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ArbG Ber­lin, Ur­teil vom 22.08.2007, 86 Ca 1696/07

   
Schlagworte: Vergütung
   
Gericht: Arbeitsgericht Berlin
Aktenzeichen: 86 Ca 1696/07
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 22.08.2007
   
Leitsätze:

1. Die Staffelung der Grundvergütung nach dem Lebensalter gemäß § 27 A Abs. 1 BAT i.V.m. dem Anwendungstarifvertrag des Landes Berlin vom 31. 7. 2003 ist eine unmittelbare Benachteiligung i.S.d. §§ 1, 3 AGG, die nicht nach den §§ 10, 5, 8 Abs. 1 AGG gerechtfertigt und daher nach § 7 Abs. 2 AGG unwirksam ist.

2. Nach § 8 Abs.2 AGG besteht nunmehr für alle Diskriminierungstatbestände für die Vergangenheit und für die Zukunft ein Anspruch auf Gleichstellung mit den (meist-) begünstigten Arbeitnehmern ("Anpassung nach oben"), bis es zu einer Neuregelung kommt - auch wenn dies eine ganze Vergütungsordnung betrifft.


3. Für den vor dem Inkrafttreten des AGG am 18. 8. 2006 vereinbarten Anwendungstarifvertrag des Landes Berlin aus dem Jahr 2003 gilt ein Vertrauensschutz, Art. 20 III GG. Den Tarifvertragsparteien ist eine Übergangsfrist für eine Neuregelung zu gewähren. Nach fruchtlosem Fristablauf ist eine staatliche Festsetzung i.V.m. § 612 Abs. 2 BGB möglich und geboten.

Vorinstanzen:
   

Ar­beits­ge­richt Ber­lin


Geschäfts­zei­chen (bit­te im­mer an­ge­ben)
86 Ca 1696/07


Verkündet

am 22.08.2007

 


als Ur­kunds­be­am­ter/in
der Geschäfts­stel­le


Im Na­men des Vol­kes

Ur­teil

In Sa­chen


pp

hat das Ar­beits­ge­richt Ber­lin, 86. Kam­mer,
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 22.08.2007
durch den Rich­ter am Ar­beits­ge­richt Dr. St. als Vor­sit­zen­der
so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Frau W.-B. und Herr F.


für Recht er­kannt:

I. Die Kla­ge wird ab­ge­wie­sen.

II. Der Kläger trägt die Kos­ten des Rechts­streits.

III. Der Wert des Streit­ge­gen­stan­des wird auf 23.937,28 € fest­ge­setzt.

 

 

 

Dr. St. W.-B. F.

 

 

 

 

 

 

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Tat­be­stand

Der Kläger be­gehrt un­ter Be­ru­fung auf das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) Ein­ord­nung in die höchs­te Le­bens­al­ters­stu­fe und in ei­ne höhe­re Orts­zu­schlags­stu­fe sei­ner Vergütungs­grup­pe.
Der am ….. 1967 ge­bo­re­ne, 39-jähri­ge, kei­ner Per­son un­ter­halts­pflich­ti­ge und zu 60 % schwer­be­hin­der­te Kläger ist seit dem 16. 3. 1998 beim Land Ber­lin beschäftigt. Die Par­tei­en ver­ein­bar­ten ar­beits­ver­trag­lich die Gel­tung der Ta­rif­verträge des Lan­des Ber­lin. Das be­klag­te Land wen­det den Bun­des­an­ge­stell­ten­ta­rif­ver­trag (BAT) an. Zu­letzt auf der Grund­la­ge des Ta­rif­ver­tra­ges zur An­wen­dung von Ta­rif­verträgen des öffent­li­chen Diens­tes (An­wen­dungs-TV) vom 31. 7. 2003 i.d.F. des Ände­rungs­ta­rif­ver­tra­ges Nr. 1 vom 25. 8. 2004 in hier nicht in­ter­es­sie­ren­der Mo­di­fi­zie­rung. Der Kläger ist Geschäftsführer ei­nes lan­des­ei­ge­nen Pfle­ge­heim­be­trie­bes und in die Vergütungs­grup­pe I a BAT ein­grup­piert. Sei­ne Grund­vergütung beträgt 3.336,09 € brut­to (Le­bens­al­ters­stu­fe 39), sein Orts­zu­schlag Stu­fe 1 497,45 € brut­to. Die Grund­vergütung der Le­bens­al­ters­stu­fe 47 beträgt 3.787,14 €, der Orts­zu­schlag Stu­fe 3 (u.a. für Kin­der­geld­be­rech­tig­te) 671,23 € brut­to.
Der Kläger be­gehrt letzt­lich die Zah­lung der Vergütungs­dif­fe­renz zwi­schen sei­ner Le­bens­al­ters- und Orts­zu­schlags­stu­fe zur Le­bens­al­ters­stu­fe 47 und Orts­zu­schlags­stu­fe 3 seit In­kraft­tre­ten des AGG. Der Kläger mach­te dies zunächst mit Schrei­ben vom 31. 10. 2006 gel­tend. Nach Ab­leh­nung durch das be­klag­te Land ver­folgt der Kläger mit der am 29. 1. 2007 bei Ge­richt ein­ge­gan­ge­nen und dem be­klag­ten Land am 8. 2. 2007 zu­ge­gan­ge­nen Kla­ge sein Be­geh­ren wei­ter.
Der Kläger ist der An­sicht, dass die Staf­fe­lung der Grund­vergütung nach Le­bens­al­ters­stu­fen in § 27 A BAT und die un­ter­schied­li­che Be­mes­sung der Orts­zu­schlags­stu­fen in § 29 B BAT ge­gen das AGG verstößt. Kon­se­quenz sei nach dem AGG ein An­spruch auf Gleich­stel­lung mit den Begüns­tig­ten.

Der Kläger be­an­tragt,
fest­zu­stel­len, dass die Be­klag­te ver­pflich­tet ist, den Kläger rück­wir­kend zum 1. 9. 2006 in die Vergütungs­grup­pe BAT I a, Le­bens­al­ters­stu­fe 47, Orts­zu­schlags­stu­fe 3, ein­zu­ord-nen,
hilfs­wei­se die Be­nach­tei­li­gung des Klägers durch sei­ne Ein­stu­fung nach BAT, Vergütungs­grup­pe I a, Le­bens­al­ters­stu­fe 37, Orts­zu­schlags­stu­fe 1 zu be­sei­ti­gen.

Das be­klag­te Land be­an­tragt,
die Kla­ge ab­zu­wei­sen.
Das be­klag­te Land ist der An­sicht, dass das Vergütungs­sys­tem des § 27 A BAT nach § 10 AGG ge­recht­fer­tigt sei. § 27 A BAT ver­fol­ge die Ho­no­rie­rung der mit höhe­rem Al­ter ver­bun­de­nen größeren Le­bens- und Be­rufs­er­fah­rung so­wie der länge­ren Be­triebs­treue als le­gi­ti­me Zie­le in verhält­nismäßiger

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Wei­se. Ei­ne Be­nach­tei­li­gung durch die Orts­zu­schlags­stu­fe 1 sei schon nicht er­kenn­bar, je­den­falls ge­recht­fer­tigt. Hilfs­wei­se käme dem be­klag­ten Land auch § 15 III AGG zu­gu­te. Der Hilfs­an­trag sei zu un­be­stimmt.
Für den wei­te­ren Sach- und Streit­stand wird auf die ge­wech­sel­ten Schriftsätze ver­wie­sen.


Ent­schei­dungs­gründe

Die Kla­ge ist hin­sicht­lich des Haupt­an­tra­ges zulässig, je­doch un­be­gründet; hin­sicht­lich des Hilfs­an­tra­ges un­zulässig.
A. Der Haupt­an­trag ist zulässig, je­doch zur Zeit un­be­gründet.

I. Die Zulässig­keit folgt trotz der Sub­si­dia­rität ei­ner bloßen Fest­stel­lungs­kla­ge nach § 256 I ZPO ent­spre­chend aus der Zulässig­keit ei­ner Ein­grup­pie­rungs­fest­stel­lungs­kla­ge im öffent­li­chen Dienst.
Der Haupt­an­trag ist aus­zu­le­gen. Die Ein­grup­pie­rung in ei­ne Vergütungs­grup­pe ist kein rechts­ge­stal­ten­der Akt und kei­ne Wil­lens­erklärung, son­dern "ei­ne be­wer­ten­de Sub­sum­ti­on" (BAG [16.02.2000] - 4 AZR 62/99 - NZA-RR 2001, 216 Os.). Ei­ne auf Fest­stel­lung ei­ner Ver­pflich­tung zu ei­ner Ein­grup­pie­rung ge­rich­te­te Kla­ge ist da­her auf die Fest­stel­lung ei­ner Ver­pflich­tung zu et­was Unmögli­chem ge­rich­tet. Ent­spre­chen­des gilt für die Ein­ord­nung in ei­ne Le­bens­al­ters-/Orts­zu­schlags­stu­fe. Der An­trag ist da­her als rei­ner Fest­stel­lungs­an­trag aus­zu­le­gen (vgl. BAG [28.03.1979] - 4 AZR 446/77 - AP BAT 1975 § 22 Nr. 19). Dies ist auch iso­liert für ei­ne Le­bens­al­ters­stu­fe (LAG Rhein­land-Pfalz [20.03.2007] - 3 Sa 995/06 - ju­ris [Rn. 42]) und für ei­ne Orts­zu­schlags­stu­fe (LAG Düssel­dorf [05.12.2002], NZA-RR 2003, 666) zulässig.
Es er­scheint hier aus­rei­chend und zulässig, wenn auch unüblich, dass nur die Fest­stel­lung ei­ner Ein­ord­nung und nicht die Fest­stel­lung der Ver­pflich­tung zur Vergütung nach ei­ner Ein­ord­nung be­an­tragt wird.

II. Der Haupt­an­trag ist je­doch zur Zeit nicht be­gründet.
Der Kläger ist we­der in die höchs­te Le­bens­al­ters­stu­fe 47 noch in die Orts­zu­schlags­stu­fe 3 ein­zu­ord­nen.
1. Der Kläger hat we­der ei­nen Erfüllungs- noch ei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch auf ei­ne Ein­ord­nung in die Le­bens­al­ters­stu­fe 47.
1.1 Der Kläger hat kei­nen ver­trag­li­chen An­spruch auf Ein­ord­nung in die Le­bens­al­ters­stu­fe 47 sei­ner Vergütungs­grup­pe I a. § 27 A I BAT ist zwar nach § 7 II AGG un­wirk­sam. Auch folgt dar­aus nach § 8 II AGG an sich ein An­spruch auf Gleich­stel­lung mit den Meist­begüns­tig­ten. Vor­lie­gend be­steht je­doch für die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en des An­wen­dungs-TV vom 31. 7. 2003 ein Ver­trau­ens­schutz, der für

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die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ei­ne Über­g­angs­frist ver­langt. Dies wirkt sich mit­tel­bar auch auf die hie­si­ge Be­zug­nah­me aus.
1.1.1 Ein ar­beits­ver­trag­li­cher Erfüllungs­an­spruch i.V.m. § 27 A BAT schei­tert nicht schon an der Kla­ge­be­gründung, die al­lein auf ei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 15 AGG ab­hebt. § 308 ZPO bin­det an den Streit­ge­gen­stand des Kla­ge­an­tra­ges, nicht an die an­geführ­ten An­spruchs­grund­la­gen (Reichold, in: Tho­mas/Putzo, ZPO, 28. Aufl. [2007], § 308 Rn. 4).
1.1.2 Auf die Ein­hal­tung der Aus­schluss­fris­ten der §§ 15 IV AGG, 61b ArbGG kommt es nicht an. Sie fin­den auf ei­nen ar­beits­ver­trag­li­chen Erfüllungs­an­spruch kei­ne An­wen­dung (vgl. u.a. Pa­landt/Wei­den­kaff, BGB, 66. Aufl. [2007], AGG, § 15 Rn. 10; a.A. - fern­lie­gend - Bau-er/Göpfert/Krie­ger, AGG [2007], § 15 Rn. 49, 57).
1.1.3 Die Dif­fe­ren­zie­rung der Grund­vergütung des Klägers nach Le­bens­al­ters­stu­fen gemäß § 27 A I BAT verstößt i.V.m. den §§ 1, 3, 5, 8, 10 AGG ge­gen das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot des § 7 AGG. Es liegt ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters i.S.d. §§ 1, 3 AGG vor, die nicht nach den §§ 10, 5, 8 AGG sach­lich ge­recht­fer­tigt ist.
1.1.3.-1 Das an Le­bens­al­ters­stu­fen ori­en­tier­te Ent­gelt­sys­tem des § 27 A I BAT ist ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters i.S.d. §§ 1, 3 AGG. Al­ter im Sin­ne des § 1 AGG ist je­des Le­bens­al­ter (Pa­landt/Hein­richs, a.a.O., § 1 Rn. 9). Die Dif­fe­ren­zie­rung der Grund­vergütung nach dem Le­bens­al­ter ist ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung i.S.d. § 3 I AGG (vgl. all­ge­mein Rühl/Schmid/Vie­then, AGG [2007], S. 64).
1.1.3.-2 Die un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung durch die Le­bens­al­ters­vergütung ist nicht ge­recht­fer­tigt i.S.d. §§ 10, 5, 8 I AGG.
1.1.3.-2.1 Nach ganz herr­schen­der Mei­nung sind Vergütungs­sys­te­me, die die Vergütung nach dem Le­bens­al­ter staf­feln, un­wirk­sam

(nach dem AGG/nach der RL 2000/78/EG: Alen­fel­der, Dis­kri­mi­nie­rungs­schutz [2006], Rn. 82, 404; Bau­er/Göpfert/Krie­ger, AGG [2007], § 10 Rn. 23, 30; Bo­em­ke/Danko, AGG [2007], § 13 Rn. 33; Brors, in: Däubler/Berz­bach, AGG [2007], § 10 Rn. 58; Det­te, ebd., § 7 Rn. 125; Ha­nau, ZIP 2006, 2189 (2197); Ka­nia, in: Kütt­ner, Per­so­nal­buch, 14. Aufl. [2007]/Dis­kri­mi­nie­rung Rn. 96; Lin­ge­mann/Go­tham, NZA 2007, 663 (666); Ling­s­cheid, An­ti­dis­kri­mi­nie­rung [2004], S. 236; Löwisch, DB 2006, 1729 (1730 f.); Mei­nel/Heyn/Herms, AGG [2007], § 10 Rn. 45; Münche­ner Kom­men­tar (MK)/Thüsing, BGB, 5. Aufl. [2007], § 10 Rn. 52 ("re­gelmäßig un­zulässig"); Thüsing, in: Wie­de­mann, TVG, 7. Aufl. [2007], Einl. Rn. 162 ("Für bloßes Al­ter wird es kein höhe­res Ent­gelt mehr ge­ben."); Schmid/Sen­ne RdA 2002, 80 (88); mit deut­li­cher Nei­gung zur Un­wirk­sam­keit: Voigt, in: Schleu­se­ner/Suckow/Voigt, AGG [2007], § 10 Rn. 27, 30; Lin­sen­mai­er, RdA 2003, 22 (29) ("eu­ro­pa­recht­lich be­denk­lich"); Bausch­ke, AGG [2007], § 1 Rn. 34; St­ein, in: Däubler, TVG, 2. Aufl. [2006], § 1 Rn. 141 ("er­heb­li­che Be­den­ken"); in Fra­ge stel­lend auch Ko­kott, RdA 2006, Son­der­beil. Heft 6, S. 30 (33)).

