HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

EuGH, Ur­teil vom 12.10.2010, C-45/09

   
Schlagworte: Diskriminierung: Alter, Altersdiskriminierung, Zwangspensionierung, Rentenaltersklausel
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Aktenzeichen: C-45/09
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 12.10.2010
   
Leitsätze:

1. Art. 6 Abs. 1 der Richtlinie 2000/78/EG des Rates vom 27. November 2000 zur Festlegung eines allgemeinen Rahmens für die Verwirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf ist dahin auszulegen, dass er einer nationalen Bestimmung wie § 10 Nr. 5 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes, wonach Klauseln über die automatische Beendigung von Arbeitsverhältnissen bei Erreichen des Rentenalters des Beschäftigten zulässig sind, nicht entgegensteht, soweit zum einen diese Bestimmung objektiv und angemessen und durch ein legitimes Ziel der Beschäftigungs- und Arbeitsmarktpolitik gerechtfertigt ist und zum anderen die Mittel zur Erreichung dieses Ziels angemessen und erforderlich sind. Die Nutzung dieser Ermächtigung in einem Tarifvertrag ist als solche nicht der gerichtlichen Kontrolle entzogen, sondern muss gemäß den Anforderungen des Art. 6 Abs. 1 der Richtlinie 2000/78 ebenfalls in angemessener und erforderlicher Weise ein legitimes Ziel verfolgen.

2. Art. 6 Abs. 1 der Richtlinie 2000/78 ist dahin auszulegen, dass er einer Maßnahme wie der in § 19 Nr. 8 des Rahmentarifvertrags für die gewerblichen Beschäftigten in der Gebäudereinigung enthaltenen Klausel über die automatische Beendigung der Arbeitsverhältnisse von Beschäftigten, die das Rentenalter von 65 Jahren erreicht haben, nicht entgegensteht.

3. Die Art. 1 und 2 der Richtlinie 2000/78 sind dahin auszulegen, dass es ihnen nicht zuwiderläuft, dass ein Mitgliedstaat einen Tarifvertrag wie den im Ausgangsverfahren in Frage stehenden für allgemeinverbindlich erklärt, soweit dieser Tarifvertrag den in seinen Geltungsbereich fallenden Arbeitnehmern nicht den Schutz nimmt, den ihnen diese Bestimmungen gegen Diskriminierungen wegen des Alters gewähren.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht Hamburg,
Vorlagebeschluss vom 20.01.2009, 21 Ca 235/08
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHOFS (Große Kam­mer)

12. Ok­to­ber 2010(*)

„Richt­li­nie 2000/78/EG – Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters – Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses bei Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters“

In der Rechts­sa­che C‑45/09

be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 234 EG, ein­ge­reicht vom Ar­beits­ge­richt Ham­burg (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 20. Ja­nu­ar 2009, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 2. Fe­bru­ar 2009, in dem Ver­fah­ren

Gi­se­la Ro­sen­bladt

ge­gen

Oel­ler­king Gebäuderei­ni­gungs­ges. mbH

erlässt

DER GERICH­TSHOF (Große Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung des Präsi­den­ten V. Skou­ris, der Kam­mer­präsi­den­ten A. Tiz­za­no, J. N. Cun­ha Ro­d­ri­gues, K. Lena­erts, J.‑C. Bo­ni­chot und A. Ara­b­ad­jiev, der Rich­ter G. Ares­tis, A. Borg Bart­het, M. Ilešiè, J. Ma­le­n­ovský und L. Bay Lar­sen, der Rich­te­rin P. Lindh (Be­richt­er­stat­te­rin) so­wie des Rich­ters T. von Dan­witz,

Ge­ne­ral­anwältin: V. Trs­ten­jak,

Kanz­ler: K. Ma­lacek, Ver­wal­tungs­rat,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 23. Fe­bru­ar 2010,

un­ter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

– von Frau Ro­sen­bladt, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt K. Ber­tels­mann,

– der Oel­ler­king Gebäuderei­ni­gungs­ges. mbH, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt P. Son­ne,

– der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Lum­ma und J. Möller als Be­vollmäch­tig­te,

– der däni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch B. Weis Fogh als Be­vollmäch­tig­te,

– Ir­lands, ver­tre­ten durch D. O’Ha­gan als Be­vollmäch­tig­ten,

– der ita­lie­ni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch I. Bruni als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von W. Fer­ran­te, av­vo­ca­to del­lo Sta­to,

– der Re­gie­rung des Ver­ei­nig­ten König­reichs, ver­tre­ten durch V. Jack­son als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von T. Ward, Bar­ris­ter,

– der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch J. En­e­gren und V. Kreu­schitz als Be­vollmäch­tig­te,

nach Anhörung der Schluss­anträge der Ge­ne­ral­anwältin in der Sit­zung vom 28. April 2010

fol­gen­des

Ur­teil

1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (ABl. L 303, S. 16).
2

Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Frau Ro­sen­bladt und der Oel­ler­king Gebäuderei­ni­gungs­ges. mbH (im Fol­gen­den: Oel­ler­king) we­gen der Vor­aus­set­zun­gen für die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses von Frau Ro­sen­bladt.

Recht­li­cher Rah­men

Uni­ons­recht

3

Der 25. Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2000/78 lau­tet:

„Das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters stellt ein we­sent­li­ches Ele­ment zur Er­rei­chung der Zie­le der beschäfti­gungs­po­li­ti­schen Leit­li­ni­en und zur Förde­rung der Viel­falt im Be­reich der Beschäfti­gung dar. Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters können un­ter be­stimm­ten Umständen je­doch ge­recht­fer­tigt sein und er­for­dern da­her be­son­de­re Be­stim­mun­gen, die je nach der Si­tua­ti­on der Mit­glied­staa­ten un­ter­schied­lich sein können. Es ist da­her un­be­dingt zu un­ter­schei­den zwi­schen ei­ner Un­gleich­be­hand­lung, die ins­be­son­de­re durch rechtmäßige Zie­le im Be­reich der Beschäfti­gungs­po­li­tik, des Ar­beits­mark­tes und der be­ruf­li­chen Bil­dung ge­recht­fer­tigt ist, und ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung, die zu ver­bie­ten ist.“

4 Der Zweck der Richt­li­nie 2000/78 be­steht nach ih­rem Art. 1 in der „Schaf­fung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung in Beschäfti­gung und Be­ruf im Hin­blick auf die Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten“.
5 Art. 2 („Der Be­griff ‚Dis­kri­mi­nie­rung‘“) der Richt­li­nie 2000/78 sieht vor:

„(1) Im Sin­ne die­ser Richt­li­nie be­deu­tet ‚Gleich­be­hand­lungs­grund­satz‘, dass es kei­ne un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ei­nes der in Ar­ti­kel 1 ge­nann­ten Gründe ge­ben darf.

(2) Im Sin­ne des Ab­sat­zes 1

a) liegt ei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung vor, wenn ei­ne Per­son we­gen ei­nes der in Ar­ti­kel 1 ge­nann­ten Gründe in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on ei­ne we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung erfährt, als ei­ne an­de­re Per­son erfährt, er­fah­ren hat oder er­fah­ren würde;

b) liegt ei­ne mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung vor, wenn dem An­schein nach neu­tra­le Vor­schrif­ten, Kri­te­ri­en oder Ver­fah­ren Per­so­nen mit ei­ner be­stimm­ten Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung, ei­ner be­stimm­ten Be­hin­de­rung, ei­nes be­stimm­ten Al­ters oder mit ei­ner be­stimm­ten se­xu­el­len Aus­rich­tung ge­genüber an­de­ren Per­so­nen in be­son­de­rer Wei­se be­nach­tei­li­gen können, es sei denn:

i) die­se Vor­schrif­ten, Kri­te­ri­en oder Ver­fah­ren sind durch ein rechtmäßiges Ziel sach­lich ge­recht­fer­tigt, und die Mit­tel sind zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich, oder

ii) der Ar­beit­ge­ber oder je­de Per­son oder Or­ga­ni­sa­ti­on, auf die die­se Richt­li­nie An­wen­dung fin­det, ist im Fal­le von Per­so­nen mit ei­ner be­stimm­ten Be­hin­de­rung auf­grund des ein­zel­staat­li­chen Rechts ver­pflich­tet, ge­eig­ne­te Maßnah­men ent­spre­chend den in Ar­ti­kel 5 ent­hal­te­nen Grundsätzen vor­zu­se­hen, um die sich durch die­se Vor­schrift, die­ses Kri­te­ri­um oder die­ses Ver­fah­ren er­ge­ben­den Nach­tei­le zu be­sei­ti­gen.

