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ARBEITSRECHT AKTUELL // 17/143

Hin­aus­schie­ben der Al­ters­gren­ze ge­mäß § 41 Satz 3 SGB VI

Ver­stößt die un­be­grenz­te Be­fris­tungs­mög­lich­keit nach Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters ge­mäß § 41 Satz 3 Sechs­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB VI) ge­gen das Eu­ro­pa­recht?: Lan­des­ar­beits­ge­richt Bre­men, Be­schluss vom 23.11.2016, 3 Sa 78/16
Sanduhr mit rotem Sand

29.05.2017. Im Be­fris­tungs­recht gel­ten be­reits seit lan­gen Jah­ren Son­der­re­ge­lun­gen, die die Be­fris­tung von Ar­beits­ver­hält­nis­sen mit äl­te­ren Ar­beit­neh­mern „er­leich­tern“ und da­mit den ar­beits­recht­li­chen Schutz äl­te­rer Ar­beit­neh­mer ge­gen­über Be­fris­tun­gen ver­rin­gern.

So ist ge­mäß § 14 Abs.3 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG) die Be­fris­tung mit Ar­beit­neh­mern ab 52 Jah­ren oh­ne Sach­grund bis zur Ge­samt­dau­er von fünf Jah­ren recht­lich zu­läs­sig (vor­aus­ge­setzt der Ar­beit­neh­mer war zu­vor ei­ni­ge Mo­na­te ar­beits­los).

In ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Bre­men Zwei­fel dar­an ge­äu­ßert, ob die weit­ge­hend schran­ken­lo­se Mög­lich­keit von Ver­trags­be­fris­tun­gen mit Ar­beit­neh­mern im Ren­ten­al­ter ge­mäß § 41 Satz 3 Sechs­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB VI) eu­ro­pa­recht­lich zu­läs­sig ist: LAG Bre­men, Be­schluss vom 23.11.2016, 3 Sa 78/16.

Geht die schran­ken­lo­se Be­fris­tungsmöglich­keit gemäß § 41 Satz 3 SGB VI zu weit?

Vie­le Ta­rif­verträge se­hen das au­to­ma­ti­sche En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses mit Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters vor. Ob­wohl sol­che ta­rif­ver­trag­li­chen Be­fris­tungs­re­ge­lun­gen gemäß § 10 Satz 3 Nr.5 All­ge­mei­nes Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) kei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung dar­stel­len, war ih­re Zulässig­keit lan­ge Zeit um­strit­ten.

Die­sen Streit hat der EuGH 2010 be­en­det und klar­ge­stellt, dass ta­rif­ver­trag­li­che „Zwangs­pen­sio­nie­run­gen“ mit dem Eu­ro­pa­recht ver­ein­bar sind, d.h. nicht ge­gen die Richt­li­nie 2000/78/EG ver­s­toßen (Ur­teil vom 12.10.2010, C-45/09 - Ro­sen­bladt, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/217 EuGH erklärt in Ta­rif­verträgen ent­hal­te­ne Ren­ten­al­ter­sklau­seln für rech­tens). Seit­dem ist an­er­kannt, dass ta­rif­ver­trag­li­che Ren­ten­al­ter­sklau­seln ei­ne zulässi­ge Sach­grund­be­fris­tung gemäß § 14 Abs.1 Satz 2 Nr.6 Tz­B­fG dar­stel­len.

Auf die­se EuGH-Recht­spre­chung hat der Ge­setz­ge­ber re­agiert und ei­ne spe­zi­el­le Be­fris­tungsmöglich­keit ge­schaf­fen, mit der die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en ei­ne ta­rif­ver­trag­li­che Ren­ten­al­ters-Be­fris­tung ar­beits­ver­trag­lich hin­aus­schie­ben können. Die Be­fris­tungsmöglich­keit gilt seit dem 01.07.2014 und ist in § 41 Satz 3 SGB VI ent­hal­ten. Die­se Re­ge­lung lau­tet:

„Sieht ei­ne Ver­ein­ba­rung die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses mit dem Er­rei­chen der Re­gel­al­ters­gren­ze vor, können die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en durch Ver­ein­ba­rung während des Ar­beits­verhält­nis­ses den Be­en­di­gungs­zeit­punkt, ge­ge­be­nen­falls auch mehr­fach, hin­aus­schie­ben.“

