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LAG Sach­sen-An­halt, Be­schluss vom 05.04.2016, 6 TaBV 19/15

   
Schlagworte: Betriebsratswahl, Wahlordnung, Betriebsrat, Betriebsratsmitglied
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Sachsen-Anhalt
Aktenzeichen: 6 TaBV 19/15
Typ: Beschluss
Entscheidungsdatum: 05.04.2016
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Magdeburg, Beschluss vom 12.03.2015, 4 BV 55/14
nachgehend:
Bundesarbeitsgericht, Beschluss vom 22.11.2017, 7 ABR 35/16
   

Ak­ten­zei­chen:
6 TaBV 19/15
4 BV 55/14
ArbG Mag­de­burg

Verkündet am: 05.04.2016

, Jus­tiz­an­ge­stell­te
als Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le


LAN­DES­AR­BEITS­GERICHT
SACHSEN-AN­HALT

IM NA­MEN DES VOL­KES

UR­TEIL

In dem Be­schluss­ver­fah­ren

we­gen An­fech­tung ei­ner Be­triebs­rats­wahl

hat die 6. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Sach­sen-An­halt auf die münd­li­che Anhörung vom 5. April 2016 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt als Vor­sit­zen­den so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter und als Bei­sit­zer be­schlos­sen:

Die Be­schwer­de der Be­tei­lig­ten zu 1. bis 3. ge­gen den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Mag­de­burg vom 12.03.2015 – 4 BV 55/14 – wird zurück­ge­wie­sen.

Die Rechts­be­schwer­de wird für die Be­tei­lig­ten zu 1. bis 3. zu­ge­las­sen.

 

GRÜNDE

A.
Die Be­tei­lig­ten zu 1. – 4. strei­ten über die Rechtsmäßig­keit ei­ner Be­triebs­rats­wahl.

 

- 2 -

Der Be­tei­lig­te zu 4. ist der im Be­trieb „Nie­der­las­sung Brief M“ der Be­tei­lig­ten zu 5. aus den Wah­len vom 06.bis 08.05.2014 her­vor­ge­gan­ge­ne Be­triebs­rat mit ins­ge­samt 17 Mit­glie­dern. Bei den an­trag­stel­len­den Be­tei­lig­ten zu 1. bis 3. han­delt es sich um wahl­be­rech­tig­te Ar­beit­neh­mer die­ses Be­trie­bes.

Nach dem von dem Wahl­vor­stand am 08.05.2014 be­kannt ge­ge­be­nen Wahl­er­geb­nis er­folg­te die Sitz­ver­tei­lung wie folgt:

1. 306 Stim­men = 4 Sit­ze
2. 557 Stim­men = 9 Sit­ze
3. 279 Stim­men = 4 Sit­ze.

Der Wahl­vor­stand er­mit­tel­te das vor­ste­hend auf­geführ­te Wahl­er­geb­nis ent­spre­chend den Vor­ga­ben des § 15 der Wahl­ord­nung zum Be­trVG (im Fol­gen­den: WahlO) nach dem d´Hondt­schen Auszählungs­sys­tem.

Die Be­tei­lig­ten zu 1. bis 3. ha­ben die Wahl mit dem am 22.05.2014 bei dem Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen An­trag an­ge­foch­ten. Sie sind der Auf­fas­sung, bei der Wahl sei ge­gen we­sent­li­che Vor­schrif­ten des Wahl­ver­fah­rens i.S.d. § 19 Abs. 1 Be­trVG ver­s­toßen wor­den. Ein sol­cher Ver­s­toß lie­ge dar­in be­gründet, dass das in der WahlO vor­ge­ge­be­ne Wahl­ver­fah­ren nach d´Hondt nicht mit Art. 3 Abs. 1 GG ver­ein­bar sei. Die­ses be­nach­tei­li­ge in nicht mehr hin­zu­neh­men­der Wei­se klei­ne­re Grup­pie­run­gen. Um dem aus Art. 3 Abs. 1 GG fol­gen­den Grund­satz der Wahl­gleich­heit, ins­be­son­de­re der Spie­gel­bild­lich­keit zwi­schen ab­ge­ge­be­nen Stim­men und Ver­tei­lung der Sit­ze, zu genügen, sei ei­ne Ver­tei­lung der Sit­ze nach den, den Er­folgs­wert der je­wei­li­gen Stim­me deut­lich bes­ser ab­bil­den­den Ver­fah­ren Ha­re/Nie­mey­er oder Sain­te-La­guë/Sche­pers vor­zu­neh­men. Bei An­wen­dung ei­nes die­ser Auszählungs­sys­te­me hätte sich – un­strei­tig – fol­gen­de Sitz­ver­tei­lung er­ge­ben:

1. 306 Stim­men = 5 Sit­ze
2. 557 Stim­men = 8 Sit­ze
3. 279 Stim­men = 4 Sit­ze.