Ein mit dem Le­bens­al­ter ver­bun­de­ner Zu­wachs an Le­bens­er­fah­rung wird als Recht­fer­ti­gung al­len­falls dann ak­zep­tiert, wenn die­se für die kon­kre­te Be­rufs­ausübung "nütz­lich" oder "vor­teil­haft" ist


(Zwan­zi­ger, in: Kitt­ner/Zwan­zi­ger, Ar­beits­recht, 4. Aufl. [2007], § 111 Rn. 120 (Bei­spiel: So­zi­al­ar­beit); Lin­ge­mann, in: Prütting/We­gen/Wein­rich, BGB, 2. Aufl. [2007], § 10 Rn. 11 (Bei­spie­le: Psy­cho­lo­gen, Psych­ia­ter, je nach Be­rufs­feld Rich­ter, Ärz­te, Führungs­kräfte); un­be­stimm­ter: Schlach-

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ter, in: Schul­ze/Zu­leeg, Eu­ro­pa­recht [2006], § 39 Rn. 83 (al­ters­abhängi­ge Ent­gelt­stei­ge­rungs­stu­fen grundsätz­lich nach Art. 6 RL 78/2000/EG möglich - "abhängig von ih­rer An­wen­dung im kon­kre­ten Fal­le"); Schra­der/Strau­be, in: Tschöpe, Ar­beits­recht, 5. Aufl. [2007], Teil 1 F Rn. 105 ("mögli­cher­wei­se"); i.d.R. wohl ei­ne Wirk­sam­keit für möglich hal­tend Wal­ter­mann, NZA 2005, 1265 (1268 f.) so­wie Wal­ter­mann, ZfA 2006, 305 (322) ("mehr Spiel­raum als man ... an­nimmt"); ei­ne Recht­fer­ti­gung a prio­ri nicht aus­sch­ließend BT-Dr. 16/1780, S. 36).

1.1.3.-2.2 Die Vergütungs­re­ge­lung des § 27 A I BAT ist nicht nach § 10 AGG ge­recht­fer­tigt. We­der nach § 10 S. 3 AGG noch nach § 10 S. 1, 2 AGG. Als be­son­de­re Recht­fer­ti­gungs­gründe nach § 10 S. 3 AGG für al­ters­be­zo­ge­ne Vergütungs­sys­te­me kom­men al­len­falls § 10 S. 3 Nr. 2 AGG und § 10 S. 3 Nr. 1 AGG in Be­tracht.
1.1.3.-2.2.1 Das pau­scha­le Le­bens­al­ter­sprin­zip des § 27 A BAT kann nicht nach § 10 S. 3 Nr. 2 AGG ge­recht­fer­tigt wer­den.
Es ist schon frag­lich, ob ein Al­ter­s­ent­gelt­stu­fen­sys­tem über­haupt un­ter § 10 S. 3 Nr. 2 AGG fal­len kann (dies vor­aus­set­zend Zwan­zi­ger, a.a.O., § 111 Rn. 120; Bau­er/Göpfert/Krie­ger, AGG [2007], § 10 Rn. 29; BT-Drucks. 16/1780, S. 36; of­fen­las­send Lin­ge­mann/Go­tham, NZA 2007, 663 (666)).
Auch im Fall des § 10 S. 3 Nr. 2 AGG ist je­den­falls ein le­gi­ti­mes Ziel i.S.d. § 10 S. 1 AGG (Lin­ge­mann/Go­tham, NZA 2007, 663 (666)) und ins­ge­samt ei­ne Verhält­nismäßig­keitsprüfung nach § 10 S. 1, 2 AGG (Bau­er/Göpfert/Krie­ger, AGG [2007], § 10 Rn. 29) er­for­der­lich.
Als Re­ge­lungs­zweck des § 27 A BAT wird an­geführt: "Mit der Be­mes­sung der Grund­vergütung nach Le­bens­al­ters­stu­fen ... wird ver­deut­licht, dass die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ei­nem Zu­wachs an Le­bens­er­fah­rung bei Ein­stel­lung und ei­ner da­nach hin­zu­kom­men­den Be­rufs­er­fah­rung auch ein Mehr an Grund­vergütung zu­bil­lig­ten" (Böhm u.a., BAT, Lbl. [8/2006], § 27 BAT Rn. 5).
Es kann of­fen­blei­ben, ob die Le­bens­er­fah­rung nie ein le­gi­ti­mes Ziel i.S.d. § 10 S. 1 AGG sein kann (so Schmidt/Sen­ne, RdA 2002, 80 (88) (für Art. 6 I RL 2000/78/EG); fürs AGG fol­gend Löwisch, DB 2006, 1729 (1731) ("zu va­ge"); Ling­s­cheid, An­ti­dis­kri­mi­nie­rung [2004], S. 237 ("zwei­fel­haft")). Das Ar­gu­ment man­geln­der Mess­bar­keit (Schmidt/Sen­ne, RdA 2002, 80 (88)) und Bio­gra­phie­abhängig­keit (Ling­s­cheid, An­ti­dis­kri­mi­nie­rung [2004], S. 237; Brors, a.a.O., § 10 Rn. 58) dürf­te der Ty­pi­sie­rungs­be­fug­nis und der Einschätzungs­präro­ga­ti­ve der Ta­rif­ver-trags­par­tei­en nicht ge­recht wer­den.
Für die Po­si­ti­on des be­klag­ten Lan­des spricht nicht schon die Cad­man-Ent­schei­dung des EuGH vom 3. 10. 2006 - Rs. C-17/05 - NJW 2007, 47. Da­nach ist die Ho­no­rie­rung der Be­rufs­er­fah­rung "ein le­gi­ti­mes Ziel der Ent­gelt­po­li­tik" und ist in der Re­gel der Rück­riff auf das Kri­te­ri­um des Dienst­al­ters "ge­eig­net, um die­ses Ziel zu er­rei­chen". Wenn der Ar­beit­neh­mer nicht "An­halts­punk­te" für "ernst­li­che Zwei­fel" lie­fert, braucht der Ar­beit­ge­ber die kon­kre­te Eig­nung nicht be­son­ders dar­zu­le­gen (EuGH, a.a.O. [Rn. 34 - 38]). Die­se Grundsätze sind nicht oh­ne Wei­te­res auf Fälle der Un­gleich­be­hand­lung auf Grund des Le­bens­al­ters zu über­tra­gen. Während die Be­rufs­er­fah­rung ei­nen un­mit­tel­ba­ren Be­zug zur aus­geübten Tätig­keit hat, muss die­ser im Fall der über das Le­bens­al­ter ho­no­rier­ten Le­bens­er­fah­rung zu­min­dest ty­pi­sie­rend kon­kret her­ge­stellt wer­den (vgl. Bo­em­ke/Danko, AGG [2007], § 13 Rn. 33; Bau­er/Göpfert/Krie­ger, AGG [2007], § 10 Rn. Rn. 24; St­ein, a.a.O., § 1 Rn. 141;

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Ha­nau, a.a.O. (2197); Zed­ler, Anm. EuGH, NJW 2007, 47 (50)). Al­ter­na­tiv muss mit dem höhe­ren Le­bens­al­ter ein höhe­res Dienst­al­ter und darüber ei­ne höhe­re Be­rufs­er­fah­rung ver­bun­den sein.
Vor­lie­gend sind bei­de Recht­fer­ti­gungs­gründe nicht er­kenn­bar. Ein er­heb­li­che Be­deu­tung der Le­bens­er­fah­rung für die Tätig­keit der Klägers als Geschäftsführer ei­nes Pfle­ge­heim­be­trie­bes ist nicht er­sicht­lich. Ob der Kläger als mit 30 Jah­ren ein­ge­stell­ter Ar­beit­neh­mer 37 oder 47 Jah­re alt ist, spielt für den Wert sei­ner Tätig­keit kei­ne er­kenn­ba­re si­gni­fi­kan­te Rol­le.
Das Le­bens­al­ter steht auch nicht mit­tel­bar für das Dienst­al­ter. Der mit 30 Jah­ren ein­ge­stell­te Kläger erhält mit 39 Jah­ren und 9 Dienst­jah­ren die­sel­be Vergütung, die ei­ner­seits ein mit 23 Jah­ren ein­ge­stell­ter An­ge­stell­ter nach 16 Dienst­jah­ren und an­de­rer­seits ein mit 43 Jah­ren ein­ge­stell­ter Be­rufs­anfänger (i.V.m. § 27 A II BAT) erhält. Mit 47 Jah­ren er­hiel­te der Kläger mit 17 Dienst­jah­ren die­sel­be Vergütung wie ein mit 23 Jah­ren ein­ge­stell­ter An­ge­stell­ter mit 24 Jah­ren, ein mit 35 Jah­ren ein­ge­stell­ter mit 12 Dienst­jah­ren und ein mit 59 Jah­ren ein­ge­stell­ter Be­rufs­anfänger (i.V.m. § 27 A II BAT).
Die Bei­spie­le zei­gen, dass auch i.V.m. § 27 A II BAT kei­ne ver­tret­ba­re Kor­re­la­ti­on des Le­bens­al­ters zu Dienst- oder Be­rufs­jah­ren ver­mit­telt wird. Auf die­se ist da­her als mil­de­res Mit­tel di­rekt zurück­zu­grei­fen (vgl. auch Rieb­le/Zed­ler, ZfA 2006, 273 (295)).
1.1.3.-2.2.2 Ei­ne be­son­de­re Recht­fer­ti­gung ist auch nicht nach § 10 S. 3 Nr. 1 AGG er­sicht­lich. Es fehlt schon an der In­ten­ti­on, durch die al­ters­be­zo­ge­ne Ent­gelt­staf­fe­lung die be­ruf­li­che Ein­glie­de­rung von Ju­gend­li­chen oder älte­ren Beschäftig­ten zu fördern oder de­ren Schutz si­cher­zu­stel­len.
1.1.3.-2.2.3 Ei­ne Recht­fer­ti­gung nach der Ge­ne­ral­klau­sel des § 10 S. 1, 2 AGG ist eben­falls nicht er­kenn­bar (vgl. Ha­nau, a.a.O. (2197)). Es fehlt an ei­ner Verhält­nismäßig­keit der Be­nach­tei-li­gung.
Die si­che­re Be­nach­tei­li­gung heu­te wird durch ei­ne un­ge­wis­se Begüns­ti­gung mor­gen we­der auf­ge­ho­ben noch ge­recht­fer­tigt (vgl. auch Brors, a.a.O., § 10 Rn. 56; Voigt, a.a.O., § 10 Rn. 30 ("pro­ble­ma­tisch"); Wie­de­mann/Thüsing, NZA 2002, 1234 (1241); Ling­s­cheid, An­ti­dis­kri­mi-nie­rung [2004], S. 211; a.A. Wal­ter­mann, ZfA 2006, 305 (321)).
Ei­ne höhe­re Vergütung we­gen des Al­ters kann auch nicht mit ei­nem größeren Be­darf des älte­ren Ar­beit­neh­mers be­gründet wer­den (Thüsing, Dis­kri­mi­nie­rungs­schutz [2007], Rn. 424; Brors, a.a.O., § 10 Rn. 56). Es sind kei­ne „tatsächli­chen Nach­tei­le we­gen des Al­ters“ (als sol­chem) er­sicht­lich. „Al­ter ist nicht not­wen­dig oder ty­pi­scher­wei­se mit höhe­ren Kos­ten ver­bun­den“ (Bau-er/Göpfert/Krie­ger, AGG [2007], § 10 Rn. 23). Das Mit­tel ist un­ge­eig­net.
1.1.3.-2.3 Ent­spre­chend ist auch kei­ne Recht­fer­ti­gung nach den §§ 5, 8 I AGG er­sicht­lich.
Nach § 5 AGG nicht, da kei­ne durch das Al­ter be­ste­hen­de Nach­tei­le aus­ge­gli­chen wer­den (Hin­richs, in: Däubler/Berz­bach, AGG [2007], § 5 Rn. 54; Brors, a.a.O., § 10 Rn. 54; St­ein, a.a.O., § 1 Rn. 141; Thüsing, Dis­kri­mi­nie­rungs­schutz [2007], Rn. 462).
Nach § 8 I AGG nicht, da das Al­ter nach Art oder den Be­din­gun­gen der Tätig­keit des Klägers kei­ne "we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung" ist (vgl. auch all­ge­mein St­ein, a.a.O., § 1 Rn. 141). Ent­spre­chend kommt ent­ge­gen der An­sicht des be­klag­ten Lan­des auch der Erwägungs­grund Nr. 25 der RL 2000/78/EG nicht zum Zu­ge.

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1.1.2 § 27 A I BAT verstößt da­mit ge­gen das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot des § 7 I AGG. Er ist da­her un­wirk­sam. Dies folgt aus § 7 I AGG und de­kla­ra­to­risch aus § 7 II AGG i.V.m. § 134 BGB. "Ver­ein­ba­run­gen" i.S.d. § 7 II AGG sind auch Ta­rif­verträge (Pa­landt/Wei­den­kaff, a.a.O., § 7 Rn. 5).
1.1.3 Der Kläger hätte an sich nach § 8 II AGG für die Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft bis zu ei­ner ta­rif­ver­trag­li­chen Neu­re­ge­lung ei­nen An­spruch auf Gleich­stel­lung mit den (Meist-) Begüns­tig­ten ("An­pas­sung nach oben"), d.h. auf Zah­lung der Vergütung nach der höchs­ten Le­bens­al­ters­stu­fe 47.
1.1.3.-1 Verstößt ein Ta­rif­ver­trag ge­gen ein Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot, das nicht die Ge­schlechts­dis­kri­mi­nie­rung, son­dern ins­be­son­de­re die Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung be­trifft, sind die Mei­nun­gen zu den Rechts­fol­gen der Un­wirk­sam­keit des Ta­rif­ver­tra­ges kon­tro­vers. Das AGG gibt nach herr­schen­der Auf­fas­sung kei­ne Ant­wort auf die­se Fra­ge. Das "Schwei­gen des Ge­setz-ge­bers" (MK/Thüsing, a.a.O., § 7 Rn. 14) wird kri­ti­siert.
1.1.3.-2 Un­strei­tig dürf­te sein, dass es den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en recht­lich un­be­nom­men ist, im Fall ei­ner (Teil-) Un­wirk­sam­keit ih­res Ta­rif­ver­tra­ges ei­ne neue Re­ge­lung zu tref­fen. Die­se Idyl­le der Ta­rif­au­to­no­mie ist je­doch trüge­risch. Ei­ne An­pas­sung nach oben führt zu ei­nem Ta­rif­ver­trag mit neu­em In­halt, an den ein Ar­beit­ge­ber(ver­band) ge­bun­den ist, und der, wenn künd­bar, i.d.R. mit Nach­wir­kung fort­gilt (von Rieb­le/Zed­ler, ZfA 2006, 273 (291) "An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs-Nach­wir­kung" ge­nannt.) So droht hier aus dem als Sa­nie­rungs­ta­rif­ver­trag ge­dach­ten An­wen­dungs­ta­rif­ver­trag des Lan­des Ber­lin ein Lu­xus­ta­rif­ver­trag auf Dau­er zu wer­den.
1.1.3.-3 Während im Be­reich der Ge­schlechts­dis­kri­mi­nie­rung die Recht­spre­chung des EuGH das Feld weit­ge­hend be­herrscht und i.d.R. auch be­folgt wird, be­steht für den Be­reich der sons­ti­gen Dis­kri­mi­nie­rung und hier kon­kret für den Fall der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung Un­si­cher­heit. Der Mei­nungs­stand wird da­durch unüber­sicht­lich, dass zwi­schen den Mei­nun­gen zu den Rechts­fol­gen ei­nes Ver­s­toßes ge­gen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz aus Art. 3 I GG und ei­nem Ver­s­toß ge­gen Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te un­ter­schie­den wer­den muss (BAG [13.02.2002] - 5 AZR 713/00 - NZA 2003, 216 (217)). Mit­un­ter wer­den zu­dem noch Über­le­gun­gen zum all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ein­be­zo­gen. Dies al­les aus den un­ter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven des BAG, des BVerfG und des EuGH. Da­bei können Rechts­fol­gen für die Ver­gan­gen­heit und für die Zu­kunft ver­schie­den sein. Zu un­ter­schei­den ist auch zwi­schen den Rechts­fol­gen für Ta­rif­verträge vor In­kraft­tre­ten des AGG am 18. 8. 2006 (Alt-Ta­rif­verträge) und nach dem In­kraft­tre­ten (Neu-Ta­rif­verträge). Zu un­ter­schei­den ist auch ein Ver­trau­ens­schutz der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ei­ner­seits vor dem Ge­setz­ge­ber (hier vor dem AGG) und an­de­rer­seits (ab­ge­schwächt) vor der Recht­spre­chung (ins­bes. des EuGH) so­wie ein Ver­trau­ens­schutz der Ar­beit­neh­mer vor ei­ner rück­wir­ken­den ta­rif­ver­trag­li­chen Neu­re­ge­lung.
1.1.3.-4 Die Rechts­la­ge für den zukünf­ti­gen Nor­mal­fall ei­nes Neu-Ta­rif­ver­tra­ges ist von der für Alt-Ta­rif­verträge zu un­ter­schei­den. Hier geht es zunächst um den Nor­mal­fall als Aus­gangs­punkt. Da­bei geht hier um die Rechts­fol­gen des Ver­s­toßes ei­nes ta­rif­ver­trag­li­chen Vergütungs­sys­tems ge­gen ein Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot, das nicht die Ge­schlechts­dis­kri­mi­nie­rung be­trifft, ins­be­son­de­re im Fall der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung.

