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ARBEITSRECHT AKTUELL // 09/076

Bes­ser­stel­lung von Ge­werk­schafts­mit­glie­dern durch ta­rif­li­che Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln

Ta­rif­li­che Son­der­zah­lun­gen nur für Ge­werk­schafts­mit­glie­der sind rech­tens, wenn kein Zwang zur Schlech­ter­stel­lung der Au­ßen­sei­ter be­steht: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 18.03.2009, 4 AZR 64/08
Zwei Gruppen von je drei Arbeitnehmern mit Helm, Bekleidung der beiden Gruppen unterschiedlich Ein­fa­che Dif­fer­ren­zie­rungs­klau­seln sind künf­tig zu­läs­sig

07.05.2009. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat ent­schie­den, dass die ta­rif­ver­trag­li­che Bes­ser­stel­lung von Ge­werk­schafts­mit­glie­dern un­ter be­stimm­ten Be­din­gun­gen zu­läs­sig ist.

Ta­rif­ver­trä­ge kön­nen dem­zu­fol­ge be­stimm­te Leis­tun­gen spe­zi­ell für Mit­glie­der der Ge­werk­schaft vor­se­hen.

Vor­aus­set­zung sol­cher "Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln" ist aber, dass der Ta­rif­ver­trag dem Ar­beit­ge­ber die Ent­schei­dung dar­über be­lässt, ob er auch Ar­beit­neh­mer, die nicht in der Ge­werk­schaft sind ("Au­ßen­sei­ter"), in den Ge­nuss der ta­rif­li­chen Leis­tung kom­men las­sen will oder nicht: BAG, Ur­teil vom 18.03.2009, 4 AZR 64/08.

Können Ta­rif­verträge Mit­glie­der der Ge­werk­schaft bes­ser stel­len und da­mit ei­nen Bei­tritts­druck ausüben?

Ta­rif­verträge gel­ten gemäß § 4 Abs. 1 Ta­rif­ver­trags­ge­setz (TVG) un­mit­tel­bar und zwin­gend für ein Ar­beits­verhält­nis, wenn bei­de Par­tei­en des Ar­beits­verhält­nis­ses ta­rif­ge­bun­den sind. Dies sind sie, wenn der Ar­beit­ge­ber Mit­glied des ta­rif­ver­trags­sch­ließen­den Ar­beit­ge­ber­ver­bands ist oder den (Fir­men-)Ta­rif­ver­trag selbst ab­ge­schlos­sen hat und der Ar­beit­neh­mer Mit­glied der ta­rif­ver­trags­sch­ließen­den Ge­werk­schaft ist (§ 3 Abs. 1 TVG).

Lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen der bei­der­sei­ti­gen Ta­rif­bin­dung nicht vor, kann der Ar­beit­ge­ber, falls der Ta­rif­ver­trag nicht für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt wur­de, im Prin­zip frei darüber ent­schei­den, ob er sei­nen Ar­beit­neh­mern die in ei­nem Ta­rif­ver­trag vor­ge­se­he­nen Leis­tun­gen gewähren will oder nicht.

Die­se Ent­schei­dungs­frei­heit hat ins­be­son­de­re auch der sei­ner­seits ta­rif­ge­bun­de­ne Ar­beit­ge­ber, nämlich dann, wenn es um die Fra­ge geht, ob er Nicht­ge­werk­schafts­mit­glie­dern die ta­rif­li­chen Ar­beits­be­din­gun­gen gewähren möch­te. Sind nämlich Ar­beit­neh­mer, die der Ge­werk­schaft nicht an­gehören (sog. Außen­sei­ter), Par­tei des Ar­beits­verhält­nis­ses, liegt kei­ne bei­der­sei­ti­ge Ta­rif­bin­dung vor.

