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ARBEITSRECHT AKTUELL // 04/04

Vor­ga­ben der Ar­beits­zeit­richt­li­nie

In­halt und Aus­wir­kun­gen der neu­en Ar­beits­zeit­richt­li­nie: Richt­li­nie 93/104/EG über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung vom 23.11.21.1993
Europafahne Ar­beits­zeit­recht ist seit vie­len Jah­ren (auch) Eu­ro­pa­recht
19.02.2004. Die Ar­beits­zeit­richt­li­nie der EU (of­fi­zi­ell: Richt­li­nie 93/104/EG über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung vom 23.11.21.1993) spielt in der Dis­kus­si­on über das deut­sche Ar­beits­zeit­recht seit Jah­ren ei­ne ent­schei­den­de Rol­le. Ins­be­son­de­re die zum 01.01.2004 in Kraft ge­tre­te­ne Re­form des Ar­beits­zeit­ge­set­zes (Arb­ZG) ist in den we­sent­li­chen Punk­ten ei­ne Um­set­zung der Vor­ga­ben der Ar­beits­zeit­richt­li­nie.

Die Ar­beits­zeit­richt­li­nie schreibt den Mit­glied­staa­ten der EU vor, ei­ne Rei­he von zwin­gen­den Min­dest­schutz­be­stim­mun­gen zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer in na­tio­na­les Recht um­zu­set­zen. Da­zu ge­hö­ren ins­be­son­de­re die 48-St­un­den­wo­che, ei­ne Min­destru­he­zeit von 11 St­un­den pro 24-St­un­den­zeit­raum so­wie be­stimm­te Pau­sen­re­ge­lun­gen. Ab dem 02.08.2004 gilt die Ar­beits­zeit­richt­li­nie in Ge­stalt ei­ner re­dak­tio­nel­len Über­ar­bei­tung, näm­lich als Richt­li­nie 2003/88/EG vom 04.09.2003.

Im Fol­gen­den kön­nen Sie nach­le­sen, wel­chen Min­dest­schutz die Richt­li­nie vor­schreibt (Punkt.1), un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen die Mit­glied­staa­ten von die­sem Min­dest­schutz ab­wei­chen kön­nen (Punkt.2) und auf wel­che Wei­se die Richt­li­nie auf das na­tio­na­le Recht der Mit­glied­staa­ten über­haupt ein­wirkt (Punkt.3).

1. Der Schutz­ge­halt der Ar­beits­zeit­richt­li­nie

a) Klar de­fi­nier­te Schutz­ge­hal­te

Die Ar­beits­zeit­richt­li­nie enthält ins­be­son­de­re fol­gen­de Min­dest­re­ge­lun­gen zum Schutz der Ar­beit­neh­mer bei der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung vor:

(1) Die Mit­glied­staa­ten müssen gemäß Art.3 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie gewähr­leis­ten, daß den Ar­beit­neh­mern ei­ne Min­destru­he­zeit von 11 zu­sam­menhängen­den St­un­den pro 24-St­un­den-Zeit­raum (nicht: pro Ka­len­der­tag) gewährt wird.

(2) Die Mit­glied­staa­ten müssen gemäß Art.4 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie gewähr­leis­ten, daß den Ar­beit­neh­mern bei ei­ner tägli­chen Ar­beits­zeit von mehr als 6 St­un­den ei­ne - zeit­lich in der Richt­li­nie nicht fest­ge­leg­te - Ru­he­pau­se gewährt wird.

(3) Die Mit­glied­staa­ten müssen gemäß Art.5 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie gewähr­leis­ten, daß den Ar­beit­neh­mern wöchent­lich bzw. "pro Sie­ben­ta­ges­zeit­raum" ei­ne Min­destru­he­zeit von 24 St­un­den gewährt wird.

(4) Die Mit­glied­staa­ten müssen gemäß Art.6 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie gewähr­leis­ten, daß die durch­schnitt­li­che Ar­beits­zeit pro Sie­ben­ta­ges­zeit­raum (nicht: pro Ka­len­der­wo­che) 48 St­un­den ein­sch­ließlich der Über­stun­den nicht über­schrei­tet; bei der Bil­dung des Durch­schnitts gilt gemäß Art.16 grundsätz­lich ein Aus­gleichs­zeit­raum bzw. ein "Be­zugs­zeit­raum" von 4 Mo­na­ten.

