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BAG, Ur­teil vom 26.04.2018, 3 AZR 586/16

   
Schlagworte: Entgeltumwandlung, Betriebliche Altersversorgung, Direktversicherung
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 3 AZR 586/16
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 26.04.2018
   
Leitsätze: § 241 Abs. 2 BGB verpflichtet den Arbeitgeber nicht, eine zugunsten des Arbeitnehmers zur Durchführung einer Entgeltumwandlung abgeschlossene Direktversicherung zu kündigen, wenn der Arbeitnehmer mit dem Rückkaufswert der Versicherung Verbindlichkeiten tilgen will.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht Siegburg, Urteil vom 19.11.2014, 4 Ca 981/14
Landesarbeitsgericht Köln, Urteil vom 08.07.2016, 9 Sa 14/16
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

3 AZR 586/16
9 Sa 14/16
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Köln

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
26. April 2018

UR­TEIL

Kauf­hold, Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläger, Be­ru­fungskläger und Re­vi­si­onskläger,

pp.

Be­klag­te, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Drit­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 26. April 2018 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Zwan­zi­ger, die Rich­te­rin­nen am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Ah­rendt und Wem­heu­er so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Schmalz und Schultz für Recht er­kannt:

 

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Die Re­vi­si­on des Klägers ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Köln vom 8. Ju­li 2016 - 9 Sa 14/16 - wird zurück­ge­wie­sen.

Der Kläger hat die Kos­ten der Re­vi­si­on zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten darüber, ob die Be­klag­te ver­pflich­tet ist, ei­ne zu­guns­ten des Klägers be­ste­hen­de Di­rekt­ver­si­che­rung zu kündi­gen und den Ori­gi­nal­ver­si­che­rungs­schein an die Ver­si­che­rung her­aus­zu­ge­ben.

Der 1965 ge­bo­re­ne Kläger ist seit dem 1. Sep­tem­ber 1986 bei der Be­klag­ten beschäftigt. Die Par­tei­en ver­ein­bar­ten am 13. März 2001, dass ein An­spruch des Klägers auf Bar­lohn iHv. 2.000,00 DM jähr­lich in ei­nen An­spruch auf Ver­schaf­fung ei­nes Ver­si­che­rungs­schut­zes um­ge­wan­delt wer­den soll. Die Be­klag­te ver­pflich­te­te sich, den um­ge­wan­del­ten Be­trag in ei­ne Di­rekt­ver­si­che­rung bei der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft ein­zu­zah­len. In der Um­wand­lungs­ver­ein­ba­rung wur­den dem Kläger bzw. sei­nen Hin­ter­blie­be­nen ein un­wi­der­ruf­li­ches Be­zugs­recht auf die Ver­si­che­rungs­leis­tung ein­sch­ließlich der Über­schussan­tei­le ein­geräumt.

Auf An­trag der Par­tei­en wur­de im Mai 2001 die Ver­si­che­rungs­neh­mer­ei­gen­schaft ei­ner vom Kläger be­reits im De­zem­ber 2000 bei der A Le­bens­ver­si­che­rung AG (im Fol­gen­den Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft) ab­ge­schlos­se­nen Le­bens­ver­si­che­rung auf die Be­klag­te über­tra­gen. Der Kläger ist Ver­si­cher­ter. Im To­des­fall erhält sei­ne Ehe­frau die Ver­si­che­rungs­leis­tung. Die am 1. De­zem­ber 2028 ab­lau­fen­de Ver­si­che­rung ruht seit dem Jahr 2009. Am 1. De­zem­ber 2015

 

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be­trug ihr Ver­trags­wert 6.932,83 Eu­ro. Mit Schrei­ben vom 10. Ja­nu­ar 2013 kündig­te der Kläger den Ver­si­che­rungs­ver­trag. Die Be­klag­te wei­ger­te sich, der Kündi­gung zu­zu­stim­men oder den Ver­trag selbst zu kündi­gen.

Der Kläger hat vor­ge­tra­gen, er be­fin­de sich in ei­ner fi­nan­zi­el­len Not­la­ge, da er mit der Rückführung ei­nes Bau­dar­lehns iHv. 1.775,75 Eu­ro im Rück­stand sei. Er benöti­ge das Geld aus der Di­rekt­ver­si­che­rung, um zu ver­hin­dern, dass die Bank sei­nen Bau­dar­lehns­ver­trag kündi­ge und die Zwangs­voll­stre­ckung sei­ner Im­mo­bi­lie ein­lei­te. Die Be­klag­te ha­be die­se wirt­schaft­li­chen Schwie­rig­kei­ten mit­ver­ur­sacht. Denn sie ha­be Ent­gelt­fort­zah­lungs­ansprüche aus dem Jahr 2012 erst erfüllt, nach­dem er - der Kläger - die­se ge­richt­lich gel­tend ge­macht ha­be.