Be­steht an der recht­li­chen Ent­schei­dungs­frei­heit des Ar­beit­ge­bers über die Gewährung von Ta­rif­leis­tun­gen an Außen­sei­ter auf­grund der in §§ 4 Abs. 1, 3 Abs. 1 TVG ent­hal­te­nen Re­ge­lun­gen kein Zwei­fel, ist er auch be­rech­tigt, die Ar­beit­neh­mer nach der Ge­werk­schafts­mit­glied­schaft zu be­fra­gen, um so die Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen Ge­werk­schafts­mit­glie­dern und Außen­sei­tern um­zu­set­zen.

Würde ein Ar­beit­ge­ber al­ler­dings in die­ser Wei­se ver­fah­ren, würde er ge­wollt oder un­ge­wollt „Wer­bung“ für die Ge­werk­schaft ma­chen: Se­hen z.B. die im Be­trieb gel­ten­den Ar­beits­verträge kei­nen An­spruch auf ein Weih­nachts­geld vor, ist ein sol­cher An­spruch aber in ei­nem für den Ar­beit­ge­ber ver­bind­li­chen Ta­rif­ver­trag ent­hal­ten, wäre ei­ne Dif­fe­ren­zie­rung nach der Ge­werk­schafts­zu­gehörig­keit bei der Weih­nachts­geld­zah­lung ein An­reiz für die Außen­sei­ter, der Ge­werk­schaft bei­zu­tre­ten, um auf die­se Wei­se in den Ge­nuss des ta­rif­li­chen Weih­nachts­geld­an­spruchs zu kom­men. Vor die­sem Hin­ter­grund ma­chen Ar­beit­ge­ber in al­ler Re­gel kei­nen Ge­brauch von der ju­ris­ti­schen Möglich­keit, bei der Gewährung ta­rif­li­cher Leis­tun­gen zwi­schen Ge­werk­schafts­mit­glie­dern und Außen­sei­tern zu dif­fe­ren­zie­ren.

Das wie­der­um ist den Ge­werk­schaf­ten ein Dorn im Au­ge, da ih­re Mit­glie­der durch den Mit­glieds­bei­trag die Or­ga­ni­sa­ti­on fi­nan­zie­ren und da­mit letzt­lich Ta­rif­verträge erst ermögli­chen, von de­nen dann – auf­grund der man­geln­den Be­reit­schaft der Ar­beit­ge­ber zur Dif­fe­ren­zie­rung bei der Ta­rif­an­wen­dung – auch die Außen­sei­ter pro­fi­tie­ren. Sie sind da­her aus der Sicht der Ge­werk­schaf­ten „Tritt­brett­fah­rer“, d.h. sie ma­chen sich die Früch­te der or­ga­ni­sa­to­ri­schen und fi­nan­zi­el­len An­stren­gun­gen an­de­rer Ar­beit­neh­mer zu­nut­ze, oh­ne dafür ei­nen ei­ge­nen Bei­trag zu leis­ten. Vor die­sem Hin­ter­grund ha­ben Ge­werk­schaf­ten im­mer wie­der ver­sucht, durch spe­zi­el­le ta­rif­ver­trag­li­che Klau­seln - sog. Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln - Ar­beit­ge­ber bei der An­wen­dung des Ta­rif­ver­trags zu zwin­gen, Ge­werk­schafts­mit­glie­der bes­ser zu stel­len.

Ei­ne eher ra­bia­te Ver­si­on sol­cher Klau­seln sieht vor, dass der Ar­beit­ge­ber be­stimm­te Leis­tun­gen nicht an Außen­sei­ter er­brin­gen darf (qua­li­fi­zier­te Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln) oder Ta­rif­loh­nerhöhun­gen in der Wei­se um­set­zen muss, dass ein be­stimm­ter Ab­stand zwi­schen der Be­zah­lung von Ge­werk­schafts­mit­glie­dern und Außen­sei­tern ver­bleibt (sog. Span­nen­klau­seln). Ei­ne eher wei­che Va­ri­an­te von Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln sieht da­ge­gen vor, dass be­stimm­te ta­rif­li­che Leis­tun­gen nur bei Ge­werk­schafts­zu­gehörig­keit be­an­sprucht wer­den können, so dass der Ar­beit­ge­ber in sei­ner Ent­schei­dung, auch Außen­sei­tern die­se Leis­tun­gen zu gewähren, frei bleibt (ein­fa­che Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln).

