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BAG, Be­schluss vom 07.05.2019, 1 ABR 54/17

   
Schlagworte: Abfindung, Einigungsstelle, Sozialplan, Rentennähe
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 1 ABR 54/17
Typ: Beschluss
Entscheidungsdatum: 07.05.2019
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Hamburg, Beschluss vom 02.02.2017 - 29 BV 23/16,
Landesarbeitsgericht Hamburg, Beschluss vom 16.11.2017 - 7 TaBV 3/17
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

1 ABR 54/17
7 TaBV 3/17
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Ham­burg

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
7. Mai 2019

BESCHLUSS

Met­ze, Ur­kunds­be­am­ter
der Geschäfts­stel­le

 

In dem Be­schluss­ver­fah­ren mit den Be­tei­lig­ten

1.

An­trag­stel­ler, Be­schwer­deführer und Rechts­be­schwer­deführer,

 

2.

Rechts­be­schwer­deführe­rin,

 

hat der Ers­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der Anhörung vom 7. Mai 2019 durch die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt K. Schmidt als Vor­sit­zen­de, die Rich­te­rin­nen am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Ah­rendt und Dr. Rinck so­wie die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Schwit­zer und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Ben­rath für Recht er­kannt:


 

- 2 -

Auf die Rechts­be­schwer­de der Ar­beit­ge­be­rin wird - un­ter Zurück­wei­sung der Rechts­be­schwer­de des Be­triebs­rats - der Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ham­burg vom 16. No­vem­ber 2017 - 7 TaBV 3/17 - teil­wei­se auf­ge­ho­ben.

Die Be­schwer­de des Be­triebs­rats ge­gen den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Ham­burg vom 2. Fe­bru­ar 2017 - 29 BV 23/16 - wird ins­ge­samt zurück­ge­wie­sen.

 

Von Rechts we­gen!

 

Gründe

 

 

A. Die Be­tei­lig­ten strei­ten über die Wirk­sam­keit ei­nes durch Ei­ni­gungs­stel­len­spruch be­schlos­se­nen So­zi­al­plans.

Die zu ei­nem in­ha­ber­geführ­ten Kon­zern gehören­de Ar­beit­ge­be­rin un­ter­hielt im Ham­bur­ger Ha­fen ei­nen Ter­mi­nal­be­trieb für den Um­schlag von kon­ven­tio­nel­lem Stück­gut und Pro­jekt­la­dung. Im Jahr 2009 ver­ein­bar­te sie mit der H (HPA), dass die bis En­de 2028 lau­fen­den Pacht­verträge über die ge­nutz­ten Ter­mi­nalflächen vor­zei­tig gelöst wer­den können. Hierfür er­hielt die Ar­beit­ge­be­rin in den fol­gen­den Jah­ren fi­nan­zi­el­le Aus­gleichs­leis­tun­gen. En­de 2012 ver­ein­bar­te sie mit der HPA, die Pacht­verhält­nis­se zum 31. De­zem­ber 2016 zu be­en­den. Die Ar­beit­ge­be­rin ent­schied, ih­ren Be­trieb zu die­sem Zeit­punkt still­zu­le­gen.

2

Die dar­auf­hin ge­bil­de­te Ei­ni­gungs­stel­le be­schloss am 14. Sep­tem­ber 2016 ei­nen So­zi­al­plan „zur Mil­de­rung der wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le in Fol­ge der ... Be­triebs­still­le­gung“. Die­ser lau­tet aus­zugs­wei­se:

§ 1 Persönli­cher Gel­tungs­be­reich, Aus­schluss­tat­bestände

...

(2) Kei­ne Leis­tun­gen nach den Be­stim­mun­gen die­ses So­zi­al­plans er­hal­ten Mit­ar­bei­ter (Aus­schluss­tat­bestände),

 

- 3 -

* die aus Gründen aus­schei­den, die nicht mit der Still­le­gung des Be­trie­bes zu­sam­menhängen, ins­be­son­de­re Mit­ar­bei­ter,

...

** die ent­we­der un­mit­tel­bar nach dem Aus­schei­den aus dem Ar­beits­verhält­nis oder im An­schluss an ei­ne mögli­che Be­zug­nah­me von Ar­beits­lo­sen­geld I (un­abhängig von der tatsächli­chen Be­zug­nah­me des Ar­beits­lo­sen­gel­des) ei­ne Al­ters­ren­te (gekürzt oder un­gekürzt) aus der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung in An­spruch neh­men können (sog. ‚ren­ten­na­he Ar­beit­neh­mer‘), wo­bei ei­ne Al­ters­ren­te für schwer­be-hin­der­te Men­schen gemäß §§ 37, 236a SGB VI so­wie ei­ne Al­ters­ren­te für Frau­en gem. § 237a SGB VI außer Be­tracht bleibt.

...

§ 4 Ab­fin­dung

(1) Mit­ar­bei­ter, die bis zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses kein Ar­beits­platz­an­ge­bot im Sin­ne des § 3 er­hal­ten ha­ben, und in­fol­ge der Still­le­gung des Be­trie­bes aus dem Ar­beits­verhält­nis aus­schei­den, er­hal­ten - vor­be­halt­lich der Aus­schluss­tat­bestände - ei­ne Ab­fin­dung für den Ver­lust ih­res Ar­beits­plat­zes. Die Ab­fin­dung setzt sich zu­sam­men aus ei­nem

  • Grund­be­trag ...
  • Zu­schlag für Un­ter­halts­ver­pflich­tun­gen ...
  • Zu­schlag für schwer­be­hin­der­te Mit­ar­bei­ter ...

(2) Der Grund­be­trag der Ab­fin­dung be­rech­net sich nach fol­gen­der For­mel:

Be­triebs­zu­gehörig­keit ... x Brut­to­mo­nats­ent­gelt ... x Fak­tor ...

...

(5) Der Fak­tor der Be­rech­nung beträgt je nach Al­ters­grup­pe:

Al­ter 

bis 45,99  46 bis 52,99 53 bis 60,99 ab 61
Fak­tor 0,15 0,25 

0,32 

0,25 

...

(6) Für je­des zum Zeit­punkt der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses noch un­ter­halts­be­rech­tig­te Kind wird ein ein­ma­li­ger Zu­schlag von € 2.500,00 ge­zahlt.

 

- 4 -

(7) Mit­ar­bei­ter, bei wel­chen zum Zeit­punkt der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ein Grad der Be­hin­de­rung fest­ge­stellt wur­de, er­hal­ten ei­nen Zu­schlag. Die­ser beträgt je voll­ende­te 10 Grad der Be­hin­de­rung € 1.000,00 ...“

 

3

Der vom Vor­sit­zen­den un­ter­zeich­ne­te Ei­ni­gungs­stel­len­spruch wur­de dem Be­triebs­rat am 22. Sep­tem­ber 2016 zu­ge­lei­tet.

4

Die Ar­beit­ge­be­rin beschäftig­te zu­letzt noch et­wa 60 Mit­ar­bei­ter. Zwei Drit­tel hier­von wa­ren ge­werb­li­che Ar­beit­neh­mer, die Übri­gen tech­ni­sche und kaufmänni­sche An­ge­stell­te. De­ren durch­schnitt­li­che Beschäfti­gungs­zeit be­trug in der Al­ters­grup­pe bis zu 45,99 Jah­re et­wa 5,8 Jah­re, in der Al­ters­grup­pe 46 bis 52,99 Jah­re un­gefähr 24,5 Jah­re, in der Grup­pe 53 bis 60,99 Jah­re et­wa 27 Jah­re und in der Grup­pe ab 61 Jah­re et­wa 32,2 Jah­re.