…“

6 Art. 6 („Ge­recht­fer­tig­te Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters“) der Richt­li­nie 2000/78 lau­tet:

„(1) Un­ge­ach­tet des Ar­ti­kels 2 Ab­satz 2 können die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen, dass Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stel­len, so­fern sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen sind und im Rah­men des na­tio­na­len Rechts durch ein le­gi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re rechtmäßige Zie­le aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, ge­recht­fer­tigt sind und die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind.

Der­ar­ti­ge Un­gleich­be­hand­lun­gen können ins­be­son­de­re Fol­gen­des ein­sch­ließen:

a) die Fest­le­gung be­son­de­rer Be­din­gun­gen für den Zu­gang zur Beschäfti­gung und zur be­ruf­li­chen Bil­dung so­wie be­son­de­rer Beschäfti­gungs- und Ar­beits­be­din­gun­gen, ein­sch­ließlich der Be­din­gun­gen für Ent­las­sung und Ent­loh­nung, um die be­ruf­li­che Ein­glie­de­rung von Ju­gend­li­chen, älte­ren Ar­beit­neh­mern und Per­so­nen mit Fürsor­ge­pflich­ten zu fördern oder ih­ren Schutz si­cher­zu­stel­len;

b) die Fest­le­gung von Min­dest­an­for­de­run­gen an das Al­ter, die Be­rufs­er­fah­rung oder das Dienst­al­ter für den Zu­gang zur Beschäfti­gung oder für be­stimm­te mit der Beschäfti­gung ver­bun­de­ne Vor­tei­le;

c) die Fest­set­zung ei­nes Höchst­al­ters für die Ein­stel­lung auf­grund der spe­zi­fi­schen Aus­bil­dungs­an­for­de­run­gen ei­nes be­stimm­ten Ar­beits­plat­zes oder auf­grund der Not­wen­dig­keit ei­ner an­ge­mes­se­nen Beschäfti­gungs­zeit vor dem Ein­tritt in den Ru­he­stand.

(2) Un­ge­ach­tet des Ar­ti­kels 2 Ab­satz 2 können die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen, dass bei den be­trieb­li­chen Sys­te­men der so­zia­len Si­cher­heit die Fest­set­zung von Al­ters­gren­zen als Vor­aus­set­zung für die Mit­glied­schaft oder den Be­zug von Al­ters­ren­te oder von Leis­tun­gen bei In­va­li­dität ein­sch­ließlich der Fest­set­zung un­ter­schied­li­cher Al­ters­gren­zen im Rah­men die­ser Sys­te­me für be­stimm­te Beschäftig­te oder Grup­pen bzw. Ka­te­go­ri­en von Beschäftig­ten und die Ver­wen­dung im Rah­men die­ser Sys­te­me von Al­ters­kri­te­ri­en für ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­sche Be­rech­nun­gen kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters dar­stellt, so­lan­ge dies nicht zu Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Ge­schlechts führt.“

7

Art. 16 („Ein­hal­tung“) der Richt­li­nie 2000/78 lau­tet:

„Die Mit­glied­staa­ten tref­fen die er­for­der­li­chen Maßnah­men, um si­cher­zu­stel­len, dass

a) die Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten, die dem Gleich­be­hand­lungs­grund­satz zu­wi­der­lau­fen, auf­ge­ho­ben wer­den;

b) die mit dem Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nicht zu ver­ein­ba­ren­den Be­stim­mun­gen in Ar­beits- und Ta­rif­verträgen, Be­triebs­ord­nun­gen und Sta­tu­ten der frei­en Be­ru­fe und der Ar­beit­ge­ber- und Ar­beit­neh­mer­or­ga­ni­sa­tio­nen für nich­tig erklärt wer­den oder erklärt wer­den können oder geändert wer­den.“

Na­tio­na­les Recht

All­ge­mei­nes Gleich­be­hand­lungs­ge­setz

8 Die Richt­li­nie 2000/78 wur­de in die deut­sche Rechts­ord­nung durch das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz vom 14. Au­gust 2006 (AGG, BGBl. I S. 1897) um­ge­setzt. § 1 („Ziel des Ge­set­zes“) AGG lau­tet:

„Ziel des Ge­set­zes ist, Be­nach­tei­li­gun­gen aus Gründen der Ras­se oder we­gen der eth­ni­schen Her­kunft, des Ge­schlechts, der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Iden­tität zu ver­hin­dern oder zu be­sei­ti­gen.“

9 § 2 („An­wen­dungs­be­reich“) AGG sieht vor:

„(1) Be­nach­tei­li­gun­gen aus ei­nem in § 1 ge­nann­ten Grund sind nach Maßga­be die­ses Ge­set­zes un­zulässig in Be­zug auf:

2. die Beschäfti­gungs- und Ar­beits­be­din­gun­gen ein­sch­ließlich Ar­beits­ent­gelt und Ent­las­sungs­be­din­gun­gen, ins­be­son­de­re in in­di­vi­du­al- und kol­lek­tiv­recht­li­chen Ver­ein­ba­run­gen und Maßnah­men bei der Durchführung und Be­en­di­gung ei­nes Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses so­wie beim be­ruf­li­chen Auf­stieg,

(4) Für Kündi­gun­gen gel­ten aus­sch­ließlich die Be­stim­mun­gen zum all­ge­mei­nen und be­son­de­ren Kündi­gungs­schutz.

…“

10 § 7 („Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot“) Abs. 1 AGG lau­tet:

„Beschäftig­te dürfen nicht we­gen ei­nes in § 1 ge­nann­ten Grun­des be­nach­tei­ligt wer­den; dies gilt auch, wenn die Per­son, die die Be­nach­tei­li­gung be­geht, das Vor­lie­gen ei­nes in § 1 ge­nann­ten Grun­des bei der Be­nach­tei­li­gung nur an­nimmt.“

11 § 10 („Zulässi­ge un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Al­ters“) AGG be­stimmt:

„(1) Un­ge­ach­tet des § 8 ist ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Al­ters auch zulässig, wenn sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen und durch ein le­gi­ti­mes Ziel ge­recht­fer­tigt ist. Die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels müssen an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sein. Der­ar­ti­ge un­ter­schied­li­che Be­hand­lun­gen können ins­be­son­de­re Fol­gen­des ein­sch­ließen:

5. ei­ne Ver­ein­ba­rung, die die Be­en­di­gung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses oh­ne Kündi­gung zu ei­nem Zeit­punkt vor­sieht, zu dem der oder die Beschäftig­te ei­ne Ren­te we­gen Al­ters be­an­tra­gen kann; § 41 des Sechs­ten Bu­ches So­zi­al­ge­setz­buch bleibt un­berührt,

…“

12 In der Zeit vom 18. Au­gust bis 11. De­zem­ber 2006 führ­te § 10 AGG un­ter den zulässi­gen un­ter­schied­li­chen Be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters auch die in der fol­gen­den Num­mer ge­nann­te auf:

„7. die in­di­vi­du­al- oder kol­lek­tiv­recht­li­che Ver­ein­ba­rung der Unkünd­bar­keit von Beschäftig­ten ei­nes be­stimm­ten Al­ters und ei­ner be­stimm­ten Be­triebs­zu­gehörig­keit, so­weit da­durch nicht der Kündi­gungs­schutz an­de­rer Beschäftig­ter im Rah­men der So­zi­al­aus­wahl nach § 1 Abs. 3 des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes grob feh­ler­haft ge­min­dert wird“.

So­zi­al­ge­setz­buch

13 In der Zeit vom 1. Ja­nu­ar 1992 bis 31. Ju­li 1994 hat­te § 41 Abs. 4 des Sechs­ten Bu­ches So­zi­al­ge­setz­buch (SGB VI) fol­gen­de Fas­sung:

„Der An­spruch des Ver­si­cher­ten auf ei­ne Ren­te we­gen Al­ters ist nicht als ein Grund an­zu­se­hen, der die Kündi­gung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses durch den Ar­beit­ge­ber nach dem Kündi­gungs­schutz­ge­setz be­din­gen kann. Bei ei­ner Kündi­gung aus drin­gen­den be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­sen darf bei der so­zia­len Aus­wahl der An­spruch ei­nes Ar­beit­neh­mers auf ei­ne Ren­te we­gen Al­ters vor Voll­endung des 65. Le­bens­jah­res nicht berück­sich­tigt wer­den. Ei­ne Ver­ein­ba­rung, wo­nach ein Ar­beits­verhält­nis zu ei­nem Zeit­punkt en­den soll, in dem der Ar­beit­neh­mer An­spruch auf ei­ne Ren­te we­gen Al­ters hat, ist nur wirk­sam, wenn die Ver­ein­ba­rung in­ner­halb der letz­ten drei Jah­re vor die­sem Zeit­punkt ge­schlos­sen oder von dem Ar­beit­neh­mer bestätigt wor­den ist.“