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1.1.3.-4.1 Ver­tre­ten wird ei­ne "An­pas­sung nach oben" so­wohl für die Ver­gan­gen­heit als auch für die Zu­kunft (Meist­begüns­ti­gungs­theo­rie). Dies in An­leh­nung an die Recht­spre­chung des EuGH und des BAG zu Art. 141 EGV (Ge­schlechts­dis­kri­mi­nie­rung).

(So Mei­nel/Heyn/Herms, AGG [2007], § 7 Rn. 47, § 10 Rn. 45; Wie­de­mann, NZA 2007, 950 (952); MK/Thüsing, a.a.O., § 7 Rn. 16; Thüsing, in: Bau­er/Thüsing/Schun­der, NZA 2006, 774 (775); Löwisch, DB 2006, 1729 (1731); Zwan­zi­ger, a.a.O., § 111 Rn. 131 (i.V.m. mit ei­nem Ver­weis auf ei­ne Ergänzung durch die (un­kla­ren) all­ge­mei­nen Grundsätze der Rechts­fol­gen un­wirk­sa­mer Kol­lek­tiv­verträge); für Art. 3 III GG auch Kitt­ner/Dei­nert, in: Kitt­ner/Zwan­zi­ger, a.a.O., § 16 Rn. 23; vgl. auch Pa­landt/Wei­den­kaff, a.a.O., § 7 Rn. 7 ("in der Re­gel"); un­klar Wil­lem­sen/Sch­wei­bert, NJW 2006, 2583 (2588): An­pas­sung nach oben für die Ver­gan­gen­heit, vor­be­halt­lich ei­nes Ver­trau­ens­schut­zes; An­pas­sung nach oben für die Zu­kunft, Aus­nah­men nur "in be­son­ders ge­la­ger­ten Fällen, na­ment­lich in Fällen der Un­gleich­be­hand­lung durch Ge­setz oder Ta­rif­ver­trag".)

1.1.3.-4.2 Mehr­heit­lich wird ei­ne sol­che un­ein­ge­schränk­te au­to­ma­ti­sche An­pas­sung nach oben ab­ge­lehnt (oh­ne De­tails Wank, Fest­schrift Wißmann [2005], 599 (617)). Rechts­tech­nisch durch die An­nah­me ei­ner Ge­samt­un­wirk­sam­keit der ta­rif­ver­trag­li­chen Re­ge­lung. Teils geht man da­bei von ei­ner so­for­ti­gen Ent­schei­dungsmöglich­keit des staat­li­chen Ge­richts aus, teils lässt man den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en den Vor­tritt.
1.1.3.-4.2.1 Die Ver­tre­ter der Ent­schei­dungs­theo­rie kom­men zu ganz un­ter­schied­li­chen Er­geb­nis­sen:
(1) An­pas­sung nach oben nur für die Ver­gan­gen­heit und Neu­re­ge­lung durch die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en für die Zu­kunft.

(So­gar für ei­nen Fall der Ge­schlechts­dis­kri­mi­nie­rung die viel zi­tier­te, je­doch Aus­nah­me­ent­schei­dung BAG [13.11.1985] - 4 AZR 234/84 - <Ehe­frau­enzu­la­ge> - NJW 1986, 1006 = AP GG Art. 3 Nr. 136 (mit krit. Anm. Zu­leeg); in der Sa­che fol­gend für den all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz Er­fur­ter Kom­men­tar (ErfK)/Preis, 7. Aufl. [2007], BGB § 611, Rn. 750 ff. - i.V.m. ei­ner An­pas­sungs­frist im Fall ei­ner un­kla­ren Rechts­la­ge; für den Fall ei­nes Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­s­toßes Ka­man­ab­rou, ZfA 2006, 327 (333 f.) - i.V.m. ei­ner Über­g­angs­frist im Fall ei­ner un­verhält­nismäßigen Be­las­tung "zu­min­dest" in den Fällen, in de­nen kein Haus­ta­rif­ver­trag vor­liegt; wohl als Auf­fang­po­si­ti­on für den Fall der Nicht­gewährung ei­ner Über­g­angs­frist na­he­le­gend Ka­nia, a.a.O., Rn. 126.
Bei Verstößen ge­gen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz wird vom BAG aus­nahms­wei­se ei­ne Ge­samt­nich­tig­keit be­jaht, wenn auf­grund des Re­ge­lungs­ge­gen­stan­des un­ter Berück­sich­ti­gung der Be­las­tung aus ei­ner "An­pas­sung nach oben" da­von aus­zu­ge­hen ist, dass die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en den Ta­rif­ver­trag so nicht ge­schlos­sen hätten, vgl. BAG [28.05.1996] - 3 AZR 752/95 - NZA 1997, 101 = ju­ris [Rn. 33] m.w.N.. Selbst dann wird aber i.d.R. ei­ne An­pas­sung nach oben für die Ver­gan­gen­heit be­jaht, vgl. BAG [31.01.2002] - 6 AZR 636/01 - ZTR 2002. 478 = ju­ris [Rn. 40]; BAG [07.03.1995] - 3 AZR 282/94 - NZA 1996, 48 = ju­ris [Rn. 46] (kei­ne an­de­re Möglich­keit der Be­sei­ti­gung des Gleich­heits­ver­s­toßes u.a. auf Grund des Ver­trau­ens­schut­zes der Ar­beit­neh­mer, Wil­le der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en)).

(2) Staat­li­che Fest­set­zung der Vergütung nach § 612 BGB für Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft.
(I.V.m. § 612 II BGB: Lin­ge­mann, a.a.O., § 7 Rn. 10; nach Lin­ge­mann/Go­tham, NZA 2007, 663 (668) nur dann, wenn "aus­rei­chen­de An­halts­punk­te" für ei­nen hy­po­the­ti­schen Wil­len der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en vor­lie­gen un­ter Rück­griff "auf dis­po­si­ti­ves Ge­set­zes­recht"; of­fen­bar da­durch ani­miert wol­len Wul­fers/Hecht, ZTR 2007, 475 (482) den für al­ters­dis­kri­mi­nie­rend und un­wirk­sam ge­hal­te­nen § 26 I 2 TVöD/TV-L durch § 3 I BUrlG er­set­zen; nach Schleu­se­ner, in: Schleu­se­ner/Suckow/Voigt, AGG [2007], § 7 Rn. 46 nur, wenn man ein Zu­war­ten auf die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ab­lehnt, dann "ggf. mit Hil­fe von Sach­verständi­gen"; bei dis­kri­mi­nie­ren­den Ent­gelt­sys­te­men auch Schiek, in: Däubler, TVG, 2. Aufl. [2006], Einl. Rn. 453 f.; - kri­tisch zu ei­ner § 612 II BGB - Lösung Mei­nel/Heyn/Herms, AGG [2007], § 7 Rn. 46; i.V.m. § 612 I BGB: bei bloßer In­be­zug­nah­me ei­nen Re­ge­lungs­vor­be­halt der Ta-

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rif­ver­trags­par­tei­en ver­nei­nend und ei­ne Fest­set­zung nach Maßga­be des § 612 I BGB fa­vo­ri­sie­rend ErfK/Schlach­ter, 7. Aufl. [2007], AGG, § 7 Rn. 4; für den Fall ei­ner Ge­schlechts­dis­kri­mi­nie­rung durch Leicht­l­ohn­grup­pen § 612 I BGB bei In­di­vi­dual­kla­gen be­ja­hend Däubler, Ta­rif­ver­trags­recht, 3. Aufl. [1993], Rn. 449.)

(3) An­pas­sung nach un­ten für Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft.

(So Bau­er/Göpfert/Krie­ger, AGG [2007], § 7 Rn. 24 ff.: Es soll da­nach un­ter­schie­den wer­den, ob "ei­ne klei­ne Grup­pe" (Rn. 27) oder die "Mas­se an Beschäftig­ten" (Rn. 28) be­trof­fen sei. Bei ei­ner un­zulässi­gen Be­nach­tei­li­gung ei­ner klei­nen Grup­pe sei ei­ne An­pas­sung nach oben, bei der Begüns­ti­gung ei­ner klei­nen Grup­pe sei ei­ne An­pas­sung nach un­ten vor­zu­neh­men (Rn. 30). Kli­en­te­ler­hal­tend soll das bei ei­nem al­ters­abhängi­gen Vergütungs­sys­tem zu ei­ner An­pas­sung nach un­ten, d.h. zur Gel­tung al­lein der Grund­vergütung der jüngs­ten Ar­beit­neh­mer als Re­gel­vergütung führen (Rn. 32); ähn­lich wohl Wank, Fest­schrift Wißmann [2005], 599 (617).)

1.1.3-4.2.2 An­de­re räum­en den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en die Möglich­keit ein, die ent­stan­de­ne Ta­rif­ver­tragslücke au­to­nom zu re­geln (Vor­tritts­theo­rie). Ori­en­tie­rungs­punkt ist da­bei die Recht­spre­chung des BVerfG: Das BVerfG ist sehr zurück­hal­tend mit der Aus­wei­tung von Begüns­ti­gun­gen. Es überlässt i.d.R. dem Ge­setz­ge­ber ei­ne um­fas­sen­de, auch rück­wir­ken­de, kor­ri­gie­ren­de Ge­stal­tungs­be­fug­nis. Rechts­tech­nisch wird da­zu ein ge­gen Art. 3 GG ver­s­toßen­des Ge­setz in der Re­gel nicht für nich­tig erklärt, son­dern nur sei­ne Ver­fas­sungs­wid­rig­keit im Sin­ne ei­ner Un­ver­ein­bar­keit fest­ge­stellt. Bis zu ei­ner Neu­re­ge­lung oder bis zum En­de ei­ner vom BVerfG ge­setz­ten Frist wird im Re­gel­fall ein ver­fas­sungs­wid­ri­ges Ge­setz für un­an­wend­bar erklärt. Lau­fen­de Ver­fah­ren sind aus­zu­set­zen. Im Ge­gen­satz zum BAG wird für die Ver­gan­gen­heit i.d.R. kein Meist­begüns­ti­gungs­zwang an­ge­nom­men. In Aus­nah­mefällen kann ei­ne ver­fas­sungs­wid­ri­ge Re­ge­lung noch zeit­lich be­grenzt für an­wend­bar erklärt wer­den (vgl. Ja­rass, in: Ja­rass/Pie­roth, GG, 9. Aufl. [2007], Art. 3 Rn. 41 ff. m.w.N.).
Die Vor­tritts­theo­rie wird in zwei Grund­va­ri­an­ten ver­tre­ten.
(1) Die Theo­rie vom un­be­fris­te­ten Vor­tritt der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en (ab­so­lu­te Vor­tritts­theo­rie) geht da­von aus, dass staat­li­che Ge­rich­te nur die Nich­tig­keit un­wirk­sa­mer Ta­rif­nor­men fest­stel­len dürfen. Ei­ne Neu­re­ge­lung zu tref­fen sei al­lein Sa­che der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en selbst.

(So all­ge­mein Neu­mann, AR-Blat­tei SD, Gren­zen der Ta­rif­au­to­no­mie, Nr. 1550.1.4 [1996], Rn. 84 f.; un­klar Rieb­le/Zed­ler, ZfA 2006, 273 (292 f.))

(2) Die Theo­rie vom nur be­fris­te­ten Vor­tritt der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en (re­la­ti­ve Vor­tritts­theo­rie) gewährt den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en nur be­fris­tet die Möglich­keit ei­ner ta­rif­au­to­no­men Neu­re­ge­lung. Nach Frist­ab­lauf kommt es dann zu ei­ner Fest­set­zung durch das staat­li­che Ge­richt. Da­bei ist zu un­ter­schei­den zwi­schen den Ver­tre­tern ei­ner bloßen An­pas­sungs­frist und ei­ner Über­g­angs­frist (im en­ge­ren Sinn). Im Fall ei­ner An­pas­sungs­frist können und müssen die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en auch ei­ne Re­ge­lung für die Ver­gan­gen­heit tref­fen. Im Fall ei­ner Über­g­angs­frist gilt bis zum Frist­ab­lauf der an sich un­wirk­sa­me Ta­rif­ver­trag wei­ter. Im Fall ei­ner Nicht­ei­ni­gung be­steht we­gen der an­ge­nom­me­nen Ge­samt­nich­tig­keit bei ei­ner An­pas­sungs­frist von An­fang an, bei ei­ner Über­g­angs­frist erst mit Frist­ab­lauf

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ei­ne Ta­riflücke, die dann bei i.d.R. feh­len­dem hy­po­the­ti­schen Par­tei­wil­len nach § 612 II BGB sub­si­diär vom Ge­richt ge­schlos­sen wer­den muss.
(2 a) Ei­ne An­pas­sungs­frist ver­tre­ten:

(Lin­ge­mann/Go­tham, NZA 2007, 663 (668): Sei ei­ne ein­zi­ge Re­ge­lungsmöglich­keit nicht fest­stell­bar (wie in der Re­gel), bedürfe es ei­ner Neu­re­ge­lung durch die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en selbst i.V.m. ei­ner be­fris­te­ten Aus­set­zung des Ver­fah­rens und ei­ner staat­li­chen (In­te­rims-) Ent­schei­dung nach frucht­lo­sem Frist­ab­lauf; ähn­lich Schleu­se­ner, a.a.O., § 7 Rn. 45 f.: Ei­ne An­pas­sung nach oben sei "grundsätz­lich" ab­zu­leh­nen. Es sei Auf­ga­be der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ein neu­es Ta­rif­gefüge zu schaf­fen. Ge­richt­li­che Ent­schei­dun­gen sei­en be­fris­tet "zurück­zu­stel­len" - (nur ?) "für ei­ne Über­g­angs­pha­se nach In­kraft­tre­ten des AGG". Käme es nicht in­ner­halb "ei­nes an­ge­mes­se­nen Zeit­rah­mens" zu ei­ner neu­en ta­rif­ver­trag­li­chen Re­ge­lung, sei die Vergütung nach § 612 II BGB vom Ge­richt zu be­stim­men; für ei­ne An­pas­sungs­frist bei un­kla­rer Rechts­la­ge im Fall ei­nes Ver­s­toßes ge­gen den all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ErfK/Preis, a.a.O., Rn. 750 (wohl auch bei Ta­rif­verträgen, vgl. Rn. 751); so­weit Schlach­ter ei­ne "Über­g­angs­frist" einräumt, meint sie wohl nur ei­ne bloße An­pas­sungs­frist: für al­ters­dis­kri­mi­nie­ren­de Ta­rif­verträge (bei un­mit­tel­ba­rer Ta­rif­bin­dung): ErfK/Schlach­ter, a.a.O., § 7 Rn. 6 ("Über­g­angs­frist zur Neu­re­ge­lung"); bei ei­nem Re­ge­lungs­spiel­raum der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en: Schlach­ter, Fest­schrift Schaub [1998], S. 651 (670); bei Ge­schlechts­dis­kri­mi­nie­rung, wenn das ge­sam­te Lohn­sys­tem dis­kri­mi­nie­rend ist (dis­ku­tiert für Leicht­l­ohn­grup­pen): Schlach­ter, We­ge zur Gleich­be­rech­ti­gung [1993], S. 216.)

