HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 04/03

Re­form des Ar­beits­zeit­ge­set­zes (Arb­ZG)

Zum Jah­res­be­ginn 2004 sind wich­ti­ge Än­de­run­gen des ge­setz­li­chen Ar­beits­zeit­rechts in Kraft ge­tre­ten: Än­de­run­gen des Ar­beits­zeit­rechts durch das "Ge­setz zu Re­for­men am Ar­beits­markt" vom 24.12.2003 (BGBl. I, S.3001)
Wanduhr Dau­er­bau­stel­le Ar­beits­zeit­recht

08.01.2004. Mit der Richt­li­nie 93/104/EG über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung vom 23.11.21.1993 (im fol­gen­den "Ar­beits­zeit­richt­li­nie") wur­de den Mit­glied­staa­ten der EU die Ver­pflich­tung auf­er­legt, ei­ne Rei­he von Min­dest­schutz­be­stim­mun­gen wie die 48-St­un­den­wo­che so­wie be­stimm­te Ru­he­zei­ten und Pau­sen­re­ge­lun­gen in na­tio­na­les Recht um­zu­set­zen.

Durch ei­ne spä­te­re Richt­li­nie (Richt­li­nie 2000/34/EG) wur­de die Ar­beits­zeit­richt­li­nie in der Wei­se ge­än­dert, daß die ur­sprüng­lich (ge­mäß Art.1 Abs.3) von der An­wen­dung aus­ge­nom­me­nen "Ärz­te in der Aus­bil­dung" zu­sam­men mit an­de­ren, ur­sprüng­lich eben­falls aus­ge­klam­mer­ten Be­rufs­grup­pen in den Gel­tungs­be­reich der Ar­beits­zeit­richt­li­nie ein­be­zo­gen wur­den.

Ab dem 02.08.2004 gilt die Ar­beits­zeit­richt­li­nie in Ge­stalt ei­ner re­dak­tio­nel­len Über­ar­bei­tung, näm­lich als Richt­li­nie 2003/88/EG vom 04.09.2003. In­halt­li­che Än­de­run­gen sind mit die­ser letz­ten Über­ar­bei­tung nicht ver­bun­den. Die we­sent­li­chen Re­ge­lun­gen der ak­tu­ell gel­ten­den Ar­beits­zeit­richt­li­nie, vor al­lem für Be­reit­schafts­diens­te in Kran­ken­häu­ser und Pfle­ge­ein­rich­tun­gen, kön­nen Sie hier nach­le­sen.

Der Ge­setz­ge­ber sah sich nun­mehr ge­nö­tigt das deut­sche Ar­beits­zeit­ge­setz (Arb­ZG) noch ein­mal an die Eu­ro­päi­schen Vor­ga­ben, ins­be­son­de­re an die Recht­spre­chung des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs (EuGH), an­zu­pas­sen.

Ablösung der Ar­beits­zei­t­ord­nung (AZO) durch das Ar­beits­zeit­ge­setz (Arb­ZG) im Som­mer 1994

Das Ar­beits­zeit­ge­setz (kurz: "Arb­ZG"), das kur­ze Zeit nach Er­laß der Ar­beits­zeit­richt­li­nie, nämlich am 06.06.1994, in Kraft trat, löste die bis da­hin seit über 50 Jah­ren bzw. seit der Na­zi­zeit gel­ten­de Ar­beits­zei­t­ord­nung (AZO) ab.

Mit dem Arb­ZG woll­te der Ge­setz­ge­ber im We­sent­li­chen den Vor­ga­ben der Ar­beits­zeit­richt­li­nie Rech­nung tra­gen. Das Arb­ZG 1994 hat die Vor­ga­ben der Ar­beits­zeit­richt­li­nie al­ler­dings nur man­gel­haft um­ge­setzt.

Recht­spre­chung des EuGH zum Ar­beits­zeit­recht seit 2000: Die Ur­tei­le in Sa­chen "Si­map" und "Jäger"

In sei­nem sog. Si­map-Ur­teil, das zu ei­nem spa­ni­schen Ar­beits­rechts­streit er­ging, stell­te der EuGH (Eu­ropäische Ge­richts­hof) nämlich fest, daß ärzt­li­cher Be­reit­schafts­dienst von der Art, wie er in Spa­ni­en bzw. im Si­map-Fall ver­rich­tet wur­de, "Ar­beits­zeit" im Sin­ne der Ar­beits­zeit­richt­li­nie sei (EuGH, Urt. vom 03.10.2000, Rs C-303/98 - Si­map, AP Nr.2 zu EWG-Richt­li­nie Nr. 93/104).