5

Die Ar­beit­ge­be­rin kündig­te im No­vem­ber 2016 die Ar­beits­verhält­nis­se der noch bei ihr beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer un­ter Ein­hal­tung der ta­rif­li­chen Kündi­gungs­fris­ten zum En­de des Jah­res. Nach dem Rah­men­ta­rif­ver­trag für die Ha­fen­ar­bei­ter der deut­schen See­ha­fen­be­trie­be und dem Man­tel­ta­rif­ver­trag für die kaufmänni­schen An­ge­stell­ten in den Ham­bur­ger Ha­fen­be­trie­ben beträgt die - an­sons­ten je nach Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit und ggf. Al­ter länge­re - Kündi­gungs­frist „bei An­wen­dung von So­zi­alplänen“ ei­nen Mo­nat zum Mo­nats­en­de.

6

Mit am 5. Ok­to­ber 2016 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nem An­trag hat der Be­triebs­rat den Spruch an­ge­foch­ten. Er hat gel­tend ge­macht, der Spruch über­schrei­te die Gren­zen des der Ei­ni­gungs­stel­le ein­geräum­ten Er­mes­sens. Er be­wir­ke kei­ne sub­stan­ti­el­le Mil­de­rung der den Ar­beit­neh­mern durch die Be­triebs­sch­ließung ver­ur­sach­ten Nach­tei­le. Vor al­lem den älte­ren Mit­ar­bei­tern dro­he ei­ne lan­ge Ar­beits­lo­sig­keit. Ob­wohl der Großteil der ren­ten­na­hen Ar­beit­neh­mer nach Ab­lauf des Ar­beits­lo­sen­geld­be­zugs nur ei­ne Ren­te mit Ab­schlä­gen in An­spruch neh­men könne, er­hiel­ten die­se kei­ne Ab­fin­dung. Dies stel­le ei­ne un­zulässi­ge Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung dar. Er­mes­sens­feh­ler­haft ha­be die Ei­ni­gungs­stel­le bei der Be­mes­sung des So­zi­al­plan­vo­lu­mens die der Ar­beit­ge­be­rin von der HPA gewähr­ten Aus­gleichs­leis­tun­gen nicht berück­sich­tigt. Zu Un­recht ha­be sie al­lein auf die wirt­schaft­li­chen Verhält­nis­se der Ar­beit­ge­be­rin und nicht

 

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im We­ge ei­nes Be­mes­sungs­durch­griffs auf die des herr­schen­den Un­ter­neh­mens und des mit­tel­bar herr­schen­den Ge­sell­schaf­ters ab­ge­stellt. Auch ha­be sie den An­spruch des Be­triebs­rats auf recht­li­ches Gehör ver­letzt.

7

Der Be­triebs­rat hat be­an­tragt

fest­zu­stel­len, dass der Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le über ei­nen So­zi­al­plan vom 14. Sep­tem­ber 2016, zu­ge­stellt am 22. Sep­tem­ber 2016, un­wirk­sam ist.

8
Die Ar­beit­ge­be­rin hat An­trags­ab­wei­sung be­an­tragt. 9

Das Ar­beits­ge­richt hat den An­trag ab­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat - un­ter Zurück­wei­sung der wei­ter­ge­hen­den Be­schwer­de des Be­triebs­rats - fest­ge­stellt, dass § 1 Abs. 2 des So­zi­al­plans un­wirk­sam ist, so­weit er Ar­beit­neh­mer, die nach dem Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld ei­ne vor­zei­ti­ge Al­ters­ren­te in An­spruch neh­men können, von der Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung aus­schließt. Mit der Rechts­be­schwer­de ver­folgt der Be­triebs­rat sei­nen darüber hin­aus­ge­hen­den An­trag wei­ter. Die Ar­beit­ge­be­rin er­strebt mit ih­rer Rechts­be­schwer­de die Wie­der­her­stel­lung der erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung.

10

B. Die Rechts­be­schwer­de der Ar­beit­ge­be­rin hat Er­folg, die Rechts­be­schwer­de des Be­triebs­rats bleibt hin­ge­gen er­folg­los. Ent­ge­gen der An­sicht des Lan­des­ar­beits­ge­richts ist der zulässi­ge Fest­stel­lungs­an­trag des Be­triebs­rats in vol­lem Um­fang un­be­gründet.

11

I. Der An­trag ist zulässig. Da ei­ne ge­richt­li­che Ent­schei­dung über die Wirk­sam­keit des Spruchs ei­ner Ei­ni­gungs­stel­le fest­stel­len­de und nicht rechts­ge­stal­ten­de Wir­kung hat, ist der An­trag zu­tref­fend auf die Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit des Ei­ni­gungs­stel­len­spruchs ge­rich­tet (vgl. BAG 22. März 2016 - 1 ABR 12/14 - Rn. 10 mwN, BA­GE 154, 313).

12

II. Der An­trag des Be­triebs­rats ist je­doch un­be­gründet. Der Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le ist wirk­sam.

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1. Die Ei­ni­gungs­stel­le war zur Auf­stel­lung ei­nes So­zi­al­plans zuständig. Die Ar­beit­ge­be­rin, die in der Re­gel mehr als 20 Ar­beit­neh­mer beschäftig­te, hat

 

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ei­ne Be­triebsände­rung in Form der Be­triebs­still­le­gung iSd. § 111 Satz 3 Nr. 1 Be­trVG vor­ge­nom­men.

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2. Ent­ge­gen der vom Be­triebs­rat in der Rechts­be­schwer­de geäußer­ten An­nah­me hat die Ei­ni­gungs­stel­le ih­ren Re­ge­lungs­auf­trag erfüllt. Sie hat ei­nen So­zi­al­plan iSv. § 112 Abs. 1 Satz 2 Be­trVG auf­ge­stellt. Ob die­ser ei­nen an­ge­mes­se­nen Aus­gleich iSv. § 112 Abs. 5 Satz 1 Be­trVG enthält, ist ei­ne Fra­ge der Ein­hal­tung der Er­mes­sens­gren­zen.

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3. Der Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le verstößt nicht ge­gen das die­ser in § 112 Abs. 5 Satz 1 Be­trVG ein­geräum­te Er­mes­sen. Die Re­ge­lun­gen des So­zi­al­plans ver­let­zen die Un­ter­gren­ze des § 112 Abs. 1 Satz 2 Be­trVG noch nicht. Dies gilt auch, so­weit ren­ten­na­he Ar­beit­neh­mer von Ab­fin­dun­gen aus­ge­schlos­sen wer­den. Dies führt we­der zu ei­ner Er­mes­sensüber­schrei­tung noch verstößt es vor­lie­gend ge­gen den be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund-satz nach § 75 Abs. 1 Be­trVG iVm. §§ 1, 7 Abs. 1 AGG.

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a) Der Be­triebs­rat ist mit dem Vor­brin­gen ei­nes Er­mes­sens­ver­s­toßes nicht nach § 76 Abs. 5 Satz 4 Be­trVG aus­ge­schlos­sen. Er hat den ihm am 22. Sep­tem­ber 2016 zu­ge­lei­te­ten Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le mit ei­nem am 5. Ok­to­ber 2016 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen An­trag und da­mit in­ner­halb der ge­setz­li­chen Frist von zwei Wo­chen nach Er­halt ge­richt­lich an­ge­foch­ten.