(2 b) Ei­ne Über­g­angs­frist ver­tre­ten:

(Ka­nia, a.a.O., Rn. 126; bei Dis­kri­mi­nie­rungs­verstößen und un­verhält­nismäßigen Be­las­tun­gen zu­min­dest bei Nicht-Haus­ta­rif­verträgen Ka­man­ab­rou, ZfA 2006, 327 (334); außer­halb des An­wen­dungs­be­rei­ches des Art. 141 EGV vor Ko­di­fi­zie­rung des AGG noch Thüsing, in: Wie­de­mann, TVG, a.a.O., Rn. 166 a.E.; bei (bloßer) Gleich­heits­wid­rig­keit ErfK/Die­te­rich, 7. Aufl. [2007], GG Art. 3 Rn. 61; auch bei Dis­kri­mi­nie­rungs­verstößen, je­doch nur für Kla­gen ei­ner Ge­werk­schaft fa­vo­ri­sie­rend Däubler, Ta­rif­ver­trags­recht, 3. Aufl. [1993], Rn. 449; vgl. auch ausführ­lich Wie­de­mann, TVG, a.a.O., Rn. 275 m.w.N.)

1.1.3.-5 Nimmt man zu dem Mei­nungs­stand Stel­lung, so ist die Lösung de le­ge la­ta schon im AGG selbst, kon­kret in § 8 II AGG zu su­chen. § 8 II AGG löst § 612 III BGB a.F. ab und er­streckt das nach § 612 III BGB a.F. ehe­mals nur für Fälle der Ge­schlechts­dis­kri­mi­nie­rung gel­ten­de Lohn­gleich­heits­ge­bot auf al­le Dis­kri­mi­nie­rungs­tat­bestände des AGG (vgl. BT-Dr. 16/1750, S. 35: "§ 7 ... in Ver­bin­dung mit ... § 8 Abs. 2 die neue Grund­la­ge für Ansprüche auf glei­ches Ent­gelt"); Pa­landt/Wei­den­kaff, a.a.O., § 8 Rn. 4 a.E.; Jau­er­nig/Man­sel, BGB, 12. Aufl. [2007], § 8 Rn. 4 (An­spruchs­grund­la­ge: § 7 i.V.m. §§ 8 II, 2 I Nr. 2 AGG); Mei­nel/Heyn/Herms, AGG [2007], § 8 Rn. 61; Be­za­ni/Rich­ter, Gleich­be­hand­lungs­ge­setz [2006], Rn. 246 ("grundsätz­lich"); LAG Hamm [01.09.2006] - 4 Sa 564/05 - NZA-RR 2007, 81 (83) (für Ge­schlechts­dis­kri­mi­nie­rung); a.A. Wie­de­mann, NZA 2007, 950 (952) (§ 7 II AGG i.V.m. mit der kon­kre­ten Be­nach­tei­li­gungs­vor­schrift)).
Das Ge­bot der Ent­gelt­gleich­heit ist hier aber ein Ge­bot der Meist­begüns­ti­gung. Nach § 612 III BGB a.F. soll­ten die Männer nicht so we­nig wie die Frau­en, son­dern die Frau­en so viel wie die Männer ver­die­nen. Nach § 8 II AGG sol­len nun all­ge­mein begüns­tig­te Ar­beit­neh­mer nicht gleich we­nig wie dis­kri­mi­nier­te Ar­beit­neh­mer, son­dern dis­kri­mi­nier­te Ar­beit­neh­mer gleich viel wie begüns­tig­te Ar­beit­neh­mer er­hal­ten. § 8 II AGG ist für Fälle der Ge­schlechts­dis­kri­mi­nie­rung zwin­gend An­spruchs­grund­la­ge für ei­nen An­spruch auf ei­ne An­pas­sung nach oben. Für sons­ti­ge Dis­kri­mi­nie­rungs­merk­ma­le kann

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nichts an­de­res gel­ten. Der Ge­setz­ge­ber hat für die Fälle al­ters­dis­kri­mi­nie­ren­der ta­rif­ver­trag­li­cher Vergütungs­sys­te­me kei­ne ab­wei­chen­de Re­ge­lung vor­ge­se­hen. Ei­ne te­leo­lo­gi­sche Re­duk­ti­on ist nicht ge­bo­ten. Das Er­geb­nis kon­ver­giert mit dem an­der­wei­tig be­gründe­tem Er­geb­nis, dass an ei­ner An­pas­sung nach oben "wohl kein Weg vor­bei" (MK/Thüsing, a.a.O., § 7 Rn. 16) führe.
1.1.3.-5.1 § 8 II AGG ist im Fall der Ge­schlechts­dis­kri­mi­nie­rung An­spruchs­grund­la­ge für ei­nen An­spruch auf Meist­begüns­ti­gung, d.h. auf ei­ne An­pas­sung nach oben.
1.1.3.-5.1.1 § 8 II AGG er­setzt § 612 III BGB a.F., der des­halb auf­ge­ho­ben wur­de. § 613 III BGB a.F. war nach ganz herr­schen­der Auf­fas­sung ei­ne An­spruchs­grund­la­ge für ei­nen An­spruch auf das höhe­re Ent­gelt in Fällen der Ge­schlechts­dis­kri­mi­nie­rung (BAG [02.08.2006] - 10 AZR 425/05 - NZA 2006, 1411 (1413) [Tz. 14] m.w.N.). Für den Fall der Ge­schlechts­dis­kri­mi­nie­rung kann es bei ge­mein­schafts­rechts­kon­for­mer Aus­le­gung bei § 8 II AGG nicht an­ders sein, da Um­set­zungs­recht nicht ei­nen schon be­ste­hen­den Schutz­stan­dard anläss­lich der Um­set­zung un­ter­schrei­ten darf (vgl. Art. 8 II RL 2000/78/EG und EuGH [22.11.2005] - Rs. C-144/04 - <Man­gold> - NJW 2005, 3695 [Rn. 44 ff.]).
1.1.3.-5.1.2 Der Wort­laut des § 8 II AGG steht der An­nah­me ei­ner An­spruchs­grund­la­ge nicht ent­ge­gen. We­der die For­mu­lie­rung als bloßer Ver­bots­satz noch die Über­nah­me nur des § 612 III 2 BGB a.F. und nicht auch des § 612 III 1 BGB a.F.
§ 8 II AGG wie­der­holt den Ver­bots­satz des § 612 III 2 BGB a.F. und ver­all­ge­mei­nert ihn für al­le Dis­kri­mi­nie­rungs­tat­bestände i.S.d. § 1 AGG. Die For­mu­lie­rung da­bei als bloßer Ver­bots­satz steht der An­nah­me ei­ner An­spruchs­grund­la­ge nicht ent­ge­gen. Die For­mu­lie­rung als Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot hat auch bei § 612 III BGB a.F. nicht dar­an ge­hin­dert, dar­aus bei ge­mein­schafts­rechts­kon­for­mer Aus­le­gung ein Begüns­ti­gungs­ge­bot zu ma­chen (vgl. BAG [26.01.2005] - 4 AZR 171/03 - NZA 2005, 1059 (1060 f.)).
Auch die Nichtüber­nah­me des § 612 III 1 BGB a.F. spricht nicht ge­gen die An­nah­me ei­ner An-spruchs­grund­la­ge (a.A. Bau­er/Göpfert/Krie­ger, AGG [2007], § 8 Rn. 43, § 7 Rn. 26). § 612 III 1 BGB a.F. ver­bot die Ver­ein­ba­rung ei­ner ge­rin­ge­ren Vergütung für glei­che oder gleich­wer­ti­ge Ar­beit we­gen des Ge­schlechts des Ar­beit­neh­mers. § 612 III 1 BGB a.F. ko­di­fi­zier­te da­mit den all­ge­mei­nen Grund­satz der Ent­gelt­gleich­heit, § 612 III 2 BGB a.F. stell­te dies le­dig­lich für ei­nen Son­der­fall klar (für § 8 II AGG vgl. Schleu­se­ner, a.a.O., § 8 Rn. 45). Die Fort­gel­tung des Lohn­gleich­heits­ge­bots für den Son­der­fall der Schutz­vor­schrif­ten in § 8 II AGG setzt je­doch die all­ge­mei­ne Gel­tung des Grund­sat­zes der Lohn­gleich­heit not­wen­dig vor­aus (ErfK/Schlach­ter, a.a.O., § 8 Rn. 5; MK/Thüsing, a.a.O., § 8 Rn. 45; so auch Bau­er/Göpfert/Krie­ger, AGG [2007], § 8 Rn. 43). § 8 II AGG und nicht § 7 AGG ist da­her se­des ma­te­riae des Lohn­gleich­heits­ge­bots.
1.1.3.-5.2 Da­mit ist nicht nur für den Fall der Ge­schlechts­dis­kri­mi­nie­rung, son­dern für al­le Dis­kri­mi­nie­rungsfälle das Lohn­gleich­heits­ge­bot hin­rei­chend, wenn auch le­gis­la­to­risch un­be­frie­di­gend zum Aus­druck ge­kom­men (vgl. MK/Thüsing, a.a.O., § 8 Rn. 62; BT-Dr. 16/1780, S. 35: "Ab­satz 2 greift der Grund­satz der Ent­gelt­gleich­heit bezüglich des Ge­schlechts in § 612 Abs. 3 BGB auf."). Die Gel­tung des Ent­gelt­gleich­heits­ge­bo­tes im Sin­ne ei­nes An­spru­ches auf die höhe­re Vergütung ent­spricht

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auch der herr­schen­den Mei­nung in den Fällen, in de­nen nur ei­ne Min­der­heit al­ters­dis­kri­mi­niert wird (und die wirt­schaft­li­chen Zu­satz­be­las­tun­gen sich in Gren­zen hal­ten) (vgl. Lin­ge­mann/Go­tham, NZA 2007, 663 (667)).
1.1.3.-5.3 § 8 II AGG be­inhal­tet ein Lohn­gleich­heits­ge­bot im Sin­ne ei­nes Meist­begüns­ti­gungs­an-spruchs aber nicht an­ders auch in den Fällen, in de­nen ein gan­zes ta­rif­ver­trag­li­ches Vergütungs­sys­tem sich als al­ters­dis­kri­mi­nie­rend er­weist, die wirt­schaft­li­che Mehr­be­las­tung für die be­trof­fe­nen Ar­beit­ge­ber gra­vie­rend ist und ei­ne An­pas­sung nach oben dem hy­po­the­ti­schen Wil­len je­den­falls des Ar­beit­ge­ber(ver­ban­de)s wi­der­spricht.
1.1.3.-5.3.1 Dem steht zunächst nicht § 15 III AGG als lex spe­cia­lis ent­ge­gen. Nach § 15 III AGG ist der Ar­beit­ge­ber bei der An­wen­dung kol­lek­tiv­recht­li­cher Ver­ein­ba­run­gen nur dann zur Entschädi­gung ver­pflich­tet, wenn er vorsätz­lich oder grob fahrlässig han­delt. Ent­ge­gen der An­sicht des be­klag­ten Lan­des und ei­ner (mi­nis­te­ria­len) Min­der­mei­nung in der Li­te­ra­tur (Rühl/Schmid/Vie­then, AGG [2007], S. 59) fin­det § 15 III AGG auf Erfüllungs­ansprüche kei­ne An­wen­dung. Un­ter­stellt, der um­strit­te­ne § 15 III AGG ist über­haupt ge­mein­schafts­rechts­kon­form, so kann er als bloße Scha­dens­er­satz­re­ge­lung kei­ne Gren­ze für ar­beits­ver­trag­li­che Primäransprüche sein (vgl. Ka­nia, a.a.O., Rn. 127; Löwisch, DB 2006, 1729 (1731); ErfK/Schlach­ter, a.a.O., § 7 Rn. 5). Ein Erfüllungs­an­spruch auf Gleich­stel­lung setzt kein Ver­schul­den vor­aus (Her­genröder, in: Hens­s­ler/Wil­lem­sen/Kalb, Ar­beits­recht, 2. Aufl. [2006], GG Art. 3 Rn. 85). Der Ge­setz­ge­ber hat § 15 III AGG als Damm an ei­ne fal­sche, un­be­deu­ten­de Stel­le ge­setzt und sich dem ei­gent­li­chen Pro­blem nicht ge­stellt.
1.1.3.-5.3.2 Ein all­ge­mei­nes Lohn­gleich­heits­ge­bot für al­le Dis­kri­mi­nie­rungs­tat­bestände auch in Fällen ta­rif­ver­trag­li­cher Dis­kri­mi­nie­rung aus § 8 II AGG her­zu­lei­ten, ent­spricht auch der Ge­set­zes­be­gründung des AGG. In der Ge­set­zes­be­gründung zu § 7 II AGG (BT-Dr. 16/1780, S. 34) heißt es le­dig­lich nichts­sa­gend, dass § 7 II AGG die Un­wirk­sam­keit ei­ner dis­kri­mi­nie­ren­den Ta­rif­klau­sel klar­stel­le. Ka­schie­rend an ei­ner an­de­ren Stel­le wird dann § 7 AGG i.V.m. § 8 II AGG als "die neue Grund­la­ge für Ansprüche" (BT-Dr. 16/1780, S. 35) ge­nannt. Dies ganz all­ge­mein und oh­ne Ein­schränkung für den Fall der Un­wirk­sam­keit von Ta­rif­verträgen.
1.1.3.-5.3.3 Für ei­nen Meist­begüns­ti­gungs­an­spruch fehlt es auch nicht an ei­nem "gülti­gen Be­zugs­sys­tem" (a.A.: Schleu­se­ner, a.a.O., § 7 Rn. 45; fol­gend Lin­ge­mann, a.a.O., § 7 Rn. 10; Lin­ge­mann/Go­tham, NZA 2007, 663 (667); un­klar/schwan­kend für Ex­tremfälle: Wie­de­mann, NZA 2007, 950 (953)). Ei­ne solch be­griff­li­che Ar­gu­men­ta­ti­on ist dem Dis­kri­mi­nie­rungs­recht fremd. Der EuGH sucht und fin­det bei Art. 141 EGV "das ein­zig gülti­ge Be­zugs­sys­tem" oh­ne wei­te­res in der begüns­ti­gen­den Re­ge­lung (vgl. EuGH [26.01.1999] - Rs. C-18/95 - <Ter­hoeve> - EuZW 1999, 380 (384) [Rn. 57] m.w.N.; EuGH [27.06.1990] - Rs. C-33/89 - <Ko­wals­ka> - NZA 1990, 771 [Rn. 19]; Win­ter, in: Däubler, TVG, 2. Aufl. [2006], § 1 Rn. 455; eben­so zu § 612 III BGB: BAG [23.09.1992] - 4 AZR 30/92 - AP BGB § 611 Dis­kri­mi­nie­rung Nr. 1; vgl. auch zu § 612 III BGB a.F. ErfK/Preis, 7. Aufl. [2007], § 612 BGB Rn. 68 f. m.w.N.; kri­tisch Stau­din­ger/Ri­char­di, BGB [2005], § 612 Rn. 74). Bei

