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BAG, Ur­teil vom 27.01.2016, 5 AZR 277/14

   
Schlagworte: Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB)
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 5 AZR 277/14
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 27.01.2016
   
Leitsätze: Enthält eine Verfallklausel - sprachlich verschränkt - inhaltlich trennbare Ausschlussfristenregelungen für verschiedene Arten von Ansprüchen, kann der Vertragstext des unwirksamen Teils der Klausel zur Auslegung der verbleibenden Regelung herangezogen werden.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht Gießen, Urteil vom 25.01.2013, 10 Ca 119/11
Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 18.12.2013, 6 Sa 357/13
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

5 AZR 277/14
6 Sa 357/13
Hes­si­sches
Lan­des­ar­beits­ge­richt

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
27. Ja­nu­ar 2016

UR­TEIL

Klei­nert, Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläger, Be­ru­fungs­be­klag­ter und Re­vi­si­onskläger,

pp.

Be­klag­te, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

hat der Fünf­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der Be­ra­tung vom 27. Ja­nu­ar 2016 durch den Vi­ze­präsi­den­ten des Bun­des­ar­beits­ge­richts Dr. Müller-Glöge, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Biebl, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt We­ber so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Krem­ser und Pol­lert für Recht er­kannt:

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1. Die Re­vi­si­on des Klägers ge­gen das Ur­teil des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 18. De­zem­ber 2013 - 6 Sa 357/13 - wird zurück­ge­wie­sen.

2. Der Kläger hat die Kos­ten der Re­vi­si­on zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über Dif­fe­renz­vergütung un­ter dem Ge­sichts­punkt des equal pay.

Der Kläger war vom 5. März 1998 bis zum 29. No­vem­ber 2013 bei der Be­klag­ten, die ne­ben ei­nem ei­ge­nen Pro­duk­ti­ons­be­trieb auch Ar­beit­neh­merüber­las­sung be­treibt, als Put­zer von Guss­tei­len beschäftigt. In dem in die Re­vi­si­ons­in­stanz ge­lang­ten Streit­zeit­raum - die Jah­re 2008 und 2009 - war der Kläger mehr­fach der F GmbH & Co. KG (fort­an Ent­lei­he­rin) über­las­sen und er­hielt da­bei ei­nen Brut­to­stun­den­lohn von 10,00 Eu­ro nebst Zu­schlägen für Nacht- und Fei­er­tags­ar­beit. Von März bis Sep­tem­ber 2009 so­wie im De­zem­ber 2009 war der Kläger von Kurz­ar­beit be­trof­fen.

Dem Ar­beits­verhält­nis lag zunächst ein For­mu­lar­ar­beits­ver­trag vom 1. Ja­nu­ar 1999 (im Fol­gen­den AV 1999) zu­grun­de, in dem es ua. heißt:

„§ 11 Aus­schlußfrist

(1) Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis müssen wie folgt gel­tend ge­macht wer­den: Ansprüche auf Zu­schläge al­ler Art so­fort, spätes­tens in­ner­halb von 4 Wo­chen nach Ab­rech­nung des Zeit­raums, bei dem sie hätten ab­ge­rech­net wer­den müssen; al­le übri­gen bei­der­sei­ti­gen Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis in­ner­halb von drei Mo­na­ten nach ih­rer Fällig­keit.

(2) Ei­ne Gel­tend­ma­chung nach Ab­lauf der un­ter Zif­fer 1 fest­ge­setz­ten Frist ist aus­ge­schlos­sen.

(3) Ist ein An­spruch recht­zei­tig er­ho­ben wor­den und lehnt der Ar­beit­ge­ber sei­ne Erfüllung ab, so hat der Ar­beit­neh­mer den An­spruch in­ner­halb von drei Mo­na­ten seit der

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Ab­leh­nung ge­richt­lich gel­tend zu ma­chen. Ei­ne späte­re Gel­tend­ma­chung ist aus­ge­schlos­sen.

