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ARBEITSRECHT AKTUELL // 17/177

So­zi­al­aus­wahl und Al­ters­ren­te

Wer An­spruch auf ei­ne Re­gel­al­ters­ren­te hat, ist bei ei­ner So­zi­al­aus­wahl im Hin­blick auf sein Al­ter we­ni­ger schutz­be­dürf­tig als nicht ren­ten­be­rech­tig­te jün­ge­re Kol­le­gen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 27.04.2017, 2 AZR 67/16

04.07.2017. Das Kün­di­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) schützt äl­te­re und lan­ge be­schäf­tig­te Ar­beit­neh­mer bes­ser vor be­triebs­be­ding­ten Kün­di­gun­gen als ver­gleich­ba­re jün­ge­re Ar­beit­neh­mer mit kür­ze­rer Be­schäf­ti­gungs­dau­er.

Die­ses Se­nio­ri­täts­prin­zip ist al­ler­dings seit Jah­ren um­strit­ten, weil es sich zu­las­ten jün­ge­rer Ar­beit­neh­mer aus­wirkt und da­mit im Ver­dacht der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung steht, näm­lich ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung der jün­ge­ren Kol­le­gen.

In ei­nem ak­tu­el­len Fall hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schie­den, dass sich das Le­bens­al­ter bei be­triebs­be­ding­ten Ent­las­sun­gen zu­las­ten äl­te­rer Ar­beit­neh­mer aus­wirkt, wenn die­se be­reits ei­ne Re­gel­al­ters­ren­te be­zie­hen: BAG, Ur­teil vom 27.04.2017, 2 AZR 67/16.

Führt ein höhe­res Al­ter im­mer zu ei­ner höhe­ren so­zia­len Schutz­bedürf­tig­keit im Rah­men der So­zi­al­aus­wahl?

Möch­te der Ar­beit­ge­ber aus be­triebs­be­ding­ten Gründen die Be­leg­schaft ver­klei­nern und plant da­her den Aus­spruch be­triebs­be­ding­ter Kündi­gun­gen, stellt sich die Fra­ge, wer ge­hen muss und wer blei­ben darf. Ab ei­ner Be­triebs­größe von elf Ar­beit­neh­mern muss der Ar­beit­ge­ber da­bei das KSchG zu Guns­ten der­je­ni­gen Ar­beit­neh­mer be­ach­ten, die schon länger als sechs Mo­na­te beschäftigt sind (§ 1 Abs.1 KSchG, § 23 Abs.1 KSchG). Bei der Pla­nung von be­triebs­be­ding­ten Kündi­gun­gen ist in sol­chen Fällen ei­ne So­zi­al­aus­wahl vor­zu­neh­men.

Die­ses Prin­zip ist in § 1 Abs.3 Satz 1 KSchG fest­ge­legt. Da­nach muss der Ar­beit­ge­ber bei der Aus­wahl der zu kündi­gen­den Ar­beit­neh­mer

  • die Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit,
  • das Le­bens­al­ter,
  • die Un­ter­halts­pflich­ten und
  • ei­ne ggf. be­ste­hen­de Schwer­be­hin­de­rung

„aus­rei­chend“ berück­sich­ti­gen. Wer gemäß die­sen Kri­te­ri­en so­zi­al schutz­bedürf­ti­ger als an­de­re Kündi­gungs­kan­di­da­ten ist, muss von ei­ner be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung ver­schont blei­ben.

Nach herkömm­li­chem Verständ­nis be­sagt die Pflicht zur Berück­sich­ti­gung des Le­bens­al­ters, dass Ar­beit­neh­mer um­so bes­ser vor be­triebs­be­ding­ten Kündi­gun­gen geschützt sind, je älter sie sind. Denn mit stei­gen­dem Le­bens­al­ter wird es im All­ge­mei­nen schwie­ri­ger, ei­ne neue An­stel­lung zu fin­den. Um­strit­ten ist da­bei al­ler­dings, ob die Glei­chung „höhe­res Le­bens­al­ter = höhe­re so­zia­le Schutz­bedürf­tig­keit“ über al­le Le­bens­al­ters­stu­fen hin­weg („li­ne­ar“) gilt oder ob man da­bei be­stimm­te Aus­nah­men ma­chen muss.