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Er­stre­ckung des Lohn­gleich­heits­ge­bo­tes auf an­de­re Dis­kri­mi­nie­rungs­tat­bestände kann nichts an­de­res gel­ten.
1.1.3.-5.3.4 Ei­ner An­pas­sung nach oben steht auch nicht ent­ge­gen, dass ein Gleich­be­hand­lungs­ge­bot im Aus­gangs­punkt an sich nur glei­che Leis­tun­gen ver­langt, oh­ne ein be­stimm­tes Leis­tungs­ni­veau vor­zu­ge­ben. Nicht ein be­stimm­tes Ni­veau wird ge­bo­ten, son­dern le­dig­lich ei­ne Un­gleich­be­hand­lung ver­bo­ten (vgl. Bel­ling/Hart­mann, NZA 1993, 1009 (1013); So­er­gel/Raab, BGB, 12. Aufl. [1998], § 612 Rn. 83: Gleich­be­hand­lungs­ge­bot for­de­re kei­ne "Spi­ra­le nach oben"; Wank, Fest­schrift Wißmann [2005], 599 (617)). Nur so kann man über­haupt ernst­haft ei­ne An­pas­sung nach un­ten für al­le ver­tre­ten (vgl. Bau­er/Göpfert/Krie­ger, AGG [2007], § 7 Rn. 26; Lin­ge­mann, a.a.O., § 7 Rn. 10). Je­den­falls für den Fall der Ge­schlechts­dis­kri­mi­nie­rung hat der EuGH je­doch schon früh für ex-Art. 119 E(W)GV (jetzt Art. 141 EGV) den for­ma­len Gleich­be­hand­lungs­grund­satz durch ei­nen ma­te­ria­len Ar­beit­neh-mer­schutz­grund­satz an­ge­rei­chert. (Ge­schlechts-)Dis­kri­mi­nie­rung soll so nicht zu ei­ner Ver­schlech­te­rung der Ar­beits­be­din­gun­gen der Ar­beit­neh­mer führen, son­dern zu ei­ner Gleich­stel­lung auf dem Ni­veau der Begüns­tig­ten. Erklärter­maßen als Über­g­angs­re­ge­lung nur so­lan­ge, wie kein an­de­res, nicht dis­kri­mi­nie­ren­des und sei es nied­ri­ge­res An­spruchs­ni­veau ver­ein­bart wird. Dies soll nicht be­deu­ten, dass dies not­wen­dig in al­len Fällen ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung i.S.d. §§ 1, 3 AGG so sein muss. Wenn der Ge­setz­ge­ber den so an­ge­rei­cher­ten Lohn­gleich­heits­grund­satz aber auf al­le Dis­kri­mi­nie­rungs­tat­bestände er­streckt, be­gibt er sich frei­wil­lig in das Pa­ra­dig­ma des EuGH zu Art. 141 EGV.
1.1.3.-5.3.5 Es er­scheint auch un­er­heb­lich, dass die Be­gründung ei­nes Meist­begüns­ti­gungs­an­spru­ches nach den Vor­ga­ben der Richt­li­ni­en nicht zwin­gend vor­ge­ge­ben war. Auch wenn § 8 II AGG über­ob­li­ga­to­risch (so MK/Thüsing, a.a.O., § 8 Rn. 43) sein soll­te, ändert dies nichts dar­an, dass der deut­sche Ge­setz­ge­ber ein Lohn­gleich­heits­ge­bot für al­le Dis­kri­mi­nie­rungsfälle "kon­se­quent" durch­ge­setzt (vgl. BT-Dr. 16/1780, S. 35) und da­mit das ri­gi­de Re­gi­ment des EuGH zu Art. 141 EGV ein­fach­ge­setz­lich auf al­le Dis­kri­mi­nie­rungs­tat­be-stände aus­ge­wei­tet hat.
1.1.3.-5.3.6 Die Fol­gen des AGG für Ta­rif­verträge mag man als „un­ab­seh­bar“ (Thüsing, in: Bau-er/Thüsing/Schun­der, NZA 2006, 774 (775)) oder ei­ne ge­ne­rel­le An­pas­sung nach oben als „ab­surd“ (Bau­er/Göpfert/Krie­ger, AGG [2007], § 7 Rn. 29) be­zeich­nen und als Me­ne­te­kel ein "ar­gu­men­tum ad hor­ren­dum" (Wie­de­mann, NZA 2007, 950 (953)) bemühen. Der Ge­setz­ge­ber hat es se­hen­den Au­ges nicht an­ders ge­wollt. De le­ge la­ta ist dies nicht zu ändern.
1.1.3.-5.3.7 Die Gel­tung ei­nes Lohn­gleich­heits­ge­bo­tes nach § 8 II AGG in an­de­ren Fällen als de­nen der Ge­schlechts­dis­kri­mi­nie­rung wi­der­spricht auch nicht Art. 9 III GG.
Wie dar­ge­stellt [A. II. 1.1.3.-5.3.3] nimmt der EuGH im Be­reich der Ge­schlechts­dis­kri­mi­nie­rung bis­lang we­nig bis kei­ne Rück­sicht auf die Ta­rif­au­to­no­mie (vgl. auch Thüsing, in: Wie­de­mann, TVG, a.a.O., Rn. 166). Ob dies den Dis­kri­mi­nie­rungs­schutz zu Las­ten ei­ner auch ge­mein­schafts­recht­lich gewähr­ten Ta­rif­au­to­no­mie ge­mein­schafts­rechts­wid­rig ver­ab­so­lu­tiert, steht hier nicht an zu be­ur­tei­len.
Je­den­falls gewährt die Ko­ali­ti­ons­frei­heit i.S.d. Art. 9 III GG "kei­nen un­be­grenz­ten und un­be­grenz­ba­ren Hand­lungs­spiel­raum der Ko­ali­tio­nen. Der Ge­setz­ge­ber ist viel­mehr be­rech­tigt, die Be­fug­nis­se der

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Ko­ali­tio­nen im Ein­zel­nen zu ge­stal­ten und de­ren Betäti­gungs­frei­heit ein­zu­schränken, wenn dies durch Grund­rech­te Drit­ter oder an­de­re mit Ver­fas­sungs­rang aus­ge­stat­te­te Rech­te ge­recht­fer­tigt ist (...) oder wenn der Schutz an­de­rer Rechtsgüter dies er­for­dert (...)" (BAG [16.03.2005] - 7 ABR 40/04 - NZA 2005, 1252 (1258) m.w.N.). Da­bei ist die Abwägung mit ei­ner Verhält­nismäßig­keitsprüfung ver­bun­den (BAG [25.01.2005] - 1 AZR 657/03 - NZA 2005, 592 (594)).
Hier be­steht das Pro­blem dar­in, dass bei Gel­tung des Lohn­gleich­heits­ge­bo­tes im Sin­ne ei­ner Meist­begüns­ti­gung je­de Fehl­einschätzung der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en der Ar­beit­ge­ber­sei­te Mil­lio­nen kos­ten kann und dies ei­ne Ta­rif­po­li­tik auf ab­seh­ba­re Zeit bis zur Her­aus­bil­dung ei­ner ge­si­cher­ten höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung lahm zu le­gen droht (vgl. auch das Sze­na­rio bei Rieb­le/Zed­ler, ZfA 2006, 273 (291)). Die­se Pa­ra­ly­sie­rung der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en, ge­nau­er der Ar­beit­ge­ber­sei­te, kann ab­ge­se­hen von der Möglich­keit der Einräum­ung ei­ner ge­wis­sen Einschätzungs­präro­ga­ti­ve aber durch das vom Ge­setz­ge­ber den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en in § 9 TVG an­ge­bo­te­ne Über­prüfungs­ver­fah­ren ab­ge­wehrt wer­den, so dass nicht von ei­nem un­verhält­nismäßigen Ein­griff aus­ge­gan­gen wer­den kann. Dies auf Grund ge­bo­te­ner ver­fas­sungs­kon­for­mer Aus­le­gung schon de le­ge la­ta (a.A. - nur de le­ge fe­ren­da - Wie­de­mann, NZA 2007, 950 (952); ein Be­schluss­ver­fah­ren für § 9 TVG for­dernd Rieb­le/Zed­ler, ZfA 2006, 273 (290)).
Nach § 2 I Nr. 1 ArbGG sind Kla­gen von Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zur Fest­stel­lung un­ter an­de­rem der Wirk­sam­keit von Ta­rif­verträgen im Ur­teils­ver­fah­ren zulässig. Über­prüft wer­den können auch ein­zel­ne Ta­rif­klau­seln (BAG [30.05.1984] - 4 AZR 512/81 - AP TVG 1969 § 9 Nr. 3 m.w.N.). Das nach § 256 I ZPO not­wen­di­ge Fest­stel­lungs­in­ter­es­se er­gibt sich zwar nicht schon aus dem In­ter­es­se an der Rechts­kraft ei­nes sol­chen Ur­teils er­ga om­nes gemäß § 9 TVG. Es ist aber dann zu be­ja­hen, wenn zwi­schen den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en Un­si­cher­heit über die Rechts­wirk­sam­keit in Aus­sicht ge­nom­me­ner Ta­rif­klau­seln be­steht, Ta­rif­verträge par­ti­ell le­dig­lich un­ter der auf­schie­ben­den Be­din­gung ih­rer Wirk­sam­keit ver­ein­bart und der staat­li­chen Wirk­sam­keits­kon­trol­le nach § 9 TVG un­ter­wor­fen wer­den. BAG [30.05.2001] - 4 AZR 387/00 - AP ZPO 1977 § 256 Nr. 65 steht dem nicht ent­ge­gen. Dar­in ver­lang­te das BAG ei­nen Streit zwi­schen den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en selbst über die Gültig­keit ver­ein­bar­ter Ta­rif­klau­seln. Die In­fra­ge­stel­lung durch Drit­te rei­che nicht. Bei un­ter dem Vor­be­halt der Wirk­sam­keit ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­re­ge­lun­gen be­steht aber ein Klärungs­be­darf un­mit­tel­bar zwi­schen den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en selbst. Es be­steht auch kein Ein­ver­neh­men der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en über die Wirk­sam­keit be­ab­sich­tig­ter Ta­rif­re­ge­lun­gen. Wenn man dar­in noch kei­nen "Streit" der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en se­hen will, ge­bie­tet ei­ne durch Art. 9 III GG ge­bo­te­ne ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung ei­ne Be­ja­hung des Fest­stel­lungs­in­ter­es­ses nach § 256 I ZPO. Der Ge­setz­ge­ber kann nicht durch die §§ 8 II, 7 II AGG Ta­rif­po­li­tik für Ar­beit­ge­ber(verbände) zu ei­nem Va­ban­que­spiel wer­den las­sen und gleich­zei­tig den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ei­ne pro­phy­lak­ti­sche Über­prüfbar­keit ih­rer Ta­rif­nor­men ver­wei­gern.
Miss­brauchsmöglich­kei­ten be­ste­hen, schließen aber ei­ne Ver­bands­kla­ge nach § 9 AGG in die­sem Fall nicht aus (vgl. aber Rei­ne­cke, in: Däubler, TVG, 2. Aufl. [2006], § 9 Rn. 22 ff., 25). Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ha­ben es nicht oh­ne wei­te­res in der Hand, in ei­nem ab­ge­kar­te­ten Spiel sich die

