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ARBEITSRECHT AKTUELL // 12/037

Ober­arzt ver­klagt Chef­arzt we­gen Mob­bings

Kla­ge ei­nes Ober­arz­tes ge­gen sei­nen ehe­ma­li­gen Chef­arzt auf Scha­dens­er­satz von ei­ner hal­ben Mil­li­on EUR we­gen Mob­bings ab­ge­wie­sen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, Ur­teil vom 19.01.2012, 11 Sa 722/10
Hunderteuroscheine

23.01.2012. Von Mob­bing am Ar­beits­platz kann man spre­chen, wenn ein Ar­beit­neh­mer von Kol­le­gen oder Vor­ge­setz­ten an­ge­fein­det, schi­ka­niert oder dis­kri­mi­niert wird, wenn er sich da­bei in ei­ner un­ter­le­ge­nen Po­si­ti­on be­fin­det, wenn die feind­se­li­gen Hand­lun­gen über ei­nen län­ge­ren Zeit­raum hin­weg und sys­te­ma­tisch vor­ge­nom­men wer­den, und wenn sie rechts­wid­rig sind, d.h. wenn es kei­nen recht­fer­ti­gen­den Grund gibt (wie es im Fal­le ei­ner sach­li­chen Kri­tik an Ar­beits­leis­tun­gen).

Et­was ähn­li­ches steht mitt­ler­wei­le auch im All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG), wo­bei das AGG von ei­ner "Be­läs­ti­gung" spricht. Nach § 3 Abs.3 AGG sind dis­kri­mi­nie­ren­de Be­läs­ti­gun­gen ver­bo­ten. Ei­ne Be­läs­ti­gung ist da­bei

"ei­ne Be­nach­tei­li­gung, wenn un­er­wünsch­te Ver­hal­tens­wei­sen, die mit ei­nem in § 1 ge­nann­ten Grund in Zu­sam­men­hang ste­hen, be­zwe­cken oder be­wir­ken, dass die Wür­de der be­tref­fen­den Per­son ver­letzt und ein von Ein­schüch­te­run­gen, An­fein­dun­gen, Er­nied­ri­gun­gen, Ent­wür­di­gun­gen oder Be­lei­di­gun­gen ge­kenn­zeich­ne­tes Um­feld ge­schaf­fen wird."

Im Un­ter­schied zu der all­ge­mei­nen Def­in­ti­on von Mob­bing liegt ei­ne Be­läs­ti­gung im Sin­ne von § 3 Abs.3 AGG nur vor, wenn sie aus ei­nem "in § 1 ge­nann­ten Grund" ver­übt wird, d.h. wenn ei­ne dis­kri­mi­nie­ren­de Mo­ti­via­ti­on zu­grun­de liegt, z.B. we­gen des Ge­schlechts, des Al­ters oder der se­xu­el­len Iden­ti­tät. "Blo­ßes" Mob­bing ist da­ge­gen nicht von § 3 Abs.3 AGG er­fasst.

Liegt ein dis­kri­mi­nie­ren­der Hin­ter­grund für ein (be­haup­te­tes) Mob­bing nicht vor, ha­ben es Mob­bing­be­trof­fe­ne vor Ge­richt seit Jah­ren schwer, ge­gen die Ver­ant­wort­li­chen vor­zu­ge­hen. Strei­tig sind dann meist Scha­dens­er­satz­an­sprü­che we­gen ei­nes Er­werbs­aus­fall­scha­dens (falls das Mob­bing ei­ne Er­kran­kung und da­durch be­dingt ei­ne län­ge­re Ar­beits- und/oder Be­rufs­un­fä­hig­keit zur Fol­ge hat­te) so­wie da­ne­ben auch ei­ne Gel­dent­schä­di­gung, da Mob­bing (falls es denn be­weis­bar ist) ei­ne Ver­let­zung des Per­sön­lich­keits­rechts des Be­trof­fe­nen dar­stellt. Zu be­wei­sen hat der vor Ge­richt als An­spruch­stel­ler bzw. Klä­ger auf­tre­ten­de Ar­beit­neh­mer im Prin­zip al­les, d.h. das ge­sam­te "Mob­bing­ge­sche­hen" in al­len sei­nen Ein­zel­hei­ten. Da­mit hat er vor Ge­richt sel­ten Er­folg.