Die Fra­ge, ob Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln recht­lich zulässig sind oder nicht bzw. ob sie nur un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen möglich sind, war vor al­lem in den 60er Jah­ren hef­tig um­strit­ten. Die Geg­ner sol­cher Klau­seln mein­ten, dass sie die grund­recht­lich geschütz­te Ent­schei­dungs­frei­heit der Außen­sei­ter, der Ge­werk­schaft fern­zu­blei­ben (ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit), ver­letz­ten und außer­dem für den Ar­beit­ge­ber un­zu­mut­bar sei­en, da er zur Wer­bung für den ta­rif­li­chen Ge­gen­spie­ler ge­zwun­gen würde. Den Schluss­punkt die­ses Streits bil­de­te ei­ne Ent­schei­dung des Großen Se­nats des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) vom 29.11.1967 (GS 1/67), de­ren Kern­aus­sa­ge lau­tet, dass in Ta­rif­verträgen nicht zwi­schen den bei der ta­rif­ver­trags­sch­ließen­den Ge­werk­schaft or­ga­ni­sier­ten und den an­ders oder nicht or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­neh­mern dif­fe­ren­ziert wer­den darf.

Trotz des vom Großen Se­nat des BAG aus­ge­spro­che­nen um­fas­sen­den Ver­bots von Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln fragt sich, ob nicht ein­fa­che Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln un­ter be­stimm­ten Umständen zulässig sein könn­ten. Die­se Fra­ge stellt sich nicht so sehr auf­grund des mitt­ler­wei­le großen zeit­li­chen Ab­stands zu der da­ma­li­gen Ent­schei­dung, son­dern vor al­lem des­halb, weil der Große Se­nat bei sei­nem Ur­teil vom 29.11.1967 of­fen­bar nur qua­li­fi­zier­te Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln vor Au­gen hat­te, d.h. Re­ge­lun­gen, die auf ei­ne ef­fek­ti­ve bzw. recht­lich ga­ran­tier­te fi­nan­zi­el­le Bes­ser­stel­lung von Ge­werk­schafts­mit­glie­dern ab­ziel­ten.

Mit die­ser Fra­ge hat­te sich der vier­te Se­nats des BAG mit ei­nem Ur­teil vom 18.03.2009 (4 AZR 64/08) zu be­fas­sen.

Der Streit­fall: Ei­ne nicht or­ga­ni­sier­te Pfle­ge­kraft ver­langt Gleich­stel­lung mit Ge­werk­schafts­mit­glie­dern

Die kei­ner Ge­werk­schaft an­gehören­de Ar­beit­neh­me­rin war bei ei­nem Träger der frei­en Wohl­fahrts­pfle­ge als Pfle­ge­kraft beschäftigt. In ih­rem Ar­beits­ver­trag wur­de auf die ein­schlägi­gen Ta­rif­verträge in ih­rer je­wei­li­gen Fas­sung Be­zug ge­nom­men. Der vom Ar­beit­ge­ber an­zu­wen­den­de, von der ver.di ab­ge­schlos­se­ne Ta­rif­ver­trag sah für al­le Beschäftig­ten ei­ne Jah­res­son­der­zah­lung vor. Ein eben­falls von der ver.di ver­ein­bar­ter, zeit­lich be­fris­te­ter Sa­nie­rungs­ta­rif­ver­trag „zum struk­tu­rel­len Aus­gleich des De­fi­zits der Un­ter­neh­mens­grup­pe“, der der Ar­beit­ge­ber an­gehört, sah die Strei­chung der Jah­res­son­der­zah­lung für al­le Beschäftig­ten vor. Al­ler­dings war dort wei­ter be­stimmt:

