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ARBEITSRECHT AKTUELL // 13/108

Frei­wil­lig­keits­vor­be­halt bei Weih­nachts­geld

Wird ein Weih­nachts­geld in ge­nau be­zif­fer­ter Hö­he ver­trag­lich zu­ge­sagt, fällt der An­spruch nicht durch ei­nen Frei­wil­lig­keits­vor­be­halt weg: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 20.02.2013, 10 AZR 177/12
Playmobil Nikolaus An­spruch auf Weih­nachts­geld nach Kas­sen­la­ge?

23.04.2013. Ar­beit­ge­ber wol­len in gu­ten Zei­ten ger­ne Son­der­zah­lun­gen leis­ten wie z.B. ein Weih­nachts­geld, ein zum Ur­laubs­lohn hin­zu­kom­men­des Ur­laubs­geld oder ein 13.Mo­nats­ge­halt. Al­ler­dings möch­ten sich vie­le da­bei nicht für im­mer fest­le­gen und ver­su­chen da­her, sich durch Ver­trags­klau­seln ab­zu­si­chern, de­nen zu­fol­ge sol­che Son­der­leis­tun­gen "frei­wil­lig" sein sol­len.

Der­ar­ti­ge Frei­wil­lig­keits­vor­be­hal­te sind prak­tisch oh­ne Aus­nah­me Be­stand­teil der All­ge­mei­nen Ge­schäfts­be­din­gun­gen (AGB) des Ar­beit­ge­bers. Da­her müs­sen sie für den Ar­beit­neh­mer ver­ständ­lich sein, d.h. "trans­pa­rent", an­dern­falls sind sie un­wirk­sam. In den letz­ten Jah­ren hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) den Spiel­raum für Ar­beit­ge­ber bei der Aus­ge­stal­tung sol­cher Frei­wil­lig­keits­vor­be­hal­te im­mer wei­ter ein­ge­schränkt. Auch in ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil zog der Ar­beit­ge­ber den Kür­ze­ren: BAG, Ur­teil vom 20.02.2013, 10 AZR 177/12.

Kann ei­ne Ver­trags­klau­sel ein Weih­nachts­geld ver­spre­chen und des­sen Höhe fest­le­gen, ei­nen An­spruch aber zu­gleich durch ei­ne Frei­wil­lig­keits­klau­sel aus­sch­ließen?

Wird ei­ne Leis­tung in ei­ner Ver­trags­klau­sel zu­gleich als "frei­wil­lig" und als "(je­der­zeit) wi­der­ruf­lich" be­zeich­net, ist die Klau­sel gemäß § 307 Abs.1 Satz 2 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) für Ar­beit­neh­mer un­verständ­lich und da­her un­wirk­sam. Denn der Frei­wil­lig­keits­vor­be­halt be­sagt ja, dass ein An­spruch nicht be­steht.

Da­her ist ein gleich­zei­ti­ger Wi­der­rufs­vor­be­halt nach der Recht­spre­chung des BAG un­verständ­lich, da es ja dann kei­nen An­spruch gibt, den man wi­der­ru­fen könn­te (BAG, Ur­teil vom 14.09.2011, 10 AZR 526/10 - wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell 12/001: Pau­scha­ler Frei­wil­lig­keits­vor­be­halt im Ar­beits­ver­trag ist un­wirk­sam). Außer­dem ver­langt das BAG in die­sem Ur­teil, dass Frei­wil­lig­keits­vor­be­hal­te die Leis­tun­gen, auf die kein An­spruch be­ste­hen soll, im Ein­zel­nen be­zeich­nen.

Al­ler­dings sind auch Frei­wil­lig­keits­vor­be­hal­te, die die­sen Vor­ga­ben ent­spre­chen, nicht im­mer wirk­sam. Denn wenn ei­ne Leis­tung im Ar­beits­ver­trag als "frei­wil­lig" be­zeich­net wird, kann das zwei ver­schie­de­ne Be­deu­tun­gen ha­ben: Ent­we­der kann da­mit ein An­spruch des Ar­beit­neh­mers aus­ge­schlos­sen wer­den oder die Klau­sel soll be­sa­gen, dass der Ar­beit­ge­ber mit der "frei­wil­li­gen" Leis­tung nach oben hin von Ta­rif­verträgen ab­weicht, d.h. ei­ne Leis­tung gewährt, zu der er nicht schon ge­setz­lich oder ta­rif­ver­trag­lich ver­pflich­tet ist.

In die­se Dop­pel­deu­tig­keits­fal­le tap­pen Ar­beit­ge­ber im­mer wie­der, wie das Ur­teil des BAG vom 20.02.2013 (10 AZR 177/12) zeigt.