14 Auf der Grund­la­ge die­ser Be­stim­mung be­ur­teil­te die in­ner­staat­li­che Recht­spre­chung ta­rif­ver­trag­li­che Re­ge­lun­gen, wo­nach mit Voll­endung des 65. Le­bens­jahrs das Ar­beits­verhält­nis au­to­ma­tisch en­den soll­te, als nich­tig (Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 1. De­zem­ber 1993 – 7 AZR 428/93 – BA­GE 75, 166).
15 Dar­auf­hin wur­de der Ge­setz­ge­ber tätig, um zu ver­mei­den, dass die in Ta­rif­verträgen fest­ge­leg­ten Al­ters­gren­zen gemäß die­ser Recht­spre­chung als nich­tig be­han­delt würden. In­fol­ge­des­sen lau­te­te § 41 Abs. 4 Satz 3 SGB VI in der Zeit vom 1. Au­gust 1994 bis 31. Ju­li 2007 wie folgt:

„Ei­ne Ver­ein­ba­rung, die die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ei­nes Ar­beit­neh­mers oh­ne Kündi­gung zu ei­nem Zeit­punkt vor­sieht, in dem der Ar­beit­neh­mer vor Voll­endung des 65. Le­bens­jah­res ei­ne Ren­te we­gen Al­ters be­an­tra­gen kann, gilt dem Ar­beit­neh­mer ge­genüber als auf die Voll­endung des 65. Le­bens­jah­res ab­ge­schlos­sen, es sei denn, dass die Ver­ein­ba­rung in­ner­halb der letz­ten drei Jah­re vor die­sem Zeit­punkt ab­ge­schlos­sen oder von dem Ar­beit­neh­mer bestätigt wor­den ist.“

16 Seit dem 1. Ja­nu­ar 2008 hat § 41 („Al­ters­ren­te und Kündi­gungs­schutz“) SGB VI fol­gen­de Fas­sung:

„Der An­spruch des Ver­si­cher­ten auf ei­ne Ren­te we­gen Al­ters ist nicht als ein Grund an­zu­se­hen, der die Kündi­gung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses durch den Ar­beit­ge­ber nach dem Kündi­gungs­schutz­ge­setz be­din­gen kann. Ei­ne Ver­ein­ba­rung, die die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ei­nes Ar­beit­neh­mers oh­ne Kündi­gung zu ei­nem Zeit­punkt vor­sieht, zu dem der Ar­beit­neh­mer vor Er­rei­chen der Re­gel­al­ters­gren­ze ei­ne Ren­te we­gen Al­ters be­an­tra­gen kann, gilt dem Ar­beit­neh­mer ge­genüber als auf das Er­rei­chen der Re­gel­al­ters­gren­ze ab­ge­schlos­sen, es sei denn, dass die Ver­ein­ba­rung in­ner­halb der letz­ten drei Jah­re vor die­sem Zeit­punkt ab­ge­schlos­sen oder von dem Ar­beit­neh­mer in­ner­halb der letz­ten drei Jah­re vor die­sem Zeit­punkt bestätigt wor­den ist.“

Ta­rif­ver­trags­ge­setz

17 In der Zeit vom 28. No­vem­ber 2003 bis 7. No­vem­ber 2006 lau­te­te § 5 („All­ge­mein­ver­bind­lich­keit“) Abs. 1 des Ta­rif­ver­trags­ge­set­zes (BGBl. 1969 I S. 1323):

„Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wirt­schaft und Ar­beit kann ei­nen Ta­rif­ver­trag im Ein­ver­neh­men mit ei­nem aus je drei Ver­tre­tern der Spit­zen­or­ga­ni­sa­tio­nen der Ar­beit­ge­ber und der Ar­beit­neh­mer be­ste­hen­den Aus­schuss auf An­trag ei­ner Ta­rif­ver­trags­par­tei für all­ge­mein­ver­bind­lich erklären, wenn

1. die ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­ber nicht we­ni­ger als 50 vom Hun­dert der un­ter den Gel­tungs­be­reich des Ta­rif­ver­trags fal­len­den Ar­beit­neh­mer beschäfti­gen und

2. die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung im öffent­li­chen In­ter­es­se ge­bo­ten er­scheint.

Von den Vor­aus­set­zun­gen der Num­mern 1 und 2 kann ab­ge­se­hen wer­den, wenn die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung zur Be­he­bung ei­nes so­zia­len Not­stands er­for­der­lich er­scheint.“

All­ge­meingülti­ger Rah­men­ta­rif­ver­trag für die ge­werb­li­chen Beschäftig­ten in der Gebäuderei­ni­gung

18 Seit 1987 sieht § 19 Nr. 8 des Rah­men­ta­rif­ver­trags für die ge­werb­li­chen Beschäftig­ten in der Gebäuderei­ni­gung (RTV) vor:

„So­fern ein­zel­ver­trag­lich nicht an­de­res ver­ein­bart ist, en­det das Ar­beits­verhält­nis mit Ab­lauf des Ka­len­der­mo­nats, in dem der/die Beschäftig­te An­spruch auf ei­ne Ren­te we­gen Al­ters hat, … spätes­tens mit Ab­lauf des Mo­nats, in dem der/die Beschäftig­te das 65. Le­bens­jahr voll­endet hat.“

19 Mit ei­ner Be­kannt­ma­chung vom 3. April 2004 erklärte das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wirt­schaft und Ar­beit die­sen Ta­rif­ver­trag mit Wir­kung vom 1. Ja­nu­ar 2004 für all­ge­mein­ver­bind­lich.

Aus­gangs­ver­fah­ren und Vor­la­ge­fra­gen

20 Die be­ruf­li­che Tätig­keit von Frau Ro­sen­bladt be­stand 39 Jah­re lang dar­in, in ei­ner Ka­ser­ne in Ham­burg-Blan­ke­ne­se (Deutsch­land) zu rei­ni­gen.
21 Seit dem 1. No­vem­ber 1994 war Frau Ro­sen­bladt beim Rei­ni­gungs­un­ter­neh­men Oel­ler­king mit ei­ner Brut­to­mo­nats­vergütung von 307,48 Eu­ro teil­zeit­beschäftigt (zwei St­un­den pro Tag, zehn St­un­den pro Wo­che).
22 Die­ser Ar­beits­ver­trag sieht vor, dass er gemäß § 19 Nr. 8 RTV mit Ab­lauf des Ka­len­der­mo­nats en­det, in dem die Beschäftig­te An­spruch auf ei­ne Ren­te we­gen Al­ters hat, spätes­tens mit Ab­lauf des Mo­nats, in dem sie das 65. Le­bens­jahr voll­endet hat.
23 Gemäß die­ser Re­ge­lung teil­te Oel­ler­king Frau Ro­sen­bladt am 14. Mai 2008 mit, dass ihr Ar­beits­ver­trag we­gen Ein­tritts in das Ren­ten­al­ter mit dem 31. Mai 2008 en­de.
24 Mit Schrei­ben vom 18. Mai 2008 teil­te Frau Ro­sen­bladt ih­rem Ar­beit­ge­ber mit, dass sie wei­ter­hin ar­bei­ten wol­le. Trotz ih­res Wi­der­spruchs en­de­te ihr Ar­beits­verhält­nis am 31. Mai 2008. Oel­ler­king bot Frau Ro­sen­bladt je­doch ein Pro­zess­ar­beits­verhält­nis ab 1. Ju­ni 2008 an.
25 Am 28. Mai 2008 er­hob Frau Ro­sen­bladt beim Ar­beits­ge­richt Ham­burg ei­ne Kla­ge ge­gen ih­ren Ar­beit­ge­ber. Sie macht gel­tend, dass die Be­en­di­gung ih­res Ar­beits­ver­trags un­zulässig sei, da sie ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters dar­stel­le. Ei­ne Al­ters­gren­ze wie die in § 19 Nr. 8 RTV vor­ge­se­he­ne könne we­der nach Art. 4 noch nach Art. 6 der Richt­li­nie 2000/78 ge­recht­fer­tigt sein.
26 Seit dem 1. Ju­ni 2008 be­zieht Frau Ro­sen­bladt ei­ne Ren­te aus der ge­setz­li­chen Al­ters­ver­sor­gung in Höhe von mo­nat­lich 253,19 Eu­ro, ent­spre­chend 228,26 Eu­ro net­to.
27 Das vor­le­gen­de Ge­richt hegt Zwei­fel, ob die in § 19 Nr. 8 RTV ent­hal­te­ne Klau­sel über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen mit dem durch das Primärrecht der Uni­on und die Richt­li­nie 2000/78 gewähr­leis­te­ten Grund­satz der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf in Ein­klang steht.
28 Un­ter die­sen Umständen hat das Ar­beits­ge­richt Ham­burg be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:

1. Sind nach In­kraft­tre­ten des AGG kol­lek­tiv­recht­li­che Re­ge­lun­gen, die nach dem Merk­mal Al­ter dif­fe­ren­zie­ren, mit dem Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung in Art. 1 und Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 ver­ein­bar, oh­ne dass das AGG dies (wie früher in § 10 Satz 3 Nr. 7 AGG) aus­drück­lich ge­stat­tet?

