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ARBEITSRECHT AKTUELL // 09/167

Be­triebs­rat: Grund­la­gen­schu­lung zur Mit­be­stim­mung in so­zia­len An­ge­le­gen­hei­ten ist er­for­der­lich

Grund­la­gen­schu­lung zur Mit­be­stim­mung in so­zia­len An­ge­le­gen­hei­ten im Be­triebs­rat: Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein, Be­schluss vom 03.06.2009, 6 TaBV 55/08
Sitzung des Betriebsrats, Betriebsratsversammlung Se­mi­na­re für den Be­triebs­rat auch bei prak­ti­scher Be­fas­sung mit der Ma­te­rie

15.09.2009. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Schles­wig-Hol­stein hat­te zu ent­schei­den, ob die Kos­ten für ei­ne Grund­la­gen­schu­lung zum The­ma Mit­be­stim­mung in so­zia­len An­ge­le­gen­hei­ten ge­mäß § 87 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) auch dann „er­for­der­li­che“ Kennt­nis­se ver­mit­teln, wenn das zur Schu­lung ent­sand­te Be­triebs­rats­mit­glied be­reits vie­le Jah­re im Amt ist.

Be­schließt der Be­triebs­rat da­her, ein lang­jäh­ri­ges Be­triebs­rats­mit­glied zu ei­ner Fort­bil­dungs­ver­an­stal­tung zu schi­cken, stellt sich die Fra­ge, ob nicht das durch die prak­ti­sche Er­fah­rung aus­rei­chend ist bzw. dem Wis­sen ent­spricht , das in ei­ner Grund­la­gen­schu­lung ver­mit­telt wird, LAG Schles­wig-Hol­stein, Be­schluss vom 03.06.2009, 6 TaBV 55/08.

Wei­ter­bil­dung für den Be­triebs­rat

Gemäß § 40 Abs.1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) sind Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet, die durch die Tätig­keit des Be­triebs­rats ent­ste­hen­den Kos­ten zu tra­gen.

Zu den vom Ar­beit­ge­ber zu tra­gen­den Kos­ten der Be­triebs­rats­ar­beit gehören auch die durch Schu­lun­gen ent­ste­hen­den Kos­ten - vor­aus­ge­setzt, die durch die Schu­lung ver­mit­tel­ten Kennt­nis­se sind für die Ar­beit des Be­triebs­rats „er­for­der­lich“. In die­sem Fall ha­ben Mit­glie­der des Be­triebs­rats nämlich gemäß § 37 Abs.6 Be­trVG ei­nen An­spruch auf Frei­stel­lung von der Ar­beit. Und dann sind auch Se­min­ar­gebühren, Rei­se­kos­ten und Über­nach­tungs­kos­ten vom Ar­beit­ge­ber zu tra­gen.

Ob ei­ne Bil­dungs­ver­an­stal­tung not­wen­di­ge Kennt­nis­se ver­mit­telt oder nicht, ist auf­grund der Kos­ten­fol­gen für den Ar­beit­ge­ber zwi­schen die­sem und dem Be­triebs­rat oft um­strit­ten.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) un­ter­schei­det hier in ständi­ger Recht­spre­chung zwi­schen der Ver­mitt­lung von Grund­la­gen­kennt­nis­sen, die ei­ne dem Amt ent­spre­chen­de Auf­ga­ben­wahr­neh­mung erst möglich ma­chen, und An­lass­kennt­nis­sen, die aus ei­nem ak­tu­el­len, be­triebs­be­zo­ge­nen Grund benötigt wer­den. Während der Be­triebs­rat bei Schu­lun­gen aus ak­tu­el­len An­lass den kon­kre­ten Schu­lungs­be­darf dar­le­gen muss, wird die­ser bei Grund­la­gen­schu­lun­gen im Re­gel­fall un­ter­stellt.

Zu den Grund­la­gen­schu­lun­gen gehören z.B. Ver­an­stal­tun­gen, die Ba­sis­kennt­nis­se

  • im Be­triebs­ver­fas­sungs­recht,
  • im all­ge­mei­nen Ar­beits­recht oder
  • im Be­reich der Ar­beits­si­cher­heit und Un­fall­verhütung

ver­mit­teln.

Im übri­gen ist die Schu­lung ei­nes Be­triebs­rats­mit­glieds nur „er­for­der­lich“, wenn das durch die Schu­lung ver­mit­tel­te Wis­sen noch nicht vor­han­den ist.

Be­sch­ließt der Be­triebs­rat da­her, ein langjähri­ges Be­triebs­rats­mit­glied zu ei­ner Fort­bil­dungs­ver­an­stal­tung zu schi­cken, stellt sich fast im­mer die Fra­ge, ob nicht das durch die langjähri­ge prak­ti­sche Tätig­keit er­wor­be­ne Wis­sen aus­rei­chend ist bzw. dem Wis­sen ent­spricht , das in ei­ner Grund­la­gen­schu­lung ver­mit­telt wird. Hier­zu hat­te vor kur­zem das LAG Schles­wig-Hol­stein zu ent­schei­den (Be­schluss vom 03.06.2009, 6 TaBV 55/08).

Grund­la­gen­schu­lung trotz langjähri­ger prak­ti­scher Er­fah­rung?

Im Be­trieb des Ar­beit­ge­bers, der Pfle­ge­hei­me, So­zi­al­sta­tio­nen und Kin­der­be­treu­ungs­ein­rich­tun­gen be­treibt, be­steht ein elfköpfi­ger Be­triebs­rat. Ei­nes sei­ner Mit­glie­der war ab 2002 or­dent­li­ches Mit­glied, so­dann in der zwei­ten Hälf­te des Jah­res 2006 le­dig­lich Er­satz­mit­glied und ab 2007 wie­der­um or­dent­li­ches Mit­glied.