 

- 3 -

Zwar ha­be das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in der Ver­gan­gen­heit bei Wah­len zu po­li­ti­schen Gre­mi­en ent­schie­den, dass dem Ge­setz­ge­ber im Hin­blick dar­auf, dass bei al­len Ver­fah­ren Un­ge­nau­ig­kei­ten auf­tre­ten, ein Be­ur­tei­lungs­spiel­raum zu­kom­me, wel­ches Auszählungs­sys­tem er zur An­wen­dung brin­ge. Nach neu­es­ten ma­the­ma­ti­schen For­schun­gen, ins­be­son­de­re im Be­reich der Sto­chas­tik, ste­he je­doch nun­mehr fest, dass dem Auszählungs­sys­tem nach d´Hondt ei­ne deut­lich größere Ab­wei­chung bezüglich des Er­folgs­wer­tes der je­wei­li­gen Wähler­stim­me in­ne­woh­ne. So er­ge­ben sich bei der hier an­ge­foch­te­nen Wahl nach dem d´Hondt­schen-Ver­fah­ren Ab­wei­chun­gen von über 24 %, während die Ver­fah­ren nach Ha­re/Nie­mey­er und Sain­te-La­guë/Sche­pers nur Ab­wei­chun­gen im Um­fang von 16,9 % auf­wei­sen.

Die Be­tei­lig­ten zu 1. bis 3. ha­ben be­an­tragt,

die im Zeit­raum vom 06.05.2014 bis 08.05.2014 statt­ge­fun­de­ne Be­triebs­rats­wahl für un­wirk­sam zu erklären.

Der Be­tei­lig­te zu 4. hat be­an­tragt,

den An­trag zurück­zu­wei­sen.

Die Be­tei­lig­te zu 5. hat sich an dem Ver­fah­ren nicht ak­tiv be­tei­ligt.

Nach Auf­fas­sung des Be­tei­lig­ten zu 4. lie­gen kei­ne Gründe für ei­ne er­folg­rei­che Wahl­an­fech­tung vor. § 19 Abs. 1 Be­trVG se­he ei­ne Wahl­an­fech­tung auf­grund der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit ei­ner Be­stim­mung der WahlO ge­ra­de nicht vor. Die Norm be­schränke sich viel­mehr auf die Prüfung von Verstößen ge­gen das Wahl­ver­fah­ren als sol­ches. Im Übri­gen sei aber auch ei­ne Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des § 15 WahlO nicht ge­ge­ben. Die Un­ter­schie­de bei der Er­mitt­lung der Sitz­ver­tei­lung nach den je­wei­li­gen Auszähl­ver­fah­ren sei­en nicht der­art ekla­tant, dass der Ver­ord­nungs­ge­ber ver­fas­sungs­recht­lich zwin­gend die Sitz­ver­tei­lung nach dem Ver­fah­ren Ha­re/Nie­mey­er oder Saint-La­guë/Sche­pers hätte vor­ge­ben müssen.

 

- 4 -

Das Ar­beits­ge­richt hat mit Be­schluss vom 12.03.2015 den An­trag zurück­ge­wie­sen und zur Be­gründung im We­sent­li­chen aus­geführt, der An­trag ha­be kei­nen Er­folg ha­ben können, weil die Wahl im Be­trieb "Nie­der­las­sung Brief M" der Be­tei­lig­ten zu 5. nicht ge­gen we­sent­li­che Vor­schrif­ten des Wahl­ver­fah­rens i.S.d. § 19 Be­trVG ver­s­toße. Der Wahl­vor­stand ha­be un­strei­tig das Wahl­er­geb­nis kor­rekt auf Ba­sis des von § 15 WahlO vor­ge­ge­be­nen Auszähl­ver­fah­rens er­mit­telt. Die Ver­fas­sungsmäßig­keit die­ser Norm sei nicht im An­fech­tungs­ver­fah­ren zu prüfen. Es sei Sa­che des Ver­ord­nungs­ge­bers, ggf. Ände­run­gen vor­zu­neh­men. We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung wird auf Bl. 185 – 189 d.A. ver­wie­sen.