§ 12 Ergänzen­de Vor­schrif­ten

So­weit in die­sem Ver­trag ein­zel­ne Be­stim­mun­gen des Man­tel­ta­rif­ver­tra­ges ein­be­zo­gen sind, han­delt es sich hier­bei um den Man­tel­ta­rif­ver­trag für das Me­tall­bau­er-Hand­werk, das Ma­schi­nen­bau­me­cha­ni­ker-Hand­werk, das Werk­zeug­ma­cher-Hand­werk, das Dre­her-Hand­werk, das Fein­me­cha­ni­ker-Hand­werk, das Me­tall­for­mer- und das Me­tall­gießer-Hand­werk in Hes­sen in der je­weils gülti­gen Fas­sung. Über die aus­drück­lich in die­sem Ver­trag be­zeich­ne­ten Be­stim­mun­gen hin­aus fin­det der Man­tel­ta­rif­ver­trag aber kei­ne An­wen­dung.“

Am 29. Ja­nu­ar 2010 schlos­sen die Par­tei­en ei­nen neu­en Ar­beits­ver­trag (im Fol­gen­den AV 2010), der aus­zugs­wei­se lau­tet:

„§ 2 An­wen­dung ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges

1. Für die­sen Ar­beits­ver­trag kom­men der Man­tel­ta­rif­ver­trag, der Ent­gelt­rah­men­ta­rif­ver­trag, der Ent­gelt­ta­rif­ver­trag und der Ta­rif­ver­trag zur Beschäfti­gungs­si­che­rung des In­ter­es­sen­ver­ban­des Deut­scher Zeit­ar­beits­un­ter­neh­men in ih­rer je­wei­li­gen gülti­gen Fas­sung zur An­wen­dung. Ei­ne Ta­rif­bin­dung be­steht nicht.

...

§ 4 Be­ginn und Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses

Das Ar­beits­verhält­nis hat auf­grund des zwi­schen den Ver­trags­sch­ließen­den ver­ein­bar­ten Ar­beits­ver­tra­ges vom 05.03.1998 be­reits zum 05.03.1998 be­gon­nen. Es ist un­be­fris­tet. Zwi­schen den Ver­trags­sch­ließen­den be­steht Ei­nig­keit darüber, dass der vor­ge­nann­te Ar­beits­ver­trag durch die Re­ge­lun­gen die­ses Ver­tra­ges er­setzt wird.

...

§ 23 Be­son­de­re Ver­ein­ba­run­gen

Zwi­schen den Ver­trags­sch­ließen­den be­steht Ei­nig­keit darüber, dass die vor­ste­hend ver­ein­bar­ten ar­beits­ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen sämt­li­che Re­ge­lun­gen des bis­he­ri­gen Ar­beits­ver­tra­ges er­set­zen und aus dem bis­he­ri­gen Ar­beits­ver­trag sämt­li­che Ansprüche, gleich wel­cher Art, be­kannt oder un­be­kannt, ab­ge­gol­ten und er­le­digt sind; die bis­he­ri­ge Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit (zeit­li­che Fak­tor) bleibt hier­von un­berührt. Im Übri­gen be­steht zwi­schen den Ver­trags­sch­ließen­den Ei­nig­keit darüber, dass die

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Be­stim­mun­gen der vor­ste­hend be­zeich­ne­ten ta­rif­li­chen Re­ge­lun­gen be­reits im Rah­men des bis­he­ri­gen Ver­trags­verhält­nis­ses An­wen­dung ge­fun­den ha­ben.“

Mit Schrei­ben vom 20. Au­gust 2010 for­der­te der Kläger die Be­klag­te auf, ihm be­gin­nend ab Ja­nu­ar 2007 für die Zei­ten der Über­las­sung an die Ent­lei­he­rin „ord­nungs­gemäße“ Ab­rech­nun­gen un­ter Berück­sich­ti­gung des Lohn­rah­men­ta­rif­ver­trags für die Ei­sen-, Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie des Lan­des Hes­sen zu er­tei­len und „sich dar­aus er­ge­ben­de Lohn­ansprüche“ aus­zu­glei­chen. Dem kam die Be­klag­te nicht nach.