Der Fall des BAG: Gemäß Ar­beits­ver­trag wird ein Weih­nachts­geld in ge­nau fest­ge­leg­ter Höhe "gewährt", das aber zu­gleich als "frei­wil­li­ge" Leis­tung be­zeich­net wird

Im Streit­fall ging es um ei­nen Ar­beits­ver­trag, des­sen § 5 un­ter der Über­schrift "Ur­laub/Frei­wil­li­ge So­zi­al­leis­tun­gen" ein Weih­nachts­geld "gewähr­te", und zwar wie folgt:

"Zur Zeit wer­den gewährt:

(...)

Weih­nachts­geld in Höhe von (zeit­an­tei­lig) 40 % ei­nes Mo­nats­ge­hal­tes im ers­ten Ka­len­der­jahr der Beschäfti­gung. Es erhöht sich pro wei­te­rem Ka­len­der­jahr um je­weils 10 % bis zu 100 % ei­nes Mo­nats­ge­hal­tes."

Außer­dem stand am En­de von § 5:

"Die Zah­lung der be­trieb­li­chen Son­der­vergütun­gen (Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on, Ur­laubs­geld, Vermögens­wirk­sa­me Leis­tun­gen) er­folgt in je­dem Ein­zel­fall frei­wil­lig und oh­ne Be­gründung ei­nes Rechts­an­spruchs für die Zu­kunft."

Zusätz­lich zu die­sen Ab­si­che­run­gen erklärte der Ar­beit­ge­ber bei je­der Weih­nachts­geld­zah­lung in ei­nem Be­gleit­schrei­ben:

"Bei die­ser Gra­ti­fi­ka­ti­on han­delt es sich um ei­ne frei­wil­li­ge Leis­tung, auf die kein Rechts­an­spruch be­steht und kein An­spruch in den fol­gen­den Jah­ren her­ge­lei­tet wer­den kann."

Nach­dem der Ar­beit­neh­mer 2009 und 2010 kein Weih­nachts­geld er­hal­ten hat­te, klag­te er es ein und hat­te mit sei­ner Kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt Frei­burg (Ur­teil vom 30.08.2011, 2 Ca 104/11) und in der Be­ru­fung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg Er­folg (Ur­teil vom 01.12.2011, 9 Sa 146/11). Bei­de Ge­rich­te hiel­ten die Klau­sel für un­klar.

BAG: Bei ge­nau­er Fest­le­gung der Höhe ei­nes Weih­nachts­gel­des ist ein gleich­zei­ti­ger Frei­wil­lig­keits­vor­be­halt un­klar und da­her un­wirk­sam.

Auch das BAG ent­schied ge­gen den Ar­beit­ge­ber, da es den Frei­wil­lig­keits­vor­be­halt als un­klar und da­mit gemäß § 307 Abs.1 Satz 2 BGB als un­wirk­sam an­sah. Im ein­zel­nen heißt es zur Be­gründung:

Auf­grund der Ver­wen­dung des Wor­tes "gewährt" und der ver­trag­lich ex­akt fest­ge­leg­ten Höhe des Weih­nachts­gel­des wur­de dem Ar­beit­neh­mer ein Rechts­an­spruch gewährt. Die Über­schrift "Ur­laub/Frei­wil­li­ge So­zi­al­leis­tun­gen" steht da­zu nicht in Wi­der­spruch, da mit "frei­wil­lig" hier ge­meint sein kann, dass es um Leis­tun­gen geht, die nicht schon durch Ta­rif oder Ge­setz vor­ge­schrie­ben sind.

Hat der Ar­beit­neh­mer aber nach § 5 des Ar­beits­ver­trags ei­nen An­spruch auf ein Weih­nachts­geld, ist der am En­de von § 5 ent­hal­te­ne Frei­wil­lig­keits­vor­be­halt un­klar und da­mit un­wirk­sam. Ge­nau­er ge­sagt ist der Vor­be­halt für sich al­lein zwar klar, denn er schließt ja ein­deu­tig je­den Rechts­an­spruch für die Zu­kunft aus, aber da­mit steht er im Wi­der­spruch zu dem im sel­ben Pa­ra­gra­phen ein­geräum­ten Rechts­an­spruch auf ein Weih­nachts­geld - und des­halb ist er letzt­lich doch un­klar.

Fa­zit: Ar­beits­ver­trag­li­che Frei­wil­lig­keits­vor­be­hal­te sind nur rechts­wirk­sam, wenn es der Ar­beit­ge­ber mit ih­nen ernst meint. Will er oh­ne recht­li­che Ver­pflich­tung von Jahr zu Jahr darüber ent­schei­den, ob er ein Weih­nachts­geld gewährt oder nicht, darf er im Ar­beits­ver­trag kein Weih­nachts­geld mit­samt ex­ak­ter Be­rech­nungs­for­mel ver­spre­chen. Ar­beit­neh­mern ist da­her zu ra­ten, sich durch Frei­wil­lig­keits­vor­be­hal­te nicht da­von ab­hal­ten zu las­sen, Gra­ti­fi­ka­tio­nen ein­zu­kla­gen, da die meis­ten Frei­wil­lig­keits­vor­be­hal­te un­wirk­sam sind.

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Letzte Überarbeitung: 22. November 2016

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