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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/108

Be­hin­de­rung der Be­triebs­rats­wah­len durch den Ar­beit­ge­ber

Ei­ni­ge Ar­beit­ge­ber be­hin­dern ge­zielt die Mit­be­stim­mung und Wahl des Be­triebs­rats: Stif­tung der Hans-Böck­ler-Stif­tung
Stimmzettel in Wahlurne werden, Betriebsratswahl

05.11.2020. Be­triebs­rä­te sind ein wich­ti­ges In­stru­ment für die In­ter­es­sens­ver­tre­tung der Ar­beit­neh­mer.

Er be­steht aus Ar­beit­neh­mern und ver­tritt die Be­leg­schaft. Er wacht über die Ein­hal­tung der Ge­set­ze und Vor­schrif­ten zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer, sorgt für die Gleich­be­rech­ti­gung der Be­schäf­tig­ten und ver­folgt vie­le wei­te­re wich­ti­ge Auf­ga­ben.

Zur de­mo­kra­ti­schen Le­gi­ti­ma­ti­on des Be­triebs­rats in­ner­halb des Be­triebs wird die­ser von den wahl­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mern ge­wählt. Zwar ist in den meis­ten Be­trie­ben das Ver­hält­nis zwi­schen den Be­triebs­rä­ten und dem Ar­beit­ge­ber gut, je­doch zeigt ei­ne neue Stu­die der Hans-Böck­ler-Stif­tung, dass ei­ni­ge Ar­beit­ge­ber ver­su­chen, die Ar­beit des Be­triebs­rats und die Be­triebs­rats­wah­len zu be­ein­träch­ti­gen.

In der Stu­die un­ter­such­ten Mar­kus Hert­wig und Oli­ver Thün­ken vom Lehr­stuhl So­zio­lo­gie mit Schwer­punkt Ar­beit und Or­ga­ni­sa­ti­on an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Chem­nitz zu­sam­men mit Al­run Fi­scher und Sis­sy Mor­gen­roth von der Be­ra­tungs­ge­sell­schaft AFB, mit wel­chen Mit­teln Ar­beit­ge­ber die be­trieb­li­che Mit­be­stim­mung zu er­schwe­ren ver­su­chen.

Für die Stu­die wur­den die In­dus­trie­ge­werk­schaft (IG) Me­tall, die IG Berg­bau, Che­mie, En­er­gie (IG BCE), die Ge­werk­schaft Nah­rung-Ge­nuss-Gast­stät­ten (NGG) und die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di be­fragt und 172 be­ant­wor­te­te Fra­ge­bö­gen aus­ge­wer­tet.

33 Pro­zent der Ge­werk­schaf­ter von IG BCE be­rich­te­ten von Be­hin­de­run­gen der Be­triebs­rats­wah­len in ih­rem Zu­stän­dig­keits­be­reich, bei IG Me­tall lag der An­teil bei 44 Pro­zent und bei NGG so­gar bei 52 Pro­zent.

Die Mit­tel, de­nen sich die Ar­beit­ge­ber da­bei be­die­nen, sind viel­fäl­tig: Sie rei­chen von klei­nen Be­ein­träch­ti­gun­gen bis hin zu stra­te­gisch ge­plan­ten Maß­nah­men, die teil­wei­se von auf Mit­be­stim­mungs­be­hin­de­rung spe­zia­li­sier­ten An­walts­kanz­lei­en ko­or­di­niert sind.

Häu­figs­te Be­ein­träch­ti­gung mit 69 Pro­zent der Be­trie­be, bei de­nen es zu Be­ein­träch­ti­gun­gen kam, ist die Ein­schüch­te­rung von Kan­di­da­ten. Dies reicht von ver­ba­len Dro­hun­gen über will­kür­li­che Ver­set­zung bis hin zu Ab­mah­nun­gen.

Teil­wei­se wer­den so­gar die Kan­di­da­ten oder die Mit­glie­der des Wahl­vor­stands ge­kün­digt (17 Pro­zent bzw. 9 Pro­zent). Auch mit der Be­triebs­schlie­ßung, Out­sour­cing oder Re­struk­tu­rie­rung wird ge­droht.

Ein wei­te­res Mit­tel zur Be­ein­träch­ti­gung der Wah­len ist es, Kan­di­da­ten "her­aus­zu­kau­fen". In ei­nem Fall, über den Re­port Mainz be­rich­tet, wur­de ei­ner Be­triebs­rä­tin ein neu­er Job in­klu­si­ve Ta­rif­zu­la­ge an­ge­bo­ten, wenn sie ihr Man­dat als Be­triebs­rats­mit­glied nie­der­legt.