In sei­ner ers­ten (Haupt-)Amts­zeit be­such­te er zwei Grund­la­g­en­se­mi­na­re. Das ei­ne be­inhal­te­te ei­ne Einführung in das Be­trVG so­wie ei­nen all­ge­mei­nen Über­blick zu die­sem. Das zwei­te be­traf Mit­be­stim­mung in per­so­nel­len An­ge­le­gen­hei­ten. Da­ne­ben hat­te das Be­triebs­rats­mit­glied an ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung zu Ar­beits­zeit und Dienst­plan­ge­stal­tung im Ret­tungs­dienst mit­ge­wirkt.

Der Be­triebs­rat fass­te Mit­te 2008 den Be­schluss, das Be­triebs­rats­mit­glied an ei­ner Grund­la­gen­schu­lung zur Mit­be­stim­mung in so­zia­len An­ge­le­gen­hei­ten teil­neh­men zu las­sen. Hin­ter­grund die­ses Be­schlus­ses war die Tätig­keit des Be­triebs­rats­mit­glieds im be­trieb­li­chen Be­triebs- und Per­so­nal­aus­schuss.

Der Ar­beit­ge­ber ver­wies auf das durch die jah­re­lan­ge Be­triebs­rats­zu­gehörig­keit ver­mit­tel­te Er­fah­rungs­wis­sen des Mit­glie­des und lehn­te es ab, die Kos­ten für die Schu­lung zu über­neh­men. Der Be­triebs­rat zog dar­auf­hin vor das Ar­beits­ge­richt Ne­umüns­ter und be­an­trag­te im Be­schluss­ver­fah­ren, dem Ar­beit­ge­ber auf­zu­ge­ben, ihn von den ent­stan­de­nen Schu­lungs­kos­ten in Höhe von 1.186,09 EUR frei­zu­stel­len. Das Ar­beits­ge­richt gab dem An­trag statt (Be­schluss vom 24.09.2008, 3 BV 17 d/08). Da­ge­gen leg­te der Ar­beit­ge­ber Be­schwer­de zum LAG ein.

LAG Schles­wig-Hol­stein: Es kommt nicht dar­auf an, ob das Be­triebs­rats­mit­glied "alt­ge­dient" oder neu im Amt ist

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein bestätig­te die Vor­in­stanz und wies die Be­schwer­de des Ar­beit­ge­bers zurück: Die Schu­lung war auf­grund un­zu­rei­chen­der Kennt­nis­se des Be­triebs­rats­mit­glie­des zu dem Schu­lungs­the­ma er­for­der­lich. Zur Be­gründung heißt es in der Ent­schei­dung des LAG:

Die hier strei­ti­gen Kennt­nis­se können zwar be­reits durch den Be­such an­de­rer Ver­an­stal­tun­gen, durch Selbst­stu­di­um oder durch ei­ne frühe­re Tätig­keit in Gre­mi­en wie bei­spiels­wei­se ei­ner Ge­werk­schaft oder eben dem Be­triebs­rat ent­stan­den sein. Es kommt aber dar­auf an, ob das Be­triebs­rats­mit­glied selbst (in sei­ner Per­son) über das strei­ti­ge Wis­sen verfügt. Auf die Kennt­nis­se an­de­rer Be­triebs­rats­mit­glie­der oder gar des Be­triebs­rats als Ge­samt­heit kommt es nicht an.

In dem hier strei­ti­gen Fall fehl­te es an sol­chem Vor­wis­sen des Be­triebs­rats­mit­glieds, da die­ses in der Ver­gan­gen­heit nicht mit ei­ner Viel­zahl von An­ge­le­gen­hei­ten aus dem Be­reich des Schu­lungs­the­mas be­fasst war. Es hat­te zwar schon ver­ein­zelt mit so­zia­len An­ge­le­gen­hei­ten zu tun, doch fehl­te ihm ein sys­te­ma­ti­scher Über­blick zu den Vor­aus­set­zun­gen der Mit­be­stim­mungs­rech­te in so­zia­len An­ge­le­gen­heit gemäß § 87 Be­trVG. Zu­dem über­schnit­ten sich die In­hal­te der bis­her be­such­ten Schu­lun­gen nicht.

Fa­zit: Die ver­ein­zel­te prak­ti­sche Beschäfti­gung ei­nes Be­triebs­rats­mit­glieds mit ein­zel­nen Fra­gen der Be­triebs­ver­fas­sung kann ei­ne sys­te­ma­ti­sche Schu­lung zur Mit­be­stim­mung in so­zia­len An­ge­le­gen­heit nicht er­set­zen. Die in § 87 Be­trVG ge­re­gel­ten Mit­be­stim­mungs­tat­bestände be­tref­fen nämlich vie­le sehr ver­schie­de­ne The­men, so dass es un­wahr­schein­lich ist, dass ein und das­sel­be Be­triebs­rats­mit­glied mit al­lein The­men bzw. Mit­be­stim­mungs­tat­beständen die­ser Vor­schrift be­reits aus­rei­chend lan­ge prak­ti­sche Er­fah­run­gen ge­sam­melt hat.

So­lan­ge Be­triebs­rats­mit­glie­der ein Grund­la­g­en­se­mi­nar zur Mit­be­stim­mung in so­zia­len An­ge­le­gen­heit noch nicht be­sucht ha­ben, kommt der Ar­beit­ge­ber an der Pflicht zur Kos­tenüber­nah­me nicht vor­bei. Ob das Be­triebs­rats­mit­glied „alt­ge­dient“ ist oder neu im Amt, spielt da­bei kei­ne Rol­le.

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Letzte Überarbeitung: 23. November 2015

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