Ei­ne sol­che Aus­nah­me wäre z.B. denk­bar für Ar­beit­neh­mer im Al­ter zwi­schen 20 und 35 Jah­ren, denn in die­ser Al­ters­grup­pe ha­ben „älte­re“ Ar­beit­neh­mer (al­so z.B. 35-jähri­ge) kaum schlech­te­re Ar­beits­markt­chan­cen als „jünge­re“ Ar­beit­neh­mer (z.B. 25-jähri­ge). Ei­ne wei­te­re Aus­nah­me liegt na­he für Ar­beit­neh­mer im Ren­ten­al­ter. Denn wer ei­ne Re­gel­al­ters­ren­te be­an­spru­chen kann oder kurz vor dem Ren­ten­al­ter ist, braucht sich im All­ge­mei­nen um sei­ne Chan­cen auf dem Ar­beits­markt kei­ne all­zu gründ­li­chen Ge­dan­ken mehr zu ma­chen.

Trotz­dem lässt es die herr­schen­de Mei­nung bis­her zu, dass Ar­beit­ge­ber ein höhe­res Le­bens­al­ter ge­ne­rell, d.h. über al­le Al­ters­stu­fen hin­weg bei der So­zi­al­aus­wahl zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers be­wer­ten. Auf die­ser Li­nie liegt ei­ne Ent­schei­dung des BAG aus dem Jah­re 2015, die es aus­drück­lich of­fen­ge­las­sen hat, ob ein ren­ten­na­hes Al­ter im Rah­men der So­zi­al­aus­wahl beim Aus­wahl­kri­te­ri­um „Al­ter“ zu­las­ten des Ar­beit­neh­mers zu be­wer­ten ist oder nicht (BAG, Ur­teil vom 23.07.2015, 6 AZR 457/14, S.16 oben, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/204 Kündi­gung we­gen Ren­te durch den Ar­beit­ge­ber).

Für Ar­beit­neh­mer, die An­spruch auf Re­gel­al­ters­ren­te ha­ben, hat das BAG nun­mehr sei­ne Mei­nung geändert.

Im Streit: 66-jähri­ger Ju­rist zieht bei der So­zi­al­aus­wahl ge­genüber jünge­ren Ar­beit­neh­mern den Kürze­ren und wird da­her be­triebs­be­dingt gekündigt

Im Mai 2014 kündig­te ein Ar­beit­ge­ber­ver­band, zu des­sen Auf­ga­ben die ar­beits­recht­li­che Be­ra­tung und Ver­tre­tung sei­ner Mit­glieds­un­ter­neh­men gehört, ei­nem 33 Jah­re lang beschäftig­ten Ju­ris­ten aus be­triebs­be­ding­ten Gründen mit sie­ben­mo­na­ti­ger Frist zum Jah­res­en­de, da sich zwi­schen 2009 und 2013 die An­zahl der vom Ver­band zu führen­den Ge­richts­ver­fah­ren hal­biert hat­te.

Aus die­sem Grund woll­te der Ver­band die ver­blei­ben­den ar­beits­recht­li­chen Fälle künf­tig nur noch von fünf statt von sechs an­ge­stell­ten Ju­ris­ten er­le­di­gen las­sen. Da der Ver­band re­gelmäßig 25 Ar­beit­neh­mer beschäftig­te, dar­un­ter sechs Ju­ris­ten, muss­te er das KSchG und da­mit das Prin­zip der So­zi­al­aus­wahl be­ach­ten.

Bei der So­zi­al­aus­wahl zog der gekündig­te Ju­rist den Kürze­ren, weil er zum Zeit­punkt der Kündi­gungs­erklärung be­reits 66 Jah­re und sie­ben Mo­na­te alt war und Re­gel­al­ters­ren­te be­zog; bei Ab­lauf der Kündi­gungs­frist war er 67 Jah­re. Da­her mein­te der Ver­band, er sei auf­grund sei­nes Al­ters we­ni­ger so­zi­al schutz­bedürf­tig als sei­ne deut­lich jünge­ren Ju­ris­ten­kol­le­gen.

Der gekündig­te Ju­rist er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge und hat­te da­mit vor dem Ar­beits­ge­richt Ha­gen Er­folg (Ur­teil vom 15.01.2015, 4 Ca 1219/14). Auch das für die Be­ru­fung zuständi­ge Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm gab ihm Recht, da es ihn auf­grund sei­ner lan­gen Be­triebs­zu­gehörig­keit so­wie sei­nes ho­hen Le­bens­al­ters im Ver­gleich zu sei­nen Ju­ris­ten­kol­le­gen als so­zi­al we­ni­ger schutz­bedürf­tig an­sah (LAG Hamm, Ur­teil vom 07.08.2015, 13 Sa 166/15).