Vor­aus­set­zung für die­se be­fris­te­te Ver­trags­verlänge­rung ist ei­ne ta­rif- oder ar­beits­ver­trag­li­che Ren­ten­al­ter­sklau­sel, die das Ar­beits­verhält­nis zum Ren­ten­ein­tritts­al­ter au­to­ma­tisch (auf­grund Be­fris­tung) be­en­det, so dass ei­ne Ver­ein­ba­rung gemäß § 41 Satz 3 SGB VI den Be­en­di­gungs­zeit­punkt nur hin­aus­schiebt. Ein sol­ches Hin­aus­schie­ben des Ver­trags­en­des ist aber ih­rer­seits ei­ne ei­genständi­ge (neue) Be­fris­tungs­ver­ein­ba­rung, für die der Ar­beit­ge­ber kei­nen Sach­grund gemäß § 14 Abs.1 Tz­B­fG braucht.

Da­her stellt sich die Fra­ge, ob § 41 Satz 3 SGB VI mit der Richt­li­nie 1999/70/EG des Ra­tes vom 28.06.1999 zu der EGB-UN­ICE-CEEP-Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge (Richt­li­nie 1999/70/EG) ver­ein­bar ist.

Denn die Richt­li­nie bzw. ihr An­hang, die Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge, sieht in § 5 Abs.1 vor, dass die Mit­glieds­staa­ten Maßnah­men er­grei­fen, um miss­bräuch­li­che (Ket­ten-)Be­fris­tun­gen von Ar­beits­verträgen ein­zudämmen. § 41 Satz 3 SGB VI sieht aber kei­ne ein­zi­ge der in § 5 Abs.1 Rah­men­ver­ein­ba­rung ge­nann­ten Maßnah­men ge­gen den Be­fris­tungs­miss­brauch vor. Viel­mehr set­zen die durch § 41 Satz 3 SGB VI ermöglich­ten Be­fris­tun­gen we­der ei­nen sach­li­chen Grund vor­aus noch ist die An­zahl der Ver­trags­verlänge­run­gen be­grenzt noch die Ge­samt­dau­er ei­ner Ket­ten­be­fris­tung auf der Grund­la­ge von § 41 Satz 3 SGB VI.

Im Streit: Leh­rer verlängert kurz vor sei­ner Pen­sio­nie­rung ei­ne halbjähri­ge Ver­trags­verlänge­rung und klagt ge­gen die­se Be­fris­tung

Im Streit­fall hätte ein Leh­rer an ei­ner staat­li­chen Schu­le gemäß ei­ner Son­der­re­ge­lung im Ta­rif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst der Länder (TV-L) al­ters­be­dingt zum 31.01.2015 aus dem Schul­dienst bzw. sei­nem Ar­beits­verhält­nis aus­schei­den müssen (§ 44 TV-L Son­der­re­ge­lun­gen für Beschäftig­te als Lehr­kräfte - Nr.4 zu Ab­schnitt V - Be­fris­tung und Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses).

Im Fe­bru­ar 2014 be­an­trag­te er sei­ne Wei­ter­beschäfti­gung über die Re­gel­al­ters­gren­ze hin­aus bis zum En­de des Schul­jah­res 2015/2016, wor­auf­hin die Schul­ver­wal­tung mit ihm im Ok­to­ber 2014 fol­gen­de Ver­ein­ba­rung traf:

„Zwi­schen ..., ver­tre­ten durch ... und Herrn H. J. ge­bo­ren am ...1949 wird fol­gen­de Ver­ein­ba­rung nach § 41 Satz 3 SGB VI i.V.m. § 30 Abs.1 Satz 1 TV-L ge­schlos­sen: Die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses (…) gemäß § 44 Nr. 4 TV-L wird bis zum 31. Ju­li 2015 hin­aus­ge­scho­ben. Das Ar­beits­verhält­nis en­det mit Ab­lauf die­ses Da­tums, oh­ne dass es ei­ner Kündi­gung be­darf. [...j“

Noch vor dem 31.07.2015 be­an­trag­te der Leh­rer ei­ne wei­te­re be­fris­te­te Ver­trags­verlänge­rung, zu der die Schul­ver­wal­tung al­ler­dings nicht be­reit war. Dar­auf­hin er­hob er ge­gen die Be­fris­tung zum 31.07.2015 Be­fris­tungs­kon­troll­kla­ge und ver­klag­te sei­nen (Ex-)Ar­beit­ge­ber außer­dem auf Zah­lung des An­nah­me­ver­zugs­lohns für die Zeit nach dem 31.07.2015.

