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LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Be­schluss vom 30.06.2008, 4 TaBV 1/08

   
Schlagworte: Betriebsrat: Beschluss
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg
Aktenzeichen: 4 TaBV 1/08
Typ: Beschluss
Entscheidungsdatum: 30.06.2008
   
Leitsätze: Ein Betriebsratsmitglied ist bei der Beschlussfassung im Verfahren gemäß § 99 BetrVG betreffend die Eingruppierung eines anderen Arbeitnehmers wegen Interessenkollision dann ausgeschlossen, wenn das Betriebsratsmitglied aufgrund einer Betriebsvereinbarung über die wirtschaftliche Absicherung freigestellter Betriebsratsmitglieder indirekt von einer möglichen Höhergruppierung des anderen Arbeitnehmers profitiert.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Stuttgart
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt

Ba­den-Würt­tem­berg

 

Verkündet

am 30.06.2008

Ak­ten­zei­chen (Bit­te bei al­len Schrei­ben an­ge­ben)

4 TaBV 1/08

6 BV 113/07 (ArbG Stutt­gart)
(Bit­te bei al­len Schrei­ben an­ge­ben!)

Iss­ler Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le
 

Im Na­men des Vol­kes

 

Be­schluss


Im Be­schluss­ver­fah­ren mit den Be­tei­lig­ten

1. Be­triebs­rat
- An­trag­stel­ler/Be­schwer­deführer -

Verf.-Bev.:

2. T. GmbH
- An­trags­geg­ne­rin/Be­schwer­de­geg­ne­rin -

Verf.-Bev.: 

hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg - 4. Kam­mer -
durch den Vi­ze­präsi­dent des Lan­des­ar­beits­ge­richts Dr. Nat­ter,
den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Ge­cke­ler
und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Knoll
auf die Anhörung der Be­tei­lig­ten am 30.06.2008

für Recht er­kannt:

1. Die Be­schwer­de des An­trag­stel­lers ge­gen den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 11.10.2007 - 6 BV 113/07 - wird zurück­ge­wie­sen.

2. Die Rechts­be­schwer­de wird zu­ge­las­sen.

 

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G r ü n d e

A

Die Be­tei­lig­ten strei­ten über die Be­tei­li­gungs­rech­te des Be­triebs­rats im Zu­sam­men­hang mit der Ver­set­zung/Ein­grup­pie­rung der Ar­beit­neh­me­rin J.

Der An­trag­stel­ler/Be­tei­lig­te Ziff. 1 (im Fol­gen­den: Be­triebs­rat) ist der in der Nie­der­las­sung Stutt-gart der An­trags­geg­ne­rin/Be­tei­lig­ten Ziff. 2 (im Fol­gen­den: Ar­beit­ge­be­rin) ge­bil­de­te Be­triebs­rat. Vor­sit­zen­de des Be­triebs­rats war bis zum 30.12.2007 Frau B.

Frau B. war ei­ne bei der T. AG be­ur­laub­te Be­am­tin, die bei der Ar­beit­ge­be­rin im Rah­men ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses beschäftigt wur­de. Frau B. war nach § 38 Be­trVG in vol­lem Um­fang von ih­rer be­ruf­li­chen Tätig­keit frei­ge­stellt. Frau B. schied am 30.12.2007 bei der Ar­beit­ge­be­rin aus und trat als Be­am­tin am 01.01.2008 in den Vor­ru­he­stand ein.

Am 15.02.2007 schloss der Ge­samt­be­triebs­rat mit der Ar­beit­ge­be­rin ei­ne frei­wil­li­ge Ge­samt­be-triebs­ver­ein­ba­rung zur Aus­ge­stal­tung der sich aus §§ 37, 38 und 78 Be­trVG er­ge­ben­den An-sprüche der Be­triebs­rats­mit­glie­der ab. § 4 der Ge­samt­be­triebs­ver­ein­ba­rung lau­tet aus­zugs­wei-se wie folgt:

„(1) Für je­des voll frei­ge­stell­te Be­triebs­rats­mit­glied sind 3 (drei) Ver­gleichs­per­so­nen zu be­nen­nen. Das an das frei­ge­stell­te Be­triebs­rats­mit­glied zu zah­len­de Ent­gelt ori­en­tiert sich dy­na­misch ab dem Zeit­punkt der Be­nen­nung an dem je­wei­li­gen Ent­gelt der Ver­gleichs­per­so­nen im Sin­ne des § 3.
...
(4) So­fern ei­ne Ver­gleichs­per­son höher grup­piert wird, erhält das frei­ge­stell­te Be­triebs­rats­mit­glied ei­ne mo­nat­li­che Zah­lung in Höhe von 50 % des Dif­fe­renz­be­tra­ges zwi­schen der Vergütungs­grup­pe, in die das Be­triebs­rats­mit­glied ein­grup­piert ist und des re­gelmäßigen Mo­nats­ent­gelts der Ver­gleichs­per­son.“

Ei­ne der für Frau B. be­nann­ten Ver­gleichs­per­so­nen war die Ar­beit­neh­me­rin J. Frau J. war auf der Grund­la­ge des zwi­schen der Ge­werk­schaft ver.di und der Ar­beit­ge­be­rin ab­ge­schlos­se­nen Ent­gelt­rah­men­ta­rif­ver­trags zu­letzt in die Vergütungs­grup­pe 7/4 ein­grup­piert. Auf­grund der ge-nann­ten Re­ge­lung er­hielt Frau B. ne­ben ih­rem mo­nat­li­chen Ge­halt in der Vergütungs­grup­pe 5/4 in Höhe von zu­letzt € 2.816,00 ei­ne mo­nat­li­che Zah­lung von zu­letzt € 430,49 (vgl. Abl. 23 der zu In­for­ma­ti­ons­zwe­cken bei­ge­zo­ge­nen Ak­te des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart 6 Ca 3820/07). In dem an­ge­ge­be­nen Ver­fah­ren hat­te Frau B. mit der Ar­beit­ge­be­rin darüber ge­strit­ten, ob sich die

 

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Dif­fe­renz­zah­lung auf der Grund­la­ge der Vergütungs­ta­bel­le für die An­ge­stell­ten oder auf der­je-ni­gen für die be­ur­laub­ten Be­am­ten be­misst.

