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ARBEITSRECHT AKTUELL // 07/62

Ent­wurf ei­nes Min­dest­l­ohn­ge­set­zes liegt vor

Ent­wurf ei­nes Ge­set­zes über die Fest­set­zung des Min­dest­lohns (Min­dest­l­ohn­ge­setz – Mind­L­ohnG): Ge­set­zes­an­trag des Lan­des Rhein­land-Pfalz vom 04.09.2007
Münzen, Münzhaufen Rhein­land-Pfalz prescht in der De­bat­te über den Min­dest­lohn vor

22.10.2007. Das The­ma Min­dest­lohn ge­winnt der­zeit wie­der an Be­deu­tung, nach­dem es be­reits in der ers­ten Jah­res­hälf­te die Schlag­zei­len be­stimmt hat­te. Neue Nah­rung be­kommt das The­ma nun gleich aus zwei Rich­tun­gen:

Zum ei­nen geht es um den Ta­rif­lohn für die Brief­zu­stel­ler, den der Ar­beit­ge­ber­ver­band Post­diens­te e.V. bzw. sein do­mi­nie­ren­des Mit­glied, die Deut­sche Post AG, am 04.09.2007 mit der Ge­werk­schaft ver.di aus­ge­han­delt hat. Er ist im „Ta­rif­ver­trag zur Re­ge­lung der Min­dest­löh­ne in der Bran­che Post­diens­te (TV Min­dest­lohn)“ fest­ge­schrie­ben und soll nach den ak­tu­el­len Pla­nun­gen der Bun­des­re­gie­rung auch für die Kon­kur­ren­ten der Post ver­bind­lich wer­den.

Die­ser ta­rif­li­che St­un­den­lohn be­trägt im­mer­hin 9,80 EUR (West) bzw. 9,00 EUR (Ost). Brei­ten­wir­kung soll er er­hal­ten durch die Auf­nah­me der Post­bran­che in das Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­setz so­wie durch die be­glei­ten­de All­ge­mein­ver­bind­li­ch­er­klä­rung des TV Min­dest­lohn (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 07/61 Auf­nah­me der Brief­dienst­leis­tungs­bran­che in das Ar­beit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­setz (AEntG) ge­plant).

Zum an­de­ren zielt der von Rhein­land-Pfalz am 04.09.2007 in den Bun­des­rat ein­ge­brach­te Ent­wurf ei­nes Ge­set­zes über die Fest­set­zung des Min­dest­lohns (Min­dest­l­ohn­ge­setz – Mind­L­ohnG) dar­auf, ei­ne bran­chen­über­grei­fen­de ge­setz­li­che Min­dest­lohn­fest­set­zung zu er­mög­li­chen. Da­bei be­ru­fen sich die Ent­wurf­ver­fas­ser auf die in Groß­bri­tan­ni­en gel­ten­den Re­ge­lun­gen, die dort an­geb­lich nicht nur kei­ne nach­tei­li­gen, son­dern so­gar po­si­ti­ve Be­schäf­ti­gungs­ef­fek­te ha­ben sol­len.

An­ge­lehnt an die bri­ti­sche „Low Pay Com­mis­si­on“ sieht der Ent­wurf vor, dass ei­ne Min­dest­lohn­kom­mis­si­on mit Zu­stän­dig­keit für ganz Deutsch­land und für al­le Bran­chen ge­bil­det wird, in der je drei Ver­tre­ter der Ar­beit­neh­mer- und der Ar­beit­ge­ber­sei­te so­wie wei­te­re drei sach­ver­stän­di­ge Per­so­nen tä­tig sind.

Die Min­dest­lohn­kom­mis­si­on soll jähr­lich bis zum 31. Au­gust die Hö­he des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns vor­schla­gen. Die­sem Vor­schlag kann das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les zu­stim­men, wor­auf­hin er durch Rechts­ver­ord­nung fest­ge­setzt wird, oder aber ab­leh­nen, wor­auf­hin sich die Bun­des­re­gie­rung mit der Fra­ge zu be­fas­sen hat. In die­sem Fall be­stimmt das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les selbst den Min­dest­lohn und setzt ihn „mit Zu­stim­mung der Bun­des­re­gie­rung“ durch Rechts­ver­ord­nung fest (§ 4 des Ent­wurfs). Der Min­dest­lohn wird als Brut­to­stun­den­lohn fi­xiert (§ 1 Abs.2 des Ent­wurfs).

