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ARBEITSRECHT AKTUELL // 10/223

Gren­zen ei­nes in ar­beits­ver­trag­li­chen AGB ver­ein­bar­ten An­spruchs auf Auf­wen­dungs­er­satz bei Ver­trags­be­en­di­gung („Ab­lö­sungs­ent­schä­di­gung“)

Recht der all­ge­mei­nen Ge­schäfts­be­din­gun­gen schützt vor un­an­ge­mes­se­nen "Ab­lö­sungs­ent­schä­di­gun­gen" bei En­de des Ar­beits­ver­tra­ges: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 27.07.2010, 3 AZR 777/08
Dokument mit Unterschriftenzeile und Füller Das "Klein­ge­druck­te" führt im­mer wie­der zu Streit

15.11.2010. All­ge­mei­ne Ge­schäfts­be­din­gun­gen (AGB) sind vor­for­mu­lier­te, prak­tisch nicht ver­han­del­ba­re Ver­trags­klau­seln, die für ei­ne Viel­zahl von Fäl­len ge­schaf­fen wur­den.

Nicht nur im all­ge­mei­nen Ver­trags­recht, son­dern auch im Ar­beits­recht sind sie weit ver­brei­tet, wo­bei der Ar­beit­ge­ber der "Ver­wen­der" der AGB ist.

Um den Ar­beit­neh­mer vor zu Nach­tei­len zu schüt­zen, sieht das Bür­ger­li­che Ge­setz­buch (BGB) ei­ne Wirk­sam­keits­kon­trol­le die­ser Be­din­gun­gen vor. Spe­zi­ell bei Pau­scha­len zur Auf­wands­ent­schä­di­gung oder bei Ver­trags­stra­fen kann sich da­her ein ge­nau­er Blick auf den Ar­beits­ver­trag loh­nen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 27.07.2010, 3 AZR 777/08.

Wel­che Wir­kung und Be­deu­tung ha­ben All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen in Ar­beits­verträgen?

Sind AGB im Prin­zip in den Ar­beits­ver­trag ein­be­zo­gen wor­den, d.h. nicht be­reits aus for­ma­len Gründen un­wirk­sam, ha­ben sie trotz­dem kei­ne Gel­tung, wenn sie von Rechts­vor­schrif­ten ab­wei­chen oder Rechts­vor­schrif­ten ergänzen und da­bei den Ar­beit­neh­mer „ent­ge­gen den Ge­bo­ten von Treu und Glau­ben un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­li­gen“ (§ 307 Abs. 1 Satz 1 BGB).

Die­se all­ge­mein ge­fass­te Vor­schrift kommt aber nur dann zur An­wen­dung, wenn AGB nicht be­reits auf­grund der spe­zi­el­le­ren Vor­schrif­ten der In­halts­kon­trol­le un­wirk­sam sind. Spe­zi­el­le Klau­sel­ver­bo­te sind z.B. das Ver­bot ei­ner Ver­trags­re­ge­lung, die dem AGB-Ver­wen­der für den Fall der Ver­tragskündi­gung durch die an­de­ren Ver­trags­par­tei ei­nen un­an­ge­mes­sen ho­hen Auf­wen­dungs­er­satz­an­spruch ver­schafft (§ 308 Nr. 7 Buchst. b) BGB).

Auf­grund die­ser Be­stim­mun­gen ist der Spiel­raum recht klein, den Ar­beit­ge­ber bei der Ver­trags­ge­stal­tung ha­ben, wenn sie be­stimm­te mit der Neu­ein­stel­lung ver­bun­de­ne Ver­wal­tungs- oder Sach­mit­tel­kos­ten auf den Ar­beit­neh­mer abwälzen wol­len, falls die­ser den Ver­trag kündigt. Die­se Er­fah­rung be­scher­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt vor kur­zem ei­nem im Be­reich der so­zia­len Dienst­leis­tun­gen täti­gen Ar­beit­ge­ber (BAG, Ur­teil vom 27.07.2010, 3 AZR 777/08).

Der Fall: Ar­beit­ge­ber klagt ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bar­te Ablösungs­entschädi­gung ein

Während in al­ler Re­gel Ar­beit­neh­mer vor dem Ar­beits­ge­richt kla­gen und Ar­beit­ge­ber da­her die Be­klag­ten­rol­le be­klei­den, war es hier ein­mal um­ge­kehrt. Ge­klagt hat­te ein Ar­beit­ge­ber, nämlich ein in der Fa­mi­li­en­hil­fe täti­ger Ver­ein, der un­ter der Be­zeich­nung „Fa­mi­li­en­hil­fe­zen­trum W“ ei­ne vom Lan­des­ju­gend­amt ge­neh­mig­te Ein­rich­tung zur Be­treu­ung von Kin­dern in Wohn­grup­pen be­treibt.