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b) Ge­gen­stand der ge­richt­li­chen Kon­trol­le nach § 76 Abs. 5 Satz 4, § 112 Abs. 5 Be­trVG ist, ob sich der Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le als an­ge­mes­se­ner Aus­gleich der Be­lan­ge des Un­ter­neh­mens auf der ei­nen und der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer auf der an­de­ren Sei­te er­weist. Die Fra­ge, ob die der Ei­ni­gungs­stel­le ge­zo­ge­nen Gren­zen des Er­mes­sens ein­ge­hal­ten sind, un­ter­liegt der un­ein­ge­schränk­ten Über­prüfung durch das Rechts­be­schwer­de­ge­richt. Maßgeb­lich ist al­lein die ge­trof­fe­ne Re­ge­lung. In ihr - als Er­geb­nis des Abwägungs­vor-gangs - muss ei­ne Über­schrei­tung der Gren­zen des Er­mes­sens lie­gen. Auf die von der Ei­ni­gungs­stel­le an­ge­stell­ten Erwägun­gen kommt es nicht an (vgl. BAG 22. Ja­nu­ar 2013 - 1 ABR 85/11 - Rn. 15 mwN). Da­her ist es oh­ne Be­deu­tung,

 

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ob die von der Ei­ni­gungs­stel­le an­ge­nom­me­nen tatsächli­chen und recht­li­chen Umstände zu­tref­fen und ih­re wei­te­ren Über­le­gun­gen frei von Feh­lern sind und ei­ne erschöpfen­de Würdi­gung al­ler Umstände zum In­halt ha­ben (BAG 14. Ja­nu­ar 2014 - 1 ABR 49/12 - Rn. 23). Ei­ne Über­prüfung des Spruchs der Ei­ni­gungs­stel­le auf „al­le Fälle des Er­mes­sens­fehl­ge­brauchs“ - wie vom Be­triebs­rat ge­for­dert - fin­det nicht statt. Dem steht be­reits der Wort­laut von § 76 Abs. 5 Satz 4 Be­trVG ent­ge­gen (vgl. da­zu ausf. BAG 31. Au­gust 1982 - 1 ABR 27/80 - zu B IV 2 der Gründe, BA­GE 40, 107). Da­her kommt es auch nicht da­rauf an, ob die Ei­ni­gungs­stel­le - wie vom Be­triebs­rat gel­tend ge­macht - we­sent­li­che Ge­sichts­punk­te über­se­hen hat.

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c) Nach § 112 Abs. 5 Satz 1 Be­trVG hat die Ei­ni­gungs­stel­le bei ih­rer Ent­schei­dung über ei­nen So­zi­al­plan so­wohl die so­zia­len Be­lan­ge der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer zu berück­sich­ti­gen als auch auf die wirt­schaft­li­che Ver­tret­bar­keit ih­rer Ent­schei­dung für das Un­ter­neh­men zu ach­ten. Im Rah­men bil­li­gen Er­mes­sens muss sie un­ter Berück­sich­ti­gung der Ge­ge­ben­hei­ten des Ein­zel­falls Leis­tun­gen zum Aus­gleich oder zur Mil­de­rung wirt­schaft­li­cher Nach­tei­le vor­se­hen, da­bei die Aus­sich­ten der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer auf dem Ar­beits­markt be­rück­sich­ti­gen und bei der Be­mes­sung des Ge­samt­be­trags der So­zi­al­plan­leis-tun­gen dar­auf ach­ten, dass der Fort­be­stand des Un­ter­neh­mens oder die nach der Durchführung der Be­triebsände­rung ver­blei­ben­den Ar­beitsplätze nicht ge­fähr­det wer­den (§ 112 Abs. 5 Satz 2 Nr. 1 bis Nr. 3 Be­trVG; vgl. BAG 22. Ja­nu­ar 2013 - 1 ABR 85/11 - Rn. 18 mwN). Der Aus­gleichs- und Mil­de-rungs­be­darf be­misst sich aus­sch­ließlich nach den den Ar­beit­neh­mern ents­te­hen­den Nach­tei­len und nicht nach der Wirt­schafts­kraft des Un­ter­neh­mens. Der wirt­schaft­li­chen Ver­tret­bar­keit des So­zi­al­plans für den Ar­beit­ge­ber kommt - wie § 112 Abs. 5 Satz 1 Be­trVG zeigt - le­dig­lich ei­ne Kor­rek­tur­funk­ti­on zu (ausf. BAG 24. Au­gust 2004 - 1 ABR 23/03 - zu B III 2 c cc der Gründe, BA­GE 111, 335).

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aa) Ob und wel­che Nach­tei­le ganz oder teil­wei­se aus­ge­gli­chen und wel­che le­dig­lich ge­mil­dert wer­den sol­len, liegt im Er­mes­sen der Ei­ni­gungs­stel­le. Hier­bei verfügt sie - wie die Be­triebs­par­tei­en - über ei­nen Ge­stal­tungs­spiel­raum (vgl. da­zu BAG 12. April 2011 - 1 AZR 764/09 - Rn. 22 mwN). Ein So­zi­al­plan muss

 

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die wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le der Ar­beit­neh­mer nicht not­wen­di­ger­wei­se mög­lichst vollständig aus­glei­chen. Die Ei­ni­gungs­stel­le kann auch von ei­nem Nach­teils­aus­gleich gänz­lich ab­se­hen oder nach der Ver­meid­bar­keit der Nach­tei­le un­ter­schei­den. Sie ist des­glei­chen nicht ge­hal­ten, al­le denk­ba­ren Nach­tei­le zu entschädi­gen. Ein So­zi­al­plan ist da­her nicht al­lein des­we­gen er­mes­sens­feh­ler­haft, weil er nicht sämt­li­che mit der Be­triebsände­rung ver­bun­de­nen Nach­tei­le der Ar­beit­neh­mer vollständig aus­gleicht, ob­wohl dies dem Un­ter­neh­men wirt­schaft­lich möglich wäre. Al­ler­dings darf er nicht den Norm­zweck des § 112 Abs. 1 Satz 2 Be­trVG ver­feh­len, die wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le der Ar­beit­neh­mer zu­min­dest zu mil­dern (vgl. BAG 24. Au­gust 2004 - 1 ABR 23/03 - zu B III 2 c aa der Gründe, BA­GE 111, 335).

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bb) Aus die­ser Funk­ti­on des So­zi­al­plans er­ge­ben sich Gren­zen für die Er­mes­sens­ausübung der Ei­ni­gungs­stel­le. Sie darf - als Ober­gren­ze - kein größe­res Ge­samt­vo­lu­men des So­zi­al­plans vor­se­hen als selbst für den vol­len Aus­gleich al­ler wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le der Ar­beit­neh­mer er­for­der­lich ist. Zu­dem muss sie grundsätz­lich - als Un­ter­gren­ze - min­des­tens Leis­tun­gen vor­se­hen, die noch als spürba­re Mil­de­rung der wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le an­ge­se­hen wer­den können. § 112 Abs. 1 Satz 2 Be­trVG ver­langt ei­ne sub­stan­ti­el­le Mil­de­rung der mit der Be­triebsände­rung ein­her­ge­hen­den wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le. An­dern­falls sind die so­zia­len Be­lan­ge der Ar­beit­neh­mer iSd. § 112 Abs. 5 Satz 1 Be­trVG nicht hin­rei­chend berück­sich­tigt. Wo ge­nau die­se Un­ter­gren­ze für So-zi­al­plan­leis­tun­gen verläuft, kann nur mit Rück­sicht auf die Verhält­nis­se im Ein­zel­fall - ins­be­son­de­re das Ge­wicht der die Ar­beit­neh­mer tref­fen­den Nach­tei­le - fest­ge­stellt wer­den (vgl. BAG 24. Au­gust 2004 - 1 ABR 23/03 - zu B III 2 c bb der Gründe, BA­GE 111, 335).

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cc) Bei der Be­stim­mung der aus­gleichs­bedürf­ti­gen Nach­tei­le kommt der Ei­ni­gungs­stel­le ein Be­ur­tei­lungs­spiel­raum zu. Die­ser be­trifft die tatsächli­che Einschätzung der mit der Be­triebsände­rung für die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer ver­bun­de­nen wirt­schaft­li­chen Fol­gen, die sich re­gelmäßig nicht in al­len Ein­zel­hei­ten si­cher vor­her­sa­gen las­sen, son­dern nur Ge­gen­stand ei­ner Pro­gno­se sein können. Ei­ne pau­scha­lie­ren­de und ty­pi­sie­ren­de Be­wer­tung der wirt­schaft­li-

 

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chen Nach­tei­le ist da­her zu­meist un­umgäng­lich (vgl. BAG 12. April 2011 - 1 AZR 764/09 - Rn. 22 mwN).