Mit Be­triebs­rats­vor­la­ge vom 13.04.2007 (Abl. 32) un­ter­rich­te­te die Ar­beit­ge­be­rin den Be­triebs­rat über die be­ab­sich­tig­te „Ver­set­zung/Beförde­rung“ von Frau J.. Frau J. war bis da­hin als Ver-triebs­ko­or­di­na­to­rin beschäftigt. Rück­wir­kend zum 22.02.2007 bat die Ar­beit­ge­be­rin um die Zu-stim­mung des Be­triebs­rats zur künf­ti­gen Beschäfti­gung als Team­lei­te­rin Ver­triebs­sup­port Pri-vat­kun­den. Bei der Ein­grup­pie­rung in die Vergütungs­grup­pe A 7/4 soll­te es aus­weis­lich der Be­triebs­rats­vor­la­ge auch nach der Ver­set­zung ver­blei­ben.

Mit Schrei­ben vom 16.04.2007 stimm­te der Be­triebs­rat der rück­wir­ken­den Ver­set­zung von Frau J. zu. Die Ein­grup­pie­rung in die Vergütungs­grup­pe 7/4 lehn­te der Be­triebs­rat ab. Dem Schrei­ben war ein Be­schluss des Be­triebs­rats vor­aus­ge­gan­gen, an dem Frau B. mit­ge­wirkt hat­te. Für die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung hin­sicht­lich der Ein­grup­pie­rung führ­te der Be­triebs­rat an, dass Frau J. in die Vergütungs­grup­pe 8/2 ein­zu­grup­pie­ren sei. Zur Ein­grup­pie­rung der Team­lei­ter Tech­nik hat­ten die Ar­beit­ge­be­rin und der Ge­samt­be­triebs­rat in § 6 ei­ner Ge­samt­be­triebs­ver­ein­ba­rung vom 11.08.2006 die Ver­ein­ba­rung ge­trof­fen, dass die Ein­grup­pie­rung gemäß An­la­ge 1 zum ERTV T-Mo­bi­le in die Vergütungs­grup­pe 8 er­fol­ge. In ei­ner wei­te­ren Ge­samt­be­triebs­ver­ein­ba­rung vom 22.02.2007 hat­ten die Ar­beit­ge­be­rin und der Ge­samt­be­triebs­rat hin­sicht­lich der Team­lei­ter Ver­trieb ver­ein­bart, dass die Ein­grup­pie­rung gemäß An­la­ge 1 zum ERTV T-Mo­bi­le er­fol­ge, oh­ne dass ei­ne kon­kre­te Vergütungs­grup­pe an­ge­ge­ben wur­de. In sei­nem Schrei­ben vom 16.04.2007 ver­trat der Be­triebs­rat die Auf­fas­sung, dass die Be­schrei­bung der Tätig­kei­ten und der Ver­ant­wort­lich­kei­ten in den je­wei­li­gen An­la­gen 1 zu den ge­nann­ten Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen hin­sicht­lich des Team­lei­ters Ver­trieb und des Team­lei­ters Tech­nik iden­tisch sei­en.

Im An­schluss an das Schrei­ben des Be­triebs­rats vom 13.04.2007 be­ließ es die Ar­beit­ge­be­rin bei der Ein­grup­pie­rung von Frau J. in die Vergütungs­grup­pe 7/4. Dar­auf­hin be­schloss der Be-triebs­rat am 21.05.2007 das vor­lie­gen­de Be­schluss­ver­fah­ren ein­zu­lei­ten. Fer­ner wie­der­hol­te der Be­triebs­rat am 09.07.2007 in Ab­we­sen­heit von Frau B. die Be­schluss­fas­sung über die Ver-set­zung / Ein­grup­pie­rung von Frau J.

Mit sei­nem am 08.06.2007 ein­ge­gan­ge­nen An­trag be­gehr­te der Be­triebs­rat die Ein­grup­pie­rung von Frau J. in die Vergütungs­grup­pe 8/2, die Ein­ho­lung der Zu­stim­mung des Be­triebs­rats hier­zu und ggf. die Durchführung ei­nes Zu­stim­mungs­er­set­zungs­ver­fah­rens. Mit zwei Hilfs­anträgen be­gehr­te der Be­triebs­rat die Ein­ho­lung der Zu­stim­mung bzw. die Durchführung des Zu­stim-mungs­er­set­zungs­ver­fah­rens. Die Ar­beit­ge­be­rin trat sämt­li­chen Anträgen ent­ge­gen. Sie ver­wies

 

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hier­bei ins­be­son­de­re dar­auf, dass die Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de B. anläss­lich der Be­schluss­fas-sung über die „Ver­set­zung/Beförde­rung“ von Frau J. nach § 25 Be­trVG recht­lich ver­hin­dert ge-we­sen sei. We­gen der Ein­zel­hei­ten des erst­in­stanz­li­chen Vor­brin­gens wird auf den Sach­ver­halt des ge­foch­te­nen Be­schlus­ses ver­wie­sen.