Ge­gen die­se, ih­nen am 16.06.2015 zu­ge­stell­te Ent­schei­dung ha­ben die Be­tei­lig­ten zu 1. bis 3. am 24.06.2015 Be­schwer­de ein­ge­legt und je­ne am 06.08.2015 be­gründet.

Mit ih­rem Rechts­mit­tel hal­ten sie an ih­rem erst­in­stanz­lich ge­stell­ten An­trag fest.
Das Ar­beits­ge­richt ha­be bei sei­ner Ent­schei­dung ver­kannt, dass es sehr wohl be­fugt sei, im Rah­men des Wahl­an­fech­tungs­ver­fah­rens un­ter­ge­setz­li­che Nor­men – hier § 15 WahlO – auf ih­re Ver­fas­sungs­gemäßheit in­zi­den­ter zu über­prüfen. Im Übri­gen hal­ten die Be­tei­lig­ten zu 1. bis 3. an ih­rer Rechts­auf­fas­sung, die­se Be­stim­mung sei we­gen Ver­s­toßes ge­gen Art. 3 Abs. 1 GG ver­fas­sungs­wid­rig, fest.

Die Be­tei­lig­ten zu 1. bis 3. be­an­tra­gen,

den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts – 4 BV 55/14 – ab­zuändern so­wie
die im Zeit­raum vom 06.05.2014 bis 08.05.2014 statt­ge­fun­de­ne Be­triebs­rats­wahl für un­wirk­sam zu erklären.

Der Be­tei­lig­te zu 4. be­an­tragt,

die Be­schwer­de zurück­zu­wei­sen.

Der Be­tei­lig­te zu 4. ver­tei­digt die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung.

 

- 5 -

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Vor­brin­gens der Be­tei­lig­ten wird auf die ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen ver­wie­sen.

B.
Die Be­schwer­de der Be­tei­lig­ten zu 1. bis 3. ist zulässig. Es han­delt sich um das gemäß § 87 Abs. 1 ArbGG statt­haf­te Rechts­mit­tel. Die Be­tei­lig­ten zu 1. bis 3. ha­ben die Fris­ten des § 87 Abs. 2 i.V.m. § 66 Abs. 1 ArbGG ein­ge­hal­ten. Ins­be­son­de­re ha­ben die drei An­trag­stel­ler ih­ren Ver­fah­rens­be­vollmäch­tig­ten ei­ne die Ein­le­gung der Be­schwer­de um­fas­sen­de Voll­macht er­teilt (Bl. 347 ff. d.A.).

C.
Die Be­schwer­de ist je­doch nicht be­gründet. Das Ar­beits­ge­richt hat im Er­geb­nis zu Recht den An­trag der Be­tei­lig­ten zu 1. bis 3. zurück­ge­wie­sen.

I.
Zwar sind nach dem sich bie­ten­den Sach­vor­trag die for­ma­len Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Wahl­an­fech­tung (§ 19 Abs. 2 Be­trVG) erfüllt. Nach Vor­la­ge von Ori­gi­nal­voll­mach­ten der als Be­tei­lig­te zu 1. bis 3. auf­tre­ten­den wahl­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mer er­ge­ben sich für die Be­schwer­de­kam­mer kei­ne Zwei­fel mehr an de­ren Ei­gen­schaft als An­trag­stel­ler i.S.d. § 19 Abs. 2 Be­trVG.

II.
Je­doch lie­gen die ma­te­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Wahl­an­fech­tung gemäß § 19 Abs. 1 Be­trVG nicht vor. Da­nach

kann die Wahl beim Ar­beits­ge­richt an­ge­foch­ten wer­den, wenn ge­gen we­sent­li­che Vor­schrif­ten über das Wahl­recht, die Wähl­bar­keit oder das Wahl­ver­fah­ren ver­s­toßen wor­den ist und ei­ne Be­rich­ti­gung nicht er­folgt ist, es sei denn, dass

 

- 6 -

durch den Ver­s­toß das Wahl­er­geb­nis nicht geändert oder be­ein­flusst wer­den konn­te.

Die Wahl des Be­triebs­ra­tes in der "Nie­der­las­sung Brief M" der Be­tei­lig­ten zu 5. im Zeit­raum vom 06. bis 08.05.2014 ist nicht we­gen ei­nes das Wahl­er­geb­nis be­ein­flus­sen­den Ver­s­toßes ge­gen we­sent­li­che Vor­schrif­ten des Wahl­ver­fah­rens – sons­ti­ge An­fech­tungs­gründe sind nicht er­sicht­lich – un­wirk­sam.