Un­ter "Be­reit­schafts­dienst" ver­stand der EuGH da­bei in die­sem Ur­teil (und auch in späte­ren), daß sich der Ar­beit­neh­mer an ei­nem vom Ar­beit­ge­ber vor­ge­ge­ben Ort aufhält, um bei Be­darf sei­ne Ar­beit auf­zu­neh­men (EuGH a.a.O., Rn.48). Die "Ver­pflich­tung der Ärz­te, sich zur Er­brin­gung ih­rer be­ruf­li­chen Leis­tun­gen am Ar­beits­platz auf­zu­hal­ten und verfügbar zu sein", sei "als Be­stand­teil der Wahr­neh­mung ih­rer Auf­ga­ben an­zu­se­hen, auch wenn die tatsächlich ge­leis­te­te Ar­beit von den Umständen abhängt" (eben­da).

An­de­rer­seits ist nach der Si­map-Ent­schei­dung die Ruf­be­reit­schaft, bei der Ar­beit­neh­mer sei­nen Auf­ent­halts­ort im Prin­zip frei wählen kann und nur bei Be­darf sei­nen Ar­beits­ort auf­su­chen und ar­bei­ten muß, nicht als Ar­beits­zeit im Sin­ne der Richt­li­nie an­zu­se­hen; "Ar­beit" im Sin­ne der Richt­li­nie ist bei die­ser Dienst­form nur die im Rah­men der Ruf­be­reit­schaft tatsächlich ge­leis­te­te Vol­l­ar­beit (EuGH a.a.O., Rn.50).

In der deut­schen ju­ris­ti­schen Dis­kus­si­on war in der Fol­ge lan­ge Zeit um­strit­ten, ob die vom EuGH in der Si­map-Ent­schei­dung auf­ge­stell­ten Grundsätze auf das Arb­ZG und auf den ärzt­li­chen Be­reit­schafts­dienst in Deutsch­land zu über­tra­gen sei­en oder nicht. Da­bei konn­te sich die Po­si­ti­on der "Dif­fe­ren­zie­rer" letzt­lich nicht durch­set­zen.

Nach­dem zunächst das BAG (Bun­des­ar­beits­ge­richt) im Fe­bru­ar 2003 die An­sicht ver­trat, die Si­map-Ent­schei­dung sei auf Deutsch­land zu über­tra­gen (BAG, Urt. vom 18.02.2003, 1 ABR 2/02, NAZ 2003, S.742 ff.), stell­te dies nun­mehr auch der EuGH selbst klar, nämlich mit sei­nem Ur­teil vom 09.09.2003 (Rs. C-151/02 - Jäger, NZA 2003, S.1019 ff.).

Seit dem 09.09.2003 ist da­her aus ju­ris­ti­scher Sicht nicht mehr dar­an zu zwei­feln, daß ärzt­li­cher Be­reit­schafts­dienst auch in Deutsch­land als "Ar­beits­zeit" im Sin­ne der Ar­beits­zeit­richt­li­nie an­zu­se­hen ist.

Ände­run­gen des Ar­beits­zeit­ge­set­zes durch das "Ge­setz zu Re­for­men am Ar­beits­markt"

Auf­grund der Ent­schei­dung des EuGH vom 09.09.2003 sah sich der deut­sche Ge­setz­ge­ber nach lan­gem Zögern nun­mehr da­zu genötigt, das Arb­ZG der Recht­spre­chung des EuGH an­zu­pas­sen. Dies ist durch das "Ge­setz zu Re­for­men am Ar­beits­markt" vom 24.12.2003 (BGBl. I, S.3001) mit Wir­kung zum 01.01.2004 ge­sche­hen.

Mit die­ser Ge­set­zes­re­form, d.h. dem Arb­ZG 2004, wur­de im We­sent­li­chen und al­lein un­ter dem Druck der Recht­spre­chung des EuGH an­er­kannt, daß ärzt­li­cher Be­reit­schafts­dienst in Kran­kenhäusern als "Ar­beits­zeit" im Sin­ne des Arb­ZG gilt und da­her künf­tig nur noch be­grenzt zulässig ist.

Das letz­te Ka­pi­tel der "Dau­er­re­form" des Ar­beits­zeit­rechts in Deutsch­land ist mit dem Arb­ZG 2004 al­ler­dings noch nicht ge­schrie­ben: Da der Ge­setz­ge­ber bei der zum 01.01.2004 in Kraft ge­tre­te­nen Re­form auf Drängen der Kran­ken­haus­be­trei­ber ei­ne zweijähri­ge Über­g­angs­frist für die Um­set­zung des neu­en stren­gen Prin­zips "Be­reit­schafts­dienst = Ar­beits­zeit" vor­ge­se­hen hat, stellt sich zum Jah­res­wech­sel 2005/2006 die Fra­ge ei­ner Verlänge­rung die­ser Über­g­angs­frist.

Wenn Sie sich ei­nen Über­blick über das po­li­ti­sche und recht­li­che Hin und Her der letz­ten Jah­re ver­schaf­fen wol­len, können Sie auf die­ser Web­site Beiträge zu fol­gen­den The­men nach­le­sen:

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 1. Februar 2016

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:

Dr. Martin Hensche,
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht

HENSCHE Rechtsanwälte, Fachanwälte für Arbeitsrecht
Kanzlei Berlin

Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-Mail: berlin@hensche.de

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de