„Als Er­satz­leis­tung we­gen des Ver­zichts auf die Son­der­zah­lung er­hal­ten die ver.di-Mit­glie­der in je­dem Geschäfts­jahr ei­ne Aus­gleichs­zah­lung in Höhe von 535,00 EUR brut­to.“

Der Ar­beit­ge­ber ver­wei­ger­te der Kläge­rin auf­grund der feh­len­den ver.di-Mit­glied­schaft die Er­satz­leis­tung, wes­halb sie vor das Ar­beits­ge­richt zog und auf Zah­lung klag­te.

Das Ar­beits­ge­richt Ol­den­burg gab der Kla­ge statt. Da­ge­gen wies das in der Be­ru­fung zuständi­ge Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nie­der­sach­sen die Kla­ge ab, da es der Mei­nung war, die im Sa­nie­rungs­ta­rif­ver­trag ent­hal­te­ne Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­sel sei recht­lich zulässig und ste­he da­mit dem von der Kläge­rin gel­tend ge­mach­ten An­spruch ent­ge­gen (LAG Nie­der­sach­sen, Ur­teil vom 11.12.2007, 5 Sa 914/07).

Be­mer­kens­wert an dem Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Nie­der­sach­sen ist die ausführ­li­che kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Ur­teil des Großen Se­nats des BAG vom 29.11.1967. Das LAG lehnt die tra­gen­den Gründe die­ses Ur­teils rund­her­aus ab, wo­bei sich al­ler­dings die Fra­ge stellt, ob das LAG das Ur­teil des Großen Se­nats nicht mögli­cher­wei­se miss­ver­steht.

Der Große Se­nat hat­te nämlich die ver­schie­de­nen ju­ris­ti­schen „Kon­struk­tio­nen“, mit de­nen (qua­li­fi­zier­te) Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln in der da­ma­li­gen De­bat­te erklärt wor­den wa­ren, nur kurz erwähnt, um die­se kon­struk­ti­ven Fra­gen so­dann für nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich zu erklären.

Ge­gen­stand des Ur­teils war in der Fol­ge die hin­ter (qua­li­fi­zier­ten) Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln ste­hen­de or­ga­ni­sa­ti­ons­po­li­ti­sche Ab­sicht der Ge­werk­schaf­ten, Außen­sei­tern ei­ne Art Er­satz­leis­tung für den von ih­nen „ver­wei­ger­ten“ Mit­glieds­bei­trag auf­zu­er­le­gen. Die­se Ab­sicht, so das BAG in sei­nem Ur­teil vom 29.11.1967, wer­de von der Rechts­ord­nung miss­bil­ligt bzw. sei „ver­werf­lich“.

Aus die­sem Grun­de müss­ten al­le Ar­ten von (qua­li­fi­zier­ten) Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln als un­zulässig an­ge­se­hen wer­den. Ge­meint wa­ren da­mit aber nicht un­be­dingt auch ein­fa­che Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln, son­dern viel­mehr die ver­schie­de­nen ju­ris­tisch-kon­struk­ti­ven Erklärun­gen von (ef­fek­ti­ven bzw. qua­li­fi­zier­ten) Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln, d.h. von Klau­seln, die „vom Ar­beit­ge­ber ei­ne Mit­wir­kung bei der Vor­teils­aus­glei­chung zwi­schen Or­ga­ni­sier­ten und Außen­sei­tern“ ver­lan­gen (Großer Se­nat, Ur­teil vom 29.11.1967, GS 1/67, AP Nr.13 zu Art. 9 GG, Bl.357).