2. Verstößt ei­ne in­ner­staat­li­che Re­ge­lung, die dem Staat, den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en und den Par­tei­en ei­nes ein­zel­nen Ar­beits­ver­trags er­laubt, ei­ne au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen zu ei­nem be­stimm­ten fest­ge­leg­ten Le­bens­al­ter (hier: Voll­endung des 65. Le­bens­jahrs) zu re­geln, ge­gen das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung in Art. 1 und Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78, wenn in dem Mit­glied­staat seit Jahr­zehn­ten ständig ent­spre­chen­de Klau­seln auf die Ar­beits­verhält­nis­se fast al­ler Ar­beit­neh­mer an­ge­wen­det wer­den, gleichgültig, wie die je­wei­li­ge wirt­schaft­li­che, so­zia­le, de­mo­gra­fi­sche Si­tua­ti­on und die kon­kre­te Ar­beits­markt­la­ge war?

3. Verstößt ein Ta­rif­ver­trag, der es dem Ar­beit­ge­ber er­laubt, Ar­beits­verhält­nis­se zu ei­nem be­stimm­ten fest­ge­leg­ten Le­bens­al­ter (hier: Voll­endung des 65. Le­bens­jahrs) zu be­en­den, ge­gen das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung in Art. 1 und Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78, wenn in dem Mit­glied­staat seit Jahr­zehn­ten ständig ent­spre­chen­de Klau­seln auf die Ar­beits­verhält­nis­se fast al­ler Ar­beit­neh­mer an­ge­wen­det wer­den, gleichgültig, wie die je­wei­li­ge wirt­schaft­li­che, so­zia­le und de­mo­gra­fi­sche Si­tua­ti­on und die kon­kre­te Ar­beits­markt­la­ge ist?

4. Verstößt der Staat, der ei­nen Ta­rif­ver­trag, der es dem Ar­beit­ge­ber er­laubt, Ar­beits­verhält­nis­se zu ei­nem be­stimm­ten fest­ge­leg­ten Le­bens­al­ter (hier: Voll­endung des 65. Le­bens­jahrs) zu be­en­den, für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt und die­se All­ge­mein­ver­bind­lich­keit auf­recht­erhält, ge­gen das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung in Art. 1 und Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78, wenn dies un­abhängig von der je­weils kon­kre­ten wirt­schaft­li­chen, so­zia­len und de­mo­gra­fi­schen Si­tua­ti­on und un­abhängig von der kon­kre­ten Ar­beits­markt­la­ge er­folgt?

Zu den Vor­la­ge­fra­gen

Zur Zulässig­keit

29 Ir­land macht gel­tend, dass die Vor­la­ge­fra­gen in der Sa­che die glei­chen sei­en wie die, die der Ge­richts­hof in sei­nem Ur­teil vom 5. März 2009, Age Con­cern Eng­land (C‑388/07, Slg. 2009, I‑1569), be­ant­wor­tet ha­be. Die Fra­gen 2 bis 4 beträfen außer­dem we­ni­ger die Aus­le­gung des Uni­ons­rechts als sei­ne An­wen­dung. Der Ge­richts­hof ha­be sich da­her für un­zulässig zu erklären.
30 So­wohl die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens als auch die deut­sche Re­gie­rung hal­ten die ers­te Fra­ge für un­zulässig. Sie ma­chen im We­sent­li­chen gel­tend, dass sich das vor­le­gen­de Ge­richt auf ei­ne Be­stim­mung des AGG be­zo­gen ha­be, die im Aus­gangs­ver­fah­ren nicht an­wend­bar sei, wo­mit die Fra­ge nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich sei.
31 Die­se Einwände sind un­be­gründet. Ab­ge­se­hen da­von, dass die Fra­gen, die der Ge­richts­hof im Ur­teil Age Con­cern Eng­land be­ant­wor­tet hat, nicht die glei­chen wa­ren wie die hier vor­ge­leg­ten, ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es Art. 267 AEUV den na­tio­na­len Ge­rich­ten im­mer ge­stat­tet, dem Ge­richts­hof Aus­le­gungs­fra­gen er­neut vor­zu­le­gen, wenn sie dies für an­ge­bracht hal­ten (Ur­teil vom 27. März 1963, Da Costa u. a., 28/62 bis 30/62, Slg. 1963, 65, 81). Zu­dem ist dem Wort­laut des Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens ein­deu­tig zu ent­neh­men, dass das vor­le­gen­de Ge­richt um die Aus­le­gung des Uni­ons­rechts und ins­be­son­de­re der Richt­li­nie 2000/78 er­sucht, um über den Aus­gangs­rechts­streit ent­schei­den zu können.
32 Im Übri­gen ist zu be­ach­ten, dass in ei­nem Ver­fah­ren nach Art. 267 AEUV nur das na­tio­na­le Ge­richt, das mit dem Rechts­streit be­fasst ist und in des­sen Ver­ant­wor­tungs­be­reich die zu er­las­sen­de Ent­schei­dung fällt, im Hin­blick auf die Be­son­der­hei­ten der Rechts­sa­che so­wohl die Er­for­der­lich­keit ei­ner Vor­ab­ent­schei­dung für den Er­lass sei­nes Ur­teils als auch die Er­heb­lich­keit der dem Ge­richts­hof vor­zu­le­gen­den Fra­gen zu be­ur­tei­len hat. Da­her ist der Ge­richts­hof grundsätz­lich ge­hal­ten, über ihm vor­ge­leg­te Fra­gen zu be­fin­den, wenn die­se die Aus­le­gung des Uni­ons­rechts be­tref­fen (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 18. Ju­li 2007, Luc­chi­ni, C‑119/05, Slg. 2007, I‑6199, Rand­nr. 43, und vom 22. De­zem­ber 2008, Ma­go­o­ra, C‑414/07, Slg. 2008, I‑10921, Rand­nr. 22).
33 Nach ständi­ger Recht­spre­chung spricht ei­ne Ver­mu­tung für die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Vor­la­ge­fra­gen des na­tio­na­len Ge­richts, die es zur Aus­le­gung des Uni­ons­rechts in dem recht­li­chen und sach­li­chen Rah­men stellt, den es in ei­ge­ner Ver­ant­wor­tung fest­ge­legt und des­sen Rich­tig­keit der Ge­richts­hof nicht zu prüfen hat. Der Ge­richts­hof kann es nur dann ab­leh­nen, über das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen ei­nes na­tio­na­len Ge­richts zu be­fin­den, wenn die er­be­te­ne Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts of­fen­sicht­lich in kei­nem Zu­sam­men­hang mit der Rea­lität oder dem Ge­gen­stand des Aus­gangs­rechts­streits steht, wenn das Pro­blem hy­po­the­ti­scher Na­tur ist oder wenn der Ge­richts­hof nicht über die tatsächli­chen und recht­li­chen An­ga­ben verfügt, die für ei­ne zweck­dien­li­che Be­ant­wor­tung der ihm vor­ge­leg­ten Fra­gen er­for­der­lich sind (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 7. Ju­ni 2007, van der Weerd u. a., C‑222/05 bis C‑225/05, Slg. 2007, I‑4233, Rand­nr. 22 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
34 Im vor­lie­gen­den Fall be­trifft der Aus­gangs­rechts­streit die Fra­ge, ob die in § 19 Nr. 8 RTV ent­hal­te­ne Klau­sel, wo­nach das Ar­beits­verhält­nis ei­nes Beschäftig­ten mit Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters von 65 Jah­ren au­to­ma­tisch en­det, dis­kri­mi­nie­rend ist. Das vor­le­gen­de Ge­richt hegt ins­be­son­de­re Zwei­fel an der Ver­ein­bar­keit ei­ner sol­chen Re­ge­lung mit der Richt­li­nie 2000/78. Die Vor­la­ge­fra­gen sind hin­rei­chend präzi­se, um dem Ge­richts­hof ei­ne zweck­dien­li­che Be­ant­wor­tung zu er­lau­ben.
35 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen ist da­her als zulässig an­zu­se­hen.