Mit Be­schluss vom 11.10.2007 wies das Ar­beits­ge­richt die Anträge zurück. Zur Be­gründung führ­te das Ar­beits­ge­richt aus, der An­trag Ziff. 1 sei un­be­gründet, weil er im Er­geb­nis dar­auf ab­zie­le, die Ein­grup­pie­rung von Frau J. in die Vergütungs­grup­pe 7/4 auf­zu­he­ben, der Be­triebs­rat je­doch die Auf­he­bung ei­ner un­zu­tref­fen­den Ein­grup­pie­rung nicht ver­lan­gen könne. Der Hilfs­an­trag Ziff. 2 sei eben­falls un­be­gründet, weil die Ar­beit­ge­be­rin mit der Be­triebs­rats­vor­la­ge vom 13.04.2007 so­wohl die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zur Ver­set­zung als auch die­je­ni­ge zur Ein­grup­pie­rung von Frau J. be­an­tragt ha­be. Der Hilfs­an­trag Ziff. 3 sei un­be­gründet, weil der Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung des Be­triebs­rats ein feh­ler­haf­ter Be­schluss zu­grun­de lie­ge. Die Be-triebs­rats­vor­sit­zen­de B. sei we­gen In­ter­es­sen­kol­li­si­on ver­hin­dert ge­we­sen, an der Be­ra­tung und Be­schluss­fas­sung des Be­triebs­rats be­tref­fend die Ein­grup­pie­rung von Frau J. teil­zu­neh­men. Ei­ne höhe­re Ein­grup­pie­rung von Frau J. ha­be un­mit­tel­bar Ein­fluss auf die Ge­halts­zu­sam­men­set­zung von Frau B. ge­habt, weil sich auf­grund der Ge­samt­be­triebs­ver­ein­ba­rung zu §§ 37, 38 und 78 Be­trVG hier­durch un­mit­tel­bar die Höhe des Zu­schlags­be­trags ände­re.

Ge­gen den ihm am 17.01.2008 zu­ge­stell­ten Be­schluss hat der Be­triebs­rat am 14.02.2008 Be-schwer­de ein­ge­legt und die­se am 14.03.2008 be­gründet. Er trägt vor, das Ar­beits­ge­richt sei zu Un­recht da­von aus­ge­gan­gen, dass die Ar­beit­ge­be­rin mit ih­rem An­trag vom 13.04.2007 die Zu-stim­mung so­wohl zur Ver­set­zung als auch zur Ein­grup­pie­rung von Frau J. ein­ge­holt ha­be. Be-ab­sich­ti­ge der Ar­beit­ge­ber meh­re­re per­so­nel­le Maßnah­men in ei­nem Akt, so müsse er deut­lich ma­chen, dass er die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zu je­der Maßnah­me be­geh­re. Selbst wenn man von ei­nem ord­nungs­gemäßen An­trag der Ar­beit­ge­be­rin aus­ge­he, ha­be der Be­triebs­rat ord­nungs­gemäß be­schlos­sen, die Zu­stim­mung zur Ein­grup­pie­rung nicht zu er­tei­len. Die Be-triebs­rats­vor­sit­zen­de B. sei recht­lich in der La­ge ge­we­sen, an der Be­triebs­rats­sit­zung vom 16.04.2007 teil­zu­neh­men. Hätte der Be­triebs­rat die Zu­stim­mung zur Ein­grup­pie­rung von Frau J. in die Vergütungs­grup­pe 7/4 er­teilt, so hätte dies kei­ne Aus­wir­kun­gen auf die Vergütung von Frau B. ge­habt. Die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung ha­be eben­falls kei­nen recht­li­chen Vor­teil zu­guns­ten von Frau B. be­deu­tet. Ein recht­li­cher Vor­teil wäre erst dann ein­ge­tre­ten, wenn die Ar­beit­ge­be­rin die Zu­stim­mung zu ei­ner ge­plan­ten Höher­grup­pie­rung von Frau J. be­an­tragt hätte.

Der Be­triebs­rat be­an­tragt:

 

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1. Der Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 11.10.2007, Az.: 6 BV 113/07, wird ab­geändert.

2. Es wird be­an­tragt, nach dem Schluss­an­trag des An­trag­stel­lers im Anhö-rungs­ter­min zu ent­schei­den.

Die Ar­beit­ge­be­rin be­an­tragt:

Die Be­schwer­de wird zurück­ge­wie­sen.

Sie trägt vor, der Haupt­an­trag sei un­zulässig, weil er dar­auf ge­rich­tet sei, ei­ne an­der­wei­ti­ge Ein­grup­pie­rung als von der Ar­beit­ge­be­rin vor­ge­se­hen vor­zu­neh­men. Dies ent­spre­che in der Sa­che der Rückgängig­ma­chung der vor­ge­nom­me­nen Ein­grup­pie­rung. Die Be­triebs­rats­vor­la­ge vom 13.04.2007 ha­be ei­nen An­trag auf Zu­stim­mung so­wohl zur Ver­set­zung als auch zur Ein-grup­pie­rung be­inhal­tet. In die­sem Sin­ne ha­be der Be­triebs­rat den An­trag oh­ne wei­te­res ver-stan­den, wie sich aus sei­ner Stel­lung­nah­me er­ge­be. Die Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de B. ha­be an der Be­schluss­fas­sung über die Ein­grup­pie­rung nicht mit­wir­ken dürfen, weil ei­ne höhe­re Ein­grup­pie-rung von Frau J. un­mit­tel­bar zu ei­ner Erhöhung der mo­nat­li­chen Vergütung von Frau B. geführt hätte. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Be­triebs­rats könne so­wohl ein zu­stim­men­der als auch ein ab­leh­nen­der Be­schluss des Be­triebs­rats be­deut­sam sein.