Da­zu beschäftigt er Mit­ar­bei­te­rin­nen, die in ih­ren ei­ge­nen Woh­nun­gen Räume zur Verfügung stel­len, in de­nen die be­trof­fe­nen Kin­der rund um die Uhr un­ter­ge­bracht sind und von ih­nen ver­sorgt wer­den.

Die­se „fa­mi­li­en­ana­lo­gen Wohn­grup­pen“ be­treibt der Ver­ein in en­ger Zu­sam­men­ar­beit mit den Ju­gendämtern, die auch Kos­tenträger sind. Der Ver­ein sorgt für die sach­li­che Aus­stat­tung der Wohn­grup­pen mit Möbeln und wei­te­ren Be­triebs­mit­teln und trägt auch die Kos­ten für Klei­dung und Ver­pfle­gung der Kin­der so­wie für Spiel­zeug und Lern­mit­tel. Er zahlt auch für die Raum­nut­zung mo­nat­li­che Wohn­kos­ten­zuschüsse an sei­ne Ar­beit­neh­me­rin­nen, die außer­dem für ih­re Be­treu­ungstätig­keit ein Ge­halt be­zie­hen.

Im vor­lie­gen­den Streit­fall hat­te der Ver­ein ei­ne Mit­ar­bei­te­rin im März 2007 ein­ge­stellt und in ih­rer Woh­nung drei Be­treu­ungs­plätze ein­ge­rich­tet. Dafür be­zog der Ver­ein von den Kos­tenträgern mo­nat­lich ins­ge­samt 10.675,59 EUR. Im Ar­beits­ver­trag fin­det sich fol­gen­de Klau­sel:

„§ 4 Ablösungs­entschädi­gung

Im Fal­le ei­ner Ablösung der Fa­mi­li­en­ana­lo­gen Wohn­grup­pe vom FHZ W (z.B. durch An­schluss an ei­nen an­de­ren Ju­gend­hil­feträger oder Ver­selbständi­gung) ist von Frau K ei­ne Entschädi­gung in Höhe von 3.000 EUR je Platz (sie­he § 1 Abs. 2) an das FHZ W zu zah­len.“

Die Ar­beit­neh­me­rin kündig­te das Ar­beits­verhält­nis schon kurz nach sei­ner Be­gründung, nämlich im Mai 2007 frist­ge­recht zu En­de Ju­ni 2007 und be­trieb die Wohn­grup­pe für ei­nen an­de­ren Träger. Der Ver­ein ver­lang­te dar­auf­hin Zah­lung von 9.000,00 EUR Ablösungs­entschädi­gung. Da die Ar­beit­neh­me­rin nicht frei­wil­lig zahl­te, zog er vor Ge­richt, un­ter­lag dort aber so­wohl in der ers­ten In­stanz vor dem Ar­beits­ge­richt Min­den (Ur­teil vom 20.02.2008, 2 Ca 1566/07) als auch in der Be­ru­fungs­in­stanz vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm (Ur­teil vom 10.07.2008, 15 Sa 452/08).

Bun­des­ar­beits­ge­richt: Die Ver­ein­ba­rung er­laubt kei­nen Be­weis des Ge­gen­teils und ist da­her un­wirk­sam.

Das BAG ent­schied eben­falls für die Ar­beit­neh­me­rin und wies die Kla­ge ab. Zur Be­gründung heißt es:

Die ver­ein­bar­te Ablösungs­entschädi­gung ist nicht als Kauf­preis für den „Be­treu­ungs­platz“ an­zu­se­hen, da die­ser kei­nen greif­ba­ren Vermögens­wert hat. An­dern­falls müss­te der Ver­ein ja den Pflicht über­nom­men ha­ben, der be­klag­ten Ar­beit­neh­me­rin Rech­te an die­sem Platz zu ver­schaf­fen, was al­ler­dings mit den recht­li­chen Be­zie­hun­gen zu den be­treu­ten Kin­dern nicht recht zu­sam­men­passt, da nämlich die­se (und nicht der Ver­ein) Ei­gentümer der an­ge­schaff­ten Möbel und Klei­dung sind.

Auch als Ver­trags­stra­fe konn­te die Ablösungs­entschädi­gung nicht ge­wer­tet wer­den, da die Lösung vom Ar­beits­ver­trag kein rechts­wid­ri­ges Ver­hal­ten der Ar­beit­neh­me­rin war. Mit ei­nem plötz­li­chen Ab­tau­chens des Ar­beit­neh­mers oh­ne Ab­war­ten der Kündi­gungs­frist, d.h. ei­nem Ver­trags­bruch, hat die hier strei­ti­ge Klau­sel da­her auch nichts zu tun.

