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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/060

Ver­set­zung we­gen Kon­flik­ten am Ar­beits­platz

Ar­beit­ge­ber müs­sen die Ur­sa­chen ei­nes Kon­flikts nicht auf­klä­ren, be­vor sie ei­nen der Be­tei­lig­ten ver­set­zen.
Streit und Konflikt am Arbeitsplatz, zwei Geschäftsmänner streiten, Konfliktkosten
11.05.2020. Ar­beit­ge­ber kön­nen den Ort der Ar­beits­leis­tung nach Er­mes­sen ein­sei­tig fest­le­gen und Ar­beit­neh­mer da­her im Prin­zip auch in ei­ne an­de­re Stadt ver­set­zen (§ 106 Satz 1 Ge­wer­be­ord­nung - Ge­wO).

Da­bei müs­sen sie die In­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers fair be­rück­sich­ti­gen, d.h. ih­re Ent­schei­dung „nach bil­li­gem Er­mes­sen“ tref­fen. Da­bei müs­sen auch auf ei­ne mög­li­cher­wei­se be­ste­hen­de Be­hin­de­rung des Ar­beit­neh­mers Rück­sicht neh­men (§ 106 Satz 3 Ge­wO).

Die Ver­set­zung in ei­ne an­de­re Stadt ist zwar im Prin­zip von § 106 Satz 1 Ge­wO ge­deckt, führt aber oft zu Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten, da Ar­beit­neh­mer län­ge­re Fahrt­we­ge und/oder Fahr­zei­ten auf sich neh­men müs­sen. Wer we­gen ei­nes Streits mit ei­nem Kol­le­gen von ei­ner sol­chen Ver­set­zung be­trof­fen ist, wird sie als dop­pelt un­ge­recht emp­fin­den, wenn er meint, dass nicht er, son­dern der Kol­le­ge der Ver­ur­sa­cher des Streits ist.

Rein recht­lich ist der Ar­beit­ge­ber aber nicht ver­pflich­tet her­aus­zu­fin­den, wer den Streit be­gon­nen hat, so das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung: LAG Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Ur­teil vom 30.07.2019, 5 Sa 233/18.

Ver­set­zung oh­ne Aufklärung der Kon­flik­tur­sa­chen und oh­ne vor­he­ri­ge Anhörung der Kon­flikt­par­tei?

Da der Ar­beit­ge­ber bei ei­ner auf § 106 Ge­wO gestütz­ten Ver­set­zung in ei­ne an­de­re Stadt die In­ter­es­sen des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers in fai­rer Wei­se ("bil­lig") berück­sich­ti­gen muss, könn­te man mei­nen, dass das Ziel ei­ner Streit­be­en­di­gung ei­ne vor­he­ri­ge Aufklärung der Kon­flik­tur­sa­chen vor­aus­setzt.

Außer­dem ist in ei­ni­gen Ta­rif­verträgen ge­re­gelt, dass Ar­beit­neh­mer vor ei­ner Ver­set­zung oder Ab­ord­nung an­zuhören sind, so z.B. in § 4 Abs.1 Satz 2 Ta­rif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst (TVöD).

Zwar hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) zu die­ser Vor­schrift be­reits ent­schie­den, dass die Ver­set­zung (bzw. länger­fris­ti­ge Ab­ord­nung) nicht al­lein des­halb rechts­wid­rig ist, weil der Ar­beit­ge­ber ge­gen die Anhörungs­pflicht gemäß § 4 Abs.1 Satz 2 TVöD ver­s­toßen hat (BAG, Ur­teil vom 24.05.2018, 6 AZR 116/17, Rn.37). Aber mögli­cher­wei­se gilt das nicht (oh­ne wei­te­res) für § 7 Abs.1 der Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en der Dia­ko­nie in Deutsch­land (AVR-DD) ent­hal­ten ist. Die­se Vor­schrift lau­tet:

„Die Mit­ar­bei­te­rin bzw. der Mit­ar­bei­ter kann im Rah­men ih­res bzw. sei­nes Dienst­ver­tra­ges aus dienst­li­chen oder be­trieb­li­chen Gründen auf ei­nen an­de­ren Ar­beits­platz in der­sel­ben Ein­rich­tung um­ge­setzt oder in ei­ne an­de­re Ein­rich­tung der­sel­ben Dienst­ge­be­rin bzw. des­sel­ben Dienst­ge­bers ver­setzt oder ab­ge­ord­net wer­den. Vor der Um­set­zung, Ver­set­zung oder Ab­ord­nung ist die Mit­ar­bei­te­rin bzw. der Mit­ar­bei­ter zu hören.“

Im Streit: Ver­set­zung ei­ner Köchin we­gen an­dau­ern­den Streits mit der Küchen­lei­te­rin

Im Streit­fall ging es um ei­ne seit 1990 in ei­ner dia­ko­ni­schen Ein­rich­tung beschäftig­te Köchin, die mit ei­nem Grad der Be­hin­de­rung (GdB) von 50 als schwer­be­hin­der­ter Mensch an­er­kannt war. Sie war 2017 in ei­nen wei­ter ent­fern­ten Be­trieb ver­setzt wor­den, da es zu ei­nem Zerwürf­nis zwi­schen ihr und der Küchen­lei­te­rin ge­kom­men war. Durch die Ver­set­zung erhöhten sich die Fahr­zei­ten pro Weg­stre­cke um et­wa 30 Mi­nu­ten, d.h. sie be­tru­gen nun­mehr et­wa 50 Mi­nu­ten pro Weg­stre­cke.