Der Kläger hat be­an­tragt, 

1. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, den bei der A Le­bens­ver­si­che­rung AG, be­ste­hen­den Le­bens­ver­si­che­rungs­ver­trag Deut­sche Fonds­po­li­ce mit der Ver­si­che­rungs­schein­num­mer, in dem er ver­si­cher­te Per­son ist, zu kündi­gen;

2. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die in ih­rem Be­sitz be­find­li­che Ori­gi­nal-Ver­si­che­rungs­po­li­ce vom 9. Ja­nu­ar 2001 des fonds­ge­bun­de­nen Le­bens­ver­si­che­rungs­ver­trags Deut­sche Fonds­po­li­ce der A Le­bens­ver­si­che­rungs AG mit der Ver­si­che­rungs­schein­num­mer an die A Le­bens­ver­si­che­rung AG, zu über­sen­den.

Die Be­klag­te hat Kla­ge­ab­wei­sung be­an­tragt.

Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­ru­fung des Klägers zurück­ge­wie­sen. Mit der Re­vi­si­on ver­folgt der Kläger sei­ne Kla­ge­anträge wei­ter. Die Be­klag­te be­gehrt die Zurück­wei­sung der Re­vi­si­on.

 

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Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on ist un­be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge im Er­geb­nis zu Recht ab­ge­wie­sen. Der An­trag zu 2. ist dem Se­nat nicht zur Ent­schei­dung an­ge­fal­len.

I. Der zulässi­ge Kla­ge­an­trag zu 1. ist un­be­gründet. Die Be­klag­te ist nicht ver­pflich­tet, die zu­guns­ten des Klägers be­ste­hen­de Di­rekt­ver­si­che­rung im lau­fen­den Ar­beits­verhält­nis zu kündi­gen. Ein sol­cher An­spruch er­gibt sich - man­gels ei­ner ent­spre­chen­den Re­ge­lung - nicht aus der von den Par­tei­en ge­schlos­se­nen Um­wand­lungs­ver­ein­ba­rung vom 13. März 2001. Auch auf § 241 Abs. 2 BGB kann sich der Kläger nicht mit Er­folg stützen.

1. Gemäß § 241 Abs. 2 BGB kann je­de Par­tei nach dem In­halt des Schuld­verhält­nis­ses zur Rück­sicht­nah­me auf die Rech­te, Rechtsgüter und In­ter­es­sen ih­res Ver­trags­part­ners ver­pflich­tet sein. Der Ar­beit­ge­ber ist da­her ge­hal­ten, die im Zu­sam­men­hang mit dem Ar­beits­verhält­nis ste­hen­den In­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers so zu wah­ren, wie dies un­ter Berück­sich­ti­gung der In­ter­es­sen und Be­lan­ge bei­der Ver­trags­par­tei­en nach Treu und Glau­ben ver­langt wer­den kann. Die Schutz- und Rück­sicht­nah­me­pflicht des Ar­beit­ge­bers gilt auch für die Vermögens­in­ter­es­sen der Ar­beit­neh­mer (vgl. et­wa BAG 20. Ju­ni 2017 - 3 AZR 179/16 - Rn. 86 mwN). Dies kann grundsätz­lich zu der Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers führen, bei der Wah­rung oder Ent­ste­hung von Ansprüchen sei­ner Ar­beit­neh­mer mit­zu­wir­ken, die die­se ge­genüber Drit­ten - auch pri­va­ten Ver­si­che­rungs­trägern - er­wer­ben können (vgl. BAG 24. Sep­tem­ber 2009 - 8 AZR 444/08 - Rn. 14). Die Rück­sicht­nah­me­pflicht des Ar­beit­ge­bers er­fasst al­ler­dings grundsätz­lich nicht aus­sch­ließlich pri­va­te Vermögens­in­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers (vgl. MHdB/Reichold 4. Aufl. Bd. 1 § 91 Rn. 12; Ul­brich/Britz DB 2015, 247, 249; zur all­ge­mei­nen Pflicht des Ar­beit­ge­bers, die Vermögens­in­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers wahr­zu­neh­men: vgl. BAG 4. Ok­to­ber 2005 - 9 AZR 598/04 - Rn. 57, BA­GE 116, 104; ErfK/Preis 18. Aufl. § 611a BGB Rn. 632).

