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ARBEITSRECHT AKTUELL // 11/206

Kün­di­gung we­gen Be­lei­di­gung von Kol­le­gen in Ro­man­form?

Kunst­frei­heit und Mei­nungs­frei­heit ge­hen vor, wenn sich ein Ar­beit­neh­mer über Kol­le­gen in ei­nem "Bü­roro­man" ab­fäl­lig äu­ßert.: Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, Ur­teil vom 15.07.2011, 13 Sa 436/11
Kündigung Wall-Street-Karton mit Frau Wenn der Kol­le­ge zum Schrift­stel­ler wird droht Är­ger
24.10.2011. Ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung wird meist au­ßer­or­dent­lich, d.h. als frist­lo­se Kün­di­gung aus­ge­spro­chen. Das ist zu­läs­sig, wenn das Fehl­ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers so schwer wiegt, dass dem Ar­beit­ge­ber ei­ne Fort­set­zung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses "kei­nen Tag län­ger" zu­ge­mu­tet wer­den kann (§ 626 Abs.1 Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch - BGB).

Ob ein sol­cher Fall vor­liegt, prü­fen die Ge­rich­te in zwei Schrit­ten: Zu­nächst wird ge­fragt, ob ein Fehl­ver­hal­ten im All­ge­mei­nen, d.h. oh­ne Be­rück­sich­ti­gung der kon­kre­ten Um­stän­de des Ein­zel­falls Grund ge­nug für ei­ne frist­lo­se Kün­di­gung ist. Ist das der Fall, ist wei­ter zu prü­fen, ob die frist­lo­se Kün­di­gung auch im kon­kre­ten Fall an­ge­mes­sen ist, d.h. ob das In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers an ei­ner Be­en­di­gung des Ar­beits­ver­hält­nis­ses schwe­rer wiegt als die Fort­set­zungs­in­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm hat vor kur­zem ei­nen et­was un­ge­wöhn­li­chen Fall pro Ar­beit­neh­mer ent­schie­den. Die­ser hat­te sich als Ro­man­au­tor be­tä­tigt und in sei­nem Ro­man über sei­ne Kol­le­gen ge­läs­tert (LAG Hamm, Ur­teil vom 15.07.2011, 13 Sa 436/11).

Darf ein Ar­beit­neh­mer in ei­nem Büroro­ma über Kol­le­gen lästern?

Be­lei­digt ein Ar­beit­neh­mer Kol­le­gen, Vor­ge­setz­te, Kun­den oder sei­nen Ar­beit­ge­ber, ver­letzt er da­mit sei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Pflich­ten (§ 241 Abs.2 BGB). Das ist im All­ge­mei­nen ein aus­rei­chen­der Grund für ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung. Die Fra­ge ist al­ler­dings, wel­che Äußerun­gen in wel­chen kon­kre­ten Si­tua­tio­nen als "Be­lei­di­gung" an­zu­se­hen sind.

Denn schar­fe Kri­tik an an­de­ren ist er­laubt - und so­gar als Teil der Mei­nungs­frei­heit im Grund­ge­setz (GG) geschützt (Art.5 Abs.1 GG). Das gilt auch für die Kunst­frei­heit (Art.5 Abs.3 GG). Zwar be­grenzt das Persönlich­keits­recht an­de­rer Men­schen (Art.1 Abs.1 und 2 GG) Mei­nungs­frei­heit und Kunst­frei­heit, doch sind die­se bei­den Grund­rech­te für die frei­heit­li­che De­mo­kra­tie so we­sent­lich, dass im Streit­fall vor den Ge­rich­ten meist der Au­tor bzw. Künst­ler als Sie­ger vom Platz geht. So auch im Büroro­man-Fall (LAG Hamm, Ur­teil vom 15.07.2011, 13 Sa 436/11).

LAG Hamm: Ar­beit­neh­mer dürfen Ro­ma­ne schrei­ben und sich da­bei von ih­rem Ar­beits­all­tag in­spi­rie­ren las­sen

Jürgen Bücker war seit 1998 Sach­be­ar­bei­ter bei dem Löhner Küchen­her­stel­ler Bau­for­mat. Im Ok­to­ber 2010 veröffent­lich­te er im Selbst­ver­trieb ei­nen Ro­man mit dem Ti­tel "Wer die Hölle fürch­tet, kennt das Büro nicht!". In die­sem Ro­man zog er über ei­ne an­geb­lich ah­nungs­lo­se Führungs­rie­ge her, über an­geb­li­che Vet­tern­wirt­schaft und rausch­mit­telsüch­ti­ge An­ge­stell­te. Der Ar­beit­ge­ber er­kann­te in den Ro­man­schil­de­run­gen sei­nen Be­trieb wie­der und kündig­te frist­los.

Bücker er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge und hat­te da­mit vor dem Ar­beits­ge­richt Her­ford (Ur­teil vom 18.02.2011, 2 Ca 1394/10) und dem LAG Hamm Er­folg. Wer ei­nen Ro­man schreibt, knüpft im­mer an die Wirk­lich­keit an, so die Ge­rich­te. Ein­zel­ne Par­al­le­len zu dem Be­trieb des Ar­beit­ge­bers, die es in dem Büroro­ma Bückers gab, genügten da­her nicht, um dem Werk den Cha­rak­ter ei­nes "fik­ti­ven" Wer­kes bzw. Ro­mans ab­zu­spre­chen.

Fa­zit: Ro­ma­ne müssen von den Ge­rich­ten als Kunst re­spek­tiert wer­den, oh­ne dass die Ge­rich­te die Ein­ord­nung als Kunst von ei­ner Be­ur­tei­lung des li­te­ra­ri­schen "Ni­veaus" abhängig ma­chen dürfen. Wer sich sei­nen Frust (pseu­do-)li­te­ra­risch von der See­le schreibt, behält da­her sei­nen Job eher als je­mand, der nur wüten­de E-Mails ver­fasst.

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Letzte Überarbeitung: 24. August 2016

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