In 66 Pro­zent der be­trof­fe­nen Be­trie­be wur­de die Be­stel­lung ei­nes Wahl­vor­stan­des ver­hin­dert, in 43 Pro­zent ar­beit­ge­ber­na­he Kan­di­da­ten vom Ar­beit­ge­ber ge­zielt un­ter­stützt.

Auch wird ver­sucht, die Be­leg­schaft zu spal­ten, um die Un­ter­stüt­zung für den Be­triebs­rat zu ver­min­dern. Ei­ne Ge­fahr se­hen die Au­to­ren der Stu­die dort, wo durch struk­tu­rel­le Be­ein­träch­ti­gung wie ho­hen bü­ro­kra­ti­schen Auf­wand und im­men­se Kos­ten der Be­triebs­rat kaum mit sei­nen ei­gent­li­chen Zie­len vor­an­kommt und so­mit kei­ne Vor­tei­le für die Be­leg­schaft er­zie­len kann. Denn ge­ra­de die Rück­halt des Be­triebs­rats un­ter den Be­schäf­tig­ten ist der "ent­schei­den­de Fak­tor", um sich ge­gen­über den Ar­beit­ge­ber stark zu ma­chen. Da­her be­to­nen die Au­to­ren die Be­deu­tung von So­li­da­ri­tät, Zu­stim­mung und ak­ti­ve Be­tei­li­gung der Be­triebs­an­ge­hö­ri­gen.

Schließ­lich wird auch die Ar­beit der Be­triebs­rä­te häu­fig er­schwert. So wer­den sys­te­ma­tisch die Mit­be­stim­mungs­rech­te miss­ach­tet, in­dem der Be­triebs­rat zu spät oder un­voll­stän­dig in­for­miert wird, Fris­ten miss­ach­tet wer­den und An­fra­gen der Be­triebs­rats­mit­glie­der igno­riert wer­den.

Die Grün­de für die Be­ein­träch­ti­gung sind ver­schie­den, so die Au­to­ren der Stu­die. Se­hen ei­ne Ar­beit­ge­ber die Mit­be­stim­mung nur als "ner­vig" oder "zeit­auf­wen­dig", leh­nen an­de­re die­se aus ideo­lo­gi­schen Grün­den ab. Am häu­figs­ten kom­men die Be­ein­träch­ti­gun­gen da­bei in Be­trie­ben vor, in de­nen es kei­ne Tra­di­ti­on der Mit­be­stim­mung gibt. Dies sind laut der Stu­die vor al­lem Start-ups, Be­trie­be in Re­gio­nen mit schwa­cher Mit­be­stim­mungs­kul­tur und Nie­der­las­sun­gen aus­län­di­scher Un­ter­neh­men. Die Grö­ße der Un­ter­neh­men spie­le da­bei aber kei­ne Rol­le.

Aus die­sen Be­ein­träch­ti­gun­gen schlie­ßen die Au­to­ren, dass po­li­ti­sche Kon­se­quen­zen not­wen­dig sind. Vor al­lem der Kün­di­gungs­schutz für Initia­to­ren von Be­triebs­rats­wah­len soll­te ver­bes­sert wer­den. Aber auch die Ahn­dung von Ver­stö­ßen und Be­ein­träch­ti­gun­gen soll­ten kon­se­quen­ter ver­folgt wer­den kön­nen: Die Au­to­ren plä­die­ren da­für, die Mit­be­stim­mungs­be­hin­de­rung von ei­nem An­trags- zu ei­nem Of­fi­zi­al­de­likt um­zu­wan­deln. Dies wür­de be­deu­ten, dass Staats­an­wäl­te auch oh­ne An­zei­ge der be­trof­fe­nen Be­triebs­an­ge­hö­ri­gen die Straf­ver­fol­gung auf­neh­men könn­te. Schließ­lich sind auch spe­zia­li­sier­te Staats­an­walt­schaf­ten von Nö­ten, die sie spe­zi­ell um sol­che Be­ein­träch­ti­gun­gen küm­mern.

Die­se For­de­run­gen stellt auch der DGB-Chef Rei­ner Hoff­mann ge­gen­über Re­port Mainz auf. Denn er mahnt: "Ar­beit­ge­ber ver­su­chen ver­stärkt, sich ih­rer Ver­ant­wor­tung zu ent­zie­hen. Sie miss­ach­ten re­gel­recht gel­ten­des Recht". Da­ge­gen soll­te der Staat nach sei­ner An­sicht ge­zielt vor­ge­hen.

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

 

 

 

Letzte Überarbeitung: 11. Dezember 2020

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