 

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2. Da­nach hat der Kläger kein schützens­wer­tes In­ter­es­se an ei­ner Auflösung des Ver­si­che­rungs­ver­trags. Dies gilt auch, wenn man zu sei­nen Guns­ten an­nimmt, dass die von ihm be­haup­te­te fi­nan­zi­el­le Not­la­ge mit dem Ar­beits­verhält­nis im Zu­sam­men­hang steht, weil die Be­klag­te Ent­gelt­fort­zah­lungs­ansprüche aus dem Jahr 2012 erst nach ge­richt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen erfüllt hat. Dies hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt im Er­geb­nis zu­tref­fend er­kannt.

a) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat - zu­sam­men­ge­fasst - an­ge­nom­men, der Kläger ha­be kein über­wie­gen­des In­ter­es­se an der be­gehr­ten Kündi­gung. Es ge­be an­de­re Maßnah­men, um den noch aus­ste­hen­den, verhält­nismäßig ge­ringfügi­gen Rest­be­trag iHv. 1.775,75 Eu­ro ge­genüber der bau­fi­nan­zie­ren­den Bank aus­zu­glei­chen. Der Be­klag­ten droh­ten durch ei­ne Kündi­gung der Di­rekt­ver­si­che­rung ein ho­her Ver­wal­tungs­auf­wand so­wie ein Haf­tungs­ri­si­ko auf­grund so­zi­al­ver­si­che­rungs- und steu­er­recht­li­cher Pro­ble­me. Sie sei auch un­ter so­zi­al­po­li­ti­schen Ge­sichts­punk­ten nicht ver­pflich­tet, die Di­rekt­ver­si­che­rung zu kündi­gen.

b) Bei der tatrich­ter­li­chen In­ter­es­sen­abwägung kommt dem Be­ru­fungs­ge­richt ein Be­ur­tei­lungs­spiel­raum zu. Sei­ne Würdi­gung ist vom Re­vi­si­ons­ge­richt des­halb nur dar­auf zu über­prüfen, ob das Be­ru­fungs­ge­richt bei der Un­ter­ord­nung des Sach­ver­halts un­ter Rechts­nor­men Denk­ge­set­ze oder all­ge­mei­ne Er­fah­rungssätze ver­letzt hat und ob es al­le we­sent­li­chen Umstände wi­der­spruchs­frei berück­sich­tigt hat. Ei­ne ei­ge­ne Abwägung durch das Re­vi­si­ons­ge­richt ist dann möglich, wenn die des Be­ru­fungs­ge­richts feh­ler­haft oder un­vollständig ist und sämt­li­che re­le­van­ten Tat­sa­chen fest­ste­hen (vgl. et­wa BAG 30. Au­gust 2017 - 7 AZR 864/15 - Rn. 41 mwN).

c) Es kann da­hin­ste­hen, ob die An­nah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts, das In­ter­es­se der Be­klag­ten an ei­ner Auf­recht­er­hal­tung der Di­rekt­ver­si­che­rung über­wie­ge, weil mil­de­re Mit­tel als die Auflösung des Ver­si­che­rungs­ver­trags möglich sei­en und durch die Be­en­di­gung des Ver­si­che­rungs­ver­trags für die Be­klag­te nicht nur ein erhöhter Ver­wal­tungs­auf­wand, son­dern auch ein Haf­tungs­ri­si­ko ent­ste­he, rechts­feh­ler­frei ist. Denn je­den­falls ist das Lan­des­ar­beits­ge­richt im Er­geb­nis zu Recht da­von aus­ge­gan­gen, dass so­zi­al­po­li­ti­sche Ge­sichts­punk-

 

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te ge­gen ei­ne Ver­pflich­tung der Be­klag­ten spre­chen, die Di­rekt­ver­si­che­rung ge­genüber der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft zu kündi­gen. Der Kläger hat kein be­rech­tig­tes In­ter­es­se an der be­gehr­ten Kündi­gung dar­ge­tan.

aa) Der Ar­beit­ge­ber darf bei sei­ner Ent­schei­dung, ei­ne zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers be­ste­hen­de Di­rekt­ver­si­che­rung nicht auf­zulösen, so­zi­al­po­li­ti­sche Erwägun­gen ein­be­zie­hen.

