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ARBEITSRECHT AKTUELL

04/04b Män­gel der Richt­li­ni­en­um­set­zung 1994

Die Ar­beits­zeit­richt­li­nie wur­de durch das Ar­beits­zeit­ge­setz (Arb­ZG) 1994 beim The­ma Be­reit­schafts­dienst un­voll­stän­dig um­ge­setzt
Wanduhr Der Be­reit­schafts­dienst sorgt im­mer noch für po­li­ti­schen und ju­ris­ti­schen Streit
12.01.2004. Wie die ju­ris­ti­sche Dis­kus­si­on der letz­ten Jah­re zeig­te, war die mit dem Ar­beits­zeit­ge­setz (Arb­ZG) 1994 be­ab­sich­tig­te Um­set­zung der Ar­beits­zeit­richt­li­nie un­voll­kom­men.

Das Arb­ZG 1994 ent­sprach näm­lich bei dem po­li­ti­schen Streit­the­ma Be­reit­schafts­dienst nicht voll­stän­dig den zwin­gen­den Min­dest­an­for­de­run­gen der Ar­beits­zeit­richt­li­nie.

Dies zeigt ein ge­nau­er Ver­gleich der Vor­ga­ben der Ar­beits­zeit­richt­li­nie mit den Re­ge­lun­gen des Ar­beits­zeit­ge­setz (Arb­ZG) 1994.

1. Ver­s­toß ge­gen Art.2 der Richt­li­nie; "Be­reit­schafts­dienst als Ar­beits­zeit"

§ 5 Abs.1 Arb­ZG setzt im Prin­zip Art. 3 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie um. Da­her wird als Grund­satz ei­ne Ru­he­zeit von 11 St­un­den nach Be­en­di­gung der tägli­chen Ar­beits­zeit vor­ge­schrie­ben. Hier­von mach­te al­ler­dings § 5 Abs.3 Arb­ZG 1994 ei­ne Aus­nah­me für den Be­reit­schafts­dienst in Kran­kenhäusern und ähn­li­chen Be­trie­ben.

In sol­chen Be­trie­ben mußte nämlich die im Ver­lauf ei­nes Be­reit­schafts­diens­tes oder ei­ner Ruf­be­reit­schaft ge­leis­te­te Vol­l­ar­beit ab­wei­chend von § 5 Abs.1 nicht im An­schluß an die­se Vol­l­ar­beit durch ei­ne elfstündi­ge Ru­he­zeit aus­ge­gli­chen wer­den. Viel­mehr konn­te ein sol­cher Aus­gleich auch zu ei­nem an­de­ren Zeit­punkt vor­ge­nom­men wer­den. Vor­aus­set­zung dafür war le­dig­lich, daß während des Be­reit­schafts­diensts nicht über­wie­gend, son­dern höchs­tens hälf­tig Vol­l­ar­beit ge­leis­tet wur­de. Da­her war es nach § 5 Abs.3 Arb­ZG 1994 im Kli­nik­be­reich er­laubt, Be­reit­schafts­diens­te mit un­mit­tel­bar nach­fol­gen­den Nor­mal­schich­ten in weit­ge­hen­dem Um­fang zu kom­bi­nie­ren.

Hin­ter § 5 Abs.3 Arb­ZG 1994 steht die (ein­deu­ti­ge) Vor­stel­lung des Ge­setz­ge­bers, daß die Zei­ten des Be­reit­schafts­diens­tes, in de­nen kei­ne Vol­l­ar­beit ge­leis­tet wird, nicht zur "Ar­beits­zeit" im Sin­ne des Ge­set­zes zu zählen sind (allg. Mei­nung, vgl. et­wa LAG Nie­der­sach­sen, Be­schl. vom 17.05.2002 - 10 TaBV 22/02, AP Nr.5 zu § 611 Be­reit­schafts­dienst, zu C.IV.3.d) aa) der Gründe; BAG, Be­schl. vom 18.02.2003, 1 ABR 2/02, NZA 2003, S .742 ff., 748; Neu­mann/Biebl, Arb­ZG, 13.Aufl. 2001, § 5, Rn.2).

Durch Ru­he­zei­ten aus­zu­glei­chen wa­ren da­her nach der Kon­zep­ti­on des § 5 Abs.3 Arb­ZG 1994 le­dig­lich die Zei­ten während ei­nes Be­reit­schafts­diens­tes, in de­nen tatsächlich ge­ar­bei­tet wur­de bzw. in de­nen Vol­l­ar­beit ge­leis­tet wur­de ("Her­an­zie­hungs­zei­ten").

Die­se Vor­stel­lung ist mit der in § 2 der Richt­li­nie ent­hal­te­nen De­fi­ni­ti­on des Be­griffs "Ar­beits­zeit" bzw. mit der In­ter­pre­ta­ti­on die­ses Be­griffs durch den EuGH nicht ver­ein­bar. Hier­in liegt ein Ver­s­toß ge­gen die Richt­li­nie, da es den Mit­glied­staa­ten zwar er­laubt ist, von be­stimm­ten Vor­ga­ben ab­zu­wei­chen (s. oben), nicht aber, den in Art.2 der Richt­li­nie de­fi­nier­ten Be­griff der Ar­beits­zeit in ih­rem na­tio­na­len Recht an­ders zu de­fi­nie­ren.

Die Vor­schrift des § 5 Abs.3 Arb­ZG 1994 läßt sich da­her auch nicht un­ter Berück­sich­ti­gung der Recht­spre­chung des EuGH, d.h. "richt­li­ni­en­kon­form", aus­le­gen, da dies kei­ne Aus­le­gung von § 5 Abs.3 Arb­ZG 1994 mehr wäre, son­dern ei­ne Um­deu­tung bzw. ei­ne Auf­he­bung die­ser Vor­schrift (zu zu­tref­fend BAG, a.a.O.)