Zur Sa­che

Zur zwei­ten Fra­ge

36 Mit sei­ner zwei­ten Fra­ge, die zu­erst zu prüfen ist, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie § 10 Nr. 5 AGG ent­ge­gen­steht, so­weit nach die­ser Klau­seln, de­nen zu­fol­ge das Ar­beits­verhält­nis au­to­ma­tisch en­det, wenn der Beschäftig­te das Ren­ten­al­ter er­reicht, dem Ver­bot von Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters ent­zo­gen sein können.
37 Es ist zunächst fest­zu­stel­len, dass § 10 Nr. 5 AGG zu ei­ner un­mit­tel­bar auf dem Al­ter be­ru­hen­den Un­gleich­be­hand­lung im Sin­ne von Art. 2 Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 2000/78 führt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 16. Ok­to­ber 2007, Pa­la­ci­os de la Vil­la, C‑411/05, Slg. 2007, I‑8531, Rand­nr. 51).
38 Nach Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 stellt ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar, wenn sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen ist und im Rah­men des na­tio­na­len Rechts durch ein le­gi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re rechtmäßige Zie­le aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, ge­recht­fer­tigt ist und die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind. In Abs. 1 Un­terabs. 2 die­ses Ar­ti­kels wer­den meh­re­re Bei­spie­le von Un­gleich­be­hand­lun­gen auf­geführt, die die in Un­terabs. 1 ge­nann­ten Merk­ma­le auf­wei­sen.
39 § 10 AGG enthält im We­sent­li­chen die glei­chen Grundsätze. § 10 Nr. 5 AGG nennt als ei­nes von meh­re­ren Bei­spie­len von auf dem Al­ter be­ru­hen­den un­ter­schied­li­chen Be­hand­lun­gen, die ge­recht­fer­tigt sein können, Ver­ein­ba­run­gen, die die Be­en­di­gung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses oh­ne Kündi­gung zu ei­nem Zeit­punkt vor­se­hen, zu dem der Beschäftig­te ei­ne Ren­te we­gen Al­ters be­an­tra­gen kann. Die­se Vor­schrift führt da­mit kei­ne zwin­gen­de Re­ge­lung des Ein­tritts in den Ru­he­stand ein, son­dern ermäch­tigt Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer, ein­zel- oder ta­rif­ver­trag­lich ei­ne Art und Wei­se der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu ver­ein­ba­ren, die un­abhängig von ei­ner Kündi­gung auf dem Al­ter be­ruht, von dem an ei­ne Ren­te be­an­tragt wer­den kann.
40 In Art. 6 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 2000/78 wer­den in der Aufzählung von Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters, die ge­recht­fer­tigt sein und da­mit nicht als dis­kri­mi­nie­rend an­ge­se­hen wer­den können, Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen nicht ge­nannt. Die­ser Um­stand al­lein ist je­doch nicht aus­schlag­ge­bend. Die­se Aufzählung hat nämlich nur Hin­wei­s­cha­rak­ter. So sind die Mit­glied­staa­ten bei der Um­set­zung der Richt­li­nie nicht ver­pflich­tet, ein spe­zi­fi­sches Ver­zeich­nis der Un­gleich­be­hand­lun­gen zu er­stel­len, die durch ein le­gi­ti­mes Ziel ge­recht­fer­tigt sein können (vgl. Ur­teil Age Con­cern Eng­land, Rand­nr. 43). Wenn sie sich im Rah­men ih­res Er­mes­sens­spiel­raums hierfür ent­schei­den, können sie in die­ses Ver­zeich­nis an­de­re Bei­spie­le von Un­gleich­be­hand­lun­gen und Zie­len als die aus­drück­lich in der Richt­li­nie ge­nann­ten auf­neh­men, so­fern die­se Zie­le im Sin­ne von Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie le­gi­tim und die Un­gleich­be­hand­lun­gen zur Er­rei­chung die­ser Zie­le an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind.
41

In­so­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Mit­glied­staa­ten und ge­ge­be­nen­falls die So­zi­al­part­ner auf na­tio­na­ler Ebe­ne nicht nur bei der Ent­schei­dung, wel­ches kon­kre­te Ziel von meh­re­ren im Be­reich der Ar­beits- und So­zi­al­po­li­tik sie ver­fol­gen wol­len, son­dern auch bei der Fest­le­gung der Maßnah­men zu sei­ner Er­rei­chung über ei­nen wei­ten Er­mes­sens­spiel­raum verfügen (vgl. Ur­tei­le vom 22. No­vem­ber 2005, Man­gold, C‑144/04, Slg. 2005, I‑9981, Rand­nr. 63, und Pa­la­ci­os de la Vil­la, Rand­nr. 68).