(1) Die so­zi­al­po­li­ti­sche Funk­ti­on der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung er­fasst - ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers - nicht le­dig­lich „ge­ne­rel­le so­zi­al­po­li­ti­sche As­pek­te“ wie das staat­li­che In­ter­es­se, dass ein Ar­beit­neh­mer im Al­ter nicht der All­ge­mein­heit zur Last fällt. Sie dient viel­mehr auch der not­wen­di­gen Ergänzung der durch die So­zi­al­ver­si­che­rung gewähr­ten Si­che­rung der Ar­beit­neh­mer im Al­ter (BT-Drs. 7/1281 S. 19). Mit ih­rer Hil­fe soll der Le­bens­stan­dard des Ar­beit­neh­mers oder ge­ge­be­nen­falls sei­ner Hin­ter­blie­be­nen nach Aus­schei­den aus dem Be­rufs- bzw. Er­werbs­le­ben zu­min­dest teil­wei­se ge­si­chert wer­den, da das beständig sin­ken­de Ren­ten­ni­veau in der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung (vgl. et­wa Ren­ten­ver­si­che­rungs­be­richt 2017 der Bun­des­re­gie­rung S. 38) zu Ver­sor­gungslücken führt (vgl. ErfK/St­ein­mey­er 18. Aufl. § 1a Be­trAVG Rn. 1 mwN; Höfer/Höfer Be­trAVG Bd. I Stand März 2018 Kap. 1 Rn. 49). In­so­weit liegt es auch im In­ter­es­se des ein­zel­nen Ar­beit­neh­mers, sei­ne be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung auf­recht zu er­hal­ten (vgl. Ul­brich/Britz DB 2015, 247, 251; UFOD/Grünha­gen bAV § 3 Be­trAVG Rn. 4 f.).

(2) Mit der Einführung ei­nes ge­setz­li­chen An­spruchs auf Ent­gelt­um­wand­lung in § 1a Be­trAVG hat der Ge­setz­ge­ber zum Aus­druck ge­bracht, dass er die­ses In­ter­es­se fördern will. Die Re­ge­lung steht im Zu­sam­men­hang mit der de­mo­gra­fi­schen Ent­wick­lung der Bevölke­rungs­struk­tur und der dar­an ge­knüpften Sen­kung des Leis­tungs­ni­veaus der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung. Der Ge­setz­ge­ber woll­te den ei­gen­ver­ant­wort­li­chen Auf­bau ei­ner ka­pi­tal­ge­deck­ten pri­va­ten oder be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung begüns­ti­gen, den er zur Sch­ließung dro­hen­der Ver­sor­gungslücken im Al­ter als un­erläss­lich an­sah (vgl.

 

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BT-Drs. 14/4595 S. 1 und S. 37 f.; sie­he hier­zu auch BAG 12. Ju­ni 2007 - 3 AZR 14/06 - Rn. 29, BA­GE 123, 72).

(3) Der ge­setz­ge­be­ri­sche Wil­le, Ar­beit­neh­mern den Auf­bau ei­ner be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung im In­ter­es­se der da­mit ver­bun­de­nen Si­che­rungs­funk­ti­on zu ermögli­chen, wird ergänzt durch die dem Be­triebs­ren­ten­ge­setz zu­grun­de­lie­gen­de In­ten­ti­on, Be­triebs­ren­ten­an­wart­schaf­ten an­ge­sichts ih­rer zu­neh­men­den Be­deu­tung für die späte­re Al­ters­si­che­rung der Ar­beit­neh­mer möglichst lücken­los bis zum Ein­tritt des Ver­sor­gungs­falls zu si­chern und zu er­hal­ten (vgl. auch BT-Drs. 15/2150 S. 52; BT-Drs. 7/1281 S. 26). Es soll ver­hin­dert wer­den, dass un­ver­fall­ba­re An­wart­schaf­ten - wie die des Klägers - vor Ein­tritt des Ver­sor­gungs­falls aus­ge­zahlt und für die Vermögens­bil­dung, den Aus­gleich von Schul­den oder den Kon­sum statt für die vor­ge­se­he­ne Ver­sor­gung ver­wen­det wer­den (vgl. hier­zu auch BAG 17. Ok­to­ber 2000 - 3 AZR 7/00 - zu B II 2 b aa der Gründe, BA­GE 96, 54; Blo­mey­er/Rolfs/Ot­to/Rolfs Be­trAVG 6. Aufl. § 3 Rn. 2).

