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ARBEITSRECHT AKTUELL // 19/194

Sach­grund­lo­se Be­fris­tung bei Vor­be­schäf­ti­gung vor lan­ger Zeit

22 Jah­re nach ei­ner erst­ma­li­gen Be­schäf­ti­gung ist ei­ne er­neu­te sach­grund­lo­se Be­fris­tung bei dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber zu­läs­sig: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 21.08.2019, 7 AZR 452/17
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21.08.2019. An­fang die­ses Jah­res hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) sei­ne seit 2011 be­ste­hen­de Recht­spre­chung auf­ge­ge­ben, der zu­fol­ge die Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­hält­nis­ses oh­ne Sach­grund trotz des ge­setz­li­chen Vor­be­schäf­ti­gungs­ver­bots mög­lich ist, wenn zwi­schen al­tem und neu­em Ar­beits­ver­hält­nis mehr als drei Jah­re Ka­renz­zeit lie­gen.

Nach der neu­en Recht­spre­chung ge­nügt ei­ne drei­jäh­ri­ge Ka­ren­zeit nicht mehr. Viel­mehr macht im All­ge­mei­nen je­de (d.h. auch ei­ne lan­ge zu­rück­lie­gen­de) Vor­be­schäf­ti­gung ei­ne sach­grund­lo­sen Be­fris­tung beim sel­ben Ar­beit­ge­ber un­zu­läs­sig (BAG, Ur­teil vom 23.01.2019, 7 AZR 733/16, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 19/025 Neue BAG-Recht­spre­chung zur sach­grund­lo­sen Be­fris­tung 2019).

Die neue Li­nie ist Fol­ge ei­ner Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG) vom Ju­ni 2018, das die Drei-Jah­res-Gren­ze als Ver­stoß ge­gen die Ge­set­zes­bin­dung der Jus­tiz be­an­stan­det hat­te (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 18/143 BAG-Recht­spre­chung zum Vor­be­schäf­ti­gungs­ver­bot ge­kippt).

Da das BVerfG al­ler­dings bei "sehr lan­ge zu­rück­lie­gen­den" Vor­be­schäf­ti­gun­gen die Mög­lich­keit ei­ner er­neu­ten sach­grund­lo­sen Be­schäf­ti­gung zu­ge­las­sen hat, liegt der Ball wie­der beim BAG: Wann liegt ei­ne Vor­be­schäf­ti­gung "sehr lan­ge" zu­rück?

Acht Jah­re sind ei­ne zu kur­ze Zeit, so das BAG im Ja­nu­ar 2019 (BAG, Ur­teil vom 23.01.2019, 7 AZR 733/16). Da­ge­gen sind 22 Jah­re aus­rei­chend lang, so dass ei­ne er­neu­te sach­grund­lo­se Be­fris­tung zu­läs­sig ist: BAG, Ur­teil vom 21.08.2019, 7 AZR 452/17 (Pres­se­mel­dung des Ge­richts).

Wann liegt ei­ne Vor­beschäfti­gung so lan­ge zurück, dass bei ei­ner er­neu­ten Beschäfti­gung das Ver­bot ei­ner sach­grund­lo­sen Be­fris­tung un­zu­mut­bar wäre?

Gemäß § 14 Abs.2 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG) ist die Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses auch oh­ne Sach­grund zulässig, al­ler­dings für ma­xi­mal zwei Jah­re. Vor­aus­set­zung ist, dass der Ar­beit­neh­mer nicht be­reits "zu­vor" bei dem Ar­beit­ge­ber beschäftigt war. § 14 Abs.2 Satz 1 und 2 Tz­B­fG lau­tet:

„Die ka­len­dermäßige Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges oh­ne Vor­lie­gen ei­nes sach­li­chen Grun­des ist bis zur Dau­er von zwei Jah­ren zulässig; bis zu die­ser Ge­samt­dau­er von zwei Jah­ren ist auch die höchs­tens drei­ma­li­ge Verlänge­rung ei­nes ka­len­dermäßig be­fris­te­ten Ar­beits­ver­tra­ges zulässig. Ei­ne Be­fris­tung nach Satz 1 ist nicht zulässig, wenn mit dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber be­reits zu­vor ein be­fris­te­tes oder un­be­fris­te­tes Ar­beits­verhält­nis be­stan­den hat.“