Mit der am 2. März 2011 ein­ge­reich­ten Kla­ge hat der Kläger zunächst die­ses Be­gehr für die Zeit ab Ja­nu­ar 2008 wei­ter­ver­folgt. Nach­dem er von der Ent­lei­he­rin ei­ne Aus­kunft nach § 13 AÜG ein­ge­holt hat­te, hat der Kläger mit Schrift­satz vom 1. Au­gust 2011 auf ei­ne be­zif­fer­te Leis­tungs­kla­ge um­ge­stellt und un­ter Be­ru­fung auf § 10 Abs. 4 AÜG für die Zeiträume der Über­las­sun­gen an die Ent­lei­he­rin die Dif­fe­renz zwi­schen der von der Be­klag­ten er­hal­te­nen Vergütung und dem Ar­beits­ent­gelt, das die Ent­lei­he­rin ver­gleich­ba­ren Stamm­ar­beit­neh­mern gewährt ha­ben soll, ver­langt. Außer­dem ste­he ihm ein jähr­li­ches Ur­laubs­geld in der von ver­gleich­ba­ren Stamm­ar­beit­neh­mern be­zo­ge­nen Höhe so­wie ei­ne auf der Grund­la­ge des Ver­gleichs­ent­gelts be­rech­ne­te „Kurz­ar­bei­ter­vergütung“ zu.

Der Kläger hat - so­weit die Kla­ge in die Re­vi­si­ons­in­stanz ge­langt ist - zu­letzt sinn­gemäß be­an­tragt,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an den Kläger 10.540,33 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 7. März 2011 zu zah­len und über die Zah­lungs­beträge neue Ab­rech­nun­gen zu er­tei­len.

Die Be­klag­te hat Kla­ge­ab­wei­sung be­an­tragt und gel­tend ge­macht,

mögli­chen Ansprüchen des Klägers ste­he die Ab­gel­tungs­klau­sel in § 23 AV 2010 ent­ge­gen. Je­den­falls sei Ver­fall nach der in § 11 AV 1999 ver­ein­bar­ten Aus­schluss­fris­ten­reg­lung ein­ge­tre­ten.

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Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge - so­weit sie in die Re­vi­si­ons­in­stanz ge­langt ist - statt­ge­ge­ben. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten dem Kläger nur (Dif­fe­renz-)Zu­schläge iHv. 904,89 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen zu­er­kannt und im Übri­gen die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on be­gehrt der Kläger die Wie­der­her­stel­lung des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on des Klägers ist un­be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat - un­ter nicht te­n­o­rier­ter, aber sich aus den Gründen er­ge­ben­der und rechts­kräftig ge­wor­de­ner Zurück­wei­sung der Be­ru­fung im Übri­gen - der Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen die erst­in­stanz­li­che Ent­schei­dung zu Recht in dem aus­geur-teil­ten Um­fang statt­ge­ge­ben. Die Kla­ge ist hin­sicht­lich der noch anhängi­gen Ansprüche un­be­gründet.

I. Der Kläger hat für je­de Über­las­sung für de­ren je­wei­li­ge Dau­er An­spruch auf glei­ches Ar­beits­ent­gelt nach § 10 Abs. 4 AÜG (vgl. BAG 13. März 2013 - 5 AZR 294/12 - Rn. 24; 23. Ok­to­ber 2013 - 5 AZR 135/12 - Rn. 27, BA­GE 146, 217). Ei­ne nach § 9 Nr. 2 AÜG zur Ab­wei­chung vom Ge­bot der Gleich­be­hand­lung be­rech­ti­gen­de Ver­ein­ba­rung ha­ben die Par­tei­en im AV 1999 nicht ge­trof­fen.