(4) Den be­son­de­ren Schutz von Ver­sor­gungs­an­wart­schaf­ten, je­den­falls so­weit sie auf Zu­sa­gen be­ru­hen, die - wie im Fall des Klägers - nach dem 31. De­zem­ber 2000 er­teilt wur­den (vgl. § 30f Abs. 1 Satz 2 Be­trAVG), hat der Ge­setz­ge­ber für die im We­ge der Ent­gelt­um­wand­lung er­fol­gen­de be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung auch durch flan­kie­ren­de Re­ge­lun­gen zum Aus­druck ge­bracht. Dem­ent­spre­chend sieht § 1b Abs. 5 Be­trAVG vor, dass sol­che An­wart­schaf­ten so­fort un­ver­fall­bar und da­mit so­gleich nach § 7 Abs. 2 Be­trAVG in­sol­venz­geschützt sind. § 1b Abs. 5 Be­trAVG be­stimmt, dass dem Ar­beit­neh­mer bei ei­ner Ent­gelt­um­wand­lung im Durchführungs­weg der Di­rekt­ver­si­che­rung so­fort ein un­wi­der­ruf­li­ches Be­zugs­recht ein­zuräum­en ist, ihm al­le Über­schussan­tei­le über ei­ne Erhöhung der Ver­si­che­rungs­leis­tung zu­gu­te­kom­men müssen und der aus­ge­schie­de­ne Ar­beit­neh­mer das Recht zur Fort­set­zung der Ver­si­che­rung mit ei­ge­nen Beiträgen ha­ben muss. Auch § 1a Abs. 4 Be­trAVG lässt die In­ten­ti­on des Ge­setz­ge­bers, Lücken in der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung zu ver­mei­den, er­ken­nen. Die Vor­schrift sieht für den Fall ei­ner Ent­gelt­um­wand­lungs­ab­re­de vor, dass der Ar­beit­neh­mer auch im lau­fen­den Ar­beits­verhält­nis das Recht hat,

 

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die Ver­si­che­rung oder Ver­sor­gung mit ei­ge­nen Beiträgen fort­zu­set­zen, wenn er kein Ent­gelt erhält. Da­mit wird dem Ar­beit­neh­mer die Be­fug­nis ein­geräumt, un­mit­tel­bar ei­ge­ne Mit­tel für den Auf­bau sei­ner Al­ters­ver­sor­gung ein­zu­set­zen. Ei­ne Möglich­keit für den Ar­beit­neh­mer, das an­ge­sam­mel­te Ka­pi­tal nach ei­ner Auflösung des Ver­sor­gungs­ver­trags an­der­wei­tig zu ver­wen­den, enthält die Re­ge­lung al­ler­dings ge­ra­de nicht (vgl. LAG Hamm 19. Fe­bru­ar 2014 - 4 Sa 1384/13 - Rn. 21).

(5) Die den ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten zu­grun­de­lie­gen­den Wer­tun­gen sind auch für den In­halt des zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­den Schuld­verhält­nis­ses im Hin­blick auf die Di­rekt­ver­si­che­rung prägend und des­halb bei der Be­stim­mung von In­halt und Gren­zen der ar­beit­ge­ber­sei­ti­gen Rück­sicht­nah­me­pflicht zu be­ach­ten. Ei­ne Be­rech­ti­gung des Ar­beit­neh­mers, die Be­en­di­gung des Di­rekt­ver­si­che­rungs­ver­trags vor­zei­tig zu er­zwin­gen und das an­ge­spar­te Ka­pi­tal zur Til­gung von Schul­den zu ver­wer­ten, wi­derspräche grundsätz­lich dem Ver­sor­gungs­zweck der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung. Un­er­heb­lich ist, dass die Ent­gelt­um­wand­lungs­ab­re­de der Par­tei­en be­reits im Jahr 2001 und da­mit vor In­kraft­tre­ten des durch Art. 9 Nr. 4 des Ge­set­zes vom 26. Ju­ni 2001 (BGBl. I S. 1310) mit Wir­kung zum 1. Ja­nu­ar 2002 (Art. 35 des Ge­set­zes) ein­gefügten § 1a Be­trAVG ab­ge­schlos­sen wur­de. Nach § 1a Abs. 2 Be­trAVG schließt ei­ne schon be­ste­hen­de Ent­gelt­um­wand­lung Ansprüche nach § 1a Be­trAVG aus. Da­mit be­han­delt das Ge­setz ei­ne vor des­sen In­kraft­tre­ten ver­ein­bar­te Ent­gelt­um­wand­lung grundsätz­lich gleich­wer­tig mit ei­ner auf ge­setz­li­cher Grund­la­ge be­gründe­ten Ent­gelt­um­wand­lung.

bb) Der Kläger hat kein schützens­wer­tes In­ter­es­se dar­ge­legt, das ge­eig­net wäre, die mit der Ent­gelt­um­wand­lungs­ver­ein­ba­rung be­zweck­te Ab­si­che­rung im Al­ter zu be­sei­ti­gen.