Ab­ge­se­hen von der mögli­cher­wei­se gar nicht er­for­der­li­chen grundsätz­li­chen Kri­tik an dem Ur­teil des Großen Se­nats führt das LAG Nie­der­sach­sen mit Blick auf den von ihm zu ent­schei­den­den Fall fol­gen­de „po­si­ti­ve“ Ar­gu­men­te für die Zulässig­keit der hier strei­ti­gen Klau­sel an:

Die hier ver­ein­bar­te Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­sel ver­hin­de­re nicht, dass Nicht­or­ga­ni­sier­te und Ar­beit­ge­ber in­di­vi­du­ell die vom Ta­rif nur ver.di-Mit­glie­dern vor­be­hal­te­ne Aus­gleichs­zah­lung ver­ein­bar­ten. Das Mo­tiv der Ge­werk­schaf­ten, Mit­glie­der zu ge­win­nen, sei le­gi­tim und nach­voll­zieh­bar und führe nicht da­zu, ei­ne der­ar­ti­ge Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­sel von vorn­her­ein als in­adäquat und da­mit als rechts­wid­rig an­zu­se­hen. Das fi­nan­zi­el­le Aus­maß der hier strei­ti­gen Klau­sel sei ge­ring, da ei­nem Außen­sei­ter höchs­tens der dop­pel­te Jah­res­ge­werk­schafts­bei­trag vor­ent­hal­ten wer­de.

BAG: Ein­fa­che Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln sind rech­tens, wenn der Ar­beit­ge­ber auch Außen­sei­ter begüns­ti­gen darf und die Klau­sel eher ge­ringfügi­ge Ansprüche be­trifft

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat sich der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Nie­der­sach­sen an­ge­schlos­sen. Die Kla­ge sei un­be­gründet, da die ta­rif­li­che Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­sel wirk­sam sei.

Ei­nen nach dem Ta­rif­ver­trag an sich mögli­chen ver­trag­li­chen An­spruch auf die „Er­satz­leis­tung“ ha­be die Kläge­rin nicht ge­habt. Die ar­beits­ver­trag­li­che Ver­wei­sung ha­be ge­ra­de nicht vor­ge­se­hen, dass die Kläge­rin um­fas­send wie ein Ge­werk­schafts­mit­glied zu be­han­deln sei. Die ta­rif­li­chen Re­ge­lun­gen wirk­ten nur zu­guns­ten der Kläge­rin, wenn die­se de­ren Vor­aus­set­zun­gen erfülle. Das sei we­gen der feh­len­den Ge­werk­schafts­mit­glied­schaft nicht der Fall. Die ein­schlägi­ge Be­stim­mung sei auch wirk­sam.

In der Be­stim­mung, die struk­tu­rell nicht wei­ter ge­he als die ta­rif­li­che Wir­kung, die das Ge­setz in § 4 Abs. 1 TVG fest­le­ge, lie­ge je­den­falls im vor­lie­gen­den Fall kein un­zulässi­ger Druck auf Nicht­or­ga­ni­sier­te, auf ihr Recht zu ver­zich­ten, ei­ner Ko­ali­ti­on fern­zu­blei­ben. Sie über­schrei­te auch nicht die Re­ge­lungs­kom­pe­tenz der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en. Die frag­li­che Leis­tung lie­ge nicht im Kern­be­reich des ar­beits­ver­trag­li­chen Aus­tausch­verhält­nis­ses.

Sie über­schrei­te auch der Höhe nach nicht die Gren­ze, von der an von ei­nem nicht mehr hin­nehm­ba­ren Druck aus­zu­ge­hen sei. Hier ver­weist das Bun­des­ar­beits­ge­richt dar­auf, dass auf Sei­ten der am Ta­rif­schluss Be­tei­lig­ten er­heb­li­che, für die Er­hal­tung der Ef­fek­ti­vität des Ta­rif­ver­trags­sys­tems strei­ten­de In­ter­es­sen fest­zu­stel­len sei­en: Sa­nie­rungs­ta­rif­verträge wie der vor­lie­gen­de kämen oft nur zu­stan­de, wenn mit ih­nen zu­gleich ei­ner „dro­hen­den Ta­rif­flucht“ ge­gen­ge­steu­ert wer­den könne.