II. Den Ansprüchen des Klägers auf glei­ches Ar­beits­ent­gelt steht § 23 12 AV 2010 nicht ent­ge­gen.

1. Un­abhängig von der Fra­ge, ob die „Er­le­di­gungs­klau­sel“ in § 23 Satz 1 AV 2010 über­haupt rechts­geschäft­li­che Erklärun­gen ent­hal­ten soll, hätte ein - zu­guns­ten der Be­klag­ten un­ter­stell­ter - rechts­geschäft­li­cher Erklärungs­wert die­ses Ver­brau­cher­ver­trags (§ 310 Abs. 3 BGB) al­len­falls die Be­deu­tung ei­nes de­kla­ra­to­ri­schen ne­ga­ti­ven Schuld­an­er­kennt­nis­ses. Ent­spre­chend ih­rem Wort­laut hält die Klau­sel die übe­rein­stim­men­de Auf­fas­sung der Par­tei­en fest,

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dass mit der Er­set­zung des AV 1999 durch den AV 2010 al­le Ansprüche aus dem bis­he­ri­gen Ar­beits­ver­trag „ab­ge­gol­ten und er­le­digt“ sind. Da­mit fi­xie­ren die Ver­trags­par­tei­en ty­pi­scher­wei­se die von ih­nen an­ge­nom­me­ne Rechts­la­ge und do­ku­men­tie­ren das, wo­von sie aus­gin­gen: Es be­ste­hen nach die­sem Zeit­punkt kei­ne Ansprüche aus dem „al­ten“ Ar­beits­verhält­nis mehr (vgl. BAG 23. Ok­to­ber 2013 - 5 AZR 135/12 - Rn. 16 ff., BA­GE 146, 217; 28. Ja­nu­ar 2015 - 5 AZR 122/13 - Rn. 21).

2. So­weit § 23 Satz 2 AV 2010 die erst im neu­en Ar­beits­ver­trag in Be­zug ge­nom­me­nen ta­rif­li­chen Re­ge­lun­gen aus der Leih­ar­beits­bran­che rück­wir­kend zur An­wen­dung brin­gen soll, be­nach­tei­ligt die Klau­sel den Kläger ent­ge­gen den Ge­bo­ten von Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen und ist un­wirk­sam, § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB. Der An­spruch des Leih­ar­beit­neh­mers auf glei­ches Ar­beits­ent­gelt nach § 10 Abs. 4 AÜG ent­steht als ein die ar­beits­ver­trag­li­che Vergütungs­ab­re­de kor­ri­gie­ren­der ge­setz­li­cher Ent­gelt­an­spruch mit je­der Über­las­sung (BAG 13. März 2013 - 5 AZR 954/11 - Rn. 42, BA­GE 144, 306). Die rück­wir­ken­de Ver­ein­ba­rung ta­rif­li­cher Re­ge­lun­gen iSd. § 9 Nr. 2 AÜG zielt auf den Aus­schluss der während der Gel­tung des AV 1999 be­reits ent­stan­de­nen Ansprüche des Klägers auf equal pay und da­mit auf ei­nen An­spruchs­ver­zicht. Ein sol­cher ein­sei­tig und kom­pen­sa­ti­ons­los den Leih­ar­beit­neh­mer tref­fen­der Ent­zug von er­wor­be­nen Ansprüchen auf glei­ches Ar­beits­ent­gelt wi­der­spricht ei­ner aus­ge­wo­ge­nen Ver­trags­ge­stal­tung und ist sach­lich nicht zu be­gründen (vgl. BAG 19. Fe­bru­ar 2014 - 5 AZR 920/12 - Rn. 20 ff.).

III. Die Ansprüche des Klägers auf glei­ches Ar­beits­ent­gelt sind je­doch nach § 11 AV 1999 we­gen nicht recht­zei­ti­ger Gel­tend­ma­chung ver­fal­len.