LAG Bre­men bit­tet den EuGH um ei­ne Be­wer­tung der Be­fris­tungsmöglich­keit gemäß § 41 Satz 3 SGB VI

Das LAG Bre­men setz­te den Rechts­streit aus und leg­te dem EuGH die Fra­ge vor, ob es mit § 5 der Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge ver­ein­bar ist, dass § 41 Satz 3 SGB VI oh­ne wei­te­re Vor­aus­set­zun­gen die zeit­lich un­be­grenz­te be­fris­te­te Verlänge­rung von Ar­beits­verhält­nis­sen er­laubt, weil der Ar­beit­neh­mer durch Er­rei­chen der Re­gel­al­ters­gren­ze ei­nen An­spruch auf Al­ters­ren­te hat.

Grund­la­ge die­ser Fra­ge ist die Einschätzung des LAG, dass § 41 Satz 3 SGB VI den An­for­de­run­gen der Rah­men­ver­ein­ba­rung bzw. der Richt­li­nie nicht ge­recht wird, weil § 41 Satz 3 SGB VI kei­ner­lei Be­schränkun­gen der Be­fris­tungsmöglich­kei­ten vor­sieht.

Außer­dem möch­te das LAG Bre­men vom EuGH wis­sen, ob un­be­grenz­te Be­fris­tungsmöglich­kei­ten von der Art, wie sie in § 41 Satz 3 SGB VI ent­hal­ten sind, mögli­cher­wei­se ge­gen das eu­ro­pa­recht­li­che Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung ver­s­toßen, d.h. ge­gen Art.1, Art.2 Abs.1 und Art.6 Abs.1 der Richt­li­nie 2000/78/EG zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (Richt­li­nie 2000/78/EG). Auch ein sol­cher Ver­s­toß ge­gen eu­ropäisches Recht ist hier denk­bar, da Ar­beit­ge­ber auf der Grund­la­ge von § 41 Satz 3 SGB VI mit Ar­beit­neh­mern im Ren­ten­al­ter recht­lich un­be­grenz­te (Ket­ten-)Be­fris­tun­gen ver­ein­ba­ren können, die mit jünge­ren Ar­beit­neh­mern recht­lich un­zulässig wären.

Fa­zit: Das Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters al­lein recht­fer­tigt kei­ne Be­fris­tung, wie das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) An­fang 2015 ent­schie­den hat (Ur­teil vom 11.02.2015, 7 AZR 17/13, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/044 Be­fris­te­te Beschäfti­gung im Ren­ten­al­ter), und auch die Kündi­gung ei­nes Ar­beit­neh­mers durch den Ar­beit­ge­ber auf­grund der Tat­sa­che, dass der Ar­beit­neh­mer Al­ters­ren­te be­an­tra­gen könn­te, ist al­ters­dis­kri­mi­nie­rend und da­her un­wirk­sam (BAG, Ur­teil vom 23.07.2015, 6 AZR 457/14, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/204 Kündi­gung we­gen Ren­te durch den Ar­beit­ge­ber).

Da nun auch die Be­fris­tungsmöglich­keit gemäß § 41 Satz 3 SGB VI ju­ris­tisch wa­ckelt, ist Ar­beit­ge­bern zu ra­ten, Be­fris­tun­gen mit Ar­beit­neh­mern im Ren­ten­al­ter nur un­ter den­sel­ben Vor­aus­set­zun­gen zu ver­ein­ba­ren wie mit jünge­ren Ar­beit­neh­mern, d.h. auf Grund­la­ge von § 14 Abs.1 Tz­B­fG (als Sach­grund­be­fris­tung) oder auf der Grund­la­ge von § 14 Abs.2 Tz­B­fG (bei Neu­ein­stel­lun­gen).


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Letzte Überarbeitung: 5. August 2017

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