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Kein Scha­dens­er­satz für Streik­fol­gen

Kein Scha­dens­er­satz für nicht be­streik­te, aber von Strei­k­aus­wir­kun­gen be­trof­fe­ne Un­ter­neh­men: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 25.08.2015, 1 AZR 754/13
Kön­nen von Streiks be­trof­fe­ne Un­ter­neh­men von Ge­werk­schaf­ten Ent­schä­di­gun­gen ver­lan­gen?

01.09.2015. Kön­nen nicht be­streik­te, aber von den fak­ti­schen Strei­k­aus­wir­kun­gen be­trof­fe­ne Un­ter­neh­men von der strei­ken­den Ge­werk­schaft Scha­dens­er­satz ver­lan­gen?

Die­se Fra­ge woll­ten vier Flug­ge­sell­schaf­ten ar­beits­ge­richt­lich klä­ren las­sen, nach­dem sie im Jah­re 2009 we­gen ei­nes Streiks der Flug­lots­en­ge­werk­schaft, der sich ge­gen ei­nen Flug­ha­fen­be­trei­ber rich­te­te, ei­ni­ge Flü­ge aus­fal­len las­sen muss­ten.

En­de Au­gust kam der für die Air­lines er­nüch­tern­de Be­scheid aus Er­furt: Die Flug­lots­en­ge­werk­schaft muss den vom Streik be­trof­fe­nen Air­lines kei­ne Ent­schä­di­gung zah­len: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 25.08.2015, 1 AZR 754/13.

Können nicht be­streik­te, aber von Strei­k­aus­wir­kun­gen be­trof­fe­ne Un­ter­neh­men oder Pri­vat­per­so­nen von der Ge­werk­schaft Scha­dens­er­satz ver­lan­gen?

Ge­werk­schaf­ten ha­ben auf­grund ih­rer Ko­ali­ti­ons­frei­heit (Art.9 Abs.3 Grund­ge­setz - GG) ein Recht zu Streik, wenn sie mit dem Streik ih­ren Ta­rif­for­de­run­gen Nach­druck ver­lei­hen wol­len. Außer­halb von Ta­rif­kon­flik­ten sind Streiks da­her nach herr­schen­der Mei­nung un­zulässig, d.h. Be­am­te und Schüler dürfen nicht strei­ken (denn ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen sind nicht ta­rif­lich ge­re­gelt) und auch be­trieb­li­che Ar­beit­neh­mer­grup­pen ha­ben kein Streik­recht, da der Ab­schluss von Ta­rif­verträgen (und da­mit das Streik­recht) gemäß § 2 Ta­rif­ver­trags­ge­setz (TVG) den Ge­werk­schaf­ten vor­be­hal­ten ist.

Ein So­li­da­ritäts­streik (= Un­terstützungs­streik, Sym­pa­thie­streik) fällt da ein we­nig aus dem Rah­men. Denn bei Un­terstützungs­streiks wird nicht der Ar­beit­ge­ber oder Ar­beit­ge­ber­ver­band be­streikt, mit dem die Ge­werk­schaft ei­nen Ta­rif­ver­trag ab­sch­ließen möch­te, son­dern ein an­de­rer Ar­beit­ge­ber oder Ar­beit­ge­ber­ver­band, der dem ei­gent­li­chen Streik­geg­ner al­ler­dings "na­he steht", so dass sich der Druck auf die­sen erhöht.

Weil der von ei­nem Un­terstützungs­streik be­trof­fe­ne Ar­beit­ge­ber(ver­band) der Ge­werk­schaft kei­ne ta­rif­li­chen Zu­geständ­nis­se ma­chen kann, war die Zulässig­keit von sol­chen So­li­da­ritäts­streiks lan­ge Zeit um­strit­ten, bis sie das BAG im Jah­re 2007 of­fi­zi­ell für rech­tens erklärt hat (BAG, Ur­teil vom 19.06.2007, 1 AZR 396/06 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 07/24 Bun­des­ar­beits­ge­richt: So­li­da­ritäts­streiks zulässig).

Ei­ne sol­che Aus­wei­tung des Ar­beits­kamp­fes auf Ar­beit­ge­ber, die gar nicht am Ver­hand­lungs­tisch sit­zen, ist aus Ar­beit­ge­ber­sicht schwer zu ver­dau­en. Noch stärker wer­den die Bauch­schmer­zen, wenn durch die fak­ti­schen Aus­wir­kun­gen ei­nes So­li­da­ritäts­streiks die Be­triebs­abläufe von Un­ter­neh­men gestört wer­den, ge­gen die sich we­der der Haupt­ar­beits­kampf noch der So­li­da­ritäts­streik rich­tet.

Aus der Sicht sol­cher Un­ter­neh­men liegt es in sol­chen Fällen na­he, über Scha­dens­er­satz­for­de­run­gen ge­gen die streikführen­de Ge­werk­schaft nach­zu­den­ken.

Der Streit­fall: Air­lines ver­kla­gen die Ge­werk­schaft der Flug­si­che­rung (GdF) auf Scha­dens­er­satz für aus­ge­fal­le­ne, ver­späte­te und/oder um­ge­lei­te­ten Flüge

Im März 2009 führ­te die Ge­werk­schaft der Flug­si­che­rung (GdF) ei­nen Streik ge­gen den Be­trei­ber des Flug­ha­fens Stutt­gart. Da­bei ging es um ei­nen Ta­rif­ver­trag für die Vor­feld­lot­sen, d.h. die Beschäftig­ten der Vor­feld­kon­trol­le und der Ver­kehrs­zen­tra­le.