1. Der Wahl­vor­stand hat das Er­geb­nis der Wahl zu­tref­fend un­ter An­wen­dung des in § 15 Abs. 2 WahlO vor­ge­ge­be­nen Auszählungs­ver­fah­rens nach d´Hondt er­mit­telt. Die­ser Be­stim­mung in der Wahl­ord­nung kommt Wirk­sam­keit zu. Sie verstößt ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­tei­lig­ten zu 1. bis 3. nicht ge­gen den aus Art. 3 Abs. 1 GG fol­gen­den Grund­satz der Wahl­gleich­heit.
Hier­zu hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG 16.03.2005 – 7 AZR 40/04 – Rn. 34 – 36) aus­geführt:
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die An­for­de­run­gen, die sich aus Art. 3 Abs. 1 GG für die Ge­stal­tung des Wahl­rechts bei all­ge­mei­nen po­li­ti­schen Wah­len er­ge­ben, in ständi­ger Recht­spre­chung kon­kre­ti­siert (vgl. et­wa 22. Ok­to­ber 1985 - 1 BvL 44/83 - BVerfGE 71, 81 = AP GG Art. 3 Nr. 142, zu C I 1 der Gründe; 23. März 1982 - 2 BvL 1/81 - BVerfGE 60, 162 = AP GG Art. 3 Nr. 118, zu B I und II der Gründe). Für die da­nach gel­ten­den Grundsätze der All­ge­mein­heit und Gleich­heit der Wahl ist ihr for­ma­ler Cha­rak­ter kenn­zeich­nend. Je­der Wähler soll sein ak­ti­ves und pas­si­ves Wahl­recht in for­mal möglichst glei­cher Wei­se ausüben können. Der Grund­satz der for­ma­len Wahl­gleich­heit ist nicht auf den ei­gent­li­chen Wahl­akt be­schränkt, son­dern er­streckt sich auch auf die Wahl­vor­be­rei­tun­gen und das Wahl­vor­schlags­recht (22. Ok­to­ber 1985 - 1 BvL 44/83 - aaO; 23. März 1982 - 2 BvL 1/81 - aaO; BAG 13. Mai 1998 - 7 ABR 5/97 - AP Mit­bestG § 12 Nr. 1 = EzA Mit­bestG § 12 Nr. 1, zu B I 1 c der Gründe). Ist Verhält­nis­wahl an­ge­ord­net, führt die For­ma­li­sie­rung der Wahl­rechts­gleich­heit da­zu, dass nicht nur der glei­che Zähl­wert, son­dern grundsätz­lich auch der glei­che Er­folgs­wert je­der Wähler­stim­me gewähr­leis­tet sein muss (BVerfG 10. April 1997 - 2 BvC 3/96 - BVerfGE 95, 408, zu B I 1 der Gründe; 15. Fe­bru­ar 1978 - 2 BvR 134/76 - BVerfGE 74, 253, zu B II 4 a der Gründe).

 

- 7 -

Der Wahl­gleich­heits­grund­satz gilt nicht nur für das Bun­des­tags­wahl­recht und für das Wahl­recht in den Ländern, Krei­sen und Ge­mein­den (Art. 28 Abs. 1 Satz 2, Art. 38 Abs. 1 GG), son­dern als un­ge­schrie­be­nes Ver­fas­sungs­recht auch für sons­ti­ge po­li­ti­sche Ab­stim­mun­gen (BVerfG 23. März 1982 - 2 BvL 1/81 - BVerfGE 60, 162 = AP GG Art. 3 Nr. 118, zu B I und II der Gründe). Hier­bei lässt die von der grundsätz­li­chen Gleich­heit al­ler Staatsbürger ge­prägte for­ma­le Wahl­rechts­gleich­heit Dif­fe­ren­zie­run­gen nur zu, wenn sie durch ei­nen be­son­de­ren zwin­gen­den Grund ge­recht­fer­tigt sind (BVerfG 29. Sep­tem­ber 1990 - 2 BvE 1/90 - BVerfGE 82, 322, zu B I der Gründe; 11. Ok­to­ber 1972 - 2 BvR 912/71 - BVerfGE 34, 81, zu C I 1 der Gründe).

