­halt stellt.

Vor­aus­set­zung für den An­spruch war im Streit­fall aber, dass der Ar­beit­ge­ber die in der Klau­sel ge­nann­te Bo­nus­zah­lung zwar auf ei­nen fes­ten Pro­zent­satz be­schränkt hat­te, die­sen aber re­gel­mä­ßig über­schritt.

Da­her konn­te er sich auf den for­mu­lar­ver­trag­li­chen Wi­de­rufs­vor­be­halt nicht be­ru­fen: Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 04.05.2009, 7 Sa 1607/08.

Un­ter wel­chen Umständen kann sich der Ar­beit­ge­ber auf die klau­selmäßige Wi­der­ruf­lich­keit ei­nes Bo­nus be­ru­fen?

Ar­beit­ge­ber gewähren oft zusätz­lich zum nor­ma­len Lohn bzw. Ge­halt Son­der­zu­wen­dun­gen aus ei­nem be­stimm­ten An­lass. Sol­len die­se zusätz­li­chen Zah­lun­gen bzw. Gra­ti­fi­ka­tio­nen be­son­de­re Leis­tun­gen ei­nes Mit­ar­bei­ters ho­no­rie­ren, wer­den sie übli­cher­wei­se Bo­nus ge­nannt. Ei­ne be­son­de­re Form von Bo­nus­zah­lun­gen sind Son­der­zah­lun­gen auf der Grund­la­ge ei­ner Ziel­ver­ein­ba­rung.

Be­steht ein Rechts­an­spruch auf Zah­lung ei­nes Bo­nus, kann der Ar­beit­ge­ber den An­spruch im All­ge­mei­nen nicht ein­sei­tig wi­der­ru­fen. Ist da­her zum Bei­spiel im Ar­beits­ver­trag, in ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung oder in ei­nem Ta­rif­ver­trag ge­re­gelt, dass be­stimm­te Gra­ti­fi­ka­tio­nen zu zah­len sind, kommt ein ein­sei­ti­ger Wi­der­ruf durch den Ar­beit­ge­ber nicht in Be­tracht.

Das gilt auch dann, wenn sich der An­spruch des Ar­beit­neh­mers auf die Gra­ti­fi­ka­ti­on aus ei­ner be­trieb­li­chen Übung er­gibt, da auch ei­ne be­trieb­li­che Übung zu ei­ner in­halt­li­chen Ände­rung des Ar­beits­ver­tra­ges führt. Auch in ei­nem sol­chen Fall er­gibt sich der Gra­ti­fi­ka­ti­ons­an­spruch recht­lich ge­se­hen "aus dem Ar­beits­ver­trag". Die­sen kann der Ar­beit­ge­ber aber nicht ein­sei­tig verändern.

Möglich ist al­ler­dings die ar­beits­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung ei­nes dem Ar­beit­ge­ber zu­ste­hen­den Rechts zum Wi­der­ruf ei­ner Gra­ti­fi­ka­ti­on. Ist ein sol­cher Wi­der­rufs­vor­be­halt ver­ein­bart, kann der Ar­beit­ge­ber die­ses Recht auch ausüben, d.h. in ei­nem sol­chen Fall ist ein ein­sei­ti­ger Wi­der­ruf von Gra­ti­fi­ka­tio­nen möglich.

Dies gilt al­ler­dings nicht in al­len Fällen. In ei­nem Ur­teil vom 12.01.2005 (5 AZR 364/04) hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) die for­mu­larmäßige Ver­ein­ba­rung und die Ausübung ei­nes sol­chen ver­trag­li­chen Wi­der­rufs­rechts zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers ein­ge­schränkt (wir be­rich­te­ten darüber in: Ar­beits­recht ak­tu­ell 05/01 Wi­der­ruf von Lohn­be­stand­tei­len). Ins­be­son­de­re sind da­nach sol­che Wi­der­rufs­vor­be­hal­te un­wirk­sam, die lau­fen­de Zah­lun­gen be­tref­fen, die mehr als 25% der Ge­samt­vergütung aus­ma­chen und als Ge­gen­leis­tung für die er­brach­te Ar­beit ge­zahlt wer­den.