42 Den Erläute­run­gen des vor­le­gen­den Ge­richts zu­fol­ge woll­te der Ge­setz­ge­ber beim Er­lass des § 10 Nr. 5 AGG nicht im Na­men der Bekämp­fung von Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters die be­ste­hen­de Si­tua­ti­on in Fra­ge stel­len, in der Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses bei Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters des Beschäftig­ten all­ge­mein ver­wen­det wor­den sei­en. Das vor­le­gen­de Ge­richt hat her­vor­ge­ho­ben, dass die­se Klau­seln seit Jahr­zehn­ten un­abhängig von den so­zia­len und de­mo­gra­fi­schen Ge­ge­ben­hei­ten so­wie der Ar­beits­markt­la­ge weit­hin an­ge­wandt wor­den sei­en.
43 Im Ver­fah­ren vor dem Ge­richts­hof hat die deut­sche Re­gie­rung ins­be­son­de­re be­tont, dass die Zulässig­keit von Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses bei Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters des Beschäftig­ten, die auch in et­li­chen Mit­glied­staa­ten an­er­kannt sei, Aus­druck ei­nes in Deutsch­land seit vie­len Jah­ren be­ste­hen­den po­li­ti­schen und so­zia­len Kon­sen­ses sei. Die­ser Kon­sens be­ru­he vor al­lem auf dem Ge­dan­ken ei­ner Ar­beits­tei­lung zwi­schen den Ge­ne­ra­tio­nen. Die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses die­ser Beschäftig­ten kom­me un­mit­tel­bar den jünge­ren Ar­beit­neh­mern zu­gu­te, in­dem sie ih­re vor dem Hin­ter­grund an­hal­ten­der Ar­beits­lo­sig­keit schwie­ri­ge be­ruf­li­che In­te­gra­ti­on begüns­ti­ge. Die Rech­te der älte­ren Ar­beit­neh­mer genössen zu­dem an­ge­mes­se­nen Schutz. Die meis­ten von ih­nen woll­ten nämlich nach Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters nicht länger ar­bei­ten, da ih­nen nach dem Ver­lust ih­res Ar­beits­ent­gelts die Ren­te ei­nen Ein­kom­mens­er­satz bie­te. Für die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses spre­che zu­dem, dass Ar­beit­ge­ber ih­ren Beschäftig­ten nicht un­ter Führung des Nach­wei­ses kündi­gen müss­ten, dass die­se nicht länger ar­beitsfähig sei­en, was für Men­schen fort­ge­schrit­te­nen Al­ters demüti­gend sein könne.
44 Es ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung der Ar­beits­verhält­nis­se von Beschäftig­ten, die die das Al­ter und die Bei­trags­zah­lung be­tref­fen­den Vor­aus­set­zun­gen für den Be­zug ei­ner Al­ters­ren­te erfüllen, seit Lan­gem Teil des Ar­beits­rechts zahl­rei­cher Mit­glied­staa­ten und in den Be­zie­hun­gen des Ar­beits­le­bens weit­hin üblich ist. Die­ser Me­cha­nis­mus be­ruht auf ei­nem Aus­gleich zwi­schen po­li­ti­schen, wirt­schaft­li­chen, so­zia­len, de­mo­gra­fi­schen und/oder haus­halts­be­zo­ge­nen Erwägun­gen und hängt von der Ent­schei­dung ab, die Le­bens­ar­beits­zeit der Ar­beit­neh­mer zu verlängern oder, im Ge­gen­teil, de­ren frühe­ren Ein­tritt in den Ru­he­stand vor­zu­se­hen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Pa­la­ci­os de la Vil­la, Rand­nr. 69).
45 Da­her sind Zie­le der Art, wie die deut­sche Re­gie­rung sie an­geführt hat, grundsätz­lich als sol­che an­zu­se­hen, die ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters wie die in § 10 Nr. 5 AGG vor­ge­se­he­ne im Sin­ne von Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 als „ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen“ er­schei­nen las­sen und „im Rah­men des na­tio­na­len Rechts“ recht­fer­ti­gen.
46 Es ist wei­ter zu prüfen, ob ei­ne sol­che Maßnah­me an­ge­mes­sen und er­for­der­lich im Sin­ne von Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 ist.
47 Die Zulässig­keit von Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses, wenn der Beschäftig­te das Ren­ten­al­ter er­reicht, kann grundsätz­lich nicht als ei­ne übermäßige Be­ein­träch­ti­gung der be­rech­tig­ten In­ter­es­sen der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer an­ge­se­hen wer­den.
48 Ei­ne Re­ge­lung wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che stellt nämlich nicht nur auf ein be­stimm­tes Al­ter ab, son­dern berück­sich­tigt auch den Um­stand, dass den Be­trof­fe­nen am En­de ih­rer be­ruf­li­chen Lauf­bahn ein fi­nan­zi­el­ler Aus­gleich durch ei­nen Ein­kom­mens­er­satz in Ge­stalt ei­ner Al­ters­ren­te zu­gu­te­kommt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Pa­la­ci­os de la Vil­la, Rand­nr. 73).
49 Über­dies ermäch­tigt der Me­cha­nis­mus der au­to­ma­ti­schen Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen gemäß ei­ner Re­ge­lung, wie sie in § 10 Nr. 5 AGG vor­ge­se­hen ist, die Ar­beit­ge­ber nicht zur ein­sei­ti­gen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses, wenn die Beschäftig­ten das Al­ter er­reicht ha­ben, in dem sie ih­re Ren­te be­an­tra­gen können. Die­ser von der Kündi­gung zu un­ter­schei­den­de Me­cha­nis­mus be­ruht auf ei­ner ta­rif­ver­trag­li­chen Grund­la­ge. Die­se eröff­net nicht nur den Beschäftig­ten und Ar­beit­ge­bern mit­tels Ein­zel­verträgen, son­dern auch den So­zi­al­part­nern über Ta­rif­verträge – und da­her mit nicht un­er­heb­li­cher Fle­xi­bi­lität – die Möglich­keit, von die­sem Me­cha­nis­mus Ge­brauch zu ma­chen, so dass nicht nur die Ge­samt­la­ge des be­tref­fen­den Ar­beits­markts, son­dern auch die spe­zi­el­len Merk­ma­le der je­wei­li­gen Beschäfti­gungs­verhält­nis­se gebührend berück­sich­tigt wer­den können (Ur­teil Pa­la­ci­os de la Vil­la, Rand­nr. 74).
50 Die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che Re­ge­lung enthält außer­dem ei­ne zusätz­li­che Be­schränkung, die in Fällen, in de­nen die Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses vor Er­rei­chen der Re­gel­al­ters­gren­ze an­ge­wandt wer­den können, die Zu­stim­mung der Beschäftig­ten si­cher­stel­len soll. § 10 Nr. 5 AGG lässt nämlich Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses bei Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters des Beschäftig­ten mit dem Zu­satz zu, dass „§ 41 des Sechs­ten Bu­ches So­zi­al­ge­setz … un­berührt [bleibt]“. Die letzt­ge­nann­te Vor­schrift ver­pflich­tet je­doch im We­sent­li­chen die Ar­beit­ge­ber da­zu, die Zu­stim­mung der Ar­beit­neh­mer zu je­der Klau­sel ein­zu­ho­len oder sich bestäti­gen zu las­sen, nach der das Ar­beits­verhält­nis au­to­ma­tisch en­det, wenn der Beschäftig­te ein Al­ter er­reicht hat, in dem er ei­ne Ren­te be­an­tra­gen kann, das aber un­ter der Re­gel­al­ters­gren­ze liegt.
51 Un­ter Berück­sich­ti­gung die­ser Ge­sichts­punk­te er­scheint es nicht un­vernünf­tig, wenn die Stel­len ei­nes Mit­glied­staats an­neh­men, dass ei­ne Maßnah­me wie die in § 10 Nr. 5 AGG fest­ge­leg­te Zulässig­keit von Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses bei Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters des Beschäftig­ten an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sein kann, um le­gi­ti­me Zie­le der na­tio­na­len Ar­beits- und Beschäfti­gungs­po­li­tik wie die zu er­rei­chen, die die deut­sche Re­gie­rung an­geführt hat (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Pa­la­ci­os de la Vil­la, Rand­nr. 72).
52 Die­se Schluss­fol­ge­rung be­deu­tet in­des­sen nicht, dass sol­che in ei­nem Ta­rif­ver­trag ent­hal­te­nen Klau­seln der ef­fek­ti­ven ge­richt­li­chen Kon­trol­le im Hin­blick auf die Vor­schrif­ten der Richt­li­nie 2000/78 und den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ent­zo­gen wären. Die­se Kon­trol­le ist an­hand der be­son­de­ren Ge­ge­ben­hei­ten vor­zu­neh­men, die für die zu prüfen­de Klau­sel kenn­zeich­nend sind. Es ist nämlich für je­de den Me­cha­nis­mus ei­ner au­to­ma­ti­schen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses vor­se­hen­de Ver­ein­ba­rung si­cher­zu­stel­len, dass ins­be­son­de­re die in Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 nor­mier­ten Vor­aus­set­zun­gen ein­ge­hal­ten sind. Über­dies wird den Mit­glied­staa­ten in Art. 16 Buchst. b der Richt­li­nie 2000/78 aus­drück­lich auf­ge­ge­ben, die er­for­der­li­chen Maßnah­men zu tref­fen, da­mit „die mit dem Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nicht zu ver­ein­ba­ren­den Be­stim­mun­gen in Ar­beits- und Ta­rif­verträgen … für nich­tig erklärt wer­den können oder geändert wer­den“.
53 Dem­nach ist auf die zwei­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Be­stim­mung wie § 10 Nr. 5 AGG, wo­nach Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen bei Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters des Beschäftig­ten zulässig sind, nicht ent­ge­gen­steht, so­weit zum ei­nen die­se Be­stim­mung ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen und durch ein le­gi­ti­mes Ziel der Beschäfti­gungs- und Ar­beits­markt­po­li­tik ge­recht­fer­tigt ist und zum an­de­ren die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind. Die Nut­zung die­ser Ermäch­ti­gung in ei­nem Ta­rif­ver­trag ist als sol­che nicht der ge­richt­li­chen Kon­trol­le ent­zo­gen, son­dern muss gemäß den An­for­de­run­gen des Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 eben­falls in an­ge­mes­se­ner und er­for­der­li­cher Wei­se ein le­gi­ti­mes Ziel ver­fol­gen.

Zur ers­ten und zur drit­ten Fra­ge.