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d) Dar­an ge­mes­sen un­ter­schrei­tet der So­zi­al­plan die Gren­ze des § 112 Abs. 1 Satz 2 Be­trVG nicht. Die in ihm vor­ge­se­he­nen Leis­tun­gen stel­len ei­ne noch aus­rei­chend sub­stan­ti­el­le Mil­de­rung der mit der Be­triebsände­rung ver­bun­de­nen wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le für die Ar­beit­neh­mer dar. Da­mit kommt es - ent­ge­gen der An­sicht des Be­triebs­rats - auf die Fra­ge ei­nes Be­mes­sungs-durch­griffs nicht an.

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aa) Wie die Präam­bel des So­zi­al­plans zeigt, sol­len des­sen Leis­tun­gen die den Ar­beit­neh­mern durch die Be­triebs­still­le­gung ent­ste­hen­den Nach­tei­le nicht vollständig aus­glei­chen, son­dern nur mil­dern. Die Re­ge­lung in § 1 Abs. 2 des So­zi­al­plans über den Aus­schluss der Ar­beit­neh­mer, die im An­schluss an ei­nen mögli­chen Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld ei­ne Al­ters­ren­te aus der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung in An­spruch neh­men können, lässt er­ken­nen, dass die Ab­fin­dung kei­nen Aus­gleich dafür dar­stel­len soll, dass die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer nach Be­en­di­gung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses vor­aus­sicht­lich kei­ne un­mit­tel­ba­re An­schluss­beschäfti­gung fin­den und da­her zunächst ein in Be­zug auf ihr frühe­res Net­to­ge­halt nied­ri­ge­res Ar­beits­lo­sen­geld be­zie­hen müssen. Die ab­fin­dungs­be­rech­tig­ten und die ren­ten­na­hen Ar­beit­neh­mer un­ter­schei­den sich da­durch, dass Ers­te­re bei ei­ner länge­ren - über die Dau­er des Ar­beits­lo­sen-geld­be­zugs hin­aus fort­be­ste­hen­den - Ar­beits­lo­sig­keit zur Si­che­rung ih­res Le­bens­un­ter­halts ty­pi­scher­wei­se nur die be­darfs­abhängi­ge Grund­si­che­rung für Ar­beit­su­chen­de nach dem SGB II in An­spruch neh­men können. Die mit den So­zi­al­plan­leis­tun­gen ver­folg­te Über­brückungs­funk­ti­on be­zweckt da­her die Mil­de­rung ei­nes da­mit ver­bun­de­nen wirt­schaft­li­chen Nach­teils. Auch die Al­ters-grup­pen­bil­dung in § 4 Abs. 5 des So­zi­al­plans bestätigt dies. Durch die Ver­wen­dung der al­ters­abhängi­gen Fak­to­ren sol­len die un­ter­schied­li­chen Ar­beits­markt­chan­cen der Ar­beit­neh­mer ge­wich­tet wer­den. Mit zu­neh­men­dem Al­ter sin­ken übli­cher­wei­se die Ver­mitt­lungs­chan­cen der Ar­beit­neh­mer. Da­mit steigt ty­pi-scher­wei­se die Dau­er der Ar­beits­lo­sig­keit und die Ge­fahr, dass die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer nach Ab­lauf des je­wei­li­gen Ar­beits­lo­sen­geld­be­zugs­zeit­raums

 

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noch nicht über ei­ne an­der­wei­ti­ge Beschäfti­gung und ein da­mit ein­her­ge­hen­des an­der­wei­ti­ges Ein­kom­men verfügen.

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bb) Der Bil­dung der Al­ters­grup­pen in § 4 Abs. 5 des So­zi­al­plans und der Zu­ord­nung un­ter­schied­li­cher Fak­to­ren zur Be­rech­nung der vor­ge­se­he­nen Ab­fin­dun­gen be­geg­nen kei­ne Be­den­ken. Da die Ei­ni­gungs­stel­le bei der Be­mes­sung der den Ar­beit­neh­mern ent­ste­hen­den Nach­tei­le pau­scha­le und ty­pi­sche An­nah­men zu­grun­de le­gen darf, konn­te sie hin­sicht­lich der Aus­sich­ten der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer auf dem Ar­beits­markt gem. § 112 Abs. 5 Satz 2 Nr. 2 Be­trVG nach de­ren Al­ter dif­fe­ren­zie­ren. Hier­ge­gen er­hebt der Be­triebs­rat auch kei­ne Einwände.

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cc) Die sich nach § 4 Abs. 2 iVm. Abs. 5 des So­zi­al­plans er­rech­nen­den ab­so­lu­ten Ab­fin­dungs­beträge stel­len trotz der re­la­tiv klei­nen Fak­to­ren auf­grund der Ge­ge­ben­hei­ten des Streit­falls noch ei­ne aus­rei­chend spürba­re Mil­de­rung der wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le der ab­fin­dungs­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mer dar.

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(1) In der Al­ters­grup­pe von 46 bis 52,99 Jah­ren be­lau­fen sich die Ab­fin­dun­gen - bei ei­nem durch­schnitt­li­chen Ein­kom­men der in die­se Grup­pe fal­len­den Ar­beit­neh­mer von et­wa 4.550,00 Eu­ro und ei­ner durch­schnitt­li­chen Be­schäfti­gungs­zeit von 24,5 Jah­ren - auf ca. 27.869,00 Eu­ro brut­to. Für die Grup­pe der 53- bis 61-Jähri­gen er­gibt sich - bei ei­ner durch­schnitt­li­chen Beschäfti­gungs­zeit von 27 Jah­ren und ei­nem durch­schnitt­li­chen Ein­kom­men von ca. 4.400,00 Eu­ro brut­to - ei­ne Ab­fin­dung iHv. et­wa 38.016,00 Eu­ro brut­to. Die­se Beträge sind ge­eig­net, den Nach­teil ab­zu­mil­dern, den die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer da­durch er­lei­den, dass sie nach dem En­de des zwölf- bis 24-mo­na­ti­gen Ar­beits­lo­sen­geld­be­zugs (§ 147 Abs. 2 SGB III) ggf. noch kei­ne An­schluss­be­schäfti­gung ge­fun­den ha­ben. Ent­ge­gen der An­sicht des Be­triebs­rats muss­te die Ei­ni­gungs­stel­le nicht da­von aus­ge­hen, dass den älte­ren Ar­beit­neh­mern nach dem Ver­lust ih­res Ar­beits­plat­zes ei­ne dau­er­haf­te Ar­beits­lo­sig­keit dro­hen würde. Nach den An­ga­ben der Bun­des­agen­tur für Ar­beit be­lief sich die durch­schnitt­li­che Dau­er der Ar­beits­lo­sig­keit in Ham­burg Mit­te 2016 für über 55-jähri­ge ge­werb­li­che Ar­beit­neh­mer in der Bau- und Trans­port­geräteführung auf et­wa 11,7 Mo­na­te und im Güter­um­schlag auf et­wa 17,6 Mo­na­te. Da­nach be­stand für

 

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die älte­ren Ar­beit­neh­mer ei­ne hin­rei­chen­de Er­folgs­aus­sicht auf ei­ne an­der­wei­ti­ge Beschäfti­gung.