We­gen der Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stands wird gemäß § 313 Abs. 2 Satz 2 ZPO auf den In­halt der ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen so­wie auf die Pro­to­kol­le über die Anhö-rungs­ter­mi­ne ver­wie­sen.

 

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B

I.

Die Be­schwer­de des Be­triebs­rats ist gemäß § 87 Abs. 1 ArbGG statt­haft. Sie ist auch - von der Be­schwer­de ge­gen den Haupt­an­trag ab­ge­se­hen - gemäß § 87 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit § 66 Abs. 1 ArbGG, § 89 Abs. 2 ArbGG in der ge­setz­li­chen Form und Frist ein­ge­legt und be­gründet wor­den. Ge­gen­stand der Be­schwer­de sind der Haupt­an­trag und die bei­den Hilfs­anträge.

Hin­sicht­lich des Haupt­an­trags ist die Be­schwer­de be­reits un­zulässig. Nach § 89 Abs. 2 Satz 2 ArbGG muss die Be­schwer­de­be­gründung an­ge­ben, auf wel­che im ein­zel­nen an­zuführen­den Be­schwer­de­gründe so­wie auf wel­che neu­en Tat­sa­chen die Be­schwer­de gestützt wird. Da­mit for­dert das Ar­beits­ge­richts­ge­setz ei­ne ausführ­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung. Die Be­schwer­de­be­gründung muss deut­lich sa­gen, was sie ge­gen den an­ge­foch-te­nen Be­schluss ein­zu­wen­den hat, und zwar so, dass sich schon aus dem an­ge­foch­te­nen Be-schluss und der Be­schwer­de­be­gründung al­lein er­gibt, wel­che Ein­wen­dun­gen ge­gen die Ent-schei­dung des Ar­beits­ge­richts gel­tend ge­macht wer­den (BAG 31.10.1972 - 1 ABR 4/72 - AP ArbGG 1953 § 89 Nr. 7).

Die­sen An­for­de­run­gen genügt die Be­schwer­de­be­gründung hin­sicht­lich des Haupt­an­trags nicht. Das Ar­beits­ge­richt hat un­ter Ver­weis auf die ständi­ge Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge-richts zur Be­gründet­heit des Haupt­an­trags aus­geführt, die­ser zie­le im Er­geb­nis auf ei­ne Auf­he-bung der Ein­grup­pie­rung von Frau J. in die Vergütungs­grup­pe 7/4 ab. Die Auf­he­bung ei­ner un-zu­tref­fen­den Ein­grup­pie­rung könne der Be­triebs­rat je­doch nicht ver­lan­gen. Mit die­ser Ar­gu­men-ta­ti­on hat sich der Be­triebs­rat in der Be­schwer­de­be­gründung vom 14.03.2008 nicht be­fasst. Erst mit Schrift­satz vom 15.05.2008 hat er ei­ne auf den Haupt­an­trag zu­ge­schnit­te­ne Be­grün-dung nach­ge­scho­ben. Dies genügt den An­for­de­run­gen des § 89 Abs. 2 Satz 2 ArbGG nicht.


II.

Die Be­schwer­de des Be­triebs­rats ist - so­weit sie zulässig ist - un­be­gründet. Das Ar­beits­ge­richt hat zu­tref­fend ent­schie­den, dass der Be­triebs­rat im Ver­fah­ren nach § 101 Be­trVG nicht ei­ne an­de­re Ein­grup­pie­rung der Ar­beit­neh­me­rin J. ver­lan­gen kann (da­zu 1.), die Ar­beit­ge­be­rin mit ih­rer Vor­la­ge vom 13.04.2007 auch die Zu­stim­mung zur Ein­grup­pie­rung von Frau J. ein­ge­holt

 

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hat (da­zu 2.) und die Be­schluss­fas­sung des Be­triebs­rats auf­grund recht­li­cher Ver­hin­de­rung der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den B. nich­tig war (da­zu 3.).

1. Der Haupt­an­trag wäre - hätte ein ord­nungs­gemäßer Be­schwer­de­an­griff vor­ge­le­gen - auch un­be­gründet ge­we­sen. Das Ar­beits­ge­richt hat zu­tref­fend ent­schie­den, dass der Be­triebs­rat im Ver­fah­ren nach § 101 Be­trVG kei­ne an­de­re Ein­grup­pie­rung des Ar­beit­neh­mers ver­lan­gen kann.

a) Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (seit dem Be­schluss vom 18.07.1978 - 1 ABR 43/75 - AP Be­trVG 1972 § 101 Nr. 1) ha­ben die Ver­fah­ren nach § 101 Be­trVG und § 99 Abs. 4 Be­trVG un­ter­schied­li­che Zwe­cke. Das Ver­fah­ren nach § 101 Be­trVG dient aus­sch­ließlich der Si­che­rung der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats. In die­sem Ver­fah­ren ist nicht zu prüfen, ob dem Be­triebs­rat ein Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rungs­recht zu­steht oder nicht. Die­se Fra­ge kann erst im Zu­stim­mungs­er­set­zungs­ver­fah­ren nach § 99 Abs. 4 Be­trVG ge­prüft wer­den (BAG 18.07.1978, a.a.O.; BAG 21.11.1978 - 1 ABR 91/76 - und 22.03.1983 - 1 ABR 49/81 - AP Be­trVG 1972 Nr. 3 und 6).

