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ARBEITSRECHT AKTUELL // 14/192

Be­vor­zu­gung von Ge­werk­schafts­mit­glie­dern durch Er­ho­lungs­bei­hil­fen

Die Bes­ser­stel­lung von Ge­werk­schafts­mit­glie­dern auf­grund von Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ge­werk­schaft ver­stößt nicht ge­gen den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 21.05.2014, 4 AZR 50/13
Geschenkkorb in Zellophan Steu­er­frei­es Goo­die mit freund­li­chen Grü­ßen von der Ge­werk­schaft

27.05.2014. Von ta­rif­lich fest­ge­leg­ten Leis­tun­gen pro­fi­tie­ren meist nicht nur Ge­werk­schafts­mit­glie­der, son­dern auch Au­ßen­sei­ter, weil Ar­beit­ge­ber bei der An­wen­dung von Ta­rif­ver­trä­gen in der Re­gel nicht da­nach un­ter­schei­den, wer in der Ge­werk­schaft ist und wer nicht.

Zu ei­ner sol­chen Dif­fe­ren­zie­rung bei der Ta­rif­an­wen­dung zu­guns­ten von Ge­werk­schafts­mit­glie­dern kön­nen Ar­beit­ge­ber auch nicht per Ta­rif­ver­trag ge­zwun­gen wer­den.

Al­ler­dings kön­nen Ar­beit­ge­ber "frei­wil­lig" et­was da­für tun, dass Son­der­zah­lun­gen wie ei­ne Er­ho­lungs­bei­hil­fe von 200,00 EUR al­lein Ge­werk­schafts­mit­glie­dern zu­gu­te kom­men: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 21.05.2014, 4 AZR 50/13.

Be­vor­zu­gung von Ge­werk­schafts­mit­glie­dern bei der Ta­rif­an­wen­dung - was geht, was geht nicht?

Ei­gent­lich ste­hen ta­rif­li­che Leis­tun­gen nur Ge­werk­schafts­mit­glie­dern zu, denn Ta­rif­verträge gel­ten nur dann un­mit­tel­bar und zwin­gend für ein Ar­beits­verhält­nis, wenn der Ar­beit­neh­mer Mit­glied der Ge­werk­schaft ist und wenn der Ar­beit­ge­ber eben­falls ta­rif­ge­bun­den ist, d.h. wenn er Mit­glied im Ar­beit­ge­ber­ver­band ist oder ei­nen Fir­men­ta­rif­ver­trag selbst ab­ge­schlos­sen hat, § 4 Abs.1 Ta­rif­ver­trags­ge­setz (TVG) in Ver­bin­dung mit § 3 Abs.1 TVG.

Auf die­se ge­setz­li­che Ta­rif­bin­dung kommt es aber in den meis­ten Fällen gar nicht an, denn ta­rif­ge­bun­de­ne Ar­beit­ge­ber schrei­ben in ih­re Ar­beits­verträgen meist hin­ein, dass sich das Ar­beits­verhält­nis nach Ta­rif rich­tet, und dann können auch Nicht­ge­werk­schafts­mit­glie­der ("Außen­sei­ter") ta­rif­li­che Be­zah­lung ver­lan­gen. An­spruchs­grund­la­ge ist dann zwar nicht der Ta­rif­ver­trag in Ver­bin­dung mit dem TVG, son­dern die ar­beits­ver­trag­li­che Be­zug­nah­me­klau­sel, aber das ist im Er­geb­nis egal.

Für die Ge­werk­schaf­ten ist die­se Gleich­ma­che­rei ärger­lich, denn wo­zu noch der Ge­werk­schaft bei­tre­ten und Beiträge zah­len, wenn die ta­rif­li­chen Leis­tun­gen eh al­len zu­gu­te kom­men?

Ab­hil­fe schaf­fen hier ta­rif­li­che Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln, die be­stimm­te Ta­rif­leis­tun­gen aus­drück­lich Ge­werk­schafts­mit­glie­dern vor­be­hal­ten. In ei­nem sol­chen Fall ha­ben Außen­sei­ter erst ein­mal kei­nen An­spruch auf die Leis­tung. Auch dann ist es dem Ar­beit­ge­ber aber nicht ver­bo­ten, sie gleich­wohl, d.h. frei­wil­lig zu gewähren.

Erst dann, wenn ein Ta­rif­ver­trag es dem Ar­beit­ge­ber aus­drück­lich ver­bie­tet, ta­rif­li­che Leis­tung Außen­sei­tern zu­kom­men zu las­sen, wäre aus ge­werk­schaft­li­cher Sicht ei­ne ef­fek­ti­ve Dif­fe­ren­zie­rung ab­ge­si­chert. Der Schönheits­feh­ler sol­cher "qua­li­fi­zier­ten Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­seln" be­steht al­ler­dings dar­in, dass sie nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) recht­lich un­zulässig sind (BAG, Ur­teil vom 23.03.2011, 4 AZR 366/09, wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/075 Kein ta­rif­ver­trag­li­cher Zwang zur Bes­ser­stel­lung von Ge­werk­schafts­mit­glie­dern).

Vor die­sem Hin­ter­grund ver­su­chen Ge­werk­schaf­ten manch­mal, Ar­beit­ge­bern die Gleich­be­hand­lung von Außen­sei­tern prak­tisch so schwer wie möglich zu ma­chen, in­dem sie trick­rei­che Aus­zah­lungs­um­we­ge be­schrei­ten. Ein sol­cher Um­weg ist der Bei­tritt des Ar­beit­ge­bers zu ei­nem ge­werk­schafts­na­hen Ver­ein, der dann be­stimm­te Ein­mal­zah­lun­gen wie zum Bei­spiel Ur­laubs­bei­hil­fen an Ge­werk­schafts­an­gehöri­ge aus­zahlt.