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat bis­her aus­drück­lich of­fen ge­las­sen, in­wie­weit die­se für po­li­ti­sche Wah­len und Ab­stim­mun­gen ent­wi­ckel­ten Grundsätze auf Wah­len außer­halb die­ses Be­reichs an­zu­wen­den sind. Auf dem Ge­biet des Ar­beits- und So­zi­al­we­sens hat es sie auf die Wah­len zu den Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­nen der So­zi­al­ver­si­che­rung (24. Fe­bru­ar 1971 - 1 BvR 438/68 ua. - BVerfGE 30, 227 = AP GG Art. 9 Nr. 22), zu Per­so­nal­ver­tre­tun­gen (23. März 1982 - 2 BvL 1/81 - BVerfGE 60, 162 = AP GG Art. 3 Nr. 118 zum Bre­mi­schen Pers­VG 1974; 16. Ok­to­ber 1984 - 2 BvL 20/82 und - 2 BvL 21/82 - BVerfGE 67, 369 = AP BPers­VG § 19 Nr. 3 zum BPers­VG 1974) und zu den Voll­ver­samm­lun­gen der Ar­beit­neh­mer­kam­mern im Land Bre­men (22. Ok­to­ber 1985 - 1 BvL 44/83 - BVerfGE 71, 81 = AP GG Art. 3 Nr. 142) an­ge­wandt. Da­nach rich­tet sich der Grad der zulässi­gen Dif­fe­ren­zie­run­gen auch bei Wah­len im Be­reich des Ar­beits- und So­zi­al­we­sens nach der Na­tur des je­weils in Fra­ge ste­hen­den Sach­be­reichs. Er lässt sich nicht los­gelöst vom Auf­ga­ben­kreis der zu wählen­den Re­präsen­ta­ti­ons­or­ga­ne be­stim­men (22. Ok­to­ber 1985 - 1 BvL 44/83 - aaO, zu C I 3 der Gründe). Ein­schränkun­gen der for­ma­len Wahl­rechts­gleich­heit können sich ins­be­son­de­re aus Zweck und Ziel­set­zung der be­tref­fen­den Wahl recht­fer­ti­gen (BVerfG 23. März 1982 - 2 BvL 1/81 - BVerfGE 60, 162 = AP GG Art. 3 Nr. 118, zu B I und II der Gründe).
Bei der Wahl des Auszählungs­ver­fah­rens ei­ner Verhält­nis­wahl räumt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt dem Ge­setz­ge­ber ei­nen Ge­stal­tungs­spiel­raum ein, da letzt­end­lich al­le gängi­gen Ver­fah­ren ei­ne Ab­wei­chung zwi­schen dem von ei­ner

 

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Grup­pie­rung er­ziel­ten Stim­men­an­teil und den auf die Grup­pe ent­fal­len­den Man­da­ten auf­wei­sen (BVerfG 08.08.1994 – 2 BvR 1484/94).

Dem schließt sich die Kam­mer für den An­wen­dungs­be­reich des § 15 Abs. 2 WahlO an. Der Ver­ord­nungs­ge­ber war nicht ge­hal­ten, das Ver­fah­ren nach Ha­re/Nie­mey­er oder Sain­te-La­guë/Sche­pers für die Er­mitt­lung der Sitz­ver­tei­lung vor­zu­schrei­ben. Auch wenn das Ver­fah­ren nach d´Hondt zu ei­ner stärke­ren Be­nach­tei­li­gung von Grup­pen mit ei­nem ge­rin­gen Stim­men­an­teil bei der Sitz­ver­tei­lung führt, so er­schei­nen die Aus­wir­kun­gen nicht der­art gra­vie­rend, dass die Aus­wahl die­ses Auszählungs­ver­fah­rens per se mit Art. 3 Abs. 1 GG nicht ver­ein­bar ist. Vor­lie­gend er­gibt sich bei ei­nem „mit­tel­großen" Be­triebs­rat mit 17 Mit­glie­dern ei­ne Ver­schie­bung von ei­nem Sitz. Ab­wei­chun­gen in die­sem Um­fang sind je­den­falls un­ter Berück­sich­ti­gung der von dem Ge­setz­ge­ber vor­ge­ge­be­nen Struk­tur und den Auf­ga­ben ei­nes Be­triebs­ra­tes, die mit de­nen von po­li­ti­schen Gre­mi­en nicht gleich­zu­set­zen sind, noch ver­tret­bar. Wie § 15 Be­trVG zeigt, ist die Struk­tur des Be­triebs­ra­tes ge­ra­de nicht dar­auf aus­ge­legt, die Be­leg­schaft „streng“ nach in­halt­lich ori­en­tier­ten Grup­pen spie­gel­bild­lich zu re­präsen­tie­ren. Es geht viel­mehr dar­um, dass sich in die­sem Gre­mi­um die Be­leg­schaft ent­spre­chend der im Be­trieb be­ste­hen­den Or­ga­ni­sa­ti­ons­be­rei­che – un­abhängig von de­ren Größe – und der Beschäftig­ten­grup­pen – eben­falls un­abhängig von de­ren An­teil an der Ge­samt­be­leg­schaft – „wie­der­fin­det“. Darüber hin­aus sieht Abs. 2 ei­ne – ver­fas­sungs­gemäße (BAG 16.03.2005 – 7 AZR 40/04) – Ge­schlech­ter­quo­te vor. An­ge­sichts die­ser deut­lich von po­li­ti­schen Gre­mi­en ab­wei­chen­den Struk­tur hat der Ver­ord­nungs­ge­ber noch nicht ge­gen Art. 3 Abs. 1 GG ver­s­toßen, in­dem er das d´Hondt­sche Auszählungs­ver­fah­ren in § 15 Abs. 2 WahlO vor­ge­ge­ben hat.