Seit der Ent­schei­dung vom 22.03.1983 ver­tritt das Bun­des­ar­beits­ge­richt mit über­zeu-gen­der Be­gründung zu­dem die Auf­fas­sung, dass der Be­triebs­rat im Ver­fah­ren nach § 101 Satz 1 Be­trVG vom Ar­beit­ge­ber nicht die „Auf­he­bung“ der Ein­grup­pie­rung ver­lan­gen kann. Das Ziel der Mit­be­stim­mungs­si­che­rung wird bei Ein­grup­pie­run­gen da­durch er­reicht, dass dem Ar­beit­ge­ber vom Ge­richt auf­ge­ge­ben wird, die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats - so­fern noch nicht ge­sche­hen - zur Ein­grup­pie­rung ein­zu­ho­len und bei Ver­wei­ge­rung der Zu­stim­mung das Zu­stim­mungs­er­set­zungs­ver­fah­ren durch­zuführen (BAG 20.12.1988 - 1 ABR 68/87; BAG 18.06.1991 - 1 ABR 53/90 - AP Be­trVG 1972 § 99 Nr. 62 und 105; BAG 03.05.1994 - 1 ABR 58/93; BAG 26.10.2004 - 1 ABR 37/03 und BAG 12.12.2006 - 1 ABR 13/06 - AP Be­trVG 1972 § 99 Ein­grup­pie­rung Nr. 2, 29 und 32). Im Mit­be­stim­mungs­si­che­rungs­ver­fah­ren geht es aus­sch­ließlich um die Be­sei­ti­gung ei­nes be­triebs­ver­fas­sungs­wid­ri­gen Zu­stan­des; hin­sicht­lich der Ein­grup­pie­rung ist das Ver­fah­ren „er­geb­nis­of­fen“. Der Be­triebs­rat be­sitzt kein Initia­tiv­recht im Hin­blick auf die zu­tref­fen­de Ein­grup­pie­rung in die gel­ten­de Vergütungs­ord­nung (BAG 18.06.1991, a.a.O.; BAG 03.05.1994, a.a.O.).

So­weit der Be­triebs­rat ein­wen­det, die strik­te Tren­nung von Mit­be­stim­mungs­si­che­rungs­ver­fah­ren und Zu­stim­mungs­er­set­zungs­ver­fah­ren führe zu ei­ner Ver­fah­rens­verzöge­rung,

 

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so ist dies zwar zu­tref­fend. Der Ge­sichts­punkt der Ver­fah­rens­be­schleu­ni­gung kann aber des­we­gen kei­nen Aus­schlag ge­ben, weil das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz dem Be­triebs­rat kei­nen An­spruch auf „rich­ti­ge Ein­grup­pie­rung“ einräumt. Das Be­tei­li­gungs­recht des Be­triebs­rats nach § 99 Be­trVG be­schränkt sich dar­auf, dass der Ar­beit­ge­ber die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zu der von ihm für rich­tig ge­hal­te­nen Ein­grup­pie­rung ein­holt und im Fal­le der Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung das Zu­stim­mungs­er­set­zungs­ver­fah­ren durchführt.

2. Der ers­te Hilfs­an­trag des Be­triebs­rats ist un­be­gründet, weil die Ar­beit­ge­be­rin die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zur be­ab­sich­tig­ten Ein­grup­pie­rung von Frau J. mit der Be­triebs­rats­vor­la­ge vom 13.04.2007 ein­ge­holt hat.

a) Will der Ar­beit­ge­ber die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zu ei­ner der in § 99 Abs. 1 Be­trVG auf­geführ­ten Maßnah­me ein­ho­len, so muss er deut­lich ma­chen, um wel­che kon­kre­te per­so­nel­le Maßnah­men es geht. We­gen der in § 99 Abs. 3 Be­trVG ge­re­gel­ten Zu­stim­mungs­fik­ti­on muss für den Be­triebs­rat zwei­fels­frei zu ent­neh­men sein, zu wel­cher Maßnah­me der Ar­beit­ge­ber sei­ne Zu­stim­mung be­gehrt (Fit­ting, Be­trVG, 24. Auf­la­ge,
§ 99 Rz 186; Däubler, Be­trVG, 9. Auf­la­ge, § 99 Rz 126). Bei der Bit­te um Zu­stim­mung han­delt es sich um ei­ne je­den­falls rechts­geschäftsähn­li­che Hand­lung, auf die die Vor­schrif­ten über Wil­lens­erklärun­gen, d.h. auch die Vor­schrift des § 133 BGB ent­spre­chend an­wend­bar sind. Die Bit­te um Zu­stim­mung ist so­mit als emp­fangs­bedürf­ti­ge Erklärung so aus­zu­le­gen, wie sie der Erklärungs­empfänger nach Treu und Glau­ben un­ter Berück-sich­ti­gung der Ver­kehrs­sit­te ver­ste­hen muss­te (vgl. auch Ri­char­di/Thüsing, Be­trVG, 10. Aufl., § 99 Rz. 156 und 169).