(1) Mit der ge­setz­li­chen Zweck­set­zung ei­ner Ver­ein­ba­rung über die Um­wand­lung von Ent­gelt in Leis­tun­gen der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung ist es nicht ver­ein­bar, wenn der Kläger von sei­ner Ar­beit­ge­be­rin ver­lan­gen könn­te, die Di­rekt­ver­si­che­rung zu kündi­gen, um ihm zu ermögli­chen, das für den Ver­sor-

 

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gungs­fall be­reits an­ge­spar­te Ka­pi­tal für den Aus­gleich von Ver­bind­lich­kei­ten zu ver­wen­den. Es kann da­hin­ste­hen, ob et­was an­de­res gel­ten würde, wenn ei­ne Zwangs­ver­stei­ge­rung sei­nes Hau­ses un­mit­tel­bar be­vorstünde und die Auflösung der Di­rekt­ver­si­che­rung mit der Aus­zah­lung des Rück­kaufs­werts den Ver­lust des selbst ge­nutz­ten Wohn­ei­gen­tums ver­hin­der­te. Ei­ne sol­che aku­te Not­la­ge hat der Kläger nicht vor­ge­tra­gen. Er hat le­dig­lich ei­ne abs­trak­te Ge­fahr be­haup­tet.

(2) Et­was an­de­res folgt auch nicht dar­aus, dass dem Kläger bzw. sei­nen Hin­ter­blie­be­nen in der Ent­gelt­um­wand­lungs­ver­ein­ba­rung ein un­wi­der­ruf­li­ches Be­zugs­recht auf die Ver­si­che­rungs­leis­tung ein­sch­ließlich der Über­schussan­tei­le ein­geräumt wor­den ist. Dies ent­spricht den für die Ent­gelt­um­wand­lung gel­ten­den ge­setz­li­chen Vor­ga­ben (§ 1b Abs. 5 Satz 2 Be­trAVG). Hier­aus kann der Kläger da­her nichts Wei­ter­ge­hen­des her­lei­ten. Auch bei ei­ner un­wi­der­ruf­li­chen Be­zugs­be­rech­ti­gung ei­nes Drit­ten ver­bleibt das Recht, das Ver­si­che­rungs­verhält­nis zu kündi­gen, beim Ver­si­che­rungs­neh­mer (vgl. BGH 8. Ju­ni 2016 - IV ZR 346/15 - Rn. 12 und 17 f.; 2. De­zem­ber 2009 - IV ZR 65/09 - Rn. 14 mwN). Ei­ne Ob­lie­gen­heit, an der Auflösung des Ver­si­che­rungs­ver­trags mit­zu­wir­ken, folgt hier­aus nicht.

3. Ob und un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ein Ar­beit­neh­mer ei­nen An­spruch dar­auf hat, dass der Ar­beit­ge­ber ei­ne al­lein ar­beit­ge­ber­sei­tig fi­nan­zier­te be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung im We­ge der Di­rekt­ver­si­che­rung kündigt, muss der Se­nat nicht ent­schei­den. Ei­ne sol­che Fall­ge­stal­tung liegt nicht vor.

II. Der Kla­ge­an­trag zu 2. ist dem Se­nat nicht zur Ent­schei­dung an­ge­fal­len.

Es han­delt sich nach der ge­bo­te­nen Aus­le­gung um ei­nen un­ech­ten Hilfs­an­trag, der er­kenn­bar nur für den Fall ge­stellt ist, dass dem An­trag zu 1. statt­ge­ge­ben wird. Unschädlich ist, dass der Kläger das Even­tual­verhält­nis nicht aus­drück­lich in der Fas­sung sei­ner Anträge zum Aus­druck ge­bracht hat (vgl. et­wa BAG 21. März 2017 - 3 AZR 464/15 - Rn. 46 mwN).

 

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III. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 97 Abs. 1 ZPO.

Zwan­zi­ger
Ah­rendt
Wem­heu­er
Schmalz
Schultz

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