Mit dem sog. Ver­bot der Vor­beschäfti­gung soll ver­hin­dert wer­den, dass die­sel­ben Ar­beit­neh­mer im­mer wie­der beim sel­ben Ar­beit­ge­ber oh­ne Sach­grund beschäftigt wer­den. Die für Ar­beit­ge­ber "prak­ti­sche" Möglich­keit der sach­grund­lo­sen Beschäfti­gung soll auf ech­te Neu­ein­stel­lun­gen be­schränkt sein. Nach dem Wort­laut des Ge­set­zes ("be­reits zu­vor") ist ei­ne sach­grund­lo­se Be­fris­tung auch dann un­zulässig (so dass ein un­be­fris­te­tes Ar­beits­verhält­nis be­steht), wenn der Ar­beit­neh­mer ir­gend­wann ein­mal (auch vor lan­gen Jah­ren) ein­mal kurz­fris­tig im Un­ter­neh­men tätig war, z.B. als Werk­stu­dent oder Trainee.

Ei­ne so ri­go­ro­se An­wen­dung des Ge­set­zes woll­te das BAG nicht mit­ma­chen und ent­schied 2011, dass ei­ne sach­grund­lo­se Be­fris­tung schon dann möglich ist, wenn zwi­schen den Par­tei­en mehr als drei Jah­re lang kein Ar­beits­verhält­nis be­stand (BAG, Ur­teil vom 06.04.2011, 7 AZR 716/09, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/074 Sach­grund­lo­se Be­fris­tung von Ar­beits­verträgen er­leich­tert).

Für die­se Drei-Jah­res-Gren­ze fin­det sich aber nicht ein­mal an­deu­tungs­wei­se ei­ne Stütze im Ge­setz. Sie ist da­her ein un­zulässi­ger Ver­s­toß ge­gen die Ge­set­zes­bin­dung der Jus­tiz (Art.20 Abs.3 Grund­ge­setz - GG) und da­her ver­fas­sungs­wid­rig, so das BVerfG 2018 (BVerfG, Be­schluss vom 06.06.2018, 1 BvL 7/14 und 1 BvR 1375/14, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 18/143 BAG-Recht­spre­chung zum Vor­beschäfti­gungs­ver­bot ge­kippt).

In sei­nem Be­schluss hat das BVerfG al­ler­dings ein Schlupf­loch für ei­ne "an­ge­mes­se­ne" Be­schränkung des Vor­beschäfti­gungs­ver­bots of­fen ge­las­sen. Hier heißt es nämlich, dass das Ver­bot der sach­grund­lo­sen Be­fris­tung un­zu­mut­bar sein kann, wenn kei­ne Ge­fahr ei­ner Ket­ten­be­fris­tung in Aus­nut­zung der "struk­tu­rel­len Un­ter­le­gen­heit" des Ar­beit­neh­mers be­steht, und das Ver­bot da­her nicht er­for­der­lich ist, "um das un­be­fris­te­te Ar­beits­verhält­nis als Re­gel­beschäfti­gungs­form zu er­hal­ten" (BVerfG, Be­schluss vom 06.06.2018, 1 BvL 7/14 und 1 BvR 1375/14, Rn.62). Da­bei denkt das BVerfG kon­kret an fol­gen­de Fälle:

"Das sich (...) aus § 14 Abs.2 Satz 2 Tz­B­fG er­ge­ben­de Ver­bot der sach­grund­lo­sen Be­fris­tung des Ar­beits­ver­tra­ges kann ins­be­son­de­re un­zu­mut­bar sein, wenn ei­ne Vor­beschäfti­gung sehr lang zurück­liegt, ganz an­ders ge­ar­tet war oder von sehr kur­zer Dau­er ge­we­sen ist. So liegt es et­wa bei ge­ringfügi­gen Ne­ben­beschäfti­gun­gen während der Schul- und Stu­di­en- oder Fa­mi­li­en­zeit (...), bei Werk­stu­die­ren­den und stu­den­ti­schen Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern im Rah­men ih­rer Be­rufs­qua­li­fi­zie­rung (...) oder bei ei­ner er­zwun­ge­nen oder frei­wil­li­gen Un­ter­bre­chung der Er­werbs­bio­gra­phie, die mit ei­ner be­ruf­li­chen Neu­ori­en­tie­rung oder ei­ner Aus- und Wei­ter­bil­dung ein­her­geht (...). Die Fach­ge­rich­te können und müssen (!) in der­ar­ti­gen Fällen durch ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung den An­wen­dungs­be­reich von § 14 Abs.2 Satz 2 Tz­B­fG ein­schränken." (BVerfG, Be­schluss vom 06.06.2018, 1 BvL 7/14 und 1 BvR 1375/14, Rn.63)

Wie oben erwähnt, hat das BAG im Ja­nu­ar 2019 be­reits klar­ge­stellt, dass ei­ne acht Jah­re zurück­lie­gen­de Vor­beschäfti­gung nicht aus­reicht, um ei­ne sach­grund­lo­se Be­fris­tung beim sel­ben Ar­beit­ge­ber (wie­der) zu­zu­las­sen. Aber wie ist es, wenn seit dem ers­ten Ar­beits­verhält­nis über 20 Jah­re ver­gan­gen sind?