2. Darüber hin­aus wäre dem An­trag der Be­tei­lig­ten zu 1. bis 3. auch bei ei­ner an­zu­neh­men­den Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des § 15 Abs. 2 WahlO kein Er­folg be­schie­den. Zwar geht die Be­schwer­de­kam­mer durch­aus da­von aus, dass im Rah­men des Wahl­an­fech­tungs­ver­fah­rens auch die Ver­fas­sungsmäßig­keit der das Wahl­ver­fah­ren re­geln­den un­ter­ge­setz­li­chen Nor­men in­zi­den­ter über­prüft wer­den kann. Nur so ist die Möglich­keit des ef­fek­ti­ven Rechts­schut­zes gewähr­leis­tet. Je­doch würde die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des § 15 WahlO nach Auf­fas­sung der Be­schwer­de­kam­mer nicht die Un­an­wend­bar­keit die­ser Norm auf die hier an­ge­foch­te­ne Be­triebs­rats­wahl aus dem Jahr 2014 zur Fol­ge ha­ben. In An­leh­nung an die Ent­schei­dung des

 

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Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes vom 03.07.2008 (2 BvC 1/07) hätte die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit die­ser Be­stim­mung nur ei­ne Un­an­wend­bar­keit bei zukünf­ti­gen Be­triebs­rats­wah­len zur Fol­ge. Ei­ne (rück­wir­ken­de) Nich­tig­keit der Norm würde je­den­falls im Verhält­nis der Be­tei­lig­ten des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens zu­ein­an­der da­zu führen, dass ei­ne ord­nungs­gemäße Neu­wahl ei­nes Be­triebs­ra­tes im Be­trieb "Nie­der­las­sung Brief M" bis zu ei­ner Neu­fas­sung des § 15 WahlO durch den Ver­ord­nungs­ge­ber nicht er­fol­gen könn­te. Der Be­trieb wäre dann auf un­be­stimm­te Zeit be­triebs­rats­los. Ent­ge­gen der von den Be­tei­lig­ten zu 1. bis 3. im Ter­min am 05.04.2016 geäußer­ten Auf­fas­sung er­scheint ei­ne ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung die­ser Be­stim­mung da­hin­ge­hend, dass bei ei­ner Neu­wahl des Be­triebs­ra­tes ent­we­der nach dem Ver­fah­ren Ha­re/Nie­mey­er oder Sain­te-La­guë/Sche­pers die Sitz­ver­tei­lung vor­zu­neh­men ist, nicht möglich. § 15 WahlO ist nach sei­nem Wort­laut in die­se Rich­tung nicht aus­leg­bar. Auch kann nicht im We­ge ei­ner ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung „im Vor­griff" auf den Ver­ord­nungs­ge­ber ei­nes der nach Auf­fas­sung der Be­tei­lig­ten zu 1. bis 3. in­fra­ge kom­men­den Ver­fah­ren "durch Be­schluss" fest­ge­legt wer­den.

III.
Nach al­le­dem konn­te das Rechts­mit­tel der Be­tei­lig­ten zu 1. bis 3. kei­nen Er­folg ha­ben.

D.
Gemäß § 92 Abs. 1 i.V.m. § 72 Abs. 2 ArbGG war we­gen grundsätz­li­cher Be­deu­tung der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­fra­gen die Rechts­be­schwer­de für die Be­tei­lig­ten zu 1. bis 3. zu­zu­las­sen.

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