2. Ver­s­toß ge­gen Art.3 (elfstündi­ge Ru­he­zeit) und Art.6 (48-St­un­den­wo­che)

Gemäß § 7 Abs.1 Nr.1. a) Arb­ZG 1994 konn­te in Ab­wei­chung von der Re­gel des § 3 die tägli­che Ar­beits­zeit durch Ta­rif­ver­trag oder Be­triebs­ver­ein­ba­rung auch oh­ne Zeit­aus­gleich auf über zehn St­un­den verlängert wer­den, wenn in die Ar­beits­zeit re­gelmäßig und in er­heb­li­chem Um­fang Ar­beits­be­reit­schaft fiel.

Die­se in § 7 Abs.1 Nr.1 a) ent­hal­te­ne Ermäch­ti­gung zur Über­schrei­tung der für den Ar­beits­tag gel­ten­den Zehn­stun­den­gren­ze (§ 3 Satz 2) ver­stieß aus fol­gen­den Gründen ge­gen die Ar­beits­zeit­richt­li­nie:

Ers­tens wur­de die­se Verlänge­rung des Ar­beits­tags auf­grund be­stimm­ter, in der Vol­l­ar­beit ent­hal­te­ner An­tei­le von Ar­beits­be­reit­schaft er­laubt. Mit "Ar­beits­be­reit­schaft" ist aber im all­ge­mei­nen und auch in die­ser Vor­schrift ei­ne we­sent­lich stärke­re Be­an­spru­chung des Ar­beit­neh­mers als in Fällen des Be­reit­schafts­diens­tes ge­meint. Ar­beits­be­reit­schaft ist im Prin­zip "Ar­beit" im Sin­ne des Arb­ZG, auch wenn sie von ge­rin­ge­rer In­ten­sität ist als die "nor­ma­le" Ar­beit.

Zwei­tens ent­hielt § 7 Abs.1 Nr.1. a) Arb­ZG 1994 kei­ne Ober­gren­ze für ei­ne Über­schrei­tung der 10-St­un­den­gren­ze. So­mit war ei­ne Verlänge­rung der tägli­chen Ar­beits­zeit auf bis zu 24 St­un­den möglich, da § 5 Abs.1 kei­ne mit­tel­ba­re Be­gren­zung der tägli­chen Ar­beits­zeit auf 13 St­un­den enthält.

Hier­in liegt zum ei­nen ein Ver­s­toß ge­gen Art.3 der Richt­li­nie (elfstündi­ge Ru­he­zeit pro 24 St­un­den-Zeit­raum), da die Re­ge­lung in § 7 Abs.1 Nr.1 a) Arb­ZG 1994 nicht durch ei­ne der oben ge­nann­ten bei­den Aus­nah­memöglich­kei­ten der Richt­li­nie ge­deckt ist: We­der ist § 7 Abs.1 Nr.1 a) Arb­ZG 1994 auf die Be­son­der­hei­ten des Be­hand­lungs- oder Pfle­ge­diens­tes gemünzt, so daß Art.17 Abs.2.1 c) (i) der Richt­li­nie nicht ein­greift, noch ist si­cher­ge­stellt, daß die Ar­beit­neh­mer gleich­wer­ti­ge Aus­gleichs­zei­ten oder zu­min­dest ei­nen an­de­ren "an­ge­mes­se­nen Schutz" er­hal­ten, so daß auch Art.17 Abs.3 der Richt­li­nie nicht paßt.

§ 7 Abs.1 Nr.1 a) ver­stieß wei­ter­hin auch ge­gen Art.6 der Richt­li­nie (48-St­un­den­wo­che), da in § 7 Abs.1 Nr.1. a) Arb­ZG 1994 kein Zeit­aus­gleich vor­ge­schrie­ben war. Da­her konn­te gemäß die­ser Vor­schrift re­gelmäßig bis zu 12 oder so­gar 13 St­un­den am Tag ge­ar­bei­tet wer­den, so daß sich oh­ne wei­te­res die Möglich­keit ei­ner er­heb­li­chen Über­schrei­tung der in der Ar­beits­zeit­richt­li­nie fest­ge­leg­ten 48-St­un­den­wo­che er­gab (BAG, a.a.O.). Auch für die­se Ab­wei­chung von der Richt­li­nie konn­te sich das Arb­ZG 1994 nicht auf ei­ne in der Richt­li­nie ent­hal­te­ne Aus­nah­memöglich­keit be­ru­fen. Ei­ne Ab­wei­chung von der 48-St­un­den­wo­che ist nämlich nach der Richt­li­nie nur auf Grund­la­ge von Art.18 Abs.1 möglich, d.h. im Rah­men des "opt out". Von die­ser Möglich­keit hat­te der Ge­setz­ge­ber in § 7 Arb­ZG 1994 aber kei­nen Ge­brauch ge­macht.

§ 7 Abs.1 Nr.1 a) 1994 war al­so so­wohl mit Art.3 als auch mit Art.6 der Richt­li­nie un­ver­ein­bar. Auch hier schied ei­ne Kor­rek­tur der Vor­schrift im We­ge ei­ner "richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung" an­ge­sichts ih­res ein­deu­ti­gen Ge­hal­tes aus.

Ein­zel­hei­ten zur Re­form des Arb­ZG und zu der Um­set­zung der Ar­beits­zeit­richt­li­nie in Deutsch­land können Sie hier nach­le­sen:

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 30. Dezember 2013

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