Be­grenzt der Ar­beit­ge­ber in ei­ner for­mu­larmäßigen Klau­sel die wi­der­ruf­li­che Leis­tung auf ei­nen fes­ten Pro­zent­satz, über­schrei­tet die­sen so­dann je­doch re­gelmäßig, ist frag­lich ob al­lein hier­durch ein un­wi­der­ruf­li­cher Rechts­an­spruch auf die ge­leis­te­ten Zah­lun­gen ent­steht. Mit die­ser Rechts­fra­ge hat sich das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) (Ur­teil vom 04.05.2009, 7 Sa 1607/08) be­fasst.

Der Streit­fall: Kauf­frau be­zieht re­gelmäßig ei­nen Jah­res­bo­nus, der über 30 Pro­zent ih­res Ge­halts aus­macht, die Bo­nus­klau­sel im Ver­trag sieht aber ma­xi­mal 30 Pro­zent vor

Die Kläge­rin war bei der Be­klag­ten als Se­ni­or As­set Ma­na­ge­rin tätig und kündig­te das Ar­beits­verhält­nis zum Ab­lauf des 31.05.2007. Zusätz­lich zu Ih­rem Grund­ge­halt hat­te die Ar­beit­ge­be­rin ihr un­ter schrift­li­cher Bestäti­gung und Be­zug­nah­me auf die gu­te Ar­beits­leis­tung re­gelmäßig Bo­nus­zah­lun­gen gewährt, die be­reits im ers­ten Jahr ih­rer Tätig­keit 25,74 % der Ge­samt­vergütung aus­mach­te und im Jahr vor ih­rem Aus­schei­den 35,9 % der Jah­res­ge­samt­vergütung be­trug. Mit Ih­rer Kla­ge ver­lang­te die Kläge­rin die an­tei­li­ge Bo­nus­zah­lung für das Jahr 2007 auf Grund­la­ge der zu­letzt gewähr­ten Bo­nus­zah­lung.

Der Ar­beit­ge­ber hat­te im Ar­beits­ver­trag ei­ne Klau­sel ver­wen­det, mit der er die Möglich­keit ei­ner Bo­nus­zah­lung von ma­xi­mal 30% des fes­ten Jah­res­brut­to­ge­hal­tes in Aus­sicht stell­te, die in sein frei­es Er­mes­sen ge­stellt sein und oh­ne Rechts­an­spruch er­fol­gen soll­te:

§ 3
(...)
Zusätz­lich be­steht die Möglich­keit, ei­nen jähr­li­chen
Bo­nus zu er­hal­ten. Die Gewährung und die Fest­le­gung der Höhe lie­gen im frei­en Er­mes­sen der Ge­sell­schaft, wo­bei der Bo­nus ma­xi­mal 30% des fes­ten Jah­res­brut­to­ge­hal­tes der Mit­ar­bei­te­rin beträgt. Die persönli­che Leis­tung der Mit­ar­bei­te­rin und das wirt­schaft­li­che Er­geb­nis der Ge­sell­schaft im Re­fe­renz­jahr wer­den im Rah­men der Er­mes­sens­ausübung berück­sich­tigt. Wird ein Bo­nus gewährt, er­folgt die Aus­zah­lung im De­zem­ber des Re­fe­renz­jah­res. Die Zah­lung ei­nes Bo­nus­ses be­gründet kei­nen An­spruch für ei­ne ent­spre­chen­de Zah­lung in den Fol­ge­jah­ren.

Mit dem vor­ste­hen­den Ge­halt sind sämt­li­che Vergütungs­ansprüche der Mit­ar­bei­te­rin, auch für Über­stun­den, ab­ge­gol­ten.

Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main wie die Kla­ge ab. Im We­sent­li­chen be­gründe­te das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dung da­mit, dass die Kläge­rin kei­nen Rechts­an­spruch auf ei­ne Bo­nus­zah­lung er­wor­ben ha­be und der Ar­beit­ge­ber sein Er­mes­sen feh­ler­frei aus­geübt ha­be, als er sich da­zu ent­schied, der Kläge­rin für das Jahr ih­res Aus­schei­dens auf­grund der aus­ge­spro­che­nen Ei­genkündi­gung kei­ne an­tei­li­ge Bo­nus­zah­lung zu gewähren.

Hes­si­sches LAG: Kei­ne Be­ru­fung auf for­mu­larmäßige Wi­der­rufs­klau­sel, wenn die­se auf ei­nen fes­ten Pro­zent­satz be­schränkt ist, den der Ar­beit­ge­ber beim Bo­nus re­gelmäßig über­schrei­tet

Das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt gab der Kla­ge hin­ge­gen statt.

Im Kern be­gründe­te es sei­ne Ent­schei­dung mit ei­nem Ver­weis auf die ein­gangs be­reits erwähn­te Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (Ur­teil vom 12.01.2005, 5 AZR 364/04).

Das LAG lei­te­te aus die­ser Ent­schei­dung ab, dass Ver­trags­klau­seln un­wirk­sam sind, die es dem Ar­beit­ge­ber ermögli­chen, mehr als 25% der Jah­res­vergütung von sei­ner ein­sei­ti­gen Er­mes­sens­ent­schei­dung abhängig zu ma­chen.

Da die Ar­beit­ge­be­rin im vor­lie­gen­den Fall bei Gewährung des Bo­nus auf die gu­te Ar­beits­leis­tung ver­wies, soll­te mit die­ser Zah­lung nach An­sicht des LAG ei­ne Ge­gen­leis­tung zur ge­leis­te­ten Ar­beit er­bracht wer­den. Wenn der Ar­beit­ge­ber so­dann aber die selbst ge­setz­te Ober­gren­ze über­schrei­tet, kann er sich dann später nicht auf die Frei­wil­lig­keit be­ru­fen der Leis­tung be­ru­fen, da die Mit­ar­bei­te­rin so ei­nen ver­trag­li­chen An­spruch auf die Zah­lung er­wirbt.

Die Ent­schei­dung des LAG ist im Er­geb­nis zu­tref­fend. Nicht ein­deu­tig nach­voll­zieh­bar ist al­ler­dings die recht­li­che Be­gründung.

Es geht aus den Ur­teils­gründen nicht deut­lich her­vor, auf­grund wel­cher Rechts­vor­schrift das Ge­richt die Bo­nus­klau­sel als un­wirk­sam an­sieht. Ori­en­tiert man sich an der vom LAG in Be­zug ge­nom­me­nen Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 12.01.2005, so ist die Klau­sel nach An­sicht des LAG wohl auf­grund § 307 Abs. 2 BGB un­wirk­sam, da sie die Ar­beit­neh­me­rin un­an­ge­mes­se­nen be­nach­tei­ligt, wenn der Ar­beit­ge­ber sich wi­dersprüchlich verhält. Auf die Fra­ge, wel­che Vor­aus­set­zun­gen für die Ver­ein­ba­rung ei­nes in­di­vi­du­al­ver­trag­li­chen An­spruchs ge­ge­ben sein müssen, geht das Ge­richt nicht wei­ter ein.

Da das LAG we­gen der grundsätz­li­chen Be­deu­tung der hier ent­schie­de­nen Rechts­fra­ge die Re­vi­si­on zum Bun­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­sen hat, bleibt ab­zu­war­ten, wie das BAG ent­schei­den wird. Ob die un­ter­le­ge­ne Ar­beit­ge­be­rin Re­vi­si­on ge­gen das Ur­teil ein­ge­legt hat, ist der­zeit noch nicht be­kannt.

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Letzte Überarbeitung: 5. August 2016

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