b) Im Streit­fall hat die Ar­beit­ge­be­rin die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats mit ei­nem For­mu­lar-schrei­ben vom 13.04.2007 ein­ge­holt. Die­ses Schrei­ben ist rein vom Wort­laut her be­trach­tet nicht ein­deu­tig. In der Be­triebs­rats­vor­la­ge wird die be­ab­sich­tig­te per­so­nel­le Ein­zel­maßnah­me mit „Ver­set­zung/Beförde­rung“ be­schrie­ben. Ein­deu­tig wäre die An­ga­be „Ver­set­zung und Ein­grup­pie­rung“ ge­we­sen. Die bei der Aus­le­gung zu berück­sich­ti­gen­den Be­gleit­umstände er­ge­ben aber, dass die Ar­beit­ge­be­rin nicht nur die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zur Ver­set­zung, son­dern auch die­je­ni­ge zur Ein­grup­pie­rung ein­ho­len woll­te. So hat die Ar­beit­ge­be­rin in der Be­triebs­rats­vor­la­ge die bis­he­ri­gen und künf­ti­gen Ar­beits­be­din­gun­gen un­ter der An­ga­be „neu/alt“ ge­genüber­ge­stellt. Die gel­ten­de und künf­ti­ge Ein­grup­pie­rung wird hier­bei aus­drück­lich an­ge­ge­ben. Wie sich aus der Re­ak­ti­on des Be­triebs­rats er­gibt, hat er die Vor­la­ge rich­ti­ger­wei­se da­hin­ge­hend aus­ge­legt,

 

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dass sei­ne Zu­stim­mung zu zwei per­so­nel­len Ein­zel­maßnah­men ein­ge­holt wer­den sol­le, nämlich ei­ner­seits zur Ver­set­zung und an­de­rer­seits zur Ein­grup­pie­rung in der neu­en Funk­ti­on. So ver­merk­te der Be­triebs­rat auf der Vor­la­ge vom 13.04.2007 hand­schrift­lich, dass zur Ein­stim­mung die Zu­stim­mung er­teilt, zur Ein­grup­pie­rung aber ver­wei­gert wer­de. Der Be­triebs­rat hat so­mit er­kannt, dass er, um die Zu­stim­mungs­fik­ti­on des § 99 Abs. 3 Be­trVG zu ver­mei­den, zu zwei per­so­nel­len Ein­zel­maßnah­men Stel­lung neh­men müsse. Wenn dem Adres­sa­ten der Erklärung de­ren In­halt verständ­lich war, dann lässt sich nicht mehr ein­wen­den, der Ge­gen­stand der be­gehr­ten Zu­stim­mung sei nicht ein­deu­tig ge­we­sen.

3. Das Ar­beits­ge­richt hat schließlich zu­tref­fend ent­schie­den, dass auch der Hilfs­an­trag Ziff. 2 un­be­gründet ist. Da der Be­schluss des Be­triebs­rats vom 16.04.2007 über die Ver­wei­ge­rung der Zu­stim­mung zur Ein­grup­pie­rung nich­tig war, ist die Zu­stim­mungs­fik­ti­on des § 99 Abs. 3 Satz 2 Be­trVG ein­ge­tre­ten. Der wie­der­ho­len­de Be­schluss des Be­triebs­rats vom 09.07.2007 konn­te den Man­gel nicht mehr hei­len.

a) Der Be­schluss des Be­triebs­rats vom 13.04.2007 ist nich­tig, weil er un­strei­tig un­ter der Be­tei­li­gung der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den Frau B. ge­fasst wur­de, Frau B. je­doch gemäß § 25 Be­trVG bei der Be­ra­tung und Be­schluss­fas­sung ver­hin­dert war.

aa) Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ist ein Be­triebs­rats­mit­glied von sei­ner Or­gantätig­keit bei Maßnah­men und Re­ge­lun­gen aus­ge­schlos­sen, die es in­di­vi­du­ell und un­mit­tel­bar be­tref­fen. Die­ser Grund­satz ist zwar im Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz nicht aus­drück­lich ge­re­gelt. Er er­gibt sich aber aus dem all­ge­mei­nen Grund­satz, dass zur Ver­mei­dung von In­ter­es­sen­kol­li­sio­nen nie­mand „Rich­ter in ei­ge­ner Sa­che“ sein kann. In ei­ge­ner Sa­che ist ein Be­triebs­rats­mit­glied be­trof­fen, wenn ihn die frag­li­che Maßnah­me un­mit­tel­bar berührt.

Als „ei­ge­ne Sa­che“ in die­sem Sin­ne hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt an­ge­se­hen, wenn der Be­triebs­rat über ei­nen An­trag des Ar­beit­ge­bers auf Zu­stim­mung zur be­ab­sich­tig­ten Kündi­gung des be­tref­fen­den Be­triebs­rats­mit­glieds zu ent­schei­den hat (BAG 26.08.1981 - 7 AZR 550/79 - und 23.08.1984 - 2 AZR 391/83 - AP Be­trVG 1972 § 103 Nr. 13 und 17). In ei­ge­ner Sa­che be­trof­fen ist ein Be­triebs­rats­mit­glied auch dann, wenn der Be­triebs­rat über die Zu­stim­mung zu des­sen Ab­grup­pie­rung zu ent­schei­den hat (BAG 03.08.1999 - 1 ABR 30/98 - AP Be­trVG 1972 § 25 Nr. 7). Nicht selbst be­trof­fen ist ein Be­triebs­rats­mit­glied hin­ge­gen dann, wenn der Ar­beit­ge­ber ei-

 

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ne Kündi­gung von meh­re­ren Be­triebs­rats­mit­glie­dern we­gen gleich­ar­ti­ger Pflicht­ver­let­zung be­ab­sich­tigt und die Be­schluss­fas­sung nicht zur ei­ge­nen Kündi­gung, son­dern zu den Kündi­gun­gen der an­de­ren Be­triebs­rats­mit­glie­der er­folgt. Im letz­te­ren Fall ist zwar ein ge­wis­ser In­ter­es­sen­kon­flikt nicht zu ver­ken­nen. Er reicht je­doch für ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­trof­fen­heit nicht aus.