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(2) Auch hin­sicht­lich der un­ter die Al­ters­grup­pe „bis 45,99“ Jah­re fal­len­den Ar­beit­neh­mer ver­letzt der Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le an­ge­sichts der ge­ge­be­nen Umstände noch nicht die Un­ter­gren­ze des § 112 Abs. 1 Satz 2 Be­trVG. Zwar beläuft sich bei die­sen Ar­beit­neh­mern - bei ei­ner durch­schnitt­li­chen Be­schäfti­gungs­zeit von nur 5,82 Jah­ren, ei­nem durch­schnitt­li­chen Ge­halt von ca. 4.114,00 Eu­ro brut­to und ei­nem Fak­tor von le­dig­lich 0,15 - die Ab­fin­dung im Schnitt le­dig­lich auf ca. 3.592,00 Eu­ro brut­to. Al­ler­dings durf­te die Ei­ni­gungs­stel­le bei den Ar­beit­neh­mern die­ser Al­ters­grup­pe an­neh­men, dass sie bes­se­re Chan­cen hin­sicht­lich ei­ner - dem Ar­beits­lo­sen­geld­be­zug fol­gen­den - An­schluss­beschäfti­gung ha­ben. Nach den An­ga­ben der Bun­des­agen­tur für Ar­beit be­trug Mit­te 2016 die durch­schnitt­li­che Ar­beits­lo­sen­dau­er der bis zu 45-jähri­gen ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mer in Ham­burg im Güter­um­schlag und in der Bau- und Trans­port­geräteführung et­wa sie­ben bis acht Mo­na­te. Da­mit be­stand bei die­ser Al­ters­grup­pe we­ni­ger die Ge­fahr, dass die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer nach dem En­de des zwölf­mo­na­ti­gen Ar­beits­lo­sen­geld­be­zugs kei­ne An­schluss­beschäfti­gung fin­den würden und da­her auf den Be­zug der Grund­si­che­rung für Ar­beitsu­chen­de nach dem SGB II an­ge­wie­sen wären. Die mit dem ver­blei­ben­den Rest­ri­si­ko ver­bun­de­nen wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le wer­den durch die Ab­fin­dungs­be­träge - trotz de­ren ge­rin­ger Höhe - ge­mil­dert.

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dd) Die Ei­ni­gungs­stel­le hat vor­lie­gend nicht ihr Re­ge­lungs­er­mes­sen über­schrit­ten, in­dem sie in § 1 Abs. 2 des So­zi­al­plans die ren­ten­na­hen Ar­beit­neh­mer - die per­so­nell der Grup­pe der über 61-Jähri­gen nach § 4 Abs. 5 des So­zi­al­plans ent­spre­chen - vollständig von Ab­fin­dungs­leis­tun­gen aus­ge­nom­men hat. An­ders als vom Be­triebs­rat an­ge­nom­men, verstößt der Aus­schluss im Streit­fall nicht ge­gen den be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nach § 75 Abs. 1 Be­trVG.

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(1) Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat ha­ben nach § 75 Abs. 1 Be­trVG darüber zu wa­chen, dass je­de Be­nach­tei­li­gung von Per­so­nen aus den in der Vor­schrift ge­nann­ten Gründen un­ter­bleibt. Die Vor­schrift enthält nicht nur ein Über­wa-

 

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chungs­ge­bot, son­dern ver­bie­tet zu­gleich Ver­ein­ba­run­gen, durch die Ar­beit­neh­mer auf­grund der dort auf­geführ­ten Merk­ma­le be­nach­tei­ligt wer­den. Der Ge­setz­ge­ber hat die in § 1 AGG ge­re­gel­ten Be­nach­tei­li­gungs­ver­bo­te in § 75 Abs. 1 Be­trVG über­nom­men. Die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung der Be­triebsan­gehöri­gen aus ei­nem in § 1 AGG ge­nann­ten Grund ist da­her nur un­ter den im AGG nor­mier­ten Vor­aus­set­zun­gen zulässig (BAG 13. Ok­to­ber 2015 - 1 AZR 853/13 - Rn. 17 mwN, BA­GE 153, 46).

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(2) Nach § 7 Abs. 1 AGG dürfen Beschäftig­te nicht we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des be­nach­tei­ligt wer­den. Be­stim­mun­gen in Ver­ein­ba­run­gen, die ge­gen die­ses Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot ver­s­toßen, sind nach § 7 Abs. 2 AGG un­wirk­sam. Der Be­griff der Be­nach­tei­li­gung be­stimmt sich nach § 3 AGG. Ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung liegt nach § 3 Abs. 1 Satz 1 AGG vor, wenn ei­ne Per­son we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des ei­ne we­ni­ger günsti­ge Be­hand­lung erfährt, als ei­ne an­de­re Per­son in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on erfährt, er­fah­ren hat oder er­fah­ren würde. Ei­ne un­mit­tel­bar auf dem Al­ter be­ru­hen­de Un­gleich­be­hand­lung kann aber nach § 10 AGG un­ter den dort ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen zulässig sein. § 10 Satz 1 und Satz 2 AGG ge­stat­ten die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Al­ters, wenn die­se ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen und durch ein le­gi­ti­mes Ziel ge­recht­fer­tigt ist und wenn die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind (BAG 9. De­zem­ber 2014 - 1 AZR 102/13 - Rn. 20, BA­GE 150, 136).

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(3) Der in § 1 Abs. 2 des So­zi­al­plans vor­ge­se­he­ne Aus­schluss der Ar­beit­neh­mer, die nach dem Aus­schei­den oder ei­nem mögli­chen Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld I ei­ne gekürz­te oder un­gekürz­te Al­ters­ren­te in An­spruch neh­men können, von den Ab­fin­dungs­leis­tun­gen be­wirkt de­ren un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters iSv. § 3 Abs. 1 AGG. Denn der Be­zug ei­ner Al­ters­ren­te ist un­trenn­bar mit dem Er­rei­chen ei­nes be­stimm­ten Al­ters ver­bun­den (vgl. EuGH 12. Ok­to­ber 2010 - C-499/08 - [An­der­sen] Rn. 23). Dem­ge­genüber führt die Re­ge­lung nicht zu ei­ner Be­nach­tei­li­gung we­gen ei­ner Be­hin­de­rung oder we­gen des Ge­schlechts, da es für die vor­zei­ti­ge In­an­spruch­nah­me ei­ner Al­ters­ren­te aus­drück­lich nicht auf die Möglich­keit des Be­zugs ei­ner Al­ters­ren­te für schwer­be­hin­der­te Men­schen oder für Frau­en an­kommt.

 

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(4) Die Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters ist je­doch nach § 10 Satz 3 Nr. 6 iVm. § 10 Satz 2 AGG ge­recht­fer­tigt.

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(a) Nach § 10 Satz 3 Nr. 6 Alt. 2 AGG können die Be­triebs­par­tei­en ua. Be­schäftig­te von den Leis­tun­gen des So­zi­al­plans aus­sch­ließen, weil die­se - ggf. nach Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld I - ren­ten­be­rech­tigt sind.

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(aa) Die Vor­schrift eröff­net ei­nen Ge­stal­tungs- und Be­ur­tei­lungs­spiel­raum, der es un­ter den in ihr be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen ermöglicht, das Le­bens­al­ter als Kri­te­ri­um für die Gewährung ei­ner So­zi­al­plan­ab­fin­dung her­an­zu­zie­hen. Nach § 10 Satz 3 Nr. 6 Alt. 2 AGG können So­zi­al­plan­leis­tun­gen ent­spre­chend ih­rer zu­kunfts­be­zo­ge­nen Aus­gleichs- und Über­brückungs­funk­ti­on bei „ren­ten­na­hen“ Ar­beit­neh­mern stärker an den tatsächlich ein­tre­ten­den wirt­schaft­li­chen Nach­tei­len, die durch den be­vor­ste­hen­den Ar­beits­platz­ver­lust und ei­ne dar­auf zurück­ge­hen­de Ar­beits­lo­sig­keit dro­hen, ori­en­tiert wer­den. Durch die­se Ge­s­tal­tungsmöglich­keit kann das An­wach­sen der Ab­fin­dungshöhe, das mit der Ver­wen­dung der Pa­ra­me­ter Be­triebs­zu­gehörig­keit und/oder Le­bens­al­ter bei der Be­mes­sung der Ab­fin­dung zwangsläufig ver­bun­den ist, bei ab­neh­men­der Schutz­bedürf­tig­keit im In­ter­es­se der Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit zu­guns­ten der jünge­ren Ar­beit­neh­mer be­grenzt wer­den (vgl. BAG 9. De­zem­ber 2014 - 1 AZR 102/13 - Rn. 22, BA­GE 150, 136).