Im­mer­hin hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ein klei­ne Be­wei­ser­leich­te­rung an­er­kannt. Denn wenn ein­zel­ne Hand­lung bzw. Ver­hal­tens­wei­se für sich al­lein be­trach­tet noch nicht rechts­wid­rig sind, kann sich die Rechts­wid­rig­keit aus ei­ner Ge­samt­schau al­ler Hand­lun­gen er­ge­ben, wenn die­sen ei­ne ge­mein­sa­me Sys­te­ma­tik und Ziel­rich­tung zu­grun­de­liegt (BAG, Ur­teil vom 25.10.2007, 8 AZR 593/06, Rn 56).

Vo­ri­ge Wo­che ist ein be­rühm­ter Mob­bing­fall zu Un­guns­ten des kla­gen­den Mob­bing­be­trof­fe­nen ent­schie­den wor­den. Hier war ein Kli­nik­arzt der Fach­rich­tung Neu­ro­chir­urg seit 1992 als ers­ter Ober­arzt tä­tig und er­hielt im Ok­to­ber 2001 ei­nen neu­en Chef­arzt als vor­ge­setz­ten. Die­ser soll den Ober­arzt seit Mai 2002 ge­mobbt ha­ben. Von No­vem­ber 2003 bis Ju­li 2004 war der Ober­arzt we­gen ei­ner psy­chi­schen Er­kran­kung ar­beits­un­fä­hig und er­krank­te im Ok­to­ber 2004 er­neut. 

Dar­auf­hin ver­klag­te er den Kran­ken­haus­trä­ger auf Be­en­di­gung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses mit dem Chef­arzt. Hilfs­wei­se ver­langt er die Zu­wei­sung ei­nes Ar­beits­plat­zes, der sei­ner Leis­tungs­fä­hig­keit und Stel­lung bei gleich­wer­ti­ger Ver­gü­tung ent­spre­che, auf dem er je­doch den Wei­sun­gen des Chef­arz­tes nicht aus­ge­setzt wä­re. Dar­über hin­aus be­gehrt er die Zah­lung ei­nes Schmer­zens­gel­des. Nach­dem das Ar­beits­ge­richt Dort­mund und das Lan­des­ar­beit­ge­richt (LAG) Hamm die Kla­ge ab­ge­wie­sen hat­ten, hat­te der Ober­arzt über­ra­schen­der­wei­se vor dem BAG Er­folg. Die­ses hob die klag­ab­wei­sen­den Ent­schei­dun­gen auf und ver­wies den Pro­zess zu­rück an das LAG Hamm (BAG, Ur­teil vom 25.10.2007, 8 AZR 593/06 - wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 07/82 Mob­bing durch Chef­arzt).

Dar­auf­hin ei­nig­ten sich Ober­arzt und Kli­nik im We­ge ei­nes Ver­gleichs. Der Ober­arzt wird seit­her im me­di­zi­ni­schen Con­trol­ling ein­ge­setzt. Scha­den­er­satz­an­sprü­che ge­gen den Chef­arzt wur­den in dem Ver­gleich nicht aus­ge­schlos­sen, und na­tür­lich war der Chef­arzt an dem Ver­gleich auch nicht be­tei­ligt.

Nun­mehr ver­klag­te der Ober­arzt in ei­nem zwei­ten Ver­fah­ren den Chef­arzt, und zwar auf Aus­gleich der durch das Mob­bing ver­ur­sach­ten Ein­kom­mens­ein­bu­ßen. Ein­ge­klagt wa­ren et­wa 500.000 EUR als Scha­dens­er­satz. Mit die­ser Kla­ge hat­te der Ober­arzt we­der vor dem Ar­beits­ge­richt Dort­mund Er­folg noch vor dem LAG Hamm (Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, Ur­teil vom 19.01.2012, 11 Sa 722/10 - Pres­se­mit­tei­lung).