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Wirk­sam­keit ih­rer Ta­rif­klau­seln mit Rechts­kraft er­ga om­nes ge­richt­lich bestäti­gen zu las­sen. In der Re­gel han­delt es sich um rei­ne Rechts­fra­gen. So wäre hier ei­ne Kla­ge des be­klag­ten Lan­des auf Fest­stel­lung der Wirk­sam­keit des § 27 BAT selbst bei Säum­nis­la­ge als un­schlüssig ab­zu­wei­sen. Bei arg­lis­tig er­schli­che­nen Fest­stel­lungs­ur­tei­len kann die Rechts­kraft-wir­kung des § 9 TVG zur Not ver­sagt wer­den.
Mit der ge­bo­te­nen Aus­le­gung der §§ 256 I ZPO, 9 TVG ha­ben die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en es selbst in der Hand, ei­nen un­ge­woll­ten An­pas­sungs­au­to­ma­tis­mus nach oben zu ver­mei­den. Will ein Ar­beit­ge­ber(ver­band) si­cher ge­hen, darf er un­si­che­re ta­rif­ver­trag­li­che Re­ge­lun­gen nur auf­schie­bend be­dingt un­ter dem Vor­be­halt ei­ner nach § 9 TVG rechts­kräftig fest­ge­stell­ten Wirk­sam­keit ver­ein­ba­ren. An­sons­ten han­delt er auf ei­ge­ner Ge­fahr und ver­dient kei­nen Schutz.
Selbst wenn die­se Aus­le­gung des § 9 TVG nicht teil­te, wäre der Ein­griff in die Ta­rif­au­to­no­mie durch § 8 II AGG nicht an­ders wie im Fall des § 612 III BGB a.F. als zulässig zu er­ach­ten.
1.1.3.-5.3.8 Be­steht kein Ver­trau­ens­schutz macht der Dis­kri­mi­nie­rungs­schutz auch kei­nen Halt vor ho­hen wirt­schaft­li­chen Be­las­tun­gen. Selbst das BVerfG sah im Fall ei­ner mit­tel­ba­ren Ge­schlechts­dis­kri­mi­nie­rung durch ei­ne rück­wir­ken­de Gleich­stel­lung trotz ei­ner Mehr­be­las­tung von rund ei­ner Mil­li­ar­de DM die Verhält­nismäßig­keit und Zu­mut­bar­keit ge­wahrt, da die Gren­ze der Über­for­de­rung (für die Deut­sche Bun­des­post) nicht er­reicht wor­den sei (BVerfG [19.05.1999] - 1 BvR 263/98 - NZA 1999, 815).
1.1.4 Der Meist­begüns­ti­gungs­an­spruch des Klägers schei­tert je­doch hier an ei­nem Schutz der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en vor ei­ner un­ech­ten Rück­wir­kung gemäß Art. 20 III GG für den vor­lie­gen­den Alt-Ta­rif­ver­trag. Ein Ver­trau­ens­schutz ist statt­haft. Sei­ne Vor­aus­set­zun­gen lie­gen vor. Es ist ei­ne Über­g­angs­frist zu gewähren. Für ei­ne Aus­set­zung fehlt es an ei­ner Rechts­grund­la­ge.
1.1.4.-1 Das AGG kennt kein Über­g­angs­recht. Es fin­det im Aus­gangs­punkt un­ein­ge­schränkt auch auf Alt-Ta­rif­verträge An­wen­dung. Da­mit ist die Fra­ge nach ei­nem Ver­trau­ens­schutz für Alt-Ta­rif­verträge aber noch nicht be­ant­wor­tet und zu ver­nei­nen (so aber Bau­er/Göpfert/Krie­ger, AGG [2007], § 7 Rn. 22; wohl auch Löwisch, DB 2006, 1729 (1732)). Für vor dem In­kraft-tre­ten des AGG am 18. 8. 2006 ver­ein­bar­te Ta­rif­verträge (Alt-Ta­rif­verträge) ist ein Ver­trau­ens­schutz nicht aus­ge­schlos­sen (eben­so Lin­ge­mann/Go­tham, NZA 2007, 663 (668 f.); Wie­de­mann, NZA 2007, 950 (952 f.); dies müss­te in ei­nem Erst-Recht-Schluss auch der Auf­fas­sung al­ler Ver­tre­ter der re­la­ti­ven Vor­tritts­theo­rie ent­spre­chen, die schon für Neu-Ta­rif­verträge ei­ne An­pas­sungs-/Über­g­angs­frist be­ja­hen [oben zu A. I I. 1.1.3.-4.2.2]).
1.1.4.-1.1 Der Rück­wir­kungs­schutz des Art. 20 III GG schützt auch Ta­rif­ver­trags­par­tei­en. Ei­nen ge­min­der­ten Rück­wir­kungs­schutz gibt es für Ta­rif­verträge schon ge­genüber rück­wir­ken­der Recht­spre­chung (BAG [07.03.1995] - 3 AZR 282/94 - NZA 1996, 48 (52); BAG [23.01.1990] - 3 AZR 58/58 - NZA 1990, 778 = ju­ris [Rn. 39]; BAG [20.11.1990] - 3 AZR 613/89 - NZA 1991, 635 (637); BVerfG [19.05.1999] - 1 BvR 263/98 - NZA 1999, 815). Erst recht ge­genüber rück­wir­ken­den Ge­set­zen.
1.1.4.-1.2 Ei­nem Rück­wir­kungs­schutz steht das eu­ropäische Ge­mein­schafts­recht nicht ent­ge­gen.

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1.1.4.-1.2.1 Die Mo­no­po­li­sie­rung des Rück­wir­kungs­schut­zes vor ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen des EuGH durch den EuGH selbst (vgl. EuGH [08.04.1976] - Rs. 43/75 - <De­fren­ne II> - NJW 1976, 2068 (2070); ErfK/Wißmann, 7. Aufl. [2007], EGV Art. 234 Rn. 45) schließt ei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Rück­wir­kungs­schutz nach Art. 20 III GG vor mit­glied­staat­li­chem Um­set­zungs­recht nicht aus (vgl. zur Neu­in­ter­pre­ta­ti­on des § 17 KSchG: BAG [23.03.2006] - 2 AZR 343/05 - NZA 2006, 971 [Rn. 48] m.w.N.; BAG [13.07.2006] - 6 AZR 198/06 - NZA 2007, 25 [Rn. 34 ff.] = AP KSchG 1969 § 17 Nr. 22 (mit zust. Anm. Ni­co­lai); BAG [22.03.2007] - 6 AZR 499/05 - EzA KSchG § 17 Nr. 19 [Rn. 18 f.] m.w.N.; Dörner, NZA 2007, 57 (59); all­ge­mein: ErfK/Wißmann, 7. Aufl. [2007], EGV Art. 234 Rn. 45; Fran­zen, Anm. BAG, AP Tz­B­fG § 14 Nr. 14, Bl. 18R f.; wohl auch Ko­kott, a.a.O., (37), wenn auch kri­tisch). Hier geht es um den Schutz vor dem mit­glied­staat­li­chen AGG, nicht vor ei­nem primärrecht­li­chen Al­ters­dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot. Der Vor­la­ge­be­schluss des 3. Se­nats des BAG (BAG [27.06.2006] - 3 AZR 352/05 (A) - NZA 2006, 1276) be­trifft Primärrecht.
1.1.4.-1.2.2 Ein Ver­trau­ens­schutz wi­der­spricht auch nicht der EuGH-Recht­spre­chung, wo­nach das Ge­mein­schafts­recht sich ge­genüber dem Ta­rif­ver­trags­recht durch­setzt und kei­ne An­pas­sungs­zeit gewährt wer­den darf [A. II. 1.1.3-5.3.3.]. Dies be­trifft Neu-Ta­rif­verträge und berührt nicht den ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver­trau­ens­schutz nach Art. 20 III GG im Aus­nah­me­fall von Alt-Ta­rif­verträgen.
1.1.4.-2 Die Vor­aus­set­zun­gen ei­nes Ver­trau­ens­schutz­schut­zes nach Art. 20 III GG für den An­wen­dungs-TV Land Ber­lin vom 31. 7. 2003 ge­genüber dem am 18. 8. 2006 in Kraft ge­tre­te­nen AGG lie­gen vor.
1.1.4.-2.1 Folgt man der Dog­ma­tik des 1. (und nicht des 2.) Se­nats des BVerfG, ist zur Be­stim­mung der Gren­zen der Zulässig­keit ei­ner Rück­wir­kung zwi­schen ei­ner ech­ten und ei­ner un­ech­ten Rück­wir­kung zu un­ter­schei­den (vgl. auch BAG [23.02.2005] - 4 AZR 172/04 - NJOZ 2005, 4439 (4446)). Ei­ne un­ech­te Rück­wir­kung "liegt vor, wenn ei­ne Rechts­norm auf ge­genwärti­ge, noch nicht ab­ge­schlos­se­ne Sach­ver­hal­te und Rechts­be­zie­hun­gen ein­wirkt und da­durch ei­ne Rechts­po­si­ti­on nachträglich ent­wer­tet“ wird (BAG [29.10.2002] - 1 AZR 573/01 - NZA 2003, 393 (395)). Die Kor­rek­tur von Dau­er­re­ge­lun­gen für die Zu­kunft ist ein Fall der un­ech­ten Rück­wir­kung (Ja­rass, in: Ja­rass/Pie­roth, GG, 9. Aufl. [2007], Art. 20 Rn. 69 m.w.N.). Hier wur­de der durch den An­wen­dungs-TV vom 31. 7. 2003 fort­geführ­te § 27 A BAT durch das am 18. 8. 2006 in Kraft ge­tre­te­ne AGG nachträglich un­wirk­sam.
Ei­ne un­ech­te Rück­wir­kung ist zwar grundsätz­lich zulässig (BVerfG [14.01.1987] - 1 BvR 1052/79 - BVerfGE 74, 129 = ju­ris [Rn. 69] m.w.N.; BAG 01.12.1993 - 7 AZR 428/93 - AP SGB VI § 41 Nr. 4). Ei­ne Aus­nah­me be­steht je­doch dann, "wo ein an­ge­mes­se­ner Aus­gleich zwi­schen dem Ver­trau­en auf den Fort­be­stand der bis­he­ri­gen Rechts­la­ge, der Be­deu­tung des ge­setz­ge­be­ri­schen An­lie­gens für die All­ge­mein­heit und der grund­rechts­gemäßen Aus­ge­wo­gen­heit zwi­schen den Be­tei­lig­ten des Ar­beits­verhält­nis­ses ver­fehlt wird" (BVerfG [14.01.1987] - 1 BvR 1052/79 - BVerfGE 74, 129 = ju­ris [Rn. 69]).

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Ein Ver­trau­ens­schutz setzt "ei­nen ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Ver­trau­en­stat­be­stand vor­aus" (BAG [23.01.1990] - 3 AZR 58/58 - NZA 1990, 778 = ju­ris [Rn. 39]). Für ei­nen Rück­wir­kungs­schutz spricht ins­be­son­de­re, wenn die Ent­wick­lung der Rechts­la­ge "nicht vor­her­seh­bar" war (BVerfG [14.01.1987] - 1 BvR 1052/79 - BVerfGE 74, 129 = ju­ris [Rn. 76]).
1.1.4.-2.2 Ein Ver­trau­en­stat­be­stand ist hier ge­ge­ben.
1.1.4.-2.2.1 Oh­ne das AGG wäre § 27 A BAT nach mit­glied­staat­li­chem Recht wirk­sam.
Art. 3 GG enthält kein Al­ters­dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot. Art. 3 II und III GG führen das Al­ter nicht als Dis­kri­mi­nie­rungs­merk­mal auf. Aus dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art. 3 I GG folgt kein Al­ters­dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot. Das Al­ters­dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot mag zwar ei­ne "Kon­kre­ti­sie­rung" des all­ge­mei­nen Gleich­heits­sat­zes (vgl. zu § 75 I 2 Be­trVG BAG [28.07.2005] - 3 AZR 457/04 - NZA-RR 2006, 591) oder ein "Un­ter­fall des all­ge­mei­nen Grund­sat­zes der Gleich­heit und der Nicht­dis­kri­mi­nie­rung" (den EuGH re­fe­rie­rend BAG [26.04.2006] - 7 AZR 500/04 - AP Tz­B­fG § 14 Nr. 23 [Rn. 23] m.w.N.) sein. Aus dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art. 3 I GG fol­gen je­doch nicht oh­ne zusätz­li­chen Rechts­set­zungs­akt die spe­zi­el­len Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te des Art. 3 II, III GG oder er­wei­ternd ein grund­ge­setz­li­ches Al­ters­dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot. Dies läge zwar in der Lo­gik des EuGH in der Man­gold-Ent­schei­dung für die ana­lo­ge Pro­ble­ma­tik des Verhält­nis­ses des ge­mein­schafts­recht­li­chen all­ge­mei­nen Gleich­heits­sat­zes zu ge­mein­schafts­recht­li­chen Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­ten. Die Gleich­set­zung von Kon­kre­ti­sie­rung und Aus­ge­stal­tung ei­nes all­ge­mei­nen Grund­sat­zes mit ei­ner un­mit­tel­ba­ren Ab­leit­bar­keit ist je­doch ver­fehlt (vgl. auch zu­tref­fend Ge­ne­ral­an­walt des EuGH Mazák im Schluss­an­trag vom 15. 2. 2007 in der Rechts­sa­che C-411/05 - Félix Pa­la­ci­os de la Vil­la/Corte­fiel Ser­vici­os SA - EuZW 2007, 198 = ju­ris; vgl. da­zu auch Reich, EuZW 2007, 198; Waas, EuZW 2007, 359; a.A. wohl Wank, Fest­schrift Wißmann [2005], 599 (600)). Eben­so gut könn­te man sich die ein­zel­nen Grund­rech­te des GG spa­ren und al­lein mit der Men­schenwürde als ma­te­ri­el­ler Grund­norm der Grund­rech­te aus­kom­men. "Zwi­schen dem all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­bot und den be­son­de­ren Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­ten" sind da­her "die for­ma­len und in­halt­li­chen Un­ter­schie­de ... im Staats­recht wie im Ar­beits­recht deut­lich her­vor­zu­he­ben" (Wie­de­mann, Gleich­be­hand­lungs­ge­bo­te [2001], S. 12 f.).
§ 27 A BAT verstößt auch nicht ge­gen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art. 3 I GG. Die­ser for­dert für ei­ne Un­gleich­be­hand­lung von Per­so­nen­grup­pen le­dig­lich, dass sie sich "auf ei­nen vernünf­ti­gen oder sonst wie ein­leuch­ten­den Grund von hin­rei­chen­dem Ge­wicht zurückführen lässt" (BAG [23.01.2007] - 3 AZR 398/05 - NZA 2007, 621 [Rn. 42]). Das Le­bens­al­ters­stu­fen­sys­tem des § 27 BAT - in sei­nen Vor­for­men schon 1961 vor­ge­fun­den (Cle­mens u.a., BAT, Lbl. [6/2007], § 27 Anm. 1) - wur­de (so­weit er­sicht­lich) in Recht­spre­chung und Li­te­ra­tur jahr­zehn­te­lang trotz Art. 3 I GG als un­pro­ble­ma­tisch emp­fun­den (vgl. BAG [29.04.2004] - 6 AZR 194/03 - ZTR 2005, 40 (zu § 27 C BAT) BAG [19.10.2000] - 6 AZR 244/99 - ZTR 2001, 362 (zu § 27 A VI BAT); BAG [31.01.2002] - 6 AZR 508/01 - ZTR 2002, 435 (§ 27 A II UAbs. I BAT/VKA)); BAG [30.03.1995] - 6 AZR 765/94 - ZTR 1996, 34 (§ 27 A VI UAbs. I, II BAT); BAG [14.12.1994] - 4 AZR 909/93 - n.v. = ju­ris (§ 27 A II BAT/VKA)).