Da an­de­re Zweck­set­zun­gen da­her nicht recht pass­ten, war die Ablösungs­entschädi­gung im Er­geb­nis als Auf­wen­dungs­er­satz­an­spruch des Ver­eins an­zu­se­hen: Die Entschädi­gung ist im­mer zu zah­len, wenn es zu ei­ner Ablösung der vom Ver­ein ge­schaf­fe­nen, ein­ge­rich­te­ten und ver­wal­te­ten Wohn­grup­pe kommt. Sie dient da­her dem Er­satz der Auf­wen­dun­gen, die der Ar­beit­ge­ber für die Ein­rich­tung und Un­ter­hal­tung der Wohn­grup­pe getätigt hat und die künf­tig nicht mehr ihm, son­dern der be­klag­ten Ar­beit­neh­me­rin oder ei­nem an­de­ren Träger der Ju­gend­hil­fe zu­gu­te kom­men.

Auf sol­che Ab­wick­lungs­ver­ein­ba­run­gen ist die auf Scha­den­er­satz­klau­seln zu­ge­schnit­te­ne Vor­schrift des § 309 Nr. 5 Buchst. b BGB sinn­gemäß bzw. ent­spre­chend an­zu­wen­den. Nach die­ser Vor­schrift ist die Ver­ein­ba­rung ei­ner pau­scha­lier­ten Scha­dens­er­satz­pflicht un­wirk­sam, wenn dem Ver­trags­part­ner des Ver­wen­ders nicht der Nach­weis ge­stat­tet wird, dass ein ein­ge­tre­te­ner Scha­den oder ei­ne Wert­min­de­rung sei tatsächli­che nicht ent­stan­den oder we­sent­lich nied­ri­ger ist als die Pau­scha­le.

Auf die hier strei­ti­ge Auf­wen­dungs­er­satz­klau­sel über­tra­gen heißt das: Der Ver­ein hätte in sei­ner Klau­sel der Ar­beit­neh­me­rin aus­drück­lich den Nach­weis er­lau­ben müssen, dass Auf­wen­dun­gen für die Ein­rich­tung ei­nes Be­treu­ungs­plat­zes in Höhe von 3.000,00 EUR gar nicht ent­stan­den wa­ren, und für die­sen Fall hätte die „Ablösungs­entschädi­gung“ ent­spre­chend ge­rin­ger aus­fal­len müssen.

Ob die­ses Er­geb­nis aus § 308 Nr. 7 Buchst. b BGB (in Ver­bin­dung mit § 309 Nr. 5 Buchst. b BGB) oder aus der in § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB ent­hal­te­nen Ge­ne­ral­klau­sel (in Ver­bin­dung mit § 309 Nr. 5 Buchst. b BGB) folgt, ließ das BAG of­fen. Zwei­fel an der An­wend­bar­keit von § 308 Nr. 7 Buchst. b) BGB er­ga­ben sich hier dar­aus, dass die­se Vor­schrift auf den Fall ei­ner Ver­tragskündi­gung oder ei­nes Rück­tritts vom Ver­trag zu­ge­schnit­ten ist, wo­hin­ge­gen die hier strei­ti­ge Klau­sel die „Ablösung“ vom Ver­ein ein­ge­rich­te­ten Wohn­grup­pe re­gelt, die ja theo­re­tisch mit ei­ner Fort­set­zung des Ar­beits­ver­trags ein­her­ge­hen könn­te.

Fa­zit: Ein for­mu­lar­ver­trag­li­cher An­spruch des Ar­beit­ge­bers auf Auf­wen­dungs­er­satz für den Fall der Ver­trags­be­en­di­gung ist gemäß § 308 Nr. 7 Buchst. b BGB oder gemäß § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB un­wirk­sam, wenn dem Ar­beit­neh­mer nicht aus­drück­lich die in § 309 Nr. 5 Buchst. b BGB vor­ge­se­he­ne Möglich­keit ein­geräumt wird, den Nach­weis zu führen, dass dem Ar­beit­ge­ber gar kei­ne oder ge­rin­ge­re Auf­wen­dun­gen ent­stan­den sind.

Mit die­sem Ur­teil setzt das BAG „ge­schick­ten“ Ver­trags­klau­seln des Ar­beit­ge­bers zu­recht Gren­zen, wenn dem Ar­beit­neh­mer da­mit fi­nan­zi­el­le Be­las­tun­gen in­fol­ge ei­ner Ver­trags­be­en­di­gung auf­er­legt wer­den.

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Letzte Überarbeitung: 5. Juli 2015

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