Im Aus­gangs­punkt ist das LAG zwar der Mei­nung, dass ein zum Scha­dens­er­satz und/oder Schmer­zens­geld ver­pflich­ten­des Ver­hal­ten dann vor­lie­gen kann, wenn un­er­wünsch­te Ver­hal­tens­wei­sen be­zwe­cken oder be­wir­ken, dass die Wür­de des Ar­beit­neh­mers ver­letzt und ein durch Ein­schüch­te­run­gen, An­fein­dun­gen, Er­nied­ri­gun­gen, Ent­wür­di­gun­gen oder Be­lei­di­gun­gen ge­kenn­zeich­ne­tes Um­feld ge­schaf­fen wird. Soll hei­ßen: Auch dann, wenn ei­ne "Be­läs­ti­gung" nicht dis­kri­mi­nie­rend ist, aber an­sons­ten die Vor­aus­set­zun­gen von § 3 Abs.3 AGG er­füllt, kann ei­ne Per­sön­lich­keits­rechts­ver­let­zung vor­lie­gen, die Geld­an­sprü­che zur Fol­ge hat.

Al­ler­dings ist nicht al­les Mob­bing in die­sem Sin­ne, was von ei­nem Klä­ger als Mob­bing be­zeich­net wird. Denn es ist auch

"zu be­rück­sich­ti­gen, dass im Ar­beits­le­ben üb­li­che Kon­flikt­si­tua­tio­nen, die sich durch­aus auch über ei­nen län­ge­ren Zeit­raum er­stre­cken kön­nen, aber so­zi­al- und recht­s­ad­äquat sind, nicht ge­eig­net sind, die Vor­aus­set­zun­gen zu er­fül­len."

Nach der Ver­neh­mung von im­mer­hin zehn Zeu­gen kam das LAG zu dem Er­geb­nis, dass der Chef­arzt in den vom Klä­ger vor­ge­tra­ge­nen 29 Vor­fäl­len die Gren­zen ei­nes so­zi­al- und recht­s­ad­äqua­ten Ver­hal­tens in üb­li­chen Kon­flikt­si­tua­tio­nen nicht über­schrit­ten hat. In et­wa 2/3 der Fäl­le wa­ren die Vor­wür­fe ent­we­der un­zu­rei­chend vor­ge­tra­gen oder nicht un­ter Be­weis ge­stellt. In den Fäl­len, die Ge­gen­stand der Be­weis­auf­nah­me wa­ren, hat sich die mob­bing­ty­pi­sche Schaf­fung ei­nes feind­li­chen Um­felds nicht fest­stel­len las­sen. So­weit sich die Zeu­gen über­haupt noch an die Kon­flik­te aus den Jah­ren vor 2004 hin­rei­chend ge­nau er­in­nern konn­ten, han­del­te es sich um Kon­flik­te am Ar­beits­patz, die den noch üb­li­chen Rah­men nicht über­schrit­ten ha­ben.

Fa­zit: Wenn man schon we­gen Mob­bings klagt, soll­te man es mög­lichst bald nach den strei­ti­gen Vor­fäl­len tun, denn mit ei­nem Zeit­ab­stand von mehr als sie­ben Jah­ren kann man sys­te­ma­ti­sche Schi­ka­nen kaum je­mals nach­wei­sen. Da das LAG die Re­vi­si­on zum BAG nicht zu­ge­las­sen hat, ist die An­ge­le­gen­heit da­mit er­le­digt. Aus Sicht des Ober­arz­tes ei­ne be­dau­er­li­che Ent­schei­dung, da das LAG Hamm in dem Vor­pro­zess im­mer­hin fest­ge­stellt hat­te, dass der Chef­arzt „mob­bing­ty­pi­sche Ver­hal­tens­wei­sen“ ge­zeigt und dass die­se die Er­kran­kung des Ober­arz­tes her­vor­ge­ru­fen hat­ten. In die­sem Ver­fah­ren wä­re da­her wohl ei­ne Kla­ge­er­wei­te­rung ge­gen den Ober­arzt an­ge­zeigt ge­we­sen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Ge­richt sei­ne Ent­schei­dungs­grün­de schrift­lich ab­ge­fasst und ver­öf­fent­licht. Die Ent­schei­dungs­grün­de im Voll­text fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 21. Juni 2017

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