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An­ders als im Fall des § 14 III 4 Tz­B­fG (vgl. BAG [26.04.2006] - 7 AZR 500/04 - AP Tz­B­fG § 14 Nr. 23 [Rn. 50]) gab es vor dem Ta­rif­ver­trags­ab­schluss am 31. 7. 2003 kei­ne oder kaum Li­te­ra­tur­stim­men, die von ei­ner Un­wirk­sam­keit zum da­ma­li­gen Zeit­punkt aus­gin­gen. Stim­men, die die al­ters­abhängi­ge Vergütung (nach dem BAT) vor dem Ta­rif­ab­schluss am 31. 7. 2003 pro­ble­ma­ti­sier­ten (Schmidt/Sen­ne, RdA 2002, 80; Wie­de­mann/Thüsing, NZA 2002, 1234 (1241); Lin­sen­mai­er, RdA 2003, 22 (29)) wa­ren ver­ein­zelt, nicht de­zi­diert und be­zo­gen sich auf die Zeit nach der Um­set­zung(sfrist); vgl. auch Rieb­le/Zed­ler, ZfA 2006, 273 (290) ("neue Rechts­idee")).
1.1.4.-2.2.2 Ein Al­ters­dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot be­stand auch ge­mein­schafts­recht­lich nicht in ei­ner Wei­se, in der ein mit­glied­staat­li­cher Ver­trau­ens­schutz aus­ge­schlos­sen wäre.
Ein Al­ters­dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot folgt we­der aus Art. 13 EGV, der ei­ne bloße nicht un­mit­tel­bar gel­ten­de Kom­pe­tenz­norm (Epi­ney, in: Cal­lies/Ruf­fert, EWG/EGV, 3. Aufl. [2007], Art. 13 Rn. 1 m.w.N.) noch aus Art. 21 der Grund­rech­te-Char­ta der EU, die nur Ent­wurf ge­blie­ben ist (Fran-zen, Anm. BAG, AP Tz­B­fG § 14 Nr. 23). Es folgt auch nicht aus der maßgeb­li­chen Rah­men­richt­li­nie 2000/78/EG vom 27. 11. 2000, die bis zum Ab­lauf der bis zum 2. 12. 2006 verlänger­ten Um­set­zungs­frist we­der ho­ri­zon­tal noch ver­ti­kal un­mit­tel­bar wirk­te und ge­genüber dem Mit­glieds­staat nur ei­ne Vor­wir­kung ent­fal­te­te. Et­was an­de­res folgt auch aus der Man­gold-Ent­schei­dung nicht (vgl. di­rekt EuGH [22.11.2005] - Rs. C-144/04 - <Man­gold> - NJW 2005, 3695 [Rn. 66 ff.]; so­wie Ko­kott, a.a.O. (35); Fran­zen, Anm. BAG, AP Tz­B­fG § 14 Nr. 23 m.w.N.).
Ein Ver­trau­en­stat­be­stand schei­tert auch nicht an ei­nem un­ge­schrie­be­nen primärrecht­li­chen Al­ters­dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot. Es kann of­fen blei­ben, ob der EuGH (EuGH [22.11.2005] - Rs. C-144/04 - <Man­gold> - NJW 2005, 3695) ein sol­ches Ver­bot fand oder er­fand. Die Man­gold-Ent­schei­dung aus dem Jahr 2005 liegt weit nach dem Ta­rif­ver­trags­ab­schluss im Jahr 2003. Ih­re (Nähe zur) Rechts­fort­bil­dung (vgl. zu die­sem Kri­te­ri­um BAG [12.03.1996] - 3 AZR 993/94 - NZA 1996, 939 = ju­ris [Rn. 32]) führt da­zu, dass selbst ein bis da­hin von al­len un­ent­deck­ter un­ge­schrie­be­ner primärrecht­li­cher Al­ters­dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bots­satz ei­nen Ver­trau­en­stat­be­stand im Sin­ne des Art. 20 III GG nicht ver­hin­dert.
1.1.4-3.3 Die durch das AGG rück­wir­kend her­bei­geführ­te so­for­ti­ge Un­wirk­sam­keit des § 27 A BAT (i.V.m. dem An­wen­dungs-TV) ist un­verhält­nismäßig.
1.1.4.-3.3.1 Im Rah­men des Ver­trau­ens­schutz­prin­zips ist zu prüfen, ob die Verhält­nismäßig­keit ge­wahrt und die wirt­schaft­li­che Be­las­tung zu­mut­bar ist (BVerfG [19.05.1999] - 1 BvR 263/98 - NZA 1999, 815 = ju­ris [Rn. 21]). Für die Fra­ge der Gewährung ei­ner Über­g­angs­frist ist die wirt­schaft­li­che Be­las­tung zu berück­sich­ti­gen (BAG [25.01.1984] - 5 AZR 44/82 - NZA 1984, 327 = ju­ris [Rn. 33]). Ei­ne stets zu be­ach­ten­de Gren­ze ist ei­ne Über­for­de­rung des Ar­beit­ge­bers (BAG [07.03.1995] - 3 AZR 282/94 - NZA 1996, 48 (54)).
1.1.4.-3.3.2 Hier ist ei­ne un­verhält­nismäßige Be­las­tung des be­klag­ten Lan­des zu be­ja­hen. Oh­ne Gewährung ei­ner Über­g­angs­frist dro­hen dem be­klag­ten Land Mehr­kos­ten in zu­min­dest mehr­fa­cher Mil­lio­nenhöhe. Dies vor dem Hin­ter­grund, dass das be­klag­te Land sich an­hal­tend in ei­ner wirt­schaft­li-

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chen Not­la­ge be­fin­det. Ist von der be­ste­hen­den ta­rif­ver­trag­li­chen Vergütungs­re­ge­lung auf Grund der Lo­gik des § 8 II AGG nur die höchs­te Le­bens­al­ters­stu­fe wirk­sam, so ist das Land Ber­lin un­ab­seh­bar an die­ses Vergütungs­ni­veau ge­bun­den. Verständi­gen sich die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en nicht, blie­be es kraft Nach­wir­kung da­bei.
1.1.4.-3.4 Ent­ge­gen gewöhn­li­cher Pro­zessöko­no­mie kann sich die Ent­schei­dung trotz an sich man­geln­der Ent­schei­dungs­re­le­vanz nicht dar­auf be­schränken, va­ge von ei­ner an­ge­mes­se­nen Frist zur Neu­re­ge­lung zu spre­chen und die Art, die Dau­er, den Be­ginn der Frist und die Fol­gen ei­ner Frist­versäum­nis of­fen zu las­sen. Dies würde die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ei­nem ite­ra­ti­ven Tri­al-and-Er­ror - Pro­zess mit ho­hem Kos­ten­ri­si­ko aus­lie­fern, der we­der dem Ef­fek­ti­vitäts­ge­bot des AGG noch dem Art. 9 III GG ge­recht würde. Darüber hin­aus be­darf es ei­ner Fol-gen­abschätzung
1.1.4.-3.4.1 Die Dau­er der Frist ist hier mit ei­nem hal­ben Jahr an­zu­set­zen.
Den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ist ei­ne an­ge­mes­se­ne Frist zu gewähren (vgl. Schleu­se­ner, a.a.O., § 7 Rn. 46). Den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en muss ei­ne Re­ak­ti­ons­zeit auf ein Ur­teil zu­ge­stan­den wer­den, das von der Un­wirk­sam­keit ih­rer Vergütungs­ord­nung aus­geht. Die An­ge­mes­sen­heit der Frist ist ei­ne Ein­zel­fall­fra­ge. Ab­zu­leh­nen ist die Auf­fas­sung, die Lauf­zeit ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges ge­be ei­ne An­ge­mes­sen­heit vor (so aber wohl Schlach­ter, Fest­schrift Schaub [1998], S. 651 (671)). Der An­wen­dungs-TV ist or­dent­lich frühes­tens zum 31. 3. 2010 künd­bar. So lan­ge kann die Durch­set­zung des Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­tes nicht war­ten. Ent­schei­dend muss sein, in­ner­halb wel­cher Zeit mit dem Ge­lin­gen oder Schei­tern von Ta­rif­ver­trags­ver­hand­lun­gen ge­rech­net wer­den kann. Dies hängt auch vom Um­fang der Un­wirk­sam­keit ab. Hier ist das ge­sam­te ta­rif­ver­trag­li­che Le­bens­al­ters­sys­tem neu zu ge­stal­ten. Da­mit steht aber ta­rif­po­li­tisch der BAT ins­ge­samt als Aus­lauf­mo­dell zur Dis­po­si­ti­on. Als an­ge­mes­sen er­scheint da­her ei­ne Frist­dau­er von sechs Mo­na­ten.
1.1.4.-3.4.2 Frist­be­ginn ist ent­we­der die Rechts­kraft die­ser Ent­schei­dung oder die Rechts­kraft ei­nes Fest­stel­lungs­ur­teils in ei­nem Ver­fah­ren nach § 9 TVG. Es ist für die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en un­zu­mut­bar, auf ei­ne nicht rechts­kräfti­ge, nur erst­in­stanz­li­che Ent­schei­dung hin, während der Lauf­zeit ih­res Ta­rif­ver­tra­ges in Ta­rif­ver­trags­ver­hand­lun­gen ein­zu­tre­ten und ge­ge­be­nen­falls ei­nen Ar­beits­kampf zu be­gin­nen. Hier liegt al­ler­dings die pro­zes­sua­le Be­son­der­heit vor, dass das be­klag­te Land durch das Ur­teil nicht be­schwert ist und da­her auch kei­ne Be­ru­fung ein­le­gen kann. Wie aus­geführt muss auf Grund des Art. 9 III GG in ver­fas­sungs­kon­for­mer Aus­le­gung dem be­klag­ten Land die Möglich­keit ei­ner Über­prüfung der Rechts­wirk­sam­keit nach § 9 TVG ge­ge­ben wer­den. Dies muss ent­spre­chend auch für die vor­lie­gen­de Kon­stel­la­ti­on gel­ten. Durch ein in­ner­halb ei­nes Mo­nats anhängig ge­mach­tes Ver­fah­ren nach § 9 TVG als Er­satz-Be­ru­fungs­ver­fah­ren be­ginnt die Frist erst mit Rechts­kraft des Ver­fah­rens nach § 9 TVG. Würde im Übri­gen in ei­nem Ver­fah­ren nach § 9 TVG die Wirk­sam­keit des § 27 A BAT fest­ge­stellt, führt dies zu ei­ner Kla­ge­ab­wei­sung für im­mer: die hie­si­ge In­ci­den­ter-Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit des § 27 A BAT, die, da nicht streit­ge­genständ­lich, nicht in Rechts­kraft er­starkt, wird durch ei­ne ge­gen­tei­li­ge Fest­stel­lung in ei­nem Ver­fah­ren nach § 9 TVG mit er­ga-om­nes-Wir­kung ob­so­let.

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1.1.4-3.4.3 Die zu gewähren­de Frist ist ei­ne Über­g­angs­frist, d.h. trotz der an sich be­ste­hen­den Un­wirk­sam­keit des § 27 A BAT ist die­ser bis zum Frist­ab­lauf als wirk­sam zu be­han­deln. Auch das BVerfG geht aus Gründen der Rechts­si­cher­heit mit­un­ter von ei­ner be­fris­te­ten Fort­gel­tung ei­nes an sich ver­fas­sungs­wid­ri­gen Ge­set­zes aus (vgl. Ja­rass, in: Ja­rass/Pie­roth, GG, 8. Aufl. [2006], Art. 3 Rn. 41a m.w.N.). Da­zu be­darf es auch nicht des BVerfGG. Dies folgt schon aus Art. 20 III GG. Ver­wei­ger­te man den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ei­ne Über­g­angs­frist und gewähr­te nur ei­ne An­pas­sungs­frist führt dies zu prak­tisch unüber­wind­li­chen Schwie­rig­kei­ten. Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en müss­ten dann in­ner­halb der Frist, ein staat­li­ches Ge­richt nach frucht­lo­sem Ab­lauf der Frist ei­ne dis­kri­mi­nie­rungs­freie Neu­re­ge­lung auch für die Ver­gan­gen­heit be­stim­men. Dies würde zu ent­spre­chen­den Nach­for­de­run­gen der be­nach­tei­lig­ten Ar­beit­neh­mer und zu Rück­zah­lungs­for­de­run­gen des Lan­des Ber­lin führen. Die Aus­schluss­frist des § 70 BAT würde auch nicht hel­fen, weil der Frist­be­ginn ei­ne Be­zif­fer­bar­keit der Nach­for­de­rungs-/Rück­zah­lungs­for­de­rung vor­aus­setzt. Die­se ist aber nicht vor ei­ner recht­ver­bind­li­chen wirk­sa­men Neu­fest­set­zung der Vergütungs­ord­nung - sei es durch die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en, sei es durch den Staat - ge­ge­ben.
1.1.4.-3.4.4 Kom­men die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en in­ner­halb ei­ner an­ge­mes­se­ner Frist nicht zu ei­ner ei­ge­nen Re­ge­lung, hat der Ta­rif­vor­tritt ein En­de. Nach Frist­ab­lauf ist da­bei von ei­ner Ge­samt­nich­tig­keit aus­zu­ge­hen. Ei­ne staat­li­che Ent­schei­dung hat den In­ter­es­sen­an­t­ago­nis­mus der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zu berück­sich­ti­gen. Im Fall ei­ner Teil­nich­tig­keit gäbe es i.V.m. § 8 II AGG den Lu­xus­ta­rif­ver­trag au­to­ma­tisch, nur et­was später. Die Ge­werk­schaf­ten sind über­for­dert, die­se Ge­le­gen­heit sich nicht ent­ge­hen zu las­sen. Ein bloßes Aus­sit­zenkönnen wird je­doch der Ta­rif­au­to­no­mie nicht ge­recht. Um über­haupt ei­nen Ver­hand­lungs­druck zu er­zeu­gen (zu die­ser Not­wen­dig­keit auch Rieb­le/Zed­ler, ZfA 2006, 273 (293)), muss da­her aus Gründen des Ver­trau­ens­schut­zes bei Alt-Ta­rif­verträgen von ei­ner Ge­samt­nich­tig­keit der ta­rif­ver­trag­li­chen Vergütungs­re­ge­lung und da­her nach Frist­ab­lauf sub­si­diär von ei­ner ge­richt­li­chen Fest­set-zungs­be­fug­nis nach § 612 II BGB aus­ge­gan­gen wer­den, die nicht zwin­gend auf ei­ne An­glei­chung nach oben hin­aus­lau­fen muss (vgl. Wie­de­mann, NZA 2007, 950 (953) m.w.N.). Da­bei ist das Ver­dikt der Ge­samt­nich­tig­keit zu präzi­sie­ren: es be­steht dann kein ab­so­lu­tes "Re­ge-lungs­va­ku­um" (so aber Lin­ge­mann/Go­tham, NZA 2007, 663 (667)), son­dern es ver­bleibt der An­spruch auf Vergütung nach der nied­rigs­ten Le­bens­al­ters­stu­fe als "gleich­heits­kon­for­mer Re­ge­lungs­so­ckel" (so all­ge­mein Bel­ling/Hart­mann, NZA 1993, 1009 (1014)).
1.1.4.-3.4.5 Zahlt das be­klag­te Land nach Ab­lauf der Über­g­angs­frist die Gehälter wie bis­her oh­ne Vor­be­halt aus, er­fol­gen die­se Zah­lun­gen, so­weit sie die Höhe der un­ters­ten Le­bens­al­ters­stu­fe über­stei­gen, oh­ne Rechts­grund. Das be­klag­te Land läuft dann Ge­fahr, dass al­le An­ge­stell­te da­durch ei­nen in­di­vi­du­al­ver­trag­li­chen An­spruch aus Gleich­be­hand­lung auf Zah­lung der Vergütung der höchs­ten Le­bens­al­ters­stu­fe ih­rer je­wei­li­gen Vergütungs­grup­pe er­hal­ten (Um­kehr­schluss zu BAG [26.11.1998] - 6 AZR 335/97 - NZA 1999, 1108), der nur theo­re­tisch durch ei­ne be­triebs­be­ding­te Ände­rungskündi­gung zu be­sei­ti­gen wäre.
1.1.4.-3.5 Das Ver­fah­ren ist nicht aus­zu­set­zen.