Ist der staat­li­che Min­dest­lohn ein­mal in die­ser Wei­se, d.h. per Rechts­ver­ord­nung des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Ar­beit und So­zia­les fest­ge­setzt wor­den, hat er dem Ent­wurf zu­fol­ge ähn­li­che Rechts­wir­kun­gen wie ein Ta­rif­lohn: Er wirkt un­mit­tel­bar und zwin­gend auf die ihm un­ter­wor­fe­nen Ar­beits­ver­hält­nis­se ein, d.h. er hat nor­ma­ti­ve Wir­kung für die Par­tei­en des Ar­beits­ver­trags (§ 2 Abs.1 des Ent­wurfs). Ab­wei­chen­de Lohn­ver­ein­ba­run­gen sind nur wirk­sam, so­weit sie für den Ar­beit­neh­mer güns­ti­ger oder zu­min­dest eben­so güns­tig sind wie der Min­dest­lohn (§ 2 Abs.2 des Ent­wurfs). Ein Ver­zicht auf den Min­dest­lohn ist un­wirk­sam (§ 2 Abs.3 Satz 1 des Ent­wurfs).

Um dem Min­dest­lohn ei­ne noch stär­ke­re Be­deu­tung für das Ar­beits­le­ben zu ver­schaf­fen, sol­len Aus­schluss­fris­ten für den An­spruch auf Min­dest­lohn nicht gel­ten. Auch ei­ne Ver­wir­kung wird ge­setz­lich aus­ge­schlos­sen (§ 2 Abs.3 Satz 1, 2 des Ent­wurfs). Au­ßer­dem soll die Ver­jäh­rung des Min­dest­lohn­an­spruchs - ab­wei­chend von der all­ge­mei­nen ge­setz­li­chen Ver­jäh­rungs­frist von drei Jah­ren - erst nach zehn Jah­ren ein­tre­ten (§ 2 Abs.3 Satz 3 des Ent­wurfs).

Schließ­lich han­deln Ar­beit­ge­ber, die den Min­dest­lohn nicht oder „nicht recht­zei­tig“ zah­len, ord­nungs­wid­rig und wer­den mit Geld­bu­ßen bis zu 500.000 EUR (!) be­droht (§ 6 des Ent­wurfs). Die­se Sank­ti­on er­war­tet auch den­je­ni­gen, der ein Su­b­un­ter­neh­men mit Leis­tun­gen be­auf­tragt, falls die­ses bei der Auf­trags­er­fül­lung die Min­dest­lohn­ver­pflich­tung nicht be­ach­tet. Hier ge­nügt be­reits die fahr­läs­si­ge Un­kennt­nis von den Min­dest­lohn­ver­stö­ßen des Su­ben­ter­neh­mers.

Nach­dem sich die Ge­werk­schaf­ten zu ei­ner Un­ter­stüt­zung der Min­dest­lohn­po­li­tik durch­ge­run­gen ha­ben, sind grund­sätz­li­che Ein­wän­de ge­gen ei­ne staat­li­che Lohn­fest­set­zung der­zeit „vom Tisch“. Im De­tail ist ei­ne sol­che Kri­tik al­ler­dings drin­gend nö­tig, wie der jetzt vor­lie­gen­de rhein­land-pfäl­zi­sche Ent­wurf ei­nes Min­dest­l­ohn­ge­set­zes deut­lich macht:

Da­für, dass der Min­dest­lohn­an­spruch ge­gen die all­ge­mei­nen Ver­jäh­rungs­fris­ten und ge­gen die Rechts­fol­gen der Ver­wir­kung im­mu­ni­siert wer­den soll­te, ist kein sach­li­cher Grund er­kenn­bar. Die Ge­set­zes­be­grün­dung nennt da­her auch kei­nen Grund.

Auch die wei­te­re Ab­si­che­rung des An­spruchs mit Hil­fe ho­her Geld­bu­ßen ist un­ver­hält­nis­mä­ßig: Im­mer­hin kam die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nun­mehr fast ein hal­bes Jahr­hun­dert lang oh­ne die se­gens­rei­chen Aus­wir­kun­gen ei­ner staat­li­chen Min­dest­lohn­po­li­tik aus. Wie­so Ar­beit­ge­ber jetzt plötz­lich nicht nur den staat­li­chen Min­dest­lohn zah­len sol­len, son­dern sich dar­über hin­aus bei Ver­stö­ßen ge­gen die Min­dest­lohn­pflicht wie Schwarz­ar­beit­ge­ber be­han­deln las­sen müs­sen, ist nicht nach­voll­zieh­bar.

Nä­he­res zu die­sem The­ma fin­den Sie un­ter:

Letzte Überarbeitung: 13. September 2016

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