1. Die ar­beits­ver­trag­li­che Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung ist nach nicht an­ge­grif­fe­ner Fest­stel­lung des Lan­des­ar­beits­ge­richts ei­ne All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung (§ 305 Abs. 1 Satz 1 und Satz 2 BGB). Dafür be­gründet zu­dem das äußere Er­schei­nungs­bild ei­ne tatsächli­che Ver­mu­tung (vgl. BAG 19. März 2014 - 5 AZR 299/13 (F) - Rn. 17 mwN), der kei­ne der Par­tei­en ent­ge­gen­ge­tre­ten ist.

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Un­ter Zu­grun­de­le­gung des für die Aus­le­gung All­ge­mei­ner Geschäfts­be­din­gun­gen gel­ten­den Maßstabs (da­zu zB BAG 16. De­zem­ber 2015 - 5 AZR 567/14 - Rn. 12 mwN, st. Rspr.), er­fasst die Klau­sel den An­spruch des Leih­ar­beit­neh­mers auf glei­ches Ar­beits­ent­gelt. Denn zu den „bei­der­sei­ti­gen Ansprüchen aus dem Ar­beits­verhält­nis“ gehören al­le Ansprüche, wel­che die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en auf­grund ih­rer durch den Ar­beits­ver­trag be­gründe­ten Rechts­be­zie­hung ge­gen­ein­an­der ha­ben, oh­ne dass es auf die ma­te­ri­ell-recht­li­che An­spruchs­grund­la­ge ankäme (vgl. BAG 13. März 2013 - 5 AZR 954/11 - Rn. 39, BA­GE 144, 306).

2. Die Klau­sel ist nicht über­ra­schend iSd. § 305c Abs. 1 BGB und da­mit Ver­trags­be­stand­teil ge­wor­den.

Die Ver­ein­ba­rung von Aus­schluss­fris­ten ent­spricht ei­ner weit ver­brei­te­ten Übung im Ar­beits­le­ben (BAG 25. Mai 2005 - 5 AZR 572/04 - zu IV 3 der Gründe, BA­GE 115, 19; 13. März 2013 - 5 AZR 954/11 - Rn. 46, BA­GE 144, 306). Die Re­ge­lung fin­det sich auch nicht an ei­ner ir­gend­wo im Ar­beits­ver­trag ver­steck­ten Stel­le. Sie ist viel­mehr in ei­nem mit „Aus­schluss­frist“ über­schrie­be­nen ei­ge­nen Pa­ra­gra­phen ent­hal­ten.

3. Die Re­ge­lung zur Gel­tend­ma­chung von Ansprüchen auf „Zu­schläge al­ler Art“ ist un­wirk­sam, im Übri­gen hält § 11 Abs. 1 AV 1999 der In­halts­kon­trol­le nach § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB stand.

a) Die ers­te Stu­fe der Frist zur Gel­tend­ma­chung von Zu­schlägen ist un­wirk­sam nach § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB, weil sie we­gen ih­rer Kürze den Kläger ent­ge­gen den Ge­bo­ten von Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­ligt. Ihm ver­bleibt zur Gel­tend­ma­chung nicht ei­ne Min­dest­frist von drei Mo­na­ten ab Fällig­keit des nicht erfüll­ten An­spruchs (vgl. BAG 28. Sep­tem­ber 2005 - 5 AZR 52/05 - Rn. 34 ff., BA­GE 116, 66; 19. Fe­bru­ar 2014 - 5 AZR 920/12 - Rn. 25).

b) Die Un­wirk­sam­keit der Frist zur Gel­tend­ma­chung von Zu­schlägen be­dingt nicht die Un­wirk­sam­keit der - den An­for­de­run­gen des § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB genügen­den - Frist zur Gel­tend­ma­chung al­ler übri­gen Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis. Die Klau­sel ist teil­bar.