(5) Die Mit­glied­staa­ten müssen gemäß Art.8 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie gewähr­leis­ten, daß die "nor­ma­le Ar­beits­zeit" der Nacht­ar­bei­ter im Durch­schnitt 8 St­un­den pro 24-St­un­den-Zeit­raum nicht über­schrei­tet.

b) Mit­tel­ba­re Fest­le­gung ei­ner tägli­chen Höchst­ar­beits­zeit?

Die Ar­beits­zeit­richt­li­nie for­dert, an­ders als das Abeits­zeit­ge­setz (Arb­ZG) in sei­nem § 3, nicht aus­drück­lich ei­ne zeit­li­che Höchst­gren­ze für den tägli­chen Ar­beits­ein­satz. Ins­be­son­de­re schreibt die Richt­li­nie nicht aus­drück­lich den Acht­stun­den­tag vor.

aa) Mögli­cher­wei­se er­gibt sich ei­ne Höchst­gren­ze von 8 St­un­den für die tägli­che Ar­beits­zeit aber mit­tel­bar, d.h. als Kon­se­quenz aus an­de­ren Vor­schrif­ten der Richt­li­nie. Hier könn­te man zunächst an Art.6 (48-St­un­den-Wo­che) in Ver­bin­dung mit Art.4 (wöchent­li­cher Ru­he­tag) den­ken, da sich aus dem Zu­sam­men­spiel die­ser bei­den Nor­men ei­ne Sechs­ta­ge­wo­che und da­mit ei­ne tägli­che Durch­schnitts­ar­beits­zeit von (48 : 6 =) 8 St­un­den er­gibt.

Ei­ne sol­che Her­lei­tung des Acht­stun­den­tags als Vor­ga­be der Ar­beits­zeit­richt­li­nie würde sich aber of­fen­sicht­lich darüber hin­weg­set­zen, daß in Art.6 Nr.2 der Richt­li­nie aus­drück­lich nur ei­ne "durch­schnitt­li­che" Ar­beits­zeit pro Sie­ben­ta­ges­zeit­raum an­ord­net, d.h. die Ver­tei­lung die­ser 48 St­un­den auf die Ar­beits­ta­ge ein­deu­tig of­fenläßt.

bb) Ei­ne an­de­re Gren­ze der tägli­chen Ar­beits­zeit könn­te aus Art.3 bzw. aus dem Ge­bot ei­ner Min­destru­he­zeit von 11 zu­sam­menhängen­den St­un­den "pro 24-St­un­den-Zeit­raum" her­ge­lei­tet wer­den, wenn man die­se Vor­ga­be nämlich so ver­steht, daß die elfstündi­ge Ru­he­zeit in­ner­halb des maßgeb­li­chen, je­weils mit der Ar­beits­auf­nah­me be­gin­nen­den 24-St­un­den-Zeit­raums lie­gen muß.

Aus Art.3 ließe sich dann ei­ne tägli­che Höchst­ar­beits­zeit von (24 - 11 =) 13 St­un­den her­lei­ten (so in der Tat, al­ler­dings oh­ne Be­gründung, Oet­ker/Preis, Eu­ropäisches Ar­beits- und So­zi­al­recht EAS, Teil B, 79. Erg.-Lfg. Okt. 2002, Stich­wort "Ar­beits­zeit", Rn.44 [Bal­ze]).