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(bb) Der von § 10 Satz 3 Nr. 6 Alt. 2 AGG eröff­ne­ten Ge­stal­tungsmöglich­keit liegt ein le­gi­ti­mes so­zi­al­po­li­ti­sches Ziel zu­grun­de. Es ent­spricht ei­nem all­ge­mei­nen so­zi­al­po­li­ti­schen In­ter­es­se, dass So­zi­alpläne da­nach un­ter­schei­den kön­nen, wel­che wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le den Ar­beit­neh­mern dro­hen, die durch ei­ne Be­triebsände­rung ih­ren Ar­beits­platz ver­lie­ren (vgl. BAG 26. Mai 2009 - 1 AZR 198/08 - BA­GE 131, 61). Nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs der Eu­ropäischen Uni­on stellt die Gewährung ei­nes Aus­gleichs für die Zu­kunft ent­spre­chend den Bedürf­nis­sen der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer, die der Not­wen­dig­keit ei­ner ge­rech­ten Ver­tei­lung der für ei­nen So­zi­al­plan nur be­grenzt zur Ver­fügung ste­hen­den Mit­tel Rech­nung trägt, ein le­gi­ti­mes Ziel iSv. Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78/EG dar (vgl. EuGH 6. De­zem­ber 2012

 

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- C-152/11 - [Odar] Rn. 40 ff., 68; vgl. auch EuGH 19. Sep­tem­ber 2018- C-312/17 - [Be­di] Rn. 61).

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(cc) Die Aus­ge­stal­tung des durch § 10 Satz 3 Nr. 6 Alt. 2 AGG eröff­ne­ten Ge­stal­tungs- und Be­ur­tei­lungs­spiel­raums un­ter­liegt al­ler­dings ei­ner Verhält­nis-mäßig­keitsprüfung nach § 10 Satz 2 AGG. Die gewähl­te So­zi­al­plan­ge­stal­tung muss ge­eig­net sein, das mit § 10 Satz 3 Nr. 6 Alt. 2 AGG ver­folg­te Ziel tatsäch­lich zu fördern, und darf die In­ter­es­sen der be­nach­tei­lig­ten (Al­ters-)Grup­pe nicht un­verhält­nismäßig stark ver­nachlässi­gen (BAG 9. De­zem­ber 2014 - 1 AZR 102/13 - Rn. 25, BA­GE 150, 136).

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(b) Ge­mes­sen an die­sen Grundsätzen ist die in dem Aus­schluss von So­zi­al­plan­leis­tun­gen lie­gen­de un­ter­schied­li­che Be­hand­lung der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer vor­lie­gend zulässig.

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(aa) Die Vor­aus­set­zun­gen des § 10 Satz 3 Nr. 6 Alt. 2 AGG lie­gen vor. Hier­für kommt es nur dar­auf an, ob die vom Ar­beits­platz­ver­lust be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer wirt­schaft­lich ab­ge­si­chert sind, weil sie ggf. nach dem Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld ren­ten­be­rech­tigt sind. Da­mit sind nicht nur die Ar­beit­neh­mer er­fasst, die nach Ab­lauf des Ar­beits­lo­sen­geld­be­zugs ei­nen An­spruch auf Gewäh­rung ei­ner Al­ters­ren­te we­gen Er­rei­chens der Re­gel­al­ters­ren­te ha­ben, son­dern auch die­je­ni­gen, die die Möglich­keit ha­ben, ei­ne Al­ters­ren­te vor­zei­tig in An­spruch zu neh­men.

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(bb) Der Aus­schluss der ren­ten­na­hen Ar­beit­neh­mer von den gewähr­ten So­zi­al­plan­leis­tun­gen ist im Streit­fall auch an­ge­mes­sen und er­for­der­lich iSv. § 10 Satz 2 AGG.

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(aaa) Der Aus­schluss der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer von der Gewährung ei­ner Ab­fin­dung ist not­wen­dig, weil die­se an­dern­falls ent­ge­gen dem Zweck der So­zi-al­plan­leis­tun­gen über­pro­por­tio­nal begüns­tigt wor­den wären. Die Ab­fin­dungs­leis­tun­gen sol­len dem Um­stand Rech­nung tra­gen, dass jünge­re Ar­beit­neh­mer bei ei­ner über die Dau­er des Ar­beits­lo­sen­geld­be­zugs hin­aus­ge­hen­den fort­dau­ern­den Ar­beits­lo­sig­keit ty­pi­scher­wei­se auf die - be­darfs­abhängi­ge - Grund­si­che­rung für Ar­beit­su­chen­de nach dem SGB II an­ge­wie­sen sind. Die mit den So­zi-

 

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al­plan­leis­tun­gen ver­folg­te Über­brückungs­funk­ti­on be­zweckt ei­ne Mil­de­rung des hier­mit ver­bun­de­nen wirt­schaft­li­chen Nach­teils. Ei­nen ver­gleich­ba­ren Nach­teil er­lei­den die ren­ten­na­hen Ar­beit­neh­mer iSv. § 1 Abs. 2 des So­zi­al­plans nicht. Die Ei­ni­gungs­stel­le konn­te bei die­sen Ar­beit­neh­mern da­von aus­ge­hen, dass sie selbst im Fall ei­ner nach dem Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld fort­be­ste­hen­den Ar­beits­lo­sig­keit durch die Ren­ten­be­zugs­be­rech­ti­gung für die Re­gel­al­ters­ren­te und die Möglich­keit zur In­an­spruch­nah­me ei­ner vor­ge­zo­ge­nen Al­ters­ren­te aus­rei­chend wirt­schaft­lich ab­ge­si­chert sind. Ei­nen darüber hin­aus­ge­hen­den Aus­gleich der Ab­schläge für die vor­zei­ti­ge In­an­spruch­nah­me der Al­ters­ren­te muss­te die Ei­ni­gungs­stel­le an­ge­sichts der be­grenzt zur Verfügung ste­hen­den So­zi­al­plan-mit­tel und der den an­de­ren Ar­beit­neh­mern vor­aus­sicht­lich ent­ste­hen­den Nach­tei­le nicht vor­se­hen (vgl. BAG 26. März 2013 - 1 AZR 813/11 - Rn. 35, BA­GE 144, 378).

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(bbb) Der Aus­schluss der ren­ten­na­hen Ar­beit­neh­mer von den Ab­fin­dungs­leis­tun­gen ist un­ter den ge­ge­be­nen Umständen an­ge­mes­sen. Die In­ter­es­sen der vor­lie­gend be­nach­tei­lig­ten Ar­beit­neh­mer wur­den hin­rei­chend be­ach­tet. Der Aus­schluss geht auch nicht über das zur Er­rei­chung des ver­folg­ten Ziels Er­for­der­li­che hin­aus.

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(aaaa) Die durch den Ar­beits­platz­ver­lust ein­tre­ten­den Nach­tei­le, die bei Ar­beit­neh­mern nach Ab­lauf des Ar­beits­lo­sen­geld­be­zugs ein­tre­ten können, sind für die Ei­ni­gungs­stel­le bei den Ar­beit­neh­mern, die im An­schluss dar­an die Mög­lich­keit ha­ben, ei­ne Al­ters­ren­te in An­spruch zu neh­men, und bei den­je­ni­gen, die hierüber nicht verfügen, nicht in glei­chem Maße abschätz­bar. Bei den nicht ren­ten­na­hen Ar­beit­neh­mern können für die­sen Zeit­raum die durch die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ent­ste­hen­den wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le nicht si­cher pro­gnos­ti­ziert wer­den. Es ist nicht gänz­lich aus­ge­schlos­sen, dass sie auch nach dem En­de des Ar­beits­lo­sen­geld­be­zugs noch beschäfti­gungs­los sind und da­mit - ggf. länger­fris­tig - auf den Be­zug von staat­li­chen Un­terstützungs­leis­tun­gen in Form der be­darfs­abhängi­gen Grund­si­che­rung für Ar­beit­su­chen­de nach dem SGB II an­ge­wie­sen sind.