Fa­zit: Ein­fa­che Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln sind recht­lich ver­gleichs­wei­se harm­los, da die Ge­werk­schaf­ten mit ih­rer Hil­fe we­der dem nicht­or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­neh­mer noch dem Ar­beit­ge­ber, d.h. dem so­zia­len Ge­gen­spie­ler, Vor­schrif­ten ma­chen. Der recht­li­che Hand­lungs­spiel­raum der Ar­beits­ver­trags­par­tei­en wird mit an­de­ren Wor­ten in kei­ner Wei­se ein­ge­schränkt. Ei­ne Ver­let­zung vom Art. 9 Abs. 3 Grund­ge­setz (GG), d.h. der ne­ga­ti­ven Ko­ali­ti­ons­frei­heit des Außen­sei­ters oder der po­si­ti­ven Ko­ali­ti­ons­frei­heit des Ar­beit­ge­bers ist da­her nicht ge­ge­ben.

Auch in der Rechts­an­wen­dung bie­ten ein­fa­che Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln kaum An­griffs­flächen für ei­ne (ver­fas­sungs-)recht­li­che Fun­da­men­tal­kri­tik, da sie oft­mals wir­kungs­los ver­puf­fen dürf­ten:

Da der Ar­beit­ge­ber oh­ne­hin die An­wen­dung ta­rif­li­cher Nor­men gemäß §§ 3, 4 TVG auf Ge­werk­schafts­mit­glie­der be­schränken kann, wird sein dies­bezügli­cher Hand­lungs­spiel­raum durch ein­fa­che Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln kaum er­wei­tert. Nur dann, wenn Außen­sei­ter kraft ar­beits­ver­trag­li­cher Ver­wei­sung auf ei­nen Ta­rif­ver­trag und/oder auf­grund ei­ner be­trieb­li­chen Übung ta­rif­li­che Leis­tun­gen ver­lan­gen können, macht sich ei­ne zwi­schen Or­ga­ni­sier­ten und Außen­sei­tern dif­fe­ren­zie­ren­de Aus­ge­stal­tung ein­zel­ner ta­rif­li­cher An­spruchs­nor­men über­haupt be­merk­bar.

Selbst dann aber ist es nicht aus­ge­schlos­sen, dass Außen­sei­ter die Ge­werk­schafts­mit­glie­dern vor­be­hal­te­ne Leis­tung be­an­spru­chen können, falls die sie begüns­ti­gen­de ar­beits­ver­trag­li­che Be­zug­nah­me auf ei­nen Ta­rif­ver­trag nämlich als Gleich­stel­lungs­ab­re­de aus­zu­le­gen ist: Dann können Außen­sei­ter auf­grund ih­res Ar­beits­ver­trags ver­lan­gen, in jeg­li­cher Hin­sicht ei­nem Ge­werk­schafts­mit­glied gleich­ge­stellt zu wer­den, so dass die Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­sel leer läuft.

In der Pra­xis we­nig klar und da­her kaum über­zeu­gend ist al­ler­dings die vom BAG an­ge­deu­te­te un­ter­schied­li­che Be­wer­tung von Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln je nach­dem, wie er­heb­lich die wirt­schaft­li­che Be­deu­tung der Ge­werk­schafts­mit­glie­dern vor­be­hal­te­nen ta­rif­li­chen Leis­tung ist. Un­se­res Er­ach­tens kann es auf die wirt­schaft­li­che Be­deu­tung der Ta­rif­leis­tung nicht an­kom­men.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­gründe schrift­lich ab­ge­fasst und veröffent­licht. Die Ent­schei­dungs­gründe im Voll­text fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 4. August 2015

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Nina Wesemann
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