Für ei­ne sol­che Aus­le­gung von Art.3 der Richt­li­nie spricht, daß Art.5 ei­ne ähn­li­che ar­beits­freie Zeit an­ord­net, nämlich ei­ne Ru­he­zeit von 24 St­un­den "pro Sie­ben­ta­ges­zeit­raum", und daß die For­mu­lie­rung "pro Sie­ben­ta­ges­zeit­raum" hier wohl un­strei­tig im Sin­ne von "in­ner­halb ei­nes Sie­ben­ta­ges­zeit­raums" zu ver­ste­hen ist. Ei­ne Al­ter­na­ti­ve zu die­ser Aus­le­gung von Art.3 der Richt­li­nie läge dar­in, daß die Mit­glied­staa­ten nur si­cher­zu­stel­len ha­ben, daß den Ar­beit­neh­mern im An­schluß an je­den nicht ar­beits­frei­en 24-St­un­den-Zeit­raum ei­ne Ru­he­zeit von 11 St­un­den zu gewähren; aus ei­ner sol­chen Les­art ergäbe sich ei­ne mit­tel­ba­re Höchst­gren­ze der tägli­chen Ar­beits­zeit von 24 St­un­den. Nach die­ser Les­art legt Art.3 als äußers­te Gren­ze für den tägli­chen Ar­beits­ein­satz le­dig­lich ei­ne 24-St­un­den-Gren­ze fest und ver­langt im übri­gen, daß je­den­falls nach 24 St­un­den ei­ne zu­sam­menhängen­de Min­destru­he­zeit von 11 St­un­den zu gewähren ist.

Letzt­lich spricht die Par­al­le­le zu Art.5 dafür, Art.3 in dem zu­erst dar­ge­leg­ten Sin­ne zu ver­ste­hen, d.h. als mit­tel­ba­re Ver­pflich­tung der Mit­glied­staa­ten, si­cher­zu­stel­len, daß Ar­beit­neh­mer täglich nicht mehr als 13 St­un­den ar­bei­ten.

In die­sem Sin­ne ist wohl auch der EuGH in sei­nem Ur­teil vom 09.09.2003 zu ver­ste­hen (EuGH, Urt. vom 09.09.2003, Rs. C 151/02 - Jäger, Rn.77 - 79). Hier wird nämlich die Kom­bi­na­ti­on ei­nes nor­ma­len ärzt­li­chen Diens­tes mit ei­nem un­mit­tel­bar an­sch­ließen­den Be­reit­schafts­dienst zu ei­ner zu­sam­menhängen­den Ge­samt­dienst­zeit von un­gefähr 30 St­un­den und die dar­aus sich er­ge­ben­de Fol­ge ei­ner wöchent­li­chen St­un­den­be­las­tung von mehr als 50 St­un­den oh­ne wei­te­re Be­gründung als im Wi­der­spruch zu Art.3 und Art.6 der Richt­li­nie ste­hend an­ge­se­hen.

In die­sem Zu­sam­men­hang ist al­ler­dings zu berück­sich­ti­gen, daß von Art.3 gemäß Art. 17 Abs.1 bis 3 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie un­ter den dort ge­re­gel­ten Vor­aus­set­zun­gen ab­ge­wi­chen wer­den kann.

c) De­fi­ni­ti­on von "Ar­beits­zeit"

Sch­ließlich enthält die Ar­beits­zeit­richt­li­nie in Art.2 Nr.1 ei­ne De­fi­ni­ti­on des Be­griffs der "Ar­beits­zeit". Da­nach ist Ar­beits­zeit "je­de Zeit­span­ne, während der ein Ar­beit­neh­mer gemäß den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und/oder Ge­pflo­gen­hei­ten ar­bei­ten, dem Ar­beit­ge­ber zur Verfügung steht und sei­ne Tätig­keit ausübt oder Auf­ga­ben wahr­nimmt."