bb) Nach die­sen Grundsätzen ist im Streit­fall von ei­ner un­mit­tel­ba­ren und in­di­vi­du­el­len Be­trof­fen­heit der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den B. aus­zu­ge­hen, auch wenn das Ver­fah­ren nach § 99 Be­trVG nicht Frau B., son­dern die Ar­beit­neh­me­rin J. be­traf. Die un­mit­tel­ba­re und in­di­vi­du­el­le Be­trof­fen­heit er­gibt sich im vor­lie­gen­den Fall aus der Re­ge-lung in § 4 Abs. 1 und 4 der Ge­samt­be­triebs­ver­ein­ba­rung vom 15.02.2007. Nach Ab­satz 1 der Vor­schrift ori­en­tiert sich das an das frei­ge­stell­te Be­triebs­rats­mit­glied zu zah­len­de Ent­gelt dy­na­misch an dem je­wei­li­gen Ent­gelt der Ver­gleichs­per­so­nen. Aus Ab­satz 4 folgt, dass sich die Höher­grup­pie­rung ei­ner für das be­tref­fen­de frei­ge­stell­te Be­triebs­rats­mit­glied be­nann­ten Ver­gleichs­per­son au­to­ma­tisch, d.h. oh­ne ei­ne wei­te­re zwi­schen­ge­schal­te­te Ent­schei­dung zu­guns­ten des frei­ge­stell­ten Be­triebs­rats­mit­glied aus­wirkt. Nach der ge­nann­ten Re­ge­lung erhält das frei­ge­stell­te Be­triebs­rats­mit­glied ei­ne mo­nat­li­che Zah­lung in Höhe von 50 % des Dif­fe­renz­be­tra­ges zwi­schen der Vergütungs­grup­pe, in die das Be­triebs­rats­mit­glied ein­grup­piert ist und des re­gelmäßigen Mo­nats­ent­gelts der Ver­gleichs­per­son, so­fern ei­ne Ver­gleichs­per­son höher­grup­piert wird. Im vor­lie­gen­den Fall wäre der zu zah­len­de Dif­fe­renz­be­trag zwar denk­bar ge­ring ge­we­sen. Nach dem übe­rein­stim­men­den Vor­brin­gen der Be­tei­lig­ten wäre das so­ge­nann­te Jah­res­ziel­ge­halt von Frau J. bei ei­ner Höher­grup­pie­rung in die Vergütungs­grup­pe 8/2 um € 35,50 jähr­lich an­ge­stie­gen. Die Höher­grup­pie­rung hätte sich zwar im wei­te­ren Ver­lauf stärker be­merk­bar ge­macht. We­gen des Aus­sch­ei-dens von Frau B. am 30.12.2007 be­schränk­te sich die fi­nan­zi­el­le Aus­wir­kung je­doch dar­auf, dass Frau B. 50 % des Dif­fe­renz­be­trags be­zo­gen auf den Zeit­raum vom 22.02. bis 30.12.2007, al­so rd. € 15,00 zusätz­lich er­hal­ten hätte.

Auf die Höhe der fi­nan­zi­el­len Aus­wir­kung kann es in­des­sen nicht an­kom­men. Zwar ist ein­zuräum­en, dass der ge­rin­ge Be­trag von rund € 15,00 mut­maßlich das Ei­gen­in­ter­es­se von Frau B. nicht so stark in den Vor­der­grund hat rücken las­sen, dass zu befürch­ten war, Frau B. wer­de die In­ter­es­sen der Be­leg­schaft nicht mehr ver­fol­gen. Auf ei­ne tatsächlich ein­ge­tre­te­ne In­ter­es­sen­kol­li­si­on kommt es aber nicht an. Es genügt be­reits die Möglich­keit ei­ner In­ter­es­sen­kol­li­si­on für ei­ne recht­li­che Ver­hin­de­rung. Schon aus ei­ge­nem In­ter­es­se muss der Be­triebs­rat dar­auf be­dacht sein, dass

 

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be­reits der An­schein ver­mie­den wird, ein Be­triebs­rats­mit­glied un­ter­schei­de nicht sorgfältig ge­nug zwi­schen den ei­ge­nen In­ter­es­sen und den In­ter­es­sen der Be­leg­schaft. Je­de be­tragsmäßige Fest­set­zung ei­nes re­le­van­ten Vor­teils wäre willkürlich und würde dem Ge­bot ei­ner un­par­tei­ischen und un­abhängi­gen Amts­ausübung des Be­triebs­rats wi­der­spre­chen. Es kommt hin­zu, dass sich die fi­nan­zi­el­le Aus­wir­kung ei­ner mögli­chen Höher­grup­pie­rung von Frau J. auf das Ent­gelt von Frau B. auf­grund der kom­pli­zier­ten Vergütungs­struk­tu­ren des Ent­gelt­rah­men­ta­rif­ver­trags nicht auf ei-nen Blick über­se­hen ließ und im Zeit­punkt der Be­schluss­fas­sung des Be­triebs­rats nicht ab­seh­bar war, ob der nach § 4 Abs. 4 der Ge­samt­be­triebs­ver­ein­ba­rung zu zah­len­de Dif­fe­renz­be­trag auf der Grund­la­ge der Vergütungs­ta­bel­len für be­ur­laub­te Be­am­te oder der­je­ni­gen für An­ge­stell­te (für Frau B. güns­ti­ger) zu be­rech­nen sein würde (sie­he das Ver­fah­ren 6 Ca 3820/07).