BAG: Wer An­spruch auf ei­ne Re­gel­al­ters­ren­te hat, ist bei der So­zi­al­aus­wahl im Hin­blick auf sein Al­ter we­ni­ger schutz­bedürf­tig als nicht ren­ten­be­rech­tig­te jünge­re Kol­le­gen

Das BAG ent­schied an­ders­her­um und gab dem Ar­beit­ge­ber Recht, je­den­falls in der Streit­fra­ge, ob die So­zi­al­aus­wahl in Ord­nung war. Zur Be­gründung heißt es:

Das Al­ter gehört des­halb zu den vier Kri­te­ri­en der So­zi­al­aus­wahl, weil der Ge­setz­ge­ber da­mit den Kündi­gungs­schutz von Ar­beit­neh­mern stärken woll­te, de­ren Chan­cen auf ein Er­satz­ein­kom­men al­ters­be­dingt im All­ge­mei­nen schlech­ter ste­hen, so die Er­fur­ter Rich­ter. Un­ter Berück­sich­ti­gung die­ser ge­setz­ge­be­ri­schen Zweck­set­zung ist ein Ar­beit­neh­mer, der Re­gel­al­ters­ren­te be­zie­hen kann, im Hin­blick auf das So­zi­al­aus­wahl­kri­te­ri­um des Le­bens­al­ters

„als deut­lich we­ni­ger schutz­bedürf­tig an­zu­se­hen als Ar­beit­neh­mer, die noch kei­nen An­spruch auf ei­ne Al­ters­ren­te ha­ben. Bei die­sen be­steht die Ge­fahr, dass sie durch­ge­hend oder zu­min­dest für größere Zeiträume beschäfti­gungs­los blei­ben und da­mit mit­tel- bzw. lang­fris­tig auf den Be­zug von Ent­gel­ter­satz­leis­tun­gen und et­wai­gen staat­li­chen Un­terstützungs­leis­tun­gen an­ge­wie­sen sind (…). Hin­ge­gen steht den Ar­beit­neh­mern, die im Kündi­gungs­zeit­punkt be­reits An­spruch auf ei­ne Re­gel­al­ters­ren­te ha­ben oder - wie der Kläger - ei­ne sol­che so­gar be­zie­hen, dau­er­haft ein Er­satz­ein­kom­men für das zukünf­tig ent­fal­len­de Ar­beits­ein­kom­men zur Verfügung.“ (Ur­teil, S.6)

Fa­zit: Der hier ent­schie­de­ne Streit­fall ist et­was un­gewöhn­lich, weil der gekündig­te Ar­beit­neh­mer be­reits zum Zeit­punkt des Zu­gangs der Kündi­gung ei­ne Al­ters­ren­te be­kam. Häufi­ger sind die Fälle der sog. „Ren­tennähe“, in de­nen die ent­las­se­nen Ar­beit­neh­mer erst in ein, zwei oder drei Jah­ren ei­ne Re­gel­al­ters­ren­te be­an­spru­chen können.

Da das BAG den Kläger hier im Hin­blick auf sein Al­ter als „deut­lich we­ni­ger schutz­bedürf­tig “ an­ge­se­hen hat, könn­te man dar­aus den Schluss zie­hen, dass auch ren­ten­na­he Ar­beit­neh­mer nach An­sicht des Ge­richts bei der So­zi­al­aus­wahl von ih­rem höhe­ren Al­ter kei­nen Vor­teil mehr ha­ben soll­ten, mögli­cher­wei­se des­halb so­gar "Mi­nus­punk­te" bei der So­zi­al­aus­wahl be­kom­men. Ge­gen ei­ne sol­che In­ter­pre­ta­ti­on des BAG-Ur­teils spricht al­ler­dings, dass auch ren­ten­na­he Ar­beit­neh­mer ein le­gi­ti­mes In­ter­es­se an ei­ner Fol­ge­beschäfti­gung bei ei­nem an­de­ren Ar­beit­ge­ber ha­ben können. Und da ei­ne sol­che Fol­ge­beschäfti­gung im ren­ten­na­hen Al­ter prak­tisch aus­ge­schlos­sen ist, ist das Le­bens­al­ter der Ren­ten­na­hen bei der So­zi­al­aus­wahl wei­ter­hin zu ih­ren Guns­ten zu berück­sich­ti­gen.

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Letzte Überarbeitung: 4. Juli 2017

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