2. Von der Ar­beits­zeit­richt­li­nie zu­ge­las­se­ne Aus­nah­men

Die Ar­beits­zeit­richt­li­nie läßt von den o.g. Vor­ga­ben zahl­rei­che Aus­nah­men zu. An­ge­sichts die­se Viel­zahl und der Unüber­sicht­lich­keit die­ser Aus­nah­men wird das Grund­kon­zept der Richt­li­nie, d.h. der Ver­such ei­ner eu­ro­pa­wei­ten Ver­ein­heit­li­chung von Min­dest­ar­beits­be­din­gun­gen, fragwürdig. Eu­ro­pa­op­ti­mis­ten ha­ben da­mit kein Pro­blem: Die Richt­li­nie soll nämlich, so ist zu hören, un­ter an­de­rem auch der "Stärkung der Ta­rif­au­to­no­mie" und ei­ner erhöhten "Fle­xi­bi­li­sie­rung (!) der Ar­beits­zeit auf na­tio­na­ler, ta­rif­li­cher und be­trieb­li­cher Ebe­ne" die­nen (Oet­ker/Preis, Eu­ropäisches Ar­beits- und So­zi­al­recht EAS, Teil B, 79. Erg.-Lfg. Okt. 2002, Stich­wort "Ar­beits­zeit", Rn.5 [Bal­ze]). Al­ler­dings hat die­se "Fle­xi­bi­li­sie­rung" ih­ren Preis: "Die durch viel­fa­che Ver­knüpfun­gen von Be­zugs­zeiträum­en, Ab­wei­chun­gen und Aus­nah­men er­ziel­te Fle­xi­bi­lität ist beträcht­lich, er­schwert aber die Ar­beit mit der Richt­li­nie nicht un­er­heb­lich." (eben­da).

Für die Pla­nung von Ar­beits­zei­ten in Kran­kenhäusern dürf­te vor al­lem die tägli­che Min­destru­he­zeit von 11 St­un­den (Art.3) so­wie die wöchent­li­che Höchst­ar­beits­zeit von 48 St­un­den (Art.6) von Be­deu­tung sein. Da­her sind vor al­lem die Aus­nah­men zu die­sen Schutz­be­stim­mun­gen prak­tisch be­deut­sam.

a) Aus­nah­men von Art.3 (Min­destru­he­zeit von 11 St­un­den)

aa) Von Art.3, der ei­ne Min­destru­he­zeit von 11 St­un­den pro 24-St­un­den­zeit­raum vor­schreibt, kann gemäß Art.17 Abs. 2.1 c) (i) durch na­tio­na­le Re­ge­lun­gen, d.h. durch Rechts­vor­schrif­ten oder durch Ta­rif­verträge, ab­ge­wi­chen wer­den, - wenn die Tätig­keit des Ar­beit­neh­mers durch die Not­wen­dig­keit der "Kon­ti­nuität des Diens­tes" ge­kenn­zeich­net ist wie u.a. bei Be­hand­lungs- oder Pfle­ge­diens­ten, und - wenn die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer gleich­wer­ti­ge Aus­gleichs­ru­he­zei­ten er­hal­ten (oder aus­nahms­wei­se, falls dies "aus ob­jek­ti­ven Gründen" nicht möglich ist, ei­nen an­de­ren "an­ge­mes­se­nen Schutz").

In be­zug auf die­se Vor­schrift hat der EuGH al­ler­dings be­reits an­ge­deu­tet, daß er hier in al­ler Re­gel Aus­nah­men, die auf die­se Vor­schrift gestützt wer­den, nur dann für recht­lich zulässig hält, wenn für gleich­wer­ti­ge Aus­gleichs­ru­he­zei­ten ernst­haft ge­sorgt wird und wenn sich die­se Aus­gleichs­ru­he­zei­ten un­mit­tel­bar an die Ar­beit an­sch­ließen (EuGH, Urt. vom 09.09.2003, Rs. C 151/02 - Jäger, Rn.95, 98).

bb) Von Art.3 (tägli­che Min­destru­he­zeit von 11 St­un­den) kann wei­ter­hin auch oh­ne spe­zi­fi­sche, die Ar­beits­in­hal­te be­tref­fen­de Vor­aus­set­zun­gen gemäß Art.17 Abs.3 ab­ge­wi­chen wer­den, - wenn die­se Ab­wei­chun­gen in Ta­rif­verträgen oder in an­de­ren Ver­ein­ba­run­gen der So­zi­al­part­ner ent­hal­ten sind, und - wenn die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer gleich­wer­ti­ge Aus­gleichs­ru­he­zei­ten er­hal­ten (oder aus­nahms­wei­se, falls dies "aus ob­jek­ti­ven Gründen" nicht möglich ist, ei­nen an­de­ren "an­ge­mes­se­nen Schutz").