Die Vor­feld­lot­sen sor­gen für den rei­bungs­lo­sen Ver­kehr der Flug­zeu­ge auf dem Bo­den, d.h. sie ko­or­di­nie­ren die Be­we­gun­gen auf dem sog Vor­feld und ha­ben mit der Über­wa­chung und Ab­si­che­rung der in der Luft be­find­li­chen Flug­zeu­ge nichts zu tun. Dar­um kümmern sich die Flug­lot­sen.

Um ih­ren Ta­rif­for­de­run­gen für die Vor­feld­lot­sen größeren Nach­druck zu ver­lei­hen, rief die GdF auch die Flug­lot­sen zum Streik auf. Und zwar zu ei­nem Un­terstützungs­streik. Denn der umkämpf­te Ta­rif­ver­trag soll­te nicht für die Flug­lot­sen gel­ten, und die Flug­lot­sen wa­ren auch nicht An­ge­stell­te der Flug­ha­fen­be­trei­ber­ge­sell­schaft, son­dern bei der Deut­schen Flug­si­che­rung GmbH (DFS) an­ge­stellt.

Ob­wohl das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg die­sen Sym­pa­thie­streik für zulässig erklärte (Ur­teil vom 31.03.2009, 2 Sa­Ga 1/09, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/077 Zulässig­keit ei­nes Sym­pa­thie­streiks), ver­klag­ten vier nicht be­streik­te, aber von den Strei­k­aus­wir­kun­gen be­trof­fe­ne Air­lines die GdF in Frank­furt auf Scha­dens­er­satz.

Im­mer­hin, so ihr Ar­gu­ment, fie­len streik­be­ding­te 36 Flüge aus und vie­le an­de­re Flüge ver­späte­ten sich oder muss­ten um­ge­lei­tet wer­den. Außer­dem wur­de der be­streik­te Ar­beit­ge­ber auf­grund spe­zi­el­ler Kos­ten­re­ge­lun­gen ("Voll­kos­ten­de­ckungs­prin­zip") wirt­schaft­lich gar nicht geschädigt, so dass sich die Air­lines als ei­gent­li­che Leid­tra­gen­de und so­mit als ei­gent­li­che Streik­geg­ner an­sa­hen.

Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt wies die Kla­ge ab (Ur­teil vom 27.03.2012, 10 Ca 3468/11) und auch vor dem Hes­si­schen LAG hat­ten die kla­gen­den Air­lines kei­nen Er­folg (Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 25.04.2013, 9 Sa 561/12). Denn da sie kei­nen Ver­trag mit der Ge­werk­schaft hat­ten, konn­ten die Flug­ge­sell­schaf­ten ih­re Ansprüche nur auf all­ge­mei­nes Scha­dens­er­satz­recht ("De­liktsrecht") stützen, und dafür wäre es ei­ne Ei­gen­tums­ver­let­zung und/oder ein Ein­griff in den "ein­ge­rich­te­ten und aus­geübten Ge­wer­be­trieb" er­for­der­lich ge­we­sen. Sol­che "de­lik­ti­schen" Schädi­gun­gen la­gen hier aber nicht vor, so das LAG.

BAG: Kein Scha­dens­er­satz für nicht be­streik­te, aber von Strei­k­aus­wir­kun­gen be­trof­fe­ne Un­ter­neh­men

Auch das BAG hielt die Kla­gen für un­be­gründet und wies da­her die Re­vi­si­on der Air­lines zurück. Zur Be­gründung heißt es in der bis­lang aus­sch­ließlich veröffent­lich­ten Pres­se­mit­tei­lung:

Ein Scha­dens­er­satz­an­spruch aus § 823 Abs.1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) we­gen ei­ner Ei­gen­tums­ver­let­zung be­steht nicht. Zwar kann auch ei­ne Nut­zungs­ein­schränkung aus­nahms­wei­se als Ei­gen­tums­ver­let­zung an­zu­se­hen sein, aber dafür müss­te sie "er­heb­lich" sein. Und dass die Flug­zeu­ge hier im Streit­fall ei­ni­ge St­un­den lang nicht flie­gen konn­ten, ist noch kei­ne "er­heb­li­che" Nut­zungs­be­ein­träch­ti­gung und folg­lich kei­ne Ei­gen­tums­ver­let­zung.

Auch ei­nen Ein­griff in den "ein­ge­rich­te­ten und aus­geübten Ge­wer­be­be­trieb", der eben­falls durch § 823 Abs.1 BGB ge­gen je­der­mann geschützt ist, woll­ten die Er­fur­ter Rich­ter hier nicht an­er­ken­nen. Denn da­zu hätte die GdF in ei­ner ziel­ge­rich­te­ten bzw. "be­triebs­be­zo­ge­nen" Wei­se ge­gen die Air­lines vor­ge­hen müssen, und das war hier nicht der Fall.

Fa­zit: Das Ur­teil des BAG hätte kaum an­ders aus­fal­len können.

Denn wenn ein Ta­xi­fah­rer ei­nen Opernsänger zur Oper fährt und fahrlässig ei­nen Un­fall ver­ur­sacht, wo­durch die Opern­vor­stel­lung aus­fal­len muss, ist er zwar dem Sänger (we­gen Ver­trags­pflicht­ver­let­zung), nicht aber dem Opern­haus zum Scha­dens­er­satz ver­pflich­tet. Und was für Ta­xi­fah­rer gilt, gilt auch für strei­ken­de Ge­werk­schaf­ten. Dass sie Un­ter­neh­men und Pri­vat­per­so­nen, die von Strei­k­aus­wir­kun­gen be­trof­fen sind, kei­nen Scha­dens­er­satz zah­len müssen, er­gibt sich aus den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten zum Scha­dens­er­satz­recht.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das BAG sei­ne Ent­schei­dungs­gründe veröffent­licht. Das vollständig be­gründe­te Ur­teil des BAG fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 6. September 2016

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Dr. Simone Wernicke
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