 

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(bbbb) Dem­ge­genüber verfügen die von den Ab­fin­dun­gen aus­ge­schlos­se­nen Ar­beit­neh­mer nach Ab­lauf des Ar­beits­lo­sen­geld­be­zugs über die si­che­re Mög­lich­keit, im Be­darfs­fall ei­ne von ih­ren persönli­chen Vermögens­verhält­nis­sen un­abhängi­ge Leis­tung in Form der Al­ters­ren­te in An­spruch neh­men zu können. Die Ei­ni­gungs­stel­le durf­te im Rah­men des ihr zu­ste­hen­den Be­ur­tei­lungs­spiel­raums da­von aus­ge­hen, dass die hier­von be­trof­fe­nen acht Ar­beit­neh­mer durch die Möglich­keit ei­nes sol­chen Ren­ten­be­zugs aus­rei­chend wirt­schaft­lich ab­ge­si­chert wären. Dies be­trifft nicht nur die bei­den Ar­beit­neh­mer, die nach Ab­lauf des Ar­beits­lo­sen­geld­be­zugs be­rech­tigt wa­ren, die Al­ters­ren­te we­gen Er­rei-chens der Re­gel­al­ters­gren­ze nach § 235 Abs. 2 Satz 2 SGB VI un­gekürzt zu be­zie­hen, son­dern auch die übri­gen Ar­beit­neh­mer. Zwar be­stand für die­se nur die Möglich­keit, im An­schluss an den Ar­beits­lo­sen­geld­be­zug ei­ne Al­ters­ren­te für langjährig Ver­si­cher­te nach § 236 Abs. 1 Satz 2 SGB VI vor­zei­tig - ab Voll­en­dung des 63. Le­bens­jah­res - und da­mit mit Ab­schlägen in An­spruch zu neh­men. An­ge­sichts ei­ner durch­schnitt­li­chen Beschäfti­gungs­zeit der ren­ten­na­hen Ar­beit­neh­mer von mehr als 32 Jah­ren, dem verhält­nismäßig ho­hen Ein­kom­mens­ni­veau bei der Ar­beit­ge­be­rin und dem Um­stand, dass ei­ne den An­spruch auf ei­ne Ab­fin­dung aus­sch­ließen­de Al­ters­ren­te die Erfüllung ei­ner so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen War­te­zeit von min­des­tens 35 Jah­ren vor­aus­setzt, war je­doch die Pro­gno­se ge­recht­fer­tigt, dass die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer auch bei ei­nem vor­zei­ti­gen Ren­ten­be­zug trotz der da­mit ver­bun­de­nen Ab­schläge über ei­ne hin­rei­chen­de wirt­schaft­li­che Ab­si­che­rung verfügen würden. Da - trotz stu­fen­wei­ser An­he­bung der Re­gel­al­ters­gren­ze - das durch­schnitt­li­che Ren­ten­zu-gangs­al­ter in der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung bei Männern im Jahr 2016 im­mer noch bei 63,9 Jah­ren lag (vgl. den Be­richt der Bun­des­re­gie­rung über die ge­setz­li­che Ren­ten­ver­si­che­rung, ins­be­son­de­re über die Ent­wick­lung der Ein­nah­men und Aus­ga­ben, der Nach­hal­tig­keitsrück­la­ge so­wie des je­weils er­for­der­li­chen Bei­trags­sat­zes in den künf­ti­gen 15 Ka­len­der­jah­ren gemäß § 154 Abs. 1 und 3 SGB VI - Ren­ten­ver­si­che­rungs­be­richt 2017, S. 65), be­stand zu­dem ei­ne ge­wis­se Wahr­schein­lich­keit, dass die Ar­beit­neh­mer von ih­rem Recht, die Al­ters­ren­te vor­zei­tig in An­spruch zu neh­men, auch tatsächlich Ge­brauch ma­chen würden. Ei­ne ver­gleich­ba­re Möglich­keit der Ab­si­che­rung konn­te die Ei­ni­gungs­stel­le bei den ren­ten­fer­nen Jahrgängen nicht pro­gnos­ti­zie­ren.

 

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(5) Der Durchführung ei­nes Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­rens nach Art. 267 Abs. 3 AEUV be­darf es nicht.

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(a) Die für die uni­ons­recht­li­che Rechts­la­ge maßge­ben­den Grundsätze zum Verständ­nis und zur An­wen­dung von Art. 6 Abs. 1 Satz 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG sind durch die Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs der Eu­ropäi­schen Uni­on - Ge­richts­hof - (EuGH 5. März 2009 - C-388/07 - [Age Con­cern Eng­land]; 16. Ok­to­ber 2007 - C-411/05 - [Pa­la­ci­os de la Vil­la]; 22. No­vem­ber 2005 - C-144/04 - [Man­gold]) als geklärt an­zu­se­hen; je­den­falls sind sie der­art of­fen­kun­dig, dass für ei­nen vernünf­ti­gen Zwei­fel kein Raum bleibt. Dies hat der Se­nat be­reits in sei­nen Ent­schei­dun­gen vom 23. März 2010 (- 1 AZR 832/08 - Rn. 18) und vom 26. Mai 2009 (- 1 AZR 198/08 - Rn. 41, BA­GE 131, 61) aus­führ­lich be­gründet. Da­her ist ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 Abs. 3 AEUV zur Zulässig­keit ei­ner auf dem Al­ter be­ru­hen­den Un­gleich­be­hand­lung bei So­zi­al­plan­ab­fin­dun­gen nicht ge­bo­ten. In der Rechts­sa­che Be­di vom 19. Sep­tem­ber 2018 (- C-312/17 - Rn. 64) hat der Ge­richts­hof aus­drück­lich an­ge­nom­men, dass ei­ne ta­rif­li­che Re­ge­lung, wo­nach die Zah­lung ei­ner vom Ar­beit­ge­ber gewähr­ten Über­brückungs­bei­hil­fe an Ar­beit­neh­mer en­det, wenn die­se ei­ne vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te be­zie­hen können, in An­be­tracht des Zwecks die­ser Bei­hil­fe - dem Ar­beit­neh­mer nach dem En­de sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses ei­ne frei­wil­lig gewähr­te zeit­lich be­grenz­te zusätz­li­che Un­terstützung zu leis­ten, bis er ei­nen wirt­schaft­li­chen Schutz durch ei­ne Al­ters­ren­te aus der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung er­langt - nicht un­an­ge­mes­sen ist.

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(a) Aus der Ent­schei­dung Odar vom 6. De­zem­ber 2012 (- C-152/11 -) folgt nichts Ge­gen­tei­li­ges. Der Ge­richts­hof hat le­dig­lich an­ge­nom­men, es stel­le ei­ne un­ge­mes­se­ne und da­mit nicht ge­recht­fer­tig­te Be­nach­tei­li­gung we­gen ei­ner Be­hin­de­rung dar, wenn für die Möglich­keit des Be­zugs ei­ner Al­ters­ren­te auf die vor­zei­ti­ge In­an­spruch­nah­me der - be­reits mit Voll­endung des 60. Le­bens­jah­res zu gewähren­den - Ren­te für schwer­be­hin­der­te Men­schen ab­ge­stellt wird. Im Übri­gen hat er aus­drück­lich aus­geführt, dass die Gewährung ei­nes Aus­gleichs für die Zu­kunft ent­spre­chend den Bedürf­nis­sen der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer, die der Not­wen­dig­keit ei­ner ge­rech­ten Ver­tei­lung der für ei­nen So­zi­al­plan nur be­grenzt zur Verfügung ste­hen­den Mit­tel Rech­nung trägt, ein le­gi­ti­mes Ziel

 

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iSv. Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 2 der Richt­li­nie 2000/78/EG dar­stellt (vgl. EuGH 6. De­zem­ber 2012 - C-152/11 - [Odar] Rn. 40 ff., 68).