Frag­lich ist, ob so et­was ge­gen den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz verstößt.

Außen­sei­ter ver­kla­gen Opel auf 200,00 EUR net­to Er­ho­lungs­bei­hil­fe

Im Streit­fall hat­te die In­dus­trie­ge­werk­schaft (IG) Me­tall 2010 mit Opel ei­nen Sa­nie­rungs­ta­rif­ver­trag ver­ein­bart, der ei­ne vorüber­ge­hen­de Aus­set­zung von Ta­rif­loh­nerhöhun­gen und ei­ne vorüber­ge­hen­de Hal­bie­rung des Ur­laubs­gel­des und des Weih­nachts­gel­des vor­sah.

Im Zu­ge die­ser er­heb­li­chen Zu­geständ­nis­se der Ar­beit­neh­mer­sei­te han­del­te die IG Me­tall ein klei­nes Bon­bon für ih­re Mit­glie­der aus, nämlich ei­ne Er­ho­lungs­bei­hil­fe von et­wa 200,00 EUR net­to, die ein ihr na­he­ste­hen­der Ver­ein, der Saar­ver­ein, aus­sch­ließlich an IG-Me­tall-Mit­glie­der aus­zah­len soll­te. Das da­zu nöti­ge Geld, 8,5 Mio. Eu­ro, be­kam der Ver­ein als ein­ma­li­gen Mit­glieds­bei­trag von Opel.

Die Aus­zah­lung der Er­ho­lungs­bei­hil­fe soll­te für die begüns­tig­ten IG-Me­tal­ler gemäß § 40 Abs.2 Satz 1 Nr.3 Ein­kom­men­steu­er­ge­setz (EStG) steu­er­frei sein, d.h. die Steu­ern soll­te der Ver­ein drauf­le­gen. Bei ei­nem sol­chen Vor­ge­hen fal­len auch kei­ne So­zi­al­ab­ga­ben an, d.h. ei­ne sol­che Er­ho­lungs­bei­hil­fe ist für die Ar­beit­neh­mer "brut­to gleich net­to" (§ 1 Abs.1 Satz 1 Nr.3 Ver­ord­nung über die so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­che Be­ur­tei­lung von Zu­wen­dun­gen des Ar­beit­ge­bers als Ar­beits­ent­gelt - SvEV).

Ei­ni­ge Außen­sei­ter fühl­ten sich grund­los be­nach­tei­ligt und ver­kla­gen Opel auf Zah­lung der 200,00 EUR net­to Er­ho­lungs­bei­hil­fe, wo­bei sie sich auf den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz be­rie­fen.

Das Ar­beits­ge­richt Darm­stadt gab den Klägern Recht (un­ter an­de­rem mit Ur­teil vom 08.12.2011, 10 Ca 217/11), weil es den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz als ver­letzt an­sah. Da­ge­gen hob das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) die Ur­tei­le auf und wies die Kla­gen ab (un­ter an­de­rem mit Ur­teil vom 19.11.2012, 17 Sa 285/12).

BAG: Die Bes­ser­stel­lung von Ge­werk­schafts­mit­glie­dern auf­grund von Ta­rif­verträgen verstößt nicht ge­gen den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz

Auch in Er­furt hat­ten die kla­gen­den Nicht­ge­werk­schafts­mit­glie­der kein Glück, denn nach An­sicht des BAG war die Be­vor­zu­gung der IG-Me­tal­ler bei der Ur­laubs­bei­hil­fe rech­tens. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den BAG-Pres­se­mel­dung:

Der ar­beits­recht­li­che Gleich­be­hand­lungs­grund­satz fin­det von vorn­her­ein kei­ne An­wen­dung, wenn ein Ar­beit­ge­ber mit ei­ner Ge­werk­schaft ver­ein­bart, für de­ren Mit­glie­der be­stimm­te Zu­satz­leis­tun­gen zu er­brin­gen, so das BAG. Denn auf­grund der "An­ge­mes­sen­heits­ver­mu­tung von Verträgen ta­riffähi­ger Ver­ei­ni­gun­gen" dürfen Ge­rich­te die Ver­ein­ba­run­gen nicht auf der Grund­la­ge des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes über­prüfen.

Die Ent­schei­dung konn­te kaum an­ders aus­fal­len, da es Opel auf der Grund­la­ge der hier mit der IG Me­tall ge­trof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen recht­lich nicht ver­bo­ten war, auch die Außen­sei­ter zu begüns­ti­gen. Fak­tisch wäre das aber nur schwer möglich ge­we­sen, denn so­bald der Ar­beit­ge­ber die Ver­tei­lung ei­ner Son­der­zah­lung ei­nem Ver­ein oder (was auch zulässig wäre) der Ge­werk­schaft überlässt, müss­te er die Be­leg­schaft ge­zielt da­nach fra­gen, wer in der Ge­werk­schaft ist und wer nicht. Und ge­nau das wol­len Ar­beit­ge­ber ver­mei­den.

Fa­zit: Wenn es die Ge­werk­schaft dar­auf an­legt si­cher­zu­stel­len, dass be­stimm­te Son­der­zah­lun­gen al­lein ih­ren Mit­glie­dern zu­gu­te kom­men, bie­tet sich bei größeren Ar­beit­ge­bern der Um­weg über ei­nen Ver­ein an. Prak­tisch wird so et­was al­ler­dings nur bei Großun­ter­neh­men in Be­tracht kom­men, denn an­sons­ten lohnt sich der Ver­wal­tungs­auf­wand kaum.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 6. September 2016

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Dr. Simone Wernicke
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