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aa) Oh­ne Ver­s­toß ge­gen das Ver­bot der gel­tungs­er­hal­ten­den Re­duk­ti­on ist bei ei­ner teil­ba­ren Klau­sel die In­halts­kon­trol­le je­weils für die ver­schie­de­nen, nur for­mal in ei­ner All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gung ver­bun­de­nen Be­stim­mun­gen vor­zu­neh­men (BAG 11. April 2006 - 9 AZR 610/05 - Rn. 32, BA­GE 118, 36; 14. Ja­nu­ar 2009 - 3 AZR 900/07 - Rn. 23, BA­GE 129, 121). Maßgeb­lich ist da­bei die in­halt­li­che Teil­bar­keit (BAG 13. No­vem­ber 2013 - 10 AZR 848/12 - Rn. 27, BA­GE 146, 284; BGH 10. Ok­to­ber 2013 - III ZR 325/12 - Rn. 14 mwN; ErfK/Preis 16. Aufl. §§ 305 - 310 BGB Rn. 103; HWK/Gott­hardt 6. Aufl. § 306 BGB Rn. 3; Bo­nin in Däubler/Bo­nin/Dei­nert 4. Aufl. § 306 BGB Rn. 12a). Des­halb können in­halt­lich trenn­ba­re Re­ge­lun­gen in ei­ner Ver­fall­klau­sel nach An­wen­dung des sog. blue-pen­cil-Test wirk­sam sein (BAG 16. Mai 2012 - 5 AZR 251/11 - Rn. 37, BA­GE 141, 340).

bb) Ge­mes­sen dar­an ist § 11 Abs. 1 AV 1999 in­halt­lich teil­bar. Er enthält - sprach­lich ver­schränkt und in ei­ner Klau­sel zu­sam­men­ge­fasst - für die ers­te Stu­fe der Gel­tend­ma­chung zwei Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lun­gen, nämlich ei­ne für Zu­schläge, ei­ne wei­te­re für al­le übri­gen bei­der­sei­ti­gen Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis. Ei­ne sol­che Auf­spal­tung mag bei ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­fall­fris­ten un­gewöhn­lich sein, in ta­rif­li­chen Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lun­gen ist ei­ne un­ter­schied­li­che Länge der Gel­tend­ma­chungs­frist für ver­schie­de­ne Ar­ten von Ansprüchen nicht unüblich. So enthält der in § 12 AV 1999 erwähn­te Man­tel­ta­rif­ver­trag für das Me­tall­bau­er-, Ma­schi­nen­bau­me­cha­ni­ker-, Werk­zeug­ma­cher-, Dre­her-, Fein­me­cha­ni­ker-, Me­tall­for­mer- und Me­tall­gießer­hand­werk für das Land Hes­sen in § 26 ei­ne wort­glei­che Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung (zwi­schen Ansprüchen auf Zu­schläge und „al­le übri­gen Ansprüche“ dif­fe­ren­zie­rend zB auch § 22 MTV für die Ar­beit­neh­mer der baye­ri­schen Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie). Bei ei­ner Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung müssen nicht zwin­gend al­le Ansprüche ei­ner Aus­schluss­frist - noch da­zu ei­ner gleich lan­gen - un­ter­wor­fen wer­den. Auch oh­ne Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung für Zu­schläge enthält § 11 AV 1999 für al­le Ansprüche, die nicht auf Zu­schläge ge­rich­tet sind, ein sinn­vol­les, in sich ge­schlos­se­nes Gan­zes.

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Der Teil­bar­keit der Klau­sel steht nicht ent­ge­gen, dass der ver­blei­ben­de Teil - Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung für „al­le übri­gen bei­der­sei­ti­gen Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis“ - we­gen der Auflösung der sprach­li­chen Ver­schränkung aus­le­gungs­bedürf­tig wird. Dies lässt nicht die in­halt­li­che Ei­genständig­keit der ver­blei­ben­den Re­ge­lung ent­fal­len, son­dern be­trifft de­ren Trans­pa­renz.