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(c) Auch die Rechts­sa­che An­der­sen (EuGH 12. Ok­to­ber 2010 - C-499/08 -) ge­bie­tet kein an­de­res Er­geb­nis. Der Sach­ver­halt be­traf ei­ne ge­setz­lich ge­re­gel­te Leis­tung, die dar­auf ab­ziel­te, langjährig beschäftig­ten Ar­beit­neh­mern die Wie­der­ein­glie­de­rung zu ermögli­chen. Die Ab­fin­dung nach dem So­zi­al­plan hat da­ge­gen ei­ne auf Nach­teils­aus­gleich oder -mil­de­rung ge­rich­te­te wirt­schaft­li­che Ab­si­che­rungs­funk­ti­on. Zu­dem ist - an­ders als bei ei­ner ge­setz­li­chen Leis­tung - bei ei­ner So­zi­al­plan­leis­tung der Not­wen­dig­keit ei­ner ge­rech­ten Ver­tei­lung an­ge­sichts der hierfür nur be­grenzt zur Verfügung ste­hen­den Mit­tel Rech­nung zu tra­gen.

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ee) Er­folg­los macht der Be­triebs­rat gel­tend, die in § 4 Abs. 7 des So­zi­al­plans vor­ge­se­he­nen Auf­sto­ckungs­beträge sei­en nicht ge­eig­net, ei­nen mit ei­ner Schwer­be­hin­de­rung ein­her­ge­hen­den Nach­teil annähernd aus­zu­glei­chen. Die Ei­ni­gungs­stel­le hat auch in­so­weit ihr Re­ge­lungs­er­mes­sen nicht ver­letzt und das Ge­bot ei­ner Berück­sich­ti­gung der Ge­ge­ben­hei­ten des Ein­zel­falls nach § 112 Abs. 5 Satz 2 Nr. 1 Be­trVG be­ach­tet. Zu­dem ist sie auch mit Blick auf ei­ne Schwer­be­hin­de­rung nicht zu ei­nem vollständi­gen Aus­gleich der da­mit ver­bun­de­nen wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le ver­pflich­tet. An­ge­sichts der vor­ge­se­he­nen Mehr­beträge kann nicht da­von ge­spro­chen wer­den, dass die­se un­ge­eig­net wä­ren, auch nur ei­ne Mil­de­rung der be­son­de­ren Nach­tei­le im Ein­zel­fall dar­zu­s­tel­len (vgl. BAG 24. Au­gust 2004 - 1 ABR 23/03 - zu B III 2 d der Gründe, BA­GE 111, 335).

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ff) Der Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le ist nicht des­halb er­mes­sens­feh­ler­haft, weil er kei­ne Re­ge­lun­gen zur be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung enthält. Der Be­triebs­rat hat schon nicht dar­ge­legt, dass die Ar­beit­ge­be­rin den Ar­beit­neh­mern Leis­tun­gen der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung zu­ge­sagt hat­te. Un­abhängig da­von be­steht für die Ei­ni­gungs­stel­le kei­ne Pflicht, Nach­tei­le sämt­li­cher Ka­te­go­ri­en aus­zu­glei­chen (vgl. BAG 24. Au­gust 2004 - 1 ABR 23/03 - zu B III 2 e der Gründe, BA­GE 111, 335).

 

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gg) Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Be­triebs­rats war die Ei­ni­gungs­stel­le nicht ge­hal­ten, den Nach­teil aus­zu­glei­chen, der den Ar­beit­neh­mern da­durch ents­tan­den ist, dass sich in­fol­ge der ta­rif­li­chen Be­stim­mun­gen durch den Ab­schluss des So­zi­al­plans die maßge­ben­den Kündi­gungs­fris­ten auf ei­nen Mo­nat verkürz­ten. Hier­bei han­delt es sich nicht um ei­nen - im Rah­men ei­nes Ei­ni­gungs­s­tel-len­spruchs - aus­gleichsfähi­gen Nach­teil iSd. § 112 Abs. 1 Satz 2 Be­trVG, da er nicht in­fol­ge der ge­plan­ten Be­triebsände­rung, son­dern durch die Aus­ge­stal­tung der ta­rif­li­chen Re­ge­lun­gen ent­stan­den ist. Die­se knüpfen an die An­wen­dung ei­nes So­zi­al­plans an, set­zen aber nicht not­wen­di­ger­wei­se das Vor­lie­gen ei­ner so­zi­al­plan­pflich­ti­gen Be­triebsände­rung iSv. § 111 Be­trVG vor­aus.

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hh) An­ders als vom Be­triebs­rat an­ge­nom­men ist es für ei­ne Er­mes­sens­ über­schrei­tung der Ei­ni­gungs­stel­le un­er­heb­lich, ob die Ar­beit­ge­be­rin zu Be­ginn der So­zi­al­plan­ver­hand­lun­gen noch von ei­nem höhe­ren Aus­gleichs­be­darf aus­ge­gan­gen ist. Auch in­so­weit kommt es nur auf das Ver­hand­lungs­er­geb­nis - mit­hin den In­halt des Spruchs - und nicht auf den Ver­lauf der Ver­hand­lun­gen in der Ei­ni­gungs­stel­le und et­wai­ge frühe­re So­zi­al­plan­entwürfe an.

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4. Der Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le ist nicht des­halb un­wirk­sam, weil die­se den An­spruch des Be­triebs­rats auf recht­li­ches Gehör ver­letzt hätte. Ein Ver­s­toß ge­gen die­sen Ver­fah­rens­grund­satz liegt nicht vor.

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a) Das Ver­fah­ren der Ei­ni­gungs­stel­le ist ge­setz­lich nur in Grundzügen ge­ re­gelt. Das Ge­setz selbst schreibt in § 76 Abs. 3 Be­trVG le­dig­lich die münd­li­che Be­ra­tung, die Ab­stim­mung durch den Spruchkörper, den Ab­stim­mungs­mo­dus, die schrift­li­che Nie­der­le­gung und die Zu­lei­tung der Be­schlüsse vor. Da­mit ge­währt das Ei­ni­gungs­stel­len­ver­fah­ren der Ei­ni­gungs­stel­le im In­ter­es­se ei­ner ef­fek­ti­ven Sch­lich­tung ei­nen weit­ge­hen­den Frei­raum, der al­ler­dings durch all­ge­mein an­er­kann­te ele­men­ta­re Grundsätze be­grenzt ist (BAG 18. Ja­nu­ar 1994 - 1 ABR 43/93 - BA­GE 75, 261 mwN). Die­se er­ge­ben sich aus dem Rechts-staats­ge­bot des Grund­ge­set­zes (Art. 20 Abs. 1, Abs. 3 und Art. 28 Abs. 1 GG) und der Funk­ti­on der Ei­ni­gungs­stel­le als ei­ne Stel­le, die nor­ma­ti­ve Re­ge­lun­gen setzt. Zu den ele­men­ta­ren Ver­fah­ren­s­prin­zi­pi­en gehört die Gewährung recht­li­chen Gehörs. Die­ser Grund­satz ge­bie­tet es, al­len Be­tei­lig­ten der Ei­ni­gungs­s­tel-

 

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le aus­rei­chend Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me zu ge­ben und da­mit auch Lö­sungs­vor­schläge zu un­ter­brei­ten (BAG 11. Fe­bru­ar 1992 - 1 ABR 51/91 - zu B II 2 b der Gründe).

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b) Hier­ge­gen hat die Ei­ni­gungs­stel­le nicht ver­s­toßen. Der Be­triebs­rat macht le­dig­lich gel­tend, sie ha­be ei­nen von ihm be­gehr­ten Sach­verständi­gen nicht hin­zu­ge­zo­gen. Dar­in liegt kein Ver­s­toß ge­gen die von der Ei­ni­gungs­stel­le zu be­ach­ten­den ele­men­ta­ren Ver­fah­rens­grundsätze. Ei­ne dar­in - aus Sicht des Be­triebs­rats - lie­gen­de man­geln­de Sach­aufklärung kann er nicht iso­liert gel­tend ma­chen (vgl. be­reits BAG 29. Ja­nu­ar 2002 - 1 ABR 18/01 - zu B I 2 c bb der Gründe, BA­GE 100, 239).

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K. Schmidt

Rinck 

Ah­rendt

H. Schwit­zer 

Ben­rath

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