Aus Sicht der Köchin wur­de sie von der Küchen­lei­te­rin ge­mobbt, die da­her an dem Streit schuld war. Da­her hätte der Ar­beit­ge­ber die Küchen­lei­te­rin ver­set­zen müssen. Außer­dem hat­te der Ar­beit­ge­ber sie vor der Ver­set­zung ent­ge­gen § 7 Abs.1 Satz 2 AVR-DD nicht an­gehört.

Die Köchin klag­te auf die Fest­stel­lung, dass sie nicht da­zu ver­pflich­tet sei, in dem wei­ter ent­fern­ten Be­trieb zu ar­bei­ten. Das Ar­beits­ge­richt wies die Kla­ge ab (Ar­beits­ge­richt Stral­sund, Kam­mern Neu­bran­den­burg, Ur­teil vom 04.09.2018, 13 Ca 227/17.

LAG Meck­len­burg-Vor­pom­mern: Der Ar­beit­ge­ber muss nicht her­aus­fin­den, wer ei­nen Streit "be­gon­nen" hat.

Auch vor dem LAG hat­te die Köchin kei­nen Er­folg, denn die Ver­set­zung war rech­tens, so das LAG.

Denn der Ar­beit­ge­ber hat­te trif­ti­ge Sach­gründe für die Ver­set­zung, nämlich das Zerwürf­nis zwi­schen der Köchin und ih­rer Che­fin (Ur­teil, Rn.45). Wer den Streit „be­gon­nen“ bzw. ver­ur­sacht hat­te, muss­te der Ar­beit­ge­ber nicht aufklären, so das LAG im An­schluss an die BAG-Recht­spre­chung. Viel­mehr konn­te er den un­strei­tig be­ste­hen­den Kon­flikt nach sei­nem Er­mes­sen entschärfen (Ur­teil, Rn.42, 43).

Die länge­ren We­ge­zei­ten wa­ren zwar ei­ne Be­las­tung für die Köchin, aber zu­mut­bar, denn We­ge­zei­ten von 50 Mi­nu­ten pro Stre­cke sind üblich. Außer­dem hat­te die Köchin ein Au­to (Ur­teil, Rn.46).

Die Ver­set­zung war auch nicht des­halb rechts­wid­rig, weil der Ar­beit­ge­ber die Köchin nicht zu­vor an­gehört hat­te und da­her ge­gen § 7 Abs.1 Satz 2 AVR-DD ver­s­toßen hat­te (Ur­teil, Rn.39), so das LAG un­ter Be­ru­fung auf die o.g. BAG-Ent­schei­dung (BAG, Ur­teil vom 24.05.2018, 6 AZR 116/17, Rn.37). Denn wenn der Ar­beit­ge­ber ei­ne Anhörung un­terlässt, ris­kiert er, die In­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers nicht aus­rei­chend zu berück­sich­ti­gen. Das kann im Er­geb­nis zur Un­wirk­sam­keit der Ver­set­zung führen.

Fa­zit: Der Ver­s­toß ge­gen ei­ne ta­rif­ver­trag­li­che oder in kirch­li­chen AVR vor­ge­schrie­be­ne Anhörungs­pflicht führt für sich ge­nom­men nicht da­zu, dass ei­ne Ver­set­zung un­wirk­sam wäre. Auch zur Aufklärung der Ur­sa­chen ei­nes Streits zwi­schen Kol­le­gen ist der Ar­beit­ge­ber nicht ver­pflich­tet. In die­sem Sin­ne hat vor kur­zem auch das LAG Ber­lin-Bran­den­burg ent­schie­den und sich da­bei aus­drück­lich auf das LAG Meck­len­burg-Vor­pom­mern be­ru­fen (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 02.10.2019, 20 Sa 264/19).

Trotz­dem soll­ten Per­so­nal­ver­ant­wort­li­che der­ar­ti­ge Ver­fah­rens­vor­schrif­ten be­ach­ten und Ar­beit­neh­mer vor ei­ner Ver­set­zung anhören. An­dern­falls be­steht das Ri­si­ko, die In­ter­es­sen des Be­trof­fe­nen nicht aus­rei­chend zu berück­sich­ti­gen. Das wie­der­um führt zur Un­wirk­sam­keit ei­ner Ver­set­zung.

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Letzte Überarbeitung: 19. September 2020

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