Im Streit: Sach­grund­lo­se Beschäfti­gung bei der Ar­beits­ver­wal­tung, nach­dem die Par­tei­en 22 Jah­re lang ge­trenn­te We­ge ge­gan­gen sind

Die kla­gen­de Ar­beit­neh­me­rin war zunächst vom 22.10.1991 bis 30.11.1992 bei der Ar­beits­ver­wal­tung als Hilfs­be­ar­bei­te­rin für Kin­der­geld beschäftigt.

Knapp 22 Jah­re schlos­sen die Par­tei­en er­neut ei­nen Ar­beits­ver­trag über die Tätig­keit der Kläge­rin als Te­le­fon­ser­vice­be­ra­te­rin im Ser­vice­cen­ter. Der Ar­beits­ver­trag war be­fris­tet vom 15.10.2014 bis zum 30.06.2015 und wur­de so­dann um ein Jahr bis zum 30.06.2016 verlängert. Da­nach woll­te der Ar­beit­ge­ber kei­ner wei­te­ren Verlänge­rung zu­stim­men.

Die Ar­beit­neh­me­rin er­hob vor dem Ar­beits­ge­richt Ne­umüns­ter Ent­fris­tungs­kla­ge, d.h. sie klag­te auf die Fest­stel­lung, dass ihr Ar­beits­verhält­nis nicht auf­grund der Be­fris­tung am 30.06.2016 ge­en­det hat. Das Ar­beits­ge­richt wies die Kla­ge ab (Ur­teil vom 15.06.2016, 1 Ca 358b/16), während das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Schles­wig-Hol­stein der Kläge­rin Recht gab (Ur­teil vom 27.07.2017, 4 Sa 221/16). Auf­grund der vom LAG zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on lan­de­te der Fall beim BAG. 

BAG: Sind nach ei­ner erst­ma­li­gen Beschäfti­gung 22 Jah­re ver­gan­gen, ist ei­ne er­neu­te sach­grund­lo­se Be­fris­tung bei sel­ben Ar­beit­ge­ber zulässig

Das BAG gab wie­der­um dem Ar­beit­ge­ber Recht. Da­bei be­ruft sich das BAG in sei­ner der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung zur Be­gründung vor al­lem auf das BVerfG:

Nach der Ent­schei­dung des BVerfG vom 06.06.2018 (1 BvL 7/14 und 1 BvR 1375/14) muss der An­wen­dungs­be­reich von § 14 Abs.2 Satz 2 Tz­B­fG nämlich in ei­ni­gen Fällen ein­schränkt wer­den. Das sind Fälle, in de­nen das Ver­bot der sach­grund­lo­sen Be­fris­tung un­zu­mut­bar ist, weil kei­ne Ge­fahr der Ket­ten­be­fris­tung be­steht und das Ver­bot nicht er­for­der­lich ist, um das un­be­fris­te­te Ar­beits­verhält­nis als Re­gel­beschäfti­gungs­form zu er­hal­ten, so das BAG un­ter Über­nah­me der For­mu­lie­run­gen des BVerfG.

Das Ver­bot der sach­grund­lo­sen Be­fris­tung kann da­nach u.a. un­zu­mut­bar sein, wenn ei­ne Vor­beschäfti­gung sehr lang zurück­liegt. Um ei­nen sol­chen Fall han­delt es sich vor­lie­gend, so die Er­fur­ter Rich­ter, da die Vor­beschäfti­gung bei der er­neu­ten Ein­stel­lung schon 22 Jah­re zurück­lag. Be­son­de­re Umstände, die trotz­dem für die An­wen­dung des Vor­beschäfti­gungs­ver­bots spre­chen könn­ten, la­gen nicht vor, so das BAG.

Fa­zit: Wird ein Ar­beit­neh­mer 22 Jah­re nach der Be­en­di­gung sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses er­neut bei dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber ein­ge­stellt, ist das Ver­bot der sach­grund­lo­sen Be­fris­tung nach ei­ner Vor­beschäfti­gung im Re­gel­fall nicht an­zu­wen­den.

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Letzte Überarbeitung: 28. August 2019

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