54 Mit der ers­ten und der drit­ten Fra­ge, die zu­sam­men zu prüfen sind, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 der in § 19 Nr. 8 RTV ent­hal­te­nen Klau­sel ent­ge­gen­steht, nach der das Ar­beits­verhält­nis au­to­ma­tisch en­det, wenn der Beschäftig­te das Ren­ten­al­ter von 65 Jah­ren er­reicht.
55 Die Ant­wort auf die­se Fra­ge hängt da­von ab, ob mit die­ser Re­ge­lung ein le­gi­ti­mes Ziel ver­folgt wird und ob sie im Sin­ne von Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 an­ge­mes­sen und er­for­der­lich ist.
56 Das vor­le­gen­de Ge­richt hat dar­ge­legt, dass das Bun­des­ar­beits­ge­richt in ei­nem Ur­teil vom 18. Ju­ni 2008 (7 AZR 116/07) die­se Re­ge­lung des RTV für mit Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 ver­ein­bar er­ach­tet hat. Das vor­le­gen­de Ge­richt hat je­doch Zwei­fel, ob die­ses Er­geb­nis auf den dem Aus­gangs­ver­fah­ren zu­grun­de lie­gen­den Sach­ver­halt über­trag­bar ist, da die­ser in die Zeit nach In­kraft­tre­ten des AGG fällt.
57 Das vor­le­gen­de Ge­richt hebt her­vor, dass in dem im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen Ta­rif­ver­trag die ver­folg­ten Zie­le nicht an­ge­ge­ben sei­en.
58 In­so­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es, wenn in der frag­li­chen na­tio­na­len Re­ge­lung das an­ge­streb­te Ziel nicht an­ge­ge­ben ist, wich­tig ist, dass an­de­re – aus dem all­ge­mei­nen Kon­text der be­tref­fen­den Maßnah­me ab­ge­lei­te­te – An­halts­punk­te die Fest­stel­lung des hin­ter die­ser Maßnah­me ste­hen­den Ziels ermögli­chen, da­mit des­sen Rechtmäßig­keit so­wie die An­ge­mes­sen­heit und Er­for­der­lich­keit der zu sei­ner Er­rei­chung ein­ge­setz­ten Mit­tel ge­richt­lich über­prüft wer­den können (vgl. Ur­tei­le Pa­la­ci­os de la Vil­la, Rand­nr. 57, und Age Con­cern Eng­land, Rand­nr. 45).
59 Hier­zu hat das vor­le­gen­de Ge­richt aus­geführt, dass nach Aus­kunft des Ver­bands, der bei der Aus­hand­lung des RTV die In­ter­es­sen der Ar­beit­ge­ber ver­tre­ten hat, § 19 Nr. 8 die­ses Ta­rif­ver­trags dem Vor­rang ei­ner sach­ge­rech­ten und be­re­chen­ba­ren Per­so­nal- und Nach­wuchs­pla­nung vor dem Be­stands­schutz­in­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers Aus­druck ge­be.
60 Das vor­le­gen­de Ge­richt hat sich wei­ter auf das ge­nann­te Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 18. Ju­ni 2008 be­zo­gen, in dem dar­ge­legt wird, dass mit § 19 Nr. 8 RTV die Zie­le ver­folgt würden, die Ein­stel­lung jünge­rer Ar­beit­neh­mer zu begüns­ti­gen, ei­ne Nach­wuchs­pla­nung vor­zu­neh­men und ei­ne in der Al­ters­struk­tur aus­ge­wo­ge­ne Per­so­nal­ver­wal­tung in den Un­ter­neh­men zu ermögli­chen.
61 Es ist da­her zu prüfen, ob der­ar­ti­ge Zie­le als le­gi­ti­me Zie­le im Sin­ne von Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 an­ge­se­hen wer­den können.
62 Der Ge­richts­hof hat be­reits ent­schie­den, dass Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung der Ar­beits­verhält­nis­se von Beschäftig­ten, die ei­ne Al­ters­ren­te be­an­tra­gen können, als Teil ei­ner na­tio­na­len Po­li­tik ge­recht­fer­tigt sein können, mit der über ei­ne bes­se­re Beschäfti­gungs­ver­tei­lung zwi­schen den Ge­ne­ra­tio­nen der Zu­gang zur Beschäfti­gung gefördert wer­den soll, da die da­mit ver­folg­ten Zie­le grundsätz­lich als ei­ne – wie es Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 ver­langt – im Rah­men des na­tio­na­len Rechts ob­jek­ti­ve und an­ge­mes­se­ne Recht­fer­ti­gung für ei­ne von den Mit­glied­staa­ten an­ge­ord­ne­te Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters an­zu­se­hen sind (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Pa­la­ci­os de la Vil­la, Rand­nrn. 53, 65 und 66). Folg­lich sind sol­che Zie­le, wie sie das vor­le­gen­de Ge­richt nennt, „le­gi­ti­me“ Zie­le im Sin­ne die­ses Ar­ti­kels.
63 Dem­gemäß ist zu prüfen, ob die für die Er­rei­chung die­ser Zie­le ver­wen­de­ten Mit­tel „an­ge­mes­sen und er­for­der­lich“ sind.
64 Was ers­tens die An­ge­mes­sen­heit der im RTV ent­hal­te­nen Klau­sel über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen an­be­langt, ist das vor­le­gen­de Ge­richt der Auf­fas­sung, dass Klau­seln die­ser Art we­gen ih­rer In­ef­fi­zi­enz die ver­folg­ten Zie­le nicht er­rei­chen könn­ten.
65 Zu dem Ziel der Förde­rung der Beschäfti­gung führt das vor­le­gen­de Ge­richt aus, dass die Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses von Beschäftig­ten, die das 65. Le­bens­jahr voll­ende­ten, seit Lan­gem häufig ver­ein­bart würden, oh­ne in­des­sen das Beschäfti­gungs­ni­veau in Deutsch­land im Ge­rings­ten zu be­ein­flus­sen. § 19 Nr. 8 RTV ver­bie­te es dem Ar­beit­ge­ber auch nicht, Per­so­nen über 65 Jah­ren zu beschäfti­gen, noch ver­pflich­te ihn die Be­stim­mung da­zu, ei­nen Beschäftig­ten, der das 65. Le­bens­jahr voll­endet ha­be, durch ei­nen jünge­ren Ar­beit­neh­mer zu er­set­zen.
66 Was das Ziel an­geht, ei­ne har­mo­ni­sche Struk­tur der Al­ters­py­ra­mi­de im Gebäuderei­ni­gungs­ge­wer­be si­cher­zu­stel­len, be­zwei­felt das vor­le­gen­de Ge­richt des­sen Re­le­vanz, da in die­ser Bran­che kein spe­zi­el­les Ri­si­ko der Übe­r­al­te­rung der Be­leg­schaf­ten be­ste­he.
67 Hin­sicht­lich der Be­ur­tei­lung durch das vor­le­gen­de Ge­richt ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che Klau­sel über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen die Frucht ei­ner von den Ver­tre­tern der Ar­beit­neh­mer und den Ver­tre­tern der Ar­beit­ge­ber aus­ge­han­del­ten Ver­ein­ba­rung ist, die da­mit ihr als ein Grund­recht an­er­kann­tes Recht auf Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen aus­geübt ha­ben (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 15. Ju­li 2010, Kom­mis­si­on/Deutsch­land, C‑271/08, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 37). Dass es da­mit den So­zi­al­part­nern über­las­sen ist, ei­nen Aus­gleich zwi­schen ih­ren In­ter­es­sen fest­zu­le­gen, bie­tet ei­ne nicht un­er­heb­li­che Fle­xi­bi­lität, da je­de der Par­tei­en ge­ge­be­nen­falls die Ver­ein­ba­rung kündi­gen kann (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Pa­la­ci­os de la Vil­la, Rand­nr. 74).
68 Die Klau­sel über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen ist da­mit, dass sie den Ar­beit­neh­mern ei­ne ge­wis­se Sta­bi­lität der Beschäfti­gung bie­tet und lang­fris­tig ei­nen vor­her­seh­ba­ren Ein­tritt in den Ru­he­stand ver­heißt, während sie gleich­zei­tig den Ar­beit­ge­bern ei­ne ge­wis­se Fle­xi­bi­lität in ih­rer Per­so­nal­pla­nung bie­tet, Nie­der­schlag ei­nes Aus­gleichs zwi­schen di­ver­gie­ren­den, aber rechtmäßigen In­ter­es­sen, der sich in ei­nen kom­ple­xen Kon­text von Be­zie­hun­gen des Ar­beits­le­bens einfügt und eng mit po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen im Be­reich Ru­he­stand und Beschäfti­gung ver­knüpft ist.
69 An­ge­sichts des wei­ten Er­mes­sens­spiel­raums, der den So­zi­al­part­nern auf na­tio­na­ler Ebe­ne nicht nur bei der Ent­schei­dung über die Ver­fol­gung ei­nes be­stimm­ten so­zi­al- und beschäfti­gungs­po­li­ti­schen Ziels, son­dern auch bei der Fest­le­gung der für sei­ne Er­rei­chung ge­eig­ne­ten Maßnah­men zu­steht, er­scheint die Auf­fas­sung der So­zi­al­part­ner, dass ei­ne Maßnah­me wie die in § 19 Nr. 8 RTV vor­ge­se­he­ne zur Er­rei­chung der vor­ge­nann­ten Zie­le an­ge­mes­sen sein kann, nicht un­vernünf­tig.
70 Zwei­tens be­zwei­felt das vor­le­gen­de Ge­richt, dass ei­ne Klau­sel über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen, wie § 19 Nr. 8 RTV sie vor­sieht, er­for­der­lich ist.
71 Zum ei­nen be­deu­te die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung der Ar­beits­verhält­nis­se für die Ar­beit­neh­mer des Gebäuderei­ni­gungs­ge­wer­bes im All­ge­mei­nen und für Frau Ro­sen­bladt im Be­son­de­ren ei­nen er­heb­li­chen fi­nan­zi­el­len Nach­teil. Da die­se Bran­che durch ge­ring vergüte­te Beschäfti­gungs­verhält­nis­se und Teil­zeit­ar­beit ge­kenn­zeich­net sei, reich­ten die ge­setz­li­chen Al­ters­ren­ten nicht aus für den Le­bens­un­ter­halt der Ar­beit­neh­mer.
72 Zum an­de­ren ge­be es we­ni­ger ein­schnei­den­de Mit­tel als die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen. Was das In­ter­es­se der Ar­beit­ge­ber an der Pla­nung ih­rer Per­so­nal­po­li­tik be­tref­fe, genüge es, dass sie sich bei ih­ren Beschäftig­ten er­kun­dig­ten, ob die­se über die Er­rei­chung des Ren­ten­al­ters hin­aus zu ar­bei­ten be­ab­sich­tig­ten.
73 Um zu prüfen, ob die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che Maßnah­me über das zur Er­rei­chung der an­ge­streb­ten Zie­le Er­for­der­li­che hin­aus­geht und die In­ter­es­sen von Ar­beit­neh­mern, die das 65. Le­bens­jahr voll­enden und ab die­sem Zeit­punkt ih­re Al­ters­ren­te be­zie­hen können, übermäßig be­ein­träch­tigt, ist sie in dem Re­ge­lungs­kon­text zu be­trach­ten, in den sie sich einfügt, und sind so­wohl die Nach­tei­le, die sie für die Be­trof­fe­nen be­wir­ken kann, als auch die Vor­tei­le zu berück­sich­ti­gen, die sie für die Ge­sell­schaft im All­ge­mei­nen und die die­se bil­den­den In­di­vi­du­en be­deu­tet.
74 Aus den Erläute­run­gen des vor­le­gen­den Ge­richts und den vor dem Ge­richts­hof ab­ge­ge­be­nen Erklärun­gen geht her­vor, dass das deut­sche Ar­beits­recht ei­ner Per­son, die ein Al­ter er­reicht hat, in dem sie ih­re Ren­te be­an­tra­gen kann, die Fortführung ei­ner Be­rufstätig­keit nicht un­ter­sagt. Aus die­sen Erläute­run­gen geht fer­ner her­vor, dass ein Ar­beit­neh­mer, der sich in die­ser La­ge be­fin­det, wei­ter­hin den Schutz ge­gen Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters gemäß dem AGG ge­nießt. Das vor­le­gen­de Ge­richt hat in­so­weit klar­ge­stellt, dass es das AGG verböte, ei­ner Per­son in der La­ge von Frau Ro­sen­bladt, nach­dem ihr Ar­beits­verhält­nis we­gen Er­rei­chens des Ren­ten­al­ters ge­en­det hat, ei­ne Beschäfti­gung – sei es bei ih­rem frühe­ren Ar­beit­ge­ber, sei es bei ei­nem Drit­ten – aus ei­nem Grund zu ver­wei­gern, der mit ih­rem Al­ter zu­sam­menhängt.
75 In die­sen Kon­text ge­stellt, hat die von Rechts we­gen ein­tre­ten­de Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses, die aus ei­ner Maßnah­me wie der in § 19 Nr. 8 RTV vor­ge­se­he­nen re­sul­tiert, nicht die au­to­ma­ti­sche Wir­kung, dass die Be­trof­fe­nen ge­zwun­gen wer­den, endgültig aus dem Ar­beits­markt aus­zu­schei­den. Mit die­ser Be­stim­mung wird folg­lich kei­ne zwin­gen­de Re­ge­lung zur Ver­set­zung in den Ru­he­stand von Amts we­gen ein­geführt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Age Con­cern Eng­land, Rand­nr. 27). Sie hin­dert ei­nen Ar­beit­neh­mer, der dies, et­wa aus fi­nan­zi­el­len Gründen, wünscht, nicht dar­an, sei­ne Be­rufstätig­keit über das Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters hin­aus fort­zuführen. Sie nimmt Beschäftig­ten, die das Ren­ten­al­ter er­reicht ha­ben, nicht den Schutz ge­gen Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters, wenn sie er­werbstätig blei­ben wol­len und ei­ne neue Beschäfti­gung su­chen.
76 Un­ter Berück­sich­ti­gung die­ser Ge­sichts­punk­te ist fest­zu­stel­len, dass ei­ne Maßnah­me wie die in § 19 Nr. 8 RTV vor­ge­se­he­ne nicht über das hin­aus­geht, was zur Er­rei­chung der ver­folg­ten Zie­le er­for­der­lich ist, wenn der wei­te Er­mes­sens­spiel­raum berück­sich­tigt wird, der den Mit­glied­staa­ten und den So­zi­al­part­nern auf dem Ge­biet der So­zi­al- und Beschäfti­gungs­po­li­tik zu­steht.
77 Auf die ers­te und die drit­te Fra­ge ist da­her zu ant­wor­ten, dass Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner Maßnah­me wie der in § 19 Nr. 8 RTV ent­hal­te­nen Klau­sel über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung der Ar­beits­verhält­nis­se von Beschäftig­ten, die das Ren­ten­al­ter von 65 Jah­ren er­reicht ha­ben, nicht ent­ge­gen­steht.