cc) Die in der Be­schwer­de­be­gründung hier­ge­gen vor­ge­tra­ge­nen Ein­wen­dun­gen sind nicht tragfähig. Die vom Be­triebs­rat vor­ge­nom­me­ne Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen ei­nem zu­stim­men­den und ab­leh­nen­den Be­schluss des Be­triebs­rats zur Ein­grup­pie­rung von Frau J. über­zeugt nicht. Es liegt zwar auf der Hand, dass ei­ne Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zur Ein­grup­pie­rung von Frau J. in die Vergütungs­grup­pe 7/4 kei­ne fi­nan­zi­el­len Vor­tei­le zu­guns­ten von Frau B. zur Fol­ge ge­habt hätte. Im Fal­le der hier vor­lie­gen­den Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung wur­de die Ar­beit­ge­be­rin aber vor die Al­ter­na­ti­ve ge­stellt, ob sie den Kon­flikt mit dem Be­triebs­rat aus­trägt, in­dem ein Zu­stim­mungs­er­set­zungs­ver­fah­ren ein­lei­tet wird, oder aber dem Kon­flikt aus dem Weg geht, in­dem die vom Be­triebs­rat befürwor­te­te Ein­grup­pie­rung ak­zep­tiert wird. Im zwei­ten Fall wä-re ein Vor­teil zu­guns­ten von Frau B. zwei­fel­los ein­ge­tre­ten. Selbst wenn die Ar­beit­ge­be­rin aber ein Zu­stim­mungs­er­set­zungs­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet hätte, wären - wie das Bun­des­ar­beits­ge­richt in sei­nem Be­schluss vom 03.08.1999 aus­geführt hat - die Ei­gen­in­ter­es­sen von Frau B. berührt ge­we­sen. Denn die Rich­tig­keit der Ein­grup­pie­rung von Frau J. wäre im Zu­stim­mungs­er­set­zungs­ver­fah­ren über­prüft wor­den. Wäre die Ar­beit­ge­be­rin in die­sem Ver­fah­ren un­ter­le­gen, so hätte sich Frau J. und auf­grund des in der Ge­samt­be­triebs­ver­ein­ba­rung vor­ge­se­he­nen Au­to­ma­tis­mus auch Frau B. hier­auf be­ru­fen können. Dar­auf, wel­chen Be­schluss der Be­triebs­rat im kon­kre­ten Fall ge­trof­fen hat, kann es nicht an­kom­men. Denn das Ver­bot, Rich­ter in ei­ge­ner Sa­che zu sein, kann nur dann wirk­sam zur Gel­tung kom­men, wenn sich nur ei­ner der mögli­chen Be­schluss­in­hal­te vor­teil­haft zu­guns­ten des be­trof­fe­nen Be­triebs­rats-mit­glieds aus­wirkt.

 

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b) Die späte­re Be­schluss­fas­sung des Be­triebs­rats am 09.07.2007, die oh­ne die Be­tei­li­gung von Frau B. er­folg­te, konn­te den Man­gel des nich­ti­gen Be­triebs­rats­be­schlus­ses nicht mehr hei­len. Zwar kann ein nich­ti­ger Be­triebs­rats­be­schluss in be­stimm­ten Fall­ge­stal­tun­gen durch­aus ge­heilt wer­den (BAG 10.10.2007 - 7 ABR 51/06 - NZA 2008, 369). Im Streit­fall trat je­doch nach Ab­lauf der Wo­chen­frist des § 99 Abs. 3 Be­trVG die Zu­stim-mungs­fik­ti­on ein. Die Be­schluss­fas­sung vom 09.07.2007 kam da­her zu spät.


III.

In die­sem Ver­fah­ren wer­den nach § 12 Abs. 5 ArbGG Kos­ten nicht er­ho­ben. Die Zu­las­sung der Rechts­be­schwer­de be­ruht auf § 92 Abs. 1 Satz 2, § 72 Abs. 2 Ziff. 1 ArbGG.

 

 

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Rechts­mit­tel­be­leh­rung

1. Ge­gen die­sen Be­schluss kann der Be­tei­lig­te zu 1 schrift­lich Rechts­be­schwer­de ein­le­gen. Die Rechts­be­schwer­de muss in­ner­halb ei­ner Frist von ei­nem Mo­nat, die Rechts­be­schwer-de­be­gründung in­ner­halb ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten bei dem

Bun­des­ar­beits­ge­richt

Hu­go-Preuß-Platz 1

99084 Er­furt

ein­ge­hen.

Bei­de Fris­ten be­gin­nen mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Be­schlus­ses, spätes­tens aber mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Die Rechts­be­schwer­de und die Rechts­be­schwer­de­be­gründung müssen von ei­nem Pro-zess­be­vollmäch­tig­ten un­ter­zeich­net sein. Als Pro­zess­be­vollmäch­tig­te sind nur zu­ge­las­sen:

a. Rechts­anwälte,
b. Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie Zu­sam­men­schlüsse sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der,
c. ju­ris­ti­sche Per­so­nen, die die Vor­aus­set­zun­gen des § 11 Abs. 2 Satz 2 Nr. 5 ArbGG erfüllen.

In den Fällen der lit. b und c müssen die han­deln­den Per­so­nen die Befähi­gung zum Rich­ter­amt ha­ben.

2. Für die Be­tei­lig­te zu 2 ist ge­gen die­sen Be­schluss ein Rechts­mit­tel nicht ge­ge­ben.

 

Der Vor­sit­zen­de:

 

Dr. Nat­ter
gleich­zei­tig für den aus­ge­schie­de­nen
eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Knoll

Ge­cke­ler

 

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