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1.1.4.-3.5.1 Ver­fah­rens­recht­lich wird zwar in An­leh­nung an die Recht­spre­chung des BVerfG ei­ne Aus­set­zung fa­vo­ri­siert (Schlach­ter, Fest­schrift Schaub [1998], S. 651 (670 ff.); Schleu­se-ner, a.a.O., § 7 Rn. 46). Die Recht­spre­chung der BAG-Se­na­te schwankt je nach Be­set­zung (ab­leh­nend: BAG [14.12.1982] - 3 AZR 251/80 - AP Be­trAVG § 1 Be­sitz­stand Nr. 1 = ju­ris [Rn. 29]; fol­gend Zwan­zi­ger, a.a.O., § 111 Rn. 19; aus­set­zend: BAG [21.03.1992] - 2 AZR 323/84 (A) - NJW 1991, 3170; BAG [16.02.1978] - 3 AZR 624/76 - AP BGB § 242 Ru­he­ge­halt Nr. 178).
1.1.4.-3.5.2 Ei­ne Aus­set­zung ist je­doch ab­zu­leh­nen. Es be­steht kein Aus­set­zungs­grund. Das BVerfGG gilt für die Ge­rich­te für Ar­beits­rechts­sa­chen nicht. Ei­ne ana­lo­ge An­wen­dung würde die Gren­zen richt­li­ni­en­kon­for­mer Aus­le­gung spren­gen. Die Vor­aus­set­zun­gen der §§ 148 ff. ZPO lie­gen nicht vor. Das ArbG kann die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en nicht ver­pflich­ten, in Ta­rif­ver­trags­ver­hand­lun­gen zu tre­ten. Es kann nur Ob­lie­gen­hei­ten und ma­te­ri­ell­recht­li­che Fol­ge­wir­kun­gen auf­zei­gen, wenn sie dies nicht tun.
Dem Kläger ent­steht durch ei­ne Kla­ge­ab­wei­sung auch kein we­sent­li­cher Nach­teil. Die Rechts­kraft die­ses Ur­teils schließt ei­ne zukünf­ti­ge Kla­ge un­ter geänder­ten Be­din­gun­gen nicht aus. Das anhängi­ge Kla­ge­ziel (Ein­ord­nung in die höchs­te Le­bens­al­ters­stu­fe) kann der Kläger zur Zeit nicht er­rei­chen. Ge­nau die­ses Kla­ge­ziel wird er ver­mut­lich nie er­rei­chen. Al­ler Vor­aus­sicht nach wird es in Zu­kunft ei­ne Le­bens­al­ters­stu­fe 47 nicht mehr ge­ben.
Die ent­ste­hen­de Kos­ten­last trägt der Kläger im Fall ei­ner Kla­ge­ab­wei­sung nicht we­sent­lich an­ders als im Fall ei­ner Aus­set­zung. Im Fall ei­ner Aus­set­zung hätte der Kläger später die Kos­ten ab­seh­bar als Teilrück­nah­me­kos­ten zu tra­gen. Nach § 12a ArbGG trägt er die an­walt­li­chen Kos-ten un­abhängig vom Pro­zess­aus­gang. Im Übri­gen ist ein ma­te­ri­ell­recht­li­cher Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch nach § 15 I AGG ent­ge­gen §12a ArbGG in ge­mein­schafts­rechts­kon­for­mer Aus­le­gung des § 15 I AGG zu be­ja­hen. Die­ser ist Kon­se­quenz ei­nes ef­fek­ti­ven Rechts­schut­zes, den Art. 9 I RL 2000/78/EG ver­langt. Ent­we­der ge­ne­rell (so Busch, Der Per­so­nal­rat 2006, 322 (324)) oder zu­min­dest im vor­lie­gen­den Fall der Gewährung ei­nes Ver­trau­ens­schut­zes. Ein sol­cher ist aber un­abhängig von der Fra­ge ei­ner Aus­set­zung und im Übri­gen hier nicht gel­tend ge­macht.
1.2 Der Kläger hat auch kei­nen An­spruch i.V.m. ei­nem un­ge­schrie­be­nen primärrecht­li­chen Al­ters­dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot. Wenn man dem EuGH fol­gend nun­mehr von ei­nem un­ge­schrie­be­nem primärrecht­li­chen Al­ters­dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot aus­geht, so sind al­le an­de­ren Dis­kri­mie­rungs­ver­bo­te eben­falls un­ge­schrie­be­ne Rechts­grundsätze des Primärrechts. Das macht sie an­ders als den ko­di­fi­zier­ten Art. 141 EGV aber noch nicht zu un­mit­tel­ba­ren An­spruchs­grund­la­gen. Ent­spre­chend schreibt Art. 17 RL 2000/78/EG ei­nen bloßen Sank­ti­ons­zwang vor und gewährt den Mit­glied­staa­ten auf der Rechts­fol­gen­sei­te ei­nen Ge­stal­tungs­spiel­raum. Auch nach der Man­gold-Ent­schei­dung war vor Ab­lauf der Um­set­zungs­frist Nor­madres­sat nur der na­tio­na­le Ge­setz­ge­ber ge­we­sen (vgl. Ka­man­ab­rou, Anm. EuGH, EZA Tz­B­fG § 14 Nr. 21, S. 28; Ku­ras, RdA 2007, 169 (174); MK/Thüsing, a.a.O., Einl. Rn. 45; BAG [27.06.2006] - 3 AZR 352/05 (A) - NZA 2006, 1276 [Rn. 29] äußert "Be­den­ken" ge­gen die ge­gen­tei­li­ge Auf­fas­sung; so wohl auch Ko­kott, a.a.O. (35)). Die ge­gen­tei­li­ge Po­si­ti­on u.a. von Bau­er/Ar­nold, NJW 2006, 6 (10) er­scheint als Über­in­ter­pre­ta­ti­on (vgl. aber auch Preis, NZA 2006, 401

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(405)). Man mag gleich­wohl ei­nen ac­te clai­re ver­mis­sen (so der Vor­la­ge­be-schluss BAG [27.06.2006] - 3 AZR 352/05 (A) - NZA 2006, 1276 [Rn. 31]).
Dies führt je­doch für die ers­te In­stanz nicht schon zu ei­ner Vor­la­ge­pflicht, Art. 234 III EGV. Das ein­geräum­te Er­mes­sen führt hier zu ei­ner Nicht­vor­la­ge. Zum ei­nen zwingt schon der vor­lie­gen­de Vor­la­ge­be­schluss des BAG den EuGH (zum Ak­ten­zei­chen Rs. C-427/06) da­zu, Far­be zu be­ken­nen. Zum an­de­ren soll­te der In­stan­zen­zug die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit ab­si­chern. Zum Drit­ten spricht nicht viel für ei­ne un­mit­tel­ba­re Gel­tung des Al­ters­dis­kri­mi­nie­rungs­grund­sat­zes als An­spruchs­grund­la­ge. Zum Vier­ten be­steht ein weit­ge­hen­der Gleich­klang des ge­mein­schafts­recht­li­chen mit dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Ver-trau­ens­schutz. Auch wenn es primärrecht­lich nicht um ei­nen Ver­trau­ens­schutz vor ei­nem Ge­setz, son­dern vor ei­ner et­wai­gen, rück­wir­ken­den Ent­de­ckung ei­nes un­ge­schrie­be­nen Al­ters­dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­tes als An­spruchs­grund­la­ge gin­ge. Da­bei nimmt der EuGH al­ler­dings grundsätz­lich die­je­ni­gen von ei­nem Rück­wir­kungs­schutz aus, die ge­klagt oder ei­nen ent­spre­chen­den Rechts­be­helf ein­ge­legt ha­ben (EuGH [17.05.1990] - Rs. C - 262/88 - <Bar­ber> - NJW 1991, 2204 [Rn. 45]; EuGH [10.02.2000] - Rs. C-50/96 - <Schröder> - NZA 2000, 313 [Rn. 31]) und geht nun­mehr so­gar da­von aus, dass ein Rück­wir­kungs­schutz nur bei der je­weils ers­ten Ent­schei­dung über ei­ne Aus­le­gungs­fra­ge möglich ist (EuGH [06.03.2007] - Rs. C-292/04 - <Meili­cke> - NJW 2007, 1440 [Rn. 32 ff.]; fol­gend Ko­kott/Hen­ze, BB 2007, 913 (916)).
Ist je­doch in ei­nem Al­ters­dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot kei­ne un­mit­tel­ba­re An­spruchs­grund­la­ge zu se­hen, ist die nach Al­ters­stu­fen ge­staf­fel­te Grund­vergütung al­lein nach dem AGG (eben­so Ka­man­ab­rou, Anm. EZA Tz­B­fG § 14 Nr. 21, S. 30 für al­ters­abhängi­ge Son­der­zah­lun­gen) und ei­nem dar­auf be­zo­ge­nen Ver­trau­ens­schutz zu mes­sen.
1.3 Der Kläger hat kei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch auf Ein­grup­pie­rung in die höchs­te Le­bens­al­ters­stu­fe.
Ein Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 15 AGG be­steht nicht. Nach dem Gel­tend­ma­chungs­schrei-ben und der Kla­ge­schrift macht der Kläger nur ei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 15 I AGG gel­tend. Ein An­spruch auf Scha­dens­er­satz nach § 15 I AGG schei­det schon man­gels Scha­den aus. Wenn der Kläger der­zeit kei­nen ver­trag­li­chen Erfüllungs­an­spruch auf Gleich­stel­lung hat, be­steht kei­ne Vergütungs­dif­fe­renz und da­mit in­so­weit kein Scha­den. Hätte er ei­nen Erfüllungs­an­spruch, bestünde eben­falls kein Scha­den (vgl. auch all­ge­mein Lin­ge­mann/Go­tham, NZA 2007, 663 (669 f.)).
1.4 Sons­ti­ge An­spruchs­grund­la­gen (vgl. zu die­sen all­ge­mein Pa­landt/Wei­den­kaff, a.a.O., § 15 Rn. 10) sind nicht er­sicht­lich.
2. Die Kla­ge ist auch hin­sicht­lich der Orts­zu­schlags­stu­fe 3 un­be­gründet. Es fehlt hier schon an ei­ner Be­nach­tei­li­gung i.S.d. § 3 AGG. Die Vor­ent­hal­tung der Orts­zu­schlag­stu­fe 3 ist kei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung i.S.d. § 3 I AGG. Nach § 3 II AGG liegt auch kei­ne mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung i.S.d. AGG vor, da die ver­gleichs­wei­sen Nach­tei­le des Klägers "durch ein rechtmäßiges Ziel" in verhält­nismäßiger Wei­se ge­recht­fer­tigt sind.

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2.1 Ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung i.S.d. § 3 I AGG schei­det aus, da § 29 B BAT nicht un­mit­tel­bar an ein Dis­kri­mi­nie­rungs­merk­mal i.S.d. § 1 AGG an­knüpft. § 29 B BAT stellt in zulässig ty­pi­sie­ren­der Wei­se auf Un­ter­halts­pflich­ten ab.
2.2 Dass § 29 B BAT zwar ei­ne neu­tra­le Vor­schrift ist, je­doch Per­so­nen we­gen Dis­kri­mi­nie­rungs­merk­ma­le i.S.d. § 1 AGG an sich mit­tel­bar be­nach­tei­ligt (Al­ter, Ge­schlecht, Be­hin­de­rung, se­xu­el­le Iden­tität), kann un­ter­stellt wer­den. Je­den­falls bei der Orts­zu­schlags­stu­fe 3, die auf die Kin­der­geld­be­rech­ti­gung ab­stellt, ist die­se Re­ge­lung je­doch durch ein le­gi­ti­mes Ziel in verhält­nismäßiger Wei­se ge­recht­fer­tigt. Der Orts­zu­schlag Stu­fe 3 enthält ei­ne so­zia­le Kom­po­nen­te, die die erhöhten Auf­wen­dun­gen bei Un­ter­halts­pflich­ten ge­genüber Kin­dern im Fall der Kin­der­geld­be­rech­ti­gung kom­pen­siert. Dies ist im Hin­blick auf den in Art. 6 Abs. 1 GG ga­ran­tier­ten Schutz von Ehe und Fa­mi­lie le­gi­tim (vgl. zur Orts­zu­schlags­stu­fe 2 auch BVerfG [21.05.1999] - 1 BvR 726/98 - NZA 1999, 878; BAG [15.05.1997] - 6 AZR 26/96 - NJW 1998, 1012) und auch nach dem Erwägungs­grund Nr. 22 der RL 2000/78/EG richt­li­ni­en­kon­form. Die Zu­la­ge ist dafür ge­eig­net und er­for­der­lich. Die Hint­an­set­zung des Klägers in dem Zu­la­gen­be­reich auch nicht un­verhält­nismäßig.

B. Der Hilfs­an­trag ist un­zulässig. Er ist nicht be­stimmt ge­nug i.S.d. § 253 II Nr. 2 ZPO. Es ist un­klar und un­be­stimmt, wor­in die "Be­sei­ti­gung" ei­ner Be­nach­tei­li­gung be­ste­hen soll. Dar­auf hat schon die Be­klag­ten­sei­te hin­ge­wie­sen.

C. Der un­ter­le­ge­ne Kläger hat gemäß § 91 ZPO i.V.m. § 46 ArbGG die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen. Die­se be­mes­sen sich nach ei­nem gemäß im § 61 I, 46 II ArbGG i.V.m. §§ 3 ff. ZPO i.V.m. § 42 IV 2 GKG fest­ge­setz­ten Streit­wert.

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Rechts­mit­tel­be­leh­rung

Ge­gen die­ses Ur­teil kann von d. Kläger/in Be­ru­fung ein­ge­legt wer­den.

Die Be­ru­fungs­schrift muss von ei­nem Rechts­an­walt oder ei­nem Ver­tre­ter ei­ner Ge­werk­schaft bzw. ei­ner Ar­beit­ge­ber­ver­ei­ni­gung oder ei­nes Zu­sam­men­schlus­ses sol­cher Verbände ein­ge­reicht wer­den.

Die Be­ru­fungs­schrift muss in­ner­halb
ei­ner Not­frist von ei­nem Mo­nat
bei dem
Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg,
Mag­de­bur­ger Platz 1, 10785 Ber­lin,
ein­ge­gan­gen sein.

Die Be­ru­fungs­schrift muss die Be­zeich­nung des Ur­teils, ge­gen das die Be­ru­fung ge­rich­tet wird, so­wie die Erklärung ent­hal­ten, dass Be­ru­fung ge­gen die­ses Ur­teil ein­ge­legt wer­de.


Die Be­ru­fung ist gleich­zei­tig oder in­ner­halb
ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten
in glei­cher Form schrift­lich zu be­gründen.


Bei­de Fris­ten be­gin­nen mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­setz­ten Ur­teils, spätes­tens aber mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach der Verkündung.

Da­bei ist zu be­ach­ten, dass das Ur­teil mit der Ein­le­gung in den Brief­kas­ten oder ei­ner ähn­li­chen Vor­rich­tung für den Pos­t­emp­fang als zu­ge­stellt gilt.
Wird bei der Par­tei ei­ne schrift­li­che Mit­tei­lung ab­ge­ge­ben, dass das Ur­teil auf der Geschäfts­stel­le ei­nes Amts­ge­richts oder ei­ner von der Post be­stimm­ten Stel­le nie­der­ge­legt ist, gilt das Schriftstück mit der Ab­ga­be der schrift­li­chen Mit­tei­lung als zu­ge­stellt, al­so nicht erst mit der Ab­ho­lung der Sen­dung.
Das Zu­stel­lungs­da­tum ist auf dem Um­schlag der Sen­dung ver­merkt.
Für d. Be­klag­te/n ist kei­ne Be­ru­fung ge­ge­ben.
Von der Be­gründungs­schrift wer­den zwei zusätz­li­che Ab­schrif­ten zur Un­ter­rich­tung der eh­ren­amt­li­chen Rich­ter er­be­ten.

Wei­te­re Statt­haf­tig­keits­vor­aus­set­zun­gen er­ge­ben sich aus § 64 Abs.2 ArbGG :
"Die Be­ru­fung kann nur ein­ge­legt wer­den,
a) wenn sie in dem Ur­teil zu­ge­las­sen wor­den ist,
b) wenn der Wert des Be­schwer­de­ge­gen­stan­des 600 Eu­ro über­steigt,
c) in Rechts­strei­tig­kei­ten über das Be­ste­hen, das Nicht­be­ste­hen oder die Kündi­gung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses oder
d) wenn es sich um ein Versäum­nis­ur­teil han­delt, ge­gen das der Ein­spruch an sich nicht statt­haft ist, wenn die Be­ru­fung oder An­schluss­be­ru­fung dar­auf gestützt wird, dass der Fall schuld­haf­ter Versäum­ung nicht vor­ge­le­gen ha­be."


Dr. St.

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