Die­se Aus­nah­me be­steht al­lein zu­guns­ten der Re­ge­lungs­kom­pe­tenz der So­zi­al­part­ner, d.h. sie ist an kei­ne wei­te­ren Vor­ga­ben ge­bun­den. Auch in be­zug auf die­se Re­ge­lung gilt je­doch die ein­schränken­de Be­mer­kung des EuGH, daß er in al­ler Re­gel der­ar­ti­ge Aus­nah­men für zulässig hält, wenn die­se ernst­haft für gleich­wer­ti­ge Aus­gleichs­ru­he­zei­ten sor­gen; die­se müssen sich zu­dem un­mit­tel­bar an die Ar­beit an­sch­ließen (EuGH., Urt. vom 09.09.2003, Rs. C 151/02 - Jäger, Rn.95, 98).

b) Aus­nah­men von Art.6 (48-St­un­den­wo­che)

Von der durch die Richt­li­nie in Art.6 in Verb. mit Art.16 Abs.2 vor­ge­schrie­be­nen 48-St­un­den­wo­che können die Mit­glied­staa­ten gemäß Art.18 Abs.1 b) (i) ab­wei­chen,

- wenn die "all­ge­mei­nen Grundsätze der Si­cher­heit und des Ge­sund­heits­schut­zes der Ar­beit­neh­mer" ein­ge­hal­ten wer­den,

- wenn sich die Ar­beit­neh­mer hier­zu be­reit erklären, - wenn kei­nem Ar­beit­neh­mer Nach­tei­le aus der Ab­leh­nung ei­ner sol­chen Über­schrei­tung der 48-St­un­den­wo­che ent­ste­hen,

- und wenn der Ar­beit­ge­ber bei ei­ner sol­chen Durch­bre­chung der 48-St­un­den­wo­che be­stimm­te For­ma­litäten be­ach­tet, d.h. ins­be­son­de­re Lis­ten mit Ar­beit­neh­mern führt und die­se den Behörden auf Ver­lan­gen vor­le­gen.

Die­ses sog. "opt out" wur­de bei Er­laß der Ar­beits­zeit­richt­li­nie 1993 von der bri­ti­schen Re­gie­rung durch­ge­setzt. In Deutsch­land wur­de die­se Aus­nah­memöglich­keit erst­mals mit der No­vel­lie­rung des Arb­ZG ge­nutzt, nämlich in Ge­stalt des neu in das Arb­ZG ein­gefügten § 7 Abs.2a und des § 7 Abs.7.

Die obi­gen Aus­nah­men las­sen sich wie folgt zu­sam­men­fas­sen:

Re­gel In­halt Aus­nah­me Vor­aus­set­zun­gen
Art.3 Min­destru­he­zeit von 11 St­un­den pro 24 St­un­den Art.17 Abs.2.1 c) (i) Not­wen­dig­keit der Kon­ti­nuität des Diens­tes (wie z.B. bei der Be­hand­lung oder Pfle­ge) plus gleich­wer­ti­ge Ru­he­zei­ten oder (falls unmöglich) an­de­rer "an­ge­mes­se­ner Schutz"
s.o. s.o. Art.17 Abs.3 Ab­wei­chung durch Ta­rif­ver­trag oder an­de­re Ver­ein­ba­rung der So­zi­al­part­ner plus gleich­wer­ti­ge Ru­he­zei­ten oder (falls unmöglich) an­de­rer "an­ge­mes­se­ner Schutz"
Art.6 Höchst­ar­beits­zeit von 48 St­un­den pro Sie­ben­ta­ges­zeit­raum Art.18 Abs.1 b) (i) Ein­hal­tung der "all­ge­mei­nen Grundsätze der Si­cher­heit und des Ge­sund­heits­schut­zes der Ar­beit­neh­mer" plus "Be­rei­terklärung" des Ar­beit­neh­mers (un­ter Aus­schluß von Nach­tei­len bei feh­len­der Be­rei­terklärung) plus Über­wa­chung der Zei­ten durch Lis­ten der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer so­wie durch behörd­li­che Kon­trol­len

3. Rechts­wir­kun­gen der Ar­beits­zeit­richt­li­nie

Die Ar­beits­zeit­richt­li­nie ist, wie an­de­re Richt­li­ni­en der EU auch, nicht un­mit­tel­bar an die Bürger der Mit­glied­staa­ten adres­siert, son­dern rich­tet sich al­lein an die Mit­glied­staa­ten bzw. an de­ren recht­set­zen­den Or­ga­ne. Setzt das Recht ei­nes Mit­glieds­staats da­her ei­ne be­stimm­te Schutz­norm der Ar­beits­zeit­richt­li­nie nicht zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers um, kann sich der da­von be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer ge­genüber sei­nem Ar­beit­ge­ber im all­ge­mei­nen nicht auf den Schutz­ge­halt der Richt­li­nie be­ru­fen.