4. Die in § 11 Abs. 1 AV 1999 ver­blei­ben­de Re­ge­lung ist hin­rei­chend trans­pa­rent iSd. § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB.

a) Bei ei­ner die Art und Wei­se der Gel­tend­ma­chung ei­nes ent­stan­de­nen An­spruchs - und da­mit zu­gleich des­sen Un­ter­gang - re­geln­den Klau­sel ist es er­for­der­lich, dass der Ar­beit­neh­mer bei Ver­trags­ab­schluss er­ken­nen kann, was „auf ihn zu­kommt“: Es muss aus der Klau­sel er­sicht­lich sein, wel­che Rechts­fol­ge der Ar­beit­neh­mer zu gewärti­gen und was er zu tun hat, um die­se Rechts­fol­ge zu ver­hin­dern (BAG 13. März 2013 - 5 AZR 954/11 - Rn. 48, BA­GE 144, 306). Da­bei führt die Aus­le­gungs­bedürf­tig­keit der Klau­sel nicht au­to­ma­tisch zu de­ren In­trans­pa­renz (BAG 17. Au­gust 2011 - 5 AZR 406/10 - Rn. 16 mwN, BA­GE 139, 44).

b) Die­sen An­for­de­run­gen genügt die ver­blei­ben­de Aus­schluss­fris­ten­re­ge­lung.

Die ge­dank­li­che Prüfung der Teil­bar­keit ei­ner All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gung führt nicht da­zu, dass der un­wirk­sa­me Teil ei­ner Klau­sel „un­ter dem blau­en Stift ver­schwin­det“. Viel­mehr kann der Ver­trags­text wei­ter­hin zur Aus­le­gung der ver­blei­ben­den Re­ge­lung her­an­ge­zo­gen wer­den. Für den durch­schnitt­li­chen Ar­beit­neh­mer ist un­be­scha­det des späte­ren blue-pen­cil-Test er­kenn­bar, dass mit der For­mu­lie­rung „al­le bei­der­sei­ti­gen Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis“ all die­je­ni­gen ge­meint sind, die nicht „Zu­schläge al­ler Art“ zum In­halt ha­ben. Auch über den Rechts­be­griff der „Zu­schläge“ ist der durch­schnitt­li­che Ar­beit­neh­mer nicht im Un­kla­ren und weiß, dass es sich da­bei um über das Grun­dent­gelt hin­aus­ge­hen­de Vergütun­gen et­wa für Ar­beit zu be­son­de­rer Zeit oder un­ter be­son­de­ren Be­din­gun­gen han­delt. Dem­ent­spre­chend hat­te der Kläger kei­ne Schwie­rig­kei­ten, die ver­gleich­ba­ren Stamm­ar­beit­neh­mern von der

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Ent­lei­he­rin gewähr­ten (ta­rif­li­chen) Zu­schläge in sei­ne Ver­gleichs­be­rech­nung ein­zu­be­zie­hen.

Des Wei­te­ren kann der Ar­beit­neh­mer aus der Klau­sel er­se­hen, dass die­se Ansprüche „aus­ge­schlos­sen“ sind (al­so - un­tech­nisch - in Weg­fall ge­ra­ten), wenn sie nicht in­ner­halb be­stimm­ter Fris­ten gel­tend ge­macht wer­den.

IV. Der Kläger hat kei­nen An­spruch auf neue Ab­rech­nun­gen. 

Nach § 108 Abs. 1 Satz 1 Ge­wO ist dem Ar­beit­neh­mer „bei Zah­lung“ des Ar­beits­ent­gelts ei­ne Ab­rech­nung in Text­form zu er­tei­len. Der Ab­rech­nungs­an­spruch ent­steht da­nach erst, wenn Ar­beits­ent­gelt ge­zahlt wird und ist vor­her nicht klag­bar (BAG 13. Ok­to­ber 2015 - 1 AZR 130/14 - Rn. 29; 16. De­zem­ber 2015 - 5 AZR 567/14 - Rn. 34 ff. mwN).

V. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 97 Abs. 1 ZPO. 

Müller-Glöge
Biebl
We­ber
Krem­ser
Pol­lert

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