Zur vier­ten Fra­ge

78 Mit sei­ner vier­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob es dem in den Art. 1 und 2 der Richt­li­nie 2000/78 nie­der­ge­leg­ten Grund­satz des Ver­bots von Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters zu­wi­derläuft, dass ein Mit­glied­staat ei­nen Ta­rif­ver­trag, der ei­ne Klau­sel über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen wie die in § 19 Nr. 8 RTV fest­ge­leg­te enthält, für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt, oh­ne die wirt­schaft­li­che, so­zia­le und de­mo­gra­fi­sche Si­tua­ti­on so­wie die Ar­beits­markt­la­ge zu berück­sich­ti­gen.
79 Die Richt­li­nie 2000/78 re­gelt als sol­che nicht die Vor­aus­set­zun­gen, un­ter de­nen die Mit­glied­staa­ten ei­nen Ta­rif­ver­trag für all­ge­mein­ver­bind­lich erklären können. Die Mit­glied­staa­ten sind in­des­sen ver­pflich­tet, durch ge­eig­ne­te Rechts- und Ver­wal­tungs­maßnah­men si­cher­zu­stel­len, dass al­le Ar­beit­neh­mer in vol­lem Um­fang in den Ge­nuss des Schut­zes ge­lan­gen können, den ih­nen die Richt­li­nie 2000/78 ge­gen Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters gewährt. Nach Art. 16 Buchst. b die­ser Richt­li­nie ha­ben die Mit­glied­staa­ten die er­for­der­li­chen Maßnah­men zu tref­fen, da­mit „die mit dem Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nicht zu ver­ein­ba­ren­den Be­stim­mun­gen in Ar­beits- und Ta­rif­verträgen … für nich­tig erklärt wer­den oder erklärt wer­den können oder geändert wer­den“. Da­her steht es, wenn ein Ta­rif­ver­trag den Art. 1 und 2 der Richt­li­nie 2000/78 nicht zu­wi­derläuft, den Mit­glied­staa­ten frei, ihn für Per­so­nen, die durch ihn nicht ge­bun­den sind, für ver­bind­lich zu erklären (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 21. Sep­tem­ber 1999, Al­ba­ny, C‑67/96, Slg. 1999, I‑5751, Rand­nr. 66).
80 Dem­nach ist auf die vier­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass die Art. 1 und 2 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass es ih­nen nicht zu­wi­derläuft, dass ein Mit­glied­staat ei­nen Ta­rif­ver­trag wie den im Aus­gangs­ver­fah­ren in Fra­ge ste­hen­den für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt, so­weit die­ser Ta­rif­ver­trag den in sei­nen Gel­tungs­be­reich fal­len­den Ar­beit­neh­mern nicht den Schutz nimmt, den ih­nen die­se Be­stim­mun­gen ge­gen Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters gewähren.

Kos­ten Dem­nach ist auf die vier­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass die Art. 1 und 2 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass es ih­nen nicht zu­wi­derläuft, dass ein Mit­glied­staat ei­nen Ta­rif­ver­trag wie den im Aus­gangs­ver­fah­ren in Fra­ge ste­hen­den für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt, so­weit die­ser Ta­rif­ver­trag den in sei­nen Gel­tungs­be­reich fal­len­den Ar­beit­neh­mern nicht den Schutz nimmt, den ih­nen die­se Be­stim­mun­gen ge­gen Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters gewähren.

Kos­ten

81 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.

Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Große Kam­mer) für Recht er­kannt:

1. Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er ei­ner na­tio­na­len Be­stim­mung wie § 10 Nr. 5 des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes, wo­nach Klau­seln über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen bei Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters des Beschäftig­ten zulässig sind, nicht ent­ge­gen­steht, so­weit zum ei­nen die­se Be­stim­mung ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen und durch ein le­gi­ti­mes Ziel der Beschäfti­gungs- und Ar­beits­markt­po­li­tik ge­recht­fer­tigt ist und zum an­de­ren die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind. Die Nut­zung die­ser Ermäch­ti­gung in ei­nem Ta­rif­ver­trag ist als sol­che nicht der ge­richt­li­chen Kon­trol­le ent­zo­gen, son­dern muss gemäß den An­for­de­run­gen des Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 eben­falls in an­ge­mes­se­ner und er­for­der­li­cher Wei­se ein le­gi­ti­mes Ziel ver­fol­gen.

2. Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er ei­ner Maßnah­me wie der in § 19 Nr. 8 des Rah­men­ta­rif­ver­trags für die ge­werb­li­chen Beschäftig­ten in der Gebäuderei­ni­gung ent­hal­te­nen Klau­sel über die au­to­ma­ti­sche Be­en­di­gung der Ar­beits­verhält­nis­se von Beschäftig­ten, die das Ren­ten­al­ter von 65 Jah­ren er­reicht ha­ben, nicht ent­ge­gen­steht.

3. Die Art. 1 und 2 der Richt­li­nie 2000/78 sind da­hin aus­zu­le­gen, dass es ih­nen nicht zu­wi­derläuft, dass ein Mit­glied­staat ei­nen Ta­rif­ver­trag wie den im Aus­gangs­ver­fah­ren in Fra­ge ste­hen­den für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt, so­weit die­ser Ta­rif­ver­trag den in sei­nen Gel­tungs­be­reich fal­len­den Ar­beit­neh­mern nicht den Schutz nimmt, den ih­nen die­se Be­stim­mun­gen ge­gen Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters gewähren.

Un­ter­schrif­ten

* Ver­fah­rens­spra­che: Deutsch.

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu

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