Viel­mehr wer­den al­lein die Mit­glied­staa­ten als Nor­madres­sa­ten der Richt­li­nie da­zu ver­pflich­tet, de­ren Vor­ga­ben in na­tio­na­les Recht um­zu­set­zen. Da­bei sind sie in al­len Punk­ten, die durch die Richt­li­nie nicht ein­deu­tig und zwin­gend vor­ge­ge­ben sind, frei, d.h. sie können selbst darüber ent­schei­den, wie sie die Um­set­zung vor­neh­men wol­len. Ins­be­son­de­re können die Mit­glied­staa­ten das von der Ar­beits­zeit­richt­li­nie de­fi­nier­te Min­dest­schutz­ni­veau über­schrei­ten.

Al­ler­dings sieht die Ar­beits­zeit­richt­li­nie für die Um­set­zung in das Recht der Mit­glied­staa­ten, wie auch an­de­re EU-Richt­li­ni­en, ei­ne Frist vor. Die­se Frist lief im Fal­le der Ar­beits­zeit­richt­li­nie drei Jah­ren nach ih­rem Er­laß, d.h. am 23.11.1996 ab. Wie man mitt­ler­wei­le auf­grund der Recht­spre­chung des EuGH weiß, ent­sprach die Um­set­zung der Ar­beits­zeit­richt­li­nie in deut­sches Recht nicht vollständig den Vor­ga­ben der Richt­li­nie, so daß in die­sen Punk­ten die Um­set­zungs­frist ab­ge­lau­fen ist.

Wei­ter gilt nach der Recht­spre­chung, daß sich der Staat bei nicht ord­nungs­gemäßer Um­set­zung ei­ner EU-Richt­li­nie in­ner­halb der Um­set­zungs­frist sei­nen Bürgern ge­genüber nicht auf sei­ne ei­ge­ne Säum­ig­keit be­ru­fen kann.

Dar­aus wie­der­um wird im In­ter­es­se ei­ner ef­fek­ti­ven Durch­set­zung des Ge­mein­schafts­rechts ge­fol­gert, daß nicht ord­nungs­gemäß um­ge­setz­ten Richt­li­ni­en zu­guns­ten des Bürgers, d.h. im Rechts­verhält­nis zwi­schen Bürger und Staat, un­mit­tel­bar wir­ken, wenn die be­tref­fen­de Vor­schrift der Richt­li­nie ei­ne in­halt­lich hin­rei­chend be­stimm­te und un­be­ding­te Re­ge­lung enthält (h.M., vgl. nur BAG, Urt. vom 18.02.2003, 1 ABR 2/02 - Jäger, NZA 2003, S.742 ff., S.749.).

Die­ser letz­te ju­ris­ti­sche Schritt läuft im Fal­le der Ar­beits­zeit­richt­li­nie dar­auf hin­aus, daß sich Ar­beit­neh­mer, die bei ei­nem "staat­li­chen" Ar­beit­ge­ber beschäftigt sind, ih­rem Ar­beit­ge­ber ge­genüber un­mit­tel­bar auf die Richt­li­nie be­ru­fen können, während dies Ar­beit­neh­mer, die bei pri­va­ten Ar­beit­ge­ber beschäftigt sind, ver­wehrt ist. Im Er­geb­nis er­gibt sich da­her bei nicht recht­zei­ti­ger (bzw. bei nicht recht­zei­ti­ger und vollständi­ger) Um­set­zung ei­ner Richt­li­nie ein ge­spal­te­ner Rechts­zu­stand.

Ein­zel­hei­ten zu der Um­set­zung der Ar­beits­zeit­richt­li­nie in Deutsch­land können Sie hier nach­le­sen:

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 30. Dezember 2013

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